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Die Ordnung schuf der liebe Gott

Jura Soyfer: Die Ordnung schuf der liebe Gott - Kapitel 7
Quellenangabe
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typefiction
authorJura Soyfer
titleBriefe, Gedichte, Kurze Prosa
publisherVerlag Philipp Reclam jun.
editorWerner Martin
year1979
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Resumé zum 6. Kapitel

Am 15. März 1933 hat die Regierung Dollfuß das Parlament am Zusammentreten verhindert. Am 29. März löst sich der Schutzbund auf. Die Arbeiterschaft ist ungeheuer erregt und will sich mit Gewalt wehren. Die sozialdemokratische Parteiführung hält den Zeitpunkt für ungeeignet. Sie hofft auf Verhandlungen, die ihr von der Regierung versprochen wurden. Sie ist der Ansicht, daß der Faschismus sich an einer zähen, gewaltlosen Defensive totlaufen wird. Darum beschränkt man sich auf eine demonstrative Geste: Seitz, der Bürgermeister des roten Wien, löst die Wiener Heimwehr auf, obwohl der Heimwehrführer Fey dagegen beim Sicherheitsminister rekurieren darf und der Sicherheitsminister eben derselbe Fey ist.

Ferdinand Dworak, Obmann des Betriebsrates eines großen Wiener Bahnhofs, kommt mit einer Delegation zu Otto Bauer, dem linken Parteiführer, um im Namen des Betriebes den bewaffneten Aufstand zu fordern. Bauer macht ihnen den Standpunkt des Parteivorstandes klar. Nun wird Dworak die schwere Aufgabe haben, diesen Standpunkt vor den aufgewühlten Massen zu verteidigen.

Schluß des 6. Kapitels

»Grüßen Sie Ihre Kollegen von mir, Genossen. Und gestatten Sie mir, Ihnen noch eines zu sagen. Sie waren doch alle im Krieg? Können Sie sich an die Marneschlacht erinnern? An den Tag, da an der zähen Defensive der französischen Truppen die gewaltige Offensive der deutschen Armeen sich zum erstenmal brach? Nun, Genossen, wir wissen, welche Opfer dieser Tag von Ihnen erfordert. Aber vergessen Sie doch nicht, daß er zur Marneschlacht des österreichischen Faschismus werden kann. Schauen Sie, Genossen, Sie sind Vertrauensmänner, Offiziere in unserer großen Armee. Wir, im Generalstab, werden unsere Pflicht tun. Tun Sie die Ihre, jeder in seinem Grabenabschnitt. Wir verlassen uns fest auf Sie. Vergessen Sie nicht, daß für Offiziere vor allem ein Gebot gilt: Disziplin, Genossen!«

Und dann, die drei standen schon in der Tür, sagte er halblaut: »Auch ich habe mich schon der Parteidisziplin unterworfen in Fällen, wo ich anderer Meinung war.«

Sie stiegen stumm die Treppe hinunter. In den Köpfen kreisten ihnen die vielen klugen Worte, die sie gehört hatten. In den Herzen lagen ihnen fest verankert die letzten. Die waren ein Appell. Wer solche Worte nicht begriff, hatte nicht das Recht, sich österreichischer Vertrauensmann zu nennen. Sie aber wußten, die Zeiten sind solche, in denen man Andeutungen verstehen muß. Sie verstanden. Niemals waren sie stolzer gewesen auf die lange, harte Lehrzeit, die ihnen Ohr und Nerven geschult hatte. Sie verstanden!

Und ohne einander anzusehen, waren sie überzeugt, dasselbe zu fühlen. Nein, wir fallen dir nicht in den Rücken, Genosse Bauer. Wir nicht. Du hast es schwer genug in diesem verfluchten kleinen Land, schwer genug hast du's in der Internationale. Tu, was dir klug scheint. Wer soll dir folgen, wenn nicht wir, Genosse Bauer?

Sobald die Tramway in die Hauptstraße einbog und der Lärm der Demonstration in den Wagen schlug, beschloß Dworak, hier auszusteigen. »Fahrt's in den Betrieb«, sagte er zu Weyr und Andritz. Sie hörten ihn kaum, der Motorführer hatte begonnen, wie rasend die Klingel zu treten. Auch er war offenbar mit den Nerven so gut wie fertig nach der halbstündigen Fahrt durch den aufgewühlten Bezirk. Dworak stand auf, drängte sich durch die Fahrgäste, die mit aufgerissenen Augen durch die Fenster starrten. Mit Befriedigung fühlte er, wie vollständig ruhig er war. Was hier geschah, kannte er auswendig, wie er noch immer das Vaterunser kannte. Der junge Schaffner auf der Plattform hatte die Kappe auf den Hinterkopf geschoben, der Riemen seiner Tasche hing nicht vorschriftsmäßig, sondern lose um den Hals. Er ließ die Tasche achtlos pendeln, weit über den Wagenrand vorgebeugt. »So haben wir im Jahre 18 die Gewehre verkehrt gehängt«, dachte Dworak. Er schob den Mann freundlich beiseite. »Keine Angst vor der Kontrolle? Was ist mit den Schwarzfahrern?« Der Schaffner sah ihn geistesabwesend an. »Daß die im E-Werk den Strom noch immer...« Die Straße heulte plötzlich auf und verschlang seine Worte.

»Niedeeer!!«

Die Tramwayklingel schepperte ununterbrochen wie ein Alarmsignal. Dworak blieb einen Augenblick auf dem Trittbrett der fahrenden Bahn stehen und versuchte die Zahl der Köpfe zu schätzen. Dreitausend – fünftausend – aber die Bogenlampen schwankten im starken Wind, Licht und Schatten wechselten zu heftig über der Masse, es war schwer zu schätzen. Dworak sah nur, daß sie bis hart an die Häusermauern marschierten, daß weder nach vorne noch nach hinten zu ein Ende des Zuges abzusehen war. Er spähte nach den dunkelgrauen Uniformen. Es waren wenige da, zersprengt und eingekeilt. »Die beste Polizei der Welt«, sagte Dworak laut und höhnisch. Dann erblickte er, was er suchte, und sprang ab.

Er war sofort eingezwängt. Die anderen Leiber drängten ihn langsam, aber gewaltig nach rechts, die Straße abwärts, in die Richtung Gürtel. Die Stimmen, die die Losungen riefen, klangen schon heiser und japsend. In die Rufe mengten sich schon die grellen Pfiffe der jungen Burschen. Dworak kannte die wilde Demonstration, hatte sie genau studiert, liebevoll wie die Ärzte die Epidemien. Er blieb kühl. Er begann sich zur Polizeicharge vorzudrängen, und ohne das Haustor, in dem der Offizier stand, aus den Augen zu verlieren, suchte er mit kurzen Seitenblicken nach bekannten Gesichtern. Gattinger schritt vorüber. Er schrie in einem Atem sehr eilig und sich verhaspelnd: »Hoch der Schutzbund! Nieder mit der Faschistenregierung!« Der elegante, steife Kragen des Herrenmodenkommis war weit aufgerissen. Gerade als ein Chor seinem Ruf antwortete, strich er an Dworak vorüber, wie ein Nachtwandler, die Augen verzückt nach vorne, ohne ihn zu sehen. Die Andraschek winkte. Ihr fettes Fleisch glühte hochrot im Gesicht und im Brustausschnitt. »Kommens mit, Genosse Dworak! Zum Parlament her ich! Diese Kanaillen!« Kerner, in der dienstlichen schwarzen Wachstuchjacke tauchte neben ihm auf. »Was gibt's Neues? Du kommst doch vom Parteihaus? Es schaut aus –«

»Niedeeeeer!!«

Kerner wurde blaß, seine Unterlippe zitterte, er packte Dworak beim Rockaufschlag. »Dworak, du, was meinst, nicht wahr, es zahlt sich aus, heut zahlt sich's doch aus – die Pension zu riskieren?« Dann mußte Kerner loslassen. Er war ein schwächlicher Mensch, und der Strom, den Dworak durchquerte, schob ihn weiter.

Von der Tramway aus hatte es Dworak geschienen, als wäre der Polizeimacher dort der Stadthauptmann Kusnitzki. Aber als er sich zum Haustor durchgedrängt hatte, sah er, daß es ein anderer war, ein weniger hohes Vieh, das er nicht kannte. Der schlanke Mann, in eine enge Geckenuniform gezwängt, hatte einen erstaunlich kleinen, wie brüchigen Schädel, eine richtige Aristokratenvisage. Er war käseweiß, stand im Eck' des Haustores, zerknitterte seine Glacehandschuhe zwischen den Fingern und glotzte die Straße aufwärts. Drei Polizisten umringten ihn, klemmten die Knüttel krampfhaft in die Fäuste, sahen ihm ins Gesicht, warteten.

»Sie, passen Sie auf, ich werde jetzt eine kurze Rede halten!« Der Offizier zuckte zusammen und wendete sich zu Dworak: »Eh – was wollen Sie?« An der Brustseite seiner Uniform zog sich von oben bis unten eine schleimige Spur: Spucke. Wenn der nicht bald hinterm Haustor verschwand...

»Ich halte eine Rede, verstehen Sie?«

»Öffentliche Versammlungen sind gesetzlich –«

Dworak spürte Ärger. »Ja, sind Sie blind? Sehen Sie nicht, was los ist?«

»Ich mache Sie aufmerksam, daß in einigen Minuten das Überfallkommando –«

Wie Dworak sie kannte, diese krampfhaft arrogante Grimasse, die ihm jetzt entgegen starrte! Wie oft er sie gesehen hatte, diese leichenblassen, hochmütigen Offiziersgefrieser, 1918 auf den Provinzbahnhöfen, in den drohenden Wirbeln der rückflutenden Soldatentrupps. Wie er ihn jetzt wiederfand, unverändert nach 15 Jahren, den provozierenden Herrenmut! Oh, das war etwas, was Dworak nicht vertrug, ganz und gar nicht vertrug. Er war ein ruhiger Mensch, ein besonnener Mensch. Aber das war immer wie eine Krankheit bei ihm gewesen, hatte ihn immer innerlich wie umgekrempelt, eine Art Jähzorn, aber eiskalt. Er biß die Zähne zusammen. Keine Dummheiten, Dworak, keine Dummheiten jetzt. Auf der Straße gab es keine Rufer mehr und keine Chöre, die einstimmten, sondern ein einziges Geheul ohne Pause und Ende. Keine Bekannten und Unbekannten mehr. Schwankende Gesichter, die sich öffneten und schlossen und dabei stumm schienen im ungeheuren Getöse. Köpfe, die vorüberstrichen, Fäuste, die sich schüttelten. »In Berlin«, dachte Dworak kühl, »in Berlin hätten sie die Gefrieser längst zu Haschee gemacht.«

»Sie sind verhaftet«, sagte der Offizier.

»Was?« Einer der Wachleute packte ihn beim Arm. »Ja, bin ich bei dir ein Verbrecher? Bin ich ein Verbrecher, du Dreckskerl?!«

»Maul halten, sonst – ! Kommen Sie mit!« Ein zweiter griff zu, drehte ihm den Arm um. Rote Kreise begannen vor Dworaks Augen zu tanzen. Dworak sah alles rot. Er schüttelte die zwei ab, sie griffen wieder zu, einer beim Hemdkragen, daß es ihm den Atem verschlug. Er öffnete den Mund, schnappte mit aller Kraft nach Luft, wollte losbrüllen. Dann geschah alles geschwinder, als er denken, gerade so schnell, als er handeln konnte. Ein Kopf schob sich johlend vor. Eine Faust schlug mitten in die Aristokratenvisage. Lächerlich schnell sprudelte der ein Blutbad aus der Nase, der eine ließ Dworak los, Dworak bekam einen Knüppelschlag auf den Hinterkopf, die Narbe vom Kopfschuß begann rasend zu schmerzen, der zweite taumelte gegen das Tor, riß ihn am Kragen mit, er spürte, daß er erstickte, dann, daß er frei war, sah Gummiknüttel durch die Luft sausen, dann eine Zaunlatte, ein Ziegel krachte neben ihm ans Tor, ein weicher Gegenstand flog ihm an die Brust, er fing ihn auf, klebrig, er hob ihn ans Licht, eine Polizistenkappe.

Zwei Worte jagten ihm durch den Schädel: Fünfzehnter Juli!

Er griff mit beiden Armen nach rechts, packte den Offizier um den Leib, klinkte mit dem Ellbogen das Tor auf, zog den Mann in den Flur, stemmte sich mit aller Kraft gegen die Klinke. Aber der Sturm auf die Tür, den er erwartete, blieb aus. Da erst kam Dworak wieder zum Denken. Er maß den Offizier von Kopf bis Fuß. Der stand fast »Habtacht« im Licht der Hausflurlampe. Über sein Gesicht, das jetzt aschgrau war, zog sich quer ein roter Striemen. Er sah Dworak mit einem Fischblick an, zog die Mundwinkel abwärts und begann, ohne die Augen zu senken, langsam seine Glacehandschuhe auszuziehen. »Prügeln nützt nichts«, dachte Dworak, »man muß sie totschlagen.« Aber die Krankheit war fort. Er sagte: »Sie haben mehr Glück als Verstand gehabt.«

Der Offizier ging einen Schritt auf ihn zu. »Sie sind verhaftet. Folgen Sie mir.«

»Lassen Sie die Witze«, knurrte Dworak angeekelt. Er blickte dem Narren über die Schulter, um nicht das Gesicht sehen zu müssen. »Hören Sie zu. Ich werde jetzt 'rausgehn und eine Rede halten. Daß Sie mich ja nicht stören, jetzt können Sie eh nicht, aber auch nicht dann, wenn ihre Verstärkung auftaucht. Die Situation –«

»Halten Sie den Mund und folgen Sie mir aufs Kommissariat.« Das Haustor krachte von einem Tritt oder Steinwurf. Das Gejohle der Straße echote im Hausflur.

»Sie, Herr Kommissär, oder was Sie sind, versuchen Sie einmal im Leben nachzudenken, Himmelherrgott. Wir haben schon ein paar Minuten verloren. Ihre Verstärkung ist noch nicht da. Sie hat auf dem Weg zu tun gekriegt. Aber wenn sie da ist – sie müssen doch Demonstration und Demonstration unterscheiden, Herr, das ist doch Ihr Beruf –, fließt Blut. Tot, verstehn Sie, Tote!«

Und weil der Unterschabsel noch immer nicht kapierte, was er wollte, noch immer da stand wie eine Panoptikumpuppe und weil Dworak daran dachte, wie der Kerl jetzt zusammenknicken würde, wenn der Stadthauptmann Kusnitzki einträte und Dworak grüßte, wie er ihn immer grüßte, und weil Dworak eine Art verächtliches Mitleid bekam, sagte er langsam und eindringlich: »Ja, verstehn Sie denn nicht? Ich will die Leute doch beruhigen. Werden Sie denn sonst fertig mit ihnen? Ich helfe euch doch.«

Das Gesicht des Offiziers veränderte sich mit einem Schlag, leuchtete auf. »Sehr gut, sehr gut. Kamerad, ich –«

»Wer ist dein Kamerad?!«

Dworak stieß ihn weg, stürzte zum Tor, auf die Straße. Die Straße tobte. Mit dem Ärmel um den Mast der Bogenlampe geschlungen, hing zerfetzt eine grüne Uniformjacke. Kamerad – Kamerad. Die Masse bewegte sich nicht mehr vorwärts, war in besinnungslose johlende Trupps verteilt. Eine Frau drängte sich neben Dworak vor. Schrie auf: »Haut's es tot!« Dworak stemmte sich vorwärts, begann sich mit dem Ellbogen durchzuschlagen, auf das riesige Lastauto am anderen Trottoir zu, Kamerad – Kamerad – ein Mann rollte ihm vor die Füße, schaute mit Augen auf, die voll Todesangst waren, raste geduckt davon, er war ohne Rock, das Hemd zerfetzt, aber die Hosen verrieten noch immer, wer er war, ein Bursch holte weit aus, schlug ihm stumm ins Gesicht. Kamerad – Wer ist bei dir ein Kamerad, Dreckskerl?!

Der Chauffeur des Lastautos erriet sofort, daß Dworak sprechen wollte, half ihm hinauf. Auf den breiten Schultern des Chauffeurs kniend, griff er nach dem Rand des hohen Autodaches, sah noch, wie der unten den Kopf hob und ihn anlachte: »Heut muß's noch krachen, gelt? Mach's gut.« Dann stand er oben.

»Genossen!« Er hatte oft zu Massen gesprochen, aber zu solchen Massen schon lang nicht.

»Genossen!« Vor fünfzehn Jahren war er ihnen so gegenüber gestanden, auf den Provinzbahnhöfen, den Burschen mit den roten Nelken auf den lausigen Militärkappen, und manche hatten sogar Sowjetsterne gehabt, den Burschen mit den verkehrt gehängten Gewehren.

»Genossen!«

Einige Hundert drängten sich schon um das Auto, blickten mit verdrehten Hälsen auf ihn. Hunderte Blicke– – – Dworak merkte plötzlich, daß ihm schwindelte. Die Kopfnarbe begann stark zu schmerzen. Ruhe – dachte er und schwankte. Ihm wurde schwarz vor den Augen – ich muß – Offizier – Marneschlacht – Manöver (weiß der Teufel, woher ihm das Wort plötzlich hergeweht kam) – Manöver – aber das dauerte nur Sekunden, dann hatte er sich wieder in der Hand.

»Genossen! Die faschistische Regierung hat den Schutzbund aufgelöst!«

Er wußte, daß sie losschreien müßten. Sie schrien los, lange und gellend. Er wußte, daß es dann ein paar Augenblicke lang stiller werden würde als früher. Es wurde still.

»Als Antwort darauf –« Jetzt waren schon gut tausend um's Auto, nur in einer Nebengasse schlugen sie noch zu –

»Hat unser Genosse Seitz als Wiener Landeshauptmann die Wiener Heimwehr aufgelöst! Genossen –«

»Hoooch!«

»Genossen – die Rechtsgleichheit –«

»Hoooch!«

Es hatte gewirkt. Dworak spürte einen bitteren Brechreiz im Mund. Jetzt das Letzte hergeben. »Die Rechtsgleichheit ist wiederhergestellt! Die österreichische Sozialdemokratie gibt Schlag für Schlag zurück. Unsere Losung ist jetzt: hinein in die Parteiordnerschaft und –«

»Hoooo -!!!!«

»Und nun, Genossen, zu den Sektionslokalen! In Ruhe zu den Sektionslokalen. Alles ruhig und diszipliniert zu den Sektionslokalen!«

Erst folgten einige, dann ein Dutzend, dann ganze Klumpen. Die Strömung setzte ein, setzte sich durch, zog die mit, die nicht mitwollten. Nach wenigen Minuten sah Dworak große Flecken leeren Asphalts, sah dann nur mehr einzelne unentschlossen herumstehen, sah Burschen die Hände in die Taschen versenken, Frauen ihre Kleider glatt streichen, eine wild diskutierende Gruppe (kein Wachmann weit und breit) im Wirtshaus verschwinden, vier Männer lachend davonschlendern, sah den Chauffeur des Autos ungeduldig winken: laß mich schon fahren, sah, daß er gesiegt hatte, und spürte keine Siegesfreude.

Als er sich bückte, um hinunterzusteigen, hörte er von der Reiningergasse her Pfiffe. »Sie kommen säubern«, dachte er grimmig, »jetzt können sie kommen.« Sobald er auf dem Pflaster stand, begann er sofort zum Telefonautomaten zu laufen, um das Parteihaus anzurufen und jemanden anzufordern, der für die Verhafteten intervenieren sollte. Das Johlen in der Reiningergasse wurde stärker. Neben ihm rannten andere. Rennt nur, Genossen, rennt, daß ihr keine Tippeln nach Hause bringt. Wie das Vaterunser kennt man das alles.

Aber plötzlich kam ein Ruf, der ihn stutzig machte: »Verboten san's, abrüsten!«

Wen zum Kuckuck wollten sie abrüsten? Die Polizei? Jetzt noch? Wo sie schon davonliefen?

Sie liefen nicht davon. Sie liefen zur Reiningergasse. Die Reiningergasse füllte sich mit Menschen, und die Hauptstraße war wieder lebendig.

Dort unten aber, wo die Bankgasse die Reiningergasse am unteren Ende kreuzte, stand in Marschformation, hinter einem Doppelkordon von frischer Wache, eine Heimatschutzkompanie. Noch war zu sehn, wie der Polizeikommandant den Faschisten zuredete, abzuziehn. Noch war zu sehn, wie sie grinsten und über den Kordon hinweg provozierten. Dann war nichts mehr zu sehn, was dort geschah. Die Gasse war gesteckt voll mit der heulenden Masse.

»Aus ist's«, dachte Dworak müde. Sie warteten noch auf den nächsten Flitzer, die Helden. Aber dann – er nahm den Hut ab und wischte sich den Nacken, wie er's sonst nach der Arbeit tat.

Neben ihm stand ein magerer Mann, den er nicht kannte. »In fünf Minuten gibt's Schwerverletzte«, sagte ihm Dworak. Der Mann warf die Fäuste hoch. »Sie sind aufgelöst! Sie haben kein Recht nicht! Kein Recht! Kein –«

Plötzlich schwieg er. Schaute mit einem Schlag ganz merkwürdig drein. Er hatte hagere Wangen voll grauer Stoppeln, einen dünnen Mund, Runzeln, ein alter Mann schon. Und seine Gesichtszüge hatten sich entspannt, die Augen strahlten, der zahnlose Mund war ein wenig geöffnet. Man sieht selten Menschen auf der Straße, die so sonderbar dreinschauen, so verzückt, er kam Dworak irgendwie bekannt vor, aber woher? Der Alte streckte die Arme nach vorne aus und sagte leise: »Der Schutzbund.«

Dworak warf sich herum. Auf der Hauptstraße zu ihnen her kam, Laufschritt, in Viererreihen, die Kompanie »Friedrich Engels«. An der Spitze neben Kaliwoda rannte Bezirksrat Pawlik unaufhörlich fuchtelnd. Kaliwoda ignorierte ihn vollständig, lief, den Kopf starr geradeaus...

Dworak besann sich nicht. Stürzte los. Dreißig Meter von der Reiningergasse stieß er auf sie. »Kompanie – halt!«

Sie waren in voller Montur und hatten die Sturmriemen unterm Kinn. Trotz allem, was hier geschah, das Exerzieren saß ihnen in den Knochen. Sie blieben stehen. Sofort warf sich der Bezirksrat auf Kaliwoda. »Zurück! Sie gehören ins Bereitschaftslokal!«

Der magere kleine Kommandant zeigte ihm die Zähne. » Sie haben da gar nichts zu kommandieren!«

Pawliks schwammiger Kopf lief fast violett an. Er taugte nicht für solche Angelegenheiten, wann würde er das endlich verstehen? »Sehen Sie nicht, was hier vorgeht?« japste er.

»Und ob!« gab Kaliwoda zurück.

»Drum gehn mir's ja holen, die Krachen!« schrien sie dazwischen. »Mir wer'n die Genossen nicht abschlachten lassen!«

Und drüben brandelte es schon gewaltig. »Laß mich 'ran, Pawlik, du verstehst nichts davon, du wirst mit den Leuten nicht fertig.«

Aber der Dicke redete weiter seinen Unsinn. »Die Waffen! Ihr wißt ja gar nicht, wo die Waffen sind.«

»So?« Kaliwoda grinste gefährlich. Die ganze Kompanie grinste.

Pawlik verlor den Kopf, stampfte auf. »Nein!«

Er war für sie erledigt. Kaliwoda hob die Hand: »Kompanie zurück!« brüllte Pawlik. Sie rannten schon.

Da packte Dworak den kleinen Kommandanten am Brustteil der Jacke, wirbelte ihn herum. »Als Bataillonskommandant nehme ich dem Kompaniekommandanten Kaliwoda das Kommando ab!« Sie stutzten. »Verstanden?«

Kaliwoda, umringt von hundert Männern, die bereit waren, für ihn in die Hölle zu marschieren, sah Dworak mit dem schüchternen Blick eines Buben an, der die Strafe fürchtete. »Dworak«, stammelte er, »wir sitzen seit gestern abend in Bereitschaft und warten.« Er schluckte ein bißchen. »Schick uns nicht zurück.« Die Kompanie schwieg und wartete.

»Genossen Schutzbündler! Als Parteiordner sehen wir uns morgen wieder. Es gilt jetzt zu beweisen, daß der Schutzbund die disziplinierte, zuverlässigste Vorhut der Arbeiterklasse ist! Wenn in der Reiningergasse nicht in den nächsten Minuten Ruhe entsteht, gibt's ein Blutbad! Darum: Laufschritt zur Reiningergasse, durchdrängen, die Genossen abdrängen, auseinanderschicken!«

Gehorchen sie? Sie warteten. Aber Kaliwoda hatte den Kopf gesenkt und sprach nicht zu ihnen.

Das Letzte hergeben. »Wir liefern unsere Genossen nicht den Säbeln der Polizei aus! Nur die Besonnenheit des Schutzbundes kann dies. Vorwärts, Genossen! Kompanie, Laufschritt, marsch!«

Sie gehorchten. Wieder war Kaliwoda an der Spitze. Dworak hielt sich dicht hinter ihm, wußte: Ein Wort von dem Kleinen genügte und die Hundert rannten an der Reiningergasse vorbei, weiter zu den Gewehren. Kaliwoda bewegte die Beine in kurzen, sehr regelmäßigen Sprüngen, als hätte er noch weit zu laufen. Aber er schwieg.

»Ich übernehme keinerlei Verantwortung!« schrie der Bezirksrat. Er stand mitten auf der Straße, weit hinter ihnen schon, ein zappelnder Hampelmann. Sie waren am Eck. Kaliwoda schwenkte ein wie ein Automat. Sie warfen sich in den Hexenkessel.

Sie hatten es schwer.

Schwer, sich durch das aufgepeitschte Element zu bahnen. Schwer, sich im Sturm hörbar zu machen. Schwer, diese brüllenden, pfeifenden Klumpen, die aneinanderhingen wie zusammengenietet, zu verschieben, zu zerspalten. Aber Dworak hatte gute Nerven.

Nur: das war kein Meeressturm, kein Wirbelwind, kein Steinschlag, sondern das waren Menschen. Mit Gesichtern, die ihm entgegenstrahlten, und dann, als sie begriffen, plötzlich hilflos wurden oder mürrisch oder entsetzt oder feindselig. Mit Mündern, die jubelten: Hoch! und dann starr wurden, offenblieben oder nein schrien. Nein! Aber Dworak hatte gelernt, hart zu sein, und wußte: Wo gehobelt wird, fallen Späne.

Nur: dann fingen sie zu singen an. Als sie fast alle begriffen hatten, als viele schon gehorchten, als sie zur Hauptstraße abströmten, langsam in stockende Trupps, da begann einer, irgendwo sehr laut, sehr heiser, ein wenig falsch, so wie immer der, der beginnt.

Und sie sangen:

»Wir sind das Bauvolk der kommenden Welt,
Wir sind der Sämann, die Saat und das Feld,
Wir sind die Schnitter der kommenden Mahd,
Wir sind die Zukunft und wir sind die Tat.«

»In die Sektionslokale!«

»So flieg Du flammende«,

»Auseinandergehen, Genossen!«

»Du rote Fahne,
voran dem Wege, den wir ziehn«,

»Zurück, nicht provozieren lassen! In die Sektionslokale!«

»Wir sind der Zukunft getreue Kämpfer,
Wir sind –«

Huii – huii – huii – huii – –

»Gott sei Dank«, sagte Dworak. Blitzschnell kamen die kurzen, boshaften Pfiffe der Überfallautos näher.

Die Menschen spritzten auseinander, rannten los. Alle Nebengassen spien grüne Schwarmlinien aus. Ja, jetzt waren endlich genug von ihnen da, und sie bekamen Mut, die besten Polizisten der Welt! Jetzt beherrschten sie auf einmal die Straße, jetzt säuberten sie! Und die Heimwehrler halfen mit, jagten nach Schutzbündlern, fluchten gemeinsam, wenn sie einen packten, rissen ihm die Jacke vom Leib. »Roter Saubankert!«, setzten ihm das Bajonett vor die Brust, die verbotenen Heimwehrler, verboten und schon wieder erlaubt, wer zweifelte denn dran.

Die Gejagten aber, rennend, keuchend, von Schlägen umhagelt, die Gejagten sangen weiter ...

»der Zukunft getreue Kämpfer,
Wir sind die Arbeiter von Wien.«

Nicht alle sangen. Wer feige war, schwieg. Wer tapfer war, aber auf dem Gesicht geschrieben hatte: Frau und Kinder!!! schwieg. Aber

»So flieg du flammende«,

Die Burschen,

»Du rote Fahne,
mit der Wut und der Scham im Gesicht –
Voran dem Wege, den wir ziehn«,

die sangen.

Und die von der Kompanie Kaliwoda

»Wir sind die Retter«

sangen alle. Und nur jene verstummten,

»Wir sind die Rächer«

die die Übermacht niedertrampelte, um ihnen die Jacken vom Leibe zu reißen,

»Wir sind der Rote Schutzbund Wien!«

auf denen stand:

»Friedrich Engels.«

»Na also, Genosse Dworak, daß Sie endlich kommen. Ich warte schon eine Ewigkeit auf Sie in dem Gasserl, ein stilles Gasserl, net wahr, ein ruhiges Gasserl, also ich muß Ihnen gratulieren. Ihre Besonnenheit hat heute Schlimmes verhindert, ich werde den leitenden Genossen und wenn Sie wollen, werde ich auch Ihren Namen in der ›Arbeiter-Zeitung‹, aha, Sie gehen nach Hause, müde, net wahr? Na ja, ich begleite Sie ein Stückchen, also das hätt ich mir nicht gedacht, daß Kaliwoda usw. sich so brav benehmen werden. Die haben die Leute ja direkt mit einer Verbissenheit auseinandergetrieben, manche sind sogar handgreiflich geworden, net wahr. Na ja, ziehen Sie einem Menschen eine Uniform an, und er wird sich gleich über die Masse erhaben fühlen, haha. Habe ich nicht recht? Warum antworten Sie nicht, na ja, müde, müde kann ich mir denken, verletzt sind Sie auch, wissen Sie, darum ist diese Auflösung recht bedauerlich, net wahr, die Unzufriedenheit wächst leider. Aber Sie sehen ja aus wie eine Leiche, Mensch, na, die Frau wird Sie schon aufpäppeln, haha, net wahr – net wahr – net wahr – net wahr – –«

»Gott sei Dank, daß du da bist, Ferdl, in der Hauptstraße soll ja die Revolution ausgebrochen sein. Der Hansl ist auch schon zu Hause. Himmel, Mann, wie schaust du aus, dir haben sie ja ein Loch in den Kopf, um Gottes willen, komm in die Küche, daß ich dich auswasch'. Aber wo gehst denn hin, Ferdl, Jesus, mit den dreckigen Kleidern aufs Bett... Ist dir schlecht, Ferdl? Daß ich den Arzt hol', so red doch ein Wort, um Christi willen, Mann, bist du...«

»Revolution«, murmelte Dworak, »Revolution? Aber ja, warum nicht, das hätt's auch werden können, Revolution...«

Er schaute aufmerksam das Bild über dem Bett an. Es war ein Bild, das die Frau noch aus der alten Wohnung hergeschleppt hatte. Sie wollte es nicht wegräumen, und er hatte ihr doch schon längst die Religion ausgeredet. Es war ein volksverdummendes Bild. Er studierte aufmerksam die Gesichter der Menschen auf dem Farbendruck. Eins nach dem andern studierte er sie, wie sie dem Christus nachstarrten, der in den Himmel fuhr. Er suchte etwas und wußte was, erst als er es fand.

Am Rande des Bildes war ein alter Mann gemalt, mit eisgrauen Haaren und hagerem Gesicht. Und dieses Gesicht, und dieses Gesicht, das schaute ganz und gar aus wie das des Alten auf der Straße.

Aber schon so, als ob sie ihn fotografiert hätten, in dem Moment, wo er sagte: »Der Schutzbund.«

»Also daher«, murmelte Dworak und schlief ein.

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