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Die Partei

Stefan Großmann: Die Partei - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Partei
authorStefan Großmann
year1919
firstpub1919
publisherUllstein und Co
addressBerlin-Wien
titleDie Partei
pages382
created20131027
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel

In einem kleinen Saal des Volksheims tagt das Wahlrechtskomitee.

»Acht Uhr fünf Minuten,« sagt Hudalek nicht ohne Vorwurf, »wir wären beschlußfähig, wenn der Abgeordnete Stransky und Doktor Schauer hier wären.«

Fritsch, der Obmann der Buchdrucker, ein kleines vergnügtes Männlein, legt einen Stuhl auf den Boden, nimmt einen Anlauf und springt darüber, dann stellt er zwei Sessel nebeneinander auf und schwingt sich zwischen den Lehnen: »Damit die Zeit vergeht.«

Hutterer tritt ein.

Hudalek steht auf und begrüßt ihn feierlich: »Sie sind ja Vorsitzender der jungen Garde geworden.« Hutterer dankt und lächelt. So begrüßen sich Repräsentanten!

Frau Schiller sagt: »Doktor Schauer ist doch sonst immer der erste, da muß was los sein . . .«

Runtz sitzt neben ihr: »Der Gatte kommt wohl nicht?«

Anna antwortet einfach: »Er ist nicht mehr mein Mann. Wir sind auseinandergegangen, jedes seinen Weg.«

»Pardon,« sagt Runtz, »ich wußte nicht . . .«

Der Abgeordnete Stransky tritt ein: »Entschuldigen Sie . . . ich wohne so weit . . . an der Donau, fangen wir doch an!«

132 Stransky ist ein Riese, er muß sich im Gespräch immer herunterbeugen, das gibt ihm etwas Gutmütiges, Zuvorkommendes, Lauschendes. Er trägt immer eine schwarze Ledertasche bei sich, gewissermaßen als Zeichen seiner parlamentarischen Würde. Gelegentlich vertieft er sich geheimnisvoll in seine Tasche.

»Sie sind ja abgemagert,« sagt Anna zu Hutterer. Wirklich, seine Locken rahmen jetzt ein ganz schmales Gesicht ein, und seine Augen liegen tief in dunkeln Höhlen. Auf Annas Anrede wird sein Gesicht noch ernster.

Fritsch sieht ihn einen Augenblick an und sagt, während er sich zwischen den Sesseln schwingt:

»Ja, der Apostel . . . der hungert wegen der Locken . . . Das macht Eindruck auf die Damen. Im Ernst, Hutterer, jetzt sind Sie Vorsitzender der jungen Garde, jetzt lassen Sie sich die Haare schneiden.«

Hutterer läßt sich auf einen Stuhl fallen: »Fangen wir doch an . . . Wir sind doch hier nicht im Turnverein.«

Runtz sagt leise zu Stransky: »Wissen Sie schon, daß Furtmüller sein Mandat niederlegen wird?«

Stransky lacht: »Machen Sie sich keine Hoffnungen, es geht ihm schon wieder besser, hör' ich.«

»Es ist fünf Minuten vor halb Neun,« erklärt Hudalek, »ich denke, wir fangen an . . . Stransky, übernehmen Sie den Vorsitz?«

Man setzt sich an den langen, tuchüberspannten Tisch. Sogar Fritsch muß sich von seinen Turnübungen trennen. Jeder hat Papier und Blei vor sich.

133 »Es handelt sich darum, wie wir uns zur Wahlreform der Regierung stellen,« sagt Stransky, den Kopf neigend, »und welche Aktion wir im Herbst unternehmen sollen. Wir treten in die Debatte. Wer wünscht das Wort?« Gewohnheitsmäßig öffnet er, da niemand sich meldet, die Ledertasche, kramt herum, als suche er dort die Debatte.

»Da hätt' ich weiterturnen können,« sagt Fritsch seiner Nachbarin ins Ohr.

Runtz ruft: »Stellen Sie fest, wer bei dieser wichtigen Sitzung fehlt!«

Stransky räuspert sich: »Hm . . . hm . . . Es fehlt Genosse Schiller, der rechtzeitig verständigt wurde und der seit einiger Zeit allen Sitzungen ferngeblieben ist, und Genosse Schauer, der offenbar durch ein wichtiges Hindernis ferngehalten ist.«

Da niemand reden will, leitet Stransky die Debatte ein. Er senkt den Kopf noch tiefer nach links und sagt phlegmatisch seufzend:

»Ich glaube, wir sind heute zu früh zusammengekommen . . .« Er ermannt sich, nimmt einen Anlauf zur Energie, hebt den Kopf ein wenig und sagt: »Wir haben die Herren der Regierung gezwungen, eine Wahlrechtsvorlage auszuarbeiten, und soviel ich aus dem Ministerium, ich kann wohl sagen, aus sehr gut informierter Quelle vernommen habe, dürfte damit ein entscheidender Schritt nach vorwärts getan werden. Aber wie, wann, wo, das ist noch unbekannt. Ich stelle also den Antrag, daß unsere Beratungen auf heute über vier Wochen vertagt werden.« Er hat stehend geredet, sodaß 134 alle zu ihm hinaufschauen müßten, aber die meisten tändeln, spielen mit ihren Bleistiften, putzen die Brillen, gähnen.

»Darf ich ein Fenster öffnen?« ruft Fritsch. »Es ist ja hier nicht zum Aushalten. So schwül.«

»Sie haben nicht das Wort, Genosse Fritsch,« sagt Stransky mit einem Gefühl der Erleichterung, daß wenigstens einer redet, »aber Ihren Antrag nehmen wir einstimmig an, denk' ich.« Ja, so fein humoristisch werden die Parlamentarier!

Runtz meldet sich zum Wort; er zappelt, seine Ohrenspitzen sind rot, in der Hast stottert er: »Ich be . . . be . . . be . . . begreife die Ruhe und den Humor der anwesenden Herrschaften nicht. Ich weiß aus meiner Heimat, daß revolutionäre Kämpfe verpuffen, wenn sie nicht genügend vorbereitet werden. Wenn es Parteigenossen über sich bringen, der heutigen Sitzung fernzubleiben, so stellt das nicht nur ihrem Gewissen, sondern auch ihrem Scharfsinn ein schlechtes Zeugnis aus. Jawohl, das ist unverzeihlich von gewissen Herren! Die Regierung foppt uns alle! Ich frage den Abgeordneten Stransky, wer seine informierte Quelle ist. Vor uns kann er getrost auspacken! Ich trau' diesen Quellen nicht, die Regierung narrt uns. Es fällt ihr gar nicht ein, eine Wahlreform zu machen.« Bei dem Wort »auspacken« greift Stransky unwillkürlich nach seiner Tasche.

Runtz ist sehr aufgeregt, aber die anderen putzen ungestört ihre Brillen, zwirbeln ihre Schnurrbärte, zeichnen Ornamente aufs Papier.

135 Stransky neigt den Kopf noch tiefer zur Seite und sagt sanft: »Wenn Genosse Runtz mehr weiß als ich, so ist's gut . . . Ich wiederhole: Die Wahlreform der Regierung ist fertig!« Er schlägt, daß keiner mehr zweifle, mit der heiligen Ledertasche auf den Tisch!

Hudalek sieht verstohlen auf die Uhr. Jetzt könnte Schauer wirklich schon hier sein. Dann erhebt er sich und sagt mahnend zu Stransky: »Es liegt ein Antrag auf Vertagung vor . . .«

Da geht die Tür auf: Schauer ist da, mit Weiner. Er hat die letzten Worte gehört und sagt sofort: »Ach was, Vertagung! . . . Im Gegenteil. Verzeihen Sie die Verspätung, ich konnte nicht früher aus der Redaktion fort.«

Dann setzt er sich zwischen Hudalek und Frau Anna, die ihn mit einem Kopfnicken begrüßt.

Fritsch ruft: »So, jetzt fangen wir wieder frisch an . . . Da könnt' ich schnell noch ein paar Übungen machen.«

Hudalek redet leise mit Schauer, Runtz setzt sich zu Hutterer und brummt: »So geht es immer, wir sind nur für die Nebenrollen da.« Anna flüstert Stransky zu: »Wer ist Ihre Quelle? Doch nicht Wisgrill? Dann glaub' ich kaum die Hälfte! . . .« Alles schwätzt durcheinander, Fritsch richtet seine Turnsessel wieder her.

Da steht Schauer auf: »Genossen, ich habe Ihnen eine Mitteilung von Wichtigkeit zu machen . . . Ich will Ihnen jetzt den Grund meiner Verspätung sagen. Ich habe soeben von jemand den Entwurf der Wahlreformvorlage des Ministeriums erhalten, Genosse Weiner wird Ihnen in Kürze 136 die Grundzüge bekanntgeben . . . Aber ohne Zwischenbemerkungen und Aufregung, Weiner!«

»Aha!« ruft Runtz, als wenn er das alles schon geahnt hätte.

»Sie haben ja eben gesagt, es kommt gar keine,« schreit ihm Stransky zu.

»Ich bitte um Aufmerksamkeit,« sagt Weiner erregt. »Wenigstens jetzt. Wenn Sie den Entwurf kennen werden, wird es Ihnen ohnehin schwerfallen, Ruhe zu behalten.« Weiner zieht ein paar Blätter hervor und liest.

»Was hab' ich gesagt?« schreit Runtz, »das ist ärger als gar nichts.«

»Das ist der Generalstreik!« sagt Hutterer düster.

»Das muß russisch bekämpft werden,« Runtz schreit noch lauter, »in meiner Heimat . . .«

Stransky steht bei Weiner und sieht ihm in das Blatt: »Allerdings . . . Das widerspricht meinen Informationen.«

Schauer sitzt da und sieht die Leute an.

»Na, was sagen denn Sie, Fritsch?«

Fritsch beugt sich ganz zu Schauers Ohr hinunter und kichert: »Ich hab' ja alles schon gekannt. Hier hatte ich ein Exemplar für Sie in der Tasche.« Er ist so glücklich darüber, daß er ganz vergißt, empört zu sein.

Hudalek sagt bedeutend: »Das ist offener Krieg!«

Runtz stürzt zu Schauer: »Ich hoffe, daß dieser infame Entwurf morgen veröffentlicht wird!«

»Hoffen Sie!«

137 Runtz geht zu Hutterer zurück und sagt ihm leise: »Unerträglich sind diese Witze Schauers.«

Endlich hört man Annas klare Stimme: »Möchte uns nun nicht Genosse Schauer seine Meinung sagen?«

Ja, natürlich, er soll reden! Sie drehen sich zu ihm.

Schauer reibt sich die Augen: »Vor allem, Genossen, bin ich gegen die Entrüstung. Die heben wir uns auf! Die werden wir noch in großen Mengen für die Agitation benötigen! Wir wollen zuerst denken und dann losschlagen, in der Heimat des Genossen Runtz mag das anders sein, aber wir bleiben bei unseren Bräuchen. Das Gehirn ist nun einmal ein Hemmungsorgan.«

Hutterer fährt auf: »So ruhig könnte der Fürst Schwarzenstein reden.«

Schauer sieht sich um, sein Auge fragt: Wer ist denn das? Ah, der lockige Jüngling! . . . Dann antwortet er mit seiner aufregungslosen Stimme: »O ja, er könnte, der Schwarzenstein, und wir wollen versuchen, ihn zu einer gründlichen Gehirntätigkeit zu veranlassen. Ich wiederhole: Schimpfen werden wir später und reichlich. Heute wollen wir uns kühl fragen: Was sollen wir tun? Ein Teilnehmer wünscht, daß wir den Entwurf morgen veröffentlichen. Auf die Gefahr hin, seinen Unwillen zu erregen, werden wir das nicht tun. Erstens könnte das dem braven Manne schaden, der ihn uns geschickt hat . . .«

»Bravo,« ruft Fritsch.

»Zweitens aber könnte es die Regierung auf etwas festlegen, was noch ziemlich jung und weich und umformbar ist. 138 Nein, das täten auch nicht unsere Freunde in der Heimat des Genossen Runtz, die ich übrigens nicht genau kenne.«

»Das ist eine Beleidigung, das muß ich mir ausbitten.«

Schauer bleibt unbewegt: »Was ist denn da beleidigend? Ich kenne Ihre Heimat nicht. Hoffentlich kennen Sie sie besser . . .«

»Ich bin Russe, das wissen Sie!«

»Nein, das ist mir neu, ich habe Sie für einen . . . Spanier gehalten.«

Da platzt ein nicht unterdrückbares Lachen aus Annas Mund. Sie ist erstaunt über sich: War ich das selbst? Ich? Ich habe gelacht?

Stransky schmunzelt, sagt aber doch mit beherrschter Miene: »Ich bitte . . . zur Sache.«

»Verzeihen Sie . . .,« sagt Schauer, »Sie haben recht . . . Aber die Gefahr der Situation liegt darin, daß wir uns im ersten Zorn auf eine Dummheit festlegen.«

Hutterer fragt düster: »Halten Sie den Generalstreik für eine Dummheit?«

»Ich bewundre Ihr agitatorisches Geschick, Hutterer, alle Achtung, aber Sie dürfen mir nichts unterschieben! Ich halte den Generalstreik für eine so verflucht ernste Sache, daß ich ihn so lange wie möglich und so ruhig wie möglich überlege. Vielleicht werden wir wirklich streiken müssen, vielleicht bleibt es uns nicht erspart. Aber das Gesetz unserer Taktik heißt: Möglichst geringe Opfer für einen möglichst großen Erfolg. Sie wissen, daß alle großen Verbände seit Monaten rüsten. Aber hier unter uns, da wollen wir uns doch nichts vormachen. 139 Deklamieren können wir draußen! Hier wollen wir in aller Ruhe nachzählen, wieviel Geld in unserer Kasse ist und wieviel Mann uns parieren. Ich schlage also vor, daß wir vorerst eine vertrauliche Konferenz der Fachvereine einberufen und vor allem einmal untersuchen, wie stark wir sind und was die Arbeiter selbst, nicht bloß die Beamten und die Redner, sagen.«

»Also mit einem Wort: Verschleppung!«

»Nein, lieber Hutterer, mit einem Wort: Vorbereitung!«

»Das ist dasselbe.«

»Ich bedaure, ich kann hier dem Genossen Hutterer nicht Unterricht in deutscher Sprache erteilen . . .«

Hutterer wird blutrot.

Fatale Stille . . .

Endlich erwidert Hutterer, indem er sich die Locken zornig zurückstreicht: »Die Jugend werden Sie für diese Greisentaktik nie gewinnen.«

Da sieht Schauer sehr ernst zu dem jungen Menschen hinüber: »Lieber Hutterer, ich hoffe den Tag zu erleben, an dem ich alter Esel euch Junge vorwärtspeitsche!«

Anna starrt in das Gesicht Schauers. Seine großen Augen brennen jetzt und die Muskeln in den eingefallenen Wangen des kleinen Gesichtes zucken . . . Sie kann nicht länger an sich halten:

»Hutterer, das ist doch nicht die Art, wie wir mit Doktor Schauer reden.«

Der kleine glatzköpfige Mann legt beruhigend seine Hand auf Annas Arm: »Lassen Sie ihn nur . . .«

140 Anna spürt die Hand auf ihrem Arm, sie dreht sich schnell zu Fritsch hinüber, es erleichtert sie, jetzt ihr Gesicht zu verbergen: »Na ja, so darf der junge Mensch doch nicht reden.«

Fritsch wispelt zu Schauer: »Wissen S', er ist gestern Obmann der jungen Garde worden.«

»Ach so . . .«

Stransky fragt als Vorsitzender: »Wann soll diese Konferenz stattfinden?«

Schauer: »So rasch wie möglich natürlich, wir werden umfragen.«

Der Antrag ist gegen eine Stimme angenommen, sogar Hutterer hat zögernd dafür die Hand erhoben, nur Runtz hat verdrossen nicht mitgestimmt.

»So sind wir fertig?« fragt Stransky, »ich muß fort, wohne nämlich an der Donau . . . Somit schließe ich die Sitzung.«

»Bleiben Sie nur da,« ruft Schauer, »wir sind nicht im Parlament, nach Schluß wird's erst ernst! Ich will euch doch noch sagen, wie wir das Zeug, diesen stupiden Entwurf, in der Zeitung behandeln wollen . . . Erstens werden wir immer von einem provisorischen Entwurf sprechen, wir werden ihn nicht veröffentlichen, aber durchblicken lassen, daß wir ihn kennen und so weisen Herren wie unseren Ministern eine solche Dummheit nicht zumuten. Wir lassen ihnen ein Türl offen . . . Wenn Sie jemand sprechen, Stransky, immer ableugnen, daß das schon ein ernster, definitiver Vorschlag ist. Am Ende glauben sie's dann selber.«

Fritsch springt wieder über einen Sessel. Nach einem besonders schönen Sprung sagt er voll Fröhlichkeit zu Schauer: 141 »Sie sind doch noch gescheiter als ich,« und flüstert ihm ins Ohr: »sogar gescheiter als der . . . Spanier, o, das hat mir wohlgetan!« Und dann springt er noch einmal über den Sessel.

Hutterer empfiehlt sich düster.

Schauer hält ihn auf: »Halt! Gekränktheiten gibt's unter uns nicht . . . Leben Sie wohl.« Schauer hält ihm die Hand hin.

Hutterer wird wieder blutrot und schlägt ein.

»Na, was ist's mit Ihnen? Sie lassen sich ja gar nicht blicken?« sagt Schauer später zu Anna, »wissen Sie schon, daß Furtmüllers Mandat zu haben sein wird? Was macht ihr denn für Dummheiten, daß man Sie und Ihren Mann gar nicht zu sehen kriegt?«

Anna hat das Gefühl, als werde ihr der Hals mit einem eisernen Gürtel zugeschnallt.

»Wir lassen uns scheiden,« sagt sie endlich.

Schauer ist ganz erschrocken: »Ach so . . .?« Dann murmelt er: »Unbegreiflich . . . dieser Schiller . . . Kronprinz haben sie ihn genannt . . . Tja, die Stimmungsmeier!« 142


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