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Die Partei

Stefan Großmann: Die Partei - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Partei
authorStefan Großmann
year1919
firstpub1919
publisherUllstein und Co
addressBerlin-Wien
titleDie Partei
pages382
created20131027
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel

Wenn Sie zu dem Untersuchungsrichter gehen, höchste Vorsicht,« sagt Doktor Klausner, der Verteidiger Schauers, »den kenn' ich, ein gefährlicher Bursche.«

Schauer sucht den langen halbdunkeln Korridor im Landesgericht ab. Herrgott, wo ist denn Nummer Sechsundsechzig?

Ganz am Ende ist eine kleine Tür, man muß sich bücken, wenn man eintreten will, das ist das Bureau des Untersuchungsrichters Scheibl.

»Herrrein!«

Schon der scharfe Ruf soll irritieren, denkt Schauer, während er sich bückt und eintritt.

Vor dem Schreibtisch sitzt ein Männchen mit Hornbrille, sitzt und schreibt, als wäre niemand eingetreten.

Schauer hustet.

Der kleine Mann blickt nicht auf. »Gedulden Sie sich,« sagt er im selben Ton wie seine krächzende Feder.

Schauer setzt sich. Fatal, daß man dem wegen der gefärbten Brille nicht einmal recht in die Augen schauen kann, denkt Schauer, während er sich umsieht. Angenehm hat er's da nicht, der Herr Rat, das Fenster vergittert, hoch droben, das ist ja auch nur eine Zelle.

Der Herr Rat schreibt und schreibt.

149 Schauer steht auf, zieht seine Vorladung aus der Tasche, die lautet auf halb Elf, jetzt ist es Elf. Er geht an den Tisch des Richters und sagt: »Herr Landesgerichtsrat, ich kann ja ein anderes Mal kommen.«

Der Rat blickt nicht einmal auf: »Nein . . . sofort!«

Schauer setzt sich wieder.

Nach zehn Minuten steht er wieder vor dem Richter und sagt: »Mein Name ist Schauer, meine Vorladung gilt für halb Elf.«

Da springt der kleine Mann auf, wirft die Feder weg, trägt einen Sessel zu seinem Tisch: »O, freut mich sehr . . . Bitte Platz zu nehmen. Mein Name ist Landesgerichtsrat Scheibl.« Er steckt seine tintenbeklecksten Finger vor.

»Ah, Herr Doktor Schauer . . . ich hab' gedacht, die Krida ist da . . . ich hab' nämlich auch einen Kridatar . . . freut mich unendlich, Herr Doktor . . . hab' schon lange das Vergnügen haben wollen.«

Schauer lächelt: »Ja, es ist wirklich ein Zufall, daß wir uns noch nicht kennen, Herr Rat, die früheren Untersuchungen führte Landesgerichtsrat Schwabach, der ist ja jetzt Oberlandesgerichtsrat . . .«

Der Mann mit der Brille verzieht den Mund, ein paar einsame gelbe Zähne werden sichtbar.

»Herr Doktor mißverstehen mich, man ist ja, Gott sei Dank, nicht nur Amtsmensch, ich dachte: privat! Ich kenn' ja Ihre Schriften, sehr bedeutend, sehr anregend . . . freut mich aufrichtig, endlich das Vergnügen zu haben.«

»Sehr liebenswürdig, Herr Rat, aber, aufrichtig gesagt, unter Ihren Vorgängern habe ich so etwas noch nicht 150 bekommen.« Schauer zieht die Vorladung aus der Tasche. »Eine kleine Aufreizung zu Haß und Verachtung oder eine Beleidigung des Ministeriums, das geht ja noch, aber gleich der Paragraph sechsundsechzig, Majestätsbeleidigung, das kann ein Jahr kosten.«

»Lächerlich, Herr Doktor, es wird nicht so gefährlich werden . . . na, wo haben wir denn den Akt? . . . Also, da haben wir's, Sie waren am zwölften Mai in einer Wählerversammlung, die von der Polizei aufgelöst wurde. Da sollen Sie nach der Angabe des Polizeikommissärs Kriehuber eine Äußerung über das Allerhöchste Kaiserhaus gemacht haben. Geben Sie das zu?«

»Nein.«

»So? Schad'. Ich hab' gehofft, wir erledigen das heute. Sonst haben S' wieder die Laufereien. Ich muß den Kommissär neuerlich einvernehmen, dann muß ich Sie wieder vorladen, so hätten wir die G'schicht' geschwind abgemacht, jetzt, wo Ihnen der Wind günstig ist, ich mein', ganz privatim gesagt, vor der Wahlreform. Nun werd' ich Ihnen mitten in die Arbeit hineinpatzen müssen.«

»Von mir aus müssen Sie nicht . . .«

Scheibl nimmt die Brille ab, haucht die Gläser aus seinem fast zahnlosen Mund an. Jetzt seh' ich ihm in die Augen, denkt Schauer, schrickt aber sogleich zurück: Herrgott, wie kann man so hyänenhaft schielen?

»Ja, ja, die Herren meinen, man ist ein Ungeheuer, das nur darauf lauert, sie ins Ungemach zu bringen . . . Pflicht, mein sehr Verehrter, Pflicht! In meinem Inneren bin ich vielleicht . . . na, Schwamm drüber. Also, Sie erinnern sich nicht?«

151 »Bedaure.«.

»Also gut. Ich dränge nicht, das ist nicht meine Art! Dann sollen Sie gesagt haben: ›Alle Räder stehen sofort still, wenn die Parteileitung es für nötig erachtet.‹«

»Das hab' ich poetischer ausgedrückt.«

»Also, zugegeben?«

»Ja, dem Sinn nach, aber ich hab's in Versen gesagt.«

Jetzt wird der kleine Rat giftig, sein langer Mund schnappt auf, die vier einsamen gelben Zähne werden wieder sichtbar: »Herr Doktor, wir sind hier bei Gericht!« Sein Gesicht wird plötzlich starr, offiziell.

»Danke für die Erinnerung, ich hab' es keinen Augenblick vergessen.«

»Also Sie geben die zweite Äußerung zu?«

»In Versen.«

Scheibl leckt sich mit der Zunge die Oberlippe: »Haben Sie vielleicht auch die Majestätsbeleidigung in Versen vorgebracht?«

»Die nicht, denn die hab' ich nicht getan . . . Herr Rat scheinen übrigens zu glauben, ich scherze. Gar nicht. Ich spüre schon, wie ernst Sie es meinen! Ich habe nur das bekannte Gedicht zitiert: ›Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will.‹ Der Polizeikommissär hat halt keinen Sinn für Poesie.«

Da meckert der Mann mit der Brille: »Ach so . . . das alte Zeug, o, ich kenne die Revolutionspoesie. Na, also, kommen wir auf den Paragraph sechsundsechzig zurück. Sie glauben immer, Herr Doktor, ich will Sie einfangen. Aber, bitt' Sie, mir persönlich ist das ganz egal. 152 Pflicht! . . . Pflicht! . . . Schauen S' sich einmal die Zelle an, in die sie mich gesetzt haben, ich bin oben bekannt, ich bin nicht mein Vorgänger, o, wenn Sie in mein Inneres schauen könnten, mein lieber Herr Doktor Schauer.«

»Vielleicht sind Herr Rat so freundlich und zeigen mir die Aussage des Kommissärs. Ich weiß ja noch gar nicht, wessen ich beschuldigt werde . . .«

Scheibl zerfließt schon wieder: »Aber ja, mit größtem Vergnügen.« Er sucht unter den Akten, blättert, schmeißt den Akt verdrossen weg, schaut schnell in der Schreibtischlade nach und brummt: »Jetzt kann ich's nicht finden . . . So ungefähr kann ich's Ihnen ja sagen. Der Kommissär hat die Versammlung aufgelöst und hat irrtümlich statt ›Im Namen des Gesetzes‹ gesagt: ›Im Namen Seiner Majestät‹. Darauf sollen Sie ihm die beanstandete Bemerkung zugerufen haben: ›Wie kommt da Seine Majestät her?‹ oder dergleichen.«

»Das wär' doch keine Majestätsbeleidigung?«

»Eigentlich nicht oder doch nur in einem bestimmten Zusammenhang . . . aber das haben ja wir zwei leider – leider! – nicht zu entscheiden. Also die Äußerung geben Sie zu! . . . Na, da werden wir gleich fertig sein, da machen wir ein kleines Protokollerl, und Sie haben Ruh' vor mir.«

»Pardon, Herr Rat, ich habe gar nichts zugegeben.«

Der Herr Rat wird mürrisch: »Aber grad' haben Sie g'sagt, das ist doch keine Majestätsbeleidigung.«

»Das wäre, Herr Rat – das wäre, habe ich gesagt!«

»Aber, aber, Herr Doktor, diese Wortklauberei. Jetzt sind wir eine halbe Stunde beisammen und kommen nicht vom Fleck.«

153 »Das bedaure ich auch. Stellen S' halt die ganze Geschichte ein.«

Scheibl richtet sich ein Formular her. Während er die Daten ausfüllt, seufzt er: »Ja, wenn wir könnten, wie wir wollten, mein lieber Herr, da würde mancher staunen . . .«

Dann sagt er mit plötzlich energischer Stimme: »Wollen Sie überhaupt kein Protokoll unterschreiben?«

»In diesem Fall selbstverständlich – nein.«

Scheibl steht auf – er ist nicht einmal so klein, denkt Schauer, er duckt sich nur so –, stützt die Finger auseinander gespreizt auf den Schreibtisch und sagt feierlich: »Eigentlich sollte ich Sie jetzt in Haft nehmen, weil die Gefahr einer Wiederholung der strafbaren Tat vorliegt!«

»O . . .« Schauer ist wirklich verblüfft, ». . . bitte sehr, ich stehe zur Verfügung . . . Geht der Wind auf einmal so scharf?«

Der Landesgerichtsrat preßt die Lippen zusammen, das ganze Gesicht ist plötzlich Würde, Entschlossenheit, Amtlichkeit.

»Ich werde Sie für nächste Woche vorladen. Dann werden wir ja sehen!« 154


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