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Gutenberg > Johann Wolfgang von Goethe >

Die natürliche Tochter

Johann Wolfgang von Goethe: Die natürliche Tochter - Kapitel 5
Quellenangabe
type
authorJohann Wolfgang von Goethe
titleDie natürliche Tochter
publisherbtb
seriesSämtliche Werke
volume6.1
printrun1. Auflage
year2006
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Dritter Aufzug

Vorzimmer des Herzogs, prächtig, modern.

 

Erster Auftritt

Secretair. Weltgeistlicher.

Secretair Tritt still herein in diese Totenstille!
Wie ausgestorben findest du das Haus.
Der Herzog schläft, und alle Diener stehen,
Von seinem Schmerz durchdrungen, stumm gebeugt.
Er schläft! Ich segnet' ihn, als ich ihn sah,
Bewußtlos, auf dem Pfühle ruhig atmen.
Das Übermaß der Schmerzen löste sich
In der Natur balsam'schen Wohltat auf.
Den Augenblick befürcht' ich, der ihn weckt;
Euch wird ein jammervoller Mann erscheinen.

Weltgeistlicher Darauf bin ich bereitet, zweifelt nicht.

Secretair Vor wenig Stunden kam die Nachricht an,
Eugenie sei tot! Vom Pferd gestürzt!
An Eurem Orte sei sie beigesetzt,
Als an dem nächsten Platz, wohin man sie
Aus jenem Felsendickicht bringen können,
Wo sie verwegen sich den Tod erstürmt.

Weltgeistlicher Und sie indessen ist schon weit entfernt?

Secretair Mit rascher Eile wird sie weggeführt.

Weltgeistlicher Und wem vertraut ihr solch ein schwer Geschäft?

Secretair Dem klugen Weibe, das uns angehört.

Weltgeistlicher In welche Gegend habt ihr sie geschickt?

Secretair Zu dieses Reiches letztem Hafenplatz.

Weltgeistlicher Von dorten soll sie in das fernste Land?

Secretair Sie führt ein günst'ger Wind sogleich davon.

Weltgeistlicher Und hier auf ewig gelte sie für tot!

Secretair Auf deiner Fabel Vortrag kommt es an.

Weltgeistlicher Der Irrtum soll im ersten Augenblick,
Auf alle künft'ge Zeit, gewaltig wirken.
An ihrer Gruft, an ihrer Leiche soll
Die Phantasie erstarren. Tausendfach
Zerreiß' ich das geliebte Bild und grabe
Dem Sinne des entsetzten Hörenden,
Mit Feuerzügen, dieses Unglück ein.
Sie ist dahin für Alle, sie verschwindet
Ins Nichts der Asche. Jeder kehret, schnell,
Den Blick zum Leben und vergißt, im Taumel
Der treibenden Begierden, daß auch sie
Im Reihen der Lebendigen geschwebt.

Secretair Du trittst mit vieler Kühnheit ans Geschäft;
Besorgst du keine Reue hinten nach?

Weltgeistlicher Welch eine Frage tust du? Wir sind fest!

Secretair Ein innres Unbehagen fügt sich oft,
Auch wider unsern Willen, an die Tat.

Weltgeistlicher Was hör' ich? du bedenklich? oder willst
Du mich nur prüfen, ob es euch gelang
Mich, euern Schüler, völlig auszubilden?

Secretair Das Wichtige bedenkt man nie genug.

Weltgeistlicher Bedenke man eh noch die Tat beginnt.

Secretair Auch in der Tat ist Raum für Überlegung.

Weltgeistlicher Für mich ist nichts zu überlegen mehr!
Da wär' es Zeit gewesen, als ich noch
Im Paradies beschränkter Freuden weilte,
Als, von des Gartens engem Hag umschlossen,
Ich selbstgesäte Bäume selber pfropfte,
Aus wenig Beeten meinen Tisch versorgte,
Als noch Zufriedenheit, im kleinen Hause,
Gefühl des Reichtums über alles goß,
Und ich, nach meiner Einsicht, zur Gemeinde,
Als Freund, als Vater, aus dem Herzen sprach,
Dem Guten fördernd meine Hände reichte,
Dem Bösen, wie dem Übel, widerstritt.
O hätte damals ein wohltätger Geist
Vor meiner Türe dich vorbeigewiesen,
An der du müde, durstig von der Jagd
Zu klopfen kamst; mit schmeichlerischem Wesen,
Mit süßem Wort, mich zu bezaubern wußtest.
Der Gastfreundschaft geweihter, schöner Tag,
Er war der letzte reingenoss'nen Friedens.

Secretair Wir brachten dir so manche Freude zu.

Weltgeistlicher Und dränget mir so manch Bedürfnis auf.
Nun war ich arm, als ich die Reichen kannte;
Nun war ich sorgenvoll, denn mir gebrach's;
Nun hatt' ich Not, ich brauchte fremde Hülfe.
Ihr wart mir hülfreich, teuer büß' ich das.
Ihr nahmt mich zum Genossen eures Glücks,
Mich zum Gesellen eurer Taten auf.
Zum Sklaven, sollt' ich sagen, dingtet ihr
Den sonst so freien, jetzt bedrängten Mann.
Ihr lohnt ihm zwar, doch immer noch versagt
Ihr ihm den Lohn, den er verlangen darf.

Secretair Vertraue, daß wir dich in kurzer Zeit,
Mit Gütern, Ehren, Pfründen überhäufen.

Weltgeistlicher Das ist es nicht, was ich erwarten muß.

Secretair Und welche neue Fordrung bildest du?

Weltgeistlicher Als ein gefühllos Werkzeug braucht ihr mich
Auch diesmal wieder. Dieses holde Kind
Verstoßt ihr aus dem Kreise der Lebend'gen;
Ich soll die Tat beschönen, sie bedecken,
Und ihr beschließt, begeht sie ohne mich.
Von nun an fordr' ich mit im Rat zu sitzen,
Wo Schreckliches beschlossen wird, wo jeder
Auf seinen Sinn, auf seine Kräfte stolz
Zum unvermeidlich Ungeheuren stimmt.

Secretair Daß du auch diesmal dich mit uns verbunden,
Erwirbt aufs Neue dir ein großes Recht.
Gar manch Geheimnis wirst du bald vernehmen,
Dahin gedulde dich und sei gefaßt.

Weltgeistlicher Ich bin's und bin noch weiter als ihr denkt;
In eure Plane schaut' ich längst hinein.
Der nur verdient geheimnisvolle Weihe,
Der ihr durch Ahnung vorzugreifen weiß.

Secretair Was ahnest du? was weißt du?

Weltgeistlicher                                     Laß uns das
Auf ein Gespräch der Mitternacht versparen.
O dieses Mädchens trauriges Geschick
Verschwindet, wie ein Bach im Ozean,
Wenn ich bedenke, wie verborgen ihr
Zu mächtiger Parteigewalt euch hebt
Und an die Stelle der gebietenden
Mit frecher List euch einzudrängen hofft.
Nicht ihr allein; denn andre streben auch,
Euch widerstrebend, nach demselben Zweck.
So untergrabt ihr Vaterland und Thron;
Wer soll sich retten, wenn das Ganze stürzt?

Secretair Ich höre kommen! Tritt hier an die Seite!
Ich führe dich zu rechter Zeit herein.

 

Zweiter Auftritt

Herzog. Secretair.

Herzog Unsel'ges Licht! du rufst mich auf zum Leben,
Mich zum Bewußtsein dieser Welt zurück
Und meiner selbst. Wie öde, hohl und leer
Liegt alles vor mir da, und ausgebrannt,
Ein großer Schutt, die Stätte meines Glücks.

Secretair Wenn jeder von den Deinen, die um dich
In dieser Stunde leiden, einen Teil
Von deinen Schmerzen übertragen könnte;
Du fühltest dich erleichtert und gestärkt.

Herzog Der Schmerz um Liebe, wie die Liebe, bleibt
Unteilbar und unendlich. Fühl' ich doch,
Welch ungeheures Unglück den betrifft,
Der seines Tags gewohntes Gut vermißt.
Warum o laßt ihr die bekannten Wände,
Mit Farb' und Gold, mir noch entgegen scheinen,
Die mich an Gestern, mich an Ehegestern,
An jenen Zustand meines vollen Glücks
Mich kalt erinnern. O warum verhüllet
Ihr nicht Gemach und Saal mit schwarzem Krepp!
Daß, finster wie mein Innres, auch von außen
Ein ewig nächt'ger Schatten mich umfange.

Secretair O möchte doch das Viele, das dir bleibt,
Nach dem Verlust, als Etwas dir erscheinen.

Herzog Ein geistverlaßner, körperlicher Traum!
Sie war die Seele dieses ganzen Hauses.
Wie schwebte, beim Erwachen, sonst das Bild
Des holden Kindes dringend mir entgegen.
Hier fand ich oft ein Blatt von ihrer Hand,
Ein geistreich, herzlich Blatt, zum Morgengruß.

Secretair Wie drückte nicht der Wunsch dich zu ergetzen
Sich, dichtrisch, oft in frühen Reimen aus.

Herzog Die Hoffnung sie zu sehen gab den Stunden
Des mühevollen Tags den einz'gen Reiz.

Secretair Wie oft bei Hindernis und Zögrung hat
Man ungeduldig, wie nach der Geliebten
Den raschen Jüngling, dich nach ihr gesehn.

Herzog Vergleiche doch die jugendliche Glut,
Die selbstischen Besitz verzehrend hascht,
Nicht dem Gefühl des Vaters, der entzückt,
In heil'gem Anschaun stille hingegeben,
Sich an Entwicklung wunderbarer Kräfte,
Sich an der Bildung Riesenschritten freut.
Der Liebe Sehnsucht fordert Gegenwart;
Doch Zukunft ist des Vaters Eigentum.
Dort liegen seiner Hoffnung weite Felder,
Dort seiner Saaten keimender Genuß.

Secretair O Jammer! diese grenzenlose Wonne,
Dies ewig frische Glück verlorst du nun.

Herzog Verlor ich's? War es doch im Augenblick
Vor meiner Seele noch im vollen Glanz.
Ja, ich verlor's! du rufst's, Unglücklicher,
Die öde Stunde ruft mir's wieder zu.
Ja, ich verlor's! So strömt ihr Klagen denn!
Zerstöre Jammer diesen festen Bau,
Den ein zu günstig Alter noch verschont.
Verhaßt sei mir das Bleibende, verhaßt
Was mir in seiner Dauer Stolz erscheint;
Erwünscht was fließt und schwankt. Ihr Fluten schwellt,
Zerreißt die Dämme, wandelt Land in See!
Eröffne deine Schlünde, wildes Meer!
Verschlinge Schiff und Mann und Schätze! Weit
Verbreitet euch, ihr kriegerischen Reihen,
Und häuft, auf blut'gen Fluren, Tod auf Tod!
Entzünde Strahl des Himmels dich im Leeren
Und triff der kühnen Türme sichres Haupt!
Zertrümmr', entzünde sie und geißle weit,
Im Stadtgedräng, der Flamme Wut umher,
Daß ich, von allem Jammer rings umfangen,
Dem Schicksal mich ergebe, das mich traf!

Secretair Das ungeheuer Unerwartete
Bedrängt dich fürchterlich, erhabner Mann.

Herzog Wohl unerwartet kam's, nicht ungewarnt.
In meinen Armen ließ ein guter Geist
Sie von den Toten wieder auferstehn,
Und zeigte mir gelind, vorübereilend,
Ein Schreckliches, nun ewig Bleibendes.
Da sollt' ich strafen die Verwegenheit,
Dem Übermut mich, scheltend, widersetzen,
Verbieten jene Raserei, die sich
Unsterblich, unverwundbar wähnend, blind,
Wetteifernd mit dem Vogel, sich durch Wald
Und Fluß und Sträuche von dem Felsen stürzt.

Secretair Was oft und glücklich unsre Besten tun,
Wie sollt' es dir des Unglücks Ahnung bringen?

Herzog Die Ahnung dieser Leiden fühlt' ich wohl,
Als ich zum letztenmal – zum letztenmal!
Du sprichst es aus das fürchterliche Wort,
Das deinen Weg mit Finsternis umzieht.
O hätt' ich sie nur einmal noch gesehn!
Vielleicht war dieses Unglück abzuleiten.
Ich hätte flehentlich gebeten; sie, als Vater,
Zum treulichsten ermahnt, sich mir zu schonen,
Und von der Wut tollkühner Reiterei,
Um unsres Glückes willen, abzustehn.
Ach, diese Stunde war mir nicht gegönnt.
Und nun vermiss' ich mein geliebtes Kind!
Sie ist dahin! Verwegner ward sie nur
Durch jenen Sturz, dem sie so leicht entrann.
Und Niemand sie zu warnen, sie zu leiten!
Entwachsen war sie dieser Frauenzucht.
In welchen Händen ließ ich solchen Schatz?
Verzärtelnden, nachgieb'gen Weiberhänden.
Kein festes Wort! den Willen meines Kinds
Zu mäßiger Vernünftigkeit zu lenken!
Zur unbedingten Freiheit ließ man ihr,
Zu jedem kühnen Wagnis offnes Feld.
Ich fühlt' es oft und sagt' es mir nicht klar:
Bei diesem Weibe war sie schlecht verwahrt.

Secretair O! tadle nicht die Unglückselige!
Vom tiefsten Schmerz begleitet irrt sie nun
Wer weiß in welchem Lande trostlos hin.
Sie ist entflohn. Denn wer vermöchte dir
Ins Angesicht zu sehen, der auch nur
Den fernsten Vorwurf zu befürchten hätte.

Herzog O! laß mich ungerecht auf andre zürnen,
Daß ich mich nicht verzweiflend selbst zerreiße.
Wohl trag' ich selbst die Schuld und trag' sie schwer.
Denn rief ich nicht, mit törigem Beginnen,
Gefahr und Tod auf dieses teure Haupt?
Sie überall zu sehn als Meisterin
Das war mein Stolz! Zu teuer büß' ich ihn.
Zu Pferde sollte sie, im Wagen sie,
Die Rosse bändigend, als Heldin glänzen.
Ins Wasser tauchend, schwimmend schien sie mir
Den Elementen göttlich zu gebieten.
So, hieß es, kann sie jeglicher Gefahr
Dereinst entgehen. Statt sie zu bewahren,
Gibt Übung zur Gefahr den Tod ihr nun.

Secretair Des edlen Pflichtgefühles Übung gibt,
Ach! unsrer Unvergeßlichen den Tod.

Herzog Erkläre dich!

Secretair                 Und weck' ich diesen Schmerz
Durch Schildrung kindlich edlen Unternehmens!
Ihr alter, erster, hochgeliebter Freund
Und Lehrer wohnt, von dieser Stadt entfernt,
Verschränkt in Trübsinn, Krankheit, Menschenhaß.
Nur sie allein vermocht' ihn zu erheitern;
Als Leidenschaft empfand sie diese Pflicht;
Nur allzuoft verlangte sie hinüber,
Und oft versagte man's. Nun hatte sie's
Planmäßig angelegt, sie nutzte kühn
Des Morgenrittes abgemess'ne Stunden,
Mit ungeheurer Schnelligkeit, zum Zweck
Den alten, vielgeliebten Mann zu sehn.
Ein einz'ger Reitknecht nur war im Geheimnis,
Er unterlegt' ihr jedesmal das Pferd,
Wie wir vermuten; denn auch er ist fort.
Der arme Mensch und jene Frau verloren,
Aus Furcht vor dir, sich in die weite Welt.

Herzog Die Glücklichen! die noch zu fürchten haben;
Bei denen sich der Schmerz, um ihres Herrn
Verlornes Heil, in leicht verwundene,
In leicht gehobne Bangigkeit verwandelt.
Ich habe nichts zu fürchten! nichts zu hoffen!
Drum laß mich alles wissen; zeige mir
Den kleinsten Umstand an, ich bin gefaßt.

 

Dritter Auftritt

Herzog. Secretair. Weltgeistlicher.

Secretair Auf diesen Augenblick, verehrter Fürst,
Hab' ich hier einen Mann zurückgehalten,
Der, auch gebeugt, vor deinem Blick erscheint.
Es ist der Geistliche, der, aus der Hand
Des Todes, deine Tochter aufgenommen,
Und sie, da keiner Hülfe Trost sich zeigte,
Mit liebevoller Sorgfalt beigesetzt.

 

Vierter Auftritt

Herzog. Weltgeistlicher.

Weltgeistlicher Den Wunsch vor deinem Antlitz zu erscheinen,
Erhabner Fürst, wie lebhaft hegt' ich ihn!
Nun wird er mir gewährt, im Augenblick,
Der dich und mich in tiefen Jammer senkt.

Herzog Auch so willkommen, unwillkommner Bote!
Du hast sie noch gesehn, den letzten Blick,
Den sehnsuchtsvollen, dir ins Herz gefaßt,
Das letzte Wort bedächtig aufgenommen,
Dem letzten Seufzer Mitgefühl erwidert.
O sage: sprach sie noch? Was sprach sie aus?
Gedachte sie des Vaters? Bringst du mir,
Von ihrem Mund, ein herzlich Lebewohl?

Weltgeistlicher Willkommen scheint ein unwillkommner Bote,
So lang er schweigt und noch der Hoffnung Raum,
Der Täuschung Raum in unserm Herzen gibt.
Der ausgesprochne Jammer ist verhaßt.

Herzog Was zauderst du? Was kann ich mehr erfahren?
Sie ist dahin! Und diesen Augenblick
Ist über ihrem Sarge Ruh und Stille.
Was sie auch litt, es ist für sie vorbei,
Für mich beginnt es; aber rede nur!

Weltgeistlicher Ein allgemeines Übel ist der Tod.
So denke dir das Schicksal deiner Toten,
Und finster wie des Grabes Nacht verstumme
Der Übergang, der sie hinabgeführt.
Nicht jeden leitet ein gelinder Gang,
Unmerklich, in das stille Reich der Schatten.
Gewaltsam schmerzlich reißt Zerstörung oft
Durch Höllenqualen in die Ruhe hin.

Herzog So hat sie viel gelitten?

Weltgeistlicher                       Viel, nicht lange.

Herzog Es war ein Augenblick, in dem sie litt,
Ein Augenblick, wo sie um Hülfe rief.
Und ich? Wo war ich da? Welch ein Geschäft,
Welch ein Vergnügen hatte mich gefesselt?
Verkündigte mir nichts das Schreckliche,
Das mir das Leben von einander riß?
Ich hörte nicht den Schrei, ich fühlte nicht
Den Unfall, der mich ohne Rettung traf.
Der Ahnung heil'ges, fernes Mitgefühl
Ist nur ein Märchen. Sinnlich und verstockt,
Ins Gegenwärtige verschlossen, fühlt
Der Mensch das nächste Wohl, das nächste Weh,
Und Liebe selbst ist in der Ferne taub.

Weltgeistlicher So viel auch Worte gelten, fühl' ich doch
Wie wenig sie zum Troste wirken können.

Herzog Das Wort verwundet leichter als es heilt.
Und ewig wiederholend strebt vergebens
Verlornes Glück der Kummer herzustellen.
So war denn keine Hülfe, keine Kunst
Vermögend sie ins Leben aufzurufen?
Was hast du, sage mir, begonnen? Was
Zu ihrem Heil versucht? Du hast gewiß
Nichts unbedacht gelassen.

Weltgeistlicher                         Leider war
Nichts zu bedenken mehr, als ich sie fand.

Herzog Und soll ich ihres Lebens holde Kraft
Auf ewig missen! Laß mich meinen Schmerz
Durch meinen Schmerz betrügen, diese Reste
Verewigen. O! komm, wo liegen sie?

Weltgeistlicher In würdiger Kapelle steht ihr Sarg
Allein verwahrt. Ich sehe, vom Altar,
Durchs Gitter, jedesmal die Stätte, will
Für sie, so lang ich lebe, betend flehen.

Herzog O komm und führe mich dahin! Begleiten
Soll uns der Ärzte vielerfahrenster.
Laß uns den schönen Körper der Verwesung
Entreißen. Laß mit edlen Spezereien
Das unschätzbare Bild zusammen halten!
Ja! die Atomen alle, die sich einst
Zur köstlichen Gestalt versammelten,
Sie sollen nicht ins Element zurück.

Weltgeistlicher Was darf ich sagen? Muß ich dir bekennen!
Du kannst nicht hin! Ach das zerstörte Bild!
Kein Fremder säh' es ohne Jammer an!
Und vor die Augen eines Vaters – Nein,
Verhüt' es Gott! du darfst sie nicht erblicken.

Herzog Welch neuer Qualenkrampf bedrohet mich!

Weltgeistlicher O! laß mich schweigen, daß nicht meine Worte
Auch die Erinnrung der Verlornen schänden.
Laß mich verhehlen, wie sie durchs Gebüsch,
Durch Felsen hergeschleift, entstellt und blutig,
Zerrissen und zerschmettert und zerbrochen,
Unkenntlich, mir im Arm, zur Erde hing.
Da segnet' ich, von Tränen überfließend,
Der Stunde Heil, in der ich, feierlich,
Dem holden Vaternamen einst entsagt.

Herzog Du bist nicht Vater! Bist der selbstischen
Verstockten, der Verkehrten einer, die
Ihr abgeschloss'nes Wesen unfruchtbar
Verzweifeln läßt. Entferne dich! Verhaßt
Erscheinet mir dein Anblick.

Weltgeistlicher                           Fühlt' ich's doch!
Wer kann dem Boten solcher Not verzeihn?
    Will sich entfernen.

Herzog Vergib und bleib. Ein schön entworfnes Bild,
Das, wunderbar, dich selbst zum zweitenmal,
Vor deinen Augen zu erschaffen strebt,
Hast du entzückt es jemals angestaunt?
O hättest du's! du hättest diese Form,
Die sich zu meinem Glück, zur Lust der Welt,
In tausendfalt'gen Zügen, auferbaut,
Mir grausam nicht zerstümmelt, mir die Wonne
Der traurigen Erinnrung nicht verkümmert!

Weltgeistlicher Was sollt' ich tun? dich zu dem Sarge führen,
Den tausend fremde Tränen schon benetzt,
Als ich das morsche, schlotternde Gebein
Zu ruhiger Verwesung eingeweiht?

Herzog Schweig, Unempfindlicher! du mehrest nur
Den herben Schmerz, den du zu lindern denkst.
O! Wehe! daß die Elemente nun,
Von keinem Geist der Ordnung mehr beherrscht,
Im leisen Kampf das Götterbild zerstören.
Wenn über werdend Wachsendem vorher
Der Vatersinn mit Wonne brütend schwebte;
So stockt, so kehrt in Moder, nach und nach,
Vor der Verzweiflung Blick, die Lust des Lebens.

Weltgeistlicher Was Luft und Licht Zerstörliches erbaut,
Bewahret lange das verschloss'ne Grab.

Herzog O weiser Brauch der Alten, das Vollkommne,
Das ernst und langsam die Natur geknüpft,
Des Menschenbilds erhabne Würde, gleich
Wenn sich der Geist, der wirkende, getrennt,
Durch reiner Flammen Tätigkeit zu lösen.
Und wenn die Glut mit tausend Gipfeln sich
Zum Himmel hob, und zwischen Dampf und Wolken,
Des Adlers Fittig, deutend, sich bewegte;
Da trocknete die Träne, freier Blick
Der Hinterlass'nen stieg dem neuen Gott
In des Olymps verklärte Räume nach.
O sammle mir, in köstliches Gefäß,
Der Asche, der Gebeine trüben Rest,
Daß die vergebens ausgestreckten Arme
Nur etwas fassen, daß ich dieser Brust,
Die sehnsuchtsvoll sich in das Leere drängt,
Den schmerzlichsten Besitz entgegendrücke.

Weltgeistlicher Die Trauer wird durch Trauren immer herber.

Herzog Durch Trauren wird die Trauer zum Genuß.
O daß ich doch geschwundner Asche Rest,
Im kleinen Hause, wandernd, immer weiter,
Bis zu dem Ort, wo ich zuletzt sie sah,
Als Büßender, mit kurzen Schritten trüge!
Dort lag sie tot in meinen Armen, dort
Sah ich, getäuscht, sie in das Leben kehren.
Ich glaubte sie zu fassen, sie zu halten,
Und nun ist sie auf ewig mir entrückt.
Dort aber will ich meinen Schmerz verew'gen.
Ein Denkmal der Genesung hab' ich dort,
In meines Traums Entzückungen, gelobt –
Schon führet klug des Gartenmeisters Hand
Durch Busch und Fels bescheidne Wege her,
Schon wird der Platz gerundet, wo mein König,
Als Oheim, sie an seine Brust geschlossen,
Und Ebenmaß und Ordnung will den Raum
Verherrlichen, der mich so hoch beglückt.
Doch jede Hand soll feiern! Halb vollbracht,
Soll dieser Plan, wie mein Geschick erstarren!
Das Denkmal nur, ein Denkmal will ich stiften,
Von rauhen Steinen ordnungslos getürmt,
Dort hin zu wallen, stille zu verweilen,
Bis ich vom Leben endlich selbst genese.
O laßt mich dort, versteint, am Steine ruhn!
Bis aller Sorgfalt lichtgezogne Spur
Aus dieser Wüste Trauersitz verschwindet.
Mag sich umher der freie Platz berasen!
Mag sich der Zweig dem Zweige wild verflechten,
Der Birke hangend Haar den Boden schlagen,
Der junge Busch zum Baume sich erheben,
Mit Moos der glatte Stamm sich überziehn;
Ich fühle keine Zeit; denn sie ist hin,
An deren Wachstum ich die Jahre maß.

Weltgeistlicher Den vielbewegten Reiz der Welt zu meiden,
Das Einerlei der Einsamkeit zu wählen,
Wird sich's der Mann erlauben, der sich oft
Wohltätiger Zerstreuung übergab,
Wenn Unerträgliches, mit Felsenlast
Herbei sich wälzend, ihn bedrohend schlich?
Hinaus! mit Flügelschnelle durch das Land,
Durch fremde Reiche, daß vor deinem Sinn
Der Erde Bilder heilend sich bewegen.

Herzog Was hab' ich in der Welt zu suchen, wenn
Ich sie nicht wiederfinde, die allein
Ein Gegenstand für meine Blicke war.
Soll Fluß und Hügel, Tal und Wald und Fels
Vorüber meinen Augen gehn, und nur
Mir das Bedürfnis wecken, jenes Bild,
Das einzige geliebte, zu erhaschen?
Vom hohen Berg hinab, ins weite Meer,
Was soll für mich ein Reichtum der Natur,
Der an Verlust und Armut mich erinnert.

Weltgeistlicher Und neue Güter eignest du dir an!

Herzog Nur durch der Jugend frisches Auge mag
Das längst bekannte neubelebt uns rühren,
Wenn das Erstaunen, das wir längst verschmäht,
Von Kindes Munde hold uns wiederklingt.
So hofft' ich ihr des Reichs bebaute Flächen,
Der Wälder Tiefen, der Gewässer Flut
Bis an das offne Meer zu zeigen, dort
Mich ihres trunknen Blicks ins Unbegrenzte,
Mit unbegrenzter Liebe zu erfreun.

Weltgeistlicher Wenn du, erhabner Fürst, des großen Lebens
Beglückte Tage der Beschauung nicht
Zu widmen trachtetest, wenn Tätigkeit
Fürs Wohl Unzähliger, am Throne dir,
Zum Vorzug der Geburt, den herrlichem
Des allgemeinen, edlen Wirkens gab;
So ruf ich dich, im Namen Aller, auf:
Ermanne dich! und laß die trüben Stunden,
Die deinen Horizont umziehn, für Andre,
Durch Trost und Rat und Hülfe, laß für dich
Auch diese Stunden so zum Feste werden.

Herzog Wie schal und abgeschmackt ist solch ein Leben,
Wenn alles Regen, alles Treiben stets
Zu neuem Regen, neuem Treiben führt
Und kein geliebter Zweck euch endlich lohnt.
Den sah ich nur in ihr, und so besaß
Und so erwarb ich mit Vergnügen, ihr
Ein kleines Reich anmut'gen Glücks zu schaffen.
So war ich heiter, aller Menschen Freund,
Behülflich, wach, zu Rat und Tat bequem.
Den Vater lieben sie! so sagt' ich mir,
Dem Vater danken sie's, und werden auch
Die Tochter einst als werte Freundin grüßen.

Weltgeistlicher Zu süßen Sorgen bleibt nun keine Zeit!
Ganz andre fordern dich, erhabner Mann!
Darf ich's erwähnen? ich der unterste
Von deinen Dienern? Jeder ernste Blick,
In diesen trüben Tagen, ist auf dich,
Auf deinen Wert, auf deine Kraft gerichtet.

Herzog Der Glückliche nur fühlt sich Wert und Kraft.

Weltgeistlicher So tiefer Schmerzen heiße Qual verbürgt
Dem Augenblick unendlichen Gehalt,
Mir aber auch Verzeihung, wenn sich, kühn,
Vertraulichkeit von meinen Lippen wagt,
Wie heftig wilde Gärung unten kocht,
Wie Schwäche kaum sich oben schwankend hält;
Nicht Jedem wird es klar, dir aber ist's
Mehr als der Menge, der ich angehöre.
O zaudre nicht, im nahen Sturmgewitter,
Das falsch gelenkte Steuer zu ergreifen!
Zum Wohle deines Vaterlands verbanne
Den eignen Schmerz; sonst werden tausend Väter,
Wie du, um ihre Kinder weinen, tausend
Und aber tausend Kinder ihre Väter
Vermissen, Angstgeschrei der Mütter, gräßlich,
An hohler Kerkerwand verklingend hallen.
O bringe deinen Jammer, deinen Kummer,
Auf dem Altar des allgemeinen Wohls,
Zum Opfer dar, und Alle, die du rettest,
Gewinnst du dir, als Kinder, zum Ersatz.

Herzog Aus grauenvollen Winkeln führe nicht
Mir der Gespenster dichte Schar heran,
Die meiner Tochter liebliche Gewalt
Mir zaubrisch oft und leicht hinweggebannt.
Sie ist dahin, die schmeichlerische Kraft,
Die meinen Geist in holde Träume sang.
Nun drängt das Wirkliche, mit dichten Massen,
An mich heran, und droht mich zu erdrücken.
Hinaus, hinaus! Von dieser Welt hinweg!
Und lügt mir nicht das Kleid, in dem du wandelst;
So führe mich zur Wohnung der Geduld,
Ins Kloster führe mich und laß mich dort,
Im allgemeinen Schweigen, stumm, gebeugt,
Ein müdes Leben in die Grube senken.

Weltgeistlicher Mir ziemt es kaum dich an die Welt zu weisen;
Doch andre Worte sprech' ich kühner aus.
Nicht in das Grab, nicht übers Grab verschwendet
Ein edler Mann der Sehnsucht hohen Wert.
Er kehrt in sich zurück und findet staunend,
In seinem Busen, das Verlorne wieder.

Herzog Daß ein Besitz so fest sich hier erhält,
Wenn das Verlorne fern und ferner flieht,
Das ist die Qual, die das geschiedene,
Für ewig losgeriss'ne Glied aufs Neue
Dem schmerzergriffnen Körper fügen will.
Getrenntes Leben, wer vereinigt's wieder?
Vernichtetes, wer stellt es her?

Weltgeistlicher                             Der Geist!
Des Menschen Geist, dem nichts verloren geht,
Was er, von Wert, mit Sicherheit besessen.
So lebt Eugenie vor dir, sie lebt
In deinem Sinne, den sie sonst erhub,
Dem sie das Anschaun herrlicher Natur
Lebendig aufgeregt, so wirkt sie noch,
Als hohes Vorbild, schützet vor Gemeinem,
Vor Schlechtem dich, wie's jede Stunde bringt,
Und ihrer Würde wahrer Glanz verscheuchet
Den eitlen Schein, der dich bestechen will.
So fühle dich durch ihre Kraft beseelt!
Und gib ihr so ein unzerstörlich Leben,
Das keine Macht entreißen kann, zurück.

Herzog Laß eines dumpfen, dunklen Traumgeflechtes
Verworrne Todesnetze mich zerreißen!
Und bleibe mir, du vielgeliebtes Bild,
Vollkommen, ewig jung und ewig gleich!
Laß deiner klaren Augen reines Licht
Mich immerfort umglänzen! Schwebe vor,
Wohin ich wandle, zeige mir den Weg
Durch dieser Erde Dornenlabyrinth!
Du bist kein Traumbild, wie ich dich erblicke;
Du warst, du bist. Die Gottheit hatte dich
Vollendet einst gedacht und dargestellt.
So bist du teilhaft des Unendlichen,
Des Ewigen, und bist auf ewig mein.

 

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