Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Stefan Großmann >

Die Partei

Stefan Großmann: Die Partei - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Partei
authorStefan Großmann
year1919
firstpub1919
publisherUllstein und Co
addressBerlin-Wien
titleDie Partei
pages382
created20131027
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Erster Teil

Erstes Kapitel

Verachtet mir die Glockengasse nicht!

Ich weiß wohl, es ist eine trübe, freudlose Gasse, in ganz Wien ist keine, die sich so quälend ins Gemüt und in die Träume legt. Wenn sie noch eine rechtschaffene schwarze, kasernenhohe Proletariergasse wäre! Aber es ist die Gasse der Gecken der Armut, der Modedamen der Powerte. Hier wohnen Hausierer, deren Töchter heimlich Kreuzer auf Kreuzer legen, um drei Tage in einem protzigen Sommerbad, als »Reiche« verkleidet, zubringen zu können, hier wohnen abgemagerte Beamte mit fünf oder sechs grünbleichen Kindern, die aber Sonntags Matrosenanzüge mit großen weißen Kragen tragen müssen, hier wohnen im ersten Stock Börsianer, die zwei Winter lang reich sind und den armen Verwandten um die Ecke zeigen wollen, daß sie jetzt eine Französin zu den Kindern halten und ihnen Raketts und Tennisbälle geben, mit denen die Töchter ausgehen, obwohl es weit und breit kein Stückchen Rasen gibt. Hier wird vor den offenen Läden halbfaules Obst, von Staub und Großstadtschmutz geschwärzt, auf die Gasse gebreitet, für sehnsüchtig greifende Kinder. Dies alles ist aber noch nicht das eigentliche Leben dieser Gasse. Das wagt sich erst am Abend hervor, wenn die Bürger schon um die verschnörkelte 8 Petroleumlampe sitzen, dann kriecht es aus hundert kleinen Toren heraus, verwüstete Geschöpfe in grellen Kleidern, stumpfe gewerbsmäßige Schänderinnen der Lebensfreude, die Armseligsten und drum die Grellsten.

Dennoch, verachtet mir die Glockengasse nicht! Es gärt in dieser schwarzen, dicken Luft, es schlummert ein gieriger Wille in diesen Verstecken! Hier vielleicht wird der nächste Erlöser geboren . . .

Zwischen halb acht und halb neun Uhr abends ist die Glockengasse durchwogt von heimkehrenden Kommis und billig aufgeputzten Ladenmädchen, von matt nach Hause schleichenden Hausierern und Agenten, von böhmischen Dienstmädchen, die das große Betäubungsmittel »Bier« holen, und von lungernden Soldaten, die die schlampig leicht gekleideten Mädchen unterm Haustor rasch um die Brüste fassen.

Durch diese Gasse läuft an lauem Abend der kleine krummbeinige Handlungsgehilfe Leopold Weiner. Man sieht es ihm an, daß er es furchtbar eilig hat, er ist nicht gut zu Fuß, aber er schiebt sich durchs Gedränge. Zuweilen drängt er einen bedächtigen, alten Bewohner der Glockengasse, der seiner Frau eben erklärt, daß das Geschäft nicht gehen kann, weil die Kosten für die Reklame . . . »pardon« brummt Weiner und drängt das passive Geschäft zur Seite. Von Zeit zu Zeit fängt er den einladenden Blick einer grell Geputzten auf, aber sein Kopf dreht sich im Nu hastig weg, wie wenn er sagen wollte: Zu dumm, daß ihr mich fragt! Heute! Heute! An diesem Abend!!

9 Sechs Minuten nach acht Uhr ist er droben in der Wohnung des alten Weiner, Glockengasse 43, vierter Stock, Tür achtunddreißig.

Auf der Stiege noch keucht er: »Ist das Nachtmahl fertig?«

Die alte Mutter läuft schon in die Küche: »No, no, no, gar so eilig hast du's?«

»War Herr Schiller da?«

»Er wird sich feineren Umgang wissen,« brummt der Vater, der, wahrscheinlich krank, im Bett liegt. Väter sind zuweilen ungläubig . . .

Da läutet es. Herein läuft, wie ein kleiner Spitz, ehe noch die Tür recht offen ist, schon mitten im Zimmer, der kleine zapplige Aron Runtz, Bücheragent, ganz besonders für Meyers Konversationslexikon, das seine Beredsamkeit in hundert Glockengassenwohnungen geschmuggelt hat.

»Was ist?« zappelt Runtz, »wir kommen zu spät! Doktor Schauer redet! Was glaubst du, was für ein Gedräng' sein wird! Und die Zionisten wollen sprengen!«

Der kleine Weiner ißt mit vollen Backen. Könnte man das Dreifache hinunterschlingen, um dreifach schneller wegzukommen!

»Ersticken wirst du noch wegen diesem Doktor Schauer,« brummt die Stimme aus dem Krankenbett.

»Laß dir Zeit, Poldi,« mahnt die Mutter, »Essen ist wichtiger wie Sozialismus.«

Aber da steht Leopold schon auf, einen großen Bissen noch im Mund, so daß sein »Guten Abend« unverständlich 10 klingt, reißt Hut und Stecken aus der Ecke und ist schon hinter Runtz, der über die Treppe fliegt, davon.

Die väterliche Stimme murrt ihm nach: »Wenn du nach Elf kommst, kannst du anderswo schlafen.«

Ganz anders sieht die Glockengasse heute aus. Sind das nur die großen roten Plakate an den schwarzgrauen Mauern, die zu der großen Wählerversammlung einladen? Ist die schäbig-elegante Glockengasse plötzlich simple Volksgasse geworden? Neben Handelsleuten, Huren, Kommis, Schneidermamsells, Dienstmädchen, Gewerbeschülern gehen heute auch Arbeiter, große christliche Metallarbeiter, kleine magere Schustergesellen, Trupps von geschwärzten Fabriksproletariern und dazu auffällig viel über die ganze Gasse verstreute Polizisten mit blitzenden Helmen.

In den Saal »Bei der weißen Gans« einzudringen, ist fast unmöglich. Kopf an Kopf gepreßt stehen hier die Massen. Alle Fenster sind den stillstehenden Sommerlüften geöffnet, und doch liegt eine dicke Wolke von Rauch und Staub über dem Menschengewirr. Die sechs hohen Türen des großen Saales in den Hof sind weit offen, als sehnte sich der heiße Saal nach einem eindringenden Windstoß. Die Menschen drinnen scheinen festgenagelt. Keiner weicht aus dem Gedränge. Der Zugang von der Straße ist längst abgesperrt.

»Schade,« flüstert Weiner auf der Gasse, »da können wir wieder nach Hause gehen.«

»Lächerlich!« sagt Runtz. »Du kannst ja gehen. Ich komm' hinein.«

11 Plötzlich ist Runtz vor ihm. Er schleicht auf einem Umweg durch eine sauer riechende Kammer in die Wirtshausküche und in den Hof, Weiner tappt nach.

Jetzt stehen sie in dem gepflasterten Hof vor einer der sechs offenen Türen, aber tausend Köpfe versperren die Aussicht. Kaum einen Winkel des Saals kann man von draußen übersehen, nur Köpfe, Köpfe! Plötzlich fühlt sich Weiner am Ärmel gezogen. Vor ihm geht Runtz und – ein Spalier öffnet sich! Runtz hat den Leuten etwas zugeflüstert, und so weichen sie erst ungern, dann bereitwillig zur Seite. »Bitte, Platz machen!« ruft ein Arbeiter dem vor ihm Stehenden zu. Jetzt sind sie, geschoben und gehoben, mitten im Saal. Drei Tische trennen sie von der hölzernen Rednertribüne. Dort oben steht ein Tisch mit einem hellroten Tischtuch und wartet. Drei Sessel sind ihm in die Seiten geschoben, und ihre Beine stoßen sich am Gerüst des Tisches.

Runtz grinst zu Weiner hinüber, als wenn er fragte: Na, bin ich ein Kerl? Was sagst du?

Weiner ist noch ängstlich: »Wie hast du das gemacht?«

Da kichert Runtz und lacht ihm ins Ohr: »Ich hab' gesagt, ich hab' eine wichtige Post für Doktor Schauer!«

»Wenn er dich aber wirklich fragt?«

»Nu, sag' ich ihm, wir sind da, Runtz und Weiner! Post genug! Übrigens kennt er mich ja.«

Gleich darauf grüßt Runtz mit auffälligem Schwung einen mageren, ältlichen Herrn, der weit drüben an eine Glaswand gelehnt steht. Ein etwas zögerndes Kopfnicken antwortet Runtz: Wer bist du eigentlich?

12 Weiner beugt sich zu Runtz: »Wer ist der, den du gegrüßt hast?«

Runtz ist beinahe empört: »Du kennst Doktor Schauer nicht einmal?«

Weiner schämt sich. Nein, er hat den kleinen Mann nicht gleich erkannt, der mit seinen großen bebrillten Augen leidenschaftlich Umschau hält, als wollte er sich einbohren in diese Gesichter.

Im Saal brummt es, es summt und grölt, es klopft auf den Boden, kichert, wird ungeduldig, zischelt, beruhigt sich wieder. Die Rauchwolke hängt dicht über den Tischen, Strömungen schlechter Dünste fliehen zu den offenen Türen.

Jetzt steigt ein vierschrötiger schwerer Mensch auf das hölzerne Podium. Das ächzt und kracht unter seiner Masse.

»Der Abgeordnete Hudalek,« flüstert Runtz, »ein großartiger Taktiker, auch ein alter Bekannter von mir.« Dann schmettert er frech in den Saal: »Bravo, Hudalek!«

Der feiste Mensch da droben beachtet kaum den Ruf, schwenkt eine schrille Glocke, und dies bißchen heller Klang erzeugt Ruhe bis in den letzten Winkel. Nachdem es leidlich ruhig geworden, klopft er mit einem Wirtshausmesser an ein Glas, räuspert sich und fängt mit etwas zu hoher Stimme an: »Meine Herren! Indem wir uns heute hier versammelt haben, geschieht es zu dem Zwecke . . .«

In diesem Augenblick hört Weiner seinen Namen rufen. Es ist Schiller.

»Du sollst zu Doktor Schauer kommen. Ich war heute schon in deiner Wohnung, er will dich kennenlernen.«

13 Die Leute kennen den langen blonden Menschen: »Guten Abend, Genosse Schiller,« und sie machen ihm und dem aufgeregt hinterdrein marschierenden Weiner bereitwillig Platz.

»Pardon,« sagt hinter ihnen Runtz, »lassen Sie mich auch gefälligst durch, wir müssen zu Doktor Schauer.«

Neben dem großen Saal, durch eine milchige Glaswand getrennt, ist ein kleines Zimmer. Hier wechseln sonst Volkssänger ihr Kostüm, hier bereitet der bekannte Zauberer Terallini seine verblüffenden Kunststücke vor, hier zieht sonst die Soubrette Mizzi Pizzi ihre Rauschröckchen an.

Eine Dame in einem eng um die Figur geschmiegten dünnen Kleid schnuppert jetzt an den Wänden, die mit Photographien der Künstler überhängt sind, herum.

»Da bring' ich Ihnen den Macher und Beherrscher des zweiten Bezirkes,« sagt Schiller und stellt Weiner dem Doktor Schauer vor.

»Setzen Sie sich ein bissel zu uns, lieber Weiner, Sie werden die Genüsse wohl schon kennen, die Ihnen dort vor der Glaswand geboten werden . . . Und was wünschen Sie? Mit wem hab' ich das Vergnügen?«

»Ich?« sagt Runtz, ganz erstaunt, daß er sich erst vorstellen muß, »ich heiße Runtz und bin mit meinem Freund gekommen.«

»Ja, das ist mein Freund Runtz,« sagt Weiner leicht errötend und blickt unwillkürlich zu der schlanken Dame, die dort hinten herumsteigt.

Schauer bemerkt Weiners Blick:

»Das ist meine Frau.«

14 Merkwürdig, denkt Weiner, während er in das schmale Gesicht des Führers schaut, wie alt er aussieht, und er ist doch kaum Vierzig. Das macht die Magerkeit, die Glatze; nur die Augen – die Augen sind lebendig.

Schauer hat zwei Blicke, einen scharfen, bohrenden Blick durch den Kneifer und dann, gewissermaßen zur Versöhnung, einen unsicheren, wärmeren Blick über den Kneifer hinweg. Jetzt sieht er Weiner mit dem scharfen Blick an:

»Sie sollen mir sagen, wie die Aussichten hier stehen, ich höre ja, daß Sie die beiden letzten Wahlen gemacht haben, Sie kennen also den Bezirk, Sie kennen unsere Leute.«

Weiner möchte jetzt am liebsten seinen Kopf öffnen und seine Wissenschaft förmlich auf einen Haufen vor dem Führer ausbreiten. Es fällt ihm so viel ein, daß er zu stottern anfängt und schließlich seufzt: »Das ist hier kein Arbeiterbezirk, das ist ein Judenbezirk.«

Draußen im Saal ist plötzlich ein Toben, Kreischen, Brüllen, Zischen ausgebrochen. Die Scheiben an der Glaswand zittern . . .

»Schauen Sie nach, was los ist, Schiller.«

Frau Schauer, Schiller, Runtz verschwinden.

Schauer sitzt nun allein mit dem kleinen Weiner da, er nimmt den Kneifer ab, seine Augen sehen jetzt gar nicht lebendig, sondern ganz müde und unsicher drein, sein schmales Gesicht ist abgehetzt, und in der Art, wie er seine magere Hand langsam über das knochige Gesicht zieht, liegt viel Müdigkeit.

15 »Da soll ich kandidieren? . . . Ich hab' es nicht so eilig, ich kann noch ein paar Jahre warten. Wenn's wenigstens eine sichere Sache wäre.«

Weiner lächelt bescheiden: »Sicher?«

Das Geheul, Gelächter, Wutgeschrei vor der Glaswand wird noch toller. Weiner steht unwillkürlich auf, öffnet die Glastür, guckt eine Sekunde zur Tribüne und schließt die Tür sogleich wieder.

»Ah, den kenne ich . . . Das ist ein Jüdischnationaler, ein hysterischer Mensch, wenn der redet, werden sie immer aufgeregt.«

Schauer zwinkert ihn mit freundlichen Augen an: »Gewöhnlich aber sind Sie dabei . . . Na, lassen Sie sich nicht stören, ich sehe ja, Sie zappeln danach.«

»O nein . . . Wenn ich Sie nur bewegen könnte, hier zu kandidieren!«

Schauer geht auf und ab.

»Nein, je ärger dieser Lärm wird, desto deutlicher spür' ich es: Nein! Die Aufregungen der Juden lassen mich kalt. Es ist merkwürdig. Ein Knopfdrechsler, der stumm seine Arbeit besorgt, kann mich aufreizen, ein junges Proletarierweib macht mich beredt, aber dieses Geschrei von Leuten, die wahrscheinlich auch allen Grund haben, zu schreien – merkwürdig, da drück' ich mich am liebsten.«

Schiller kommt lachend herein. »Doktor Schauer, Sie werden aufgefordert, die Juden schleunigst nach Palästina zu führen.«

16 Der Abgeordnete Stransky wird vom Vorsitzenden Hudalek mit der Aufforderung hereingeschickt, einer der Herren müsse jetzt reden.

»Sie selbst, Stransky.«

Stransky sagt »Nein«, er öffnet die Ledertasche, die er immer bei sich trägt, und sagt, bedächtig in seinen Papieren kramend: »Nein, ich bin nicht der geeignete Mann für diese Versammlung, aber ich kann dem, der jetzt reden wird, meinen Antrag auf Errichtung jüdischer Volksschulen, den ich im Abgeordnetenhaus am 17. Februar eingebracht habe . . .«

Schauer schneidet ihm den Satz ab:

»Ich bin auch nicht der Richtige!« Er tritt auf Schiller zu, legt ihm die Hand auf die Schulter und sagt: »Das sind natürlich Sie!«

»Ich möchte Sie gern einmal reden hören,« sagt Frau Schauer. Ihre weißen Hände zerren an Schillers Rock.

Runtz steht neben ihr und starrt auf ihre blinkenden Lackstiefelchen und auf die lichtbraunen spinndünnen Strümpfe.

Schauer sagt: »Lieber Schiller, aber nicht lyrisch!«

Sie umdrängen Schiller und drängen ihn hinaus.

Weiner bleibt neben Schauer sitzen, aber sein treu aufschauender Hundeblick fragt deutlich: Sollen wir noch hier bleiben?

Sofort steht Schauer auf:

»Kommen Sie nur, ich will Sie nicht um das Vergnügen bringen, hören wir uns den Schiller an . . . der ist noch nicht lang bei diesem Geschäft, der wird vielleicht eine neue Walze bringen.«

17 Alle treten vor die Glaswand in den Saal.

Die Leute grüßen Schauer.

Runtz schreit plötzlich: »Hoch Schauer!« Das steckt an, es knattert nur so, die Hochrufe prasseln über Schauer. Der tritt an Runtz ganz nahe heran, seine funkelnden Augen vergrößern sich drohend, er zischt dem Hochrufer zu: »Glauben Sie, daß ich Ihr Hauskomiker bin? Was unterstehen Sie sich?« Und zu den anderen um ihn herum, die noch hochrufen, wirft er eine unwillige Gebärde der Hand, ein zorniges Abwinken, ein verdrossenes Kopfschütteln: »Laßt doch solche Scherze!«

Schiller steht schon auf der Tribüne.

Er hat die Hände tief in die Rocktaschen vergraben und wartet, daß es stille wird.

Schauer flüstert seiner Frau ins Ohr: »Schon wegen seiner Blondheit ist er wertvoll.«

Frau Dora lächelt.

Schiller beginnt ganz ruhig und gleichmütig zu reden:

»Ich begreife den Ton meines Vorredners, ich verstehe ihn, aber ich bedauere ihn. Ich frage Sie, die jüdischen Mitbürger, kann es nicht sein, daß eine eigentümliche Täuschung Sie befällt, wenn Sie von Ihrer verlorenen Heimat reden? Sie sprechen von Palästina und, wenn Sie dazu die Augen schließen, malen Sie sich dazu unwillkürlich den Kahlenberg, den Wienerwald und nicht das verwüstete Kleinasien. Sie sprechen vom Jordan und denken unwillkürlich an das Weinland, durch das die Donau fließt. Tiefer, als Sie glauben, sitzt diese Heimat schon in Ihrem Kopf! Überlegen Sie doch, 18 wer sagt Ihnen mehr: Goethe oder Jehuda ben Halevy? Die Gesänge des Kantors oder Schuberts Lieder? Und wenn Sie Ihre Sehnsucht nach der Heimat in Worte fassen, sind diese Worte hebräisch oder deutsch?«

Aus dem Hintergrund schreit einer: »Jiddisch!« Schiller wartet gleichmütig, bis sich das Gelächter verliert.

»Ich weiß nicht, wie Ihre Häuser in Palästina aussehen werden. Aber ich bin heute durch die Glockengasse gegangen, ich habe diese schwarze, lichtlose Gasse gefühlt, ich habe den beklemmenden Atem dieses Sommerabends gespürt, ich habe in diesen fünfstockhohen Höfen den Himmel gesucht, in diesen Gassen, wo die Luft stillsteht und die Brust schwer atmet, und ich habe mir gesagt: Hier kann man nicht leben! Heraus aus dieser Stickluft! Frische Luft, Sonne, grüne Welt!« Seine Stimme hat Kraft bekommen. Jetzt schreien ihm tausend Aufgeregte zu. Er muß innehalten, er sieht tausend klatschende Hände vor sich, aber bei dem ersten Tisch vor der Tribüne nagt einer mit gierigem Gebiß an einem Gänseknochen.

Weiner zittert: das verbessert unsere Chancen! Runtz applaudiert mit hochgehobenen Händen – vielleicht bemerkt ihn Schiller – und der kleine Weiner steht da mit offenem Mund, in seinen Augen flimmert's: Der hat's gesagt!

Nach dem Applaus redet Schiller wieder ganz ruhig: »Aber die Zeit ist vorbei, da man geduldig wie in Ägypten warten konnte, bis der große Moses käme und ins Gelobte Land führe. Sie müssen sich selbst aus der Glockengasse herauskämpfen! Herausschlagen! Ach, hören Sie nicht auf 19 die traurigen Propheten! Lernen Sie Krieg führen, den Krieg der Massen, den Krieg gemeinsam mit uns, mit dem ganzen Volke, das wie Sie in schwarzen Gassen schmachtet!« Wieder schreit der ganze Saal auf, aber der bei dem ersten Tisch nagt noch immer an seinem Knochen. Etwas jäh, unerwartet, nicht mit dem richtigen Schwung schließt Schiller. Sein Schlußwort richtete sich an die Arbeiter. Ein Singen, wie im Takt, geht durch den Saal, ein Rufen von allen Seiten, ein tosendes Schreien, alles drängt um den Tisch der Tribüne, wo der kleine Mann mit den großen Augen sitzt. »Hoch Schauer! Hooch! Hoooch!« Aber der wehrt verdrossen ab nach allen Seiten, als wollte er sagen: Zu dumm, ihr werdet doch kein Geschrei für mich machen? Jetzt steigt Schiller herunter. Schauer drückt ihm fest die Hand: »Na ja, nur ein bissel zu poetisch.«

»Und dabei hat mich einer mit seinem Gänseknochen ganz aus der Stimmung gebracht.«

»Stimmung?« sagt Schauer mit Kopfschütteln. »Was hör' ich da: Stimmung? Das müssen Sie sich abgewöhnen!«

Inzwischen beruhigen sich die Leute. Es ist erstickend heiß im Saal, die dicke Rauchwolke liegt schon über den Köpfen.

»Wünscht noch jemand das Wort?«

Ja, der blasse schiefschultrige Redner kehrt wieder.

»O je,« brummen viele, »gehen wir«; andere aus dem Saalgrund applaudieren. »Lauter!«

»Ich verstehe,« sagte der Blasse, »daß Sie, die Christen, dem Vorredner zugestimmt haben. Aber gibt es einen Juden im Saale, der . . .«

20 »Hunderte,« schreit ihm Runtz zu, allgemeines Gelächter klatscht los.

»Ich meine keinen engagierten Führer, keinen abgestempelten, sondern einen Menschen der Arbeit, einen einfachen Juden . . .«

In diesem Augenblick drängt der kleine Leopold Weiner an das Podium. Er weiß es selbst nicht, wie er plötzlich vorwärts gekommen ist, aber auf einmal steht er vor der Tribüne, zitternd am ganzen Leib, und schreit wie verrückt: »Das ist gemein!« Am liebsten möchte er hinauf und diesen Irreführer herunterstoßen. Aber Weiner beherrscht sich, steht da, die Lippen werden ihm weiß, und er ruft immer wieder mit bebendem Mund: »Das Wort über die Führer ist gemein! Das ist gemein!«

Ein wildes Drängen zur Tribüne. »Gemein! Gemein!« Aus dem Saalgrund kreischt jemand: »Reden lassen.« Einige beginnen zu singen, Hudalek läutet wie toll, aus dem Saalgrund kreischt es am schrillsten: »Pfui, pfui, Redefreiheit . . .« Die von hinten drängen nach vorn. Tische fallen, Sessel krachen.

Doktor Schauer steigt auf die Tribüne, redet auf den Blassen still ein, vergebens, ein irrsinniges Durcheinanderschreien und -singen, ein Streiten von Tisch zu Tisch, Beleidigungen, Drohungen, Besänftigungen, dazwischen aufreizendes Lachen der Neugierigen.

»Wer hat da Gemeinheit gerufen?« brüllt ein Aufgeregter.

»Ich!«

»Dafür verdienen Sie ein paar Ohrfeigen!«

21 Weiner will antworten, da steht Doktor Schauer neben ihm und winkt ihm lächelnd: »Laß . . .«

»Es hat keinen Sinn, sich aufzuregen,« sagt Weiner plötzlich ganz besänftigt.

»Natürlich! Ruhe! Ruhe!« Schauer sieht ihn an mit seinen großen Augen. Etwas gefällt ihm an dem armen Aufgeregten, etwas Glühendes und doch Beherrschtes, etwas Ergebenes.

»Wir sind miteinander nicht zu Ende gekommen.«

Weiner stottert beglückt: ». . . Wann Sie wollen.«

»Kommen Sie doch morgen zu mir in die Redaktion, vielleicht . . .« Der Satz wird nicht fertig, eben ist hinten im wüsten Lärm ein Tisch umgefallen. Plötzlich wird gepfiffen, mit Fingern im Mund ohrzerreißend gepfiffen, und da sieht Schauer schon an den großen Saaltüren die ersten Pickelhauben. Die Polizisten stürmen in den Saal, an ihrer Spitze ein junger Kommissär, der mit gezogenem Säbel und energiestrotzendem Gesichtchen, ein Napoleon der Glockengasse, einzieht . . . Er schreit ununterbrochen: »Im Namen Seiner Majestät . . . auseinander!« Jedesmal umbrüllt ihn ein Hohngelächter. Das stachelt seine Erobererkühnheit erst recht auf, er gibt der Wache den Auftrag, vom Leder zu ziehen, und nun rennt die Menge, Tische und Stühle purzeln krachend, fliehend zu den Türen.

Der Saal wird leer.

»Im Namen Seiner Majestät . . . Auseinander!«

Beim Referententisch stehen ruhig Schauer, Schiller, Weiner, Hudalek.

22 »Wie putzig der kleine Feldherr ist,« sagt Schauer gemütlich.

»Im Namen Seiner Majestät . . .,« brüllt der aufgeregte Kommissär vor ihnen.

»Sie versprechen sich die ganze Zeit, Herr Kommissär,« sagt Schauer im allerfreundlichsten Ton. »Ihre Formel lautet: Im Namen des Gesetzes! . . . Strapazieren Sie die Majestät nicht unnötig.«


Um halb Eins kommt Weiner nach Hause. Er hat etwas ganz Großes erlebt. Schiller, sein Schulkollege, sein Freund, hat gesprochen, und er, er darf Schauer in der Redaktion besuchen. Gott weiß, was dieses »Vielleicht« bedeutet . . .

Lange muß Weiner auf dem finsteren Gang des vierten Stocks der Glockengasse Nummer 43 stehen, ehe ihm endlich der Vater öffnet.

»Halb Eins! Kommt man jetzt nach Hause?«

Eine Ohrfeige brennt dem Jungen im Gesicht. Leopold sagt gar nichts, er hat es fast nicht gefühlt. Ganz still entkleidet er sich im Dunkeln. 23


 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.