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Sofja Wassiljewna Kowalewskaja: Die Nihilistin - Kapitel 9
Quellenangabe
authorSonja Kowalewska
titleDie Nihilistin
publisherVerlag der Wiener Mode
yearo.J.
translatorLouise Flachs-Fokschaneanu
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181121
projectid34eda902
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VII.

Wie ein Donner lief die entsetzliche Kunde durch das Haus: Heute Nachts hat abermals ein Postkarren mit einem Gendarmerieoberst und zwei Schutzengeln niederen Ranges vor der Treppe des Wasilzew'schen Landhauses gehalten. Der Oberst zeigte Wasilzew ein mit Staatsstempel und -Siegel versehenes Schriftstück vor. Darin stand, daß der Edelmann Stepan Michailowitsch Wasilzew – eine der Ruhe des Landes höchst gefährliche Persönlichkeit sei. Deshalb schlägt ihm der Gouverneur auf Grund der ihm »von oben« verliehenen Vollmacht vor, seinen gegenwärtigen Wohnsitz mit der herrlichen, allerdings etwas entfernteren Stadt Wjatka zu vertauschen.

Drei Tage und drei Nächte werden ihm zur Ordnung seiner Angelegenheiten gewährt. Nach Ablauf dieser Frist ist er nach dem Befehl an den bestimmten Ort zu befördern.

Man kann sich vorstellen, welchen Eindruck diese Nachricht auf die ganze Familie Baranzow hervorrief. Am meisten erschrak der Graf. Er besaß die in Rußland nicht gerade seltene Eigenschaft, bei geschlossenen Thüren den Liberalen zu spielen und sich auf Rechnung der Regierung die Zunge zu wetzen; allein es brauchte bloß ein blauer Kragen auf dem Horizont zu erscheinen, schrumpfte er alsbald zusammen und gab sich als friedlichsten, ergebensten Diener des Reiches.

In dem vorliegenden Fall vermehrte diese ihm eigene Feigheit noch die wohlverdienten Vorwürfe seines Gewissens: wie hat er eine solche Annäherung zwischen seiner Tochter und dem Freidenker zulassen können? Wo hat er seine Augen gehabt?

Wasilzew, gestern noch ein ehrenhafter, wohlhabender Gutsbesitzer, eine gute Partie, hat sich heute mit einem Male in einen obdachlosen Vagabunden, in einen Menschen verwandelt, mit dem bekannt zu sein nicht ungefährlich ist. Von einer Ehe zwischen ihm und Wjera kann jetzt selbstverständlich nicht mehr die Rede sein und das Mädchen ist nun für immer compromittirt.

Wie es so oft in allen Schwierigkeiten des Lebens zu geschehen pflegt, beeilte sich auch jetzt der Graf, das Gefühl der eigenen Verantwortlichkeit durch Vorwürfe für Andere zu ersticken.

»Siehst Du, Madame, Du verstehst nur, Dich mit Deinen Nerven zu beschäftigen, und auf die Tochter konntest Du nicht Acht geben!« hielt er der Frau vor.

Die Gräfin selbst sah genau, welche Schmach dieser Vorfall auf ihre Familie werfen wird, und sie hatte schon jetzt den Vorgeschmack von der Süße der harmlosen Fragen und Beileidsbezeugungen, mit denen die Damen aus dem Gouvernement sie bei der ersten Versammlung in der Stadt überhäufen werden.

Im ganzen Hause herrschte jene eigenartige, instinktive Panik, die der Anblick einer blauen Uniform in Rußland hervorzurufen im Stande ist.

Alle waren in Erwartung eines unvermeidlichen Unglückes.

»Die Polizei! Die Polizei kommt zu uns!« Mit dieser Meldung kam einmal das Mädchen Fenja schreiend gelaufen, als sie auf der Landstraße die Postglocke hörte. Bei dieser entsetzlichen Nachricht verloren Alle geradezu vor Angst den Kopf. Die Gräfin lief in ihr Schlafzimmer und legte sich ins Bett, als den am wenigsten gefährlichen Zufluchtsort. Der Graf stürzte in Wjeras Zimmer, packte mit beiden Händen ohne Wahl alle Bücher und Schriften, die ihm unterkamen, und warf sie persönlich in den wie zum Unglück gerade brennenden Ofen. Die Dienerschaft lief auseinander. Es zeigte sich jedoch, daß der Aufruhr umsonst war: ein Steuerbeamter war bloß vorbeigefahren. Indessen konnte sich lange keiner von der durchgemachten Aufregung erholen.

Für Wjera war der Schlag so unerwartet, so niederschmetternd, daß sie davon betäubt war und nicht auf einmal die ganze Tiefe ihres Unglücks erfassen konnte. Daß man Wasilzew ihr ganz, für immer wegführt – dieser Gedanke war so unfaßbar schrecklich, daß er in ihrem Kopf gar nicht Platz fand. Was nach seiner Abreise geschehen wird, daran dachte sie nicht.

Dieses »Später« kam ihr wie ein schwarzer, bodenloser Abgrund vor, in den man ohne Schwindel nicht einmal blicken konnte. Gegenwärtig bestanden ihre Besorgniß und dringendste quälendste Angst hauptsächlich darin: daß er nicht etwa verreise, ohne sich von ihr zu verabschieden. Ihn nur noch einmal sehen, wenigstens eine Stunde, eine Minute – dann mag was auch immer geschehen! Es schien ihr zuweilen sogar, sie brauchten einander bloß zu sehen, daß Alles wieder gut würde, Alles sich auf die eine oder andere Weise wieder einrichten ließe! Alle ihre Wünsche, alle ihre Gedanken, alles Streben concentrirte sich jetzt auf Eines: Ihn sehen! Aber eine Zusammenkunft zu veranstalten, war nicht leicht. Man hielt während dieser Tage Wasilzew selbstverständlich in seinem eigenen Hause unter strenger Aufsicht der Gendarmen gefangen.

Auch Wjera war unter wachsamer Beaufsichtigung. Die ganze Familie hatte sie im Verdacht, daß sie einen verzweifelten Schritt zu begehen beabsichtige; deshalb wurde über sie eine Art Hausarrest verhängt. Tagsüber ließen die Mutter und Schwestern sie nicht einen Schritt allein thun; mit der Bewachung während der Nacht war Anisja beauftragt.

Zwei Tage sind bereits verstrichen und es ist Wjera, so sehr sie auch ihren Geist anstrengt, noch immer nicht gelungen, heimlich das Haus zu verlassen. Sie hatte nicht einmal eine kleine Nachricht von Wasilzew, da der Dienerschaft der strengste Befehl gegeben worden war, selbst einen Hund vom Nachbargut nicht in den Hof einzulassen.

Es blieb bloß noch eine Nacht. Morgen mit Tagesanbruch wird er weggeführt und dann – ist Alles zu Ende. Bei dem Gedanken daran glaubte Wjera wahnsinnig zu werden.

»Anisja, meine Theuere, Täubchen! Laß mich zu ihm! Für ein Stündchen, ein Stündchen! Niemand wird es erfahren!« flehte sie die ihr zugetheilte Dienerin an.

»Was fällt Ihnen ein, Fräulein! Daran dürfen Sie nicht denken!« Anisja erschrak darüber und wehrte sogar mit den Händen ängstlich ab.

»Anisja, erinnere Dich an Deine Jugend! Du hast mir selbst oft erzählt, wie schwer Ihr es früher, zur Zeit der Leibeigenschaft hattet. Und bedenke doch: für Euch, für die Bauern leidet doch Stepan Michailowitsch!«

»Ach, mein armes Fräulein, sprechen Sie gar nicht! Ich weiß es selbst, daß der Nachbar ein guter Herr war. Und uns Dienstboten thut er leid, glauben Sie es nur, bis zu Thränen leid! Und auch Sie, Fräulein, bedauern wir. Das wird aber ein Pärchen sein, dachten wir. Oft genug freuten sich unsere Herzen, als wir Euch ansahen! Aber was läßt sich thun! Des Herrn Wille! ,… O, mein liebes Fräulein, was fällt Ihnen ein! Sie haben den Verstand verloren, Täubchen! Sie wälzen sich zu meinen Füßen, vor der niedrigen Dienerin!« Wjera hatte sich in ihrer Verzweiflung vor Anisja auf die Knie geworfen und küßte ihr die Hände.

»Anisja, wenn Du mich nicht fortläßt, so wisse, daß Du mein Leben auf Deinem Gewissen haben wirst. Hier ,… das Kreuz, daß ich Hand an mich lege, wenn es mir nicht gelingt, ihn vor seiner Abreise zu sehen.«

Anisjas Herz war nicht von Stein. Unter vielen Seufzern, mit vielem Jammern versprach sie endlich, das Fräulein etwas später, wenn sich Alles im Hause zur Ruhe begeben wird, durch das Hinterthor hinauszulassen.

Es war bereits Nacht, als sich Wjera in Anisjas Kleidern, einen schwarzen, abgetragenen Shawl über dem Kopf, aus dem Hause stahl. In den letzten Tagen war es wieder kälter geworden, und obgleich tagsüber die Sonne heiß brannte, erhob sich gegen Abend sogar ein leichter Frost; die Pfützen auf dem Wege waren von einer dünnen Eiskruste bedeckt, welche unter Wjeras Füßen knisterte. Ein leichter Schauer lief durch ihre Glieder. Da der Bach, der die beiden Güter voneinander trennte, jetzt tobend aus den Ufern trat, konnte man nicht den gewöhnlichen Weg über den Abhang nehmen und mußte einen Umweg von zwei Werst machen. Niemals bis nun war Wjera Nachts allein auf dem Felde gewesen. Der bekannte Weg kam ihr jetzt ganz anders als während des Tages vor. Alle Dinge hatten sich plötzlich verwandelt und waren nicht zu erkennen.

Wjera schritt, ohne sich umzusehen, vorwärts. Sie empfand weder Furcht noch Aufregung; selbst die Trauer über Wasilzew's bevorstehende Abreise legte sich. Leichter, aber nicht unangenehmer Kopfschwindel umhüllte wie mit einem Nebel ihre Sinne. Ihre Füße wurden mit einem Male so leicht. Sie fühlte nicht den Körper. Sie ging wie im Traum und erwachte knapp vor dem Thor des Wasilzew'schen Hofes.

Dort war Alles schon finster; man merkte, daß Alle bereits schliefen. Bloß an einem Fenster schimmerte unter dem herabgelassenen Vorhang ein schwacher Lichtstreifen.

Wjera klopfte ans Thor, zuerst leise, zaghaft. Niemand zeigte sich. Dann begann sie stärker und stärker zu pochen. Zwei Hunde sprangen beim Thor hervor und erhoben ein wüthendes, betäubendes Gebell. Endlich hörte man Schritte. Die verschlafenen Gendarmen, die nackten Füße in den Stiefeln, die Uniform nachlässig um die Schulter geworfen, kamen mit Laternen herbei, das Thor zu öffnen.

»Was ist los? Wer treibt sich da Nachts herum?« brummte der Eine von ihnen verdrießlich. »Ehé! Eine Mamsell!« Sein Unwille verwandelte sich in Erstaunen.

»Ich muß zum Herrn!« sagte Wjera kaum vernehmbar. Sie zitterte am ganzen Körper, empfand aber keine große Furcht.

Der Gendarm hob die Laterne hoch, damit das Licht gerade auf Wjeras Gesicht falle und begann sie unverschämt zu mustern, ohne sich gerade zu beeilen.

»Wahrscheinlich ein Dienstmädel!« entschied er im Stillen. Sein Gesicht wurde heller und heller.

»Hör' mal, Schöne! Dir scheint der Weg zum Herrn in der Nacht sehr gut bekannt zu sein!« sprach er endlich lächelnd. »Aber heute, siehst Du, wird es ein wenig schwer sein, zu ihm zu gelangen,« fügte er hinzu, indem er plötzlich den Ton veränderte und wieder mürrisch wurde.

»Lassen Sie mich, um Christiwillen!« flehte Wjera. Den Worten des Gendarmen entnahm sie, daß man sie nicht zu Wasilzew lassen wird und sie wieder fortgehen muß, ohne ihren Freund gesehen zu haben.

Ihre Stimme klang so flehend, so verzweifelt, daß der Gendarm, dem weiblichen Geschlechte gegenüber von Natur aus schwach, nicht widerstehen konnte.

»Nun, nun, plärre nicht!« beruhigte er sie gutmüthig. »Werden sehen, womit wir dienen können ,… aber dem Oberst muß es doch berichtet werden!« fügte er hinzu, indem er ein wenig überlegte.

Er ließ Wjera ein, führte sie durch den Hof und hieß sie im Vorzimmer warten; er selbst ging hinter die Scheidewand zum Obersten, der sich schon zur Ruhe begeben hatte, bei dem Lärm aber erwacht war.

Dieselbe entsetzliche Starre, dieselbe völlige Gleichgiltigkeit gegen Alles wie auf dem Wege hieher, bemächtigte sich wieder Wjeras. Ganz unbefangen hörte sie, wie der Gendarm seinem Vorgesetzten meldete, daß Wasilzew's Geliebte gekommen sei, sich von diesem zu verabschieden. Sie vernahm, wie der Oberst ein loses Späßchen auf ihre Kosten vom Stapel ließ und sich erkundigte, ob das Mädel auch sauber sei. Alles das streifte ihr Ohr und machte auf sie nicht den geringsten Eindruck, so als ob es sie gar nicht anginge.

»Zum Teufel! Laß sie! Mag er sich zum letzten Male gütlich thun!« entschied endlich der Oberst.

Der Gendarm öffnete die Thür zu den inneren Räumen und Wjera stürzte pfeilschnell hinein.

»Sieh mal, welches Feuer!« sagte der Gendarm lachend. »Aber höre einmal, Du, wie heißt Du, Herzchen? Und vergiß unser auch nicht ein andermal, wenn Dein Herzliebster verreist!« rief er ihr nach.

Aber Wjera hörte nichts mehr. Athemlos lief sie durch zwei, drei Zimmer, die sie von einer geschlossenen Thür trennten, durch deren Ritzen ein schwaches Licht hervordrang.

Wasilzew saß im Schlafzimmer, das ihm auch als Arbeitsraum diente. Er hatte sich noch nicht entkleidet und war mit dem Ordnen seiner Bücher und Papiere beschäftigt. Das geräumige Zimmer hatte jetzt jenes traurige, unordentliche Aussehen, das gewöhnlich vor einer Abreise zu bemerken ist. Im Winkel des schmalen Eisenbettes mit der zurückgeschlagenen Decke waren Wäsche, Mappen und Hefte aufgestapelt. Papierschnitzel, zerrissene Briefe, alte Rechnungen lagen auf dem Boden umher. Zwei große Kisten waren mit Büchern vollgepfropft. Die kahlen Fächer längs der Wand sahen wie entblößte Skelette aus. In der Mitte des Zimmers lag ein geöffnetes Felleisen, aus welchem Wäsche, Kleider und ein Paar Schuhe hervorschauten.

Als Wjera die Thür öffnete, überfiel sie zum ersten Male, seit sie vom Hause fortgegangen war, eine so heftige Erregung, daß es ihr einen Augenblick vorkam, ihr Herz hätte zu schlagen aufgehört. Sie blieb auf der Schwelle stehen und war nicht im Stande, einen Schritt nach vorwärts zu machen oder ein einziges Wort auszusprechen.

Wasilzew saß mit dem Rücken gegen sie gekehrt, über den Schreibtisch gebeugt und war so sehr in seine Arbeit vertieft, daß er sogar das Knarren der Thür nicht bemerkt hatte. Als er sich aber im nächsten Augenblick zufällig umwandte und mit einem Male die bleiche, schlanke Erscheinung Wjeras in der Thür erblickte, drückte sein Gesicht kein Erstaunen, sondern bloß eine unendliche Freude aus, als ob er sie erwartet hätte und sicher gewesen wäre, daß sie kommen wird. Er eilte auf sie zu und einige Secunden standen sie einander gegenüber, indem sie sich schweigend die Hände fest drückten, wie wenn Beiden die Kehle durch einen Krampf zugeschnürt gewesen wäre. Mit ersticktem Schluchzen trat Wjera endlich näher an ihn heran. Hinter der Thür hörte man ein Geräusch von Tritten. Man spürte plötzlich im Zimmer die unsichtbare Anwesenheit einer fremden Person. Ein nervöser Schauer, wie ein physischer Ekel, lief Wasilzew über den ganzen Körper.

»Wjera, meine Freundin, beruhige Dich ,… um Gotteswillen! Wir sind nicht allein. Wir werden belauscht. Lassen wir es nicht zu, daß sich diese Schurken an unseren Qualen ergötzen,« flüsterte Wasilzew zwischen den Zähnen.

Seine ganze Selbstbeherrschung kehrte mit einem Male zurück. Er faßte sie an der Hand und setzte sich mit ihr auf den Divan, indem er einen ganzen Stoß Bücher zur Seite schob. Sein Gesicht war sehr bleich; um die Mundwinkel lief von Zeit zu Zeit ein Zucken, und blaue Adern schwollen ihm wie Strähne an den Schläfen auf. Aber er sprach dabei ruhigen, sanften Tones über nebensächliche Dinge.

»Hier in diese Kiste, Wjera, legte ich diejenigen Bücher, die ich Ihnen zurücklasse. Ich habe mit Ihnen Spencer zu lesen begonnen. Sie finden da einige Anmerkungen mit Bleistift, die ich für Sie machte …«

Sie saß unbeweglich, wie erstarrt, auf dem Divan; sie hielt ihre Hände so fest ineinandergepreßt, daß sich die Fingernägel der einen Hand in die andere fest eingruben. Seine Worte gingen an ihr vorbei wie unklare Töne ohne bestimmten Sinn. Wenn er sich mit einer Frage an sie wandte, antwortete sie mit einem mechanischen Kopfnicken oder einem leisen, traurigen Lächeln; zu sprechen entschloß sie sich nicht, da sie fühlte, daß sie beim ersten Wort in Schluchzen ausbrechen wird.

Das Schlagen des Pendels der Wanduhr ertönt gleichmäßig und deutlich. Eine große Hummel fliegt mit lautem, zeitweilig unterbrochenem Summen im Zimmer herum; euren Augenblick bleibt sie still, dann beginnt sie wieder voll Wuth an die Decke und das Fenster zu schlagen.

Wjera hatte gleichsam das physische Gefühl, daß die Zeit wie eine Flüssigkeit aus einem gesprungenen Gefäß Tropfen um Tropfen verrinnt: es bleiben immer weniger und weniger von den kostbaren Tropfen zurück. Die Trennung rückt näher und näher, die Trennung für viele Jahre, vielleicht für immer. Und kein herzliches Wort, noch Zärtlichkeiten. Wie Fremde sitzen sie einander gegenüber, und im anstoßenden Zimmer das leise Geräusch.

Die Flamme der Stearinkerze wurde auf einmal gelb, das Fenster mit dem herabgelassenen Vorhang, früher einem großen schwarzen Frack ähnlich, erhielt einen blau-violetten Schimmer. Draußen krähte laut der Hahn; die Sperlinge begannen zu zwitschern, die Kühe brüllten – Alles die gewohnten Vorboten eines Frühlingsmorgens auf dem Lande.

Eine kalte, stumpfe Verzweiflung beherrschte Wjera. Sie begriff jetzt, zum ersten Male vor der bevorstehenden Trennung, die ganze hoffnungslose Wirklichkeit. Bis nun lag noch immer zwischen ihr und dem Ende das erwartete Glück dieses letzten Wiedersehens; die unsinnige, unklare Hoffnung auf irgend etwas Unbestimmtes war so mächtig, daß sie den eigentlichen Gedanken an die Trennung verdunkelte; jetzt aber blieb nichts, gar nichts mehr übrig. Alles war zu Ende.

Wasilzew erhob sich vom Divan, zog den Vorhang in die Höhe und öffnete das Fenster. Die ersten Strahlen des herrlichen Frühlingsmorgens brachen garbenförmig herein. Licht, Lärm, Frühlingsduft der Blumen, Frühlingslieder – Alles drang auf einmal freudig, triumphirend, grausam ein.

Mit einer raschen, unwillkürlichen Bewegung schlug Wasilzew das Fenster zu und ließ das Rouleau herab. Er warf sich auf den Divan und schluchzte laut auf. Seine ganze, hohe kräftige Gestalt bebte vor Schluchzen.

Mit einem Satz war Wjera bei ihm; sie ließ sich zu seinen Füßen nieder und, sich mit ihrem ganzen Wesen an ihn schmiegend, bedeckte sie ihn mit Küssen: »Mein Lieber! Meine Freude! Reise nicht allein! Mein Leben! Nimm mich mit Dir!«

Wasilzew erdrückte sie fast in seinen Armen. Jetzt dachte er nicht daran, sie zu beruhigen; er erwiderte ihre heißen Liebkosungen, er preßte sie immer stärker an sich; ihre Lippen begegneten sich zum ersten Male in einem langen, leidenschaftlichen Kuß.

Plötzlich kam Wasilzew zu sich. Rasch, fast brüsk stieß er Wjera von sich, erhob sich und ging im Zimmer auf und ab.

Allein vor dem Divan auf den Knien, weinte Wjera lange still und bitterlich.

Als Wasilzew wieder auf sie zuging, war sein Gesicht plötzlich wie nach einer langen, schweren Krankheit abgezehrt.

»Wjera, mein Täubchen, vergib mir!« hörte man seine Worte. »Viel Kummer habe ich Dir verursacht, mein Armes! Wie soll ich Dich mit mir nehmen? Kann ich Dich frisches, junges Wesen an das alte, halbvollendete Leben ketten! Ja, selbst wenn ich wollte – wird man das denn zulassen? Werden Dich denn Deine Eltern nicht mit Gewalt zurückbringen?«

Seine Stimme war dumpf, gebrochen. Wjera weinte nicht mehr; sie wußte jetzt, daß tatsächlich das Ende für Alles gekommen war ,…

Es war jetzt ganz hell geworden. An der Thür vernahm man rasches Klopfen. Der Gendarm kam mit der Meldung, daß in einer Stunde aufgebrochen wird.

»Wjera, wird es für Dich nicht besser sein, jetzt zu gehen?« sagte Wasilzew mit leiser, dumpfer Stimme; aber sie schüttelte schweigend den Kopf, sie wollte bei ihm bis zu Ende bleiben. Eine seltsame Erstarrung, das Gefühl, als ob die Umgebung nicht existirte, überkam sie wieder. Wasilzew ging umher und sprach gleichfalls wie im Traume ,… Alle seine Hausgenossen, die alte Köchin, der Dorfälteste, die Bekannten unter den Bauern kamen nacheinander, um von ihm Abschied zu nehmen.

Ins Zimmer tretend, bekreuzten sich die Männer vorerst vor dem Heiligenbild, dann gingen sie auf den Herrn zu und küßten ihn, nachdem sie sich zuerst den Schnurrbart abgewischt hatten, dreimal ernst, feierlich, als würden sie eine religiöse Handlung vollführen. Einige Weiber mit den Kindern auf dem Arm standen vor dem Thor und drückten ihren Schmerz durch Weinen aus, ähnlich wie bei den Klagegesängen nach einem Verstorbenen.

Wjera sah mit trockenen Augen zu, wie diese Leute kamen, sprachen, seufzten, weinten; sie erschienen ihr wie Automaten, die eine wunderliche, verwickelte Vorstellung gaben.

Der Gendarmenoberst frühstückte im Nebenzimmer, indem er aus dem Fläschchen eifrig nachfüllte.

»Auch Ihnen, Väterchen Stepan Michailowitsch, könnte es nicht schaden, wenn Sie sich vor der Reise stärkten!« sagte er mit gutmüthigem, aufmunterndem Tone.

Durch die halboffene Thür warf er verstohlen einen neugierigen Blick auf Wjera – keinen directen Blick, da er vermuthlich errieth, daß sie – keine gewöhnliche Dienstmagd sei.

Das Dreigespann des Tarantaß fuhr bei dem Thore vor. Der Oberst setzte sich zu Wasilzew; einer der Gendarmen nahm auf dem Bock neben dem Kutscher Platz, der andere blieb noch vor dem Hause zurück.

»He! Mit Gott!«

Die Pferde zogen an und der Tarantaß fuhr, auf dem sumpfigen Weg sich wiegend, fort. Er verschwand bald bei der Biegung hinter dem Birkenwäldchen. Das Geklingel der Schellen wurde von Minute zu Minute schwächer. Endlich verhallte es gänzlich. Man hörte nichts mehr als die gewöhnlichen melodischen Töne des Frühlingsmorgens auf dem Lande.

Wjera ging still, gesenkten Kopfes, ohne sich umzublicken, nach Hause.

Die Blüthen der Ahlkirsche besäeten sie mit weißen Blättchen, große duftende Thautropfen fielen auf sie von den Zweigen herab. Ein junger Hase sprang über die Wiese, hockte sich auf einen moosbewachsenen Hügel und begann mit den Vorderpfoten zu trommeln, womit er die Häsin zu sich rief; aber als er plötzlich ein menschliches Wesen erblickte, legte er die langen Ohren zurück und entsprang mit einem Satz in den Wald. Der Himmel funkelte und strahlte, wie wenn die Sonne sich in den azurnen Aether ergossen und das ganze Himmelsgewölbe überfluthet hätte. Aus der Höhe ertönte von einem kleinen schwarzen flatternden Punkte ein mächtiges Lied von Glück und Liebe, das die ganze Atmosphäre erfüllte ,…

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