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Die Partei

Stefan Großmann: Die Partei - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Partei
authorStefan Großmann
year1919
firstpub1919
publisherUllstein und Co
addressBerlin-Wien
titleDie Partei
pages382
created20131027
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel

Doktor Schauer geht langsam den Weg zur Redaktion, ganz langsam, die Hände auf dem Rücken, den Kopf gebeugt. So wird ihn die Vaterstadt oder der Staat dereinst im Denkmal festhalten, in diesem langsamen, gedankenträchtigen Schritt, den Blick zur Erde gesenkt, als sei dort drunten das Heil zu suchen oder als lasten dieser Gegenwart Leiden zu sehr auf diesem zarten kleinen Menschen, der Weltgeschichte als eigene fühlt. Ohne Eile ist Schauer aus dem Haus getreten, oben im zweiten Stock steht die alte Dame am Fenster und das blasse Kind, die Gertrud. Dreh' dich einmal um, wünscht droben eine Mutter. Schauer geht weiter, steht am Straßenrand, ein Auto rollt vorüber, richtig, da ist ein unbenutzter Moment des Wartens. Schauer wendet sich um, ein Blick und eine ganz kleine, den Leuten nicht bemerkbare Handbewegung, ein vor der Welt verheimlichtes Winken fliegt zum Fenster hinauf! Das Kind dort oben hat den Gruß gesehen.

Die Straße durchquert, langsam dem Ziele zu – geht der in sich Versunkene neben den Menschen. Aber da gleitet ein kleiner Junge neben ihm aus. Ein Griff am Oberarm – Schauer hat den Buben wieder aufgestellt. Im nächsten Moment wieder Schritt vor Schritt dem Ziele zu, das Haupt gesenkt.

124 Drüben auf der anderen Seite flaniert Weiner, er steckt das Gesicht zuweilen vor ein Auslagefenster, zuweilen interessiert ihn ein Kopf hinter einem großen Damenhut, plump-frech guckt er hinunter. Jetzt gewahrt er drüben Schauer, der unbeirrt langsam durch das Gedränge dringt, still, möglichst geradeaus, im Notfall ausweichend, immer im gleichen Tempo, das Haupt gebeugt, so daß mancher vor dem Versunkenen zur Seite weicht, unnötigerweise, denn Schauer, obwohl er zur Erde schaut, gewahrt alles. So ist er, denkt Weiner, immer gleichmäßig und sicher vorwärts dringend! Ginge er schneller, wäre der Widerstand größer. Er macht den denkbar kleinsten Umweg, aber er weiß, daß es ohne Umwege nicht geht . . .

Schauer steigt die kleine Kellerstiege hinunter. Indes ist Weiner die letzten fünfzig Meter langsamer gegangen, ihm ist, als hätte er Schauer behorcht, und er hat ihm doch nur beim Gehen zugeschaut.

Helferich ist natürlich schon da, das Zimmer liegt im stinkenden Rauch seiner Zigarre.

»Daß Sie schon so früh kommen,« sagt Helferich.

»Ich muß bald wieder fort, abends ist Sitzung des Wahlrechtskomitees.«

»Die Leute werden nicht kommen in dieser Hitze.«

»So? Huber . . . Huber . . .! Rufen Sie telephonisch die Liste auf, die ich Ihnen neulich gab. Zum Hudalek gehen Sie in die Wohnung, und erinnern Sie ihn, daß um acht Uhr Sitzung ist, und auch zum Hutterer!«

Helferich sitzt an seinem Schreibtisch und möchte Schauer gern irgend etwas Angenehmes sagen. Nun ist ja wieder 125 Ordnung in seinem Haus, denkt er. Aber wie das sagen? Er kriecht um die Hauptsache herum und fragt:

»Ihrer Kleinen geht es wieder gut?«

»Danke, soso.«

Es liegt etwas Abweisendes in dieser Kürze, das riecht Helferich und sagt sich, aha, er will nicht von sich reden, bitte . . .

Nur eines muß Helferich noch sagen: »Gestern war Ihre Frau Mutter da.«

»Ich weiß.«

»Sie hat sich sehr beklagt, daß Sie keinen Sommerurlaub nehmen, bevor die große Herbstaktion beginnt.«

Schauer sagt nach einer Weile: »Apropos, Helferich, Herbstaktion . . . Haben Sie einen Einfall, wie man sich ohne Einbruch im Ministerium die Wahlreformvorlage verschaffen könnte? Ich habe es jetzt auf dem Wege daher überdacht. Eigentlich dürfen wir uns nicht überraschen lassen! Wir müssen ganz genau wissen, was die Regierung von selber geben will, damit wir das feststellen, was wir ihr noch abpressen können . . .«

»Ganz richtig,« sagt Helferich schon vertieft. Wo sind jetzt deine Ferialvorschläge, Mama Schauer? . . .

»Doktor,« sagt Helferich später von seinem Schreibtisch aus, »wir haben ja noch nicht einmal versucht, zu erfahren, ob die Staatsdruckerei daran arbeitet!«

»Richtig.«

»Lassen Sie sich doch einen Buchdrucker kommen.«

»Das kann nicht schaden. Huber . . . Huber . . .! Sind 126 Sie noch da? Läuten Sie auch in den Buchdruckerverein. Der Fritsch soll auch zur Sitzung kommen.«

Wisgrill tritt ein: »Guten Abend, nur im Vorübergehen . . . Was Neues?«

Schauer sagt: »Sie, Wisgrill, Ihr Fürscht gibt sich für den Macher der Wahlreform aus?«

»Gewiß.«

»Die Wurst ist doch schon fertig?«

»Ich denke.«

»Also, passen Sie auf, wir wollen einmal sehen, ob man was von ihm haben kann, von Ihrem Fürschten, er soll Ihnen ein Exemplar der Regierungsvorlage geben! Das ist doch nicht viel verlangt . . . Im Notfall leiht ihm der Kaiser gewiß sein Handexemplar.«

Schauer steht bei Wisgrill, klopft ihm auf den Rücken:

»Na, nicht gleich ein gekränktes Gesicht machen . . . Laden Sie Sonntag auch Ihren Fürschten ein, und er soll sein Machwerk gleich mitbringen, wir werden ihm sagen, wo es hapert, Helferich und ich!«

»Abgemacht,« erwidert Wisgrill erfreut, »und Ihre Frau Gemahlin, hör' ich, ist wieder in Wien, die kommt doch auch?«

»Das kann ich Ihnen nicht bestimmt sagen,« sagt Schauer ruhig, während er Wisgrill zur Tür begleitet, »aber laden Sie doch noch paar Leute dazu, Hudalek, Stransky, ich will kein Tete-à-Tete mit Ihrem Fürschten!«

Schauer öffnet bei seinem Schreibtisch die Post.

»Ah, was sagen Sie. Helferich, da schicken sie mir eine Anklage . . . vorläufig ist die Voruntersuchung eingeleitet. 127 § 64 und § 305, sapperlot, das ist ausgiebig, eine Majestätsbeleidigung und eine Aufreizung, das könnte ausgeben . . . eigentlich hätte ich gar nichts dagegen, jetzt so zwei, drei Monate allein zu sein.«

»Ihre Mutter ist für eine andere Erholung.«

»Ja, die Gute, die wird sich echauffieren . . . Vorläufig, versteht sich, erzählen wir ihr nichts, die Suppe wird ja nicht so heiß gegessen.«

Schon schneidet er einen andern Brief auf.

»Furtmüller ist mit seinem Wirtshaus in Konkurs geraten. Er dürfte sein Mandat niederlegen.«

»Na, ich danke,« brummt Helferich, »jetzt geht der Rummel wieder los.«

Schauer liest den nächsten Brief und lacht: »Alle Achtung, der ist orientiert, und schnell bei der Hand . . . Runtz meldet mir schon seine Kandidatur. Aber was geht denn das mich an? Er soll zu dem Bezirkskomitee gehen. Weiner, kommen Sie her, ich schenk' Ihnen die Offerte . . . Was ist denn das für ein Mensch, dieser Runtz, Buchhändler, nicht?«

»Ich glaube, jetzt ist er in der Kreditbank, der Direktor Mandl hat ihn zu sich genommen.«

»Was? Sie ›glauben‹?« poltert Helferich, »er ist doch Ihr Freund, verleugnen Sie ihn nicht!«

Weiner wird hochrot: »Freund? . . . wir wohnen beide in der Glockengasse.«

»Er schreibt,« Schauer sieht in den Brief, »daß er in der russischen Revolution mitgetan hat.«

128 Da lächelt Weiner, ein kleines, einigermaßen verächtliches Lächeln.

»Na, Weiner, das haben Sie uns ja verschwiegen, ein netter Freund sind Sie!« Helferich genießt Weiners Verlegenheit.

»Echt russisch sieht er eigentlich nicht aus,« sagt Schauer langsam.

Weiner lächelt noch immer, aber seine Augen schauen schwermütig auf. Er sagt nur: »Eigentlich ist er aus Kattowitz.«

»So?« antwortet Schauer, »jedenfalls ist er kein Kandidat.«

»Warum denn nicht?« erwidert Helferich. »Sie glauben auch noch immer, ein Kandidat muß eine besondere Intelligenz oder ein auffälliges Talent sein. Aber unser Bedarf an Genies ist schon längst gedeckt.«

Im Eifer sagt Weiner: »Das ist doch Schillers Wahlbezirk.«

Helferich starrt Weiner an, wie wenn er fragte: Was fällt dir ein?

Nun, der Name war genannt! . . .

Helferich wendet sich zu Schauer hinüber, möglichst harmlos.

»Eigentlich hat er recht,« sagt Schauer, »man müßte Schiller fragen . . . wo steckt er denn?«

Helferich schweigt und versinkt hinter seiner Zeitung.

Weiners Feder kratzt über das Papier, er wagt, weil Helferich ihn so erstarrt angesehen, nicht mehr aufzuschauen.

129 »Unbegreiflich,« sagt Schauer, »wie man so haltlos sein kann . . . Seit dem Wahltag ist er wie fortgeblasen. Schade, er hätte ein brauchbarer Mensch werden können, wenn er keine Stimmungen hätte.«

Helferich liest inbrünstig.

Weiners Kopf liegt über seiner Schreiberei.

Plötzlich springt Schauer auf: »Ah, das ist großartig.« Sein Gesicht strahlt. »Kommen Sie doch her, Weiner, Helferich, Huber . . . ah, das freut mich wirklich. Da schickt mir einer anonym einen Bürstenabzug der Wahlrechtsvorlage. Bitte, heben Sie das Kuvert auf, Weiner, schwarze Fingerabdrücke. Wisgrills Fürst ist das jedenfalls nicht.«

Alle drei stieren in die Blätter.

Draußen irgendwo spielt ein Grammophon, von fern her hört man die Signale der Straßenbahn, ein Schusterbub pfeift im Vorübergehen auf der Gasse . . .

Die drei saugen sich in die Blätter, die Schauer hält.

Der erste, der die Stille zerreißt, ist Helferich:

»Das ist ja blödsinnig . . . Ein Pluralwahlrecht für alle, die beim Militär gedient haben, und eine dritte Stimme für Familienväter, Wisgrill, wo ist Ihr Fürscht?« Helferichs Stimme kippt höhnisch über.

»Lassen Sie uns doch ruhig zu Ende lesen!« sagt Schauer.

»Und Wahlpflicht, damit die Indifferenten kommen!« murmelt Weiner.

»Und rechtlos, wer je eine Armenunterstützung bekam! . . . Das ist ja blödsinnig! . . . Werfen Sie's doch weg, Doktor, 130 zerreißen Sie den Wisch, das ist ja Stumpfsinn . . . Das nennen sie Wahlreform?«

»Hm,« sagt Schauer ruhig und faltet die Bogen sorgfältig zusammen, »das kommt uns jedenfalls heute sehr gelegen. Haben Sie mehr erwartet, Helferich? Ich nicht. Das werden wir schon noch ein bißchen frisieren.«

Acht Uhr. Schauer muß sogleich in die Sitzung. Schon ist er draußen, aber eine Minute später ist er wieder da:

»Huber, klingeln Sie meine Wohnung an.«

Die Verbindung ist fertig.

»Hier Schauer . . . Du bist's, Mutter? Ja, hier Karl . . . ich wollte mich nur vergewissern, ob du bei Gertrud bist . . . Schön, danke . . . Richte dich doch gleich für ein paar Tage bei uns ein . . . Nein, warte nicht . . . ich werd' spät nach Hause kommen, es ist Sitzung . . . Ich bringe Gertrud Schokolade mit, ja, gewiß!« 131


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