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Die Nihilisten

Karl Gutzkow: Die Nihilisten - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Selbsttaufe
authorKarl Gutzkow
year1998
publisherVerlag Karl Stutz
addressPassau
isbn3-88849-035-9
titleDie Nihilisten
pages233
created20020425
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1853
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Fünftes Capitel

Das Pfarrhaus in Liederbach

Eberhard Ott, der Bevollmächtigte Constantin's, der Niederschmetterer Jean Repsen's, der freundliche Ziegenbockbefreier Frieda's, muß uns näher bekannt werden.

Eberhard war ein jugendlich blickender Mann, aber schon nahe den Dreißigen. Von hoher Gestalt, gleichmäßig in seinen Formen, ruhig und mild in seinem Benehmen mußte er jedes Herz gewinnen, das mehr Sinn für innere Gediegenheit als für ein blendendes Aeußere hatte.

Früh selbständig durch den Tod seiner Aeltern hatte Eberhard Ott auch frühe schon gelernt, für sich selber zu sorgen. Er hatte dadurch viel Sicherheit gewonnen, die jedoch nicht frei von Befangenheit war und es gab Menschen, die den schon auf der Schule alleinstehenden Jüngling pedantisch nannten.

Ein kleines Vermögen, das dem Jüngling die in seinen Armen gestorbenen Aeltern hinterließen, reichte nur bei dem gewissenhaftesten Haushalte aus, ihm das Studium der Rechte möglich zu machen. Weil er sich deshalb abschließen, vielerlei Zerstreuung versagen, fleißig arbeiten mußte, gewann er sich ein ernstes Wesen, das Manchem kalt erschien, der die innere Flamme seines nur zu regen Gemüths nicht kannte.

Unter diesem gemessenen Auftreten, das ihm das Leben frühzeitig als Pflicht vorschrieb, lag sogar Hang zur Schwärmerei. Eberhard war, alleinstehend und früh vereinsamt, auf dem besten Wege, ein Menschenfeind zu werden.

Der Zufall spielte ihm die Werke Montaigne's und La Rochefoucauld's in die Hände. Referendar in einer Provinzstadt, las er Lebensmaximen. Das Weltmännische, Kalte und Berechnende der Philosophie des Umgangs glitt von ihm ab, aber eine Ueberzeugung blieb aus ihr an ihm haften, es war die, daß in den gewöhnlichsten Menschen, die uns im Leben begegnen, doch, wenn man nur näher forsche, immer viel Achtbares und selbst für den Denker Anerkennenswerthes schlummern könne.

Eberhard war durch diese Ueberzeugung lange wie von einer Offenbarung ergriffen. Er verband sie mit der Lectüre Hippel's und der erneuten Bekanntschaft Goethe's, den er jetzt in einem neuen Geiste ansah. Sein ganzer Trieb, zunächst schwärmerisch und ideal, ging nun darauf aus, praktisch zu sein und auch darin lag wieder Idealität. Eberhard glaubte, allen Phantasieen, von denen er behauptete, sie erzögen nur Menschenverachtung und zum Hochmuth, den Abschied gegeben zu haben, er wollte Bewußtsein und Lebensklarheit in jedermann wecken, er sah überall verborgenen Werth, stille Bedeutung, unangebrochene Schätze der edelsten Erfahrung und mühte sich in jener Provinzstadt und später in der Residenz ab, die Menschen zum Bewußtsein ihres Werths zu bringen. Bei den unbedeutendsten Individuen lauschte er auf ihre Art und Richtung und wer konnte ihn widerlegen, wenn er behauptete, in allen Menschen wirklich das Allgemeinsame aller Verstandes- und Herzensbedingungen angetroffen zu haben! Er ordnete Erkennungen, Verbrüderungen, gemeinschaftliche Unternehmungen an. Eine zeitlang war es die Musik, dann die Kunst, dann die Literatur, dann die höhere Geselligkeit, zuletzt die Politik, alle diese Gebiete benutzte er als Tummelplatz, wo der Geringfügigste plötzlich einen Werth entwickeln konnte.

Aber seine Plane scheiterten.

Ein scharfer Beobachter, wie Constantin, verspottete längst diese Art der Menschenpflege. Man trüge ja doch, hieß es, nur in jeden Menschen hinein, was man aus ihm herauszufinden glaube!

Es gab die bittersten Erfahrungen.

Die Musikaufführungen, die Kunstvereine, die Kränzchen für literarischen Genuß oder politische Meinung, Alles was Eberhard zu Stande brachte, aus den zufälligsten und sich von selbst darbietenden Elementen zusammensetzen und zum Bewußtsein steigern wollte, es war mit Täuschungen wieder auseinandergegangen. Die Leidenschaften und der Egoismus verdarben zuletzt doch immer wieder Alles.

Nun hatte Eberhard darum doch seinen Glauben an die Menschheit nicht verloren.

Er faßte sie jetzt nur im Allgemeinen. Er sah Gelegenheit genug, Thatsachen höherer Bedeutung festzustellen und warb für Ideen.

Die Gefahr, in die er dadurch manchen Verhältnissen gegenüber gerathen konnte, war glücklich vorübergegangen und der Glaube an das Gute hatte Eberhard nicht verlassen. Er glaubte an die Nothwendigkeit, daß Constantin so handeln mußte, wie er ihm erklärt hatte, im Besitze einer Hertha gegen eine Agnes handeln zu müssen. Er glaubte an den Schmerz, den er im Pfarrhause zu Liederbach angetroffen.

Mit dem Verlobungsring in der Tasche hatte er sogleich bei Agnes Planer und ihrem Vater den Besuch gemacht.

Er wollte von Constantin's bedeutender Entwickelung sprechen, von seinem Glück in der Gesellschaft, seinem Bedürfniß ungehinderter freier Entfaltung, er wollte die armen verlassenen Menschen allmälig Das rathen lassen, was er ihnen zu sagen und mit Güte und Schonung beizubringen den Auftrag hatte.

Nun sah er diese Menschen. Sogleich erschrak er, daß sie anders waren, als er sie sich gedacht hatte. Siegreiche Menschen wie Constantin zwingen dem Wildfremdesten ihre erste Vorstellung auf. Rücksichtsvolle wie Eberhard beobachten und werden irre. Als er in Liederbach zum ersten male war, fand er Agnes erst allein. Der Vater, mehr Landwirth als Geistlicher, war im Felde.

Agnes erschien ihm sogleich anders, als er sie sich gedacht hatte. Sie war nicht klein, sondern groß. Sie hatte nicht blaue, sondern braune Augen, sie war nicht blond, sondern brünett. Sie war nicht unsicher und gedrückt, sondern von gewähltem Ton, zart zwar und von jener Zurückhaltung der Gefühle, die jedoch etwas ahnen läßt und ein achtbares heimliches Seelenleben in Aussicht stellt.

Kaum hatte Eberhard sich genannt, kaum den Gruß, den er von Constantin brachte, ausgerichtet, als ihn trotz der starken und kräftig scheinenden Natur Agnesens von ihr einige Tropfen im Auge überraschten, eine bebende Stimme rührte. Er sah, daß Agnes sein schweres Amt bereits ahnte.

Er besaß nun die Schwäche, zurückzuhalten. Er sah da ein zur bravsten Hausfrau berufenes Mädchen, das einer treuen Liebe ihre Jugend geopfert hatte. Er fiel aus der Rolle, die er sich seit einigen Tagen mit allem Aufwande von Psychologie einstudirt hatte. Er war eben der Rücksichten- und Gewissensmensch.

Ja als dann der Pfarrer kam und der kleine, frisch geröthete, sogleich die Pfeife stopfende Mann in Zorn und Verwünschungen über Constantin ausbrach, da gab er sogar Constantin Zeugnisse des Wohlverhaltens gegen Agnes, die er, nach der Stadt zurückkehrend, bitter bereuen mußte.

War der Erfolg, den Eberhard's erster Besuch in Liederbach haben sollte, vom Ziele ganz links abgegangen, so mußte dieser natürlich bald wiederholt werden.

Man war im Pfarrhause angenehm überrascht, diesen milden und gewiegten Mann schon am folgenden Tage, wie auf zufällige Veranlassung, wieder vorsprechen zu sehen.

Eberhard konnte nicht anders, als die Ausrede brauchen, daß ihm von allen Spaziergängen um H. der nach Liederbach der liebste wäre.

Agnes schien heute beruhigter. Sie entwickelte sich sogar. Der Vater debattirte, zankte, verwünschte die Universitäten, das Jahrhundert, die Regierungen, im Grunde jede Meinung, die nicht die seinige war. Agnes schien sein vollkommenes Gegenbild. Sie sprach, freilich mit etwas auffallender Betonung, für höhere Sphäre, sanftere Schwinge, Emporgetragenwerden über das Gemeine und Geringe. Der Vater pries das Gegentheil. Diese Frieda, Constantin's Schwester, sagte er unter Anderm, ist das einzige vernünftige Frauenzimmer, das mir seit Jahren vorgekommen ist! Schon an dem Kinde hatt' ich meine Freude. Wenn freilich bei so toller Erziehung, wie sie genoß, etwas aus ihr geworden ist, verdankt sie's einem besondern Wohlgefallen Gottes; denn im Hause des alten Ulrichs geschah und geschieht noch täglich Alles, um die Nachkommenschaft zu verderben. Von Constantin sprech' ich nicht, um Agnesen nicht zu kränken. Seinen Dünkel, seinen nichtsnutzigen Hochmuth werden Sie kennen und sich hoffentlich nicht von ihm terrorisiren lassen, wie er Alle terrorisirt. Frieda aber ist die einzige von den Ulrichs, mit denen sich umgehen läßt, wenn auch mit ihr der Zank nicht abreißt; sie ist praktisch und warum? Ich glaube, man kann des Jahres die Seiten zählen, die die in irgend einem Buche gelesen hat.

Lieber Vater, entgegnete Agnes, die den Vorwurf fühlte, mit Gelassenheit, wenn man wie ich, seit frühester Kindheit auf dem Lande lebt und ewig nur von Oekonomie hört, was kann man thun, als sich unter Bücher flüchten? Frieda athmete von frühester Kindheit Bücherstaub. Ihr Haus wurde nie leer von jungen, wissenschaftlich gebildeten Männern. Was Andere sich mühsam durch Selbstunterricht erwerben müssen, gewann sie im Spiel. Und so hübschen Mädchen, wie Frieda ist, steht im Grunde Alles schön, selbst wenn sie Thorheiten machen. Ich möchte nicht ungestraft die Possen treiben, die man ihr hingehen läßt. Wenn Frieda da am Schrank steht und alle deine Bücher nach der Reihe als Schriften voll Unsinn und Widerspruch recensirt, so heißt's bei ihr: Die ist ein Genie. Thät' ich's, ich würde dir damit nur Beweise meiner Beschränktheit geben.

Eberhard horchte den vernünftigen Worten.

Sie rügten etwas, was ihm selbst an Frieda, die er wiedergesehen und liebte, nicht wohlthat.

Diese Kritik Agnesens wurde mit einer Sicherheit vorgetragen, die er bei dem sonst zerflossen scheinenden Gemüthe kaum für möglich gehalten hätte.

Er mußte sich auch hier gestehen, daß Agnes in dieser ihrer bestimmten Art nichts Gewöhnliches hatte. Die lange Selbständigkeit in der Führung eines eigenen unruhigen Hauswesens hatte sie mehr entwickelt, als er bei erster Begrüßung glaubte und vollends achtbar war ihm die Fassung, mit der Agnes schon bei diesem zweiten Besuche über Constantin hinwegging.

Er kam zum dritten male nach Liederbach und an dem Tage, wo er den Hans durch eine lebendige Treppe befreit hatte, war er schon zum fünften male da.

Auf Constantin kam die Rede nicht mehr; er hätte den Ring in aller Ruhe auf das Nähtischchen Agnesens legen können, sie würde ihn zur Seite unter die Blumenstöcke gelegt haben, unter deren grünen Schatten sie am Fenster zu arbeiten und die stille einförmige nur zuweilen von einigen Studenten, die das von Hans von Landschütz gebraute Bier lieber im goldenen Löwen an der Quelle kosteten, unterbrochene Chronik des Dorfes zu mustern pflegte, und ein anderes Gespräch angeknüpft haben. Der Vater behandelte den Gast voll Theilnahme. Er schonte eben deshalb Constantin und von Agnesen sah Eberhard wol ein, daß sie sich der Erinnerung an Constantin mit einem an sich gesunden Gefühle der Selbstrettung entwinden wollte. Nichts ist ja schüchterner als Männernatur. Zu dem Eingeständniß einer keimenden Neigung Agnesens gegen – ihn selbst, wagte sich Eberhard's Bescheidenheit nicht hinaus. Und doch fühlte er, daß sein Auftrag drängte. Jedesmal wollte er bei Agnes unter den Blumen sitzend aufspringen und rufen: Constantin ist treulos! Hier hast du deinen Ring! Nimm ihn, ich habe den Auftrag ihn dir zu geben! Aber er war des Entschlusses nicht fähig. Auch darum war er seiner nicht fähig, weil ihm oft ein Grauen vor Agnes kam. Sie kam ihm gefahrvoll vor. Er sah sogar Verschmitztheit und Berechnung. Er wog und wog. Er studirte. Sie sind ein schrecklicher Gewissensmensch! hatte ihm auch Frieda einst gesagt, als er am Abendtische ihres Vaters einen Korb voll Zwetschen an ihre Geschwister vertheilte und dabei die Jahre der Kinder zu den Zwetschen und die Zahl der Zwetschen zu der Zahl der Kinder in eine arithmetische Gleichung brachte.

Agnes nahm Frieda's, von Eberhard angekündigten Besuch nicht so heiter auf als der Vater, der über das Abenteuer mit Hans, dem Ziegenbock, lachte.

Er lachte nicht über den Humor der Sache an sich, sondern über den Aerger der Leute auf dem Stiftshofe, denen er, trotz der Erziehung, die er selbst einst Aurelien und ihrer Freundin Eugenie von Saalfeld, jetziger Wingolf, gegeben, jeden nur erdenklichen Possen wünschte, Miswachs ausgenommen, da dieser ihn selbst hätte treffen müssen.

Planer war ein Nachfolger jenes Apostels, der einst den Säbel zog und einem Knechte des Malchus sein Ohr abhieb. Vermögend wie er war, hatte er manchen Morgen Acker schon zu seiner Dotation hinzugekauft und stand mit einigen seiner Gemeindeglieder, denen er am Grünendonnerstag den Kelch reichte, nach Ostern schon wieder vor den Schranken des Gerichts. Nach der Ueberzeugung, daß man niemals Trauben von den Dornen lesen würde, gab er es schon seit Jahren auf, mit seiner reichen und verwilderten Gemeinde Seelenpflege zu treiben. Die Verrichtungen seines Amts gingen nach Vorschrift, er war ein Mann, den die Bauern in jeder Beziehung ein Recht hatten, stramm zu nennen; in seiner Amtsführung lief nichts Unerlaubtes unter. Aber die Berichte der rundreisenden geistlichen Inspectoren, die Planern oft in Liederbach antreffen konnten, wie er im Nebengebäude des goldenen Löwen, im alten Kruge, zur Kirchweihzeit eine Schlägerei mit eigner Hand vermittelte und mit dem ersten besten Schemel dazwischenfuhr, bis es Ruhe gab, diese Berichte schilderten sein Wirken als einen verlorenen Posten in dem modischen neuangebauten »Reiche Gottes«. Und bei alledem behauptete er sich. Selbst seine Proceßgegner achteten des Mannes stramme Haltung.

Das Erstaunen, wie Frieda von Hans von Landschütz vor dem Pfarrhause in Liederbach abgesetzt wurde, war nicht gering.

Frieda mußte die Veranlassung dieser Fahrt zwei mal erzählen.

Der etwas lahme Patrimonialrichter, Justiziar Dammert, hinkte so rasch er konnte über die noch vor Staub undurchsichtige Straße und platzte mit der Frage herein, Himmel, woher diese gnädigste Vertraulichkeit käme?

Frieda erzählte aufs Neue und schraubte Dammert mit dem Verhör, das er möglicherweise noch mit ihr und dem Ziegenbock würde anstellen müssen. Auf seine Gewohnheit anspielend, im mündlichen Verhör mit den Bauern, wenn sie vor seinen Schranken standen, ihnen für jede Widerrede oder ungefragte Antwort oder für jeden lärmenden Zankausbruch Geldstrafen zu dictiren, die er nur dann wirklich einzog, wenn man seine Geduld auch zu lange auf die Probe gestellt hatte, rief sie in Dammert's Tone: Hans! Er schweigt oder – fünf Groschen! Hans! Er stößt nicht oder – sechs Groschen! Hans! Er schert sich zur Thür hinaus oder – sieben Groschen! Der Vater lachte wie immer, wenn beim Spott das Stichblatt nicht er war.

Der bestellte bessere Kaffee wurde hereingebracht.

Man plauderte allerlei Neues durcheinander.

Dammert, begierig jetzt auf den Stiftshof, ging. Und wie alle Vier nun, etwas beklommen, in der früh hereingebrochenen Dämmerung beisammen saßen, kam dann die Rede auf Constantin.

Frieda, das Kind Gottes, sagte kurzab:

Lieben Leute! Jetzt sind wir unter uns! Jetzt seid einmal gescheit und macht dem Ding ein Ende! Ich erwarte, daß ihr dem armen Bruder abschreibt! Ich hätte nie geglaubt, daß der Constantin auch so ein Gewissensmensch wird und an einem offenen ehrlichen Wort so lange druckst und kaut. Doch besser wahrhaftig, ihr macht das früher ab, als bis ihr's mal in der Zeitung lest, daß sie ihn zum ersten male mit irgend jemand anders aufgeboten haben.

Der Eindruck dieser schrillen Worte war schmerzhaft.

Der alte Pfarrer sprang auf und legte zitternd die Pfeife hin.

Agnes ließ einen Tassenkopf fallen und schwankte zur Thür hinaus.

Eberhard erhob sich entrüstet und sagte mit geröthetem Antlitz tief vorwurfsvoll: Frieda! Frieda!

Aber warum denn nicht! rief Frieda. Es ist ja drückend für Beide und darum sollen sie's abschütteln. Kein Baum bleibt in Jahren derselbe. Dr. Hainer sagt' es neulich, alle fünf Jahre hätten wir in der Hauptsache einen andern Körper, wir wüßten's nur nicht. Wie soll denn da Eins sich durch eine vergangene, an sich glücklich und wahr gewesene Stunde sein ganzes Leben verderben und um diese eine edle und brave Stunde sich immer rundum im Kreise drehen? Und Sie wußten's doch, Ott! Warum haben Sie denn den Ring noch immer in der Tasche? Mein Bruder schreibt uns heute, daß die Untersuchung niedergeschlagen ist und daß Ihr Schweigen ihn ungeduldig macht.

Der Pfarrer sah Eberhard mit durchdringendem Blicke an.

Eberhard stand wie beschämt, wie vernichtet. Er wußte nicht, was erwidern.

Frieda beachtete die Pause nicht, sondern plauderte weiter:

Sie wollen ja fünf grade sein lassen. Aber gemaßregelt wird doch. Der Eine muß einen Revers unterschreiben, der Andere sein Bündel schnüren und aus der Residenz. Constantin kommt heute Abend, sein Erkerstübchen hab' ich ihm schon zurecht gemacht und die Ungewißheit, die ihn wegen Eurer drückt, wird grausam. Drum kam ich selbst und wenn Agnes vernünftig ist, so gibt sie mir ihren Ring gleich mit und Sie geben ihr den Ring Constantin's und die ganze Last ist endlich vom Herzen. Abgemacht! Punktum!

Planer ging schon gefaßter und nur noch bewegt auf und ab.

Zorn hatte er anfangs genug. Der Hinblick auf den ihm wohlthuenden Eberhard aber milderte diesen Zorn und Frieda's praktische Auffassung, die für Eberhard ein Stich durchs Herz war, versöhnte ihn sogar; es war die seine. Er platzte heraus:

Ja! Frieda! Hast Recht! Es war eine Dummheit. Gleich anfangs! Das hätte damals drüben lieber im goldnen Löwen einkehren sollen als bei uns. Dein Bruder ist ein heimtückischer Bursche und war mir immer zuwider. Dünkelhaft wie ihr Alle seid, ihr Alle, ihr Ulrichs! Vater und Mutter und eure ganze Sippschaft! Und wer dich mal als Frau kriegt, Frieda, der hat auch seinen Segen weg. Das ist meine Meinung.

Für Eberhard hatten diese Erörterungen so viel Verletzendes, wie das Kritzeln eines geradegehaltenen Stifts auf einer Schiefertafel.

Die nüchternen Auffassungen des Pfarrers waren ihm bekannt; aber Frieda's Aeußerungen über brechende Herzen, zurückgegebene Worte und Ringe, die gingen ihm doch zu weit. Selbst dem Irrthum gebührte nach seiner Meinung unter Umständen eine Schonung. Die Wahrheit hat nicht überall freien Zugang und darf die Thüren so aufreißen und ihre Enthüllungen so geradehin ausrufen. Es gibt für gewisse Meinungen und Ueberzeugungen der Menschheit Ceremonialgesetze, die zu überschreiten nicht Jeder den Beruf hat. Frieda schien Eberharden eine Priesterin der Wahrheit zum Nachtheil ihrer Schönheit zu sein. Und da der alte Pfarrer jetzt in wirkliche Rührung gerieth und seinem abwesenden Kinde sein ganzes Lob, seine ganze Theilnahme spendete, so trieb es Eberhard hinaus zu Agnes.

Es war dunkel geworden.

Er suchte sie in dem schon herbstlichen, halbentlaubten Garten. Er fand sie unter den Asterbeeten.

Er trat zu ihr heran, er wollte der Einsamen Trost und Zuspruch bringen...

Frieda inzwischen, ohne Eberhard's Hinausgehen besonders bemerken zu wollen, stützte den Lockenkopf auf und blickte durch die Blumenstöcke, die am Fenster standen, auf das abendlich still werdende Leben eines Dorfes. Sie sprach vom Heimgang, wollte ohne Eberhard fort, sprach von der Stunde, wo der letzte Eisenbahnzug käme, sie wollte den Bruder, der der Stolz der Familie war, selbst empfangen.

Aber Planer bedurfte noch einer Scene. Die Geschichte mit Constantin Ulrichs war für sein Haus jetzt abgemacht, aber es fehlte doch noch das rechte Punktum auch nach seinem Sinn.

Erst sollst du noch deinen Ring haben, Mädchen! sagte er wiederholt und nöthigte Frieda zum Bleiben.

Da sie nicht mochte, sagte er:

Hilft dir nichts. Und Das mußt du auch noch hören, Dein Constantin, Frieda, ist ein Nichtsnutz.

Planer gehörte zu jenen Aufgeklärten, die die »Genialität« fast ebenso hassen wie die Finsterniß. Das Geniewesen ist ihnen nur eine Abart derselben Verirrung wie der Autoritätsglaube. Kein Reformator mag leiden, daß über seinen Kopf hinaus Andere noch weiter gehen wollen als er und leider hat Mancher sich dann schon entschlossen, lieber wieder zurückzugehen und sich wieder an Die anzuschließen, die er früher bekämpfte, als Denen zu folgen, die ihm nun gar noch vorangehen wollen.

Als Planer jetzt so recht aus dem Grunde seine Verwünschungen gegen die Ueberschwänglichen und Freiheitsschnaubenden ausgesprochen, stand Frieda auf, klopfte ihm auf die Schulter und antwortete:

Alterchen! Still! Eures Gleichen bringt mehr Unglück in die Welt als die Aristokraten! Wißt ihr, Papa, was Ihr denn eigentlich seid? Ein Schulmeister und einer recht dick voll Tyrannei. Ihr wollt die Freiheit haben, aber ganz apart für Euch und alle Uebrigen müssen sich unter Eure Freiheit als Sklaven ducken und wer sich dagegen muckst und eigentlich was Anderes will, den möchtet Ihr dann auch gleich in Euern großen Sack stecken, grausamer als der Kaiser von Marokko. Geht mir weg! Meine Mutter sagt alls, wenn vom liederbacher Glauben die Rede ist, Ihr glaubtet da blos an Euch selbst! Es ist nicht anders; jeder geht natürlich die Landstraße, wie sie ihm im Kopfe angelegt ist. Ihr könnt aus Eurer Feldmessung nicht heraus und trampelt und wettert und flucht, wenn Einer den Zweifel just nicht so glauben will wie Ihr! Sogar Eure Freigeisterei soll ein Evangelium sein. Nun macht Ihr's Keinem recht. Wenn die Stiftsfrau von Landschütz nicht jeden Sonntag aus alter Anhänglichkeit bei Euch in die Kirche ginge, kein Mensch hörte Euch mehr auf der Kanzel zu. Ihr gebt fürs Herz nichts und gebt für den Verstand nichts; 'mal redet ihr mit der Bibel und nehmt sie aufs Wort und 'mal soll's wieder blos bildlich sein und so wollt Ihr eigentlich immer nur selbst Euer Herr! Herr! sein. Die Gemeinde soll bei jedem Dinge erst fragen: Herr Pfarrer, was dürfen wir nun darüber wieder meinen? Und Ihr raucht dazu Eure Pfeife und gebt den dummen Buben und Mädchen Eure gesetzte Antwort und hundert mal hab' ich's schon gehört, daß Ihr den Leuten wie ein Professor, der's weiß, sagtet: Das weiß man nicht! Und das gerade so, als wäre das Nicht ein Glaubensartikel und es müßte Eins gleich verbrannt werden, der sich nicht ebenso feierlich und majestätisch hinstellt und sagt: Das weiß man nicht! Und so sag' ich wieder Punktum. Und diesmal Streusand drum!

Mit diesen Worten hatte Frieda den Hut aufgesetzt und sprang zur Thür hinaus.

Im Garten mußte sie in der Dämmerung erst eine Weile suchen, bis ihr Agnes und Eberhard sichtbar wurden.

Beide traten ihr unter durchsichtig gewordenen Rebengängen entgegen.

Es war still und feierlich zwischen ihnen.

Agnes schien gefaßt, Eberhard schwieg.

Planer sah dann in der Stube forschend auf Beide.

Frieda hatte einen ironischen Zug um den Mund, schien verdrießlich und wollte fort.

Agnes gab ihr die Hand. Mit Fassung trat sie zu Frieda heran und sagte, daß sie einen schönen Traum ihrer Jugend preisgeben wolle, wenn sie wüßte, daß sie ein anderes Wesen glücklich machen könne. Ott hätte die Leiden ihres Herzens gesehen und nicht gewagt, den Auftrag sogleich zu vollziehen. Es wäre jetzt geschehen. Und nun sie wisse, daß Constantin durch eine Dame aus der großen Welt glücklicher sein würde, als mit ihr, gäbe sie gern auch ihren Ring an Frieda zurück; sie möchte ihn dem Bruder geben, sie möchte ihn grüßen, möchte gewiß sein, daß er nicht um Liederbach herumzugehen brauchte, wenn er des Weges käme; sie hätte sich schon seit Jahren auf diesen Augenblick vorbereitet...

Frieda nahm den Ring, betrachtete ihn blinzelnd und sagte sich zum Vater wendend spöttisch: Amen!

Da Eberhard sich still beobachtend in der dunkeln Stube an eine alte Commode mit Gläsern und Tassen lehnte, meinte sie zu dem noch: Assessor! Die Gläser und die Tassen!...

Eberhard lächelte schmerzlich und war still.

Dem Vater war's fast, als müßte er etwas merken.

Er wollte einen Knecht rufen, Frieda nach Hause zu begleiten.

Eberhard sagte aber, auch er würde gehen, er müsse doch Constantin begrüßen. Der Blick, den Agnes dabei auf ihn richtete, war bedeutungsvoll.

Frieda verstand ihn fast, diesen Blick. Sie nahm ihren Hut und flüsterte Agnesen zu: Hab keine Angst! Ich nehm' ihn dir nicht!...

Frieda! fuhr Agnes glühend auf...

Nun! Nun! Wir Frauen kennen uns doch! sagte Frieda.

Eberhard sprach eben mit Planer. Er hörte nur Agnesens Abschiedswort: Frieda! Du bist fürchterlich!...

Dann ein nachdenkliches: Gute Nacht! von ihm selbst und nun gingen Eberhard und Frieda von dannen...

Eberhard bot der Schwester seines Freundes, die er so innig geliebt hatte, den Arm.

Frieda lehnte ihn ab. Doch schien sie unbefangen. Sie sprach gleichgültige Dinge.

Es war fast dunkel geworden. Die Sterne tauchten aus dem blauen, nebelbezogenen Himmelsmeer. Die Luft ging kühl; die geheimnisvolle Sprache eines Herbstabends flüsterte sanft durch die Natur. Die Pappeln am Wege säuselten vor dem baldigen Abschied ihrer welken Blätter. Die Ebene so weit sich breitend und das Leben in ihr so abendlich, so still, so ruhig, da- und dorther nur das Bellen eines eingeschlossenen Hundes, von der Stadt heimkehrende Wanderer, mit einfachem Abendgruß. Wie friedlich die Welt in solchen Stunden! Die Felder hier leer, dort mit frischen Furchen schon durchzogen und nach dem Erdreich duftend wie im Frühjahr. Letzte Hüter des Feldes nur noch die Kartoffeln oder dampfend widerwärtigen Geruchs Feuerstätten, wo das Kraut der schon geernteten verbrannt wird.

Würde so die einfach ländliche Herbstnatur im blaurothen Nachtschimmer nicht ohnehin die Stimmung der Wehmuth geweckt haben, wie mußte es erst klagen und weinen in Eberhard, der, allein so hinschreitend, neben der plaudernden und Allem, was ihr eben durch den Sinn kam, Worte leihenden Frieda ausrufen mochte:

Dieser kalte Abend, nach Dem, was wir heute drüben am Mittage erlebten? Welche Töne drangen vorhin aus deinem holden Munde, du Kind der Natur! Welche Gedanken liegen hinter diesen ruhigen Augen! Gedanken, die zu denken mir eine Umwälzung meines Innern sein würde und die dir so leicht kommen wie die silbernen, durchsichtigen Wölkchen dort unter den Sternen segeln! O Frieda! Wen lieb' ich denn anders als dich! Wem möcht' ich denn anders zu Füßen sinken und ihn an seinem Kleidessaume festhalten als dich! Frieda! Wem möcht' ich denn in dieser stillen Einsamkeit, hier jetzt mit dir in die ruhenden, schlummernden Büsche tretend, unter den Käfern, die noch einen Flug versuchen wollen, unter Vögeln, die noch zuweilen wie im Traum sich durch einen leisen wie vergessenen Ton in ihrem Versteck verrathen, an mein Herz drücken und Liebe, Liebe, Liebe stammeln, als dir! Nun ist's vorbei... Was war das soeben, was geschah mir am Asternbeete des Pfarrgartens...?

Der Fluch der männlichen Schwachheit ist sehr oft der, nicht im Stande zu sein, Situationen zu beherrschen.

War's die berechnete Thräne der Empfindsamkeit gewesen, die Eberhard an Agnes gerührt hatte? War's ein Blick gewesen, den er in die tiefsten Geheimnisse der Verachtung der Frauen gegen Frauen geworfen?

Er hätte jetzt da so hinschreitend im Abenddunkel Hülfe rufen mögen, Hülfe bei der einzigen, die seine Phantasie einst ganz erfüllt hatte und die er nun fast haßte. Die luftige bunte Brücke wenigstens, die ihn einst zu Frieda Ulrichs geführt, war ein Nebelhauch geworden und zerstoben.

Er ergriff Frieda's Hand und fragte:

Frieda! Was denken Sie von Agnes?

Harmlos sagte sie:

Agnes Planer ist ein ganz gutes Mädchen.

Es war dies ein ehrlicher Ton. Für Eberhard lag etwas in diesem Zeugnisse. Doch mußte es ihn nicht kränken, daß es gleichsam klang, als sollte gesagt sein: Dir darf sie genügen.

Beide schwiegen.

Von der Stadt tönten Glocken. Ihr verhallender Ton hob die Feierlichkeit des Abends. Eberhard war kein Poet, kein Schwärmer. Er hatte nie einen Trieb zur bewußten idealen Auffassung des Lebens gehabt. Er war praktischer Schwärmer. Er sah nur immer die Welt der Pflichten, der Sorgen, der Mühen, Aufopferungen. Er war in seinem Gedankengange gewissenhaft.

Ach, dachte er jetzt, solchen Naturen, wie Constantin und Frieda, fehlt nur das Unglück! Unglück allein kann sie ändern!...

Er sagte ihr's...

Frieda lachte.

Das sind kirchhöfische Ansichten, sprach sie und fuhr fort:

Bester! Dem ewig Verhimmelnden ist Alles, was zur Erde gehört, schrecklich, aber mein Vater hat uns früh vor der Erde Respect beigebracht. Die Erde ist ein so merkwürdiges Product, daß ich ganz ehrenvoll finde, ihr anzugehören. Was hat die Erde nicht Alles schon durchgemacht! Denken Sie an die Billionen Jahre zurück, die die Erde gebraucht hat, um ihre jetzige Form zu gewinnen und was das noch für ein Blühen und Leben mit der Erde ist und wie prächtig sie sich entwickelt und in noch fernern Billionen Jahren entwickeln wird! Zur Geschichte der Erde gehören wir mit zu. Sie ist ja ein lebendiger Körper, der immer wächst und sich verändert und wir machen das Alles im Leben und im Tode mit. Wenn ich heute sterben müßte, so ging' ich getrost. Ich brauche die Reise nicht bis an die Sonne, die so viel Meilen von uns fern liegt und wenn man ihr näher kommt, nichts Anderes ist, als was unsere Erde ist. Da bleiben wir lieber getrost gleich hier, gehen so lange als möglich mit dem Wirrwarr mit, und wenn uns Unglück passirte, da sollte man immer gleich Reißaus nehmen und mit der Sonne schmachten? Ich weiß nicht, ich habe das Gefühl nicht, als könnt's mir einmal schlecht gehen. Ich versichere Sie, wenn unser ganzes Haus ausstürbe und ich wäre mit den kleinen Kindern allein, wir würden im Frühjahr Rettige, im Sommer gelbe Rüben, im Herbst weiße Rüben essen und auch roh, wenns nicht anders sein müßte. Die Leute lachen über unsere verkehrte Wirthschaft. Die Sache ist ganz einfach. Wir machen uns nicht zu Sklaven eingebildeter Bedürfnisse. Ich gebe Ihnen mein Wort, wenn wir uns zu Hause vorm Stehlen hüten, so ist's, um häßliche Weitläufigkeiten zu vermeiden. Ueberall kommt schon Licht in die Köpfe. Seien sie überzeugt, unsere Kinder und Enkel kommen in viel natürlichere Lagen, als in denen wir leben und als uns bei der gegenwärtigen Duckmäuserei wahrscheinlich scheint...

So plauderte sie fort und Eberhard hörte halb lachend, halb kopfschüttelnd zu.

In der Ferne ertönte bald ein Pfiff.

Der Dampfwagen war wol angekommen.

Als sie an die Stelle kamen, wo heute Nachmittag Hans von Landschütz von Frieda angeredet und zurechtgewiesen war, zog schon die Anhöhe herauf der Omnibus.

Ein Hut streckte sich heraus. Es war Constantin, der die Schwester und Eberhard erkannte.

Constantin stieg aus, gab und nahm seine Begrüßung.

Er verrieth sogleich Verdruß über sein politisches Geschick.

Ein schwesterliches freudiges Entgegenstürzen, das sich Eberhard hier nothwendig gedacht hatte, fiel weg.

Frieda sagte ganz einfach: Bist da, Constantin? Die Stube ist in Ordnung!

Und Constantin erwiderte ebenso: Guten Abend, Frieda! Alles wohl?

Dann kamen die Erörterungen über den Zusammenhang der Ausweisung aus der Residenz.

Der Omnibus fuhr rasch vorüber.

Noch ein bekanntes Gesicht grüßte und schwang eine schäbige Mütze. Es war Jean Reps, auch ein Verbannter, dem Constantin in der Eile kein anderes Quartier anweisen konnte als bei Eberhard. Eine für Diesen sehr traurige Perspective. Eberhard war nicht in der Stimmung zu widersprechen.

Nur auf seine Frage: Und Hertha Wingolf? antwortete der Bruder: Sie würde ihm folgen.

Hertha Wingolf? fragte Frieda.

Jetzt erst erfuhr sie den Namen des neuen Verhältnisses. Sie wiederholte den Namen einige male und sagte:

Sie wird kommen? Hierher wird sie kommen?

Als sie zum Thore einlenkten, trennte sich Eberhard von den Geschwistern.

Ihre Ruhe, ihr einfacher Meinungsaustausch hatte ihn noch mehr verletzt. Er fühlte seinem Herzen nicht nur mit Grauen nach, wie nahe Haß und Liebe verwandt sein können, er hatte sogar ein Gelüst, an der unerschütterlichen Selbstzufriedenheit dieser Menschen zu rütteln, Frieda's Amazonensinn zu brechen, sie irgendwie zu dem Geständniß zu bringen, daß auch sie sich müsse der Pflicht gefangen geben.

Daß Frieda ihn nicht liebte, das hätte ihn noch heute an der Mauer des Stiftshofs können in Verzweiflung bringen. Jetzt aber, nach dem Wiedersehen in Liederbach, tröstete ihn die gewonnene Ueberzeugung, daß Frieda überhaupt wol nicht lieben könne.

Zu Hause fand er schon seinen Einquartierten. Er bestellte für Jean Reps ein Nachtessen und erntete von diesem dafür eine Reihe salbungsvoll ironischer Lobsprüche, die auf allerlei Ausführungen des Themas hinauskamen: Ott, Sie sind wirklich ein sehr guter, d. h. im Stillen gedacht, ein herzlich dummer Mensch!

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