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Die Ordnung schuf der liebe Gott

Jura Soyfer: Die Ordnung schuf der liebe Gott - Kapitel 2
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typefiction
authorJura Soyfer
titleBriefe, Gedichte, Kurze Prosa
publisherVerlag Philipp Reclam jun.
editorWerner Martin
year1979
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Vorspiel

Franz Josef Zehetner war gewöhnt, von seiner Frau Vorwürfe zu empfangen, weil er es im Leben nicht sonderlich weit gebracht hatte. Völlig abgestumpft, ertrug er die heftigen Zusammenstöße, die sie in nahezu regelmäßigen Zeitabständen provozierte. Ja, er hatte ihnen eine angenehme Seite abgewonnen. An den nachfolgenden Abenden das Extrazimmer im Wirtshaus zu betreten, sich mit einem humorigen Seufzer am Stammtisch niederzulassen: »Jawohl, meine Herren, heut hat's wieder geblitzt und gedonnert«, das schuf erst die verschwörerische Stimmung, die Männer und Kameraden brauchen, um sich ganz unter sich zu fühlen. Übrigens ging es den wenigsten Herren zu Hause anders.

Knapp vor Weihnachten 1932 jedoch wuchs eine seiner ehelichen Auseinandersetzungen übers Erträgliche und Gewohnte hinaus. Die Frau gebrauchte ein erschütterndes Wort (dessen Tragweite ihr voll bewußt sein mußte, denn sie hatte ihre Jugend in besseren Kreisen verbracht): »Prolet« –

Franz Josef Zehetner aber, der den allerdings anrüchigen Titel Maschinenmeister trug, war zweifellos Kopfarbeiter und Staatsbeamter. Wohlgemerkt: Beamter, wenn auch ein kleiner. Er saß in der Heizhauskanzlei eines der größten Wiener Bahnhöfe, wo zu seinen, rein intellektuellen, administrativen Funktionen auch jene gehörten, die Dienstturnusse der Mechaniker, Heizer, Lokomotivführer einzuteilen, also eine ausgesprochen autoritative Tätigkeit. So weit zu kommen, war ihm sauer genug geworden. Sein Herr Vater, von Beruf Oberlehrer, hatte für ihn die gleiche oder eine höhere Würde erträumt, hatte ihn aber, als er trotz eifrigen Studierens in der dritten Gymnasialklasse sitzenblieb, schäm- und zornerfüllt aus der Schule genommen und in die Lehre gesteckt. Hatte bald darauf die Maßnahme bereut, sie aber nicht zurückgenommen: aus Prinzip. Hatte die Schande, einen Schlossergehilfen zum Sohn zu haben, nicht mehr lange überlebt.

Zehetner hatte Heizer und dann Lokomotivführer werden müssen. All die Zeit der Erniedrigung hindurch, fest ans Bewußtsein geklammert, daß ihm das alles nicht an der Wiege gesungen worden war, hatte er sich, soweit notwendige Kompromisse es erlaubten, von gewissen Elementen unter der Belegschaft distanziert. Musterhaftes Betragen trug ihm das Wohlwollen des Heizhausvorstandes und bald darauf die Maschinenmeisterstellung ein. Seelisch aufgerichtet, hatte er es gewagt, um eine höhere Magistratsbeamtentochter anzuhalten. Sie war ihm zuteil geworden. Seine Jugendsünden waren gutgemacht. An diesem Punkt jedoch schien Zehetners Stern seinen Kulminationspunkt erreicht zu haben. Ende 1932 stand er mit der Frau und vier Kindern, wo er vor 10 Jahren gestanden war, nämlich als Maschinenmeister in der Lohnkategorie 13; und seine hochfliegenden Versprechungen, die einst den mißtrauischen Sinn des höheren Magistratsbeamten betört hatten, fanden jetzt selbst im Ehebett knapp vor Auslöschen der Lampe keinen Glauben mehr. Und hier fiel das Wort »Prolet« und traf Zehetner ins Herz. Die Frau sah, was sie ihm angetan hatte, bereute sofort und versuchte, ihre Tat ungeschehen zu machen. Zu spät, Zehetners geheime Seelenwunde war brutal aufgerissen worden und tat bitter weh. Als Lokomotivführer hatte er sich lange genug jene Bezeichnung bieten lassen müssen und auch nur seitens gewisser Leute und infolge notwendiger Kompromisse. Warum stand er als Beamter noch immer, schon wieder, in Reichweite dieser Beschimpfung? Warum hatte er es nicht weiter gebracht als bis zur Lohnkategorie 13, dieser schmalen und immer wieder geschmälerten, dieser messerschneidendünnen Existenzbasis? Zehetner dachte nicht daran, daß seine bescheidenen geistigen Fähigkeiten zum Teil der Grund sein mochten. Ebensofern lag es ihm, in den komplizierten Begriffen der Volkswirtschaft herumzuwühlen. – »Warum« fragen, das hieß für ihn fragen: »Wer ist schuld?« –

»Wer ist schuld?« fragte er sich in wieder ausbrechender Verzweiflung. Und die Schuldigen kannte er längst. Es waren schon wieder dieselben. Immer wieder dieselben. Aber man mußte vorsichtig sein.

Damals war die Republik vierzehn Jahre alt. Seit vierzehn Jahren speicherte Zehetner Haß in sich auf und hütete ihn geizig und pedantisch. Selten hatte er gewagt, ihn offen zu zeigen, noch nie, ihn zu verausgaben. Denn wohl durfte der Herr Bahnhofsvorstand bereits aussprechen, daß die Zeiten sich geändert hatten. Daß aber schon der Heizhausvorstand diesen Ausspruch öffentlich übernahm und aus seinem Herzen keine Mördergrube mehr machte, schien Zehetner unvorsichtig. Und für ihn selbst gar, einen Angehörigen niederster Kategorie, hieß es zweifellos immer noch: Schweigen und alles in sich hineinwürgen. Die anderen heimattreuen Herren teilten allerdings nicht mehr Zehetners vorsichtige Meinung. Sie taten in der Kanzlei schon, weiß Gott, wie groß. Zehetner war der letzte, der noch an sich hielt. Nur in ihm war die Furcht immer noch so stark wie der Haß. Sie kämpften miteinander in seiner Seele, fraßen aneinander, nährten einander. Immer wieder zurückgestaut, schmeckten sie ihm fade im Mund wie abgestandenes Bier, machten ihn krank. Aber diese langsame Vergiftung ertrug er geduldig. Nach den Sonntagsmessen begriff er sie als eine vom Herrgott gesandte Prüfung. Ohne Rücksicht auf die Bügelfalte seiner schwarzen Feiertagshose kniete er, den kleinen Stahlhelm am Knopfloch, lange vor der Marienstatue und sandte ihr in leisen Stoßgebeten Wünsche, so blutrünstig, wie man sie selbst am Kameradschaftsstammtisch nicht zu äußern wagte. Manchmal, wenn er die gelbliche Farbe seines dürren Gesichtes im Spiegel betrachtete, empfand er in Gedanken an die kommende Vergeltung eine Art Genugtuung: »Also, das habt's aus mir gemacht. Na, gfreut's euch, Bagage ...« Aus Vorsicht war Zehetner Mitglied verschiedenster Vereine und Parteien. Trug er am Rockaufschlag das Abzeichen aller heimattreuen und christlichen Männer, so befand sich in einem Geheimfach seiner Brieftasche eine Mitgliedskarte, die ihn als deutschbewußten Arier legitimierte. Denn zwar war ihm die plebejische Art dieser Partei (die sich geschmackloserweise Arbeiterpartei nannte), wie überhaupt alles Preußische tief zuwider. Aber die Braunhemden durchzogen die Stadt schon so selbstbewußt, als ob es Berlin wäre, und ihr »Deutschland erwache« erfüllte täglich die Straßen. Und hatten sie drüben im Reich auch kürzlich eine Wahlniederlage erlitten, so waren ihre Stimmen bei den Wiener Gemeindewahlen gewaltig emporgeschnellt. Hüben wie drüben war es noch immer möglich, daß sie zur Macht gelangten. Übrigens mußte man anerkennen, daß sie organisatorisch sehr tüchtig waren, weswegen sie ja, eben ganz auf preußische Art, scharf auf die Gesinnung sahen.

Nicht in Zehetners Brieftasche, sondern sorgfältig versteckt unter der Wäsche seiner Frau befand sich eine andere Mitgliedskarte. Sie wurde seit vielen Jahren nicht mehr hervorgeholt, und ihre letzte Beitragsmarke stammte vom August 1921, aber sie war da, unversehrt, durchtränkt von Lavendelgeruch. Für ihre Existenz gab es keine Entschuldigung. Nichts kam seinem Selbstbewußtsein zu Hilfe, wenn er an dieses dünne Büchlein dachte. Manchmal, von begeisternden Kameradschaftsabenden oder von strammen Aufmärschen heimkehrend, ging er, die ermunternden Reden seiner Führer noch im Ohr, auf seinen Wäscheschrank zu und riß mit rauher Hand die Türe auf.

»Was stierst du schon wieder in meinen Sachen umeinand?« fragte die Frau. Er stammelte etwas von einem Reservekragenknopf und schloß hastig den Schrank. Das Mitgliedsbuch blieb, wo es war, für alle Fälle. Denn Zehetner fürchtete es immer noch so stark, wie er es verabscheute. Es war ihm bekannt, daß er für feig galt, weil er es noch immer nicht wagte, sich als Herr im Staat zu gebärden, wie die Heimwehrkameraden, oder als kommender Herr, wie die Kollegen von der Deutschen Verkehrsgewerkschaft. Mochte man ihm nur Feigheit vorwerfen! Er sah die Dinge tiefer und wußte: Wer diesen Feind haßt, ohne Angst vor ihm zu haben, der haßt ihn nicht wirklich. Der ist ein Narr und ein Aufschneider; der hat, mag er noch so gewaltige Kampfreden schwingen, in Wirklichkeit vergessen, gegen wen der Kampf geht ... – Zehetner hatte nichts vergessen. – Sooft am Stammtisch die Geister sich rückwärts wandten, rekurierte man an sein Gedächtnis: »Sag einmal, Zehetner, wie hat nur der Soldatenrat geheißen, der was damals im Achtzehnerjahr beim Alten so einen Wirbel gemacht hat? Oder war's im Neunzehnerjahr?« – »Es war im Neunzehnerjahr«, sagte Zehetner. »Im Juni. Lechner hat er geheißen. Ein Linzer war er. Er hat den Herrn Vorstand mit der Pistole bedroht, bezüglich eines Truppentransports der Volkswehr ...«

Was längst untergegangen war, längst fortgeschwemmt im Laufe der vierzehn Jahre, lebte noch in seiner Erinnerung, bedrückend, fast gegenwärtig.

Heim kehrten in überfüllten Zügen die meuternden Soldaten des verlorenen Weltkrieges. Auf den Waggondächern hockten sie scharenweise; in brüllenden Dolden hingen sie über die Trittbretter. Trugen die Gewehre vorschriftswidrig mit dem Kolben nach oben, gehorchten keinem Kommando mehr, pfiffen auf Gott und Kaiser, glaubten an kein Vaterland; oder es tauchte das Gerücht von einem jener neuen Vaterländer auf, die täglich auf den Straßen ausgerufen wurden: in Prag, in Budapest, in Laibach oder sonstwo, und dann entdeckten die Soldaten der kaiserlich-königlichen Armee plötzlich, daß sie Tschechen seien, Ungarn, Ukrainer, Polen, Slowaken, Slowenen, Kroaten, Serben, Türken, Deutschösterreicher ... steckten auf ihre Mützen Kokarden der meuternden Nationen oder die roten, fünfzackigen Sterne, die von den freigelassenen Kriegsgefangenen aus Sibirien ins Land gebracht wurden. Überfluteten Wien. Hetzten durch die Straßen jeden Offizier, der noch die schwarzgelben Farben zu tragen wagte. »Hej, Slowene!« – »Wacht auf, Verdammte dieser Erde!«

Auf tauchte, als die Wasser der Sintflut sich zu verlaufen begannen, ein kleiner Staat mit sechseinhalb Millionen Einwohnern, die ihn ungläubig Österreich nannten, Republik Deutsch-Österreich. Daß dieser Staat nicht dem Deutschen Reich einverleibt wurde, lag nicht an ihnen. Staatskanzler war ein sozialdemokratischer Advokat. Als Zehetner sich damals das Schandmal jenes Parteibuches zufügte, war er nur einer von Tausenden, die es mit demselben Ekel taten. Denn niemand wußte, was der nächste Tag bringen mochte. Zwar saßen im Ministerium neben den Besagten auch einige gutchristliche Herren. Aber in den Gemeinden des Landes machten sich Arbeiter-und-Soldaten-Räte breit. Zwar lagen in der Hörlgasse neunzehn erschossen, die »Alle Macht den Räten« gerufen hatten. Aber was man Armee nennen mußte, rekrutierte sich aus Banden, die jeder ordentliche Staat längst an die Wand gestellt hätte. Sie trugen an den Kappen noch dieselben roten Nelken, sangen noch dieselben Lieder, mit denen sie als Meuterer von der Front gekommen waren. So fuhren sie in überfüllten Zügen aus, um die Grenzen zu schützen, die Grenzen, die noch so ungenau bekannt und so unglaublich eng waren, daß fassungslose Geographielehrer sich im Unterricht immer noch an die österreichisch-ungarische Monarchie hielten. Jedoch an diesen Grenzen eines eben erst verlautbarten, winzigen Staatsgebildes bezogen die Banditen ihre Wachposten und gebrauchten zögernd das Wort »Vaterland «. Aus durchsichtigen Gründen: Nebenan in Ungarn und drüben in Bayern brachen schon die Rätediktaturen nieder, und es wollte wieder Ordnung werden in Europa.

Kam die Zeit, da Zehetner staunend bemerkte, daß auch im eigenen Land die Lage sich festigte. Wie und warum eigentlich, wußte er kaum. Kein General von Epp hatte hier gewaltet, kein Horthy, kein Mussolini. Trotzdem verschwanden die Sowjets. Das Gesicht der Armee wurde halbwegs vertrauenerweckend. Mit immer weniger Gewissensbissen und Befürchtungen ließ man sich von ihr beschützen. Sie wurde ihren roten Kriegsminister los (denn das Kabinett war wieder rein bürgerlich geworden) und schließlich ihren ominösen Namen – Volkswehr. Man war um das Ärgste herum, aber eben nur ums Ärgste. Denken wir nicht an die Inflation zurück! Ohnehin begriff Zehetner nie und wird nie begreifen, wie das Ungeheuerliche geschehen konnte: Gewöhnliche Arbeiter, gewissenlos genug, um täglich mit Streiks zu drohen, verdienten damals eben darum mehr Geld als »Akademiker«!

Das Ministerium hatten sie verlassen, um desto lauter im Parlament das große Wort zu führen. Im Wiener Rathaus regierten sie unumschränkt. Sie waren nicht mehr die Herren im Land, und Zehetner hatte die Zahlung der Mitgliedsbeiträge an ihre Partei eingestellt, aber tief zog er im Betrieb den Hut vor ihnen. Tief mußte sogar der Herr Vorstand seinen Hut ziehen.

Der neue Bundeskanzler erwirkte in Genf einen Kredit zur Sanierung des Landes. Er war ein Jesuitenprälat. Immer und überall trug er, wie es schien, dasselbe enge, schwarze, priesterliche Gewand. Niemanden hätte es überrascht, zu hören, daß dieser Mann gar keinen Körper besäße. Im Bewußtsein des Volkes lebte er als Kopf: ein großer, völlig kahler Asketenkopf mit schmaler, vorspringender Nase, schmal eingefaßter Brille, schmal verkniffenem Mund. Er war unpopulär. Niemand liebte ihn. Weder die Tiroler, so tief fromm wie verelendet auf ihren verschuldeten Berghöfen, noch die protzigen Niederösterreicher; weder jene unter den steirischen Bauern, die trotz der verpestenden Nähe der Metallbetriebe und Bergwerke noch gut katholisch waren – noch jene unter den kleinen burgenländischen Pächtern, die trotz roter Bodenreformpläne noch staatserhaltend blieben; nicht einmal die wenigen tausend christlichsozialen Arbeiter; und schon gar nicht Zehetners deutschbewußte Bürokollegen. Sie alle empfanden für den Prälatenkanzler keine Liebe, sondern Scheu und scheues Vertrauen. Er sprach zu ihnen mit der dumpfen Stimme der Kalksburger Jesuiten, die hallte, als käme sie aus der Gruft, wo die Gebeine der vergangenen Habsburger lagen. Seine widerwillig gehaltenen, monotonen Ansprachen enthielten Hinweise auf Dante und Zitate aus Thomas von Aquino und waren von keiner einzigen volksrednerischen Geste unterstützt. Mit kaum verhohlener Verachtung für Zehetner und dessengleichen forderte er von ihnen Opfer. Zum Behelf schenkte er ihnen nur ein Schlagwort: Sanierung! Zehetner genügte es. Er ließ sich gern das Stück Gehalt abzwacken. Würde nun endlich Ordnung ins Land einziehen? Daß die wirtschaftliche Sanierung mißlang, verschmerzte Zehetner in der Folgezeit so weit, um sich sogar einreden zu können, sie wäre gelungen. Denn was kümmerten ihn in Wahrheit die Sparer, die nun nach Eindämmung der Inflation endgültig zu Bettlern stabilisiert wurden? Oder die Arbeitslosigkeit, die dem mißgeborenen kleinen Staat seit den ersten Atemzügen chronisch anhaftete? Oder die Bauernarmut im frommen Tirol? Zehetner war kein Sparer, kein Arbeitsloser, kein Bauer. Er war Bundesbeamter. In seinem Himmel hing ein blankes Sternlein: die Pension. – Und nun sollte er aus Angst um sie noch immer vor gewöhnlichen Proleten den Hut ziehen? Sollte er sich sein Leben lang von Heizern und derlei Pack in den Turnuszuteilungskommissionen auf Schritt und Tritt dreinreden lassen? Und noch dazu ein freudiges Gesicht machen, weil man ja nie wissen konnte, ob sie nicht morgen die Herren im Betrieb sein würden? Würde er einst seine Ruhestandsbezüge, sein Gnadenbrot, aus der Hand von Juden und Kohlenschauflern entgegennehmen müssen? Es war unerträglich, mit diesem Alpdruck auf der Seele der Pensionierung entgegenzualtern. Mochte die finanzielle Sanierung auf sich warten lassen, Zehetner war kein Materialist. Aber wo blieb die Seelensanierung, die der Prälatenkanzler versprochen hatte? Wohl versuchte Seine Eminenz die Rechte der Maulaufreißer im Parlament zu beschneiden, die Anleihemaßnahmen im Verordnungsweg durchzusetzen. Aber der Versuch scheiterte. Und ihre Wählerzahl überschritt weit die Million, und dreihunderttausend Stimmen fehlten ihnen nunmehr zur absoluten Majorität. In den Arsenalen ihrer Parteigarde häuften sich, wie man immer wieder hörte, die Waffen!– – –

Aus ist's mit uns, dachte Zehetner am 15. Juli 1927. Aus ist's und vorbei. Im Burgenland hatte ein Heimwehrler einen Schutzbündler erschossen und war freigesprochen worden. Zehntausende hatten die Betriebe verlassen, marschierten aus Floridsdorf, Ottakring, Meidling, Simmering, von überallher auf die innere Stadt zu und überfluteten die Ringstraße. Aus den Fenstern des brennenden Justizpalastes flogen aufs Pflaster Kruzifixe, Kaiserbilder, Aktenstöße. Polizisten flohen, als Richter und Amtsdiener verkleidet. Während seine Frau beim Greisler ums letzte Kilo Schmalz raufte – um sich für Bürgerkrieg und Hungersnot einzudecken –, hockte Zehetner in der Küche und machte sich klein, damit die Revolution ihn nicht bemerke. Auf den Straßen knallten die ersten Salven. Dann erst erfuhr er, daß nur die Polizei geschossen hatte. »Nur die Polizei?« wiederholte er fassungslos.

»Na ja. Die Roten sind durch die Straßen gehetzt worden wie die Hasen. Neunzig sollen hin sein.«

Zehetner begriff noch immer nicht das Geschehen. Die Freie Gewerkschaft rief zum Protest einen vierundzwanzigstündigen Generalstreik aus. Er streikte mit, um sich in so stürmischen Tagen nicht unliebsam bemerkbar zu machen. Vierundzwanzig Stunden lang rollte nicht ein Waggon über die österreichischen Geleise. Aber als diese Zeit um war, meldete sich Zehetner blaß und zitternd beim Heizhausvorstand. Er habe nicht gestreikt, nur ein plötzliches Unwohlsein habe ihn zu Hause zurückgehalten. Er erlitt große Beklemmungen, bevor es am nächsten Morgen klar wurde, daß sein Instinkt ihn nicht getäuscht hatte: Straßenbahnschaffner, Chauffeure, Betriebsarbeiter nahmen in ganz Wien Dienst und Pflicht wieder auf. Ihre Gesichter waren verstört. Viele sah man Arm- oder Kopfverbände tragen. Sie hatten nicht gewagt, sich krank zu melden. Gegen Mittag erfuhr man, daß Bruck an der Mur ein paar Stunden lang seine proletarische Diktatur gehabt hatte, die dann vom Proletariat rückgängig gemacht worden war. Das war alles. Der Kanzlerprälat gab auf den Gräbern der neunzig Roten nur eine Losung aus: »Keine Milde!«

Manches wandte sich zum Besseren. Sonntag für Sonntag weihten Pfarrer und Eminenzen die Wimpel neuer Heimwehrabteilungen. Zehetner trug den Kopf höher und auf dem Kopf einen Hahnenschwanzhut. Man fuhr in Autobussen in die Provinz hinaus, wagte sich in Viererreihen auf die Straßen der verseuchten Industriestädte. Marschierte, zögernd erst, trotz Heil und Tschin-Tschin, dann von Sonntag zu Sonntag immer kühner durch die Arbeiterviertel. Sie lagen leer, wie ausgestorben an ihrer roten Pest. Die Kameraden aus der Provinz verkündeten schon laut ihren eingefleischten Haß gegen das Sündenbabylon, das sich einen Volksschullehrer zum Bürgermeister und Juden zu Stadträten gewählt hatte. Man sprach von einem Marsch auf Wien.

So weit war man allerdings noch nicht. Doch war der Triumph vom Oktober 1928 in Wiener Neustadt nicht berauschend genug? Prachtvoll im Gleichschritt durchzogen Zehntausende Hahnenschwänzler die Straßen der roten Hochburg. Zwar marschierte in den Parallelstraßen, durch Militärkordons, Stacheldrahtverhaue und Maschinengewehre im Zaum gehalten, gleichzeitig die rote Parteigarde. Aber die Grünen waren einmarschierende Siegertruppen, die Roten die Festungsbesatzung, die dabei ihre Parade abhielt. Ganz Österreich wußte das. Ganz Österreich fürchtete, es könne nicht gut ablaufen. Es lief gut ab. Auf der Heimreise nach Wien (die selbstverständlich ebenso gratis verlief wie die Ausfahrt) war Zehetner mit vier Dutzend Kameraden in einem offenen Viehwaggon eingepfercht. Während der Zug Neunkirchen verließ, zeigte sich am Fuße des Bahndammes plötzlich ein zerlumpter Kerl mit einem Gewehr, riß den Mund zu einem unverständlichen Schrei auf, legte hastig an und schoß. Der Schuß ging weit daneben. Außer Zehetner hatte fast niemand im Waggon den Vorgang bemerkt. Die Sieger, vom Freibier angeregt, sangen ihren Triumph in die Welt hinaus. Zehetner jedoch war nicht besoffen. Tagsüber war ihm der Hals wie zugeschnürt gewesen. Als er sich vom Schock des Attentates erholte, war der Täter nicht mehr in Sicht. Etwas löste sich in Zehetners Kehle und zerfloß in bittersüßer, trunkener Rührung zu einem kurzen Aufschluchzen. Wie Vögel bei Sonnenaufgang fühlte er plötzlich das instinktive Bedürfnis zu singen. Eigentlich ging seine Sehnsucht nach einer bacchantischen, gemütvoll-feschen Weise, wie etwa »Es wird ein Wein sein und mir wer'n nimmer sein«. Aber die Kameraden gaben Militärmärsche von sich. Und so brach es denn jubelnd aus seiner Kehle, wobei er sich bemühte; als einziger im ganzen Chor die Oberstimme einzuhalten, und so seinen schönen, hohen Tenor zur Geltung zu bringen ... »Mir san die Kaiserjager – – vom vierten Regiment – ...«

An diesem Tage war die österreichische Arbeiterschaft wieder einen Schritt vor Zehetner zurückgewichen, und fast jede neue Woche brachte ihm kleine oder große Genugtuungen. Er durfte (aus Vorsicht sehr jovial) im Heizhaus verkünden: »Laut Erlaß der Bundesbahndirektion ist das Schmücken und Beflaggen von Lokomotiven am ersten Mai von nun an verboten. Leider!« fügte er für alle Fälle hinzu. Und: »Da kann man halt nix machen, meine Herren ...« Er durfte hinter bedeutsam entfalteter »Reichspost« seiner Frau am Frühstückstisch erklären: »Sixt es, jetzt ist die englische Labourregierung auch schon gestürzt. Leber wird's ausgesprochen. Die haben's auf die Heimatschutzbewegung scharf gehabt, dieser McDonald und speziell der Henderson. Das ham's jetzt davon. Leider Gottes ist unser Vaterland ja noch immer jedermann sein Spucknapf. Aber jetzt, wo drüben der Reichskanzler auch kein Sozi mehr ist – jetzt paß auf.«

Als infolge der schamlosen, kommunalen Lustbarkeitssteuer der Roten die Weltwirtschaftskrise ausbrach, erfand Zehetner für seine freien Tage eine neue Vergnügung. Er verschob den gemeinsamen Familienspaziergang um zwei Stunden und machte sich allein auf den Weg, den steifen Hut schief überm Ohr und die sorgfältigst ausgesuchte Virginiazigarre fest zwischen die Zähne geklemmt und genau in der Gehrichtung vor sich hin balancierend.

So suchte er mit elastischen Schritten in Vierteln, wo man ihn nicht kannte, räudige kleine Parks auf, darin die Arbeitslosen sich sonnten (schon waren ihrer so viele, daß den Kindern kein Platz auf den Bänken blieb). Dort knüpfte er kleine Gespräche an, harmlose Debatten, aber lustvoll grade in ihren feinsten und auffälligsten Nuancen. Diese Nuancen lauteten etwa: »Ich als Fixangestellter ..., das Elend ist mir nicht fremd, junger Mann, ich habe mich selbst von klein auf emporgearbeitet ... Wer ist denn schuld? Der Herr Stadtrat Breitner! No, bitte; Sie haben ihn ja selber geseh'n ... Übrigens, wenn einer wirklich arbeitswillig ist, gibt's für ihn keine Wirtschaftskrise. Wer sucht, der findet, Müßiggang ist aller Laster Anfang ...« Wiewohl er dabei sein Heimwehrabzeichen nicht trug, kam er selbstverständlich nur knapp am Verprügeltwerden vorbei. Nicht zum Geringsten war es grade diese Gefahr, die ihn insgeheim reizte, und seine elegante Manier. sich ihr schließlich als überlegen zu erweisen. Denn er sprach nicht provokant, sondern in einem strengen, väterlichen Ton, der viele junge Arbeitslose einschüchterte, zumal Zehetner geschnörkeltes Hochdeutsch verwendete. Den Dialekt gebrauchte er nur, um kleine, wohlwollende Scherze zur Beruhigung der Gemüter einzuschieben. (Zehetner konnte äußerst charmant sein.) Verblüfft, mißtrauisch, mürrisch oder entmutigt sahen ihn die Burschen an; einige argumentierten eifrig los, bis es einem schließlich zu dumm wurde und er drohend auf Zehetner losging. Dann pfiff der dürre, kleine Mann seinen dürren, kleinen Hund herbei und entfernte sich lächelnd und achselzuckend. »Sie sind leider Gottes verhetzt, junger Freund.« Er hörte, wie hinter ihm die Gereizten von den Friedfertigen beruhigt wurden: »Laßt's ihm die Gesinnung!« Zehetners Augen blitzten, sein Spazierstock wirbelte martialisch. Wie die Diskussion auch ausgefallen sein mochte – im Grunde hatte er recht: denn er war fixangestellt. Solche Ausflüge (übrigens vergewisserte er sich immer vorher, ob ein Wachmann in der Nähe war) nannte er »Rekognoszierungsritte« oder »Marxistenhäkeln«.

Im Betrieb durfte er mißlaunige Gespräche erhaschen, ratlose Blicke, wenn am Vorabend den Leuten von ihren Führern erklärt worden war: Jetzt ist Krise; schraubt die Hoffnungen niedriger; Streiks sind aussichtslos. Im Herbst 31 versuchten es die steirischen Heimwehrkameraden mit einem Putsch. Es lag nicht an der Regierung, daß er schon nach einigen zufälligen Todesopfern zusammenbrach. Aber auch nicht an den Roten. Sie nahmen die Sache humoristisch auf. Ebenso den Freispruch der Kameraden vor den Grazer Geschworenen. Der 15. Juli ruhte in neunzig vernagelten Särgen. – Wer aber bürgte, daß sie fest genug vernagelt waren? Wer konnte, selbst Ende 1932, wissen, ob all die Geschehnisse, die man mit Fleiß aufgeschichtet hatte, haltbar genug waren, um einen Ausbruch des feurigen Jahres 18 aufzuhalten? Zehetner mißtraute dem Pflaster, auf dem man marschierte, mit Heil und Tschin-Tschin. Er mißtraute der Stille verschlossener Häuserfronten in den Arbeitervierteln. Er hatte Platzangst vor den vierzehn Jahren Republik. Sie bildeten eine Epoche für sich, mit eigener Zeitrechnung, die noch immer hieß »Nach dem Umsturz«. Zu einer anderen, früheren Epoche, genannt »In Friedenszeiten«, war das Leben durchaus ordentlich, übersichtlich, verständlich verlaufen. Alles aber, was »nach dem Umsturz« geschehen war und noch immer geschah, gehorchte unbekannten, unheimlichen, chaotischen Gesetzen.

Kein Ding stand auf seinem Platz, und nichts stand fest. Regierungen forderten von ihren Staatsbeamten den schuldigen Respekt und ließen sich gleichzeitig im Parlament Ungeheuerlichkeiten vorwerfen: Korruption, Hörigkeit dem Bankkapital, demagogisches Doppelspiel ... Sie forderten Vertrauen, das Zehetner ihnen gern entgegenbrachte. Am nächsten Morgen stürzten sie in aller Öffentlichkeit, und man blieb tagelang ohne Regierung. Außen- und Innenpolitik waren in Friedenszeiten auf seelerhebenden Leitsätzen begründet gewesen: »In väterlicher Besorgnis um das Schicksal unserer Völker« – »In ewiger Verbundenheit mit dem angestammten Herrscherhaus ...« – »Elastischen Schrittes kam unser greiser Monarch dem jungen deutschen Kaiser einige Schritte über die Freitreppe entgegen ...« Jetzt, nach dem Umsturz, war von nichts anderem die Rede als von finanziellen Verpflichtungen gegenüber dem Völkerbund, von Budgetsorgen, Moratorien, Anleihezinsen, Anleihen zur Bezahlung der Zinsen usw., ohne Ende. Und verstehen sollte man das auch noch! Man wurde von Krämern regiert, die einem gnädigst das Mitbestimmungsrecht gewährten. Zehetner wollte kein Mitbestimmungsrecht. Er wollte in die Gehaltskategorie 14 aufsteigen. In Friedenszeiten wäre er längst so weit gewesen. Dazumal rollten kaiserlichkönigliche Eisenbahnzüge kreuz und quer im weiten Raum zwischen Schlesien und Oberitalien, zwischen Salzburg und Przemysl. Damals, mitten im Konglomerat untertäniger Sklavenvölker, hieß es noch etwas, deutscher Österreicher zu sein. Dazumal hatten Kopfarbeiter ihren Wert. Und ganz abgesehen von alledem hätte für Zehetners so ersehnten Aufstieg in die Gehaltskategorie 14 die Tatsache genügt, daß er kein Materialist war. In dieser verdrehten Zeit aber half es nur wenig, den Vorgesetzten daran zu erinnern. Ja, der Vorgesetzte wußte, daß Zehetner immer willig Opfer getragen hatte und daß er heimattreu bis in die Knochen war. Ja, der Vorgesetzte wußte das zu schätzen. Ohnedies hatte er trotz der sprichwörtlichen Beamtenhypertrophie seinen Schützling schon zwei Lohnkategorien hinaufprotegiert. Noch größeres, persönliches Wohlwollen, so erklärte der Vorgesetzte, könne man im Betrieb nicht zur Schau stellen. Man müsse notwendige Kompromisse einhalten. Zehetner sei bei der Belegschaft nicht sonderlich beliebt, und auch manche Heimwehrkameraden seien nicht bestens auf ihn zu sprechen. Er solle sich gedulden. Schon hätten sich die Zeiten ja wesentlich geändert ... Womit für Zehetner wieder einmal bewiesen war, daß sie sich nicht geändert hatten, noch immer nicht anders waren als die lausige »Zeit nach dem Umsturz«!

Ein kleines Gulasch war nicht unter vierzig Groschen zu haben. Zehetner rechnete immer wieder von neuem, wie wenig es in Friedenszeiten gekostet hatte, und erschrak immer von neuem. Die moderne Kunst war durch nichts gehemmt. Sie unterwühlte den Staat und, was fast schlimmer war, sie unterwühlte Zehetner selbst. Die Jugend, anstatt in den Kasernen Disziplin zu lernen, trieb Politik. Mädchen verbrachten den Urlaub in gemeinsamen Lagern mit Burschen und bekamen nicht einmal Kinder. Gottlose durften den Klerus beschimpfen. Ein Beamter mit Gymnasialbildung mußte sich Prolet nennen lassen. Alles war jedem erlaubt. Alles war jederzeit möglich.

Nur eines nicht: denen, die an allem schuld waren, mit der ersehnten Offenheit seinen Haß zu zeigen. Man mußte mit ihnen zusammenarbeiten. Sie saßen in den Personalausschüssen, Mitregenten im Bahnhofsbetrieb. Sie saßen als Zentralausschußmitglieder in der Generaldirektion auf dem Schwarzenbergplatz. Sie saßen sogar in höchster, schwindelnder Höhe im Verwaltungsrat, Juden und Kohlenschaufler. Und das Verwirrendste in diesem Wirrsal der »Nach-dem-Umsturz-Zeit«: Nicht nur, weil man unter ihrem Zwang stand, arbeitete man mit ihnen zusammen. War es nicht so, daß man sie brauchte? Waren sie nicht der Damm vor einem größeren, letzten Chaos? Das mochte der Teufel wissen oder sie selbst. Waren sie staatserhaltend oder revolutionär? Ihre Zeitungen erklärten das in einer Sprache, die für Zehetner Chinesisch war. Ihre Gewerkschaften nahmen ohne Wimperzucken Lohnkürzungen an und sprachen von sozialistischer Planwirtschaft. Ihre Abgeordneten drückten die Augen vor harten Regierungsmaßnahmen zu und drohten mit der Revolution. Zehetners Verwirrung trieb ihn zeitweise fast bis zum Verfolgungswahn. Wenn er in der Stadtperipherie an den riesenhaften Gemeindebauten vorbeikam, die Namen trugen wie »Karl Marx« – »Friedrich Engels« – »Matteotti« 134 – »Lassalle«, sah er keine Volkswohnhäuser vor sich, sondern Bürgerkriegsforts des roten Schutzbundes 135. Die kommunalen Mistabfuhrautos waren Tanks, die Kindergärten Waffenarsenale. Die Spielplätze Exerzierplätze. Sie hatten Wien zu einer getarnten Festung der Weltrevolution gemacht. Sie trugen Masken statt Gesichter und Masken unter den Masken. Sie waren unverständlich und nirgends zu fassen, wie die »Zeit nach dem Umsturz«. Sie waren diese Zeit. Sie waren an allem schuld. Sie waren unentbehrlich. Sie waren zu fürchten wie am ersten Tag. Und nur, wem sie unentbehrlich waren, nur wer Angst vor ihnen hatte, konnte sie tief genug hassen.

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Aber jenes Wort aus dem Munde der eigenen Gattin zu hören! Zehetner ging verstört umher. »Ein Prolet bin ich also?« fragte er zwischen eng verkniffenen Lippen. »Nachdem bin ich also bei dir Prolet?« Vergebens versuchte die Reuige, ihre Entgleisung gutzumachen. Der Mann glaubte ihr nicht mehr. Selbstquälerisch wies er auf seine lumpigen 195 monatlichen Schilling hin, auf seine vier, sonst unversorgten Kinder, auf seine unwesentliche Funktion in der Kanzlei, wo er, genaugenommen, ja doch jederzeit durch jedermann mühelos ersetzbar wäre. »Ein Prolet«, wiederholte er, »das haben sie aus mir gemacht.« Daneben hatte tagelang kein klarer Gedanke Platz. Den Dienst in dieser Zeit wie gewöhnlich zu versehen, gelang ihm nur, weil die Arbeit wirklich der einer primitiven Rechenmaschine gleichkam, wobei die Maschine viel exakter gearbeitet hätte, weil sie unbeschwert war von einem noch nicht voll abgezahlten Lüstersakko und von einem verwirrten Gefühlsleben darunter.

Zehetner aber, in einem sehr katholischen Land katholisch erzogen und katholisch geblieben, besaß einen um so größeren Respekt vor Gefühlen, je wirrer sie waren. Er hatte gelernt, Höheres hinter ihnen zu wittern. Eine Phrase, einmal am Stammtisch mit einem Viertel Vöslauer hinuntergeschwemmt, kam plötzlich an die Oberfläche. »Heimweh ist in mir ausgebrochen«, sagte er sich, »Heimweh nach Österreich, nach dem wahren Österreich, nach dem christlichen, deutschen ...« Dazu empfing er die Prophezeiungen fürs kommende Jahr 1933, die damals wie an jedem Jahresende vom Führer hüben und vom Führer drüben verkündet wurden. Ihm, der sich zwischen den zweien noch nicht richtig entschieden hatte, wurde in diesem Falle ein Dilemma erspart. Beide sagten dasselbe. 1933 werde gewaltige, endgültige, epochemachende Veränderungen bringen. Die gleichlautenden Orakel vom Vorjahr hatte Zehetner vergessen. Still berauscht saß er am Radioapparat, aus dem ihm die große Bestätigung zugerufen wurde: Es ist endlich genug, es geht nicht so weiter, es muß was geschehn! – Ja, das fühlte er selbst. Ja, die vierzehn Jahre hatten das Maß voll gemacht, und der Zeiger der Weltgeschichte drängte endlich zur Entscheidung! Ja, der Zehetner war Deutscher, war Arier, war Österreicher, war Christ, war der Sklave von Versailles und Saint-Germain, war die Zielscheibe marxistischen Terrors und der Eichbaum, an dessen Wurzeln Juda nagte. Auch in ihm, dem Vorsichtigsten, trieb endlich ein Etwas zum Aufbruch, nur, daß er noch nicht genau wußte, ob es der Ruf des Blutes oder die Stimme des Herrn war. Jedenfalls, auch er, Zehetner, war erwacht! Keiner mehr sollte ihm Lauheit vorwerfen!

In dieser überspannten Stimmung empfing er vom Heizhausvorstand den Auftrag, die Dienstturnusse des Personals für den verstärkten Feiertagsverkehr einzuteilen, und gleichzeitig einen zu nichts verpflichtenden Wink: Er könne, wenn er wolle, auch bei dieser kleineren Gelegenheit gewissen Leuten unter der Belegschaft fühlbar machen, daß die Zeiten sich geändert hätten.

Zehetner nahm nach Kanzleischluß die Listen der Dienstturnusse heim und verbrachte eine halbe Nacht darüber. Er war Spezialist für kleinere Schikanen. Diesmal aber wollte er kein schlampiges Stückwerk leisten, sondern ganze Arbeit, Rächerarbeit. Staunen sollten gewisse Herrschaften, wie bitter der Weihnachts- und Neujahrsverkehr ihnen bekommen würde! Nicht nur an die Reserveleute, die ihm ohnehin für solche Fälle ausgeliefert waren, wollte er sich halten. Nein, so manche andere sollten trotz ihrer permanenten Turnusse Überraschungen erleben. Mit überquellender Freude spürte Zehetner in sich die hemmungslose, tollkühne Bereitschaft zu jeder Gewalttat, diese Bereitschaft, die er so oft voll Neid bei jüngeren Kameraden gefunden hatte. Da waren viele Namen, die seine Feder knirschend vor Haß, aber peinlich kaligraphisch vor Angst sonst immer an den dienstordnungsmäßigen und kollektiv-vertraglich gesicherten Platz gesetzt hatte. Sie wurden diesmal vergewaltigt wie gewöhnliche, obskurere Namen. Fünf Stunden Schlaf teilte er ihnen für je vierundzwanzig Stunden zu. Es war eine grausame Abrechnung, die Zehetner hielt.

Nur vor einem Namen zögerte er. War der Lokomotivführer Ferdinand Dworak nicht der einzige Mensch im Betrieb, der das Büro des Chefs betreten durfte, ohne sich die Schuhe abzuputzen? (Wobei der Chef doch ein so feines Ohr besaß für das pflichtgemäße Scharren auf der Fußmatte!) Wurde diesem Dworak nicht jedesmal eine Höflichkeitszigarette angeboten, wenn er im ölverschmierten Arbeitsanzug das feine Lederfauteuil im Allerheiligsten einnahm? Trug das Jahr 18, sooft man sich danach umwandte, nicht das Gesicht dieses Dworak? War er nicht damals der Herr des Betriebes gewesen? Und hatte er nicht über Leben und Tod des Herrn Vorstandes selbst entschieden, vom Waggondach herab, vor einer entfesselten Menge von Heimkehrern. Ja, damals im 18er Jahr mit seinem ewigen »Genossen, wir dürfen jetzt nicht die Nerven verlieren«. War Dworak auf dem Bahnhof nicht zugleich der gefährlichste Hauptfeind und die anerkannteste Respektsperson? War er nicht ebenso hassenswert wie unentbehrlich? War er nicht – – – Aber wozu den ganzen Jammer der Nach-dem-Umsturz-Zeit noch einmal ausmalen? War Dworak, kurz gesagt, nicht der Ortsgruppenobmann der Freien Gewerkschaft?

Zehetner zögerte lang, bis er seine Furcht überwand. Dann erhob er sich, ein Triumphator.

Er kleidete sich sorgfältig aus, unterbrach sich aber mehrmals dabei, indem er sich noch schnell eine selbstgestopfte Zigarette gönnte, dann, auf Socken, nochmals zu der Liste schlich, um einen kühnen Schlußschnörkel anzufügen, und schließlich, nur mehr in Hemd und Unterhosen, einige Male händereibend das Zimmer durchmaß. Zuletzt tätschelte er den schnarchenden Zwergrattler »Schurli«, rückte ihm zärtlich den Hundepolster zurecht. Dieses Tier liebte er, wie er selbst oft betonte, mehr als alle Menschen der Erde. (»Ein Mensch, wie ich zum Beispiel, kann sich wehren, wenn ihm wer was antut; während das Tier hingegen nicht einmal die Gabe der Sprache hat.«) Wenn er das zappelnde kleine Geschöpf äußerln führte, ging er am liebsten mit ihm in die Nähe des Karl-Marx-Hofes. Eine schalkhafte Lust war es dem Herrli, zu beobachten, wie der »Schurli« an der Mauer des Giganten das Bein hob.

Er wünschte dem Schlafenden »Gute Nacht«, dann kroch er ins Bett. Der Triumph ließ ihm keine Ruhe, er weckte die Frau auf, um ihr alles haarklein zu berichten. Staunen, jawohl staunen sollten gewisse Herrschaften! Und auch der Herr Dworak würde einmal spüren, daß Bonzen seiner Art nichts mehr zu kommandieren hätten. Jetzt würden die guten Freunde endlich kapieren, daß ihr Achtstundentag tot und begraben war! Die Zeiten hatten sich eben geändert! Wer nicht hören will, muß fühlen. Er, Zehetner, hatte keinen Pardon gegeben! Und das war nur eine kleine Mahnung an das kommende Jahr, das noch ganz andere, epochemachende Veränderungen bringen würde!

Die Frau antwortete nicht. – – – – – »Beziehungsweise«, fügte Zehetner vorsichtig hinzu, »praktisch, verstehst du, nur praktisch läuft's auf fünf Stunden hinaus.«

Nur praktisch würden sie nicht länger schlafen können; zu einem Protest aber hätten sie keinerlei Handhabe. Das habe er schon so eingerichtet. Er sei ja keine Rechenmaschine, er beherrsche ja sein Ressort aus dem »f.f.« Niemand könne ihm Willkür nachweisen, er würde einfach die Achseln zucken: »Leider, lieber Freund.«

Er zeigte der Frau, wie er die Achseln zucken wollte. Da stellte sich heraus, daß sie schon seit geraumer Zeit wieder schlief. Die Tuchent entblößte mehrere Stellen ihres mageren Körpers. In Friedenszeiten war sie drall und voll Reize gewesen. War das noch eine Frau? War das noch ein Leben? Nein. Zehetners Triumph verdunstete jählings und hinterließ ein Kältegefühl. War er eigentlich befriedigt? Nein, das hatte er sich nur eingebildet. War er erwacht und entschlossen zum Aufbruch? Du lieber Gott, wie oft war er das in diesen vierzehn Jahren schon gewesen ... Hatte er gesiegt? Im Kinderzimmer plärrte eines der Kleinen plötzlich los. Zehetner erschrak. Wenn nur die Alte nicht aufwacht, daß sie mich am Ende noch anjammert. Nachdem bin ich also bei ihr ein »Prolet« ... Fröstelnd hockte er im ungewärmten Bett. Einsam fühlte er sich wieder wie in der wüsten Zeit nach dem Umsturz. Verwaist! Wer würde dieser Zeit endlich ein Ende setzen? Der Auferwecker drüben im Reich? Der war ein verpreußter Österreicher, also ärger als ein Preuße. Der Heimwehrfürst? Der wußte lang entbehrte, erhabene Worte zu setzen, war aber jung, sehr jung und sehr leichtsinnig. Der neue Kanzler Dollfuß? Neulich, als er das Bataillon abgeschritten hatte, mußten die Kameraden, mußte selbst der Fürst mit Mühe ein Schmunzeln verbergen: Dieser Kanzler war ein kläffender Zwerg, eine lebend gewordene Witzblattfigur. – – – Zehetner seufzte und schloß die Augen ... Nach einer Weile trat sein verstorbener Herr Vater ein, wuchs drohend zur Riesengröße. Seine Augen blitzten wütend. Der graue Backenbart zitterte wie Sülze. »Weil du mich umgebracht hast!« donnerte er auf Zehetner herab. »Taugenichts.«

Zehetner, winzig, klein, stand stramm. »Jawohl, Herr Vorstand, zu Befehl, Herr Hauptmann!«

»Vagabund!« donnerte derselbe Herr Vater. »Repetent!« Er holte gewaltig aus, der Schatten seiner Hand strich dunkel über Horizont und Himmel. Zwei Maulschellen fuhren krachend auf Zehetners Gesicht. Er sah Sterne tanzen. Tränen traten ihm in die Augen, rieselten die Wangen herab. Es waren Tränen der Erlösung. Sein Atem ging ruhig.

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