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Sofja Wassiljewna Kowalewskaja: Die Nihilistin - Kapitel 11
Quellenangabe
authorSonja Kowalewska
titleDie Nihilistin
publisherVerlag der Wiener Mode
yearo.J.
translatorLouise Flachs-Fokschaneanu
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181121
projectid34eda902
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IX.

In der ersten Zeit ihres Petersburger Aufenthaltes erfuhr Wjera nichts als Enttäuschungen. Sie überzeugte sich, daß Nützlichsein viel schwieriger ist, als sie geglaubt hatte. In ihren Augen bedeutete Nützlichsein entweder persönlich an der Vernichtung des Despotismus und der Tyrannei zu arbeiten oder jene zu unterstützen, welche nach dieser Richtung arbeiten. Sie begriff nicht, daß man auch mit einfachen Mitteln nützlich sein könne. Aber an wen sich wegen Arbeit, die ihr angemessen wäre, wenden? Ihre Gespräche mit Wasilzew haben sie wenig für irgend eine Thätigkeit vorbereitet; sie trugen unveränderlich den Charakter des Abstrakten, des Idealen. Dank Wasilzew hatte Wjera eine Anzahl revolutionärer Publikationen gelesen. Wasilzew selbst hatte ihr in seinen Erörterungen ein erschütterndes Bild des ganzen Elends entworfen, unter dem die Menschheit leidet, und ihr den Ursprung des Elends in der Thatsache erklärt, daß das zeitgenössische Leben in Unterdrückung und Concurrenz bestehe, nicht aber, wie es sein sollte, in Freiheit und Einigung. Nicht bloß ein Mal hatte er die Rede auf die Märtyrer gebracht, auf alle zeitgenössischen Freiheitshelden, die ihr Leben und Glück für den Triumph der heiligen Sache opferten.

Und sie gewann diese Helden leidenschaftlich lieb und vergoß über deren Schicksal manche Thräne. Aber in keinem einzigen Gespräch war davon die Rede gewesen, was Wjera zu thun hätte, um selber jenen Helden ähnlich zu werden.

Und in den Jahren, die der Verhaftung Wasilzew's folgten, in den Jahren einsamen Nachdenkens blieb sie oft bei diesen Fragen stehen. Unaufhörlich verzehrte sie der Gedanke an die nächste Aufgabe, an den Bruch aller Verbindungen mit ihrer Familie, an das Verlassen jenes engen Kreises, in dem sie ihr Leben verbracht hatte. Ihre Unkenntniß der wirklichen Lebensbedingungen war eine so große, daß die Nihilisten in ihrer Vorstellung als eine Art regelrecht organisirter, geheimer Gesellschaft erschienen, die nach einem bestimmten Plane arbeitet und ein deutlich vorgezeichnetes Ziel zu erreichen bestrebt ist.

Deshalb zweifelte sie nicht daran, daß sie – einmal nach Petersburg, in diesen nihilistischen Herd der Agitation gerathen – unverzüglich für die große »unterirdische« Armee angeworben werden und in derselben einen bestimmten Posten, wie bescheiden er auch sein mag, bekleiden wird.

Das waren ihre Träume während all dieser Jahre.

Nun ist sie in Petersburg vollständig Herrin ihres Lebens, kann thun, was ihr beliebt. Nun und ,…? Ihr Ziel ist eben so unklar wie ehedem. Sie weiß nicht, wen aufzusuchen, ja sogar, wie die wirklichen Nihilisten zu finden. Eine große Enttäuschung bereitete ihr, zu erfahren, daß kein einziger dieser Nihilisten mir persönlich bekannt war, und daß ich sogar an den Bestand einer verbreiteten revolutionären Organisation in Petersburg nicht glaubte. Das paßte gar nicht zu ihren Combinationen. Sie hatte etwas Besseres von mir erwartet. Nichtsdestoweniger erlaubte ich mir, ihr den Rath zu geben, sie möge in Erwartung einer besseren Beschäftigung die naturwissenschaftlichen Vorträge besuchen.

Die Frauencurse wurden gerade in Petersburg eröffnet.

Sie gehorchte mir und begann die Vorträge zu frequentiren; allein ihr Geist war nicht nach dieser Seite gerichtet. Es gelang ihr nicht, das Niveau ihrer Kolleginnen zu erreichen, auf deren wissenschaftliche Interessen einzugehen. Die Mehrzahl dieser Kolleginnen waren junge Mädchen; sie arbeiteten eifrig, ein bestimmtes Ziel im Auge behaltend. Sie bestrebten sich, je eher je lieber das Examen zu bestehen, damit sie Lehrerinnen werden und von ihrer eigenen Arbeit leben. Alle ihre Interessen concentrirten sich vorläufig auf das Studium und die Professoren, die Vorlesungen, praktische Berufe bildeten den ausschließlichen Inhalt ihrer Gespräche. Sie litten durchaus nicht an Weltschmerz. In Mußestunden waren sie nicht abgeneigt, sich zu versammeln, und gelegentlich, das ist, jedesmal, wenn sich Studenten einfanden, konnten sie sich nicht enthalten, zu tanzen und zu kokettiren.

Das Alles entsprach offenbar nicht der melancholischen Ueberspanntheit einer Träumerin wie Wjera. Es ist daher nicht zu verwundern, daß Wjera, obgleich sie ihnen mit ihrem Geldbeutelchen beistand, sie dennoch gleichzeitig wie Kinder behandelte und sich auch fern genug von ihnen hielt.

Auch das Studium befriedigte sie nicht. »Es wird noch Zeit sein, sich mit der Wissenschaft zu beschäftigen,« dachte sie; »man muß vorher durchsetzen, daß der wichtigste Theil der »Aufgabe« erfüllt werde.« Deshalb ließ sie mein Zureden, sie solle sich ernster mit ihrem Studium befassen, ohne Antwort.

»Ich begreife nicht,« sagte sie mir einmal, »wie man inmitten des uns auf allen Seiten umgebenden Elends und unter dem Eindruck jener Leiden, über welche die Menschheit klagt, darin ein Vergnügen finden kann, die Augen der Fliegen unter dem Mikroskop zu betrachten; und doch hat sich unser guter Professor W. mit diesem ›höheren‹ Gegenstand eine ganze Stunde lang beschäftigt.«

Als ich die Ueberzeugung gewann, daß Wjera an Naturwissenschaften wenig Geschmack findet, rieth ich ihr, sich mit der politischen Oekonomie zu befassen. Das Resultat erwies sich als ein gleiches. Die landläufigen Abhandlungen über politische Oekonomie riefen in ihr Ermüdung hervor, ohne in ihrem Kopfe irgend eine Spur zurückzulassen. Indem sie ans Studium ging, war sie schon im Voraus davon überzeugt, daß das die Autoren interessirende Ziel – die Wohlfahrt der Menschheit herbeizuführen, nur dann erreicht sein wird, wenn die Menschen Alles unter sich vertheilen und es nicht mehr Unterdrückung, noch Eigenthum geben wird. Sie hielt dies für eine unbestreitbare Wahrheit, an der zu zweifeln unzulässig und für die ein Beweis überflüssig ist. »Wozu sich also den Kopf zerbrechen mit allen diesen Fragen von Arbeitslohn, Procenten, Credit, und mit einer ganzen Reihe so vieler langweiliger und verworrener Dinge, deren einzige Bedeutung darin liegt, den Verstand zu verwirren und die Menschen von ihren wahren Zielen abzulenken. In unserer Zeit hat kein anständiger Mensch das Recht, sich zu fragen: ›Welches Ziel setze ich meinem persönlichen Leben?‹ Er darf sich nur für die Wahl des kürzesten Weges interessiren, der zu dem vorgesteckten allgemeinen Ziel führt. Einem Russen kann dieser Zweck bloß die sociale und politische Revolution sein. Und auf diese Fragen gibt kein Lehrbuch der politischen Oekonomie eine Antwort; folglich ist es überflüssig, sie zu lesen!«

So raisonnirte Wjera mit mir. Und wie sehr es auch befremden mag – wir wurden dennoch Freunde. Unsere Zusammenkünfte wurden häufiger, und in den Gesprächen kam sehr oft persönliche Sympathie zum Vorschein. Dies erkläre ich mir durch den seltsamen Reiz, der Wjera eigen war.

Ihre Gesichtszüge waren so edel, jede ihrer Bewegungen war so anmuthig und harmonisch und es lag so viel Aufrichtigkeit und Naivetät in ihrem ganzen Gehaben, daß ich mich davon seelisch befriedigt fühlte. Mit ihr zu debattiren war unmöglich, und es blieb mir nichts Anderes übrig, als zu bedauern, daß ihr Geist zu wenig entwickelt war und sie deshalb völlig gleichgiltig gegen die erhabenen Errungenschaften der zeitgenössischen Civilisation blieb.

Wjera zog mich allen ihren Bekannten vor. Allein sie konnte doch nicht begreifen, daß ich mich vollständig der Mathematik hingab. Es schien ihr, der Mathematiker sei ein Sonderling, der sich mit der Lösung von in Ziffern ausgedrückten Charaden beschäftigt. Man kann ihm diese Manie verzeihen, da sie recht harmloser Art ist, allein es ist schwer, sich einer gewissen Verachtung dieser seiner Schwäche zu enthalten.

So sah Jede von uns von der Höhe mit einer gewissen Herablassung auf die Andere. Aber das störte unsere Freundschaft nicht.

Inzwischen verstrich die Zeit und Wjera ward immer aufgeregter und ungeduldiger, als sie sah, daß sie noch nicht einen einzigen Schritt zur Erreichung ihres vorgezeichneten Zieles gethan hatte. Ihre Gesundheit begann darunter zu leiden, daß ihr seltsamer Wunsch, »sich der Sache zu widmen«, nicht Befriedigung fand, die rosigen Farben schwanden von ihren Wangen und der Ausdruck ihrer dunkelblauen Augen wurde täglich sinnender und trauriger.

Ich entsinne mich, wie wir einmal an einem fröhlichen Wintermorgen auf dem Newski spazieren gingen. Der Himmel war klar und die Sonne ergoß überallhin ihre hellen, grellen Strahlen. Man hätte denken können, daß irgend ein Wunder uns in dieses lichtvolle Reich versetzt habe, wovon unsere Volksmärchen erzählen. Silbern glitzerte es von den Ladenscheiben, Silber glitzerte unter den Füßen und zerstob um uns herum in kleine Flitter. Es liegt so viel Erfrischendes in der reinen Winterluft, daß man mehr Lust zum Leben bekommt. Ungeachtet der breiten Trottoirs konnten wir uns nur mit Mühe fortbewegen, da wir von allen Seiten von den Passanten gestoßen wurden. Männer, Frauen, Kinder mit hellem Roth auf den Wangen, das Kinn in die Pelze versteckt, athmeten Gesundheit und Fröhlichkeit aus. »Wenn man bedenkt,« wandte sich Wjera Plötzlich an mich, »daß sich unter diesen Menschen vielleicht gerade diejenigen finden, die ich so lange suche ,… Vielleicht könnte mehr als Einer mir das sagen, was ich so vergeblich zu erfahren suche. Weißt Du, jedesmal, wenn ich einem sympathischen Menschen begegne, bin ich bereit, ihn anzuhalten, ihm gerade ins Auge zu sehen und ihn zu fragen, ob er nicht Einer von ihnen ist.«

»Nur zu, bitte, genire Dich nicht meinetwegen!« antwortete ich im ruhigsten Tone; »sieh' z. B. diesen Officier mit den glänzenden, goldenen Epauletten. Oder diesen musterhaften Advocaten, der Dich so selbstbewußt durch sein Monocle betrachtet! Wirst Du nicht bei Denen dein Herumfragen beginnen? Ihr Aeußeres verspricht viel!«

Wjera zog die Schultern empor und seufzte schwer. Gegen Ende des Winters ereignete sich etwas, das mit einem Male Wjeras Qualen ein Ende bereitete und ihr die Möglichkeit gab, zu entdecken, was sie suchte. Schon Anfangs Januar hatte sich das Gerücht verbreitet, daß an verschiedenen Orten Rußlands bedeutsame Verhaftungen vorgenommen worden seien und es der Regierung gelungen sei, eine spitzfindig ersonnene socialistische Verschwörung zu entdecken. Diese Gerüchte wurden bald bestätigt: im »Regierungsboten« war ein ämtlicher Bericht veröffentlicht, in dem den treuen Unterthanen mitgetheilt wurde, die Behörde habe es zuwege gebracht, eine ganze Corporation politischer Verbrecher in der Zahl von 75 Personen dingfest zu machen.

Nach der Unterdrückung des polnischen Aufstandes, dem mißlungenen Attentat Karakosow's und der Verschickung Tschernischewsky's nach Sibirien begann in Rußland eine Periode, während welcher es politisch verhältnißmäßig ruhig war. Es ist richtig, auch in dieser Zeit gab es nicht wenige Verdächtige; die häufigen Verhaftungen und Verschickungen dauerten fort. Man kann in jenem Zeitabschnitte nicht eine einzige allgemeine Bewegung nachweisen. Die Epoche der systematischen Attentate hatte noch nicht begonnen. Der eigentliche Charakter der revolutionären Propaganda hatte sich wesentlich verändert, nicht ohne ausländischen Einfluß.

Früher waren Alle mit dem Gedanken an politische Reformen und die Vernichtung des Absolutismus beschäftigt; jetzt kam die socialistische Aufgabe an die Reihe. Die revolutionäre Intelligenz wurde nach und nach der festen Ueberzeugung, daß wesentliche Resultate, welche sie auch sein mögen, schwer zu erzielen sind, so lange das einfache Volk in Unwissenheit und Armuth bleiben wird.

Um irgend etwas zu erreichen, muß man mitten im Volke arbeiten, eine Annäherung mit ihm suchen, »sich vereinfachen«. Die Menschen dieser Generation kann man nicht besser darstellen, als es Turgenjeff im Roman »Neuland« gethan. Zu der Zahl dieser Naiven und keineswegs verbrecherischen Propagandisten gehörten auch jene 75 Beschuldigten, die ich soeben erwähnt habe. Sie arbeiteten nicht mit Bomben und nicht mit Dynamit. Die meisten von ihnen gehörten guten Familien an und waren sich keiner anderen Schuld bewußt, als daß sie unter das Volk gingen.

Sie legten Bauernkleider an und gingen als Arbeiter in die Fabriken mit der geheimen Absicht, inmitten der arbeitenden. Classe Propaganda zu machen. Aber in den meisten Fällen beschränkte sich die Thätigkeit auf den Besuch der Schänken und Märkte, auf revolutionäre Reden und die Vertheilung der Broschüren unter die Bauern.

Die Gebräuche des Volkes und sogar dessen Sprache nicht kennend, faßten die Propagandisten ihre Mission so unpraktisch und ungeschickt an, daß sie nach den ersten Versuchen, die »Gährung unter den Arbeitern hervorzurufen«, von den Fabrikbesitzern und den Schänkwirthen, nicht selten auch von den Bauern selbst der Polizei übergeben wurden.

So gering auch die praktischen Resultate waren, welche die Propagandisten erreicht hatten, so erachtete es die Regierung dennoch für nothwendig, ihnen gegenüber mit großer Strenge vorzugehen, in der Hoffnung, mit einem Male jeder weiteren Propaganda ein Ende zu machen. Es war der Befehl ergangen, Alle festzunehmen, deren man nur habhaft werden kann. Um zu den Verdächtigen zu gehören und verhaftet zu werden, genügte es, Bauernkleidung anzulegen. Die Verhafteten wurden zur Untersuchung und Verhandlung nach Petersburg geschickt. Obgleich dir meisten von ihnen einander nicht kannten, klagte man sie dennoch als Teilnehmer eines und desselben Verbrechens an. So geschah es auch diesmal. Die Behörde wollte durch Klugheit und Energie und durch Strenge der Justiz verblüffen. Tatsächlich wurde die Angelegenheit nicht, den Geschworenen, sondern einer besonderen, von der Regierung ernannten Commission zur Verhandlung übergeben. Es stand aber jedem Angeklagten das Recht zu, seinen eigenen Advocaten zu haben, und der Proceß sollte bei offenen Thüren geführt werden.

Wie es schien, sah die Regierung nicht ein, daß in einem solchen Lande wie Rußland infolge seiner ungeheuren Ausdehnung und des Mangels an Preßfreiheit die politischen Processe das beste Mittel der Propaganda sind. Viele junge Leute, welche Wjeras Gesinnungen theilten, hätten im Verlauf einer Reihe von Jahren nicht die Möglichkeit gefunden, der »Sache zu dienen«, wenn nicht von Zeit zu Zeit politische Processe sie darauf geführt hätten, wo die wirklichen Nihilisten zu suchen. Im Allgemeinen erwecken die Angeklagten in den verschiedensten Kreisen lebhafte Sympathie. Wenn man auch mit ihnen nicht in directem Verkehre stehen kann, da sie in den meisten Fällen hinter Riegel und Gitter sitzen, so sind ihre Beziehungen zu den Freunden und Verwandten doch völlig frei, und man beeilt sich, diesen die Sympathien zu bekunden. Zwischen den Mitfühlenden und Denjenigen, denen man das Mitgefühl bezeugt, bildet sich ein gegenseitiges Vertrauen, Einer unterstützt und richtet den Anderen auf. Es ist daher nicht zu verwundern, daß nach jedem politischen Proceß sich das wiederholt, was in den russischen Sagen erzählt wird: »auf einen Riesen folgen zehn«.

Auch Wjera erfuhr an sich den Einfluß der politischen Processe. Bei der ersten Nachricht von der bevorstehenden Gerichtsverhandlung hörte sie auf, an alles Andere zu denken. Jede Nummer des »Regierungsboten« wurde für sie ein Gegenstand des aufmerksamsten Studiums. Sie wußte nicht nur die Namen der Angeklagten auswendig, sondern auch die der Vertheidiger, und beeilte sich, die erste sich darbietende Gelegenheit zu benutzen, um mit den Familien der Angeklagten Bekanntschaft zu machen. So eröffnete sich für sie das breite Feld der Thätigkeit, wovon sie geträumt: Fünfundsiebzig Familien, durch die Verhaftung ihrer Angehörigen in Elend und Verzweiflung gestürzt, bedurften ihrer Theilnahme. Sie konnte ihnen werktätige Hilfe erweisen, konnte »der Sache dienen«; und das verschaffte ihr die Möglichkeit, urplötzlich in die Mitte derjenigen Menschen einzudringen, die ihr den Gefühlen und den Ueberzeugungen nach nahe standen. Es braucht nicht erst erwähnt zu werden, daß sie, von ihren neuen Freunden völlig in Anspruch genommen, auf einmal den Besuch der Vorlesungen und den Verkehr mit mir abbrach. Wenn sie mitunter auf einen Augenblick zu mir gelaufen kam, geschah es nur, um meine Hilfe zu begehren und den ihr so theueren Menschen einen Dienst zu erweisen. Bald mußte ich einen Sammelbogen zu Gunsten der einen oder anderen nothleidenden Familie in Umlauf setzen, bald ein ohne Aufsicht verbliebenes Kind unterbringen, bald einen der hervorragendsten Advocaten zur Uebernahme einer Verteidigung veranlassen – mit einem Wort, Wjera scheute weder eigene, noch die Mühe Fremder.

Gegen Ende April war die Untersuchung beendet und die Gerichtssitzungen begannen. Von 6 Uhr Früh an drängte sich eine dichte Menschenmenge beim Eingang in das Gerichtsgebäude. Bloß die Besitzer von Eintrittskarten durften den Sitzungssaal betreten, die Anderen hielten sich in den Gängen auf, in der Hoffnung, so rasch als möglich von den Vorgängen zu erfahren. Um ½9 Uhr begann der Einlaß des Publicums, und wir befanden uns plötzlich in einem großen Saal zwischen einem Spalier von Gendarmen, die uns aufmerksam ins Gesicht blickten, als wollten sie unser Recht auf Eintrittskarten controliren.

Ein flüchtiger Blick genügte, um zu erkennen, daß das Publicum aus zwei Kategorien bestand.

Die Einen kamen aus Neugierde wie zu einem seltenen Schauspiel. Das waren zum größten Theile Leute aus der guten Gesellschaft, denen es nicht schwer fiel, Eintrittskarten zu erhalten. Darunter konnte man Damen bemerken, welche die erste Jugend weit hinter sich hatten, schwarz gekleidet, wie es der gute Ton verlangt. Viele hielten Operngläser in den Händen. Offenbar befürchteten sie, das geringste Detail des Dramas könnte ihnen entgehen, das sich vor ihren Augen: abspielen sollte. Ihre Neugierde war so gespannt, daß sie Alle gerne die Gewohnheit späten Aufstehens und die natürliche Scheu vor jeder Berührung mit dem Volke zum Opfer brachten. Fast alle Männer dieser Gruppe sahen wie hohe Würdenträger aus, der Eine wegen der Uniform, der Andere auch schon wegen eines Ordens. In den ersten Minuten waren Alle vor Spannung wie erstarrt. Aber bald war die feierliche Stille gebrochen. Man fand Bekannte, es wurden Begrüßungen ausgetauscht. Die Liebenswürdigkeit der Herren kam in dem Wunsche zum Ausdruck, die besten Plätze den Damen zu überlassen. Nach und nach entspannen sich Gespräche – zuerst flüsternd, dann lauter und lauter. Hätte sich das nicht am frühen Morgen zwischen kahlen Wänden und Fenstern, auf einfachen Holzbänken zugetragen, so hätte man glauben können, daß man sich in einem Salon der guten Gesellschaft befindet.

Neben dieser Zuschauergruppe war auch eine andere. Diese bestand aus den Freunden und nächsten Verwandten der Angeklagten. Die traurigen, abgehärmten Gesichter, die alten Kleider, das trübe, schwere Schweigen, die Blicke, die sich voll Schreck auf die Thür richteten, in der die Angeklagten erscheinen sollten – Alles in ihnen verrätst bittere Wirklichkeit, die Vorahnung eines schrecklichen Ausganges.

Punkt zehn Uhr hört man den gewohnten Ruf: »Der Gerichtshof kommt!« In den Saal treten zwölf Senatoren, alle greise Männer, die mehr Orden an der Brust als Haare auf dem Kopfe hatten; unter ihnen konnte man jede Kategorie russischen hohen Ranges wahrnehmen. Neben dem aufgeblasenen, selbstbewußten, mit seiner Carrière noch nicht fertigen Staatsbeamten fällt auch ein hinfälliger Greis mit herabhängender Lippe und halberloschenem Blick auf. Sie ließen sich, ohne sich zu beeilen, mit einer gewissen Feierlichkeit auf die Fauteuils nieder.

Da öffnet sich die zweite Seitenthür und diesmal treten, von Gendarmen geleitet, die fünfundsiebzig Angeklagten in den Gerichtssaal. Diese Verbrecher haben ein seltsames Aussehen. Die abgezehrten Gesichter stehen zu ihrer Jugend in grellem Contrast. Der Aelteste ist noch nicht dreißig Jahre alt, der Jüngste ist kaum achtzehn geworden. Alle haben etwas bessere Kleidung angelegt, Alle sehen gewissermaßen feierlich aus. Es gibt unter ihnen auch hübsche, junge Mädchen; die Aufregung, die sich ihrer bemächtigt hat, verleiht ihren Augen einen fieberhaften Glanz und bedeckt ihre Wangen mit krankhaften Farben. Lange Monate hatten diese jungen Leute in vollständiger Abgeschlossenheit von der übrigen Welt verbracht und nun ist es ihnen beschieden, ihren Nächsten zu begegnen, die sie in der anwesenden bunten Menge erkennen. Eine nicht zu beherrschende, beinahe kindische Freude drückt sich auf ihren Gesichtern aus. Sie vergessen augenscheinlich die furchtbar erregten, herankommenden Minuten: das bevorstehende Urtheil, das Urtheil, das sie auf viele, viele Jahre hinaus jedes Lebensgenusses berauben wird. In diesem Augenblicke vergessen sie Alles. Sie sehen voll Freude und Fröhlichkeit bloß die Ihren. Ungeachtet des Einspruches der Gendarmen gelang es Vielen, die ihnen entgegengestreckten Hände zu drücken und einige Worte zu wechseln. Die Freunde und Verwandten können sich nicht beherrschen, als sie sie erblicken – sie stürzen sich zu den Schranken mit freudigen Begrüßungen. Ich bin überzeugt, Niemand von Denen, die im Gerichtssaal sich befanden, wird diese Augenblicke je vergessen können. Selbst die Herrschaften aus den höheren Kreisen, die längst die Fähigkeit einer starken Empfindung verloren haben, werden von der allgemeinen Stimmung ergriffen. Für einen Moment schenken sie ihre Sympathien den Angeklagten. Später aber, wenn sie nach Hause zurückgekehrt sind und die Zeit ihre Nerven beruhigt hat, erröthen sie mehr als einmal bei dem Gedanken an ihre Schwäche. Aber jetzt können auch sie sich nicht beherrschen, und viele von diesen ehren werthen Damen schwenken bei dem Anblick dieser schrecklichen Nihilisten die Taschentücher. Allein all das währt nur einen Moment; es gelingt den Gendarmen bald, die Ordnung wieder herzustellen und die Angeklagten an ihre Platze zurückzuführen.

*

Die Verhandlung ist in vollem Gange. Der Staatsanwalt hält die Anklagerede. Ungeachtet der Wichtigkeit der darin vorgeführten Thatsachen überhören die Angeklagten seine Rhetorik. Sie blicken einander an und Jeder sucht seiner Stimmung, wenn nicht durch Worte, so durch Zeichen Ausdruck zu geben. Wie groß auch ihr bisher erlebtes Leid gewesen sein mag, wie schrecklich das sie erwartende Schicksal werden dürfte, im Augenblicke waren sie ganz glücklich, wie wenn der Sieg schon auf ihrer Seite wäre.

Der Staatsanwalt war ein junger Mensch, der rasch Carrière machen wollte. Seine Beredsamkeit war daher sehr groß. Mehr als zwei Stunden lang entwirft. er vor den Richtern ein düsteres Bild von der revolutionären Bewegung in Rußland. Er theilt die Angeklagten in Gruppen und findet in jeder die Möglichkeit, neue Unterabtheilungen zu bilden, und das Alles thut er mit derselben Kühnheit und Schnelligkeit, mit der der Botaniker die Pflanzen seines Herbariums nach Art und Gattung bestimmt. Gegen jede Kategorie erhebt er eine besondere Anklage, aber die giftigen Pfeile seiner Beredsamkeit sind fast ausschließlich gegen fünf Angeklagte gerichtet. Von diesen fünf waren zwei – Frauen. – Die Eine ist ein ganz junges Mädchen mit einem bleichen, länglichen Gesicht und träumerischen, blaugrauen Augen; das ist die Tochter eines hochstehenden Beamten, die Kameraden nennen sie »die Heilige«. Die Andere ist alter, kräftiger, augenscheinlich gröberer Natur; ihr breites, flaches Gesicht ist nicht schön und trägt den Stempel des Fanatismus und des Eigensinns.

Von den Männern ist Einer ein Arbeiter mit intelligentem Aeußern, der Andere ein Schullehrer mit allen Anzeichen der galoppirenden Schwindsucht, der Dritte ein Student der Medicin jüdischer Herkunft, Pawlenkow. Dieser ruft den Haß und die Entrüstung des Staatsanwaltes in besonderem Maße hervor.

Wenn die Rede auf Pawlenkow kommt, kann der Staatsanwalt seinen Zorn nicht zurückhalten: er schildert ihn als einen leibhaftigen Mephisto. Alle übrigen Angeklagten, behauptet er ferner, sind unzweifelhaft ein sehr schädliches Volk. Die Gesellschaft hat die Pflicht, sie im Interesse der eigenen Sicherheit zu beseitigen, allein hier muß man doch wildernde Umstände gelten lassen. Wie unsinnig die propagirten Theorien sein mögen, so glauben jene doch an sie; aber bei Pawlenkow kann man das nicht sagen.

Ihm ist die revolutionäre Propaganda nur ein Mittel, sich selbst zu erheben und die Anderen in den Schmutz zu versenken. Die Natur hat ihn mit einem außergewöhnlichen Verstand bedacht, er aber benützte diese kostbare Gabe nur dazu, sich und die Anderen in den Abgrund zu stürzen. Nach dem Beispiele seiner französischen Kollegen schildert der Staatsanwalt Pawlenkow's Lebensgang von der frühesten Jugend an. Er schildert uns den Angeklagten als einen ehrgeizigen Burschen, der bei armen Eltern aufwuchs, die keine Achtung verdienten. Diesen waren, behauptet er, alle moralischen Principien fremd. Und da sie selbst keine hatten, konnten sie dieselben den Kindern auch nicht einprägen, um ihre lasterhaften Instincte zu bekämpfen. Ein reicher jüdischer Kaufmann, von der Intelligenz des jungen Samuel verblüfft, bringt ihn in eine Schule; Samuel lernt fleißig und erfolgreich, aber das Lernen entwickelt in ihm nicht die moralischen Gefühle. Er bekommt das Maturitätszeugniß und tritt in die Medicinische Akademie ein. Das war offenbar für den armen jüdischen Jungen, dessen Brüder und Schwestern noch immer in Lumpen und barfüßig auf der Straße umherliefen, ein unerwarteter Erfolg. Aber statt Gott und seinem Wohlthäter zu danken, begünstigt und entwickelt Pawlenkow jenes böse Gefühl, welches die Armuth und Erniedrigung der Kindheit in ihm hervorgerufen hatten. Ihn ergreift nach und nach ein unbezähmbarer Haß gegen Alles und Alle, die hoher als er stehen; er gebraucht seinen Verstand und seine Fähigkeiten dazu, um Einfluß auf diejenigen seiner Collegen zu erlangen, die besseren Familien angehörten, als er. In seiner Seele Pflegt er den Gedanken, wie sie für seine verbrecherische Gesinnung zu gewinnen wären.

Und in diesem Sinne spricht der Staatsanwalt ununterbrochen. Er schließt seine Rede mit der Bitte, das Gericht möge bei Pawlenkow die volle Strenge des Gesetzes walten lassen. Mit einem solchen Verbrecher, wie er es ist, hat man kein Erbarmen.

Während der Staatsanwalt gegen Pawlenkow loszog, verfolgte ich aufmerksam das Gesicht des Angeklagten. In einem gewissen Sinne war sein Aeußeres interessanter als das aller Anderen. Er schien an Jahren und Erfahrungen älter. Auf seinem Gesichte konnte man keine Spur von jener kindlichen Naivetät finden, welche die Gesichter der übrigen Angeklagten zeigten. Er war brünett, hatte scharfe jüdische Züge. Seine Augen frappirten durch Klugheit und Schönheit, aber ein bitteres, sarkastisches und zugleich sinnliches Lachen entstellte seinen Mund.

Seine rothen, dicken Lippen fielen durch ihren Contrast mit dem oberen Theil des Gesichtes unangenehm auf, welches den Eindruck des Feinen hervorrief. Das Zucken der Gesichtsmuskeln und die raschen Handbewegungen zeugten von Pawlenkow's Nervosität. Er war der einzige unter allen Angeklagten, der bei dem Anblick der Genossen nicht die geringste Freude bekundete; auch begegnete er beim Eintritt keinem einzigen thränenfeuchten Blick. Pawlenkow folgte aufmerksam jedem Worte des Staatsanwaltes und machte von Zeit zu Zeit auf einem Streifchen Papier Notizen. Keine einzige zornige Aeußerung machte ihn außer sich gerathen. Und würden sich nicht auf seinem Gesichte die nervösen Zuckungen gezeigt haben, so hätte man ihn leicht für einen gleichgiltigen, wenn auch aufmerksamen Zuschauer halten können, der an dem Ausgang der Angelegenheit persönlich nicht betheiligt ist.

Der Rede des Staatsanwaltes folgte eine einundeinhalbstündige Pause. Die Zuschauer und die Angeklagten verließen den Gerichtssaal. Die Senatoren und Advocaten eilten zum Frühstück und das Publicum begab sich in die nächsten Restaurants.

Die Sitzung wird wieder eröffnet und nun treten die Advocaten an. Es ist keine leichte Sache, in einem politischen Proceß Vertheidiger zu fein. In der That, ein solcher Proceß ist ein vorzügliches Mittel, hervorzutreten und sich einen Namen zu machen; dagegen braucht der Advocat in seiner Rede bloß eine Spur von Feuer oder eine Ueberzeugung an den Tag zu legen, und er fällt sofort der Kategorie der Verdächtigen anheim. Viele erinnern sich noch, daß auf eine beredte Vertheidigung einmal die administrative Verschickung folgte.

Indeß kann man zur Ehre des Advocatenstandes sagen, daß sich in seiner Mitte stets Männer fanden, die hochherzig genug waren, sich den Angeklagten zur Verfügung zu stellen, und sogar ohne jede Aussicht auf Entlohnung. Auch in diesem Falle war es so; auch diesmal fanden sich Leute, die gern die undankbare und verantwortungsvolle Rolle des Vertheidigers übernahmen. Es fiel ihnen nicht ein, ihre Clienten zu entschuldigen und deren Theilnahme an der revolutionären Bewegung zu leugnen. Sie begnügten sich damit, die Motive ihrer Handlungen ins vortheihafteste Licht zu stellen; sie entwickelten kühne Theorien und erlaubten sich nicht selten Ausdrücke, die in jedem anderen Proceß – politische ausgenommen – nicht denkbar wären.

Der Vorsitzende des Gerichtshofes versuchte es öfter, dergleichen hintanzuhalten. Aber alle seine Bemühungen waren vergeblich. Gleich darauf nahmen sie ihre frühere Redeweise wieder auf und sprachen nur noch kühnere und entschiedenere Gedanken aus.

Die Sympathien des Publicums für die Angeklagten wuchsen stetig. Die Mitglieder der guten Gesellschaft, welche die Neugierde in den Gerichtssaal getrieben hatte, hörten bestürzt Dinge an, an die zu denken sie bislang auch nicht ein einziges Mal Gelegenheit gefunden hatten: ihr Geist war nach dieser Richtung eben wenig geübt. Gerade so wie Wjera den Socialismus für das einzige Mittel zur Lösung aller Fragen hielt, glaubten Jene nach dem Hörensagen, daß alle Ideen der Nihilisten in gewissem Sinne Wahnsinn wären. Sie lernten die beredt erörterten Ideen kennen und sahen, daß diese schrecklichen Nihilisten lange nicht jene Wunderthiere waren, welche ihnen ihre Phantasie oder Vorstellung malte, sondern daß es unglückliche, sich völlig verleugnende junge Leute sind; es ist also nicht zu verwundern, daß sich vor den Augen Jener eine neue Welt entfaltete und sie nicht mehr wußten, welche Gefühle für die Angeklagten zu hegen. Von dem früheren mißtrauischen und sarkastischen Verhalten war keine Spur mehr; die Sympathien für sie steigerten sich sogar allmälig und schienen in Enthusiasmus übergehen zu wollen. Bloß die Richter bekundeten auch weiterhin ihren gewohnten Gleichmuth. Die redegewandten Advocaten rührten sie wenig; sie hatten im Vorhinein ihre Instructionen erhalten und man konnte sogar ihr Urtheil Vorhersagen. Man konnte ihnen bloß von Zeit zu Zeit Zeichen von Müdigkeit und Apathie ansehen.

»Wann wird das Alles ein Ende nehmen?« schienen ihre Lippen zu lispeln.

Der Abend bricht an, der Vorsitzende schließt die Sitzung. Am nächsten Tag werden die Debatten bis in die Nacht hinein fortgesetzt.

Und so geht es Tag für Tag ein ganze Woche lang. Das Interesse des Publicums nimmt nicht ab, sondern wächst sogar zusehends.

Zu den glänzendsten Verteidigungsreden muß Pawlenkow's Rede gezählt werden. Es ist wahr, auch ihm war ein Advocat nicht verwehrt worden, aber Pawlenkow entschied sich, auch von dem Recht der Selbstverteidigung Gebrauch zu machen. In technischer Hinsicht war seine Rede unvergleichlich schlechter, als die vorher gehaltenen. Was ihr aber eine besondere Kraft und Bedeutung verlieh, das war ihre Einfachheit und das Unkünstlerische. Er schloß sie mit den folgenden Worten:

»Der Herr Staatsanwalt hat Ihnen gesagt, ich sei ein armer Betteljude, und er hat Ihnen die Wahrheit gesagt: allein gerade deshalb, weil ich die Armuth kenne und den Reihen der verachteten Nation entstamme, fühle ich mit allen denen mit, welche leiden und kämpfen. Als ich sah, daß es mir unmöglich war, mit gewöhnlichen Mitteln zu handeln, beschloß ich, zum Aeußersten Zuflucht zu nehmen, ohne erst darüber nachzudenken, ob es gesetzmäßig oder gesetzwidrig ist. Der Herr Staatsanwalt sagte Ihnen, wegen meiner Armuth sei ich auch strenger als die Anderen zu bestrafen – meinethalben, möge man Alles mit mir machen, was er will. Ich werde nicht um Ihr Mitleid bitten, da ich jenem Volke angehöre, welches gewohnt ist, zu leiden und zu dulden.«

Nach Schluß der Debatten entfernten sich die Richter behufs Fällung des Urtheils, das Publicum verblieb im Saale. Nach zwei Stunden kehrten jene auf ihre Plätze zurück und der Vorsitzende begann leise und feierlich mit der Verlesung des Urtheils. Das währte ungefähr eine Stunde. Die Mehrheit der Angeklagten wurde zur Verschickung nach Sibirien oder in ein entlegenes Gouvernement verurtheilt, bloß die fünf erwähnten Angeklagten zu Zwangsarbeit von 5 bis zu 20 Jahren. Wie zu erwarten war, wurde Pawlenkow mit einem größeren Strafausmaß bedacht.

In den Regierungskrisen wurde dieses Urtheil einstimmig als nachsichtig bezeichnet; Alle hatten eine strengere Lösung erwartet.

Aber das im Saale versammelte Publicum dachte nicht so; es empfand diesen Urtheilsspruch als einen schweren, betäubenden Schlag. Eine Woche lang hatte es das Leben der Angeklagten mitgelebt, jeden von ihnen persönlich kennen gelernt und war in die verborgensten Winkel der Vergangenheit eines jeden eingedrungen. Es war daher schwer, ihrem Schicksal gegenüber gleichgiltig zu bleiben; es war schwer, jenen Standpunkt einzunehmen, auf den sich so oft der Leser stellt, wenn er erfährt, daß irgend ein unabwendbares Unglück über eine ihm unbekannte Person hereinbricht.

Nach Schluß der Verlesung herrschte im Saale Todtenstille, nur hie und da von Schluchzen unterbrochen.

Meine Blicke richteten sich unwillkürlich auf Wjera. Sie stand und hielt sich an den Schranken fest, war weiß wie Leinwand, ihre weit aufgerissenen Augen hatten jenen verwunderten, fast ekstatischen Ausdruck, den man auf den Gesichtern von Märtyrern beobachtet.

Die Menge ging langsam und stumm auseinander.

Draußen begann der Frühling. Von den Dächern rann Wasser herab und floß in raschen Bächen die Trottoirs entlang. Reine, frische Luft drang in die Brust. Alle Erlebnisse der letzten Tage schienen nichts als ein Alpdruck gewesen zu sein, und es hielt schwer, an die Wirklichkeit alles Geschehenen zu glauben. Wie im Nebel erschienen die Gesichtscontouren jener zwölf ohnmächtigen Greise, die längst alle Freuden des Lebens genossen und nun voll Ruhe und Befriedigung das Urtheil gesprochen hatten, welches das Korn des Glückes und der Freude von fünfundsiebzig menschlichen Wesen abgemäht hat. Das konnte Jedem nur als bittere Ironie erscheinen.

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