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Die Natur heilt

Georg Groddeck: Die Natur heilt - Kapitel 8
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authorGeorg Groddeck
titleDie Natur heilt
publisherFischer Taschenbuch Verlag
year1984
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Essen und Trinken

Es ist eine merkwürdige Sache mit diesem rechnenden Tier, das sich Mensch nennt. Der größte Teil seines Denkens besteht im Rubrizieren und Paragraphieren. Er bringt eine Menge Zeit lediglich damit hin, ein paar Lebenserscheinungen, wie sie sich seinem kurzsichtigen Auge bieten, abzuzählen und diese Zahlen dann in schön gezeichnete Quadrate, Dreiecke, Sechsecke und Kreise, kurz in alle möglichen mathematischen Figuren hineinzuschreiben, und wenn er das fertiggebracht hat, was nicht allzu schwer ist, glaubt er das Leben zu verstehn und der Lösung des Welträtsels nähergekommen zu sein. Er sieht nicht ein, daß diese Art der Einteilung ungefähr dem Gedankengang eines Kindes entspricht, das, weil die Männer seiner Umgebung Hosen tragen und die Frauen Röcke, die Menschen nach ihren Kleidern einteilt; zeigt man ihm Chinesen, so hält es die Kleider tragenden Männer für Frauen, die Hosen tragenden Frauen für Männer. Ach nein, das Leben ist bunt und eilt über alle Kreise und Entwicklungen hinweg, genauso gleichgültig, wie wir über die Felder hinwegschreiten, die Knaben zum Murmelspiel auf das Trottoir zeichnen.

Auf die Meinung des Kindes kommt nicht viel an, die augenblicklich herrschende Anschauung der Gelehrten über Lebensfragen dagegen hat Bedeutung. Außer bei politischen Streitfragen wird dieses Lottospiel und Zählen wohl nirgends so seltsam betrieben wie in der Medizin. Ich sehe dabei ganz davon ab, daß es manch einem Spaß macht, irgendeine Operation anzupreisen, wenn er sie zehnmal verwendet hat und unter den zehn Fällen kein Todesfall war, daß er auf Grund dieses Materials behauptet, die Gefahr des Todes sei gleich Null; das erinnert zu sehr an die berühmte Statistik des Engländers, der alle Franzosen für Rotköpfe hielt, weil der einzige, den er je sah, rote Haare hatte. Nein, ich meine wirklich große Zahlen mit acht oder neun Nullen hinter der Eins. Bei denen fängt der Ernst der Statistik erst an, allerdings auch ihre Lächerlichkeit. Jeder, der sich einmal mit medizinischer Statistik beschäftigt hat, weiß, was ich meine; ihm fallen sofort gelehrte Trugschlüsse ein, die aus der Statistik der Geburtshilfe, der Chirurgie, der Tuberkulose und so weiter gezogen worden sind. Gar nicht zu überbieten ist in solchen nutzlosen Zahlenspielen die Ernährungsstatistik. Der erste Blick in das Leben belehrt uns, daß nicht ein Mensch dasselbe Nahrungsquantum zu sich nimmt wie der andre, daß derselbe Mensch heute doppelt so viel ißt wie morgen, ja daß er zeitweise ohne jede Nahrung die schwersten Arbeiten erträgt und leistet. Diese jedem zugängliche Wahrheit hat uns aber nicht abgehalten, immer und immer wieder, jetzt ungefähr fünfzig Jahre lang, auf Grund von sorgfältigen Experimenten auszurechnen, wieviel Nährwerte der Mensch zu seiner Erhaltung braucht.

So viel erkannte man allerdings von vornherein, daß sich ein Mindestmaß der Ernährung nicht für alle Menschen aufstellen läßt. Denn das ist klar, daß ein Kind andre Nährquanten braucht als ein Erwachsner, ein Mann andre als ein Greis, ein Bettlägriger andre als ein Seemann. Man suchte also erst einmal zu bestimmen, wieviel ein nicht übermäßig arbeitender Mann braucht, und bei diesem Suchen ist man auch geblieben. Man ist nie weiter gekommen, denn die Zahlen wollten durchaus nicht untereinander und noch viel weniger mit dem Leben stimmen. Nach den ersten Zahlen, die man aufstellte und die seltsamerweise immer noch in den populären Lehrbüchern und den Kursen für Krankenpflege ihre Rolle spielen, hätte man annehmen müssen, daß unsre Armee rettungslos dem Hungertode ausgesetzt sei. Dabei ließ sich aber feststellen, daß die Leute während der Dienstzeit ganz gegen alle Vernunft durchschnittlich ein bis zwei Kilo zunahmen. Ähnlich ging es mit neuen Zahlen, und ähnlich steht es noch heute. Allerdings an die Berechnungen nach Grammen, wie sie anfangs Mode waren, glaubt kein Physiologe mehr. Man hat statt dessen die Berechnung nach Kalorien, nach Wärmeeinheiten gewählt, was wenigstens den Vorzug hat, sie ein wenig mehr dem wirklichen Leben anzunähern. Aber genützt hat die ganze Mühe nichts. Wir sind jetzt genauso klug wie zuvor, nur ist die Welt wieder auf einen Irrweg gelockt worden, von dem sie sich so bald nicht wieder herunterfinden wird. Denn das eine soll man immer bedenken: wenn die Wissenschaft schon jahrzehnte- und jahrhundertelang irgendeine ihrer Lehren verworfen hat, gilt diese Lehre immer noch im Volk. Und so werden denn die Nahrungstabellen seligen Angedenkens auch noch einige Jahrzehnte ein unverdientes Ansehn genießen.

Demgegenüber gilt es festzuhalten: es ist ganz gleichgültig, wieviel Eiweiß, wieviel Fett, wieviel Kohlehydrate der Mensch in seiner Nahrung zu sich nimmt. Um festzustellen, ob ein Mensch ausreichend oder mangelhaft ernährt wird, dazu gibt es nur ein Mittel, das ist die Aussage der Waage. Es ist nämlich auch hierbei so: nicht, was der Mensch ißt, ernährt ihn, sondern was und wieviel er davon ausnützt, verdaut, zum Aufbau des Körpers in sich aufnimmt. Darüber gibt aber keine Berechnung der Speisen Auskunft, wird und kann es nie geben. Nur durch regelmäßiges Wiegen, verbunden mit Messen der Länge und Dicke, besonders des Bauchs, kann man ungefähr eine Vorstellung von dem Wert einer Ernährung bekommen. Allerdings bloß ungefähr, und sie ist auch nur für die bestimmte Person gültig, mit der man es gerade zu tun hat. Im übrigen kann man sich auf die Gewalt des Lebens verlassen. Sollte es wirklich einmal vorkommen, daß eine Menge Menschen, nehmen wir an eine Armee, zu wenig Nahrung bekäme, so würde es keine sechs Wochen dauern, und selbst die bestdisziplinierten Soldaten würden meutern.

Wie gesagt, die Waage, die gibt den Ausschlag. Aber auch da hat der Zahlenteufel seinen Schwanz drangehängt. In jedem Biergarten steht jetzt eine Waage, auf der zu lesen ist: Wenn du soundso viel Zentimeter lang bist, mußt du soundso viel Kilo wiegen. Wenn es nicht stimmt – und es ist zehn gegen eins zu wetten, daß es nicht stimmt –, mag man sich aufhängen oder zum mindesten annehmen, daß man der Auszehrung verfallen ist. Nie und nimmer wird ein Durchschnittsgewicht für die Menschen gefunden werden, bei dem Individuum, das man gerade vor sich hat, kann man von einem Normalgewicht sprechen; das läßt sich aber nicht aus Tabellen ablesen, sondern muß durch langzeitliche Beobachtung festgestellt werden. Man soll den Menschen nicht falsche Begriffe beibringen. Daran fehlt es ihnen ohnehin nicht.

Das merkwürdigste an diesen Ernährungslehren, wie sie im Volke gang und gäbe sind, ist mir immer gewesen, daß ich wohl genaue Angaben über den Bedarf an Eiweiß, Fett, Kohlehydraten und so weiter finde, aber so gut wie nichts über das wichtigste Nahrungsmittel, das Wasser. Ja, irre ich mich denn, oder besteht der Mensch wirklich zu ungefähr drei Vierteln aus Wasser? Ungefähr, genau weiß ich es nicht; genau weiß es niemand. Die Leute, die es wissen sollten, geben den Betrag bald mit 60, bald mit 87 Prozent an. Aber jedenfalls ist es eine seltsame Sache, daß man eine Substanz, die über die Hälfte des Körpers ausmacht, in den Abhandlungen über die Ernährung entweder ganz fortläßt oder mit ein paar aus alten Zeiten überlieferten und schon längst als unrichtig nachgewiesnen Sätzen abmacht, während man den Proteinen, Nukleinen, Glykosen, Dextrosen Hunderte von Seiten widmet. Das heißt doch wahrlich, den Wald vor Bäumen nicht sehn.

Aber wenn der Körper auch zur Hälfte aus Wasser besteht, so wechselt dieser Bestand vielleicht nicht? Nein, das kann der Grund für diese Hintansetzung des Wassers nicht sein. Denn jedes Kind weiß, daß täglich große Mengen Wasser von den Nieren, der Haut, den Schleimhäuten, den Lungen ausgeschieden werden, und wer es nicht weiß – es gibt ja Menschen, die alles wissen, aber doch nichts wissen –, den erinnert der Durst daran. Oder vielleicht hat es keine Bedeutung für den Körper, wenn er kein Wasser erhält? Auch das kann der Grund nicht sein, denn der Mensch kann wohl ohne Schaden vierzig Tage und länger sämtliche Nahrungsmittel entbehren, aber das Wasser kaum vierundzwanzig Stunden, und nach drei Tagen ist er in Lebensgefahr. – Ja, aber unzweckmäßige Zufuhr von Eiweiß, Zucker, Fetten, Salzen können Krankheiten verursachen. Gewiß, nur ist es beim Wasser nicht anders. Ich sehe dabei von den Krankheitskeimen ab, die im Wasser dem Menschen zugeführt werden. Die werden ja gewöhnlich gründlich besprochen; nein, die unzweckmäßige Ernährung mit reinem purem Wasser ist in weit höherem Maße schuld an den Erkrankungen der Menschen als irgendein andrer Nahrungsstoff. Das Verhältnis ist etwa so, daß auf tausend Erkrankungen durch die Wasserernährung eine durch Eiweiß oder Fett oder Zucker kommt; ja man kann ruhig sagen, daß die fehlerhafte Wasserzufuhr die schwerste Schädigung des Körpers ist, die es überhaupt gibt.

Ich kann mir die stiefmütterliche Behandlung dieser kostbarsten Flüssigkeit nicht anders erklären als damit, daß Wasser in den Augen der Menschen etwas zu Gemeines ist, um auch nur einen Augenblick der wunderbaren Gedankentätigkeit darauf zu verschwenden. Der Kettenhund, von dem das Wohl und Wehe des ganzen Hauses abhängt, pflegt es ja auch schlechter zu haben als das Schoßhündchen.

Ich will nicht ungerecht sein, in der Krankenbehandlung spielen Trink- und Durstkuren eine große Rolle. Aber das Bewußtsein, daß es sich dabei um die Verwendung eines Nahrungsmittels handelt, fehlt oft. Infolgedessen fügt es sich leicht, daß es bloß bei Kurverordnungen bleibt, das heißt, daß für vier oder sechs Wochen Regeln gegeben werden, die dann nach Abschluß der Kur beiseite gelegt werden. Das ist aber für einen Stoff, der die Grundlage des Organismus ist, allzu bescheiden. Wenn man nun gar darauf achtet, wie solch eine Wasserkur der Regel nach gehandhabt wird, so möchte man wohl die Geduld verlieren. Oft liegt der Gedanke vor, den Körper auszuspülen, ihn von allen Gift- und Schlackenstoffen, wie sie sich durch unvollkommne Verbrennungsprozesse im Körper anhäufen, etwa von Harnsäure reinzuwaschen. Wer sich auch nur oberflächlich mit den verwickelten Kreislaufverhältnissen der Körperflüssigkeit beschäftigt hat, weiß von vornherein, daß ein solches Ausspülen recht schwierig ist, daß es auch gewiß nie möglich ist, durch reichliches Durchspülen von Wasser etwa Nierensteine oder auch nur Gichtablagerungen aufzulösen, wie sich das der Laie denkt. Man braucht nur einmal einen Nierenstein in Wasser zu legen, dann weiß man, was von solchen Hoffnungen zu halten ist. Der Stein würde unverändert bleiben, und wenn man die ganzen Quellen von Vichy, Wildungen, Karlsbad zusammen leertrinken wollte.

Aber gesetzt den Fall, es ließe sich durch reichliche Flüssigkeitszufuhr wirklich der Körper auswaschen wie ein schmutziger Gummischlauch, so läßt es sich doch gewiß nicht auf die Weise tun, wie es gebräuchlich ist. Solch ein Kranker, der innerlich durchgespült werden soll, pflegt morgens zwei bis drei große Gläser irgendeines Mineralwassers in kurzen Pausen zu trinken, vielleicht wiederholt er auch im Lauf des Nachmittags diese Prozedur. Ja, so kann man im Leben keinen schmutzigen Schlauch reinigen, daß man einen Liter Wasser durchgießt, dann weggeht und nach sechs Stunden, wenn der Dreck längst wieder eingetrocknet ist, noch einmal einen Liter durchschüttet. Auf die Weise kann man bequem ein halbes Jahrhundert und länger mit dem Ausspülen des Schlauchs zubringen. Ein solches Verfahren hat nur Sinn, wenn der Schlauch verstopft ist, dann kann man versuchen, durch den Wasserdruck den Propfen herauszupressen; das würde etwa dem gewiß seltnen Vorkommnis entsprechen, daß ein Stein den Harnleiter oder die Harnröhre versperrt; aber wenn man den nicht unbedenklichen Versuch machen will, solch einen festgeklemmten Stein durch Wasserdruck vorwärtszutreiben, nützt ein Liter gewiß nicht, dann müssen es schon vier oder fünf sein.

Will man jedoch wirklich spülen im wahren Sinne des Worts, so müßte man ständig und langsam einen Flüssigkeitsstrom durch den Körper rinnen lassen, mit andern Worten, man müßte jede halbe Stunde etwa oder noch öfter ganz kleine Quantitäten lange Zeit hindurch trinken lassen. Das hat wenigstens Sinn. Man hat darüber früher, als es noch üblich war, stündlich Medizin zu geben, reiche Erfahrungen gesammelt, wenn sie auch meistens falsch gedeutet wurden. Wer auf Grund dieser überaus und in vielen Beziehungen lehrreichen Experimente unsrer Vorfahren es versucht, oft und in kleinen Mengen Wasser zu geben, wird nicht schlecht fahren. Ob die Resultate, die bei einer solchen Verordnung erreicht werden, einem einfachen Durchspülen des Körpers und nicht vielmehr komplizierten Vorgängen zu danken sind, ist eine andre Frage. Der Mensch ist kein Gummischlauch.

Die Annahme, daß der Körper durch reichliches Trinken ausgespült werden könne und müsse, hat zu seltsamen Vorstellungen über die Gefahren der Wasserentziehung geführt. Daß die Beschränkung der Flüssigkeitszufuhr unter Umständen nützlich ist, gesteht freilich ein jeder ein. Aber ein jeder hebt auch in demselben Augenblick, wo er vom Durstenlassen spricht, ängstlich den Finger, wie es sich für unsre von der Angst besessne Zeit schickt, und sagt: Nimm dich in acht, deine Nieren könnten darunter leiden. Mit demselben Rechte kann man die Menschen davor warnen, auf die Straße zu gehn, weil ein Ziegelstein vom Dache fallen und sie erschlagen könnte. Ist es denn je vorgekommen, daß ein Mensch durch eine Einschränkung des Trinkens nierenkrank geworden ist? Ich bezweifle es; ich vermute, dieses seltsame Gerücht kommt daher, daß der Urin in den ersten Tagen mäßigeren Trinkens trübe zu sein pflegt. Wenn auch nicht alle Menschen ihr Wasser beschauen, wie sie ihre Kotentleerungen begutachten, so gibt es doch noch genug Gesundheitsanbeter, die mit ihrer Zeit nichts Beßres anzufangen wissen, als jeden Morgen in das Nachtgeschirr zu sehn. Ist da ein Satz drin, wie es denn naturgemäß öfter der Fall sein muß, so schreien sie gleich von einer Nierenreizung, erzählen das auch wohl unter Beibringung des corpus delicti ihren Nächsten und Freunden, und wenn sie sich auch am nächsten Morgen bei der hochnotpeinlichen Untersuchung überzeugen müssen, daß das Wasser wieder klar ist, sind sie doch der Meinung, einer schweren Gefahr entronnen zu sein. Zum mindesten aber nehmen sie an, daß eine Neigung zur Steinbildung bei ihnen vorhanden sei.

Nun ist hierzu mancherlei zu sagen. Zunächst ist es ganz in der Ordnung, daß ab und zu ein Satz im Nachtgeschirr ist. Das hat mit einer Erkrankung nichts zu tun. Weiterhin kann durch trüben Urin niemals ein Nierenleiden verursacht werden, am wenigsten ein Nierenstein. Drittens, und das ist in unserm Fall die Hauptsache: Die Trübung des Wassers, die bei der Beschränkung der Flüssigkeitszufuhr auftritt, verschwindet meist nach wenigen Tagen und ist durch Zusatz von heißem Wasser rasch zu heben. Sie war nur der Ausdruck der veränderten Verbrennungs- und Ausscheidungsvorgänge; sobald sich Einfuhr und Ausfuhr wieder ins Gleichgewicht gesetzt haben, wird der Urin klar.

Zur Beschwichtigung ängstlicher Gemüter füge ich noch hinzu, daß in den festen Speisen viel Flüssigkeit enthalten ist und daß nur geringe Quantitäten mittels Trinken aufgenommen zu werden brauchen, um den täglichen Wasserverlust zu ersetzen; dreiviertel bis ein Liter genügen dazu, alte Leute brauchen noch weniger. Und weiterhin teile ich ihnen zur heilsamen Erhaltung ihrer kostbaren Gesundheit mit, daß die Menschen mit Nierensteinen durstige Menschen zu sein pflegen, die sich mit Hilfe dieses Durstes ein Bäuchlein antrinken, in Wasser, Tee, Wein oder Bier, das hat dabei nichts zu sagen. Denn der Stein entsteht und kann nur entstehn, wenn der Abfluß des aus den Nieren ausgeschiednen Harns auf irgendeine Weise behindert ist, und das läßt sich nicht leugnen, daß der Hauptgrund für eine derartige Harnstockung der dicke Bauch ist, dessen Masse auf den Ausfuhrgängen des Harns lastet; dasselbe gilt von den Nierenentzündungen. Soweit sie nicht durch Vergiftungen oder Infektionen herbeigeführt werden – das ist der häufigste Vorgang –, entstehn sie fast immer durch langjährige Stauungen, wie sie vor allem bei Dickbäuchen vorkommen; eine Nierenentzündung durch Dürsten zu schaffen, bringt auch der fanatischste Arzt und Mensch nicht fertig.

Bei dieser Gelegenheit schickt es sich gut, sich klar darüber zu werden, was es mit dem Dürsten auf sich hat, das ja, wie männiglich bekannt, eines der wichtigsten Hilfsmittel des Arztes ist. Da bemerkt man denn, daß der Durstzustand eine auffallende Ähnlichkeit mit dem Fieber hat und daß seine hervorragende Wirkung in der Krankenbehandlung hauptsächlich auf dieser Ähnlichkeit beruht. Das wird nun freilich die Heroen der Angst nicht sehr für das Dürsten einnehmen. Fieber ist, nach ihrer Meinung, der schrecklichste der Schrecken; da muß ihnen die Empfehlung, Kranke durch eine Art künstliches Fieber zu behandeln, wie eine Herausforderung des Schicksals vorkommen. Aber um ihre Meinung sollte sich niemand kümmern. Man schenke ihnen ein Fieberthermometer und lasse sie ihre leere Zeit mit Angst und Temperaturmessen töten. Im übrigen aber halte man fest, daß das Fieber ein Heilungsversuch der Natur ist; daß ihr die Heilung oft nicht gelingt, ist eine Sache für sich.

Der Körper, in dessen Innrem irgendwelche Gifte kreisen, wie sie etwa durch das Eindringen bestimmter Mikroben oder durch den raschen Zerfall von Körpersubstanz oder auf anderm Wege entstehn, hat die Pflicht und den Wunsch, sie zu vernichten, und dazu steht ihm in erster Linie die Beschleunigung der Verbrennungsprozesse zur Verfügung. Genauso wie der Mensch Briefe oder irgendwelche Schriften, die ihn bloßstellen und sein Lebensglück vergiften könnten, im Feuer vernichtet, genauso verfährt der Organismus. Die hohe Körpertemperatur, die Angehörige und oft genug auch Ärzte in Verwirrung bringt, ist nur der Beweis dafür, daß das Feuer des Innern in heller Glut brennt, daß der Organismus auf seiner Hut ist und die Gifte vernichtet. Die Höhe des Fiebers ist daher auch weitaus in den meisten Fällen ein günstiges Zeichen; sie bürgt dafür, daß noch Widerstandskraft vorhanden ist, daß der Körper sich wehrt. Das geht schon daraus hervor, daß der frische kindliche Körper am leichtesten und gleich in hohem Grade fiebert. Man sorge sich nicht allzu sehr, wenn beim Kinde plötzlich aus voller Gesundheit heraus Temperaturen von 39 Grad auftreten. Meist handelt es sich um irgend etwas Harmloses, man braucht nicht gleich an Diphterie oder Typhus zu denken.

Vor allem aber hüte man sich, gleich mit Fiebermitteln vorzugehn. Das Niederdrücken der Temperatur ist fast immer ein Fehler. Auch das Thermometer bleibt besser im Futteral. Temperaturkurven zu führen hat nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen Berechtigung, und gar das Messen bei jedem Krankheitsfall ist eine Unsitte. Sie zieht Gespensterfurcht hoch; wir haben aber genug Gespenster in unsrer Zeit und brauchen sie nicht zu kultivieren. Im allgemeinen soll man mit den Instrumenten auskommen, die einem der Herrgott anerschaffen hat, mit Augen, Ohren, Nase und nicht zu vergessen mit den Händen. Sie bis zur Vollkommenheit auszubilden, ist Pflicht, wer aber immer gleich mit dem technischen Instrumentarium anrückt, das nur ein Notbehelf ist, der wird nie sehn und fühlen lernen.

Es ist eine gewöhnliche Rede unter den Menschen, daß der Arzt Diener der Natur sein soll, und wir, die wir Ärzte sind, rühmen uns dieses Dienens als einer Ehre. Natura sanat, medicus curat. Was aber heißt der Natur dienen anders, als ihr die Wege des Heilens absehn und ihre Mittel künstlich nachahmen? So soll man denn auch das Fieber nachahmen, dessen Wesen nicht in der Temperatursteigerung, sondern in der Beschleunigung der Verbrennungsprozesse liegt. Dort, wo es darauf ankommt, die Glut des Körpers zu steigern, soll man nur so viel Flüssigkeit geben, daß der quälendste Durst gelöscht ist. Das ist Nachahmung, Dienen der Natur. Und man braucht nicht davor zurückzuschrecken, durch Salzen der Speisen oder durch heiße Bäder den Durst künstlich hervorzurufen, ja bei einer ganzen Reihe schwerer Ernährungsstörungen ist es notwendig.

Das heiße Bad hat noch den besondern Vorzug, daß es an sich schon, auch ohne die Wasserentziehung, schnellere Verbrennung herbeiführt. Viele tausend Male habe ich seine Kraft erprobt, und ich kann sagen, daß es mich nie im Stich gelassen hat. Freilich es muß heiß sein. Mit der üblichen lauwarmen Brühe von 37 °C ist es nicht getan. Ein heißes Bad soll 45 °C und darüber haben, soll zwanzig bis dreißig Minuten lang genommen werden, soll durch Zuschütten auf der hohen Temperatur erhalten bleiben und soll im allgemeinen als Teilbad, als Arm- oder Bein-, Sitz-, Rumpf- oder Kopfbad gegeben werden. Damit ist etwas auszurichten. Angst freilich darf man nicht haben, sondern man muß dem Arzt vertrauen. In dessen Interesse liegt es nicht, Kranke umzubringen, und wenn er Leute, die Schlaganfälle gehabt haben oder Netzhautblutungen, doch und gerade deshalb alle Tage in ein heißes Bad setzt, so wird er sich das vorher überlegt haben. Allerdings, wenn er selbst ein Hasenfuß ist, dem vor lauter Indikationen und Kontraindikationen der Kopf schwirrt, dann wird er seine Kranken nicht weit bringen. Leider spuken uns aus der Studienzeit bei jeder Gelegenheit Erinnerungen an diese oder jene Gefahr vor Augen, die unter Millionen Malen einmal eintritt. Das verlernt sich schwer. Ich sage es aber als meine feste, durch zwanzig Jahre tagtäglich erprobte Überzeugung, daß das heiße Bad als solches niemals irgendeine Gefahr bringt und daß es nur dann kontraindiziert ist, wenn der Kranke nicht bewegt werden kann. Dann helfe man sich mit heißen Umschlägen oder sonstwie. Aber vergessen soll man nicht, daß man der Natur zu dienen hat und daß die Natur zwei große Mittel verwendet, Entzündung und Fieber. Beides ahmt das heiße Teilbad nach.

Noch eine andre Rede über die Arzte geht unter den Menschen um, daß sie eher den Krankheiten vorbeugen sollen als sie behandeln. Ich finde, man verlangt etwas viel von uns. Selbst wenn man uns mit der denkbar größten Macht des Autokraten ausstattete, wäre es unbillig, von einem allenfalls vernünftigen Menschen zu fordern, er solle diese Macht zur Verhütung von Krankheiten verschwenden. So genau ist es nicht ausgemacht, daß das Kranksein ein entbehrliches Übel in der Weltordnung ist, im Gegenteil, es gehört nach meiner Meinung zu den notwendigen Übeln. Jedenfalls aber würde es für solch einen von Gott und den Menschen mit aller irdischen Macht ausgestatteten Mann Wichtigeres zu tun geben, als einen solchen Versuch zu unternehmen, der immer mißlingen müßte. So aber wie die Dinge liegen, ist es absurd, von einem machtlosen Staatsbürger des zwanzigsten Jahrhunderts Wunder zu erwarten. Ebensogut kann man uns zumuten, mit unsern flachen Händen den Lauf des Rheins aufzuhalten. Ebensogut kann man einem Gefangnen die Aufgabe stellen, er soll, ohne seinen Kerker zu verlassen, Gemsen jagen. Nein, es ist nicht unser Geschäft, den Krankheiten vorzubeugen. Wir können uns allenfalls Gedanken darüber machen, wie das geschehn könnte, wir können diese Gedanken auch mitteilen, aber daß man uns die Verantwortung für die Narrheit, Bosheit, Unzulänglichkeit unsrer Mitmenschen aufbürden will, ist eine anmaßende Forderung, die wir ohne weitres zurückweisen müssen. Wer das Leben ernst nimmt, trägt an den Pflichten seines Berufs als Arzt und Mensch schwer genug. Als Mensch bestimmt ein jeder selbst das Maß der Verantwortung, die er übernehmen will, als Ärzte aber sind wir nur für den Rat verantwortlich, den wir erteilen, wenn wir dazu aufgefordert werden, und für die Art, wie wir diesen Rat erteilen. Ob er befolgt wird oder nicht, entzieht sich unsrer Macht, es liegt auch außerhalb der Grenzen unsrer Pflicht. Ich lehne es ab, irgendwie zur Verhütung von Krankheiten verpflichtet zu sein. Meine Ansicht aber, wie der Mensch krank wird, äußre ich, wo immer sich Gelegenheit bietet, genauso wie ich meine Ansicht über ein Buch oder einen Reichstagsbeschluß äußre. So gestatte man mir einige Worte darüber, wie die Ernährung krank und gesund macht.

Zunächst muß ich da wieder betonen, daß bei weitem die meisten der Menschen sich nähren können, wie es ihnen in den Sinn kommt; sie bleiben, was sie waren, gesunde Menschen. Der lebendige Organismus wird nicht leicht aus dem Gleichgewicht gebracht. Das ist aber kein Gegenbeweis gegen die Schädlichkeit gewisser Eß- und Trinksitten. Wird doch auch in der Schlacht nur ein Bruchteil der Kämpfer verwundet, und doch zweifelt niemand daran, daß der Kugelregen eine gefährliche Sache ist. Unter solcher Einschränkung des Satzes kann man behaupten, daß ganz allgemein, selbst in den armen Bevölkerungsschichten gewohnheitsmäßig mehr gegessen und getrunken wird, als gut ist. Das gilt von der Gesamtmenge, die in vierundzwanzig Stunden genommen wird, noch mehr aber von den Mengen der einzelnen Mahlzeit.

Die nächstliegende Folge der Nahrungszufuhr in zu großen Quanten ist eine nutzlose Belastung des Verdauungsapparats und des Kreislaufsystems des Körpers. Bei der unmittelbaren Nachbarschaft von Magen und Herz muß die Ausdehnung des einen Organs jedesmal eine Rückwirkung auf Lage und Tätigkeit des andern haben, wenn sie auch vielleicht für unsre groben Untersuchungsmethoden nicht immer nachweisbar ist. In gleicher Weise wird der Blut- und Säftestrom im Bauch, vor allem in dessen Blutadern, durch eine Last von ein bis zwei Kilo, wie sie einer gewöhnlichen Mahlzeit entspricht, beeinflußt, die Nervenzentren der obern Bauchgegend, das sogenannte Sonnengeflecht, wird in Mitleidenschaft gezogen und nicht zum wenigsten die Atmung, die freie Bewegung der Lungen. Solche Einflüsse müssen eintreten, wenn damit auch durchaus nicht gesagt werden soll, daß sie krank machen.

Ihre Wirkung aber wird noch dadurch verstärkt, daß diese Störungen für Herz-, Lungen- und Nerventätigkeit stets zu denselben Zeiten des Tages eintreten, da wir ja alle gewohnheitsmäßig zu den gleichen Tagesstunden unsre Mahlzeiten einzunehmen pflegen. Ähnlich wie auf einer Landstraße sich allmählich tiefe Gleise entsprechend der Spurbreite der Lastwagen einschneiden, prägen sich durch die Gewohnheit der Jahrzehnte den Funktionen der lebenswichtigsten Organe, der Zirkulations- und Ernährungswerkzeuge, Spuren ein. Die regelmäßige Belastung des Körpers zu bestimmten Zeiten wird zum Bedürfnis des Organismus, und wenn infolge zufälliger Ereignisse, wie sie jeder Tag bringen kann, vor allem infolge irgendeiner Störung des Allgemeinbefindens, durch eine sogenannte Krankheit, die gewohnte Belastung wegfällt, treten Folgen auf, die die Genesung außerordentlich erschweren, ja unter Umständen unmöglich machen. Daß dann weiterhin für den kranken Organismus alle diese kleinen Schädlichkeiten zu großen werden, brauche ich gar nicht erst zu sagen, es ist klar wie der Tag. Solche Gewohnheiten gerade sind es, die ich früher mit den Ringen verglich, wie sie beim Hineinwerfen des Steins ins Wasser entstehn. Solche anscheinend völlig gleichgültigen Dinge sind in Wahrheit von der größten Wichtigkeit. Sie verwirren das Krankheitsbild, bringen tausend Gefahren, die an sich mit der besondern Krankheit nicht zu tun haben, sie sind es aber auch, auf die zuerst sich die Behandlung des Arztes beziehen muß. Der menschliche Organismus ist ein großer Arzt, der sich selbst hilft; nur muß man ihm nicht die helfenden Hände binden.

So liegen die Dinge beim widerstandsfähigen Organismus, der mit Leichtigkeit die überflüssigen Nahrungsstoffe wieder ausscheidet. Jedermann weiß aber, daß nicht alle Menschen dazu imstande sind, und bei ihnen treten dann greifbare, offensichtliche Folgen auf, Verdauungstörungen, Atem- und Herzbeschwerden, Unbehagen und nicht zu vergessen, Fettleibigkeit, oder besser gesagt: Dickbäuchigkeit. Denn um das gleich hier zu sagen, weit verbreiteter als die Fettleibigkeit und viel hinderlicher für Leistungsfähigkeit und Wohlbehagen, für echte Freiheit des Lebens ist der dicke Bauch: er findet sich, und das vergesse man nie und nirgends, selbst bei magern Menschen. Und wenn er nicht dick ist, so ist er zum mindesten aufgetrieben oder hart oder blutüberfüllt. Mit kurzen Worten, der Bauch des Menschen ist der Hauptunheilstifter seines Lebens, der Frevler, der Sumpf, von dem aus der Körper vergiftet wird. Er ist das wichtigste für Krankenuntersuchung und Behandlung.

Andre Zeiten haben das auch gewußt und ihre Lebensregeln danach geordnet. Es steht nicht umsonst in der Bibel: Seid nicht Diener des Bauchs. Nicht ohne Grund steht das Fasten, die Mäßigkeit in der Mitte aller religiösen, sittlichen und gesundheitlichen Vorschriften, und es ist wahrlich kein Zeichen hoher Kultur, daß unsre Zeit diese tiefe Lebensweisheit so ganz vergessen hat. Bei der Krankenbehandlung, beim Untersuchen ist die Vernachlässigung der Bauchverhältnisse begreiflich. Die gesamte Ärztewelt und mit ihr alles, was mit Kranken zu tun hat, stehn noch immer unter der Suggestion von Untersuchungsmethoden, wie sie uns das letzte Jahrhundert massenhaft beschert hat. Das Hörrohr, der Perkussionshammer, das Thermometer, das Mikroskop, Augen-, Kehlkopf- und Ohrenspiegel und wie diese Dinge alle heißen mögen, haben die Aufmerksamkeit der Untersuchung und der Behandlung von dem Bauch abgelenkt auf andre Organe. Warum die Gesamtheit aber mitläuft und sich nicht mehr um Bauch und Völlerei kümmert, das hat andre Gründe, leider sehr viel schlimmre Gründe, die nachdenklich und bange stimmen, Gründe, die den tiefsten Kern unsrer sittlichen Begriffe berühren. Offen gestanden, es kann einem übel werden bei all dem Gerede von Tuberkulose, Herzfehlern, Hygiene, Bazillen, Immunität und was dem mehr ist, wenn man bedenkt, daß das alles an Bedeutung nicht entfernt heranreicht an die tägliche schlechte Gewohnheit, an das Dem-Bauche-Dienen.

Ich habe vorhin das Wasser das wichtigste Nahrungsmittel des Menschen genannt, so ist es denn auch schicklich, daß ich am Wassertrinken auseinandersetze, was ich unter Bauchdienst verstehe. Zunächst möchte ich betonen, daß es für die folgenden Betrachtungen gleichgültig ist, ob das Wasser als reines Wasser genossen wird oder mit allerlei Zusätzen als Milch, Kaffee, Tee, Bier, Wein und so weiter. Die Gifte dieser verschiednen Mischungen interessieren in diesem Zusammenhang nicht. Es handelt sich vielmehr darum, wie das Wasser selbst durch unzweckmäßiges Trinken zu Gift wird.

Davon, daß das Suppeessen und das Trinken bei Tisch die Arbeit der Verdauungssäfte nicht erleichtert, da sie dadurch verdünnt werden, habe ich schon gesprochen, auch gesagt, daß das für den Gesunden weiter keine Bedeutung hat. Bei dieser Gelegenheit möchte ich aber von einer wirklichen Unsitte unsers deutschen Volks sprechen, von dem Kaffeetrinken des Morgens. Nach der Nachtruhe soll der Mensch erquickt sein, er selbst und alle seine Organe sollen neue Kräfte gesammelt haben. Da ist es doch seltsam, daß wir in den arbeitslustigen Magen Kaffee hineinschütten. Kein Mensch peitscht das Pferd, wenn es morgens aus dem Stall kommt; warum man das mit dem Magen anders hält, ist mir unverständlich. Die Engländer und Holländer sind darin vernünftiger, und unsre Vorfahren mit ihren dicken Suppen stehn an gesundem Menschenverstand weit über uns, wenn auch nicht an Kultur, versteht sich. Ich habe durchaus nichts gegen den Kaffee an sich, glaube auch nicht, daß er dem gesunden Organismus Schaden bringt, aber alles zu seiner Zeit; man beginnt ja seinen Tag auch nicht mit Kartenspielen, und wer frühmorgens Champagner trinkt, den nennt man einen Säufer. Für den Morgenkaffee hat man leider noch keine entsprechende Bezeichnung. Übrigens gilt das, was ich vom Kaffee sagte, auch für die Milchschlamperei; die ist nicht besser. Am Morgen sollten die Menschen etwas Solides genießen, namentlich unsre Kinder und die bleichsüchtigen Mädchen, etwa ein Beefsteak mit Bratkartoffeln oder einen Hering. Es würde auch aus tausend und einem Grunde, nicht zum wenigsten aus Rücksicht auf erzieherische Zwecke, nützlich sein, die Menschen erst ins Freie zu jagen, sie etwas leisten zu lassen, ehe man ihnen zu essen gibt. Ich weiß nicht, ob jene Behauptung eines Arztes, daß nur die Schweine morgens gleich an den Freßtrog laufen, richtig ist, aber der Gedanke, daß der Mensch sich sein Brot verdienen soll, und wenn es auch nur durch einen kurzen Spaziergang wäre, hat seine Berechtigung.

Dies nur nebenbei; was mir mehr am Herzen liegt, ist, daß man wohl von Bier- und Schnapstrinkern spricht, aber nie von Wassertrinkern, wahrscheinlich weil wir es alle sind. Wir werden alle zum Trunk erzogen, und wenn zufällig jemand nüchterne Anlagen hat und seinen Körper nicht fortwährend unter Wasser setzt, dann kommen Tanten, Nachbarn und Eltern und predigen Tod und Verderben.

Ist es nun wirklich so schlimm, daß der Mensch Tag für Tag doppelt und dreimal soviel Wasser zu sich nimmt, als er braucht? Im allgemeinen gewiß nicht; das Wunder Mensch hält selbst die gröbste Mißhandlung aus. Aber man gehe nur einmal über die Straße, dann weiß man, was das Trinken der Deutschen bedeutet. Da sieht man nicht wenige zweibeinige Fässer und Fäßchen mit Menschenköpfen darauf einherwandeln. Das kommt vom Biertrinken, meint man. Nein, es kommt vom Wasser, das im Bier ist, denn auch die Weiblein sind nicht schöner als die Männlein, wenn sie auch mit Hilfe schlechtsitzender Schnürleiber den vorragenden Körperschaden zu verdecken suchen. Die Frauen aber sind Wassertrinker, Tee- oder Kaffeeschwestern.

Nun, das sind Schönheitsfehler, das hat nicht viel zu sagen. – Doch, es hat viel zu sagen; zum mindesten das eine beweist es, daß es mit unsrer Kultur nicht weit her ist. Aber ganz abgesehn von diesem Mangel an ästhetischem Gefühl, der Wasserreichtum des Körpers und der große Bauch sind recht eigentlich die Wurzel mannigfacher Krankheitsformen. Man überlege es sich einmal: Das Leben des Menschen, seine Leistungsfähigkeit, seine Daseinsfreude hängen von der freien Tätigkeit seines Herzens ab. Das Herz treibt das Blut im Körper um, von dem Scheitel bis zur Sohle. In jeder Sekunde schleudert es eine Flüssigkeitsmenge von Pfunden durch die Blutgefäße. Ist es nun wirklich für das Herz gleichgültig, ob es diese große Last doppelt so weit treiben muß, als es bei einem schlanken Körper der Fall ist? Wenn es, statt die freie Bahn des ebenmäßig gebauten Menschen vor sich zu haben, das Blut durch tausend und abertausend neuentstandne enge Kanäle treiben muß, die krumm und von quellenden Fettmassen gedrückt den Strom überall hemmen? Denn für jede Zunahme an Leibesdicke muß das Röhrennetz der Blutgefäße erweitert werden.

Man mache den Versuch, durch einen Badeschwamm mit einer Spritze Wasser durchzujagen; der Strahl versickert sofort in den löchrigen Geweben, und nur langsam, kraftlos fließt das Wasser wieder heraus. Soll es beim Menschen anders sein, und ist es gut, mitten in die Blutströmung einen Riesenschwamm zu legen? Es ist ungefähr so, als wenn ein Magistrat die schön gefaßte und saubre Quellwasserleitung kurz vor dem Eintritt in die Stadt durch einen Sumpf unterbrechen wollte, so daß aller Schmutz und alles Gift des Sumpfs recht sicher in die Häuser gebracht würde. Da sich der Säftestrom in einem dicken Bauche nur langsam bewegen kann, ist die Gelegenheit zur Bildung von Körpergiften eher gegeben, vor allem bleiben die Reste der Verbrennung dann länger im Kreislauf. Dazu kommt noch, daß der Bauch ja nicht nur nach vorn und nach den Seiten wächst, sondern sich auch nach oben in den Brustraum hinein ausdehnt, das Herz aus seiner Lage verdrängt und an der freien Tätigkeit hindert.

Wenn so der freie Kreislauf durch die Fettleibigkeit gehindert wird, so geht es mit der zweiten Lebensbedingung, der Verbrennung des Körpers nicht anders. Die Tätigkeit des Organismus ist davon abhängig, daß den Geweben genügend Sauerstoff durch die Atmung zugeführt wird und daß dieser Sauerstoff das Feuerungsmaterial im Innern möglichst gründlich verbrennt. Durch die Ausdehnung des Bauchs nach oben werden jedoch die Lungen zusammengepreßt, das schwere Gewicht der Fettmassen – es handelt sich dabei oft um zwanzig bis dreißig Pfund und mehr – muß bei jedem Atemzug von den Muskeln gehoben werden; beides zusammen gibt ein erhebliches Hindernis für die Sauerstoffeinnahme. Bedenklicher noch ist, daß durch die Zunahme des Körpers auch die Masse der brennbaren Stoffe in seinem Innern zunimmt, daß also entweder dem umfangreicheren Körper mehr Sauerstoff zugeführt werden muß, oder, und das ist bei der schlechten Atmung der dickleibigen Leute die Regel, die Verbrennung findet nur unvollkommen statt; es bleibt mehr Asche, mehr Schlacke, mehr Gift im Körper zurück. Das Ganze ähnelt dann den Vorgängen im Ofen, wenn durch tolles Nachlegen von Kohlen das helle Feuer zur schwelenden Glut erdrückt wird. Die Schwerfälligkeit, Langsamkeit und Faulheit des Dickwansts tun noch das übrige, um alle Lebensfunktionen zu verzögern. Nimmt man zu alledem noch, daß in solch einem Bauche sämtliche Eingeweide, Leber, Milz, Nieren, Gebärmutter unter einem abnorm hohen Druck stehn, so hat man damit allerdings noch längst nicht die Wirkung des dicken Bauchs erschöpft, aber man hat doch ungefähr eine Vorstellung davon erhalten, was es mit der Ausdehnung des Leibes auf sich hat. Man kann fast sagen, alle Funktionen des Lebens werden dadurch mehr oder minder beeinträchtigt. Daß ein solcher überall behinderter Körper durch die Zufälle des Lebens leicht überrannt wird, daß er für alle und jede äußere Ursache vom Knochenbruch bis zur Bazilleninvasion anfälliger ist, brauche ich nicht erst zu sagen.

Nun kann man freilich einwenden, und man hat es auch von berufner Seite getan: Das alles hat nichts mit dem Wassertrinken zu tun. Wasser ist nicht Fett, und aus Wasser wird nie Fett. Ich weiß nicht, ob aus Wasser Fett wird und will es nicht behaupten. Wir wissen über die chemische Zersetzung und den Aufbau im Körper so verschwindend wenig, daß solch eine Frage gar nicht erörtert werden kann; bestimmt weiß man aber, daß reichliche Wasserzufuhr den Fettansatz befördert und daß bei Wasserentziehung meistens das Fett verschwindet. Gewichtsabnahmen von zwanzig Pfund, lediglich durch Einschränkung des Trinkens, sind alltägliche Ereignisse, ja ich habe mehrmals Gewichtsverluste von hundert Pfund und Umfangsabnahmen von fünfzig Zentimetern und mehr erlebt. Das ist ein unumstößlicher Beweis von dem Einfluß der Flüssigkeit auf die Dickleibigkeit, der durch theoretische Überlegungen nicht aus der Welt zu schaffen ist. Es handelt sich aber auch bei der Fettleibigkeit, dem dicken Bauch gar nicht bloß um Fettablagerung, sondern in erster Linie um das Aufspeichern großer Flüssigkeitsmassen in bestimmten Wasserreservoiren, deren der Körper eine ganze Reihe sich eingerichtet hat, gerade so wie sie für jede Wasserleitung angelegt werden.

Ich muß da auf einen merkwürdigen Irrtum hinweisen. Leute, die sich über das Schicksal dessen, was getrunken wird, Gedanken machen – solche Leute sind selten, da es sich ja nicht lohnt, über so ganz gemeine Dinge nachzudenken, aber es gibt ein paar –, solche Leute sind häufig der Ansicht, alles Wasser werde entweder zur Blutbildung gebraucht oder sehr bald von Nieren, Lungen, Haut und so weiter ausgeschieden; diese Vorstellung ist irrig. Nur ein Teil dessen, was man trinkt, wird wieder abgesondert; ein Teil bleibt im Körper zurück, und zwar nicht bloß als Blutflüssigkeit, sondern zum größeren Teil wird die Flüssigkeit als Notbestand für die Durstzeiten in den oben erwähnten Behältern aufgehoben. Solche Vorräte müssen da sein, da das Leben des Körpers jeden Augenblick und unvorhergesehn Wasser brauchen kann und nicht erst auf das Trinken der Menschen ohne Gefahr zu warten vermag. Überflüssiges Wasser ist in jedem Körper und muß darin sein, er braucht es ebenso wie etwa eine Wassermühle. Für die staut man das Wasser, damit selbst bei Trockenheit das Getriebe nicht stillzustehn braucht. Die Hauptwasserbehälter des Körpers sind nun die Haut und der Bauch. Beides sind Organe, die beliebig ausgedehnt werden können, vor allem kann der Bauch sich zu einem erstaunlichen Umfang erweitern; dazu ist er noch mit Organen angefüllt, die wie Schwämme gebaut sind und sich ganz und gar mit Wasser vollsaugen können, ohne ernstlich darunter zu leiden, ich meine da den Darm, die Milz, die Leber. Die hausväterliche Vorsicht des Lebens, Wasser zu sammeln, wird aber bei übermäßigem Trinken zur Gefahr. Offenbar überschätzt es den Verstand des Menschen; es denkt, daß dieser kluge Mensch doch wohl seine Gründe haben müsse, so viel Flüssigkeit in sich hineinzuschütten, infolgedessen dehnt es seine Behälter immer mehr und mehr und sammelt Liter auf Liter an. Daß der Mensch aus Gewohnheit trinkt, kommt ihm gar nicht in den Sinn. Eine besonders schlimme Sache ist dabei, daß das viele Trinken nicht etwa den Durst löscht, sondern ihn vielmehr weckt und anstachelt. Je mehr der Mensch gewohnheitsmäßig trinkt, umso größer wird sein Flüssigkeitsbedürfnis. Man sieht, das Trinken schafft Bedingungen für das Dickwerden, wie sie das starke Essen nicht in gleichem Maße mit sich bringt, wenn sich auch nicht leugnen läßt, daß man auch mit Hilfe des Essens dick werden kann. Ich glaube recht daran zu tun, wenn ich wie vorhin bei der Ernährungsfrage hier wieder auf das Wasser das Hauptgewicht lege. Ich glaube es auch deshalb, weil die Grundlagen zur Fettleibigkeit gewöhnlich im ersten Lebensjahr gelegt werden, zu einer Zeit, wo von fester Nahrung noch keine Rede ist. Den Säuglingen wird die Fettsucht methodisch anerzogen, es läßt sich nicht leugnen. Und gegen dieses wunderliche Resultat unsrer hygienisch erleuchteten Kinderpflege gestatte ich mir Front zu machen. Es wäre gut, wenn die Frauen auch einmal dazu Zeit fänden, sich über die elementaren Bedingungen des Kinderlebens zu unterrichten.

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