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Die Nihilisten

Karl Gutzkow: Die Nihilisten - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Selbsttaufe
authorKarl Gutzkow
year1998
publisherVerlag Karl Stutz
addressPassau
isbn3-88849-035-9
titleDie Nihilisten
pages233
created20020425
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1853
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Viertes Capitel

Frieda, das Kind Gottes

Es gibt Herbsttage, die den schönsten des Sommers gleichkommen.

Um den Mittag eines solchen, der eine liebliche Gegend, die sich durch eine mäßige, vom Ufer eines kleinen Flusses sanft aufsteigende Bergwand mit Weingärten und Landhäusern vorzugsweise auszeichnete, sonnig verklärte, brannten senkrecht die Strahlen gewaltig auf Wanderer nieder, die von der mit schwertragenden Obstbäumen besetzten Straße der diesseit des Flusses sich ausbreitenden großen Ebene ablenkten und durch die abgemähten Felder schritten, wo jetzt nur noch Kohlköpfe, Runkelrüben und Tabacksstauden dem Auge die wohlthuendern grünen Ruhepunkte boten.

Es ist eine Gruppe von Kindern, die wir im Auge haben.

Sie achtet der Sonne und des Staubes nicht.

Sicher sind es Geschwister; alle fünf scheinen wenigstens von einer unverkennbaren Familienähnlichkeit.

Ihre Kleidung war nicht gewählt, aber auch nicht vernachlässigt. Zwei Mädchen, die sieben und neun Jahr alt sein mochten, trugen ihre großen runden Strohhüte frei schlenkernd in den Händen, sodaß sie oft an mancher längst ausgenaschten Brombeerhecke hängenblieben.

Die Knaben, die etwa zwölf, acht und fünf Jahre alt sein mochten, trugen leichte Kittel und zwillichene Beinkleider von so festen Stoffen, daß die Aeltern auf starken Verbrauch an Bäumen, Bänken und sonstigen Rutsch-Gelegenheiten schon gerechnet zu haben schienen.

Alle fünf waren offenbar im Begriff, irgend ein geheimes, vielleicht gefährliches Vorhaben auszuführen.

Sie spähten bald zu einem jenseit einer großen Wiese gelegenen Wäldchen, bald zu einer nach rechts sich hinter hohen Pappeln mit einem thurmartigen Giebel kundgebenden stattlichen Besitzung hin. In der Ferne lagen auf eine kleine Stunde weit die in der Sonne blinkenden Häuser und Thürme einer nicht unansehnlichen Stadt.

Solche Unternehmungen der Jugend sind drollig anzusehen.

Außer ihrem Anschlage kümmert sie nichts in der Welt. Spähend schweift das Auge in die Ferne, vergrößert, vermindert die Gefahr, je nach Temperament und Phantasie. Blind ist das Vertrauen der Kleinern, mit dem sie den flüsternden, rufenden, zum Schweigen mahnenden Größern folgen.

Hier schien schon die Marschroute, die die Kinder nahmen, ein Wagstück. Sie schlichen über die Stoppeln bald hinter Hecken herum, bald schossen sie über eine offen daliegende und allen Augen sichtbare Fläche sich bückend rasch hinüber.

Endlich hatten sie die Wiese erreicht, noch einige hundert Schritte und sie waren unter den weißschimmernden Erlenbäumen, die hier zu einem kleinen Gehölze zusammenstanden.

Da fanden sie die schon in der Ferne ersichtlich gewordene und mit jubelnden und kecken Winken begrüßte ältere Schwester.

Es war ein junges Mädchen, das unter den weißen Rinden der Birken wie ein Bild glänzte.

Im blauen leichten Gewande hatte die Schwester gleichfalls den Strohhut, der kein runder, sondern einer von üblicher Form war, über den Arm an blauen Bändern zusammengebunden hängen, während sie auf dem, im Herbst jetzt ausgetrockneten, im Frühjahr feuchten und mit Zeitlosen und Genzianen übersäeten Wiesenboden saß und an ihrem halbaufgenommenen blauen, mit weißen Blumen gemusterten Kleide nähte. Nähnadel und Seide hatte sie entweder für die heutige gefahrvolle Expedition schon mit sich genommen oder was eher glaublich, diesen Apparat einer raschen Selbsthülfe trug sie immer bei sich. Das junge Mädchen scheint zu den resoluten Charakteren zu gehören, die nicht aushalten würden, die Freuden eines ganzen Spaziergangs sich zu verderben, wenn ihnen an ihrem Kleide ein Unglück passirte.

Mit einer hellen wohltönenden Stimme rief sie den Geschwistern, von ihrer Arbeit kaum aufsehend zu:

Seht, was sich dabei Eins die Kleider zerreißt! Oskar hat Recht, Hans ist da, man kann ihn hören und ich wette, er hat uns schon gemerkt. Aber nur ruhig! Nur ruhig!

Die Geschwister bestürmten die Sprecherin mit einer Menge von geflüsterten Fragen und Rathschlägen.

Man hörte aus ihrem Durcheinander, daß es sich um etwas Lebendiges Namens Hans handelte.

Das junge Mädchen hatte den bei ihrem Kundschafteramte abgerissenen Besatz am Kleide wieder leidlich befestigt, stand auf, glättete die gesessenen Falten, steckte ihr kleines Necessaire in irgend einen unsichtbaren Schlitz des Unterkleides und drückte den Hut auf einen der lieblichsten Köpfe, der jemals einem Manne mochte ins Antlitz gelächelt haben.

Die Locken, die von einer kaum sichtbaren kleinen Stirn unmittelbar in die braunen listigen Augen und auf die frischen Wangen fielen, waren schwarz, die Lippen rosig und so trotzig aufgeworfen, als wollten sie die ganze Welt zur Heiterkeit oder zum Kampfe auffordern; die Schultern waren frei gewölbt, etwas hoch gehend und mit nur kurzem Halse; aber zwischen ihnen saß ein Leben, ein Wagemuth, eine Sicherheit, die das Köpfchen, wenn es sich aufbäumte, wie in Majestät erscheinen ließ. Was wollt ihr mir? So schien diese nicht große und nicht kleine und im Grunde auch nicht mittlere und gar nicht zu beschreibende Gestalt zu aller Welt zu sprechen. Klein war sie jedenfalls, aber man merkte es nicht. Wer mit diesem Mädchen, das weit öfter auf den Boden als gen Himmel blickte und immer von der Erde her ihre Fragen zu lesen schien, sprach, mußte, wenn auch an Gestalt ihr gleich, sich doch zu ihr niederbeugen.

Frieda Ulrichs – denn Constantin's Schwester ist es, die wir kennen lernen – verfolgen wir mit ihren jüngern Geschwistern auf dem gewagten Gange aus dem Erlenbusche heraus durch einen Graben, durch hohes, lange nicht von den Leuten des Stiftshofs geschnittenes Gras und an ihren Füßen raschelnde Halme, wie sie auf verbotenen Wegen sich hinterrücks der großen ländlichen Besitzung der Familie Landschütz näher schleichen, um irgend ein geheimes und wie es scheint nicht ungefährliches Abenteuer auszuführen...

Die Absicht der Expedition war keine andere, als einen Ziegenbock, ihren treuen, lieben, alten, zum Reiten und zum Fahren gleich verwendbaren Hans, den die Leute vom Stiftshofe im Kohlfelde gepfändet hatten, ohne jenen gesetzmäßigen Thaler wieder zu erobern, den die Feld- und Flurordnung den längst über sie Alle ergrimmten Wächtern zuschrieb.

Viel Geld auch ein Thaler! Man wollte an der Stiftshofspforte den Hans anfangs umsonst sich wiedererbitten. Die Kinder wurden aber drohend abgewiesen. Kind Gottes! rief Frau Riekele, wie die Professorin Ulrichs seit fünfundzwanzig Jahren ihren Namen Friederike abgekürzt bekam, Kind Gottes, wo wird man dem dicken Baron einen Thaler für den Hans geben! Er mag ihn so lange füttern, bis er's selbst satt kriegt, dann schicken sie ihn uns umsonst zurück!

Das war die erste Auffassung des Unglücks der Geschwister.

Bald aber jammerte Teutomar über seinen fehlenden Gespielen und die Nachbarn fragten und der Ziegenbock kam nicht mehr ans Auditorium des Vaters und steckte den langen Bart und die Hörner zwischen die Thüre, daß alle Studenten lachten; da mußte Hans irgendwie wieder herbei. Die älteste Schwester meinte, die Sache müßte man ganz kurz anfassen, Stiftshof müßte man heimlich angreifen und den Hans sich selbst erobern, sei's mit List oder Gewalt.

Dieser Argonautenzug wurde beschlossen und ausgeführt.

Um so erfolgreicher schien die gemeinschaftliche Unternehmung gegen Stiftshof, als den Geschwistern, da sie zum Thor hinauswandelten, einer der gefährlichsten Feinde Teutomar's und seiner Geschwister, der Bediente Martin, begegnete, auf einer Kalesche, mit der er an die nächste Eisenbahnstation fuhr, um seinen, heute zurückkehrenden Herrn, den Baron von Landschütz, in Empfang zu nehmen.

Martin rief ihnen zu:

Hans läßt euch grüßen!

Frieda sagte: Schön Dank! und trennte dann die Expedition in zwei Theile, die sich auf dem jenseitigen Felde verbinden sollten: sie selbst, als Spionin, um der Mauer nahe zu kommen, die Hof, Gärten und Park zum Stiftshof umschloß, schlug einen dritten Weg ein.

An den vordern Anfängen der Mauer bildeten kleine, mit Wasserlinsen bedeckte und von Weiden umstandene Teiche eine Art Schutzwehr des Schlosses.

Hier war nicht anzukommen.

Dann aber verlor sich die Einfriedung in kleinere Mauern. Der meckernde Gruß, den Frieda an einer Stelle, wo die Mauer nicht zu hoch war, vernahm, konnte nur von Hansen kommen, der vielleicht schon von seinen Freunden die Witterung hatte.

Schon versuchte sie auf einen nahestehenden abgestorbenen Baumstamm sich zu schwingen. Sie zerriß sich dabei ihr Kleid und mußte sich begnügen, sich vorläufig die Stelle zu merken, wo wol Hansen's Kerker war.

Erst die Verbindung mit dem von der andern Flanke herumkommenden Hülfscorps machte weitere Maßnahmen möglich.

Nun war sie wieder mit den Geschwistern an Ort und Stelle; aber Schwierigkeit über Schwierigkeit ergab sich. Hans war es sicher, der hinter der Mauer so sehnsuchtsvoll meckerte. Die Kinder stiegen auf den Baumstamm, konnten aber nicht hinübersehen, da jenseit der Mauer ein Dach begann. Hier war gewiß ein Schuppen, unter dem Hans befestigt stand. Die Kinder tuschelten und flüsterten: Hans! Hans! Aber... wie ihn bekommen!

Frieda sann hin und her und war endlich nahe daran, ob sie nicht, da sie nun die Stelle wisse, wo ihr Hans stand, muthig durch die große Pforte des Stiftshofs schreiten sollte, ohne zu fragen in den Garten gehen, an den Fenstern der allgemein für sehr stolz gehaltenen Aurelia vorüber an den Schuppen eilen, den Gefangenen befreien und wie eine zweite Esmeralda königlich und die ganze Macht ihrer Persönlichkeit einsetzend ihren Hans an den Hörnern zurückgeleiten?

In dieser Selbstberathung wurde Frieda eines Wanderers ansichtig, der einige hundert Schritte entfernt gemächlich auf dem allgemeinen Feldwege durch die Stoppeln nach Liederbach hinunterschritt.

Sie spannte rasch ihren Sonnenschirm auf und winkte, ihn in der Luft schwenkend.

Die Kinder riefen: Hu! Ha! He! pfiffen, schrien, als gäb' es einen Stoßvogel irre zu machen, der einen Schwarm von Tauben verfolgt.

Der Wanderer merkte, daß die Mahnung ihm galt. Er erkannte Frieda, zog den Hut und kam näher.

Es war Eberhard Ott, des Bruders vor Kurzem aus der Residenz angekommener Freund.

Noch schien Eberhard von Ueberraschung befangen, als er schon mitten unter den Brennesseln und Sumpfpflanzen stand, die hier an dem unbetretenen Mauergraben unter düstern Ulmen wucherten.

Frieda gab an, was ein Mann hier zu thun hätte. Von Unmöglichkeit war jetzt keine Rede mehr. –

Eberhard schlug auch sogleich vor, einen von den Jungen auf die Mauer zu heben, dieser sollte dann das Dach besteigen, hinabspringen, den Hans losbinden und sehen wie er, vielleicht über das Dach selbst, zurückkäme.

Der zehnjährige Oskar war bereit.

Eberhard, obgleich an eine strengjuristische Auffassung des Lebens gewöhnt, stand doch so in Frieda's Bann, daß er hier nicht weiter an unerlaubte Selbsthülfe dachte. Vielmehr machte er geltend, zur Ziegennatur gehöre Klettern. Hans sollte durch Oskar zunächst aufs Dach.

Eberhard setzte den Hut ins Gras, breitete die Füße aus, stemmte die Arme in die Seiten und forderte Oskar auf an ihm hinaufzuklettern. Oskar war mit zwei Sprüngen oben. Dort rutschte er auf dem Dache weiter, fand in einem Holzschuppen, wo altes Geräth und Kleinholz aufbewahrt wurde, Hansen einsam angebunden, machte ihn los, rückte einige Klötze zusammen, um eine Art Treppe, die aufs Dach ging, zu formen und erschien zum Jubel der Kinder oben auf dem Dache mit dem geliebten, langbärtigen, in stiller Resignation seiner Befreiung sich fügenden Hans.

Und jetzt hatte Eberhard schon für den behenden Gebirgswanderer, der zwar klettert aber nicht springt, an eine diesseitige Treppe gedacht.

Ob auch Mancher der um die Nachmittagzeit vorüberschreitenden Fußwanderer staunend stillstand und auf die Gruppe an der Stiftshofmauer blickte, ein Frieda'scher Grundsatz: Wir suchen meistentheils außer uns, was wir in uns selbst besitzen! bewährte sich schon vollkommen.

Eine künstliche Treppe wurde gemacht.

Fünf sich duckende und aufeinander geschickt sich einfugende Köpfe reichten aus, Hansen, dem man zum Herabgezogenwerden Taschentücher an die Hörner band, den Weg zu bahnen. Eberhard, kräftig mit den Schultern balancirend und die Hände in die Seiten stemmend, bildete den Kern der Stiege; Oskar setzte sich ihm auf den Nacken und legte den Kopf an die Wand, Teutomar stellte sich an Eberhard, Alfred ritt wie Oskar und legte den Kopf wieder an Eberhard und unten machten die letzte Staffel Irmgard und Hedwig. Frieda hielt die verlängerten Taschentücher und zog mächtig den Hans von Oskar's Rücken über sämmtliche Köpfe und Rücken herunter. Die Kinder hielten prächtig still, die Treppe wackelte ein wenig, aber Hans mußte folgen. Er war befreit.

Ich danke ihnen, Assessor! sagte Frieda ruhig, knüpfte die Tücher wieder auseinander, vertheilte sie und lenkte durch das hohe Gras auf den Pfad hinüber. Die Kinder streichelten ihren Hans, sie waren so glücklich, als hätten sie das goldene Vließ erobert.

Sie gehen nach Liederbach? fragte Frieda, als Eberhard sich wenden wollte.

Eberhard bejahte.

Er war etwas befangen über Frage und Antwort.

Ich will die Kinder nach der Stadt begleiten, damit ihnen mit dem Hans kein Unglück geschieht, sagte Frieda. Dann komm' ich nach. Grüßen Sie doch Agnes, aber einen Brief von Constantin bring' ich nicht. Adieu, Assessor! Agnes soll Kaffee machen, aber etwas bessern, als ihr gewöhnlicher ist.

In Eberhard's Mienen lag ein eigenes Gemisch von Freude und Verlegenheit, als ihm die Verheißung ward, Frieda würde nachkommen.

Er dachte an die abendliche Heimkehr und erst noch wollte er sie begleiten...

Nein, nein, sagte Frieda. Agnes gönnt Sie ja kaum unserm Papa, viel weniger mir. Und käm' ich gar jetzt gleich mit, so verlöre sie den Kopf. Sagen Sie's ihr nur mit dem Kaffee! Es ist eine Schande! Die kostbare Milch ist in Liederbach zu bemitleiden um die Mischung mit solchem Kaffee! Ein Genius, der sich mit einem Philister einläßt!

Damit wandte sich Frieda und folgte den Kindern, die schon voraus waren.

Eberhard sah ihr lange nach.

Diese wenigen Worte, die Frieda soeben zu ihm gesprochen, waren so eigen, so spöttisch, nach dem treufreundlichen Dienste, den er ihr eben geleistet, eine so geringe Belohnung!

Und doch lag in ihnen ein Ausdruck, eine Betonung, wie er sie noch nie von Frieda gehört hatte.

Seit ihrem Wiedersehn war er ja darüber verzweifelt, daß Frieda kein Herz zu haben schiene! Hier zum ersten male klang aus ihrem Spott etwas heraus, was ihn wie ein Gefühl anwehte.

Er sah sich noch oft nach der kleinen triumphirenden Karavane um, die bald auf der hügeligen Straße verschwunden war. Mit geflügeltem Schritt zog sie auf dem obern Rande der durch Berge geschnittenen Landstraße vorwärts. Es gab von unten her ein anmuthiges Bild. Die Truppe sich so frei an der Luft abzeichnend, bald auf-, bald niedersteigend die Wellenlinie des ungeebneten Wegs, die Kinder dichtgeschart um den gehörnten Freund, Frieda nachlässig hinterher, ermüdet von der Hitze und der Spannung und vielleicht... träumend? Ihre Art war es sonst nicht.

Lassen wir Eberhard nach Liederbach wandern!

Unsanft wurde Frieda geweckt.

Die Kinder wollten eben an einem Kreuzwege von dem obern Rande der Landstraße niederlenken und sich unten nach der großen Straße wenden, als aus dem Querwege, der so tief lag, daß man ihn vorher nicht sehen konnte, eine heftigkreischende, hochliegende Stimme ihnen zurief, Hallunken! Spitzbubenbande!

Die Kinder flohen, ließen ihren Hans stehen.

Hans blieb verdutzt vor einer Kalesche, von der ein Bedienter heruntersprang und sich, während sein Herr schrie und lärmte, des Thiers bemächtigte.

Frieda wußte nicht wie ihr geschah. Sie trat rasch zu Hans heran, hielt ihn an den Hörnern fest und gerieth in die heftigste Aufregung, als von der Kalesche wieder die kreischende Stimme rief: Haut die Brut zusammen, daß sie die Schwerenoth kriegt!

Diese Reden kamen von Hans von Landschütz, der eben von der Eisenbahn, einer ihm leider mit der Zeit unerläßlich gewordenen sonst gehaßten Beförderungsmethode, kam, von seinem Martin die Arrestation des sträflichen Ziegenbocks erfuhr und nun hier erleben sollte, einem Delinquenten zu begegnen, über dessen rechtliche Befreiung der Bediente sogleich Erkundigungen einziehen sollte.

Hans! Ruhig! sagte Frieda beschwichtigend zu dem vom Peitschenknallen scheuen Thiere.

Hans von Landschütz, der selbst zu fahren pflegte, hörte glücklicherweise diese Worte nicht. Er hätte sie sonst auf sich bezogen. Er hielt die Pferde an, fuchtelte mit der Peitsche, orientirte sich über das dreiste Mädchen im blauen Kleide und hörte vor Zuschauern, die sich schon versammelten, folgende ruhig gesprochenen, aber bestimmten Worte.

Bester Herr Baron! Sind Sie nicht ein so eingefleischter Aristokrat, daß Sie es uns danken sollten, wenn wir noch ein bischen Mittelalters spielten? Sie haben unsern Hans ins Burgverließ geworfen, wir haben ihn wieder herausgeholt. Das ist unser Ruhm. Und nun lassen Sie uns in Gottes Namen unsere Wege ziehen!

Landschütz wußte anfangs nicht, sollte er hinunterspringen und die Rednerin züchtigen oder sollte er die Sache komisch nehmen. Geistesgegenwart war nie seine Sache. Es geht allen Poltrons, Lärmmachern und Grobschmieden so, daß sie ein einziger entschiedener Blick in ihren Auslassungen stutzig machen kann.

Lauft! rief, den Moment der Unentschlossenheit benutzend, Frieda den Geschwistern zu und ihren Hans festhaltend rannten die um die Wette mit ihm auf der offenen Landstraße davon.

Die Bedienten wollten nach.

Landschütz rief sie zurück. Er wetterte zwar: Canaillenvolk! Räuberbagage! Hundeloslassen! Hetzpeitsche geben! Frieda aber sagte ganz gelassen, indem sie neben seinem, auf die Landstraße ablenkenden Gespann sich nunmehr auch rückwärts wendend herging:

Beruhigen Sie sich doch, werthester Herr Baron! Die Leute möchten ja sonst denken, es sei Ihnen um einen Thaler zu thun!

So ging sie.

Wo wollen Sie denn hin? begann jetzt Landschütz langsamer fahrend und das von ihm nie gesehene Mädchen genauer fixirend.

Es dauerte lange, bis Frieda dem groben und jetzt wahrscheinlich zudringlich werdenden Patron antwortete.

Nach Liederbach will ich! sagte sie endlich. Unsere Befreiung hat mich müde gemacht. Sie könnten mich wol hinunterfahren.

Wie? stutzte der sonnenverbrannte, rothglühende, dicke Hans von Landschütz; hinunterfahren?...

Warum nicht?

Und Martin mußte erleben, daß sein Baron wirklich inne hielt, das dreiste Mädchen noch einmal erstaunt ansah, stumm zur Seite rückte, dann Frieda den Wink des Junkers verstand, aufstieg, erst auf den Tritt, dann auf das Wagenrad und endlich sich neben dem feindlichen Baron zu sitzen emporschwang. Das kam Alles wie im Traum. Keine Ueberlegung, die Sache war da. Der Baron peitschte auf seine Braunen. Die Kalesche flog davon. Am Stiftshof vorüber. Die versammelte Dienerschaft begriff nicht, wie ihr Herr an der weitgeöffneten eisernen Pforte vorüberjagen konnte, ein junges Mädchen neben sich hatte, kaum grüßte. Aber es war so, es blieb so, man mußte sich finden.

So ging's fünf Minuten lang.

Dann lachte Frieda.

Worüber lachen Sie denn? fragte Hans von Landschütz.

Ueber Ihren Bart lach' ich.

Wie so?

Gerade wie unser Hans!

Der Baron polterte heraus:

Zum Teufel mit Ihrem Hans! Ich heiße auch Hans.

Na und Ihr Bart... sagte Frieda. Wenn Sie noch wenigstens überm Munde auch einen hätten, aber blos so vom Kinn ein paar Zwickel herab, gerade wie ein Geisbock!

Der wegen seiner Grobheit berüchtigte Baron vom Stiftshof hätte über dies Wort jedem Andern »das Fell über die Ohren« gezogen.

Der einzige, dünne, rothe Schmuck in seinem tellergroßen, butterglänzenden Angesicht, das am röthesten an den Ohren und unter den dünnen Haaren hinten an der Cravattenschnalle strahlte, dieser edle Zwickel war bei ihm das Symbol ewiger Jünglingsschaft, die Zierde des Garçonthums, eines Standes, den er sehr hoch hielt, den rechten Freiherrn-, den wahren Junkerstand nannte! Drei Wochen lang im Wollmarkt, acht Wochen lang des Carnevals im Winter sah die Residenz in diesem Barte den Rest einer alten strammen Jugendzeit. Champagner nährte dann die dreißig bis funfzig Borstenhaare mehr als Wasser. Auch wol im Bier verklebten sie sich und zu hohen Diners, wenn die Ritter der Landschaft sich versammelten, färbte Hans diesen Zwickel mit der vorzüglichsten braunen Tusche und dieser undankbare kleine schwarze Lockenkopf da brachte einen solchen Schmuck in Parallele mit dem Barte eines Ziegenbocks?

Das kann schlimm werden! murmelte Martin.

Aber – Schweigen, tiefes Schweigen trat ein bis nach Liederbach, wo Landschützen's alter Patrimonialgerichtshalter am Wege stand, die Brille aufsetzte und den Aufzug Hansen's mit Frieda Ulrichs anstarrte, wie – Hans brauchte den trivialen Ausdruck – die Kuh das neue Thor.

Am Pfarrhause setzte Hans seinen schönen Passagier ab, sagte in seiner trockenen Galanterie: Einen Kuß wolle er sich zu Gute behalten... Frieda sagte trocken: Bei Gelegenheit, Baron!

Und nun wie der wilde Jäger fuhr er mit schnaubenden Rossen durch sein Dorf zurück, staubaufwirbelnd, immer zu, ohne Rast und Ruh, durch die Gänse durch, ganz toll und unbekümmert wer auswich oder flüchtend mit einem verrenkten Beine davon kam.

Für Stiftshof, das schon bis auf den kleinsten Mops beisammen stand und wartete, für die Schwester, die staunend am Balkon harrte, war es gerade, wie wenn der Baron erklärt hätte, sich verheirathen zu wollen.

So flink sprang er nie vom Wagen, so vergnügt kam er nie vom Wollmarkt.

Und wie zerstreut war er! Er schimpfte sogar über die »niederträchtige Zottelei« der Eisenbahnen, ein Thema, das er in Aurelien's Gegenwart doch sonst nicht zu berühren pflegte.

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