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Gutenberg > Johann Wolfgang von Goethe >

Die natürliche Tochter

Johann Wolfgang von Goethe: Die natürliche Tochter - Kapitel 4
Quellenangabe
type
authorJohann Wolfgang von Goethe
titleDie natürliche Tochter
publisherbtb
seriesSämtliche Werke
volume6.1
printrun1. Auflage
year2006
correctorreuters@abc.de
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Zweiter Aufzug

Zimmer Eugeniens, im gotischen Stil.

 

Erster Auftritt

Hofmeisterin. Secretair.

Secretair Verdien' ich, daß du mich, im Augenblick,
Da ich erwünschte Nachricht bringe, fliehst?
Vernimm nur erst, was ich zu sagen habe!

Hofmeisterin Wohin es deutet, fühl' ich nur zu sehr.
O laß mein Auge vom bekannten Blick,
Mein Ohr sich von bekannter Stimme wenden.
Entfliehen laß mich der Gewalt, die sonst
Durch Lieb' und Freundschaft wirksam, fürchterlich,
Wie ein Gespenst, mir nun zur Seite steht.

Secretair Wenn ich des Glückes Füllhorn dir auf einmal,
Nach langem Hoffen, vor die Füße schütte,
Wenn sich die Morgenröte jenes Tags,
Der unsern Bund auf ewig gründen soll,
Am Horizonte feierlich erhebt;
So scheinst du nun, verlegen, widerwillig
Den Antrag eines Bräutigams zu fliehn.

Hofmeisterin Du zeigst mir nur die eine Seite dar,
Sie glänzt und leuchtet, wie im Sonnenschein
Die Welt erfreulich daliegt; aber hinten
Droht schwarzer Nächte Graus, ich ahn' ihn schon.

Secretair So laß uns erst die schöne Seite sehn!
Verlangst du Wohnung, mitten in der Stadt?
Geräumig, heiter, trefflich ausgestattet,
Wie man's für sich, so wie für Gäste wünscht;
Sie ist bereit, der nächste Winter findet
Uns festlich dort umgeben, wenn du willst.
Sehnst du im Frühling dich aufs Land, auch dort
Ist uns ein Haus, ein Garten uns bestimmt,
Ein reiches Feld. Und was Erfreuliches
An Waldung, Busch, an Wiesen, Bach und Seen,
Sich Phantasie zusammen drängen mag,
Genießen wir, zum Teil, als unser eignes,
Zum Teil, als allgemeines Gut. Wobei
Noch manche Rente, gar bequem, vergönnt
Durch Sparsamkeit ein sichres Glück zu steigern.

Hofmeisterin In trübe Wolken hüllt sich jenes Bild,
So heiter du es malst, vor meinen Augen.
Nicht wünschenswert, abscheulich naht sich mir
Der Gott der Welt im Überfluß heran.
Was für ein Opfer fordert er? Das Glück
Des holden Zöglings müßt' ich morden helfen!
Und was ein solch Verbrechen mir erwarb,
Ich sollt' es je, mit freier Brust, genießen?
Eugenie! du, deren holdes Wesen
In meiner Nähe sich, von Jugend auf,
Aus reicher Fülle rein entwickeln sollte,
Kann ich noch unterscheiden, was an dir
Dein eigen ist und was du mir verdankst?
Die, die ich als mein selbst gebildet Werk
Im Herzen trage, sollt' ich nun zerstören?
Von welchem Stoffe seid ihr denn geformt,
Ihr Grausamen, daß eine solche Tat
Ihr fordern dürft und zu belohnen glaubt?

Secretair Gar manchen Schatz bewahrt von Jugend auf
Ein edles gutes Herz und bildet ihn
Nur immer schöner, liebenswürd'ger, aus,
Zur holden Gottheit des geheimen Tempels;
Doch wenn das Mächtige, das uns regiert,
Ein großes Opfer heischt, wir bringen's doch,
Mit blutendem Gefühl, der Not zuletzt.
Zwei Welten sind es, meine Liebe, die,
Gewaltsam sich bekämpfend, uns bedrängen.

Hofmeisterin In völlig fremder Welt für mein Gefühl
Scheinst du zu wandeln, da du deinem Herrn,
Dem edlen Herzog, solche Jammertage
Verräterisch bereitest, zur Partei
Des Sohns dich fügest – Wenn das Waltende
Verbrechen zu begünst'gen scheinen mag,
So nennen wir es Zufall; doch der Mensch,
Der ganz besonnen solche Tat erwählt,
Er ist ein Rätsel. – Doch – und bin ich nicht
Mir auch ein Rätsel? daß ich noch an dir,
Mit solcher Neigung, hänge, da du mich
Zum jähen Abgrund hinzureißen strebst.
Warum o! schuf dich die Natur, von außen,
Gefällig, liebenswert, unwiderstehlich,
Wenn sie ein kaltes Herz in deinen Busen,
Ein glückzerstörendes, zu pflanzen dachte!

Secretair An meiner Neigung Wärme zweifelst du?

Hofmeisterin Ich würde mich vernichten, wenn ich's könnte.
Doch ach! warum, und mit verhaßtem Plan,
Aufs Neue mich bestürmen? Schwurst du nicht,
In ew'ge Nacht das Schrecknis zu begraben?

Secretair Ach leider drängt sich's mächtiger hervor.
Den jungen Fürsten zwingt man zum Entschluß.
Erst blieb Eugenie, so manches Jahr,
Ein unbedeutend, unbekanntes Kind.
Du hast sie selbst, von ihren ersten Tagen,
In diesen alten Sälen, auferzogen,
Von wenigen besucht und heimlich nur.
Doch wie verheimlichte sich Vaterliebe!
Der Herzog, stolz auf seiner Tochter Wert,
Läßt nach und nach sie öffentlich erscheinen;
Sie zeigt sich reitend, fahrend. Jeder fragt
Und jeder weiß zuletzt woher sie sei.
Nun ist die Mutter tot. Der stolzen Frau
War dieses Kind ein Greuel, das ihr nur
Der Neigung Schwäche vorzuwerfen schien.
Nie hat sie's anerkannt und kaum gesehn.
Durch ihren Tod fühlt sich der Herzog frei,
Entwirft geheime Plane, nähert sich
Dem Hofe wieder und entsagt zuletzt
Dem alten Groll, versöhnt sich mit dem König
Und macht sich's zur Bedingung: dieses Kind
Als Fürstin seines Stamms erklärt zu sehn.

Hofmeisterin Und gönnt ihr dieser köstlichen Natur
Vom Fürstenblute nicht das Glück des Rechts?

Secretair Geliebte, Teure! Sprichst du doch so leicht,
Durch diese Mauern von der Welt geschieden,
In klösterlichem Sinne von dem Wert
Der Erdengüter. Blicke nur hinaus;
Dort wägt man besser solchen edlen Schatz.
Der Vater neidet ihn dem Sohn, der Sohn
Berechnet seines Vaters Jahre, Brüder
Entzweit ein ungewisses Recht, auf Tod
Und Leben. Selbst der Geistliche vergißt
Wohin er streben soll und strebt nach Gold.
Verdachte man's dem Prinzen, der sich stets
Als einz'gen Sohn gefühlt, wenn er sich nun
Die Schwester nicht gefallen lassen will,
Die, eingedrungen, ihm das Erbteil schmälert?
Man stelle sich an seinen Platz und richte.

Hofmeisterin Und ist er nicht schon jetzt ein reicher Fürst?
Und wird er's nicht durch seines Vaters Tod
Zum Übermaß? Wie wär' ein Teil der Güter
So köstlich angelegt, wenn er dafür
Die holde Schwester zu gewinnen wüßte?

Secretair Willkürlich handeln ist des Reichen Glück!
Er widerspricht der Fordrung der Natur,
Der Stimme des Gesetzes, der Vernunft,
Und spendet an den Zufall seine Gaben.
Genug besitzen hieße darben. Alles
Bedürfte man! Unendlicher Verschwendung
Sind ungemess'ne Güter wünschenswert.
Hier denke nicht zu raten, nicht zu mildern;
Kannst du mit uns nicht wirken, gib uns auf.

Hofmeisterin Und was denn wirken? Lange droht ihr schon
Von fern dem Glück des liebenswürd'gen Kindes.
Was habt ihr denn in eurem furchtbar'n Rat
Beschlossen über sie? Verlangt ihr etwa,
Daß ich mich blind zu eurer Tat geselle?

Secretair Mit nichten! Hören kannst und sollst du gleich,
Was zu beginnen, was von dir zu fordern,
Wir selbst genötigt sind. Eugenien
Sollst du entführen! Sie muß dergestalt
Auf einmal aus der Welt verschwinden, daß
Wir sie getrost als tot beweinen können;
Verborgen muß ihr künftiges Geschick,
Wie das Geschick der Toten, ewig bleiben.

Hofmeisterin Lebendig weiht ihr sie dem Grabe, mich
Bestimmt ihr, tückisch, zur Begleiterin.
Mich stoßt ihr mit hinab. Ich soll mit ihr,
Mit der Verratnen, der Verräterin,
Der Toten Schicksal, vor dem Tode, teilen.

Secretair Du führst sie hin und kehrest gleich zurück.

Hofmeisterin Soll sie im Kloster ihre Tage schließen?

Secretair Im Kloster nicht; wir mögen solch ein Pfand
Der Geistlichkeit nicht anvertrauen, die
Es leicht als Werkzeug gegen uns gebrauchte.

Hofmeisterin So soll sie nach den Inseln? Sprich es aus.

Secretair Du wirst's vernehmen! Jetzt beruh'ge dich.

Hofmeisterin Wie kann ich ruhen, bei Gefahr und Not,
Die meinen Liebling, die mich selbst bedräut?

Secretair Dein Liebling kann auch drüben glücklich sein,
Und dich erwarten hier Genuß und Wonne.

Hofmeisterin O, schmeichelt euch mit solcher Hoffnung nicht.
Was hilft's, in mich zu stürmen? zum Verbrechen
Mich anzulocken, mich zu drängen? Sie,
Das hohe Kind, wird euren Plan vereiteln.
Gedenkt nur nicht sie als geduld'ges Opfer
Gefahrlos wegzuschleppen. Dieser Geist,
Der mutvoll sie beseelt, ererbte Kraft,
Begleiten sie, wohin sie geht, zerreißen
Das falsche Netz, womit ihr sie umgabt.

Secretair Sie festzuhalten, das gelinge dir!
Willst du mich überreden, daß ein Kind,
Bisher im sanften Arm des Glücks gewiegt,
Im unverhofften Fall, Besonnenheit
Und Kraft, Geschick und Klugheit zeigen werde?
Gebildet ist ihr Geist doch nicht zur Tat,
Und wenn sie richtig fühlt und weise spricht,
So fehlt noch viel daß sie gemessen handle.
Des Unerfahrnen hoher, freier Mut
Verliert sich leicht in Feigheit und Verzweiflung,
Wenn sich die Not ihm gegenüber stellt.
Was wir gesonnen, führe du es aus,
Klein wird das Übel werden, groß das Glück.

Hofmeisterin So gebt mir Zeit zu prüfen und zu wählen!

Secretair Der Augenblick des Handelns drängt uns schon.
Der Herzog scheint gewiß, daß ihm der König,
Am nächsten Fest, die hohe Gunst gewähren
Und seine Tochter anerkennen wolle;
Denn Kleider und Juwelen stehn bereit,
Im prächt'gen Kasten sämtlich eingeschlossen,
Wozu er selbst die Schlüssel wohl verwahrt
Und ein Geheimnis zu verwahren glaubt;
Wir aber wissen's wohl und sind gerüstet;
Geschehen muß nun schnell das Überlegte.
Heut Abend hörst du mehr. Nun lebe wohl.

Hofmeisterin Auf düstern Wegen wirkt ihr tückisch fort;
Und wähnet euren Vorteil klar zu sehen.
Habt ihr denn jeder Ahnung euch verschlossen,
Daß über Schuld und Unschuld, lichtverbreitend,
Ein rettend, rächend Wesen göttlich schwebt?

Secretair Wer wagt ein Herrschendes zu leugnen, das
Sich vorbehält, den Ausgang unsrer Taten,
Nach seinem einz'gen Willen, zu bestimmen?
Doch wer hat sich zu seinem hohen Rat
Gesellen dürfen? Wer Gesetz und Regel,
Wornach es ordnend spricht, erkennen mögen?
Verstand empfinden wir, uns mündig selbst
Im ird'schen Element zurecht zu finden,
Und was uns nützt, ist unser höchstes Recht.

Hofmeisterin Und so verleugnet ihr das Göttlichste,
Wenn euch des Herzens Winke nichts bedeuten.
Mich ruft es auf, die schreckliche Gefahr
Vom holden Zögling kräftig abzuwenden,
Mich gegen dich und gegen Macht und List
Beherzt zu waffnen. Kein Versprechen soll,
Kein Drohn mich von der Stelle drängen. Hier,
Zu ihrem Heil gewidmet, steh' ich fest.

Secretair
O meine Gute! dies ihr Heil vermagst
Du ganz allein zu schaffen, die Gefahr
Von ihr zu wenden magst du ganz allein,
Und zwar indem du uns gehorchst. Ergreife
Sie schnell, die holde Tochter, führe sie,
So weit du kannst, hinweg, verbirg sie fern
Vor aller Menschen Anblick, denn – du schauderst
Du fühlst, was ich zu sagen habe. Sei's,
Weil du mich drängest, endlich auch gesagt:
Sie zu entfernen ist das Mildeste.
Willst du zu diesem Plan nicht tätig wirken,
Denkst du dich ihm geheim zu widersetzen,
Und wagtest du, was ich dir anvertraut,
Aus guter Absicht irgend zu verraten;
So liegt sie tot in deinen Armen! Was
Ich selbst beweinen werde, muß geschehn.

 

Zweiter Auftritt

Hofmeisterin Die kühne Drohung überrascht mich nicht!
Schon lange seh' ich dieses Feuer glimmen,
Nun schlägt es bald in lichte Flammen aus.
Um dich zu retten, muß ich, liebes Kind,
Dich deinem holden Morgentraum entreißen.
Nur Eine Hoffnung lindert meinen Schmerz;
Allein sie schwindet, wie ich sie ergreife.
Eugenie! wenn du entsagen könntest
Dem hohen Glück, das unermeßlich scheint,
An dessen Schwelle dir Gefahr und Tod,
Verbannung, als ein Milderes, begegnet.
O dürft' ich dich erleuchten! dürft' ich dir
Verborgne Winkel öffnen, wo die Schar
Verschworener Verfolger, tückisch, lauscht.
Ach schweigen soll ich! Leise kann ich nur
Dich ahnungsvoll ermahnen; wirst du wohl,
Im Taumel deiner Freude, mich verstehen!

 

Dritter Auftritt

Eugenie. Hofmeisterin.

Eugenie Sei mir gegrüßt! du Freundin meines Herzens,
An Mutter Statt geliebte, sei gegrüßt.

Hofmeisterin Mit Wonne drück' ich dich an dieses Herz,
Geliebtes Kind, und freue mich der Freude,
Die, reich aus Lebensfülle, dir entquillt.
Wie heiter glänzt dein Auge! Welch Entzücken
Umschwebet Mund und Wange! Welches Glück
Drängt aus bewegtem Busen sich hervor!

Eugenie Ein großes Unheil hatte mich ergriffen,
Vom Felsen stürzte Roß und Reiterin.

Hofmeisterin O Gott!

Eugenie                     Sei ruhig! Siehst du doch mich wieder,
Gesund und hochbeglückt, nach diesem Fall.

Hofmeisterin Und wie?

Eugenie                       Du sollst es hören, wie so schön
Aus diesem Übel sich das Glück entwickelt.

Hofmeisterin Ach aus dem Glück entwickelt oft sich Schmerz.

Eugenie Sprich böser Vorbedeutung Wort nicht aus!
Und schrecke mich der Sorge nicht entgegen.

Hofmeisterin O! möchtest du mir alles gleich vertrauen!

Eugenie Vor allen Menschen dir zuerst. Nur jetzt,
Geliebte, laß mich mir. Ich muß allein
Ins eigene Gefühl mich finden lernen.
Du weißt, wie hoch mein Vater sich erfreut,
Wenn unerwartet ihm ein klein Gedicht
Entgegen kommt, wie mir's der Muse Gunst,
Bei manchem Anlaß willig schenken mag.
Verlaß mich! Eben schwebt mir's heiter vor,
Ich muß es haschen, sonst entschwindet's mir.

Hofmeisterin Wann soll wie sonst vertrauter Stunden Reihe
Mit reichlichen Gesprächen uns erquicken?
Wann öffnen wir, zufriednen Mädchen gleich,
Die ihren Schmuck einander wiederholt
Zu zeigen kaum ermüden, unsres Herzens
Geheimste Fächer, uns bequem und herzlich,
Des wechselseit'gen Reichtums zu erfreuen?

Eugenie Auch jene Stunden werden wiederkehren,
Von deren stillem Glück man, mit Vertrauen,
Sich des Vertrau'ns erinnernd, gerne spricht.
Doch heute laß, in voller Einsamkeit,
Mich das Bedürfnis jener Tage finden.

 

Vierter Auftritt

Eugenie, nachher Hofmeisterin außen.

Eugenie (eine Brieftasche hervorziehend)
Und nun geschwind zum Pergament, zum Griffel!
Ich hab' es ganz und eilig fass' ich's auf,
Was ich dem Könige, zu jener Feier,
Bei der ich, neugeboren sein Wort,
Ins Leben trete, herzlich widmen soll.
    Sie rezitiert langsam und schreibt.

Welch Wonneleben wird hier ausgespendet!
Willst du, o Herr der obern Regionen,
Des Neulings Unvermögen nicht verschonen?
Ich sinke hin, von Majestät geblendet.

Doch bald getrost zu dir hinauf gewendet
Erfreut's mich, an dem Fuß der festen Thronen,
Ein Sprößling deines Stamms, beglückt zu wohnen,
Und all mein frühes Hoffen ist vollendet.

So fließe denn der holde Born der Gnaden!
Hier will die treue Brust so gern verweilen
Und an der Liebe Majestät sich fassen.

Mein Ganzes hängt an einem zarten Faden,
Mir ist, als müßt' ich unaufhaltsam eilen,
Das Leben, das du gabst, für dich zu lassen.

    Das Geschriebene mit Gefälligkeit betrachtend.
So hast du lange nicht, bewegtes Herz,
Dich in gemess'nen Worten ausgesprochen!
Wie glücklich! den Gefühlen unsrer Brust
Für ew'ge Zeit den Stempel aufzudrücken!
Doch ist es wohl genug? Hier quillt es fort,
Hier quillt es auf! – Du nahest, großer Tag,
Der uns den König gab und der nun mich
Dem Könige, dem Vater, mich mir selbst,
Zu ungemess'ner Wonne, geben soll.
Dies hohe Fest verherrliche mein Lied!
Beflügelt drängt sich Phantasie voraus,
Sie trägt mich vor den Thron und stellt mir vor,
Sie gibt im Kreise mir –

Hofmeisterin (außen)           Eugenie!

Eugenie Was soll das?

Hofmeisterin               Höre mich, und öffne gleich!

Eugenie Verhaßte Störung! Öffnen kann ich nicht.

Hofmeisterin Vom Vater Botschaft!

Eugenie                                         Wie? vom Vater? Gleich!
Da muß ich öffnen.

Hofmeisterin               Große Gaben scheint
Er dir zu schicken.

Eugenie                       Warte!

Hofmeisterin                         Hörst du?

Eugenie                                                 Warte!
Doch wo verberg' ich dieses Blatt? Zu klar
Spricht's jene Hoffnung aus, die mich beglückt.
Hier ist nichts zum Verschließen! Und bei mir
Ist's nirgend sicher, diese Tasche kaum;
Denn meine Leute sind nicht alle treu.
Gar manches hat man schon mir, als ich schlief,
Durchblättert und entwendet. Das Geheimnis,
Das größte, das ich je gehegt, wohin,
Wohin verberg' ich's?
    Indem sie sich der Seitenwand nähert.
                                Wohl! hier war es ja,
Wo du, geheimer Wandschrank, meiner Kindheit
Unschuldige Geheimnisse verbargst!
Du, den mir kindisch allausspähende,
Von Neugier und von Müßiggang erzeugte,
Rastlose Tätigkeit entdecken half,
Du, jedem ein Geheimnis, öffne dich!
    Sie drückt an einer unbemerkten Feder und eine kleine Türe springt auf.
So wie ich sonst verbotnes Zuckerwerk,
Zu listigem Genuß, in dir versteckte,
Vertrau' ich heute meines Lebens Glück
Entzückt und sorglich dir, auf kurze Zeit.
    Sie legt das Pergament in den Schrank und drückt ihn zu.
Die Tage schreiten vor und ahnungsvoller
Bewegen sich nun Freud' und Schmerz heran.
    Sie öffnet die Türe.

 

Fünfter Auftritt

Eugenie. Hofmeisterin. Bediente, (die einen prächtigen Putzkasten tragen).

Hofmeisterin Wenn ich dich störte, führ' ich gleich mit mir,
Was mich gewiß entschuld'gen soll, herbei.

Eugenie Von meinem Vater? dieser prächt'ge Schrein!
Auf welchen Inhalt deutet solch Gefäß?
    zu den Bedienten.
Verweilt!
    Sie reicht ihnen einen Beutel hin.
              Zum Vorschmack eures Botenlohns
Nehmt diese Kleinigkeit, das Bess're folgt.
    Bediente gehen.
Und ohne Brief und ohne Schlüssel! Steht
Mir solch ein Schatz verborgen, in der Nähe?
O Neugier! O Verlangen! Ahnest du,
Was diese Gabe mir bedeuten kann?

Hofmeisterin Ich zweifle nicht, du hast es selbst erraten.
Auf nächste Hoheit deutet sie gewiß.
Den Schmuck der Fürstentochter bringt man dir,
Weil dich der König bald berufen wird.

Eugenie Wie kannst du das vermuten?

Hofmeisterin                                     Weiß ich's doch!
Geheimnisse der Großen sind belauscht.

Eugenie Und wenn du's weißt, was soll ich dir's verbergen?
Soll ich die Neugier dies Geschenk zu sehn
Vor dir umsonst bezähmen! – Hab' ich doch
Den Schlüssel hier! – Der Vater zwar verbot's.
Doch was verbot er? Das Geheimnis nicht
Unzeitig zu entdecken; doch dir ist
Es schon entdeckt. Du kannst nicht mehr erfahren,
Als du schon weißt, und schweigst nun, mir zu Liebe.
Was zaudern wir? Komm laß uns öffnen! komm,
Daß uns der Gaben hoher Glanz entzücke.

Hofmeisterin Halt ein! Gedenke des Verbots! Wer weiß,
Warum der Herzog weislich so befohlen?

Eugenie Mit Sinn befahl er, zum bestimmten Zweck;
Der ist vereitelt; alles weißt du schon.
Du liebst mich, bist verschwiegen, zuverlässig.
Laß uns das Zimmer schließen! das Geheime
Laß uns sogleich, vertraulich, untersuchen.
    Sie schließt die Zimmertüre und eilt gegen den Schrank.

Hofmeisterin (sie abhaltend)
Der prächt'gen Stoffe Gold und Farbenglanz,
Der Perlen Milde, der Juwelen Strahl
Bleib' im Verborgnen! Ach sie reizen dich
Zu jenem Ziel unwiderstehlich auf.

Eugenie Was sie bedeuten ist das Reizende.
    Sie öffnet den Schrank, an der Türe zeigen sich Spiegel.
Welch köstliches Gewand entwickelt sich,
Indem ich's nur berühre, meinem Blick.
Und diese Spiegel! fordern sie nicht gleich
Das Mädchen und den Schmuck vereint zu schildern.

Hofmeisterin Kreusas tödliches Gewand entfaltet,
So scheint es mir, sich unter meiner Hand.

Eugenie Wie schwebt ein solcher Trübsinn dir ums Haupt?
Denk an beglückter Bräute frohes Fest.
Komm! Reiche mir die Teile, nach und nach;
Das Unterkleid! Wie reich und süß durchflimmert
Sich rein des Silbers und der Farben Blitz.

Hofmeisterin (indem sie Eugenien das Gewand umlegt)
Verbirgt sich je der Gnade Sonnenblick,
Sogleich ermattet solch ein Wiederglanz.

Eugenie Ein treues Herz verdient sich diesen Blick,
Und, wenn er weichen wollte, zieht's ihn an. –
Das Oberkleid, das goldne, schlage drüber,
Die Schleppe ziehe, weit verbreitet nach.
Auch diesem Gold ist, mit Geschmack und Wahl,
Der Blumen Schmelz, metallisch, aufgebrämt.
Und tret' ich so nicht schön umgeben auf?

Hofmeisterin Doch wird von Kennern mehr die Schönheit selbst,
In ihrer eignen Herrlichkeit, verehrt.

Eugenie Das einfach Schöne soll der Kenner schätzen;
Verziertes aber spricht der Menge zu. –
Nun leihe mir der Perlen sanftes Licht,
Auch der Juwelen leuchtende Gewalt.

Hofmeisterin Doch deinem Herzen, deinem Geist genügt
Nur eigner innrer Wert und nicht der Schein.

Eugenie Der Schein, was ist er, dem das Wesen fehlt?
Das Wesen wär' es, wenn es nicht erschiene?

Hofmeisterin Und hast du nicht in diesen Mauern selbst
Der Jugend ungetrübte Zeit verlebt?
Am Busen deiner Liebenden, entzückt,
Verborgner Wonne Seligkeit erfahren?

Eugenie Gefaltet kann die Knospe sich genügen,
So lange sie des Winters Frost umgibt;
Nun schwillt, vom Frühlingshauche, Lebenskraft,
In Blüten bricht sie auf, an Licht und Lüfte.

Hofmeisterin Aus Mäßigkeit entspringt ein reines Glück.

Eugenie Wenn du ein mäßig Ziel dir vorgesteckt.

Hofmeisterin Beschränktheit sucht sich der Genießende.

Eugenie Du überredest die Geschmückte nicht.
O! daß sich dieser Saal erweiterte,
Zum Raum des Glanzes, wo der König thront.
Daß reicher Teppich unten, oben sich
Der goldnen Decke Wölbung breitete!
Daß hier im Kreise, vor der Majestät,
Demütig stolz, die Großen, angelacht
Von dieser Sonne, herrlich leuchteten!
Ich unter diesen Ausgezeichneten,
Am schönsten Fest die Ausgezeichnete.
O laß mir dieser Wonne Vorgefühl,
Wenn aller Augen mich zum Ziel erlesen.

Hofmeisterin Zum Ziele der Bewundrung nicht allein,
Zum Ziel des Neides und des Hasses mehr.

Eugenie Der Neider steht als Folie des Glücks,
Der Hasser lehrt uns immer wehrhaft bleiben.

Hofmeisterin Demütigung beschleicht die Stolzen oft.

Eugenie Ich setz' ihr Geistesgegenwart entgegen.
    zum Schranke gewendet.
Noch haben wir nicht alles durchgesehn;
Nicht mich allein bedenk' ich diese Tage,
Für andre hoff ich manche Kostbarkeit.

Hofmeisterin (ein Kästchen hervornehmend)
Hier aufgeschrieben steht es: »Zu Geschenken.«

Eugenie So nimm, voraus, was dich vergnügen kann,
Von diesen Uhren, diesen Dosen. Wähle! –
Nein! überlege noch! Vielleicht verbirgt
Sich Wünschenswerteres im reichen Schrein.

Hofmeisterin O fände sich ein kräft'ger Talisman,
Des trüben Bruders Neigung zu gewinnen!

Eugenie Den Widerwillen tilge nach und nach
Des unbefangnen Herzens reines Wirken.

Hofmeisterin Doch die Partei, die seinen Groll bestärkt,
Auf ewig steht sie deinem Wunsch entgegen.

Eugenie Wenn sie bisher mein Glück zu hindern suchte,
Tritt nun Entscheidung unaufhaltsam ein,
Und ins Geschehne fügt sich jedermann.

Hofmeisterin Das was du hoffest noch ist's nicht geschehn.

Eugenie Doch als vollendet kann ich's wohl betrachten.
    nach dem Schrank gekehrt.
Was liegt im langen Kästchen, oben an?

Hofmeisterin (die es herausnimmt)
Die schönsten Bänder, frisch und neu gewählt –
Zerstreue nicht, durch eitles Flitterwesens
Neugierige Betrachtung, deinen Geist.
O wär' es möglich, daß du meinem Wort
Gehör verliehest, Einen Augenblick!
Aus stillem Kreise trittst du nun heraus,
In weite Räume, wo dich Sorgendrang,
Vielfach geknüpfte Netze, Tod vielleicht
Von meuchelmörderischer Hand erwartet.

Eugenie Du scheinst mir krank! wie könnte sonst mein Glück
Dir fürchterlich, als ein Gespenst erscheinen.
    In das Kästchen blickend.
Was seh' ich? Diese Rolle! Ganz gewiß
Das Ordensband der ersten Fürstentöchter!
Auch dieses werd' ich tragen! Nur geschwind!
Laß sehen, wie es kleidet? Es gehört
Zum ganzen Prunk; so sei auch das versucht!
    Das Band wird umgelegt.
Nun sprich vom Tode nur! Sprich von Gefahr!
Was zieret mehr den Mann, als wenn er sich,
Im Heldenschmuck zu seinem Könige,
Sich unter seines Gleichen stellen kann?
Was reizt das Auge mehr, als jenes Kleid,
Das kriegerische lange Reihen zeichnet?
Und dieses Kleid und seine Farben sind
Sie nicht ein Sinnbild ewiger Gefahr?
Die Scherpe deutet Krieg, womit sich stolz
Auf seine Kraft ein edler Mann umgürtet.
O meine Liebe! Was bedeutend schmückt,
Es ist durchaus gefährlich. Laß auch mir
Das Mutgefühl, was mir begegnen kann,
So prächtig ausgerüstet, zu erwarten.
Unwiderruflich, Freundin, bleibt mein Glück.

Hofmeisterin (bei Seite)
Das Schicksal, das dich trifft, unwiderruflich.

 

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