Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Gutzkow >

Die Nihilisten

Karl Gutzkow: Die Nihilisten - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Selbsttaufe
authorKarl Gutzkow
year1998
publisherVerlag Karl Stutz
addressPassau
isbn3-88849-035-9
titleDie Nihilisten
pages233
created20020425
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1853
Schließen

Navigation:

Zweites Capitel

Constantin Ulrichs

Constantin war deshalb so spät zu Frau von Zabel gekommen, weil er die Widerwärtigkeiten, die ihn bedrohten, schon in Erfahrung gebracht hatte.

Benachbarte größere Staaten gaben den mittlern und kleinern damals und vielleicht noch jetzt die nähern Kennzeichen derjenigen Richtungen an, die sie bei sich nicht dulden sollten. Die Bedrängniß, die dann über den Einen verhängt wurde, kam bald auf die Andern, zu denen jener sich hielt. Papiere wurden mit Beschlag belegt, Aeußerungen zu Protokoll gegeben und ähnliche Tendenzproceduren vorgenommen, die bei dem eigenthümlichen patriarchalischen Wesen unsers deutschen Staatslebens Vergehungen dieser Art immer wie persönliche Kränkungen der Staatsoberhäupter heraustreten lassen und Dem, der einmal einem solchen Makel verfallen ist, oft sein Leben lang nicht wieder verziehen werden und im Grunde ihm anrathen sollten, den Boden des Vaterlandes für immer zu verlassen.

Constantin Ulrichs hatte seine Gefahr an jenem Abend Hertha mitgetheilt.

Man kann sich denken, wie von ihr, der ohnehin schon Aufgeregten, diese Mittheilung aufgenommen wurde. Nicht mit Furcht, sondern mit Entrüstung.

Schon in aller Frühe war sie zu ihrem Vater geeilt und hatte natürlich alle Waffen ihrer neugewonnenen Ueberzeugungen mit sich genommen und angewandt. Wir können nach dem Vorangegangenen die Scene, die zwischen Vater und Tochter sich ereignete, uns ausmalen...

Den Ausgang dieser Unterredung erwartete Constantin in seiner Wohnung.

Er freilich mit großer Spannung und brennender Unruhe. Selbst die geringste üble Folge, die er für seine Person fürchten konnte, Ausweisung aus dieser Stadt, war ihm bei der Beziehung, die er zu Hertha gewonnen, das Verdrießlichste. Verbannt aus Verona, ist aus der Welt verbannt! sagte Julia Capulet in einer Zeit, wo zwischen Mantua und Verona noch keine Eisenbahn ging; aber auch jetzt noch würde Julia Capulet in einem Verbannt von Verona nach Mantua! Schrecken gefunden haben lästigster Art, falls sie nicht zu dem äußersten Mittel griff, mit Romeo nach Mantua zu entfliehen.

Das Verhältniß zwischen Hertha und Constantin hatte sich in dem schon besprochenen Freiherrlich Reisig'schen Hause angeknüpft, in das diesen jungen Mann Empfehlungen eingeführt hatten.

Hertha hatte dort dem Eindruck, den ihr Constantin machte, bald Rede gestanden, hatte beobachtet, wie Constantin's Gestalt, sein zwar unstetes aber blitzendes Auge, noch mehr aber seine immer sprungweise gegebenen, abgerissenen, den Hinterhalt einer bedeutenden Weltanschauung verrathenden Aeußerungen auf sie wirkten.

Auch er machte diese Entdeckung.

Ob es Liebe war, die Constantin für Hertha Wingolf, die Tochter des Ministers, empfand, ist schwer zu sagen. Constantin stand seinen Gefühlen nicht gern Rede, ja es gehörte zu seinen Grundsätzen, dergleichen Selbstbespiegelung, wie er die Anfänge der Liebe nannte, dergleichen Zergliederung seines Innern zu verwerfen. Er fand das ideale schöne Mädchen gewiß sehr interessant, sehr anregend und zeichnete sie gewiß mit aufrichtiger Hingebung aus.

Man war gewohnt, diesem jungen Manne überall, wo er auftrat, ein großes Uebergewicht über die Gesellschaft einzuräumen. Er hatte sich eine umfassende Menge von Kenntnissen in den verschiedenartigsten Wissensgebieten erworben und in den neuesten Vorkommnissen der Politik und der Naturwissenschaft war er gewiß immer heimisch. Er besaß eine außerordentlich sichere Art der Auseinandersetzung. Jedes Wort, das er sprach, hatte etwas Gewichtiges, selbst wenn er es nur so hinwarf. Selbst sein Zweifel konnte für Andere Dogma werden.

Constantin war ein umsichtiger und erfinderischer Gesellschafter. Er ging auf jeden Scherz der Damen ein, ohne doch im mindesten den häßlichen Schein eines Galopins sich zu erwerben. Man konnte ihn nicht eigentlich gefällig und zuvorkommend nennen, aber er verdarb keinen Scherz und war bereit, an jedem Spiele Theil zu nehmen, selbst mit den ältesten Damen. Kein Wunder, daß Constantin Ulrichs die Seele der Gesellschaften wurde und sich eine Meinung von ihm verbreitete, die für Hertha geradezu wie ein Strom vom ewigen Quell des Lichtes erschien.

Constantin besuchte dann bald auch Frau von Zabel. In der ruhigen Art, mit der er sich in jeder Lage zu geben wußte, wenn er beobachtet wurde, mit derselben fast sieggewohnten Sicherheit zog er ganz in Hertha's Seele und Leben ein. Er wurde der Schlußstein ihres alten, der Grundstein ihres neuen Systems. Sie bezeichnete ihn ganz einfach: Dies ist ein Mann! Sie hatte nie vor einem Manne Respect gehabt, selbst vor ihrem Vater nicht; denn sie liebte ihn – einen Vater übersieht ein Kind sehr bald in allen seinen Schwächen und nur in der Liebe vergißt man dann ganz, daß man mit vielen Dingen im Leben Nachsicht haben muß – Constantin war der erste Mann, der Hertha auch imponirte. Sie liebte ihn anders als ihren Vater.

War Constantin Ulrichs allein mit sich, so war er freilich ein Anderer, als ihn Hertha kannte.

Er konnte dann seinem Ich den Zügel schießen und sich gehen lassen.

Seinem ältesten Freunde Jean Reps, wie man diesen schon auf der Universität, um den »überwundenen« Jean Paul zu bezeichnen, nannte (er hieß eigentlich Johann Repse), einem halbverdorbenen Predigtamtscandidaten, hatte er, wie Wingolf beobachten konnte, am Abend vorher das Geld, das er sehr oft in die Lage kam, diesem leihen zu müssen, mit einigen höchst wahrscheinlich verdienten Rippenstößen gegeben. Constantin war auswärts nonchalant, im Hause oft pedantisch bis, wie Jean Reps sagte, zum Zopf. Constantin schmählte oft, wenn er die Seinigen besuchte und die bei ihnen herrschende etwas geniale Wirthschaft wiedersah. Er leugnete die meisten feststehenden Thatsachen, nur nicht seine Kleider, seine Wäsche, seine Schreibmaterialien, die Geräthschaften der Toilette, die er sehr gewissenhaft zu machen pflegte und ähnliche sehr wichtige und auf entschiedenste Stabilität angewiesene Dinge.

Zu den Ausnahmen von jener allgemeinen Unbeständigkeit der Begriffe, die ihm das Weltall zu erfüllen schien, rechnete Constantin noch seine Cigarren und seinen Kaffee.

Er konnte über neue philosophische Lehrgebäude, die in Gestalt eines vom Buchhändler ihm zugesandten Buchs sich vorstellten, höchst witzig spotten, konnte den Unsinn »unmöglicher Beweisführungen«, wie er sagte, sehr treffend von sich weisen, aber ein Werk über die echte Kaffeezubereitung der Levante studirte er andächtig.

An dieser Lieblingsbeschäftigung der Frühstückszubereitung pflegte sich Jean Reps fast jeden Morgen, den Freund noch aus den Federn klopfend, zu betheiligen.

Und so trat er auch heute in charakteristischer Sicherheit durch die weit aufgerissene Thürpforte, rief einen Guten Morgen! und warf sich in die Sofaecke, die schon seit Jahren erb- und eigenthümlich ihm gehörte.

Und Constantin, der gerade am Fenster mit dem Filtriren seines Mokka beschäftigt war, erwiderte nicht einmal den Gruß. Er nahm den Freund wie ein Fürst seine Höflinge zum Lever an.

Constantin konnte mit Jean Reps Vieles, vielleicht Alles machen, was er wollte. Daraus ergab sich eine sonderbare Position. Jean Reps war Constantin eine Last und doch bedurfte er seiner. Jean Reps war so zu sagen für Constantin's Hofstaat der Ceremonienmeister. Dieser zwei bis drei Jahre ältere Busen-, Schul- und Universitätsfreund, Sohn geringer Aeltern, von Stipendien aufgefüttert, krummbuckelnd durch die Welt gegangen, war der Leibpage und erste Mammeluk seines jüngern und bedeutsamer entwickelten Freundes. Er schlug schon seit Jahren vor ihm die Pauken der Bewunderung und rasselte mit den Schellen seines von ihm verbreiteten Ruhmes.

Constantin Ulrichs, Pascha der Geistreichigkeit von drei Roßschweifen, mußte Jean Reps das Verdienst einräumen, daß er, wie dies bei den größten Talenten nie zu verschmähen ist, ihm in seinen Erfolgen nachgeholfen hatte. Johann Repse hatte ihm überall die Wege bereitet, nannte sich seines Meisters Johannes, streute ihm Palmen und Baumzweige auf den Weg, rief ihm Hosianna und trank dafür natürlich fast jeden Morgen bei Constantin den Kaffee, plünderte seine Eßvorräthe, seine Cigarren, bemächtigte sich auch wol seines Schreibsecretärschlüssels und veranlaßte Constantin oft zu der Bemerkung, er wolle diese offenbaren Diebeseinbrüche bei ihm ertragen, so lange sie nicht hinter seinem Rücken geschähen. Wenn Constantin irgendwo öffentlich zu essen pflegte, fehlte gewiß sein Freund nicht und nur die Abende behielt sich Jean Reps für sich und widmete sie seinen altstudentischen Neigungen, die gewöhnlich bei seinem ungeheuren Biergenuß mit einem Rückfall in eine Form von Genialität endeten, die Constantin Ulrichs nicht leiden mochte und nie gelitten hatte. Man konnte von beiden Freunden sagen, sie hatten, wie der Dichter singt, ihre Sache auf Nichts gestellt, allein das Nichts Constantin's war ein Nichts, in dem die Negation des Weltalls noch den Salon übrig ließ, bei Jean Reps aber nur noch die Realität der Kneipe.

Der Verdruß über die Gefahren, die sich über ihren Häuptern zusammengezogen, war bei Jean Reps und Constantin ein gemeinsamer.

Auch in Betreff der lindesten Form, der Ausweisung, da Jean Reps nach Constantin's Ausdruck von irgend einer »achtbaren Bürgerlichkeit« gefesselt war.

Das Verdrießliche mehrte sich, weil beide Freunde in die Lage kommen sollten, weit weniger für ihre eigenen Irrthümer oder Vergehungen zu leiden als wegen fremder Verschuldung.

Es war vorzugsweise ein anderer junger Mann, der schon in ein Amt eingetreten war, Namens Eberhard Ott, der eine gewisse Gemeinschaftlichkeit errichtet hatte, einen Lesekreis, in welchem meist solche Schriften circulirten, die verboten oder schwierig anzuschaffen waren.

Aus diesem Leseclub war manche andere solidarische That entstanden, die jeden traf, auch wenn man bei der Abstimmung gefehlt oder, wie es von Julius Cäsar und Constantin Ulrichs hieß, durch »Abwesenheit geglänzt« hatte.

Da waren flüchtige oder abgesetzte Lehrer unterstützt worden, Sammlungen veranstaltet, von begeisterten Frauen Lotterien eingeleitet, kurz, man wird sich jener Zeit erinnern, die auf dem Gebiete der Wissenschaft, der Kirche und des theoretischen Staates Märtyrer genug sah.

Diese organisirte Uebereinstimmung der Gemüther sollte nun ausgerottet, aufgehoben, ja bestraft werden und für Eberhard Ott besonders konnte die Wendung die gefährlichere werden, da gerade er im Begriff stand, in die Provinz, eben in jene östliche Universitätsstadt H., abzureisen, um daselbst schon die glücklich errungene Stelle eines Assessors, also in festem Staatsdienste, anzutreten.

Da in jener Stadt auch Constantins's Familie lebte, hätte es nicht Wunder nehmen dürfen, daß Eberhard Ott bald dem schon an Constantins's Kaffeetisch schwelgenden Jean Reps – (»still und bewegt« nannte es Ersterer) – auf dem Fuße folgte.

Er wollte vielleicht nach Aufträgen für Constantin's Familie fragen oder die gemeinsame Gefahr mit dem sonst für unverwundbar geltenden Doctor besprechen.

Daß Constantin selbst nur ein unverwundbarer Achilles war, gehörte zu den Wirkungen jener Verheißungs- und Prophetenthumshuldigung, die Jean Reps für ihn seit Jahren anzubahnen verstanden. Mit Dem ist das Glück! Das stand fest. Siegfried und Achill war er Allen, die mit oder bald vor oder bald nach ihm studirt hatten.

Um die Aehnlichkeit mit Achill oder Siegfried noch zu erhöhen, sprach man oft in einem unendlich geheimnißvollen Tone von gewissen Stellen, wo allerdings auch Constantin zu den Sterblichen gehörte.

Ja, pflegte Jean Reps wol zu sagen: Der Koloß von Rhodos macht regelmäßig einen Entrechat, wenn man seinen schlechten Kaffee gut finden soll – es gehört nämlich zur Eigenschaft solcher Naturen, wie Jean Reps, daß sie Das, was sie borg- oder schenkweise erhalten, nur als in Gnaden empfangen quittiren und sich zuletzt doch immer noch durch den Tadel des Geschenkten, wie es Constantin bei anderer Gelegenheit nannte, den »freien und unbefangenen Standpunkt« erhalten.

Heute war Reps nahe daran, seines Freundes geheime Blöße die Furcht zu nennen. Nicht die gemeine Furcht, sondern die Furcht vor dem Unbequemen und Widerwärtigen. In den nergelnden Worten, die Constantin beim Filtriren unaufhörlich über den »Scandal« und den »Unsinn der Zeit« ausrief, lag eine Bestätigung dieser Annahme. Doch Reps klammerte sich an die gute Wirkung der Vermittelungen Hertha's, verbat sich die aristokratischen Anzüglichkeiten seines »gesinnungslosen« Freundes und als dann Eberhard Ott eintrat, ein ruhiger, gelassener Mann, eine stille und ernste Natur, da kam Fassung und Haltung in das gemeinsame Gespräch. Man verständigte sich über die Aussagen, die man zu geben gedächte, sprach die Gefahren durch, denen man mit Ergebung entgegenharren wollte und zeigte sich, auch wenn man durch Hertha die bösen Gerüchte bestätigt hören würde, von einer Festigkeit, die unter dem Einflusse der sittlichen Natur eines Mannes wie Eberhard stand und nun nicht mehr wanken wollte und nicht weichen.

Als diese Verabredung zu Ende, das Frühstück verzehrt war und Eberhard, der noch heute zu reisen gedachte, Abschied nehmen wollte, sagte Reps:

Bleiben Sie noch, Ott! Constantin hat ja einen Auftrag für Sie.

Einen Auftrag, Ulrichs? fragte Eberhard ohne auf Reps zu sehen, den er ignorirte und nur seiner Anhänglichkeit an Constantin wegen duldete.

Für Ihre Aeltern? Für Wen? Mit Vergnügen bin ich bereit.

Constantin erhob sich.

Etwas verlegen ging er im Zimmer einmal auf und nieder, schloß dann seinen Schreibsecretär, nahm aus einem Schubfache einen Ring und sagte zu dem erwartungsvoll den Hut wieder wegsetzenden Freund:

Ja, lieber Ott! Es ist dies eine eigene Commission. Reps kennt den Gegenstand. Es ist mit drei Worten allerdings ein Gefallen, den Sie mir thun müssen.

Mit Freuden! erwiderte Eberhard und war gespannt.

Mit dem Ringe spielend, trug Constantin dann seine Angelegenheit vor.

Es war eine Herzenssache.

Seit Jahren, erzählte Constantin, feßle ihn an ein junges Mädchen in Liederbach, einem Dorfe, dicht an dem Aufenthaltsorte seiner Aeltern, ein Verlöbniß. Es wäre diese seine Verlobte die Tochter des dortigen Pfarrers.

Constantin erzählte, er hätte schon auf der lateinischen Schule in H. die Spaziergänge nach Liederbach vorzugsweise geliebt, hätte gern den Pfarrer besucht, Agnes, seine Tochter, sich damals »möglichst idealisirt«, hätte im »gemüthlichen Anflug« auch seine Geschwister öfters mit hinausgenommen und so wäre denn eine Studentenliebe entstanden, der die Gewöhnung Bindekraft, jeweilige Abschiede und Briefwechsel eine Art von Poesie gegeben hätten und Agnes Planer wäre ein Mädchen, das Manchen glücklich machen könnte, der auf dem Standpunkte der Idylle – Jean Reps rief Mercutio's Worte dazwischen: O Fleisch, Fleisch, was bist du verfischt worden! – stehenzubleiben gedächte. Diesen Roman müsse er abbrechen. Die Bekanntschaft mit Hertha Wingolf, der Tochter des Ministers, höbe ihn auf. Was auch für Chicanen vom Geschick zunächst zu fürchten wären, für Hertha Wingolf sage die großartige Auffassung, mit der sie den Bund ihres Herzens und Geistes mit ihm geschlossen, in dem Grade gut, daß er sich eilen müsse, »störende Vergangenheit« abzuthun. Hertha wisse bereits von der Existenz einer Agnes Planer. Er hätte ihr sogleich diesen Beweis von Offenheit um so unbefangener geben dürfen, als er voraussehen konnte, wie sie ein solches Geständniß aufnehmen würde. Sie hätte erst eine Weile geschwiegen, dann gefragt: War sie von Ihnen geliebt? Er hätte mit voller Wahrheit eingestehen dürfen, daß diese Liebe in ihm eine längst überwundene wäre und Hertha hätte dann aus ihren Locken wahrhaft schwermüthig in die dunkeln gerade am Horizont vorüberziehenden Wolken geblickt und vor sich hin die Worte gesprochen: Die Welt ist trüb!... Dann hätte Constantin seiner eigenen beklemmenden Ungewißheit über Hertha's Empfindungen dadurch ein Ende gemacht, daß er seinen Lieblingssatz ausgesprochen: »Die Welt leidet ja nur an den Widersprüchen, in welche wir uns selbst mit ihr setzen; folgten wir immer der Natur und gäben uns so, wie es uns Bedürfniß ist, dann könnten wir eine Ahnung von Dem gewinnen, was es heißt, Herrscher der Erde zu sein...« da hätte sich Hertha gewandt und nur allein noch die Worte gesprochen: Constantin, folgen Sie Ihrem Triebe! Von diesem Augenblicke an wäre Agnes Planer nicht mehr für ihn da und es käme nur noch darauf an, mit einer gewissen Ruhe und Schonung Agnes in Liederbach von dieser Wendung in Kenntniß zu setzen...

Constantin legte die Cigarre fort.

Verrieth er, als er sich zum Vollstrecker seines traurigen Auftrags gerade Eberhard Ott wählte, darin große Menschenkenntniß, daß er ein mildes Gemüth wählte, so durfte er seine Wahl noch gelungener nennen, wenn er seiner Schwester Frieda gedachte.

Eberhard Ott liebte Frieda Ulrichs.

Es war keine Täuschung seines scharfen Auges, wenn Constantin sich sagte, es zöge Eberhard mit Zugvogelsehnsucht nach dem Orte hin, wo ein seit ihrer letzten Anwesenheit in der Residenz alle Gedanken Eberhard's erfüllendes Mädchen wohnte und einen ganzen Ort, wie man erzählte, bezaubere.

Mußte nicht Eberhard geneigt sein, sich den Bruder eines so geliebten Wesens und die Familie zu verbinden?

Noch mehr. Eberhard war gerecht genug, einzusehen, daß die ihm dem Namen nach wohlbekannte Hertha Wingolf, von der die Residenz genug zu sprechen hatte, die Tochter eines möglicherweise künftigen Chefs der ganzen Landes-Verwaltung und Förderers der Lebensschicksale Constantin's, sein Herz mehr erfüllen durfte als jener »Irrthum von Liederbach«, wie Constantin sagte, und daß es im Leben eines jungen Mannes Krisen geben könne, wo man vor einer Vergangenheit steht wie wiederum nach Constantin's oft gebrauchtem Ausdrucke »die Schlange vor ihrer jährlich abgelegten Haut.«

Agnes Planer – wer konnte sie sein? Ein Pfarrerskind, verblühend schon, ohne Reiz für einen entwickelten jungen Mann, der eine Bedeutsamkeit ersten Ranges war, wofür Constantin allerdings auch von Eberhard Ott anerkannt wurde.

Und da nun in Constantin's Worten nichts vorgekommen war, was seinen eigenen Sinn verletzt hatte, so ergriff Eberhard ruhig dessen Hand und sagte:

Mein lieber Ulrichs, Sie geben mir einen Auftrag, der fast wie das Ansagensollen eines Todesfalles klingt. Eintreten müssen in jene kleine Hütte und berichten: Aermste, dir ist in der Ferne dein Lieb gestorben!... In der That...

Es ist noch nicht lang, daß's geregnet hat, fiel Reps weinerlich singend ein. Die Blätter, die tröpfeln noch. Ach! Ich hab' einmal einen Schatz gehabt. Ach! Ich wollt', ich hätt' ihn noch!

Constantin lachte über den bösen Einfall.

Eberhard aber, sich nur ein wenig umwendend zu dem auf dem Sofa sich streckenden Spötter, warf ruhig dazwischen:

Sie sind ein sehr elender Mensch, Repse! Man möchte glauben, das Wunder von dem Gergesener See wäre wahr gewesen und in Ihnen stäke wirklich noch so eine Seele von dem Borstenvieh, das damals aus den Besessenen fuhr! Es gibt in der That nichts Verruchteres als einen gefallenen und doch noch frechen Priester. Wer dem Heiligsten, was der Mensch verehrt, administrirte und die Handgriffe kennt, die die Menschheit sich als Geberde des Segens denkt und dann seitabwärts tritt und seinem und Anderer Gotte Grimassen macht, der ist denn doch schon der schlechteste Kerl von der Welt. Wir Andern sind allerdings auch gottlos und fallen auch von unserer Kindheit und unserm poetischen Glauben ab, aber so höhnisch fletschen wir doch nicht die Zähne und kokettiren sogar mit unserm Abfall wie Einer dann von euerm Gelichter!

Zum Henker! polterte Reps auf, was quälen Sie sich denn mit Ihrem Pathos! Ulrichs fängt an Diplomat zu werden. Ich hatte mich schon gefreut, die Reise nach Liederbach auf gemeinschaftliche Kosten zu machen. Dem alten Planer wollt' ich seine Würste und Eier vertilgen helfen und dabei so auf Constantin im Allgemeinen schimpfen, daß sie's gleich hätten merken müssen, was ich so von hinten herum und über die Speisekammer weg im Besondern sagen wollte. Weshalb sollen gerade Sie gehen? Weil Fräulein Hertha eine Mutter hat, die sich Eugenie von Saalfeld nennt? Weil diese jenen Mann, der Planer von Liederbach heißt, zufällig sehr genau kennt und Ergo – weil Seiner Gnaden Graf Ulrichs nicht wollen, daß man von der Mördergrube seines Herzens...

Weiter kam Jean Reps nicht.

Mitten in seiner Auslegung hatte ihn Constantin schon ergriffen und mit zwei kräftigen Muskelbewegungen vom Sofa weggeschleudert und zur Thür hinausgeworfen.

Ein alter Hut flog ihm nach.

Der Riegel wurde zugeschoben.

Constantin stand in sonst ungewohnter Heftigkeit. Die Flügel seiner Nase gingen auf und ab, das untrügliche Zeichen eines Zornes, der sich nicht verstellt. Er sagte:

Glauben Sie nicht, Ott, daß ich diesen traurigen Schritt mit solchen Berechnungen mache! Allerdings ist es wahr, es ist hier ein eigenes Zusammentreffen. Die junge Wingolf, die Frau des Alten, ist zufällig vom Pfarrer Planer erzogen worden. Da ihre Mutter früh starb, gab sie ihr Vater nach Stiftshof, einem dicht bei Liederbach gelegenen Schlosse eines Freundes. Dort von Liederbach aus unterrichtete Planer mehre Jahre lang einen Kreis junger adeliger Damen. Ich weiß nicht, besteht die Verbindung zwischen dem alten Planer und der jetzigen Geheimräthin noch oder ist sie abgebrochen; kurz, mein Verlöbniß mit Agnes wird ihr nicht ganz Geheimniß sein. Erfährt sie nun diesen Bruch, so bin ich wol über die Wirkung, die daraus für mich und Hertha entstehen würde, sehr beruhigt. Anders aber könnte allenfalls die Wirkung auf den Vater sein. Ich habe bisher diese ganze adelige Coterie und Alles, was dazu gehört, wie Sie aus meinen Gesinnungen wissen, wenig geachtet, aber es kann mir nicht gleichgültig sein, wenn ich zu gewärtigen hätte, vor Hertha's Aeltern in so unmittelbar ihnen ersichtlichem Lichte des Wortbruchs dazustehen. Die Trennung Hertha's von ihrem Vater kann ich nicht billigen und unterstütze sie nicht; doch für Hertha's Sinn läge ein Wagniß darin, die Rückkehr zu ihm mit Eifer zu befördern oder wol gar zu verlangen. Erschein' ich aber so dem Vater schon als Störenfried seines Hauses, denken Sie sich dann ferner unsere Calamität mit dem so übelgedeuteten Verein und die Verdächtigung unserer Ansichten, so werden Sie mir eingestehen, daß ich wenigstens in Liederbach eines Anwalts bedarf, der meine Handlungsweise dort schonend vorträgt und mich vor dem grellen Aufschrei der dortigen Verletzung sicherstellt. Agnes ist empfindlerisch, sie wird ein trauriges Wesen machen. Der Vater ist eine Brausekopf, ein Gegner unserer Richtung. Ich gewärtige unter solchen Umständen einen Wirrwarr, vor dem ich geschützt sein muß und deshalb bitte ich Sie, lieber Ott, halten Sie mir in dem gegenwärtigen Handel da in Liederbach wenigstens so lange die Partie, bis sich meine jedenfalls unendlich interessante Beziehung zu Hertha Wingolf geregelt hat. Seit gestern weiß der Vater von ihrer Neigung. Er erfuhr sie in demselben Augenblicke, wo es von ihm abhängen wird, ob gegen uns Untersuchung aufgenommen werden soll oder nicht. Mit Ungeduld erwart' ich von Hertha die Nachricht, was sie eben bei dem Geheimrath ausgerichtet hat. Sagen Sie mir aufrichtig, was Sie von dem Allen denken? Und sprechen Sie gerade heraus. Ich kann Ihre Kritik ertragen.

Constantin gehörte zu den Menschen, die die geborenen Herrscher des Augenblicks sind.

Man hört nicht ihren Gründen und Meinungen zu, sondern nur der Art, wie sie sie vorzutragen wissen.

Diese imperatorischen Charaktere haben immer Recht. Sie brauchen nur einfach die Frage zu stellen: Ja oder Nein? und die Zuhörer, entzückt mehr von der Macht ihrer Persönlichkeit als von den Gründen ihrer Auseinandersetzung, geben unbedingt ihre Zustimmung, vertrauend schon dem Zeichen des Siegs, das für alle und selbst die schwierigsten Lebenslagen auf die Stirn dieser berufenen Menschen gedrückt ist und das sogar der ganzen Gattung als solcher, als bewußter Menschheit, wohlthut.

So ging es auch dem in allen andern Beziehungen nicht minder selbständigen und ernsten Eberhard.

Mochte es sein, daß durch die Worte, die Constantin sprach, immer die Lieder summten, die einst Frieda hier auf diesem Zimmer beim Bruder geträllert hatte oder daß die braunen Augen, in die er sein ganzes Sinnen schon seit Monaten versenkt hatte, um ihn her blitzten und so funkelnd hüpften, wie Frieda selbst zu hüpfen und vom Sofa zum Fenster, vom Fenster zum Tisch zu gaukeln pflegte, Eberhard konnte Alles, was ihm Constantin vortrug, nur sehr vernünftig, sehr billig, sehr zweckmäßig finden und versprach, sich dem Auftrage in Liederbach schon an dem ersten Tage seiner Ankunft in H. mit aller nur möglichen Schonung zu unterziehen.

Er entfernte sich, nachdem man noch für den Fall, daß die über ihnen Allen schwebende Wolke einer politischen Behelligung sich wirklich entladen und ihre kleinen grünen Lebensernten auf lange Zeit zerstören sollte, einige Verabredungen getroffen hatte.

Als Eberhard schon die Thür in der Hand hatte, rief ihm Constantin noch einmal nach, griff auf seinen Schreibsecretär, auf dessen Sims er den Ring gelegt hatte und gab ihm noch dies fast vergessene Symbol mit.

Eberhard steckte mit ruhiger Hingebung den fremden Verlobungsring an seinen Finger und noch an demselben Tage Nachmittags verließ er die Residenz.

Die Freunde waren bis dahin unangefochten geblieben.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.