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Die Partei

Stefan Großmann: Die Partei - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Partei
authorStefan Großmann
year1919
firstpub1919
publisherUllstein und Co
addressBerlin-Wien
titleDie Partei
pages382
created20131027
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Elftes Kapitel

Die Sitzung der Parteileitung tagt wieder in dem kleinen Saal des Volksheims. Um sieben Uhr soll die Beratung beginnen, um halb sieben sind diesmal schon alle da, auch der Obmann der Wiener Parteivereine Stohandl, ein kleiner magerer Mensch, dem man es ansieht, daß ihn ein Magenleiden giftig macht, seine Haut ist gelbes Leder. Er sitzt in der äußersten Ecke des Saals und kaut aufgeregt an den Fingernägeln. Stransky hat seine schwarze Tasche vor sich liegen, seine Hand am Griffe, als wollte er andeuten: da drin sind die wichtigsten Aufschlüsse! . . . Fritsch hat eine Weile zu der Tasche gerochen: »Hu, was kann da drinnen sein?« Aber Stransky ist heut nicht zu Späßen gelaunt und bittet, ihn gefälligst in Ruhe zu lassen. Hudalek, der noch sorgenvoller als sonst dreinsieht, hat Hutterer beiseite gezogen, und sie flüstern miteinander in der einen Ecke. Auch Runtz ist über Schauers besonderen Wunsch eingeladen worden, er fühlt sich nicht behaglich und watschelt von einem zum anderen: »Was will man denn von mir? Herrn Doktor Wisgrill hätt' man einladen sollen, nicht mich! Wer bin denn ich? . . .«

»Setzen Sie sich nur schön auf Ihre vier Buchstaben,« sagt Helferich, »Doktor Schauer wird gleich da sein. Ich verstehe nicht, wie er heute so lange ausbleiben kann.«

183 Anna ist auch nicht da, denkt Helferich, Weiner mußte ich in der Redaktion lassen, ist denn niemand hier, mit dem man im Vertrauen ein Wort reden kann? In seiner Not setzt er sich zu Stohandl in die Ecke.

»Daß Schauer nicht hier ist, verstehe ich nicht! Da muß irgendwas los sein,« sagt Helferich.

»Ach ja, das sagt man jedesmal, die Herr'n Obergenossen brauchen ja nicht pünktlich zu sein, wenn nur der Plebs auf dem Platz ist.«

»Stohandl, warum so bitter? Sie sind doch selber ein Obergenosse!«

»Das bitt' ich mir aus!« Stohandl zeigt, daß er in unnahbarster Kriegsstimmung ist. »Ich gehör', Gott sei Dank, nicht zu den Machern, ich bin, Gott sei Dank, kein Abgeordneter, und wenn die Clique so weiterarbeitet, tu' ich bei dem parlamentarischen Schwindel auch nicht länger mit!«

»Wer ist denn die Clique, Stohandl?«

Stohandl beißt sich wütend die Nägel ab: »Wenn Sie's noch nicht wissen, so werden Sie es heute schon noch hören!«

»Lieber Freund,« sagt Helferich aufstehend, »mich schrecken Sie nicht! Sie werden noch staunen, was das für ein aufgebauschter Klatsch ist.«

Hudalek kommt, den Bauch wiegend, auf Helferich zu: »Das ist wirklich eine grobe Rücksichtslosigkeit von Schauer, uns heute so lange warten zu lassen!«

Hutterer tritt hinzu, streicht die Locken zurück, drohend und selbstgefällig: »Es scheint den Genossen Schauer zu der Debatte nicht stark herzulocken . . .«

184 Helferich sagt sich: Just, jetzt just nicht zornig werden! Er dreht sich zu Hutterer und sagt: »Warum denn nicht? Das gibt heute eine an Ihren Haaren herbeigezogene Debatte.«

Nur der Obmann der Buchdrucker lacht. Fritsch ist ein vergnügter Kerl und haßt die »Apostel«, zu denen er Hutterer rechnet. Helferich, froh, einen freundlich Gesinnten zu finden, nimmt Fritsch unter den Arm: »Ich begreife Schauer diesmal wirklich nicht. Er weiß doch, daß bei solchen Sitzungen die zwanglose Viertelstunde vor Beginn wichtiger ist als die ganze Diskussion. Er erbittert die Leute durch solche Manieren, und natürlich, gegen einen Mann wie ihn ist man am strengsten, der darf nicht einmal ein kleines Laster haben.«

»Ja, ja,« sagt Fritsch, »das bissel Zuspätkommen! . . . Aber sagen S', Helferich, ist's wahr, daß ihr einen Erzherzog eing'fangt habt? Der Hutterer ist bös darüber, aber ich find', daß es ganz gut ist, so ein hohes Tier in unseren Stall zu ziehen. Ich kann mir denken, wie der Schauer den einseift! Ich hab's gestern meinen Buchdruckern g'sagt: Nutzt's nix, so schad't's nix! Ich versteh' die Aufregung in der Partei nicht.«

Helferich schlägt wütend auf den Tisch. Er ist wirklich in Wut, aber er weiß auch ganz genau, daß dieses laute Auf-den-Tisch-Hauen jetzt alle Blicke zu ihm lenken wird. »Herrgott,« schreit er, »ist es denn wirklich möglich, daß jemand dieses blödsinnige Märchen glaubt? Wo gibt es denn in ganz Österreich einen einzigen Erzherzog, der die Idee hätte, sich mit uns in Kontakt zu setzen? Wo denn? Wer denn? Wenn ihr den Schauer nicht kennt, so müßt ihr doch wenigstens eure Erzherzoge kennen! . . .«

185 Fritsch klopft Helferich vergnügt auf den Rücken, während er zu Stohandl ruft: »Da hat er recht. Wenn man's überlegt, da hat er recht.«

Stohandl zischt aus der Ecke: »Stehen wir schon in der Debatte, oder müssen wir warten, bis der Vorreiter des Schauer fertig ist?«

Runtz zieht Helferich an einem Knopf: »Ich lege Gewicht darauf, Genosse Helferich, Ihnen zu erklären, daß ich jenes Gerücht, von dem Sie sprechen, niemals verbreitet habe, ich finde auch an der Zusammenkunft mit dem Fürsten Schwarzenstein gar nichts Programmwidriges, wenngleich ich mir einen anderen Vermittler gewünscht hätte. Meine Stellung . . .«

»Lassen Sie meinen Knopf aus,« schreit Helferich, »mit Ihnen werde ich noch anderswo abrechnen, vielleicht in Kattowitz.«

»Unglaublich . . . es ist eines Sozialdemokraten nicht würdig, einem Genossen seine zufällige Geburtsstadt vorzuwerfen. Übrigens bin ich gar nicht aus Kattowitz.«

»Nein, aus Nishnij Nowgorod sind Sie!«

Hutterer klopft mit einem Buch im Takt auf den Tisch:

»Anfangen! . . . Anfangen! . . .«

Da ergreift Hudalek die Glocke, bittet die Anwesenden feierlich, ihre Plätze einzunehmen, und sagt mit weise abgewogener Betonung: »Es ist acht Uhr. Die Versammlung ist beschlußfähig. Unentschuldigt abwesend sind nur die Genossen Schiller und Schauer. Bezüglich des ersten werden wir demnächst einen Beschluß fassen. Was den Genossen 186 Schauer anlangt, so muß ich namens aller hier Anwesenden – Sie werden sich nicht ausschließen, Helferich? – das Bedauern ausdrücken, daß er bei dieser wichtigen Beratung fehlt. Ich weiß nicht, ob darin eine besondere Absicht liegt . . .«

»Hudalek!« Helferich springt drohend auf, läuft direkt zu Hudaleks Sitz und wird von Fritsch, der schnell dazwischen tritt, zurückgeschoben.

»Soll hier vielleicht gerauft werden?« schreit Stohandl, »das hätte uns noch gefehlt, daß die Schauerclique uns so kommt . . .«

Augenblicklich dreht sich Helferich um: »Was wollen Sie denn? Ich melde mich zum Wort, das ist alles.«

Stransky ist zu Stohandl getreten und begütigt: »Ein Mißverständnis, Kollega.«

Hudalek ist wieder Herr der Versammlung: »Zuerst erteile ich das Wort dem Antragsteller Hutterer.«

Hutterer steht auf, streift die Haare zurück, nimmt ein paar Zettel in die Hand, hustet und fängt leise an, als ob er sich die tieferen Töne für später reservieren müßte: »Es handelt sich heute um nichts Geringes, es handelt sich um eine Ehrensache der Partei. Ich halte es für ein schlimmes Zeichen, daß derjenige, den mein Antrag vor allem angeht, der heutigen Sitzung ferngeblieben ist, wahrscheinlich aus guten Gründen . . .«

Stohandl zischt aus der Ecke: »Er kneift einfach aus.«

Hutterer hüstelt wieder, lächelt, streicht die Locken zurück.

In diesem Augenblick wird die Tür aufgerissen, Huber 187 stürzt atemlos herein, die Worte stürzen verstümmelt aus seinem Munde, er schnappt nach Luft, so toll ist er gerannt. Endlich versteht man einige Worte:

»Schauer . . . ist . . . in seiner Wohnung . . . verhaftet . . . worden!«

Hutterer steht noch da, seine Zettel in der Hand, die anderen drängen und schreien in einem Knäuel um Huber, der noch immer keucht und fürchterliche Beschimpfungen gegen die Polizei ausstößt, bis Helferich ihn bei den Schultern packt: »Nehmen Sie sich zusammen und erzählen Sie.« Allmählich wird der Schuster verständlich: Schauer hätte um Sechs in der Redaktion sein sollen, eine Menge Leute warteten, da hat Huber sich gleich gedacht, die bestellten Leute läßt Schauer nicht so lange sitzen, da muß was los sein, und so ist er in die Wohnung hingelaufen, und da hat ihm der Hausmeister erzählt, eben ist der Doktor Schauer von zwei Detektivs abgeholt und ins Landesgericht eingeliefert worden. Den Auflauf hat er noch gesehen, die Leute stehen jetzt noch vor dem Haus.

Stransky schlägt die Tasche auf den Tisch: »Unerhört.« Der kleine Fritsch steigt auf einen Sessel und schreit wie ein Besessener: »Das ist das Zeichen! . . . Das bedeutet Generalstreik! . . . Generalstreik! . . . Generalstreik!« . . . Stohandl redet mit Hutterer, dann drängt er Hudalek von seinem Platz, packt die Glocke, der dürre Mensch kreischt, hochrot im Gesicht, über die Aufgeregten hinweg: »Vors Landesgericht! . . . Unser Antrag ist zurückgezogen.« Helferich brummt vor sich hin: »Das glaub' ich.« Runtz läuft hastig von einem zum 188 anderen: »Flugblätter! Das muß morgen früh in die Fabriken . . . morgen abend müssen die Arbeiter vors Landesgericht!«

Hudalek ist an seinem Platz gesessen, hat etwas aufnotiert, hat es Hutterer gezeigt, und nun faßt er die Glocke, läutet und ersucht die Anwesenden, gefälligst kaltes Blut zu bewahren, trotz der alle gewiß empörenden Nachricht. »Ich schlage vor, dem Verhafteten heute noch eine Depesche zu senden, etwa mit folgendem Wortlaut: ›Die Parteileitung nimmt von Deiner allem Rechte hohnsprechenden Verhaftung Kenntnis, spricht Dir das vollste, uneingeschränkte Vertrauen aus und wird kein Mittel unterlassen, Dich ehebaldigst wieder in ihrer Mitte zu sehen.‹«

Lautlose Stille. Hudalek bittet alle, die für diesen Antrag sind, die Hand zu erheben.

»Der Antrag ist einstimmig angenommen!« 189


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