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Die Nihilisten

Karl Gutzkow: Die Nihilisten - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Selbsttaufe
authorKarl Gutzkow
year1998
publisherVerlag Karl Stutz
addressPassau
isbn3-88849-035-9
titleDie Nihilisten
pages233
created20020425
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1853
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Drittes Capitel

Rechte und Pflichten

Die Erfolge des Morgenbesuchs, den Hertha schon in aller Frühe bei ihrem Vater gemacht hatte, waren nicht die erfreulichsten gewesen.

Wingolf konnte und durfte sich der Auffassung nicht entziehen, die für die vorliegenden Vergehen einmal die officielle geworden war.

Er selbst hatte wol einen freien Ueberblick der Zeit und kannte noch ganz den Trieb der Verfolgung nicht, der bei Staatsdienern, die im Amte solcher politischen oder Tendenzinquisitionen zu lange stehen, zuletzt eine förmliche Manie werden kann, – eine Manie, bei der es wenigstens in Frankreich schon vorgekommen ist, daß Spürkräfte, denen der Ruhm auch zu vieler Erfolge geworden, bei neuen Entdeckungen, die sie gemacht haben wollten, in den Verdacht geriethen, das so überaus Gefährliche oft selbst angestiftet oder wenigstens sich den Fund gerade so zurechtgelegt zu haben, wie sie ihn recht effectvoll betreffen wollten –.

Von diesem Fanatismus war Wingolf frei. Dennoch konnte er sich den einmal zur Pflicht gemachten Auffassungen nicht entziehen.

Ein Niederschlagen dieser ihm mitgetheilten Vergehen war ebenso unmöglich, wie gar ein Vertheidigen und Rechtfertigen, was Hertha verlangte. Nach Hertha's Sinne hätte der Vater nichts Anderes thun sollen, als die Sache der bedrohten Neuerer ganz zu seiner eigenen machen und dem Fürsten und den Ministern und der bestehenden Gesellschaft zurufen: Ihr Alle seid auf dem Wege des Wahns und früher oder später verfallt ihr dem schrecklichsten Verderben!

Hertha fand es entsetzlich, daß Wingolf, so ernst sein Auge blickte, über diesen Vorschlag sich eines Lächelns nicht erwehren konnte.

Eugenie hatte allerdings von Wingolf kaum den Namen der Herzenswahl ihrer Freundin vernommen, so hatte sie ausgerufen:

Constantin Ulrichs? So heißt ja der Verlobte der Agnes in Liederbach!

Auch über dies Zusammentreffen war die Erörterung Hertha's mit dem Vater peinlich genug. Wingolf lehnte jede Gemeinschaft mit einem ihm so zweideutig sich aufdrängenden Sohne ab. Und auch dieser Ausdruck empörte Hertha. Es trat ein förmlicher Bruch zwischen Vater und Tochter ein. Die Welt bekam Stoff zur üblichen Verbreitung.

Jene Zeit, kurz vor den Februartagen des Jahres 1848, war in vieler Hinsicht vorurtheilsfreier als die gegenwärtige.

Man hatte damals nur an ideelle Umwälzungen geglaubt. Erst später, als man erfahren mußte, daß sich die Revolutionen nicht in Glaceehandschuhen machen, hat sich die jetzt herrschende Abneigung fast gegen alle idealen Auffassungen des Lebens und der Sitte eingestellt, eine Abneigung, die man in jenen Tagen selbst in solchen Kreisen nicht kannte, deren Interessen auf die Erhaltung des Bestehenden angewiesen sind. Constantin lebte schon lange, mannichfach empfohlen, in der großen Welt und Hertha erntete dort manche Zustimmung. Viele fanden den Schritt des Vaters, in seinen Jahren noch einmal sich zu vermählen, in der That unverzeihlich, die Wahl einer Freundin der Tochter gegen diese unzart und rühmten Hertha, wenn sie ihrem starken Geiste hinlänglich vertraute, um sich ein Schicksal selbst zu gründen.

Es war in dem allgesuchten glänzenden Reisig'schen Hause, wo Hertha eines Abends in die Lage kam, Eugenien, ihrer Mutter, die sie seit ihrer Heirath vermieden und noch nicht gesprochen hatte, zu begegnen.

Die Gemahlin des Freiherrn von Reisig, eines reichen Privatmanns, durfte sich beiden Gegnerinnen Freundin nennen.

Auch sie, eine Geborene von Landschütz, von jenem Stiftshofe zwischen H. und Liederbach, hatte einen Witwer geheirathet, dem sie die Kinder der ersten Ehe mit liebevoller Sorgfalt erzog. Aber sie achtete Hertha's Verstimmung; sie hatte das junge Mädchen besonders gern und bei ihr war es, wo die Tochter des dirigirenden Justizchefs musikalischen Unterricht ertheilen wollte, ein Plan, den Wingolf störte. Julie von Reisig suchte nun schon oft die streitenden Elemente zu versöhnen. Sie gehörte zu jenen natürlichen Wesen, die gern die Rückhaltungen durchkreuzen. Manchem Wunder wie eingebildeten Weltmenschen, manchem klugen Lebensphilosophen hatte sie schon die künstlichste Verstrickung, mit der solche sich zu geben pflegen, mit einem absichtlich ausgeplauderten Geheimnisse oder mit offenherzig ausgesprochenen Vermuthungen zerrissen. Schon manchen sich gegenseitig mit großer Hochachtung behandelnden Feinden hatte sie gesagt, wenn es bei ihr zum Mittags- oder Abendtische ging: Kommen Sie! Setzen Sie sich Beide zusammen! Sie können sich zwar nicht leiden, aber es wird gut thun, wenn sie sich besser kennen lernen!... Da man diese Art, die bei Julien aus einem guten und fröhlichen Herzen und aus einem sorglosen Blick ins Leben entstand, bei ihr hinlänglich kannte, so gab sich in ihren Sälen und stillern Plaudercabineten Alles mit größter Natürlichkeit. Schon manche Aussöhnung war bei ihr zu Stande gekommen und auch in's Wingolf'sche Haus wollte sie durchaus Frieden und Eintracht bringen. Sie entschloß sich, zur List ihre Zuflucht zu nehmen.

Es war ihr Geburtstag.

Ihr zuvorkommender Gatte machte dem ausgedehnten Kreise ihrer Bekanntschaften die geheime Anzeige, er bäte, sich am Abend dieses Tages bei ihm ohne besondere Einladung einzufinden und ihm Gelegenheit zu geben, seine Gemahlin durch ein improvisirtes Fest zu überraschen.

Wer hätte da zurückbleiben dürfen? Nie waren die Räume des Reisig'schen Hauses so gefüllt, so glänzend und so gemischt aus allen Ständen und Lebensberufen.

So haben Sie's recht gemacht! sagte auch über diese Mischung hocherfreut Hertha eintretend zum Wirthe. Das ist doch einmal ein Tag, wo man Menschen, nicht eure sogenannte Gesellschaft sieht!

Julie hatte die Genugthuung, ohne sich eines Verstoßes gegen die Gesetze der Schicklichkeit anzuklagen, heute den Vater, die Tochter, die junge Mutter und den auch ihr sehr werthen und allbeliebten Doctor Constantin Ulrichs in einem Salon vereinigt hoffen zu dürfen.

Doch nur für Hertha und Eugenie schlug ihr freundschaftlicher Plan ein. Der Geheimrath konnte erst später kommen, da eine sehr ernste Ministersitzung gerade für diesen Abend anberaumt war, eine Sitzung, die sich, wie schon oft geschehen, in die Nacht ziehen konnte. Constantin hatte den Gegenstand derselben in Erfahrung gebracht. Es handelte sich um die endliche Entscheidung über die Maßnahmen, die man gegen ihn und seine Genossen ergreifen wollte. So blieb auch er aus. Er betrieb die Zurüstung einer möglichst schnellen Entfernung, die für diesen Fall längst die wenn auch schmerzlichgegebene doch unabweisliche Zustimmung Hertha's gefunden hatte.

Hertha's junge Mutter, ihre Freundin Eugenie, fand sich vorläufig allein ein. In einem kleinen Gemache, das einer überwölbten Weinlaube glich, wurde Hertha von Julien so gestellt und in die Enge getrieben, daß jene nicht entschlüpfen konnte, und ein tiefherzliches »Aber Hertha! Hertha!« war Eugenien's Gruß, dargeboten der Freundin, deren Mutter sie geworden und die sie in dieser Eigenschaft heute zum ersten male sprach.

Julie ließ die Gegnerinnen allein.

Auf einem kleinen Sofa saßen sie dicht beisammen, Hertha mit dem Schmuck ihrer edeln Einfachheit, Eugenie mit dem äußren Glanze, der ihrer Stellung gebührte.

Eugenie war kleiner als Hertha, runder, weicher. Ihr schwarzseidnes, im Sitzen sich bauschendes Kleid zurückschlagend, beantwortete sie die gleichgültigen Fragen, die Hertha, um den trennenden Differenzen auszuweichen, sogleich rasch an sie richtete, nur flüchtig und kam auf ihr »Aber Hertha! Hertha!« immer wieder zurück mit dem ganzen Schmelz, der dem guten weiblichen Herzen ein Arsenal von feindlichen Waffen zu Füßen legen kann, wenn ein solcher Ton vom Herzen kommt und wieder auch zum Herzen geht.

Wie konnt' ich denn anders als fliehen, sagte aber Hertha zu Eugenien, wie konnt' ich den Vater im ausbrechenden Nachfrühling seiner Empfindungen stören wollen! Nachfrühling; so nannt' er seine Liebe und ich will glauben an die Möglichkeit, daß auf dem Scheitel eines Mannes die Locke schon sich silbern färbt und vor dem Winter doch noch einmal seine Zweige Blüten treiben! Es hat mich mit unaussprechlicher Trauer erfüllt, als ich diese Erfahrung machte – und mit dir! Mit dir! Doch kein Vorwurf! Ich will's verstehen dies Bedürfniß des Glücks und der Liebe und du hast vielleicht Recht gethan, als du ein solches Opfer deiner eigenen Jugend brachtest.

O Schwester! unterbrach Eugenie und pries Wingolf's Herz und Charakter mit dem einzigen: Er ist so gut, so gut –

Als sie mit der Schilderung seiner Werbung, ihrer Beklommenheit, ihrer Furcht vor der Freundin geendet hatte, lenkte sie auf Hertha ein.

Ein weibliches Herz, das Liebende in Nöthen sieht, wird sich immer berufen fühlen, zu helfen.

Sie sprach von Constantin.

Hertha wies die Anklagen des Geliebten zurück.

Eberhard Ott war ja seit acht Tagen fern, hatte ja geschrieben, hatte ja Versicherungen gegeben, daß man sich über den Liederbacher Eindruck von Constantin's veränderter Gesinnung vollkommen beruhigen könnte.

So schwand schon dieser Makel von Constantin's Bilde und Eugenie durfte immerhin sagen:

Ich kenne dies sanfte und einfache Mädchen, schätze sie und weiß, daß ihr der ganze Himmel ihres Lebens zusammenbricht mit dem Verluste Constantin's!

Mußte sie doch auch hinzusetzen: Aber ich verdenke es einem Manne, wie Ulrichs, nicht, wenn er sich von Jugendfesseln dieser Art befreit im Besitz einer Liebe, die ihm eine Hertha widmet!

Sie ließ dann die Aeußerung fallen:

Für dich selbst aber müßte es peinlich sein, Hertha, dir ein fernes, einsam trauerndes Mädchen zu denken, dem du doch all sein Lebensglück genommen haben wirst?

Sie that diese Frage, weil sie von Constantin keine günstige Wirkung auf die Freundin überhaupt erwartete.

Darauf erwiderte Hertha mit ihrer gewohnten feierlichen Redestellung.

Ein Bedenken dieser Art erfaßte mich, als mir Constantin's Geständniß einen Beweis seiner Aufrichtigkeit gab. Ich prüfte mich und erkannte eine neue Veranlassung zu jenem Cultus der Wahrheit, dem wir leider weniger Opfer darbringen, als dieser quälenden, kleinlichen, unsere ganze Gesellschaft untergrabenden Lüge. Ich sollte also nun auch handeln nach jener unglückseligen Weltordnung, die wir zur herrschenden gemacht haben, nach jener Theorie der Entsagung, die der Fluch des modernen Daseins ist? Nein, Eugenie! Diese Selbstkasteiung, die in einem solchen Falle verlangt, daß ich mein Heil allein in Thränen suche, halt' ich für das jammervolle Symptom des großen Siechthums in allen unsern Empfindungen und Handlungen, eines Siechthums, von dem die antike Welt nichts wußte und dadurch groß war. Ich bin nicht willens, hierin dem Allgemeinen zu folgen. Ich will ruhig ertragen, daß man mich verurtheilt. Wol fühl' ich, daß es Muth kostet solche Entschlüsse zu fassen und weit entfernt bin ich, den Ernst, den sie hervorrufen, aus meiner Seele zu bannen oder leichtsinnig wegzutändeln, aber ich werde mich nicht dem Gewöhnlichen beugen, ich werde diese, allerdings überbleibende herbe Empfindung des Gemüths als die unausweichliche Folge tragen, die nicht ausbleiben kann, wenn wir aus uns einmal anerzogenen und angebotenen Gesinnungen heraus es wagen, eine neue Welt nach Kräften miterbauen zu helfen.

Eugeniens einzige Erwiderung war auf die Gefahren gerichtet, denen ihr Hertha entgegenzusehen schiene.

Da flammte Hertha auf und rief:

Gefahren? Wo sind sie denn drohender als da, wo wir dem gemeinen Laufe der Dinge folgen? Sich einzwängen in Unnatur und Rücksicht, ist das nicht eine unendlich größere Gefahr? Aufgeben müssen jeden Willen, jedes Urtheil, ist das nicht eine Todesgefahr des Geistes, unter deren Schrecken wir ewig zittern? Wie elende Geschöpfe sind wir Frauen doch! Ohne jede, ohne die kleinste Berechtigung, sobald wir zurückblicken in die Zeiten. Immer gedrückt und unterthan: nur da, wo es schon andere Sklaven gab, da athmeten wir eine Weile unbeengt und konnten den Herd des Hauses als Priesterin, nicht als Magd hüten. Ha! Die Dichter erbarmten sich unser und schilderten unser Leid! Die Thoren! Sie vergrößerten die Gefahr. Die Ausschmückung unsers Werths hat uns die unglücklichste Eitelkeit eingeimpft, sie, die der Fluch unsers Geschlechts werden mußte. Für tausend Unterdrückungen eine einzige Huldigung, von den Sinnen der Männer den Sinnen dargebracht! Wie fein berechnet diese Tyrannei! Die ganze Erziehung auf die Schmeichelei begründet! Für ein einziges Zugeständniß an unsere Schwäche wird die größere Hälfte, ja der ganze Werth des Lebens uns geraubt. Die Liebe! Dieses bemitleidenswerthe, entweihte Wort! Welchen Zweck hat sie denn, diese edle Flamme, die vom Sitze der Götter kam, um die Thorheiten und Jämmerlichkeiten der Männer auszugleichen! Liebe! Wen beglückt sie denn? Wem opfert sie denn? Wem schmückt sie denn das Dasein? Um wen duldet sie denn? Um Die, die für unser preisgegebenes Dasein mit den wohlfeilen Blumen der Poesie zu entschädigen gedenken und die Lehre von den Pflichten erfunden haben, die sie aus der Natur der Dinge, statt aus ihrer Trägheit herleiten? Wo ich hinblicke, seh' ich weibliche Herzen zermalmt, ächzend, jammernd zwischen den Mühlsteinen unruhiger, ungeduldiger, charakterloser, sich ewig um sich selbst bewegender Männernaturen. Jammervoll, diese Hülferufe zu hören und nicht helfen zu können. Denn wenn die Frauen nicht anfangen, die Gesetze ihrer Stellung zum Leben sich selbst zu schreiben, wenn die Gattin sich nicht von dem Gatten, die Geliebte von ihrer Anbetung, ja selbst ein Kind sich nicht von dem oft schaudervollen Chaos häuslicher Wirren loszureißen wagt, wird es nicht besser werden. Es wird eine Zeit kommen, ja ich sehe sie schon im Geiste, wo die Männer sich untereinander rathlos betrachten werden und auf die Frauen blicken, auf uns, auf uns und unsern Rath. Diese Zeit ist schon da. Blicke um dich! Sieh' dort die Vorsteherinnen des Frauenvereins, da des Hülfsvereins, da des Krankenvereins, sieh', welche Schäden dieses grundverdorbenen Europa schon einzig und allein auf uns, uns Frauen angewiesen sind!

Eugenie war selbst Mitvorsteherin eines dieser Vereine geworden und hatte des Jammers genug in nächster Nähe gesehen.

Sie konnte diesem gewaltigen Zorne nichts erwidern, wenn auch die Beweisführung Hertha's ihrer innersten Natur widerstrebte und sie mit Schrecken sah, wie sich an diesem ihr unbekannten, jetzt doppelt dämonischen Constantin Ulrichs Hertha schon hinaufgegipfelt hatte bis zum Schwindel.

Hätte sie ahnen können, daß Hertha zu allen diesen Aeußerungen von Constantin nicht die mindeste Veranlassung erhielt! Constantin war für alle diese Gedankenreihen nur ein Ironiker in demselben Stil wie Jean Reps, nur daß jener für seinen Nihilismus eine anziehende ideale Form durchführen konnte, dieser aber nur eine abstoßende cynische.

Das Gespräch wurde von Julien, der Wirthin, unterbrochen, die eine Ueberraschung ankündigte, die ihr soeben durch den Besuch ihres Bruders Hans von Landschütz geworden war.

Hans von Landschütz kam von jenem Stiftshof, der zwischen der Universitätsstadt H. und Liederbach lag.

Er kam, gestiefelt und gespornt, und eben von der Reise. In die Gesellschaft getreten hatte er einigen Damen sogleich die Spitzen von den Kleidern vertreten. Das war seine gewohnte Art. Als Eugenie und Hertha, jene noch bebend vor Bangen um die Freundin, diese hocherglüht und mit funkensprühendem Auge der Wirthin folgten, um den Bruder, den Eugenie aufs beste kannte, zu begrüßen, sagte Eugenie:

Nun Hertha! Da wirst du allerdings ein Exemplar jener Männer kennen lernen, die dir verhaßt sein dürfen.

Hertha aber hörte kaum, so lebte sie noch im Nachhall ihrer Rede.

Man fand Hans von Landschütz, Juliens Bruder, unter einer Gruppe der Gesellschaft, die sich um ihn wie um ein Wunder versammelt hatte.

Hans war ein kurzer, dicker, stämmiger Landjunker. In seiner grünen, schnurbesetzten polnischen Kurtka mit einigen über die Schultern herabhängenden Troddeln konnte er höchstens sechsunddreißig Jahre sein, aber er saß im Sofa, puhstete und athmete so verdrießlich und stöhnend wie ein Sechziger. Seine Schwester knöpfte ihm die Kurtka auf, um ihm auf die Fragen, die man an ihn richtete, wenigstens Luft zum Antworten zu geben. An den Stiefeln, die er ausstreckte, standen die Sporen in komischem Contrast zu der stämmigen Fallstaffnatur, deren Heftigkeit und zornige Gemüthsanlage sich in kurzer stoßweiser Rede zu erkennen gab.

Hans von Landschütz hatte das ganze Leben eines jungen reichen Adeligen bereits hinter sich. Er hatte die Welt gesehen und so viel Geld verausgabt, als nöthig war, um zu motiviren, daß seine spätern Jahre an einen fleißigen Betrieb der Scholle gebunden blieben. Es war keine Thorheit in den Städten, wo er lebte, vorgekommen, an der er nicht Theil genommen. Aristokrat von Geburt, bedurfte er keiner besonderen Anlehnung an die Gesellschaft. Sein Name genügte für jede Stellung. Ausbildung oder höhere Bestrebung irgend einer Art war ihm fremd geblieben und sogar verhaßt. Er schrieb seinen leidlichen Brief, parlirte leidlich französisch, hatte sich über Güterablösungen, Rentenconversionen, Grundsteuerfragen hinlänglich unterrichtet, um immer zu wissen, welches bei streitigen Punkten sein und seines Standes nächster Vortheil war und für das Uebrige ließ er Gott und, wie er zu sagen pflegte, die Gendarmen sorgen. Seine Güter bewirthschafteten theils Pächter, theils eigene Oekonomen unter seiner Aufsicht, er hielt seiner ältesten Schwester, Aurelie auf Stiftshof, ihr Hab und Gut ebenso zusammen, wie die Antheile, die noch der jüngern verheiratheten Julie von Reisig zuflossen. Damit hatte er so vollauf zu thun, daß ihm die übrige Welt gleichgültig war. Man fürchtete ihn, vielleicht mit Unrecht. Es gab Augenblicke, wo er in herzliches Gelächter ausbrechen konnte, meist freilich dann auf Kosten Anderer. Seine Menschenverachtung war die Folge der Umständlichkeit, die er scheute, wenn er sie lieben wollte. Er hatte so viel mit seiner eigenen schwerfälligen Person zu thun, daß ihm jede andere Sorge Mühe machte. Der Ausdruck der Ermüdung lag auf seinem Wesen, wie bei alten Militärs, nachdem sie ihr bestes Leben unter den Anstrengungen des Dienstes verbrachten. Jedoch nur das Vergnügen hatte sich Hans von Landschütz so viel Anstrengungen kosten lassen, man müßte denn Unternehmungen wie diese zu seinen Anstrengungen rechnen, daß er vor zehn Jahren, als die erste Eisenbahn bei der Residenz auf eine Strecke von vier Meilen eröffnet wurde, aus Wuth und Zorn über eine neue »liberale« Erfindung eine Gesellschaft junger Offiziere und Adeliger zusammenbrachte, um die Eisenbahn, wie sie sagten, »todtzureiten«. Sie wetteten, den Dampfwagen in Halb-Carrière zu überholen. Sie ritten indessen nicht die Eisenbahn, sondern sowol ihre besten Pferde todt, wie den Baron von Gleichen, einen jungen sehr liebenswürdigen Cavalier, der bei dem Wettritt stürzte und das Genick brach. Baron von Gleichen war bestimmt, Hansen's Schwager zu werden; er war Verlobter seiner Schwester Aurelie. Von jener so unglücklich verlorenen Wette her schrieb sich Hansen's Dickwerden. Er zog sich nämlich sehr verdrießlich von der Welt zurück, übernahm den Landbau, bildete alle seine mürrischen und grimmigen Eigenschaften methodisch aus und wurde der Schrecken seiner Umgebungen. Nur Aurelie, die ihre Trauer für immer trug und mit dem zu ihrem lebenslänglichen Schuldner gemachten Bruder zurückgezogen zusammen lebte, war die einzige, die den unbändigen Gesellen lenken konnte. Eines einzigen Blicks, mehr bedurfte es nicht, um unter Hansen's rauher Oberfläche zuweilen Funken von Güte rege zu erhalten. Der Blick kam dann freilich von zwei Augen, die um seinen Uebermuth einst Jahre lang in Thränen gestanden hatten.

Wenn man Hansen von Landschütz bei einer Begrüßung die Hand bot, hielt er sie bei einem schönen jungen Wesen gewiß so lange fest, bis sie blau wurde.

Das war Galanterie. Er stand nicht auf, hatte keine höflichen Begrüßungen; ein einfaches: Na! Wie thut's? und jenes Händekneipen, bei Näherbekannten noch mit der Zumuthung, ihm einen Kuß zu geben; das genügte.

Es fehlte auch heute nicht an diesen Beweisen seiner Zärtlichkeit, als er Eugenie Wingolf begrüßte, die sonst, wie wir wissen, auf Stiftshof bei Aurelien lebte und von ihr und dem alten Planer dort erzogen war.

Das Thema: Wenn sie doch einmal einen Alten hätte heirathen wollen, hätte sie wol auch ihn nehmen können! variirte Hans mannichfach.

Schade, setzte er hinzu, daß ich von Ihrem Geschmack für graue Haare nicht unterrichtet war.

Hertha betrachtete den Sprecher staunend und verächtlich wie den Urtypus alles Ehegattenthums.

Erkundigungen nach Liederbach durften von Seiten Eugeniens nicht ganz ausbleiben.

Da ist Holland in Noth! sagte Hans, der auch Kirchenpatron von Liederbach war.

Hans berichtete Zänkereien, in denen er gewöhnlich mit seinen rings wohnenden Pfarrern stand. Bald vernachlässigten sie ihm seine Wiesen, bald seine Felder, bald tauschte er hier einen halben Morgen gegen einen halben Morgen da ein und processirte nicht selten mit ihnen.

Diesmal meinte er unter dem Holland in Noth, über das Eugenie erschrak und Hertha aufhorchte, die schlechte Ernte des Jahres 1847.

Er rühmte dann den alten Planer als den einzigen praktischen Geistlichen, der etwas vom Ackerbau verstünde.

Von den neuen Vorgängen des liederbacher Pfarrhauses wußte Hans nichts.

Wer Hansen kannte, mußte die Erkundigung komisch finden, die Hertha über die Universität an ihn richtete.

Hans, überraschend genug, blieb die Antwort nicht schuldig. Die ruhige, ernste und sichere Art Hertha's schien ihm die Augen seiner Schwester Aurelie zu vergegenwärtigen.

Hans sagte über die Universität:

Liebes Fräulein, diese Universität? Die ist nicht werth, daß sie noch den Namen trägt. Die Corps sind ausgestorben. Wenn einmal ein junger Fuchs, der mit der Schwindsucht am Halse schon angekommen ist, sich vollends überstudirt hat und abfährt, so ist's eine reine Lächerlichkeit, wenn die Studenten dann noch was vorstellen wollen und beim Begräbniß Senioren spielen mit Kanonenstiefeln und ein paar alten Rappieren. Die Cerevismützen müssen bei den Meisten erst neu bestellt werden. Die Mehrzahl geht hinterher im Frack und rundem Hut. Es ist eine alberne Jugend, obgleich meine Brauerei in Liederbach nicht klagen kann. Bier wird im Grunde mehr getrunken als sonst...

Während die Gesellschaft lachte, behielt Hertha ihren feierlichen Ernst und verbesserte ihre Frage dahin:

Welches der Geist auf den Kathedern, das wissenschaftliche Leben unter den Studirenden und überhaupt die Richtung der dortigen Gemüther wäre?

Obgleich Julie kaum erwarten konnte, daß ihr Bruder Hans sich aus einer so schwierigen Frage zurechtfinden würde, antwortete er doch mit staunenswerther Umständlichkeit:

Liebes Fräulein! Die ganze Universität H. gehört jetzt, was ihren Geist anbelangt, in die Sorte: Eigenthum ist Diebstahl! Es sind noch so ein paar alte Geheimräthe da, die von Anno Dazumal ihren Kohl aufwärmen und in jedem Semester regelmäßig dreizehn und einen halben Witz machen. Aber die Mehrzahl – Räuberbagage. Dem lieben Gott plündern die Theologen, das sagt der alte Planer, seine besten Eigenschaften. Bei den Juristen, das weiß ich, sind unsere Rechtstitel pure Anmaßung. Die Mediciner schaffen die beliebtesten Krankheiten ab, ohne sie heilen zu können. Schlagflüsse, an denen ich doch z. B. mal abfahren werde, gibt's nicht mehr. Und von der vierten Facultät, in die alle andern Narrheiten eingestopft sind, die Philosophie neben Ackerwirthschaft, d. h. papierner Kunst, Landwirthe zu ruiniren, von der mag ich gar nicht reden. Da sind Professoren darunter, die die Communisterei bereits praktisch betreiben. Einer, der über Geologie für die Bergeleven und sonstige Liebhaber liest, Namens Ulrichs, gibt den Ton an. Alles Räuberbagage.

Die Nennung des Professors Ulrichs ergab von mehren Seiten Mittheilungen über Constantin's Familie, die für Hertha hätten peinlich sein sollen.

Man kannte noch keineswegs allgemein ihre Beziehung zu dieser Familie.

Eugenie und Julie suchten das Gespräch abzubrechen, aber zu Hertha's Grundsätzen gehörte der Heroismus, dem Urtheil der Welt unbeweglich Rede zu stehen.

Sie fragte ausdrücklich nach der Familie Ulrichs und vernahm dann, daß also z. B. Frau Professor Ulrichs zuweilen Gastereien gäbe, wo die Leute Abends einträfen und im Vorplatz unten noch große Wäsche aufgehängt fänden. Dann würden von der Frau Professorin die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und straßenweit riefe sie: Frieda! Frieda! Kind Gottes, was ist denn das wieder! Kind Gottes, nämlich die Frieda, säße dann oben auf dem Taubenboden und riefe ebenso herunter: Hat der Teutomar die Bestellung falsch gemacht? Und nun weit entfernt, sich zu entschuldigen und die Leute gehen zu lassen, würde doch jedes von der Professorin festgehalten, die Wäsche würde abgenommen, oben würden rasch die Stuben aufgeschlossen, Lichter angesteckt und die Menschen müßten dableiben à la fortune du pot, Butterbrot, Radiese, Eier, Salat je nach der Jahreszeit...

Allgemeines Gelächter.

Hertha blieb ernst. Sie fand diese Natürlichkeit motivirt und vertheidigte sie. Ja, sie hatte sogar die Genugthuung, daß Hans von Landschütz ihr beistand und nur den einen Einwand machte:

Gegen die Radiese, mein liebes Fräulein, würd' ich an sich gar nichts haben, wenn sie sie nur nicht aus dem ersten besten Acker holten. Seit einem Jahre bin ich mit dieser Familie in einen förmlichen Krieg gerathen. Mit der Hetzpeitsche passen meine Leute den ganzen Sommer schon auf die sieben Kinder, die man in H. die Kinder Gottes nennt, weil die Frau, wenn sie zu jemanden sagen will: Aber du Esel oder Mondkalb! den Ausdruck hat: Kind Gottes! Wahrlich, das sind Kinder Gottes! Sie leben wie im Paradiese.

Es gab unter den Umstehenden wol Einige, die den Eindruck ermessen konnten, den diese Mittheilungen auf Hertha hervorbringen mußten, doch schnitt die Peinlichkeit der Erwiderungen, die Hertha begann, der Eintritt einiger besternter Herren ab.

Unter ihnen, es waren die verspäteten Minister, befand sich Hertha's Vater.

Wingolf nahm, als er Hertha's ansichtig wurde, seine Tochter auf einige Augenblicke bei Seite und brachte ihr die Mittheilung, daß ein umständliches gerichtliches Verfahren in der obschwebenden Tendenzuntersuchung gegen Constantin und Genossen nicht stattfinden würde, wol aber beschlossen sei, die Schulen und Universitäten unter strengere Aufsicht zu stellen, auch jeden der auf einer vorgelegten Liste verzeichneten Namen an den Ort zu verweisen, der sein nächster zuständiger Aufenthalt wäre. Constantin würde demnach nach der von jetzt an strenger bewachten Universitätsstadt H. verwiesen werden.

Der Vater gab Hertha mit mildem Ernst zu erkennen, es wäre ihm eine große Beruhigung, wenn diese Trennung die Veranlassung würde, nun für immer ein Band zu lösen, dem er keinen Segen versprechen dürfe.

Sind diese Entschließungen unwiderruflich? fragte Hertha mit sinnender Bestimmtheit.

Unwiderruflich! Ich habe nicht geringe Mühe gehabt, so milde Auffassungen der vorliegenden Vergehen durchzusetzen.

Eine Einladung zu einer scheinbar improvisirten Tafel unterbrach diese Unterredung...

Am Tage darauf wurde Constantin Ulrichs in der That bedeutet, die Residenz zu verlassen.

Er ging.

Es währte dann noch eine Woche, bis Wingolf einen Brief erhielt, den er mit kummervollem Herzen Eugenien mittheilte.

Hertha hatte ihm geschrieben, sie könne von dem Lebensprincipe, das sie sich einmal gewählt hätte, immer und in jeder Lage wahr und natürlich zu sein, hier keine Ausnahme machen. Sie würde Constantin nach H. folgen und sage hiermit dem Vater und Eugenien von Herzen Lebewohl.

Ein Einspruch des erschütterten Vaters nutzte nichts.

Hertha war, als er zornglühend zu ihr eilte, bereits abgereist.

Selbst die gute Frau von Zabel, deren geheime Aufsicht über ihr Leben Hertha zu durchschauen angefangen, war über ihr Vorhaben nicht im entferntesten unterrichtet.

Daß man Hertha Kleider, Bücher, Musikalien und sonstige gewohnte Besitzthümer, die sie verlangte, nachschickte, verstand sich von selbst.

Wingolf bedurfte seiner ganzen Kraft, um sich in die Thatsache zu finden, daß er eine Tochter besaß, von der die Welt sagte: Sie ist emancipirt.

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