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Die Partei

Stefan Großmann: Die Partei - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Partei
authorStefan Großmann
year1919
firstpub1919
publisherUllstein und Co
addressBerlin-Wien
titleDie Partei
pages382
created20131027
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dritter Teil

Erstes Kapitel

Es gibt Zeiten, in denen man das Wort »ich« nicht sagen, nicht denken darf. Es gibt Räusche der Gemeinsamkeit, die man nicht nüchtern, nur als Zuschauer, mitmachen darf! Weh dem, der in solchen trunkenen Wochen an seine Einzelheit und Ichheit denkt! Er wird saftlos und dürr und stirbt ab! Nichts Beseligenderes hingegen als dieses Untertauchen in einem »Wir« . . . Aufgehen in einem gemeinsamen Berauschtwerden, wenn man sich vorgenommen hat: »Ich will mich vergessen« – das ist eine trübe Betäubung, aber in aller Ahnungslosigkeit von einer Idee beschwipst und betrunken werden und sich dabei noch für musterhaft nüchtern halten, das ist herrlich. Gegen solche Räusche kommt Lebensnot und Lebensgrausamkeit nicht auf. Die gemeine Not, der nackte Hunger, eiserne Richter, das Spötteln der Zweifler bedrohen den selig Gläubigen, aber was lacht der Ideenberauschte für ein überirdisches Lachen? »Wir« sind ja unbesiegbar, »uns« schöpft keiner aus, wir wachsen nach in jeder warmen Nacht: wir, die etwas anderes sind als nur hunderttausend arme Ich . . .


Gustav Schiller sitzt an einem Herbstabend in Venedig in der Halle eines pompösen Hotels, Dora ist oben auf dem Zimmer und kleidet sich um.

206 Es regnet draußen.

In der Halle laufen geputzte Kinder herum, Engländer liegen, die Pfeife zwischen den Zähnen, in den niedrigen Lederstühlen, deutsche Hochzeitspärchen schwätzen in den entlegenen Nischen.

Das war Italien, sagt sich Schiller, das waren die Uffizien, von denen Dora so oft geredet hat, aber ich erinnere mich nur mehr an ein einziges Bild, an Michelangelos Selbstbildnis, an diesen alten Mann im Dunkel, mit seinem absolut durchdringenden Blick, den ich schon einmal irgendwo gesehen habe, in einer kleinen, menschenvollen Bezirkskanzlei . . . Gestern abend sind wir in einer schwarzen Gondel durch den Kanal gefahren, ganz so wie Dora es nachts in dem leeren Café Monopol prophezeit hatte. Da sitzt man in dieser schwarzausgeschlagenen Kajüte und hört klipp, klapp den monotonen Takt der Ruderschläge. Aber plötzlich, während ich ganz im Dunkel liege, mitten in Venedig, sehe ich vor mir die Redaktion der Volkszeitung, die Zeitungsstöße auf den Regalen, die überladenen Schreibtische, und in diesem Augenblick ist auch Dora nicht in Venedig. Irgendwas hat uns fortgetragen, denn sie sagt: »Schreiben wir später Wisgrill eine Ansichtskarte . . .«

Der Zeitungsjunge, der durch die Halle läuft, bleibt bei Schillers Tisch stehen. Wiener Zeitungen, die erste seit Monaten! Er nimmt sie in die Hand und liest auf der zweiten Seite in großen Lettern: Schauer verhaftet!

Etwas rauscht hinter Schiller: Dora.

Schnell die Zeitung in die Tasche.

207 Dora kommt in einem hellgrünen Tüllkleid, ihr braunrotes Haar, zu einer Krone aufgesteckt, flimmert im Lichte der venezianischen Lüster. Behutsam, das grüne Kleid mit einer streichelnden Bewegung ausbreitend, fragt sie, während sie Platz nimmt: »Was Neues?«

»Nichts.«

»Du bist schlecht gelaunt.«

»Gar nicht.«

»Sehr entzückt bist du nicht, daß ich zurückkam.«

»Bist du sicher nur zu mir gekommen?«

»Warum hast du keinen schwarzen Rock angezogen? Du hast mir versprochen, bis zum Schluß dich anständig anzuziehen!«

Schiller steht auf: »Muß ich?«

»Ja.«

Das lichtgrüne Kleid hat Neugierige angelockt, die wie zufällig vorbeigehen.

Schiller fährt mit dem Lift hinauf. Gott sei Dank, denkt er, wenigstens eine Viertelstunde allein! Droben in seinem Zimmer setzt er sich ans Fenster, nimmt die Wiener Zeitung wieder hervor, liest den Artikel über Schauers Verhaftung Zeile für Zeile: große Demonstrationen vor dem Landesgericht, Beschimpfungen der Polizei, Hubers vierte Arretierung, eine Deputation beim Ministerpräsidenten, Militär in Bereitschaft, für heute werden größere Ausschreitungen befürchtet . . .

Das Zimmertelephon schrillt.

»Die gnädige Frau läßt sagen, daß sie drunten wartet.«

Er nimmt den Smoking aus dem Kasten, durchaus nicht 208 rasch, sondern zögernd, widerwillig: er haßt diese fade Uniform des Wohlstandes. Die Zeitung steckt er zu sich.

Unten empfängt ihn Dora mit zürnendem Mund: »Weißt du, daß du schon anfängst rücksichtslos zu werden?«

»Verzeih, mir kam eine Wiener Zeitung in die Hand, es geht drunter und drüber in Wien.« Wenn sie jetzt fragt, so will ich es ihr erzählen.

»Ach, du liest schon Wiener Zeitungen?« Das ist alles. Keine Frage über Wien. Ich Esel hatte das Blatt für sie mitgenommen.

Sie treten in den großen weißen Saal. Zweitausend Glühlampen brennen hier, strahlende Lichtketten an der Decke, rotverhängte Lampen an den dichtbesetzten Tischchen.

Die Herren, die mit ihren Damen vorübergehen, müssen bei Schillers Tisch, weil hier der Durchgang enger wird, die Damen vorlassen. Keiner, der in diesem Moment nicht einen schnellen, zusammenraffenden Blick auf Doras tüllgrün verhüllte Büste wirft. Die rotbraune Krone ihrer Haare leuchtet.

»Spielt die Kapelle nicht ganz hübsch? Es müssen schon Wiener Geiger sein!« sagt Dora animiert.

»Entsetzliches Potpourri,« brummt er, »daß die reichen Leute immer zerstreut werden müssen!«

»Ach so,« sagt Dora lächelnd, »du hast heute schon einen antikapitalistischen Tag?«

Schiller antwortet nicht. Er denkt: Ich könnte dir jetzt sagen, daß Schauer auf einer Pritsche im Untersuchungsgefängnis liegt!

209 »Na, tröste dich . . .« Dora hält einen Augenblick inne, denn ein perlenübersäter Busen und dann ein breiter Mann im Frack, wahrhaftig, würdiger als Hudalek, winden sich jetzt vorbei . . . »tröste dich, in vier Tagen beginnt unsere proletarische Wirklichkeit. Ich glaube, du bist schon drin, du redest ja kein frohes Wort mehr, schon gestern, bei der Kanalfahrt warst du fort von mir. Hast du Sorgen?«

Und sie flüstert kichernd hinter der Serviette: »Haben wir noch hundert Kronen?«

Schiller sieht sich verstohlen um, zählt nach, während er denkt: wie die Hochstapler!

»Hundertsiebzig,« sagt er kurz.

»Da sind wir ja reich . . . da können wir noch zwei Tage hierbleiben.«

»Nein,« er fühlt, daß sein Ton zu hart war: »Bitte, nein!«

Doras Augen werden groß: »Du hast genug! Sag's nur!«

»Dora! Sei gescheit. Ich habe versucht, in diesen paar Monaten nicht an das zu denken, was jetzt kommen wird, ich bin mitmarschiert durch diese pompösen Hotels, um einmal die Welt ohne diese verdammten sozialen Regungen anzuschauen und einfach mich zu freuen. Aber jetzt möcht' ich am liebsten keinen langsamen Übergang, sondern sofort hineinspringen in meine andere, in die richtige Welt! In zwei Stunden daheim sein, das wär' das beste!«

Dora sieht sich um. Sie fühlt: zehntausend Lichter und Spitzen, rauschende Toiletten, Kellner im Frack, Herren im Smoking, die ihren Schritt verlangsamen und die Blicke auf sie senken, wenn sie an ihr vorübergehen, das Gezischel der 210 neidischen Damen, die Musik von draußen, die hundert nachfolgenden Blicke, wenn sie aufsteht und im fließenden Grün langsam an allen vorüberschwebt.

»Laß mich allein hier.«

In diesem Moment denkt Schiller ganz deutlich: O ja, das wär' das beste.

Da sagt Dora, während ihre Hand zärtlich über seine huscht: »Ich bin gemein.«

Wenn du wüßtest! denkt Schiller, wie gelassen ich das jetzt konstatiere.

Dora wird ganz sanft: »Fahren wir morgen, wenn du willst.«

Dann sitzen sie noch eine Weile draußen in den Rohrsesseln vor dem Hotel, in ihre Mäntel gehüllt.

Zwei Herren schleichen, von ihren Damen befreit, vorbei, um Dora noch einmal anzusehen. Sie trägt einen langen weichen dunkelgrünen Mantel. Der Wind fliegt durch ihr Haar.

»Jetzt sind wir so lange hier und kennen nicht einen Menschen,« sagt Dora. »Das mußt du zugeben: Gesellig bist du nicht. Eine Frau, die dich nicht liebt, könnte nicht acht Tage bei dir bleiben.« Bei den letzten Worten ist Dora nicht ganz bei der Sache. Irgend etwas anderes beschäftigt sie . . .

Schiller beobachtet den einen von den zwei Herren, der nun schon zum drittenmal ganz langsam an ihnen vorbeigeht. Jetzt erst antwortet er: »Wie lange, glaubst du, hält eine Frau bei mir aus, die mich liebt?«

Dora zeigt ihre Zähnchen und erwidert spitz: »Wie lange, glaubst du, hältst du eine Frau aus, die dich liebt?«

211 »Eigentlich«, sagt Schiller verbissen, »frage ich mich oft, ob eine Frau, der ich gefalle – ich mit meiner Zerfressenheit oder wie man das nennen soll –, sich dadurch nicht entwertet? Ich bin kein Glücksbringer. Ich war noch damals am erträglichsten, als ich draußen in Ottakring bei einem elenden Schneidermeister gewohnt und gefastet habe . . .«

Dora hat nicht ganz genau zugehört. Der Herr geht zum viertenmal vorüber.

»Angenehme Gespräche führst du, du hast heute deinen menschenfreundlichen Tag. Da geh' ich lieber schlafen. Du willst vielleicht später kommen?«

»Ja.«

Dora rafft den langen dunkelgrünen Mantel vorsichtig zusammen und steht auf, zufällig ist der fremde Herr gerade bei der Glastür postiert. Er öffnet sie, läßt der Dame mit einer Verbeugung den Vortritt, und Dora schwebt langsam, mit einem fast unbemerkbaren Neigen des Kopfes an ihm vorbei, schnurgerade durch die Halle. Vor dem Lift muß sie einen Moment warten.

Schiller ist zwei Sekunden später in die Halle getreten. Er muß doch sehen, wie weit sich der Bewunderer wagt. Richtig, er steigt auch in den Lift!

Eben will der Boy die Lifttür absperren, da reißt Schiller sie wieder auf: »Ich fahre mit!«

Dora ist nicht erstaunt. Sie steht abwartend, lauschend da, wie man eben im Lift steht: Wann kommt die dritte Etage?

Der fremde Herr richtet sich gelassen im Spiegel die Krawatte.

212 Schiller begleitet Dora bis in ihr Zimmer, dann küßt er sie ruhig und sagt: »Gute Nacht, ich gehe noch ein bißchen ans Meer.« Er hört noch, wie Dora hinter ihm zusperrt.

Draußen im Rohrsessel denkt er: Warum hab' ich das eigentlich gestört? Dann steht er auf, sagt sich: Ich bin doch wirklich gemeiner, als der Nebenmensch ahnt. Es hat jemand gegeben, der von mir gesagt hat, ich habe die Menschen nicht lieb. Unsinn, ich erlebe sie nur schneller. Wozu andere zehn Jahre brauchen, das mache ich in drei Monaten durch! Und die anderen, die im anerkannten Lebenstempo lieben und sich entwickeln, das sind die Glücklichen! . . . Kein Zweifel, Dora, die ja auch eine gewisse Lebensgeschwindigkeit hat, ist noch einige Stationen hinter mir, ich glaube, sie wird noch in Venedig sein, wenn ich längst wieder draußen bei meinem Schneider wohnen werde, denn das brauch' ich jetzt, absolute Isolierung, fanatische Arbeit, nur Arbeit!

. . . Es ist unglaublich, wie sie sich in diesen vier Monaten gemausert hat. Wenn ich meinen Smoking trage, so hab' ich noch immer das Gefühl: Verräter, Betrüger, schlechter Schauspieler. Ich kann keinen harten Hut aufsetzen, ich komme mir dann vor wie ein Schwindler, der sich eine portugiesische Uniform angeschafft hat; ihr aber sitzen diese flimmernden, rauschenden, fließenden Kleider wie angegossen, ihrem schlanken Halse fehlt die Perlenreihe; wenn sie aus dem Hotel tritt, sieht man sich unwillkürlich nach dem Wagen um, der ihr gehören muß: Wo sind denn die Jahre, die sie neben einem Manne wie Schauer verlebt hat? Diese Dame mit der ungeheuren Pleureuse ist vor fünf Monaten 213 allabendlich in einer Kaffeehausnische mit dem Buchbindergehilfen Franz Hutterer gesessen?! Das ist die Frau, die bei der Leopoldstädter Wahl in zwei Wählerversammlungen über »die Pflicht zur Öffentlichkeit« geschwatzt hat! Allerdings, geschwatzt! Ihr Stimmchen ist schon damals gegen das Gepolter der Kellner und den Zigarren- und Pfeifenstank der Wähler nicht aufgekommen, sie mußte sich überschreien, und an dieser Schrillheit erkannte man, erkannte ich das Gezwungene, Unechte ihrer Rolle. Sie hat es übrigens, alles was recht ist, selbst gefühlt: »Ich habe diese Sachen nur Schauer zuliebe getan, und er hat doch keine Freude daran gehabt.« Wenn Schauer die Dame in Grün jetzt sähe! Und doch ist sie jetzt erst die wahre Dora! Vor sieben Jahren ist sie gewiß noch so ähnlich gewesen. Dann hat Schauer sie sich langsam umgefälscht . . . »Umgebildet« nennen es die Narren, die Männer. Eigentlich war es sehr gutmütig und fast rührend von Dora, dieses Ausharren, dieses ewige Versuchen, aus der eigenen weißen Haut zu schlüpfen und eine »tüchtige Frau«zu werden, Dora! Andererseits: Was hätte Schauer tun sollen? Sich in den Smoking stecken, den nicht einmal ich vertrage? Er hat versucht, auch Dora in einen »brauchbaren Menschen« zu verwandeln! Manche aber bleiben ewig unbrauchbar. Ein Nutzgegenstand ist nun einmal nicht aus ihr zu machen.

Während er dies denkt – das Hotel ist längst gesperrt und finster, man hört aus der Ferne das Anschlagen der Wellen –, sieht er Schauer fast vor sich, seine buschigen Brauen, seine metallenen Augen, und er hört seine ironische 214 Stimme: »Das steht ja jedenfalls fest, insofern sind Sie eine bedeutende In . . . Indi . . . Indivi . . . scheußliches Wort! . . . Individualität, Sie sind jedenfalls ein ganz unbrauchbarer Mensch! . . .« Immer stolperte Schauer absichtlich, wenn er dieses Wort aussprechen sollte.

In der Früh' bemerkt Dora, daß Gustavs Bett unberührt daliegt. Sie schlüpft entsetzt in ihre Kleider, rennt in die Halle: leer, sie schämt sich, den Portier zu fragen, und geht langsam mit bleischweren Füßen zum Strand. Sie denkt nichts anderes als: Er ist tot! Und eigentlich findet sie es ganz erklärlich, daß Gustav jetzt abgegangen ist . . . Aber bei ihrer Badehütte trifft sie Gustav, der eben triefend aus dem Wasser steigt. Sie weint, Schiller wird sanft und gut, der kleine liebe Junge, der er sein kann, aber sie zerreißt ihr Sacktuch während des Weinens zwischen den Zähnen, krank vor Wut! Sie so zu schrecken! Gott weiß übrigens, wo er diese Nacht war! Schiller sieht, daß ihr Gesicht ganz erloschen ist, daß ihre Haare ungeordnet aufgesteckt sind, führt sie mit sanfter Gewalt zur Bank auf den Damm, setzt sich in den Sand zu ihren Füßen und erzählt, ohne sie anzusehen, von dieser langen Nacht, von seiner Unruhe nach den Zeitungen, von den vorgestellten Gesprächen mit den Freunden in Wien, und schließlich erzählt er von Schauers Verhaftung.

Dora ist darüber gar nicht aufgeregt, sie sagt kurz: »Da wird er glücklich sein, wie ich ihn kenne! Das paßt ihm sehr! Da braucht man ihn nicht zu bemitleiden.«

Schiller erzählt von dieser Nacht: »Es war ganz still, ich habe nur das Meer gehört, und das hat mich beruhigt. Da 215 hast du, was ich beim Sonnenaufgang gefunden habe, etwas, das ich seit zwei Jahren suche! Hier auf der Manschette: Ich habe endlich das richtige Aufruhrlied komponiert, das die Arbeiter brauchen! Dagegen ist die Marseillaise ein Schlummerlied. Ein ganz einfaches Motiv, willst du's hören? Am ehesten erinnert es an die amerikanischen Märsche von Sousa, aber doch ganz anders, in einem stampfenden Rhythmus. Soll ich dir jetzt was Offenes sagen: Das schick' ich Schauer ins Gefängnis! Wenn er sich das dort in der Zelle dreimal vorsummt, so kommt er von diesem Lied nicht mehr los. Und wenn er der ist, der er ist, so wird er einsehen, daß auch sonst alles so kommen mußte, und eines Tages werden wir zwei, er und ich, wieder beisammensitzen.« Gustav liegt im Sand und sieht zu Dora hinauf, die hinter ihm auf der Bank geblieben ist.

Aber Dora schaut nicht zu ihm hinunter, sie blinzelt über ihn weg in die Sonne oder zum Meer und sagt zwischen den Zähnen: »Ich seh' euch zwei beisammen.«

Gustav langt nach ihrer Hand.

Aber Dora ist nicht gelaunt: »Laß! . . . Da kommen Leute.«

Sie reisen schon am Abend. Im Hotel war zufällig ein Schlafwagenbillett für Dora zu erstehen. Gustav fährt in einem überfüllten Kupee dritter Klasse. Dora zieht, kaum eingestiegen, den blauen Vorhang hinter ihrem Fenster herunter und ist in dieser Nacht nicht mehr zu sehen. Zufällig ist auch einer von den beiden venezianischen Bewunderern in dem Zug. Am anderen Morgen steigt Gustav in jeder größeren Station aus, läuft vor den Schlafwagen und hofft, 216 sie wenigstens am Fenster zu sehen. Vergebens. Es wird Spätvormittag. Dora bleibt unsichtbar. Endlich fragt er den Schaffner, ob die Dame schon wach ist. »Ja, ich hab' ihr einen Kaffee mit Kuchen gebracht, sie liest.«

In einer größeren Station tritt er plötzlich in ihr Kupee.

Sie sagt erschrocken: »Klopf' doch an, ehe du eintrittst. Man kann ja nicht wissen, daß du es bist.«

»Warum läßt du dich nicht sehen? Sind meine Verbrechen noch nicht verjährt?«

»Ich muß dich um etwas bitten. Zahl' auf dein Billett drauf und fahre zweiter Klasse. Dann komm' ich zu dir!«

Schiller erwidert gelassen: »Der Bewunderer aus Venedig verachtet mich ohnehin. Zweiundzwanzig Kronen ist er mir nicht wert. Die dritte Klasse ist weniger besetzt als die zweite.«

»Aber ich will nicht mit den Kommis beisammensein.«

»Donnerwetter! Wenn das Helferich oder Hudalek hörte!«

Dora dreht sich zu ihrem Buch, Reminiszenzen sind Roheiten!

Der Schaffner pfeift. Schiller muß zurück in seine dritte Klasse.

Dora sperrt, so daß er es noch hört, die Kupeetür ab, zieht den Vorhang herunter und zeigt sich nicht mehr.

Du überspannst den Bogen, denkt Schiller.

Neben ihm raucht ein alter Bauer seine Pfeife. Endlich wieder ein knochiges, deutsches Gesicht, Schiller tastet es mit seinen Blicken ab! Mittags steigen Arbeiter ein, die ein paar Stationen mitfahren. Schiller muß mit ihnen reden, wo sie wohnen, wie lang' die Arbeit dauert, wie hoch der Lohn ist. 217 Eine Stunde vor Wien kommt wirklich ein Kommis mit effektvoller Krawatte in den Wagen. Schiller bandelt sofort an. Mit zwei Übergängen ist er sofort bei der ›Bewegung‹. Der Handlungsgehilfe kennt alle, Stransky, Stohandl, Hutterer, natürlich Schauer.

»Es ist ganz gut, daß sie ihn verhaftet haben!« sagt der Kommis leise.

»Sooo?«

Der junge Mensch dreht sich vorsichtig um, dann flüstert er, unwillkürlich errötend, als erschrecke er vor den eigenen Worten:

»Das werden sie mit Blut bezahlen!«

Etwas ist in diesen deklamatorischen Worten, das Schiller den Hals zusammenschnürt: »Haben Sie einen gewissen Schiller gekannt?«

»Den Kronprinzen, natürlich!«

»Ja. Von dem hört man ja gar nichts mehr!«

»O,« antwortet der junge Mann mit Zuversicht, »Sie werden schon wieder von ihm hören. Jetzt war ja Sommer . . . der wird sich schon wieder melden!«

Plötzlich sind sie in Wien. Schiller hatte beabsichtigt, vor der Ankunft noch einmal bei Dora anzuklopfen, da hatte er es im Gespräch verpaßt, nun muß er erst seine Sachen zusammenraffen, einen Träger heranwinken, endlich kommt er los. Er springt aus seinem Waggon, läuft zum Schlafwagen, um Dora zu helfen.

»Danke,« sagt Dora, »dieser Herr hier war so liebenswürdig, meine Sachen dem Träger zu geben.«

218 Dora deutet auf den Herrn aus Venedig.

»Also rasch,« sagt Schiller zu den Trägern, »wir fahren ins Hotel Zentral. Das ist dir doch recht?« Aber Dora hat nicht recht zugehört, denn der Herr aus Venedig hat sich soeben mit tiefgezogenem Hut respektvoll verabschiedet.

Sie sitzen in einem Einspänner und fahren durch die wohlbekannten Straßen. Es ist ein staubiger Tag, ganz hochsommerlich, obwohl man schon Spätherbst schreibt. Ein warmer Wind treibt Schmutzwolken durch die Gassen.

Dora sitzt mit festgeschlossenen Augen wortlos da. Gustav denkt: Das ist das Finale!

Endlich beginnt Dora, damit er sie nicht für beleidigt halte – denn auch dies wäre zu viel –, zu reden: »Wenn man fort ist, da denkt man nur an das Wien in Döbling oder St. Veit, aber das wirkliche Wien, wo alle wohnen, das ist da in diesen schwarzen Gassen, diesen entsetzlichen Großstadtstraßen mit Wursthändlern und Konfektionären und Cafés und Branntweinläden! Breslau oder Hannover oder Wien, es ist ganz dasselbe.«

Sie tut Gustav leid in ihrer Einsamkeit: »Du hättest noch in Venedig bleiben sollen. An einem richtigen kühlen Herbstabend, wenn die Straßen im Regen glitzern, hättest du zurückkommen sollen! Wir haben Pech.«

Dora hat doch keine Lust, Gespräche zu führen.

Einmal fragt Gustav: »Hast du was dagegen, daß wir heute noch Wisgrill aufsuchen?«

»Ich gehe heute nicht, ich will nicht wieder wie eine deutsche Erzieherin aussehen, wenn ich einen Besuch mache. Morgen 219 früh pack' ich die Koffer aus. Aber du kannst ja allein gehen, wenn du den Abend totschlagen willst.«

»Dora!«

Schiller denkt: Jetzt wünscht sie, daß ich ein Versöhnungsfest arrangiere. Jetzt soll ich all das anhören, was sie in dem Kupee, während sie allein saß, ausgebrütet hat, aber es wäre taktisch verfehlt, immer wieder zu betteln. Wenn sie wüßte, wie gefährlich ihr Spiel ist! Vor drei Monaten wäre ich über ihre Wortkargheit toll geworden, vor drei Monaten hätte ich über diesen phlegmatisch-schläfrigen Ton, in dem sie jetzt mit mir redet, getobt, vor drei Monaten hätte ich darüber gestöhnt, daß sie mit geschlossenen Augen neben mir sitzt. Jetzt habe ich das infame Gleichgewicht des Ehemannes gefunden. Diese Rhinozeroshaut kriegt der durchschnittliche Geliebte und Ehemann nach drei oder fünf Jahren, ich habe den Prozeß in drei Monaten durchgemacht . . . Ich wünsche mir nichts, als diesen ganzen italienischen Trubel in meinem Kopf zu ordnen. Stille, ein Fenster mit dem Wienerwald, davor ein Tisch . . . Arbeit!

Sie beziehen zwei kleine, nicht nebeneinander liegende Zimmer im »Hotel Zentral«. Gustav wohnt im vierten, Dora im zweiten Stock. Sie tragen ihre richtigen Namen ins Fremdenbuch ein. Eigentlich, denkt Schiller, hätte ich gleich in ein anderes Hotel ziehen können, das hätte sie weniger kompromittiert, und ich wäre sichtbar frei gewesen.

Dora schließt sich in ihr Zimmer ein, um ein bißchen auszuruhen.

Abends klopft Gustav an ihre Tür. Sie öffnet nicht.

220 Das geht über die normale Fastenstrafe. Vielleicht schläft sie, denkt Schiller, und entfernt sich.

Er geht in das nächste Café, läßt sich die Zeitungen geben, die über Schauer nichts Neues melden, und überlegt, wem er denn mitteilen könnte, daß er wieder da ist. Wem? Verwandten? Die hab' ich, Gott sei Dank, ausgestrichen! Freunde? Was sind Freunde? Gibt's das? Vielleicht Kollegen aus der Branche, aber Gefühle auf allerlei unbewußten Grundlagen, die hab' ich nicht! Parteigenossen? Wenn er jetzt Hudalek anriefe? Er sieht förmlich, wie der gravitätisch den Bauch hervorstreckt und halb ernst, halb drohend durchs Telephon ruft: »Wir haben noch einige Hühnchen zu pflücken, Herr Schiller!« Wenn Hudalek »Herr« sagte, so hatte er das Liebe-Gott-Gefühl am Jüngsten Tag oder das Gefühl eines Lehrers, der eine Hausaufgabe von oben bis unten mit roter Tinte durchstreicht und an den Rand schreibt: »Ganz ungenügend.« Kein Zweifel, für Hudalek war er nur mehr ein »Herr!« Stransky? . . . Stransky wär' in höchster Verlegenheit. Er würde seine Ledertasche nehmen, öffnen, einen Stoß Akten und Papiere hervorholen und sich drein vertiefen: »Pardon, ich habe heute noch sehr wichtige Dinge zu erledigen.« Helferich würde vielleicht grob werden oder abläuten. Am ehesten könnte er mit Anna reden, wahrhaftig, Anna würde nicht unzart werden, aber vielleicht weinerlich . . . Nein, das wär' das Unerträglichste. Plötzlich fällt ihm der Richtige ein!

Er geht in die Telephonkammer, ruft die Volkszeitung an und läßt den Redakteur Weiner aus Telephon rufen.

221 »Bedauere, Weiner liegt an einer Lungenentzündung krank zu Hause.«

»Ah, das tut mir leid.«

»Hier Huber, ich gehe jetzt zu ihm. Wer ist am Telephon, soll ich ihm was ausrichten?«

Schiller zögert: »Hier . . . na also . . . hier Gustav Schiller, bestellen Sie ihm einen Gruß, ich bin vor einigen Stunden in Wien angekommen. Wohnt er noch in der Glockengasse?«

»Ja! . . . Genosse Schiller, haben Sie schon gehört von unserer Verhaftung? Doktor Schauer darf nicht einmal einen Besuch empfangen! Diese Hunde! Sie kommen zur rechten Zeit zurück! Nächste Woche geht's los. Habe die Ehre, Genosse Schiller!«

Schiller geht ins Hotel zurück. Er hört, daß Dora inzwischen ein Glas Milch verlangt hat und zu Bett gegangen ist. Einmal unternimmt er noch den Versuch, zu ihr zu kommen. Er klopft erst leise, dann heftiger. Drinnen rührt sich niemand. Er wartet ein paar Minuten in dem finsteren Gang, klopft noch ein letztes Mal, dann geht er auf sein Zimmer.

Das Fenster mündet auf einen Hof. Drei schwarzgraue Kasernenmauern, lauter offene Fenster, Männer in Hemd und Hose, Frauen in schlampigem Hauskostüm lehnen hinaus. Von irgendwo unten hört man Klavierklimpern und die Kommandorufe eines Tanzmeisters . . . Noch tiefer drunten, in der Ecke des Hofes ist ein Wirtshausgarten eingerichtet. Kellner klappern mit Tellern und Gläsern vorbei. Man hört die Rufe von Kartenspielern . . .

222 Schiller legt sich ins Bett, es ist finster, von Zeit zu Zeit hört man das Gelächter der Tarockspieler, ein Händeklatschen aus der Tanzschule. Einmal glaubt Schiller ganz deutlich ein Wimmern und Schluchzen zu hören, er springt aus dem Bett, fliegt in seine Kleider, läuft die Stiege hinunter und horcht an Doras Tür. Nichts . . . Er steht lange vor der Tür im Finstern und lauscht. Wenn ich Atemzüge hören könnte . . . Noch einmal zu klopfen wagt er nicht.

Er steigt in sein Zimmer hinauf, legt sich angekleidet aufs Bett. Plötzlich fällt ihm ein: So bin ich an Sonntagnachmittagen beim Militär im leeren Zimmer gelegen, wenn die Kompagnie Ausgang hatte . . . So bin ich nachts im Zimmer gelegen, an dem Abend der Wahl, während die andern im Café schwatzten . . . So werde ich bald wieder draußen in Ottakring bei meinem Schneider wohnen . . . So werde ich mich immer wieder unwillkürlich absentieren. Das ist wahrscheinlich mein Gesetz: In dieses leere Abendzimmer dränge ich mich selbst immer wieder!

Drunten wird schrill geklimpert, Kartenspieler streiten, der Tanzlehrer kommandiert: »Ein Kotillon! . . . die Herren vor!« 223


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