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Die Natur heilt

Georg Groddeck: Die Natur heilt - Kapitel 6
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authorGeorg Groddeck
titleDie Natur heilt
publisherFischer Taschenbuch Verlag
year1984
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Nerven

Linderung der Schmerzen muß sein, das ist gewiß; aber besser ist es, die Ursachen der Schmerzen zu beseitigen, denn mit den Ursachen verschwindet die Pein von selbst. Da ist nun wieder der Schmerz ein guter Wegweiser. Er leite: uns zu den Ursachen hin. Freilich liegt nicht etwa immer an der Stelle der Schmerzen auch ihr Ausgangspunkt. Ein Kopfweh kann sehr wohl, und das weiß ja jeder, durch Magen- und Darmstörungen bedingt sein, es hat seine Quellen sogar nicht selten am äußersten Ende des Körpers, an den Fußsohlen. Aber immer ist das Weiterbestehn der Schmerzen ein sichres Zeichen, daß der Kranke nicht geheilt ist, auch dann nicht geheilt ist, wenn ihm nach glücklich überstandner Blinddarm- oder Gallensteinoperation versichert wird, die Krankheit sei nun vorüber und die Schmerzen hätten nichts zu sagen.

Meist gibt uns der Schmerz wenigstens den Anhaltspunkt für die Untersuchung. Wenn jemandem zum Beispiel die Bewegung des rechten Arms wehtut, so weiß ich, daß irgendwo die Nervenstämme, die den Arm versorgen, geschädigt sind. Ich kann dann leicht die Stelle finden, von der der Schmerz ausgeht, kann sie untersuchen und behandeln und meist auf den ersten Blick, fast immer im Lauf der Zeit feststellen, ob wirklich bloß der Nerv erkrankt ist, oder ob er durch andre Vorgänge, etwa durch Störungen im Bauch, der Brust, der gesamten Zirkulation und Ernährung nur in Mitleidenschaft gezogen ist.

Was ist nun zu tun, wenn sich herausstellt, daß der Schmerz tatsächlich nur durch eine Störung im Verlauf des Nervs verursacht ist, daß also der typische Fall des sogenannten Muskelrheumatismus vorliegt? Dann läßt sich mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen, daß der Nerv an irgendeiner Stelle festsitzt und den Bewegungen des Gliedes nicht folgen kann. Aus dieser Umklammerung, dieser Verklebung, Verwachsung oder was es sonst sein mag, muß er gelöst werden. Dazu gibt es nun viele Wege. Man kann versuchen, durch Beförderung des Flüssigkeitsstroms und der örtlichen Verbrennung, etwa mittels Hitze oder feuchtwarmer Umschläge oder reizender Substanzen, die in der Nähe der festsitzenden Stelle eingerieben werden, durch Einspritzen bestimmter Medikamente die einengenden Stränge zu erweichen. Vielleicht gelingt es auch, den Nerv selbst mit den Fingern zu fassen oder ihn durch Zerren und Dehnen der Umgebung zu lockern, oder man zieht und zupft, wie ich es vorher schon erwähnte, an den Muskeln, in denen er sich verästelt, an der Haut, in der die Nervenäste endigen. Das wichtigste aber ist und bleibt, durch Bewegungen des erkrankten Körperteils, durch häufig wiederholtes Biegen und Strecken der Gelenke über das gewöhnliche Maß hinaus die eingerostete Stelle wieder freizumachen.

Das Ganze läßt sich wohl an einzelnen Beispielen am besten klarmachen. Zunächst muß ich jedoch eine Erläuterung dessen geben, was ein Nerv ist, was ich bisher versäumt habe. Es wäre gewagt anzunehmen, meine Leser wüßten irgend etwas andres vom Nervensystem als die Redensart, daß diese oder jene Frau Nerven hat. Da muß ich daran erinnern, daß es ohne Nerven mit dem Leben überhaupt nicht geht, und daß es durchaus nicht ein Vorrecht erregbarer und launischer Menschen ist, Nerven zu besitzen. Alle Empfindungen und Gedanken, alle Bewegungen, der Herzschlag, die Atmung, die Ernährung, man kann fast sagen jede Funktion des menschlichen Lebens wird vermittelt und steht unter der Herrschaft des Nervensystems. Ein jeder weiß auch, daß das Leben in all seinen Teilen von dem Gehirn und Rückenmark, dem sogenannten Zentralnervensystem aus gelenkt wird. Wenn nun die Tätigkeit der Beine, der Arme, des Herzens, der Augen, des Gehirns, kurz aller Organe und Körperteile von dem Gehirn und Rückenmark abhängig ist, so müssen von all diesen Teilen aus Zusammenhänge mit der Zentrale bestehn. Tatsächlich laufen auch zwischen jedem Organ und dem eben erwähnten Mittelpunkt des Lebens Verbindungsfäden, eben das, was wir gewöhnlich Nerven nennen. Es ist das periphere Nervensystem im Gegensatz zu dem zentralen, das, welches nach der Peripherie des Körpers verläuft.

Wer einmal einen Seiler bei der Arbeit gesehn hat, kann daraus eine Vorstellung gewinnen. Da sind auf einem Gestell in gewissen Abständen kleine Pflöcke angebracht, und an jedem dieser Pflöcke ist ein feiner Faden befestigt. Alle diese Fäden vereinigen sich an ihrem andern Ende in der Hand des Seilers, der sie nach einer Richtung dreht, so daß die Fäden sich umeinander wickeln und den Strick bilden. Genauso enden in jedem Organ, jedem Muskel, jedem Hautstückchen Nervenfäden, die sich dann zum Nervenstrang und Nervenstamm vereinigen, nur daß sie nicht umeinander gedreht sind wie im Strick, sondern von einer Hülle zusammengehalten nebeneinanderliegen. Die Nervenstämme selbst, die in sich eine Menge der kleinsten Nervenfäden umfassen, verlaufen dann weiter zum Rückenmark und Gehirn.

Nimmt man zum Beispiel ein Bein, so findet man an jeder Zehe dünne weißliche Fäden, etwa glänzend weißen Baumwollfäden gleichend, zwischen der Haut und den Knochen. Wollte man sie weiter nach ihrem Ende zu verfolgen, so würde man sie schließlich in einzelnen Zellgebieten der Zehenmuskulatur oder der Zehenhaut verschwinden sehn. Geht man ihnen weiter nach oben, nach dem Fußgelenk hin nach, so schließen sie sich bald zu einem etwas dickeren Nerv zusammen, der wieder vereinigt sich mit Nervenfäden und Nervensträngen, die von der Muskulatur und Haut des Unterschenkels herkommen, und so geht es weiter, bis sich schließlich hinten in der Hüftgegend ein Nervenstamm von der Dicke eines kleinen Fingers gebildet hat, der Nervus ischiadicus, der in sich alle diese dünnen Nervchen nebeneinanderliegend mit einer gemeinsamen Hülle umfaßt. In ähnlichen Stricken sammeln sich die Nervenfäden andrer Gebiete des Beins, so daß dort, wo der Oberschenkel an den Rumpf ansetzt, nur ein paar dicke Nerven sich finden, deren Verlauf wohlbekannt und bei allen Menschen derselbe ist, also ohne jede Schwierigkeit aufgesucht werden kann. Genauso verhält es sich mit den Armen, dem Rumpf, Hals und Kopf. Überall fügen sich kleine und kleinste Nervenäste zu größern Stämmen zusammen, um Empfindungs- und Bewegungsvorgänge zwischen Gehirn und Organen zu vermitteln.

Diese Nerven nun, von den gröbsten bis zu den feinsten, meinte ich, wenn ich bei Gelegenheit der Muskelschmerzen vom Einrosten sprach. Die weißglänzenden Fäden sind nämlich nicht wesentlich ausdehnbar. Sie liegen daher, um den Bewegungen folgen zu können, locker zwischen den Geweben, so daß sie sich ein wenig verschieben lassen. Sind sie jedoch an irgendeiner Stelle unbeweglich eingeklemmt, so wird bei bestimmten ausgiebigen Bewegungen an ihnen gezerrt, und sie antworten mit Schmerz. Wird die Umklammerung enger und enger, wie es bei wachsenden Geschwülsten oder bei sich zusammenziehenden Narben, etwa Brandnarben, der Fall sein kann, so tritt zunächst ein dumpfes Gefühl des Kribbelns auf. Wir kennen es alle vom Stoß gegen den Ellenbogen her, wenn wir die Engel im Himmel pfeifen hören, oder dem Einschlafen der Beine, das durch den Druck der Stuhlkante auf den Ischiadicus herbeigeführt wird. Nach längrer oder kürzrer Zeit aber verwandelt sich das stumpfe Gefühl in Schmerz, der unter Umständen unerträglich wird.

Nehmen wir als Beispiel einen allbekannten Vorgang, die Lumbago, den sogenannten Hexenschuß, das plötzliche Auftreten großer Schmerzen in der Lendengegend. Der Verlauf dabei ist ungefähr folgender: Durch lange Stauungen, wie sie bei Kot- und Gasansammlungen in den untern Darmabschnitten oder bei Fettleibigkeit, bei Nierensteinen, bei mangelnder Übung, durch Mißbrauch des Korsetts und aus tausend andern Ursachen entstehen, ist der Rücken schwer beweglich geworden; die kleinen und zarten Muskeln längs der Lenden Wirbelsäule haben, da sie nur selten gebraucht werden, einen Teil ihrer Nachgiebigkeit verloren. Nun bringt der Zufall es mit sich, daß einmal eine rasche, unvorsichtige und seit Jahren nie mehr ausgeführte Bewegung in der Lendengegend gemacht wird, bei einer plötzlichen Wendung oder beim Heben einer ungewohnten Last. Dabei reißen ein paar Muskelfasern, oder sie haken sich an irgendeinem Knochenvorsprung fest. Durch den geringen Bluterguß oder durch die falsche Lage, in die das Muskelchen geraten ist, wird der Nervenfaden, der in ihm endet, festgenagelt; er kann von nun an gewissen Bewegungen des Rumpfs nicht mehr folgen, jedes Bücken, Drehen und so weiter zerrt an dem Nerv und verursacht gewaltige Schmerzen, die erst aufhören, wenn der Nerv wieder gelockert ist. Meist wird der Bluterguß rasch, vielleicht unter Beihilfe von heißen Kompressen, aufgesogen, oder das Muskelchen gleitet von dem Knochenvorsprung, an dem es sich verheddert hatte, herunter, und damit ist die Sache scheinbar wieder gut. Scheinbar, denn in Wahrheit besteht die Gefahr fort, daß derselbe oder ein ähnlicher Vorgang in der Nähe sich wiederholt, da ja nichts getan ist, um die Lendenmuskulatur zu üben. Nach einiger Zeit tritt also ein neuer Hexenschuß auf, und das geht so fort, bis einmal der Bluterguß nicht aufgesogen wird oder der Muskel dauernd in seiner falschen Lage festgehalten wird.

Dann ist guter Rat teuer. Von selbst weichen die Schmerzen nicht; Hitze, Ruhe, die übliche Streich- und Knetmassage, selbst Morphium versagen die Dienste, und der Kranke gerät nach und nach in eine verzweifelte Lage. Da sehr bald andre Muskel- und Nervengebiete, besonders das Gebiet des großen Hüftnervs, mit ergriffen werden, geht er nur noch mühsam, gebückt und krumm, kann kaum liegen und gewiß sich nicht frei regen. Jetzt bleibt nichts übrig, als den eingekeilten Nerv durch zweckmäßige, allerdings sehr schmerzhafte Bewegungen wieder zu lockern, und das wäre von vornherein das Vernünftigste gewesen. Denn durch Bewegung kräftigen sich die schwachen Lendenmuskeln, so daß es zu Störungen in ihrem Gebiet nicht kommt. Anfänglich sind natürlich eigne Bewegungen des Kranken unmöglich, da die Muskeln wie gelähmt sind. Dann setzt man den Kranken auf den Boden, läßt ihn die Füße gegen die Wand stemmen und versucht nun, während der Leidende seine Knie gestreckt hält, den Rumpf gewaltsam nach vorn zu beugen; dabei werden fast alle Muskeln des Rückens und der Beine stark gedehnt, und durch diese Dehnung wird der festgeklemmte Nerv allmählich gelockert und schließlich aus seiner Gefangenschaft erlöst. Wie gesagt, es ist sehr schmerzhaft. Aber der Kranke wird schon nach kurzer Zeit imstande sein, dieselbe Bewegung allein zu machen, er wird bald andre Übungen, etwa das Bücken des Rumpfs bei gestreckten Knien oder andre Beuge-, Streck- und Drehbewegungen ausführen können. Und was die Hauptsache ist, seine Muskeln werden gebraucht, erlangen ihre ursprüngliche Kraft wieder, Rückfälle des Hexenschusses treten nicht mehr auf. Behält der Wiedergenesne dann die Gewohnheit bei, seine Rückenmuskulatur ausgiebig zu gebrauchen, so hat er durch seine Erkrankung einen Gewinn für sein Leben erworben, den er nicht gering schätzen darf.

Ähnlich gestaltet sich das Verhältnis bei der Ischias, dem Hüftweh, nur daß die ganze Lage von vornherein schwieriger zu sein pflegt. Schon der Gelegenheiten zur Erkrankung des Hüftnervs sind viel mehr. Zunächst wird, wie ich schon früher erwähnte, die Bewegung des Hüftgelenks geradezu sträflich vernachlässigt. Nach den Seiten und nach hinten wird das Bein fast nie geführt, weit nach oben erst recht nicht, und das Bücken, das diese Bewegung allenfalls ersetzen könnte, wird alten Leuten, die es am nötigsten brauchen, verboten, unter dem nichtigen Vorwande, daß dabei eine Gehirnblutung auftreten könnte. Ich habe noch nie eine solche Blutung dabei erlebt, obwohl ich gerade den Greisen das Bücken stets eindringlich anrate, habe auch in meinem ganzen Leben nicht davon gehört. Ich kann versichern, daß es ungefährlich ist, und wenn es denn doch einmal vorkommen sollte, so kann man gewiß sein, der Schlaganfall wäre auch ohne das Bücken ein paar Stunden später gekommen. Er wird nicht durch das Bücken, sondern durch die Erkrankung der Hirngefäße verursacht. Im Gegenteil sollte man Leute, die Neigung zum Schlagfluß haben, durch häufiges Bücken, durch öfteres Tieflagern des Kopfes an die unvermeidlichen Flüssigkeitsschwankungen im Schädelinnern gewöhnen.

Bei der Entstehung der Ischias spricht dann weiter die Gewohnheit des Sitzens mit. Auf der Gegend des Hüftnervs lastet dabei das ganze Gewicht, sie ist, abgesehn von den hängenden Beinen, dann der tiefstgelegne Punkt des Körpers, zu dem nach dem Gesetz der Schmerz alle nicht vom Herzen umgetriebenen Flüssigkeiten niedersinken. Ein mehr oder minder starker Druck auf den Hüftnerv ist die natürliche Folge des Sitzens, und ein jeder, der gezwungen ist, lange Stunden auf dem Stuhle zu verbringen, weiß aus eigner Erfahrung, wie steif und ungelenk der Körper dabei wird, wie Verstopfungen, Hämorrhoidalknoten sich nach und nach einstellen. Aber es fällt ihm natürlich nicht ein, das einförmige Sitzen etwa durch Knien auf dem Stuhl zu unterbrechen; das schickt sich nicht, ja er untersagt es seinen Kindern aus Angst, daß sie die Hosen an den Knien durchscheuern. Wenn der Hosenboden fadenscheinig wird, ist das nicht schlimm, dort wird ein Flicken von der Jacke gedeckt. Aber das Knien der Bengel ist ein Angriff auf Vaters knappe Geldbörse.

Mit dem Liegen ist es ähnlich. Die Menschen pflegen, wenn sie nicht überhaupt auf dem Rücken liegen, wobei ja wiederum die Hüftnervgegend gedrückt wird, stets auf einer und derselben Seite zu schlafen, ja den Kindern, die die löbliche Gewohnheit haben, auf dem Bauch zu liegen, wird es verboten, auch wieder aus Angst, es konnten geschlechtliche Erregungen daraus entstehn.

Zu all den Schädigungen, die das Leben selbst mit sich bringt, kommt nun noch das Heer der Unterleibsstörungen. Die Stuhlträgheit – ist der Ausdruck nicht bezeichnend? – das gewohnheitsmäßige Vollessen und Volltrinken, die Schwangerschaften und Entbindungen, das Korsett, der Bierbauch und was es sonst noch an Annehmlichkeiten des täglichen Lebens geben mag. Rechnet man zu alledem die Freundlichkeit der Schuster, die uns die Füße ruinieren, so ist weder die Häufigkeit noch die Hartnäckigkeit der Ischias verwunderlich.

Der Versuch, den Hüftnerv aus seiner Umklammerung zu lösen, wird auch nicht so ohne weiteres durch Dehnung und Bewegung der Beine gelingen. Da heißt es meist alle Lebensgewohnheiten ändern, sehr viel Geduld haben, monate-, vielleicht jahrelang an der Genesung arbeiten. Allerdings steht auch hier wieder das Überbeugen und Überstrecken der Gelenke im Mittelpunkt der Behandlung, entweder in der Weise, wie ich sie vorhin für den Hexenschuß beschrieb, oder so, daß man den Kranken in einen Stuhl mit steifer Lehne setzt und ihm dann das im Kniegelenk stark gestreckte Bein hochhebt, es nach allen Seiten einführt und dreht, oder daß man den Unterschenkel in der flachen Bauchlage gegen den Oberschenkel beugt, oder daß man sonst zweckmäßige Beinbewegungen ausdenkt und verwendet. Einzelne Muskel- und Hautgebiete lassen sich mit den Händen leicht dehnen, so daß auch auf diese Weise auf den Ischiadicus eingewirkt wird. Der Kranke muß dabei durch selbständige Übungen mithelfen. Es gilt da immer die Regel: je öfter die Übung geschieht, umso besser. Steter Tropfen höhlt den Stein. Aber damit ist es, wie gesagt, nicht abgetan. Man muß den Hüftnerv entlasten, durch knappe Kost, Verbot des langen Sitzens und des Korsetts, durch Hochlagern des Hintern, durch Bearbeitung des Bauchs, Beseitigung aller Entzündungsprodukte und so weiter.

Welchen Einfluß die Belastung des Hüftkreislaufs hat, läßt sich leicht feststellen, wenn man die Gegend der Hüfte bei Ischiadikern abtastet, da findet man bald hier, bald da harte Knoten und Schwielen, wie Erbsen, wie Tauben- oder Hühnereier, ja selbst faustgroße Anschwellungen. Allerdings, fühlende Finger muß man dazu haben. Man wundert sich dann nicht über die Hartnäckigkeit der Erkrankung, sondern nur über die Nachlässigkeit der Menschen, die ihren eigenen Körper so wenig kennen, und über die Großartigkeit des Menschenleibes, der jahrelang ohne Beschwerden diese Schäden vertrug. Diese Geschwülste lassen sich freilich nicht durch Strecken und Dehnen beseitigen, auch nicht durch Anregen des Kreislaufs, da braucht es der massierenden, gewaltsam massierenden Hand. Und das tut weh, es läßt sich nicht leugnen.

Wie an den Beinen können auch an den Armen, am Kopf, Gesicht und Nacken, an Bauch, Brust und Rücken die verschiednen Nervengebiete gedehnt werden. Beim Arm, dessen Nerven besonders durch die Arbeit der Hände, durch die fortwährende Beugestellung der Finger gefährdet sind, erreicht man das am besten, wenn man die Finger und das Handgelenk stark nach der Außenseite, der Handrückenseite umbiegt und dann den Arm bei gestrecktem Ellenbogen weit nach hinten führt. Ein jeder kann sich leicht davon überzeugen, wie stark dabei an den Armnerven gezerrt wird. Er braucht dazu nur die Handfläche in Schulterhöhe gegen die Wand zu legen, so daß die Fingerspitzen nach hinten gerichtet sind, und den Oberkörper bei gestrecktem Ellenbogengelenk von der Wand wegzudrehen. Die meisten werden dabei sehr bald einen starken Schmerz durch den ganzen Arm hindurch empfinden. Unter Umständen muß auch umgekehrt die geballte Faust des Kranken mehr nach der Innenseite der Beugeseite des Handgelenks gebogen werden. Es werden dabei andre Stellen gedehnt als bei der Überstreckung der Gelenke.

Auffallend ist, daß das männliche Geschlecht viel mehr mit schmerzhaften Leiden der Arme und Schultern zu tun hat wie das weibliche. Der Druck der Hosenträger auf die Nervenstämme der Halsgruben spricht dabei mit. Hauptsächlich ist es aber durch das Beugen der arbeitenden Finger bedingt, weshalb auch Frauen des Erwerbslebens im Gegensatz zu den Frauen des Haushalts, Wäscherinnen, Zigarettenarbeiterinnen, Näherinnen viel damit zu tun haben. Die Schwere der Arbeit spricht da weniger mit als die Beugestellung der Finger. Man täte wohl auch besser, von der steifen Hand des Arbeiters zu sprechen als von seiner schwieligen. Abgesehn von einzelnen Berufsklassen sind mir Schwielen an den Händen weniger aufgefallen als steife, schwerbewegliche Gelenke.

Sehr häufig sind die Nerven auf lange Strecken an der Innenseite des Oberarms, wo sie dicht unter der Oberfläche liegen, mit der Haut verwachsen, so daß das Entlangstreichen an dieser Stelle, die an einer Furche leicht zu erkennen ist, starke Schmerzen und einen Streifen dicht nebeneinanderliegender Blutaustritte verursacht. Besondre Aufmerksamkeit verdient bei dem Dehnen der Muskeln die Partie, die längs des äußern Schulterblattrandes entlangläuft. Packt man sie in der richtigen Weise, so tritt bei dem Kranken mit Armschmerzen sofort ein taubes Gefühl im Arm auf, das bis zu den Fingerspitzen herunterläuft, ein deutlicher Beweis, daß von dieser Stelle aus die Nerven des Arms gedehnt werden können. Es geht dort ein Nervenast von der seitlichen Brustgegend hinauf zur Achselhöhle, wo er sich mit den andern Nerven vereinigt. Die Erkrankung dieser Stelle ist deshalb so wichtig, weil sie beim Liegen auf der Seite gedrückt wird und die Menschen dann am Schlafen hindert.

Eine besondre Wichtigkeit hat die Dehnung der Nerven für alle Arten der Kopf- und Gesichtsschmerzen. Es gibt nur wenige Kopfwehleider, denen die Dehnung der großen Muskelgruppe zwischen Schulter und Hinterkopf nicht sofort den charakteristischen Schmerz im Hinterkopf bis vor zu den Augenhöhlen auslöst. Den Hals auf diese oder jene Weise zu recken, ist ein selten versagendes Mittel bei diesen Leiden, nur sollte es auch in den schmerzfreien Tagen verwendet werden. Zerren und Reißen an bestimmten Hautstellen, etwa über den Augen, an der Kopfhaut, den Wangen, bringt auch, oft und lange Zeit durchgeführt, manche Migräneanlage zum Verschwinden. Wer sich nun gar darauf legt, den Kopf und Hals auf schmerzhafte Punkte abzutasten, wie ich es von der Fußsohle beschrieb, der wird manche Überraschung erleben, aber auch reichen Lohn für die Behandlung schmerzhafter Leiden finden.

Am Bauch und an der Brust ist man im wesentlichen auf den Versuch angewiesen, die Haut und Muskulatur mit den beiden Händen zu packen und daran zu zerren: mitunter ist es auch zweckmäßig, namentlich in den Zwischenrippenräumen, die beiden Daumen fest auf die Haut zu setzen und sie, dem Verlauf der Rippen folgend, nach verschiednen Seiten gleiten zu lassen. Besonders der sechste und siebente Zwischenrippenraum der linken Seite kommen dabei in Betracht. Das, was gewöhnlich Herzschmerz genannt wird, ist durch die Erkrankung dieser Nerven bedingt; Pulsbeschleunigung, Herzklopfen, zeitweise Atemnot, auch Unfähigkeit, auf der linken Seite zu liegen, pflegen sich anzuschließen. Beim Abtasten der Nerven läßt sich leicht feststellen, daß sie in ihrem ganzen Verlauf von der Wirbelsäule bis zum Brustbein empfindlich sind, ja daß der Schmerz oft durch Vermittlung der vorher erwähnten Schulterblattnerven in den linken Arm ausstrahlt. Das gilt als ein böses Zeichen, und ängstliche Leute denken bei diesen Armschmerzen sofort an Verkalkung der Herzgefäße, meist ist es aber eine recht harmlose Sache, die nur nicht von selbst heilt, sondern behandelt sein will.

Zustande kommen diese sehr quälenden Erscheinungen durch eine Verdrängung des Herzens von seinem Platz. Zwischen Bauchraum und Brustraum ist nämlich das Zwerchfell ausgespannt, der Muskel, der hauptsächlich die Atmung vermittelt. Dieser Scheidewand ist im Brustraum das Herz aufgelagert, während im Bauchraum Magen und Darm an ihre untre Fläche grenzen. Sind nun Magen und Darm durch angesammelte Speisen, Kot- und Gasmassen zu sehr ausgedehnt, so wird das Zwerchfell stark aufwärts gewölbt und gleichzeitig das Herz nach oben gegen die Brustwand gedrückt. Es hämmert dann mit aller Kraft gegen die sechste und siebente Rippe und deren Nerven. Diesem Zusammenhang entsprechend tritt meist eine Erleichterung des Zustandes ein, sobald Magen und Darm durch Aufstoßen und Winde von den blähenden Gasmengen befreit werden, das Herz wieder an seinen richtigen Platz zurücksinkt. Bei wirklichen Herzklappenfehlern, die oft genug unter diesen Umständen fälschlich diagnostiziert werden, ist die Empfindlichkeit der Zwischenrippennerven selten zu finden, es müßte denn gleichzeitig ein Hochstand des Zwerchfells vorhanden sein; das führt aber rasch zu schweren Symptomen, vor allem zu Wassersucht.

Daß dieses Aufwärtsdrängen des Zwerchfells tatsächlich die Herzbeschwerden bedingt, läßt sich bei jeder Schwangerschaft beobachten. Die Gebärmutter mit dem darin ruhenden Kinde schiebt nach und nach bei ihrer wachsenden Ausdehnung Zwerchfell und Herz nach oben, und es treten dann ähnliche Erscheinungen auf, wie ich sie eben beschrieb, nur weniger gewaltsam. Daß die Schwangerschaft gerade durch die allmähliche Dehnung der Haut und Muskulatur ein außerordentlich wirksamer Heilfaktor werden kann, ist nach dem, was ich über die Nervendehnung gesagt habe, verständlich. Man braucht sich nur die Größe eines neugebornen Kindes vorzustellen, um zu begreifen, in welchem Maße dabei an alten Narben und Entzündungsresten gezerrt und gezogen wird; und daß diese Dehnung der Leibesdecke so langsam vor sich geht, jeden Tag und jede Stunde neun Monate lang ein wenig mehr, macht die Wirkung doppelt groß.

Ich werde später ausführen, wie ein Teil der Beschwerden sowohl wie das merkwürdige Aufblühen der Frauen während der Schwangerschaft auf Dehnung der Gefäße zurückzuführen ist. Hier möchte ich nur darauf aufmerksam machen, daß ebensogut, wie durch das Wachstum der Gebärmutter alte Verklebungen und Einklemmungen zum Heil der Kranken gelöst werden, auch einmal recht unangenehme Folgen dadurch eintreten können. Namentlich gilt das von Gallen- und Nierensteinen; es ist nicht selten, daß die durch die Schwangerschaft in Bewegung gesetzt werden und Koliken auslösen. An und für sich ist der Gallenstein oder Nierenstein ein harmloses Ding, das tot an irgendeiner Stelle der Gallenblase oder des Nierenbeckens liegt und nichts weiter auf sich hat. Beide Arten der Steinbildung sind so häufig, daß, wenn man alle Leute, die damit behaftet sind, krank nennen wollte, wenig Gesunde übrigbleiben würden. Schlimm werden die Steine erst, wenn sie aus ihrer gewohnten Lage gebracht werden und so entweder Entzündungen hervorrufen oder irgendwelche Nervenbahnen drücken. Gerade die Schwangerschaft aber verrückt leicht die Steine, so daß dann die Kolik oder eine ganze Reihe von Koliken entsteht. Noch häufiger allerdings bringt das die Entbindung zuwege, bei der ja plötzlich ein weiter Raum im Bauche entsteht, so daß die Eingeweide gewissermaßen ins Rutschen kommen. Entweder rutschen die Steine mit, oder sie werden zu plötzlich aus ihrer drangvollen Enge befreit, und es dauert dann eine Zeit, ehe sie sich wieder beruhigen.

Wir sind bei der Besprechung des Muskelrheumatismus unversehens in das Gebiet des Nervensystems hineingeraten, das nun füglich näher erörtert werden kann. Daß der Nerv den Schmerz vermittelt, ist bekannt, und der Schluß, daß er uns ebenso jede andre Empfindung, mag sie angenehm oder unangenehm sein: Berührung, Kitzel, Kälte und so weiter, zum Bewußtsein bringt, ergibt sich von selbst. Die fünf Sinne: Gesicht, Gehör, Geruch, Geschmack und was alles man unter dem Wort Gefühl zusammenfaßt, sind von bestimmten Nerven abhängig. Ich erwähnte aber schon, daß auch jeder Muskel durch seinen Nerv in Tätigkeit gebracht wird, daß also ebenso wie die Empfindungen und Wahrnehmungen auch die Bewegungen durch Nerveneinflüsse geregelt werden. Dabei ist wohl zu bedenken, daß der Nervenstamm selbst, dieser mehr oder weniger dicke Strang, wie ich ihn früher beschrieb, weder empfindet noch aus eigner Kraft Bewegungen hervorruft, daß er vielmehr nur zwischen Gehirn und Organ vermittelt.

Da die Empfindungen im allgemeinen durch äußre Eindrücke geweckt werden, gewissermaßen an der Oberfläche entstehn, so müssen, um sie dem Gehirn, dem Bewußtsein zu übermitteln, Nerven von der Oberfläche nach dem Gehirn hingehn. Umgekehrt hat der Wille, eine Bewegung auszuführen, seinen Sitz im Gehirn, und dem Muskel muß der Befehl zur Zusammenziehung durch Nervenfäden gebracht werden, die vom Gehirn zum Muskel laufen. Es muß also zwei Arten Nerven geben, Empfindungs- und Bewegungsnerven, und ihre Tätigkeit muß in entgegengesetzten Richtungen wirken, bei der Empfindung nach dem Zentralnervensystem (Gehirn- und Rückenmark) hin, das andremal von dem Mittelpunkt fort. Diese Nerven haben jedoch im allgemeinen nicht getrennte Bahnen, sondern sie sind in den einzelnen Nervenstämmen nebeneinandergelagert, so daß diese aus Empfindungs- und Bewegungsnerven gebildet sind.

Meist veranschaulicht man die Tätigkeit des Nervensystems durch das Bild der Telegrafie. Auf irgendeine Stelle des Körpers, etwa durch Berührung der Haut, wird ein Reiz ausgeübt. Das würde dem Ort entsprechen, wo das Telegramm aufgegeben wird. Von dieser Aufgabestation aus wird die Depesche, die Empfindung, durch den Draht, den Empfindungsnerv, einer Zentrale, dem Gehirn, übermittelt und von dieser an die Ausgabestelle, den Muskel, durch den Bewegungsnerv weiterbefördert. Man muß sich dabei gegenwärtig halten, daß die Drähte zu und von der Zentrale in einem und demselben Kabel liegen, und daß der Empfindungsnerv niemals für Vermittlung von Willensaktionen benutzt wird und umgekehrt der Bewegungsnerv nie für Empfindungen. Das Gehirn selbst ist in Bezirke für die einzelnen Körperteile eingeteilt, so daß beispielsweise alle Wahrnehmungen des Auges zu einer bestimmten Stelle des Gehirns gehen, alle Empfindungen des Arms oder Beins zu einer andern. Ist die Stelle des Gehirns, die die Gesichtseindrücke wahrnimmt, zerstört, so formt sich allerdings im Auge noch das Bild der Gegenstände, es wird aber nicht mehr gesehn, der Mensch ist seelenblind geworden, wie der Ausdruck lautet. Ist das Armzentrum funktionsunfähig, so können Bewegungen im Arm nicht mehr willkürlich ausgeführt werden.

Am bekanntesten und für den Laien am auffallendsten in dieser Beziehung sind die Sprachstörungen, die im Anschluß an Gehirnblutungen auftreten. Wird das Zentrum für die Zungen- und Lippenmuskulatur dabei getroffen, so wird der Mensch mehr oder weniger unfähig zu sprechen, er lallt. Ebensogut kann aber auch das Bewegungszentrum gesund bleiben und ein andrer Bezirk des Gehirns, das Denkzentrum der Sprache, das, was man im eigentlichen Sinne des Worts Sprachzentrum nennt, zerstört werden. Dann spricht der Kranke noch, das heißt er bildet: Worte, aber seine Worte entsprechen nicht mehr dem, was er sagen will; er will etwa ein Stück Papier haben, um etwas aufzuschreiben, aber statt Papier sagt er Lappen oder statt Löffel Ofen und so weiter. Bei dieser Art von Sprachstörungen geraten Kranke und Pfleger in eine verzweifelte Lage, da die Verständigung außerordentlich erschwert ist. Ab und zu treten auch Zustände auf, bei denen der Kranke fließend und richtig spricht, aber falsche Antworten auf Fragen gibt. Dann ist entweder das Hörzentrum verletzt, so daß die Fragen falsch, auch gar nicht verstanden werden, oder die Verbindung zwischen Hörzentrum und Sprachzentrum ist gestört, so daß die richtig gehörte Frage dem Sprechmechanismus falsch übermittelt wird. Gewöhnlich dauern diese Erscheinungen, falls der Tod nicht eintritt, nur kurze Zeit, ein paar Stunden oder Tage; denn meist handelt es sich bei den Blutungen, die den Schlaganfall verursachen, um kleine Mengen, die bald wieder aufgesogen werden. Die bedrohlichen Zeichen sind dann nur durch den Druck des ausgetretnen Blutes auf die Umgebung herbeigeführt, nicht durch Zerstörung der Gehirnmasse selbst. Es handelt sich auch nicht immer um Blutungen. Ähnliche Erscheinungen werden durch Geschwülste, durch Entzündungen und andre Erkrankungen bedingt.

Aus dem Aufbau des Nervensystems, wie ich es vorhin zu schildern versuchte, ergibt sich schon, daß eine Lähmung, selbst wenn sie plötzlich auftritt, nicht ohne weiteres mit einem Schlagfluß, das heißt mit einer Gehirnblutung, gleichgesetzt werden darf. Die Lähmung der Muskulatur oder die Empfindungslosigkeit irgendeines Körperteils kann ebensogut durch eine Unterbrechung der Leitung wie durch eine Störung im Zentralorgan bedingt sein. Es ist Aufgabe der Untersuchung festzustellen, ob etwa ein einzelner Nervenstamm oder eine Gruppe von Nerven erkrankt ist, oder ob sich der Herd des Leidens in dem Gehirn oder Rückenmark findet. Sowohl für die Behandlung wie für das Urteil über den Ausgang des Leidens macht das einen großen Unterschied. Weiterhin läßt sich aber auch oft genug aus der Art der Lähmung und andern Erscheinungen fast bis auf Millimeters Breite der Ort bestimmen, an dem etwa das Zentralnervensystem verletzt ist. Bei der Seelenblindheit und Seelentaubheit, bei jenen Arten der Sprachstörungen, die ich oben erwähnte, weiß man genau, wo die Störung stattgefunden hat, und man ist unter Umständen in der Lage, den Schädel aufzumeißeln und die erkrankte Stelle operativ zu behandeln.

Abgesehn davon haben aber die wachsenden Kenntnisse auf dem Gebiet der Gehirn- und Rückenmarksfunktionen uns einen schwachen Lichtschimmer gegeben, der uns bei der Beurteilung des Seelenlebens leiten kann. Allerdings ist nicht die Rede davon, daß das Problem der Geistestätigkeit auf diesem Wege jemals gelöst werden würde; wir dürfen wohl annehmen, daß dieses Problem für alle Zeiten unlösbar ist. Aber gewisse Einblicke in das Dunkel haben sich aufgetan. So wie man festgestellt hat, daß es an bestimmten Stellen Zentren für bestimmte Funktionen des Körpers gibt, so hat man auch einiges über die Verbindungen dieser Zentren untereinander in Erfahrung gebracht, man hat auch ungefähr einen Begriff davon bekommen, wie die einzelnen Gehirnregionen auf die verschiednen Nerven einwirken können. Wer jemals sich auch nur oberflächlich mit dem menschlichen oder tierischen Körper beschäftigt hat, weiß, daß die Nervenstämme, wie sie in Rumpf und Gliedmaßen verlaufen, in die Höhle der Wirbelsäule und weiterhin in das darin enthaltne Rückenmark eintreten. Dort aber verschwindet die Form des Nervs, wie wir sie vom Körper her kennen, vollständig, und unter gewöhnlichen Bedingungen läßt sich der Weg, den die Empfindung oder der Wille zur Bewegung nimmt, um zu dem Zentrum im Gehirn zu gelangen, nicht mehr verfolgen.

Der Verlauf gewisser Gehirn- und Rückenmarkserkrankungen, mögen sie nun durch das tägliche Leben oder das Tierexperiment herbeigeführt sein, hat uns da weitergeholfen. Es treten nämlich bei der Verletzung bestimmter Gehirnteile jedesmal entsprechende Veränderungen in andern Gehirnteilen und im Rückenmark auf, die den Weg angeben, durch den das verletzte Hirnzentrum mit der Austrittsstelle des Nerv aus dem Rückenmark verbunden ist. Mit Hilfe der vervollkommneten mikroskopischen Technik sind diese Forschungen bis zu einem bemerkenswerten Grade der Klarheit vorgedrungen. Besonders fördernd sind dabei die Untersuchungen über die Entwicklung des Nervensystems beim Kinde gewesen. Der Vergleich zwischen nicht ausgetragnen Früchten, die durch irgendeinen Zufall im Mutterleib abgestorben sind, mit neugebornen und weiterhin mit heranwachsenden Kindern hat manchen Aufschluß gebracht. Denn das Nervensystem ist ja ebensowenig wie irgendein andrer Organkomplex von vornherein nach der Empfängnis da, es entsteht vielmehr nach und nach, je nachdem diese oder jene Körperteile zur Ausbildung gelangen.

Die ganze Entstehung des Menschen ist nicht so zu denken, daß etwa nach der Empfängnis gleich ein Kindchen, wenn auch in den kleinsten Dimensionen mit Armen, Beinen, Kopf, Augen und so weiter versehn, vorhanden wäre. Vielmehr ist anfangs nichts andres da als das befruchtete Ei mit den zwei Kernen, von denen ich früher sprach. An diesem befruchteten Ei ist auch nicht eine Spur der spätren Menschenform wahrzunehmen, es ist eine einfache Kugel. Den Weg, den das Leben einschlägt, um aus dieser Kugel Knochen und Muskeln, Augen, Ohren und Nase, Herz und Nieren zu bilden, kennen wir ungefähr, wir kennen die Folge, in der sich die einzelnen Körperteile entwickeln. Warum aber aus dieser befruchteten Kugel immer in derselben Weise ein menschliches Wesen wird, davon haben wir im Grunde genommen nicht die geringste Vorstellung. Es ist Geheimnis, und weil es Geheimnis, dunkle Finsternis ist, ohne eine Spur von Licht, sehn wir nicht einmal, welch ein Wunder es ist. Wir tun ja auf allen Gebieten, als ob alles klar wäre, und wissen doch nichts. Wir sind wie der Bauernbursche, den der Leutnant fragt, warum die Erde rund ist. Weil der Herr Leutnant es befohlen haben. Weil die Wissenschaft es befohlen hat, das ist unsre Antwort. Aber weder der Leutnant weiß, warum zuletzt die Erde rund ist, er kann es nicht wissen, noch die Wissenschaft, warum aus dem Ei ein Mensch wird. Schließlich, wenn man die verzwickten Antworten, die gegeben werden, prüft, kommen sie alle darauf hinaus: Aus dem Ei wird ein Mensch, weil aus dem Ei ein Mensch werden muß.

Wie gesagt, über den Zwang, der das Menschwerden beherrscht, wissen wir nichts, wir wissen aber, daß im siebten Monat der Schwangerschaft das Nervensystem eine bestimmte Höhe der Ausbildung gewonnen hat, daß sie im achten, neunten Monat weiterschreitet und sich nach der Geburt im Verlauf von Jahren vollendet. Und diese verschiednen Stadien der Ausbildung haben es ermöglicht, die verschlungnen Wege der Nervenbahnen im Zentralorgan einigermaßen zu verfolgen.

Besonders die Vorgänge nach der Geburt, in den ersten Jahren des Lebens, sind hierfür lehrreich. Ich möchte bei dieser Gelegenheit betonen, daß man nicht imstande ist, den Beginn des Menschendaseins festzulegen. Selbst die Empfängnis ist für den Menschen nicht der Anfang. In Mann und Weib lag er schon vorgebildet, lebendig; in alle Ahnenreihen hinauf läßt sich dieser angeblich neue Mensch zurückverfolgen, körperlich und seelisch. Die Geburt gar, die für die grobe Betrachtung ein Anfang ist, ist nur eine Etappe im Leben, nicht der Beginn; jede künstliche Frühgeburt beweist das, ganz zu schweigen von den seltnen Fällen, in denen ein lebendiges Kind aus dem toten Mutterleib herausgeholt wird. Jede Bewegung des Kindes im Mutterleib beweist, daß individuelles Leben längst vor der Geburt vorhanden ist.

Bei der Geburt fehlen auch die wesentlichsten Funktionen, die den Menschen ausmachen, ja teilweise fehlen die anatomischen Grundlagen, die Organe dafür. Das neugeborne Kind kann weder sehen noch hören, wenigstens nicht in dem Sinne, wie wir Menschen diese Worte gebrauchen, es kann nicht eine zweckmäßige Handlung vornehmen, es kann nicht essen und trinken, es hat weder die Sprache noch den aufrechten Gang, was doch beides als Unterscheidungsmerkmal des Menschen vom Tiere gilt. Der Moment der Geburt bringt im Grunde nur das eine Neue, daß das Kind atmet, alles andre war entweder schon vorher da, oder kommt erst nachher. Alles muß erst gelernt werden. Man bedenke aber einmal, was da alles gelernt wird und in welch kurzer Zeit. Zunächst das Trinken, das Sehen, Hören, Fühlen, das Wahrnehmen und Denken, Greifen und Begreifen, das Gehen und Sprechen und was es sonst noch an im Kindesalter erworbnen Fähigkeiten geben mag. Wenn man das alles zusammenrechnet, versteht man sofort, daß dieses Kindesalter eigentlich das leistungsfähigste des ganzen Lebens ist, daß nie wieder an den Menschen so gewaltige Anforderungen gestellt werden, daß nie wieder so starke Eindrücke in solcher Zahl auf ihn einstürmen. Der Begriff der Vollkommenheit des Menschen, des Menschenwunders drängt sich da wieder auf. Es drängt sich aber auch die Überzeugung auf, daß an diesen Leistungen gemessen, die der Neugeborne doch leicht erträgt, das Latein- und Griechischlernen unsrer Gymnasiasten ein Kinderspiel ist, und daß es wohl nicht die Überbürdung m:t Arbeit sein kann, die unsre Schuljugend schädigt. Die offen zutage tretenden Fehler, die Knaben und Mädchen aus der Schulzeit mit ins Leben nehmen, sind nicht auf zu große Anforderungen an ihren Verstand und ihre geistige Fassungskraft und Leistungsfähigkeit zurückzuführen, vielmehr müssen da andre Gründe vorliegen, denen nachzugehn Pflicht der Schule wäre. Schwer zu finden sind die Ursachen großenteils nicht.

Ich sagte vorhin, daß die Beobachtungen über die Funktionen des Gehirns, wie sie anhand von Experimenten und Krankheiten gemacht worden sind, einige wenige Anhaltspunkte für die Beurteilung des menschlichen Denkens gegeben haben. Das gilt besonders von den sogenannten Geisteskrankheiten. Die Geisteskrankheit ist sozusagen ein Instrument, mit dessen Hilfe man die menschlichen Seelenzustände untersuchen kann. Sie wirkt wie ein Mikroskop. Ein kleiner Teil des Geisteslebens tritt uns da in starker Vergrößerung vor die Augen, und wenn wir auch aus dem mikroskopischen Bilde nicht auf Form und Gestaltung des Ganzen schließen können, so zeigen sich dafür eine Reihe innrer Strukturverhältnisse, Details, die eben erst im künstlichen Bilde sichtbar werden. Wie Versteinerungen vorweltlicher Tierknochen unsre Phantasie anregen und uns allenfalls ermöglichen, uns vergangne Zeiten lebendig zu machen, so geben die Geisteskrankheiten Anregungen, unser Urteil über den Menschengeist zu vervollkommnen. Eine oder mehrere Seiten der Seele treten in greller Beleuchtung, vielleicht in den Dimensionen verzerrt, aber furchtbar deutlich hervor.

Die Belehrungen, die der Arzt aus dem Studium und der Behandlung Irrsinniger empfängt, am besten durch eine längere Tätigkeit in einer Irrenanstalt, sind unschätzbar und kaum auf andrem Wege zu erlangen. Die psychische Überlegenheit des Arztes über den Kranken ist ja die Grundlage, die Grundbedingung aller Behandlung. Der Arzt muß Herr über den Kranken sein. Und wenn ihm auch die Krankheit selbst von vornherein den Kranken unterwirft, so sind ihm doch angeborne Herrschergaben notwendiger als alles andre, und diese Herrschergaben auszubilden ist seine Pflicht. Der Arzt muß Persönlichkeit haben, viele Persönlichkeiten in sich vereinen. Um das zu können, sollte er die Möglichkeiten menschlicher Charakterbildung in tausendfacher Abwandlung kennenlernen, und nirgends wird ihm dazu bessre Gelegenheit geboten als im Irrenhause.

Bei der Verrückung aller Grundlagen des irren Geistes lockert sich das feste Gefüge, unter dem das innre Leben des Menschen haust, und tiefe Risse und Spalten gestatten einen Einblick in die Abgründe der Seele. Beispielsweise möchte ich an die Zusammenhänge zwischen Körper und Seele erinnern, die sich so oft bei psychischen Erkrankungen offenbaren. Delirien, die durch Hunger oder Durst entstehn, beweisen das, alltäglich begegnen wir dem Zusammenhang bei Trunknen und am klarsten in den Fieberphantasien, die man, so seltsam es auch manchem klingen mag, doch zu den akuten Geisteskrankheiten rechnen muß; und wem das nicht paßt, wer durchaus nur die Insassen der Anstalten für geisteskrank halten will, den erinnre ich an psychische Leiden, die im Anschluß an die Pubertät oder das Klimakterium, an Schwangerschaft und Entbindung auftreten. Ist der Blick erst einmal auf diese Dinge gerichtet, dann sieht er erstaunliche Verbindungen und Brücken zwischen Vorgängen, die scheinbar abgrundtief voneinander getrennt sind. Das Geschlechtsleben, das unsre Sittengesetze möglichst zu erdrücken suchen, steht plötzlich in seiner unheimlichen Größe da, als das Weltmysterium, als das Urphänomen allen Lebens, das in ewig wirkender Kraft Gutes und Böses schafft, Völker, Religionen, Kulturen wunderbar aufbaut oder mit gewaltigen Händen zertrümmert, das die Menschheit bewegt und den Einzelnen, das zum Gott und zum Narren macht.

Gerade die letzten Jahre haben den Zusammenhängen zwischen den Erscheinungen des täglichen Lebens und dem Geheimnis des Geschlechts, an dem sich die schwatzende Welt scheu und lüstern vorbeizuschleichen pflegte, mit vielleicht zu eifrigem Bemühn nachgespürt. Eine Wandlung der sittlichen Begriffe scheint vor sich zu gehn, von der freilich niemand vorhersagen kann, ob sie zum Aufgang führen wird oder zum Niedergang. Und wie auf allen Gebieten des Weltgetriebes dieses Suchen meist in wenig erfreulicher Gestalt sein Wesen treibt, so auch in der Medizin, in der die Lehre der Psychoanalytiker mehr und mehr Anhänger gewinnt. Bei der Psychoanalyse, der Seelenzergliederung, handelt es sich im wesentlichen darum, Krankheitserscheinungen aller Art, seelische und körperliche, durch genaues Durchforschen der Schlupfwinkel des innersten Herzens auf starke seelische Eindrücke zurückzuführen, die den Kranken meist schon in früher Kindheit betrafen und die fast stets geschlechtliche Erlebnisse waren. Diese Erlebnisse werden, darauf ungefähr kommt die Lehre hinaus, von dem Kinde in bewußtem oder unbewußtem Schamgefühl verschwiegen, ja die Erinnerung daran ist so quälend, daß der Mensch versucht, sie durch absichtliches Darüberhäufen andrer Gedankenbilder zu ersticken. Das gelingt jedoch nicht, vielmehr wird das Erlebnis nur verdrängt, sein Eindruck bleibt aber, wühlt im Innern, Charakter, Gesundheit und Leben mit geheimnisvoller Gewalt gestaltend, und bricht immer und immer wieder in verwandelter Form hervor, obwohl vielleicht scheinbar alle Erinnerung an das Ereignis verschwunden ist.

Dieses Erlebnis nun wieder klar aufzudecken, seine Harmlosigkeit zu zeigen, dem Kranken Stufe für Stufe die Entwicklung seiner Leiden aus dem vergeblichen Versuch des Gedankenmordens zu erklären und ihn so zu heilen, gilt den Psychoanalytikern als Aufgabe ihrer eigentümlichen Behandlung. Ich gestehe offen ein, daß Freud, auf dessen Wirken die ganze Bewegung zurückzuführen ist, unsre Kenntnisse des Seelenlebens in hohem Grade bereichert hat. Auch die Berechtigung und die verblüffenden Erfolge dieser Behandlung im geeigneten Fall und durch den geeigneten Arzt sind ohne weiteres anzuerkennen. Das Faktum, daß fast alle Kinder dergleichen Erlebnisse haben, von denen sie immer und immer schweigen, läßt sich nicht leugnen. Trotzdem sind die Krankheitsfälle, die eine solche Behandlung unbedingt erfordern, bei denen sie in keiner Weise zu ersetzen ist, selten, und die Menschen, die groß, selbstlos und gütig genug sind, sie ohne schwere Gefährdung des Kranken zu handhaben, sind noch seltner. In der Methode an sich liegt eine große Gefahr für den Kranken, die selbst der Meister der Kunst nicht immer vermeiden kann. Der Kranke wird dabei genötigt, sein tiefstes Geheimnis zu offenbaren, er gibt seine Persönlichkeit einem Andern preis. Selbst wenn man annehmen könnte, daß dieser Andre diskret genug wäre, dieses Geheimnis zu verschweigen, was nach dem Ausweis der Literatur nur bei einzelnen der Fall ist, läßt sich doch ohne weitres sagen, daß der Kranke durch das Bewußtsein, der Arzt dort weiß etwas von mir, was niemand wissen darf, in eine unlösbare Abhängigkeit von seinem Helfer gerät. Er ist für alle Zukunft der Sklave seines Arztes; selbst wenn er den Mut hat, sich frei zu bewegen, fühlt er doch immer die Ketten. Es gehört eine Robustheit des Denkens dazu, sich wieder zu befreien, wie sie bei diesen Kranken nicht vorauszusetzen ist und in der Tat selten genug vorkommt. Diese Klippe können wie gesagt selbst die Vornehmen unter den Psychoanalytikern nicht immer vermeiden. Aber wieviel solche Künstler gibt es denn überhaupt?

Diese ganze Bewegung wirkt etwa so, als wenn man jedem den Gebrauch der Morphiumspritze freigeben wollte, mit dem Befehl, alle, die Schmerzen haben, zu spritzen. Jetzt geht das ja noch allenfalls. Es sind bisher großenteils Ärzte, die das gefährliche Gift der Psychoanalyse handhaben. Aber lange wird das nicht dauern. In den Kreisen der Ärzte wird diese Kunst nicht bleiben. Sie wird sich ausbreiten wie eine Seuche, hat sich schon ausgebreitet. Alle geschlechtlichen Dinge haben eine unwiderstehliche Anziehungskraft gerade auf die schlechten Elemente unter den Menschen. Sie werden sich bald der neuen Methode bemächtigen, sie zu ihrem Vergnügen ausnützen und den Schmutz, der in den Tiefen des Geschlechtslebens ruht, mit Wonne aufrühren. Es wird eine heidenmäßige Sache werden, wenn erst einmal alles, was sich einbildet psychologisches Verständnis zu haben, in den Geheimnissen der Freunde, Verwandten und Schutzbefohlenen herumwühlt. Und wer bildet sich das nicht ein, ja wer hat auch nur die Möglichkeit, sich dieser Einbildung zu entziehen, da einen jeden seine Eigenschaft als Vater, als Lehrer oder Erzieher, als Freund und Gatte dazu zwingt, irgendwelche Psychologie zu treiben? Es wird damit gehn wie mit dem Klavierspielen. Weil es zwei oder drei große Künstler gibt, die Klavier spielen können, wird jeder Schulbube und jede höhere Tochter an den Marterkasten gesetzt. Aber mit schlechtem Klavierspielen tut man nur den Ohren weh, das Spiel mit der Psychoanalyse wird unzählige Herzen zerreißen.

Wer ein einziges Mal ein unglückliches Geschöpf gesehen hat, das, ohne Heilung zu finden, durch die Hände gewiegter und gewissenhafter Psychoanalytiker gegangen ist, der kann sich eine Vorstellung machen, was bei blöder Pfuscherei daraus werden wird. Dabei ist der Philisterhochmut schon so geschwollen, daß man glaubt, alle Geheimnisse des Denkens und Dichtens zu verstehn, weil man es jetzt in Büchern druckt, daß Träume sexuell gedeutet werden können, und daß Kinder gewöhnlich mehr von der Welt wissen, als prüde und blinde Eltern für wahr halten wollen. Der Mensch bleibt immer derselbe. Hat er eine kleine Wahrheit entdeckt, so glaubt er der Herrgott zu sein und alles zu verstehn.

Es ist nicht meine Aufgabe, Moral zu predigen, und wer die Absicht aus meinen Worten herausliest, daß ich den Weltverbeßrer spielen möchte, legt ihnen einen falschen Sinn unter. Die ganze Frage, die ich eben behandelte, gehört in den Verlauf unsrer Zeit, die für gesund oder krank zu halten Geschmacksache ist. Mehr oder weniger ist jede Zeit sowohl gesund wie krank, genauso wie jeder Mensch gleichzeitig gesund und krank ist. Ein bißchen verrückt ist jeder, heißt es im Sprichwort, und das Sprichwort mag wohl recht haben. Gerade auf dem geschlechtlichen Gebiet zeigt sich das. Da gilt die Verrücktheit für normal. Wenigstens fällt es niemandem ein, das närrische Verhalten verliebter Leute mit demselben Maßstabe zu messen wie das Betragen gesetzter Ehegatten. Es verwundert sich auch niemand in Kriegszeiten über den bestialischen Wahnsinn des Mannes, der Menschen abschlachtet, die ihm nicht das geringste getan haben, noch über die offenbare Torheit der Mutter, die selbst im Idioten noch ihren Sohn bewundert. Urteilsstörungen, Verstandestrübungen gehören in das normale Leben hinein, und daß man sie nicht krankhaft nennt, ist lediglich eine Denkgewohnheit. Aber man darf deshalb, weil man einem Phänomen immer und immer wieder begegnet, es nicht einfach wegleugnen. Es läßt sich eben nicht bestreiten, daß das Leben zeitweise den Menschengeist verwirrt, wenn es damit bestimmte Zwecke erreichen will.

Ich erwähnte schon die auffallenden Veränderungen der Weibesseele, die die Schwangerschaft hervorruft, Veränderungen, die nicht etwa nur in den bekannten Schwangerschaftsgelüsten hervortreten, sondern der Frau ein immer wiederkehrendes Gepräge aufdrücken. Die körperlichen Vorgänge haben eben, nicht nur in der Krankheit, im Fieber, einen bestimmten und bestimmenden Einfluß auf den Geist, der nur, weil er eben in das alltägliche Leben gehört; so wenig beachtet wird wie etwa die Farbe der Tapete in der Stammkneipe. Besonders merkwürdig ist es, daß Tausende und Millionen Menschen durch die Welt laufen, ohne zu bemerken, daß das ganze weibliche Geschlecht ohne Ausnahme von der Natur zur Zeit der Menstruation periodischen Geistesveränderungen unterworfen ist. Entweder steigert ihr Seelenleben oder es sinkt oder es wandelt sich ab, unverändert aber bleibt es nie. Die Kenntnis dieser Tatsache ist längst Allgemeingut derer, die sich berufsmäßig mit der Frauenpsyche beschäftigen müssen, wie die Ärzte, Juristen, Geistlichen. Aber wie viel Neid würde aus der Welt verschwinden, wenn auch die Ehemänner das wüßten und darauf Rücksicht nehmen könnten, vor allem wenn die Frauen selbst sich dieser Eigentümlichkeit ihrer Natur bewußt wären und sich sagten: Nimm dich zusammen, dein periodischer Raptus kommt; laß dich nicht unterkriegen.

Es ist unter Umständen sehr schwer zu unterscheiden, ob gewisse Vorgänge mehr seelischer oder körperlicher Natur sind, da sich beides unlösbar verquickt. Bei der Periode des Weibes beachtet man gewöhnlich nur die körperlichen Vorgänge, einfach wohl deshalb, weil die Blutung die Aufmerksamkeit gefesselt hält. In Wahrheit ist aber die Blutung das Unwesentliche an dieser merkwürdigen Erscheinung. Noch Jahre nach dem kritischen Alter, wenn die Blutungen längst nicht mehr auftreten, ja selbst nach Entfernung; der Gebärmutter lassen sich die periodischen Seltsamkeiten deutlich wahrnehmen. Die seelische Erregung ist für das Leben auch gar nicht zu entbehren. Die Menstruation ist die Grundbedingung für die Empfängnis, und zwar nicht die Blutung, die nur das sichtbare Zeichen der Menstruation ist, sondern die Loslösung des Eis vom Eierstock.

Rein äußerlich betrachtet läßt sich der Vorgang der Menstruation leicht begreifen. Es handelt sich, wie jedermann weiß, um Blutungen der Gebärmutter, die in regelmäßigen, etwa vier Wochen dauernden Pausen auftreten. Die Gebärmutter selbst ist ein etwa birnengroßes, innen hohles und starkwandiges muskulöses Organ, dessen Höhle durch eine Öffnung mit der Scheide in Verbindung steht. Die Innenwände der Höhle sind mit einer blutreichen Schleimhaut ausgekleidet, so ähnlich wie etwa Nase oder Mund. Die Aufgabe der Gebärmutter ist, den befruchteten Menschenkeim in sich zu hegen und zur Entwicklung zu bringen, bis das neue Menschenkind geboren werden kann. Im Lauf dieser Entwicklung der Frucht zum Kinde muß sich selbstverständlich die Gebärmutterhöhle und weiterhin das ganze Organ zum Vielfachen der ursprünglichen Größe ausdehnen. Nach der Entbindung geht sie wieder auf ihre früheren Dimensionen zurück. Die Befruchtung selbst, die ich früher beschrieb, geht schon in der Gebärmutterhöhle vor sich, dort treffen sich männliche und weibliche Zeugungszellen. Die weiblichen Eier – im Laufe des Lebens entstehn eine große Menge – werden jedoch nicht in der Gebärmutter gebildet, sondern in den Eierstöcken, zwei rundlichen Organen zu beiden Seiten der Gebärmutter, die durch die Eileiter mit der Gebärmutterhöhle verbunden sind. Dort reift das Ei heran, und erst wenn es vollständig ausgebildet ist, gelangt es in die Gebärmutter und wartet dort eine Zeitlang auf den befruchtenden männlichen Kern. Da die Aussicht auf eine Schwangerschaft besteht, solange das Ei in der Gebärmutter weilt und lebensfähig ist, beginnt nun der weibliche Körper für diese Zeit des Hoffens und Wachsens zu sorgen. Um aus dem winzigen Ei das Menschenkind zu bilden, bedarf es eines weichen Betts, das das zarte Gebilde vor Verletzungen schützt, und. einer großen Vorratskammer, um dem rasch wachsenden Keim Nahrung zu geben. Für beides sorgt die Gebärmutter. In ihrem Innern nämlich regen sich allerlei Kräfte, die Schleimhaut wuchert und wird dicker, saftreicher und lockerer, neue Blutgefäße bilden sich, kurz, dem erwarteten Kinde wird eine Wiege bereitet, in die es sich bettet, sobald die Befruchtung eingetreten ist. Zu den harrenden weiblichen Keim gesellt sich nun nach der Begattung, bei der eine große Zahl männlicher Samentierchen in die weibliche Scheide gelangten, der männliche Keim. Vereinigen sich beide, so beginnt die Schwangerschaft in dem wohl ausgerüsteten Nest. Die Gebärmutterschleimhaut wächst mehr und mehr, besonders an der Stelle, wo der Menschenkeim liegt, und bildet nach und nach den Mutterkuchen, der die Ernährung des Kindes im Mutterleibe übernimmt. Von dem Moment der Befruchtung an hören die periodischen Blutungen der Gebärmutter auf, aus Gründen, die sofort verständlich werden. Oft harrt das reife Ei vergeblich der Befruchtung, da entweder überhaupt kein Beischlaf stattfindet oder der männliche Keim das hoffende Ei nicht findet. Dann stirbt der weibliche Keim nach einiger Zeit. Die Hoffnung auf das Kind ist vereitelt, und der Körper zerstört nun die Wiege in der Gebärmutterhöhle, die keinen Zweck mehr hat. Die Schleimhaut stößt sich unter Blutverlust in der sogenannten Menstruation ab. Zum Herrichten der Wiege braucht er im Durchschnitt etwa drei und eine halbe Woche, drei bis fünf Tage dauert die Zerstörungsarbeit, an die sich sofort der Bau des neuen Nests anschließt.

Dies ist in großen Zügen betrachtet der äußere Verlauf der Menstruation. Aus diesen Verhältnissen aber ergibt sich ohne weiteres, daß nur in den Tagen um die Menstruation herum eine Empfängnis stattfinden kann. Das ist unwiderleglich festgestellt. Ist dem aber so, so ist es verständlich, wenn die Natur, die die Beschwerden der Schwangerschaft und des Wochenbettes genau kennt, den Geist der Frau umnebelt, so daß sie alles und sich selbst vergißt und den Mann gerade in dieser Zeit empfängt. So unvollkommen arbeitet das Leben nicht, daß es nicht, wenn es die Möglichkeit der Befruchtung zeitlich begrenzt, auch zugleich den Zwang zur Begattung schüfe. Es erregt das Weib durch die Periode seelisch, revolutioniert gleichzeitig Körper und Seele, facht durch diese Periode das Liebesbedürfnis, den Trieb zur Vereinigung mit dem Manne an. Die Periode des Weibes, daran ist nicht zu zweifeln, ist gleichwertig mit der Brunst der Tiere. Sie bedeutet den seelischen und körperlichen Zwang zum Geschlechtsverkehr.

Die seelische Abhängigkeit des Weibes von ihrem Geschlechtscharakter entscheidet ein für allemal die Frauenfrage. Die Tatsachen beweisen, daß die Frau im Erwerbsleben auf vielen Gebieten mit dem Mann in Wettstreit treten, ihn auch in dieser oder jener Richtung übertreffen kann. Das ist aber nicht so zu deuten, daß etwa die Frau für das Erwerbsleben ebenso bestimmt und begabt ist wie der Mann, und daß nur durch die Knechtschaft der Jahrtausende diese Fähigkeiten unterdrückt worden sind, jetzt aber unter der Wucht des sozialen Zwangs und der Freiheitslust ist plötzlich hervorbrechen. Wenn die Frau jetzt auf den alltäglichen Lebensgebieten der Arbeit dasselbe leistet wie der Mann, so beweist das nur, daß die männliche Leistungsfähigkeit auf das Niveau der weiblichen herabgesunken ist, eine Erscheinung, die sich auch anderwärts jedem, der nicht blind ist, aufdrängt. Aber selbst jetzt sind der Frau alle unmittelbar schöpferischen Kulturleistungen gerade durch die periodischen Umwälzungen ihrer Seele versagt. Ihre Schöpferkraft wird immer und unter allen Umständen für die Gebärtätigkeit gebraucht, und ich dächte, damit könnten sie sich zufriedengeben. Das ist doch eine hohe Leistung Wenn man dazurechnet, daß der Mann ohne die Anregung des Weibes überhaupt nichts tun würde, daß also indirekt alle Kultur vom Weibe ausgeht, so begreift man den Ehrgeiz der Frauen nicht, Männerpflichten auf sich zu nehmen. Daß unsre Zeit die Frau in die Erwerbsarbeit durch Hunger, Not und Langeweile hineinzwingt, ist eine Schande dieser Zeit. Jeder sollte daran arbeiten, die Frau wahrhaft zu befreien. Das kann nur geschehn, wenn man sie den Kindern zurückgibt, wenn man die Männer ausreichend entlohnt.

Hat man erst einmal begriffen, daß es sich bei der Menstruation des Weibes um regelmäßige Störungen des Seelenlebens, bedingt durch die Geschlechtsabhängigkeit, handelt – und jeder kann das begreifen, wenn er es will, da bei allen Frauen dieselben wohl charakterisierten Erscheinungen auftreten –, so erkennt man bald, daß auch der normale Mann in seinem Innenleben von Geschlechtseinflüssen gestört wird, nur fehlen bei ihm die häufigen und regelmäßigen Wiederholungen, und seine Rappelanfälle sind weder so lang dauernd, noch so typisch wie bei der Frau. Er steht dem Geschlechtsleben freier gegenüber. Immerhin werden beide Geschlechter innerhalb der Gesundheitsbreite von Seelenstörungen heimgesucht. Das ist das Wichtige, denn ebenso wie jedes Geschlecht, so hat auch jedes Lebensalter, jede Jahreszeit ihre eigentümlichen Seelenstörungen, die, so wenig sie auch ihrer Alltäglichkeit wegen auffallen, doch wohl studiert und erkannt sind. Sie beweisen, daß ein Gegensatz zwischen gesund und krank, wie ihn der Sprachgebrauch konstruiert, in Wahrheit auch auf geistigem Gebiete nicht existiert, daß dort, ebenso wie auf körperlichem, Gesundheit und Krankheit ineinander übergehn.

Das hat eine große Bedeutung, weil damit der sogenannten Geisteskrankheit der größte Teil des Schreckens und Makels genommen wird. Wir stehn ja leider in der Beurteilung des Irrsinns noch immer auf dem Standpunkt des Mittelalters. Der Geisteskranke gilt der Mehrzahl des Volkes als unrettbar verloren, er ist der Masse für Lebenszeit gekennzeichnet. Das ist eine schreiende Ungerechtigkeit und ein Zeichen mangelnden Verständnisses. Geisteskrankheiten sind in ihrem Wesen nicht anders als körperliche Leiden aufzufassen. Es würde ebenso verständig sein, jemandem einen Makel anzuheften, weil er eine Lungenentzündung durchgemacht oder sich das Bein verstaucht hat. Geisteskranke sind ebenso oft und ebenso selten zu heilen, vollkommen zu heilen, wie körperlich Kranke, werden auch tatsächlich ebenso oft geheilt. Die Heilung hängt nicht davon ab, ob eine Geistes- oder Körpererkrankung vorliegt – beides ist meist nicht zu trennen –, sondern neben anderm von der Neigung der einzelnen Krankheit, ein gutes oder schlimmes Ende zu nehmen. Und daß sich in der Beurteilung dieser Heilbarkeit Irrtümer über Irrtümer häufen können, beweist die Geschichte der Gehirnerweichung.

Bis vor wenigen Jahren galt die Gehirnerweichung, die sich durch die engen Zusammenhänge der körperlichen und seelischen Veränderungen auszeichnet, für absolut unheilbar. Es hat sich herausgestellt, daß das ein Irrtum ist und daß Heilungen nicht nur vorkommen, sondern nicht einmal allzu selten sind. Was aber von dieser verrufensten aller Geisteskrankheiten gilt, trifft für andre psychische Leiden erst recht zu. In der Tat haben die meisten Seelenstörungen die Neigung zur Heilung, so daß der Schauer, den jeder bei dem Wort Geisteskrankheit empfindet, unberechtigt genannt werden muß. Es herrschen da eben Vorurteile, die noch aus der Zeit herrühren, wo man die Geisteskranken vom Teufel besessen glaubte und sie wie die schwersten Verbrecher in Ketten und Kerker hielt.

Auch das Bild der Gehirnerweichung, der progressiven Paralyse, der dementia paralitica, ist durch Mißverständnisse vollständig entstellt. Der Name schon verleitet zu der Annahme, daß bei dieser Erkrankung das Gehirn allmählich in einen Brei sich verwandle. Davon ist keine Rede. Ebenso ungeeignet ist auch der Name Rückenmarksschwindsucht, ein Leiden, das ja allgemein bekannt ist. Auch da schwindet nichts, es verändern sich nur die Verbindungen zwischen Rückenmark und Peripherie. Ohne weiteres ist an dem Gehirn des Paralytikers überhaupt nichts zu entdecken, und es hat lange gedauert, ehe man allenfalls aufgeklärt hat, wie das merkwürdige Bild dieses Leidens zustandekommt. Es handelt sich dabei, wie der Name progressiv ausdrückt, um einen fortschreitenden Vorgang, der sich in allmählich steigender Verblödung und in Lähmungen, ähnlich denen der Rückenmarksschwindsucht, äußert. In der Tat werden auch beide Organe des Zentralnervensystems, Gehirn und Rückenmark, davon ergriffen.

Es gehn nämlich dabei einerseits gewisse Verbindungen zwischen dem Zentralnervensystem und den Nervenstämmen zugrunde, genau wie bei der eben erwähnten Rückenmarksdarre, andrerseits aber auch Fasern zwischen den einzelnen Zentren des Gehirns selbst. Diese Fasern erweichen nicht etwa, sondern es geht in ihnen eine nur mikroskopisch wahrnehmbare Veränderung vor sich, die sie für die Nerventätigkeit leistungsunfähig macht. Die Entdeckung dieser im Gehirn verlaufenden Fasern hat uns einigermaßen eine Vorstellung davon gegeben, auf welchen Wegen das Denken des Menschen vor sich geht, oder besser gesagt, welche Wege im Gehirn unbedingt gesund sein müssen, damit ein gesundes Denken stattfinden kann. Damit ist natürlich das Problem des Denkens selbst noch nicht einmal berührt, geschweige denn gelöst.

Sowohl die Gehirnerweichung wie die Rückenmarksdarre, die sich durch den auffallend schlenkernden Gang auszeichnet, sind in neuerer Zeit in einen ursächlichen Zusammenhang mit einem andern weitverbreiteten Leiden gebracht worden, mit der Syphilis. Ich habe mich nach den Erfahrungen, die ich im Laufe der Jahre gemacht habe, von dem Bestehn eines solchen ursächlichen Verhältnisses nicht überzeugen können. Es kommen genug Fälle von Rückenmarksschwindsucht und Gehirnerweichung vor, bei denen eine geschlechtliche Ansteckung vollkommen ausgeschlossen ist. Ein einziger solcher Fall beweist aber, daß syphilitische Infektion höchstens eine Gelegenheitsursache ist, daß sie vielleicht dieselbe Rolle spielt, wie ich sie für die Erkältung auf andern Gebieten in Anspruch nahm. Das Zahlenspiel der Statistik kann daran nichts ändern, umso weniger, als es vielfach nur auf den suggerierten Aussagen der Kranken oder, wenn die versagen, auf chemischen oder mikroskopischen Erscheinungen beruht, von denen nachgewiesen ist, daß sie nicht der Syphilis allein angehören.

Wir stehn bei diesen chemischen Experimenten vor einem Phänomen menschlichen Denkens, das, so leicht es sich auch aus der Natur des Menschen erklärt, merkwürdig genug ist. Seit man entdeckt hat, daß bestimmte Lebenwesen sich stets bei bestimmten Krankheitsformen des menschlichen Körpers finden und daß sich durch Einimpfen dieser sogenannten Krankheitserreger experimentell ähnliche Krankheitsformen hervorrufen lassen, hat man diese Mikroorganismen, Bazillen oder wie man sie sonst nennen mag, kurzweg als Krankheitsursachen angesprochen. Und diese Annahme, die höchstens eine Teilwahrheit ist, hat sich in wenigen Jahren in der ganzen zivilisierten Welt ausgebreitet, so daß man jetzt sagen kann, sie beherrscht das Denken. Der alte Irrtum, daß Krankheit etwas Fremdes ist, was den Menschen von außen anfällt und mit dem er einen Kampf bestehn muß, lebt immer noch weiter, nur ist es nicht mehr ein böser Geist oder ein Fluidum, eine geheimnisvolle Flüssigkeit oder eine materia peccans, eine sündige Materie, sondern es sind die Bazillen. Daß Krankheit niemals etwas dem Körper Fremdes ist, sondern ein Lebensvorgang dieses Körpers, daß der Körper gewissermaßen schon krank sein muß, wenn die Gelegenheitsursache der Bazillen irgendeine Wirkung ausübt, daß das Entscheidende für den Lebensvorgang nach der gesunden oder kranken Richtung hin nicht der Bazillus ist, sondern der Mensch, in den der Bazillus hineingelangt, das wurde theoretisch wohl zugegeben, praktisch jedoch nicht berücksichtigt.

Der Gedankengang der ganzen zivilisierten Welt, nicht nur der Ärzte, war vielmehr: hier sind die Krankheitsursachen, die Bazillen; vernichtet sie, dann ist die Menschheit von den ansteckenden Krankheiten erlöst. Unter dem Druck dieser öffentlichen Meinung, die sie durch einen Denkfehler geschaffen hatte, hat dann die Medizin jahrzehntelang versucht, Mittel zur Vernichtung der angeblichen Menschenfeinde zu finden. Der Versuch ist mißglückt, mußte mißglücken, da ja, wenn denn durchaus von solch einem Unding wie Krankheitsursache geredet werden soll, das Menschsein, der lebendige Mensch selbst diese Ursache ist, und obwohl sich durch die Jahrzehnte die seltsamen Konsequenzen einer durchaus falschen Vorstellung wie die Anzeigepflicht, die Desinfektion und so weiter erhalten haben, so ist die Vorstellung selbst doch unbeliebt geworden, namentlich seitdem man sich davon überzeugte, daß die gefürchteten Krankheitserreger überall vorkommen, daß sie auch im gesunden Menschen ruhig hausen, ohne ihm das mindeste zu tun. Das bizarre Unternehmen jenes Arztes, der ohne jeden Schaden eine ganze Kultur von Cholerabazillen austrank, als wenn es ein Schnaps wäre, beleuchtete grell die Situation.

Man schob nun wieder mehr den lebendigen Menschen in den Vordergrund. Dessen Körper schien der Acker zu sein, auf dem die Bazillen wachsen konnten; wurde der Acker umgegraben, rationell bewirtschaftet, so verloren die Krankheitserreger von selbst jede Entwicklungsmöglichkeit. Der Gedanke ist richtig. Aber leider gehört zur guten Bestellung des Ackers, daß sein Eigentümer, der Bauer, ein fleißiger Mann ist, der mit Pflügen, Eggen, Düngen harte Arbeit verrichtet. Jedoch Fleiß auf den Gesundheitsacker zu verwenden, der hier nicht bloß den Körper, sondern das ganze Leben bedeutet, ist dem Menschen noch nie in den Sinn gekommen. Er stellte sich hin, steckte die Hände in die Hosentaschen und erwartete von den Ärzten, daß sie bei den großen Fortschritten der Wissenschaft durch irgendein künstliches Düngemittel den Acker in Ordnung brächten, ohne daß er, der Bauer, sich mit dem Bestellen abzumühn brauchte, und zwar schnell, ohne viel Zeitverlust. Die Ärzte waren wirklich gutmütig genug, das zu versuchen.

Die Krankheitsursachen vom Körper fernzuhalten, vermögen wir nicht, kalkulierten sie; es ist auch nicht nötig, denn meist gelingt es ja dem Körper, mit den eingedrungnen Bazillen fertigzuwerden. Wenn wir herausbekommen, wie er das macht, so ahmen wir seine Maßregeln künstlich nach. Der Körper muß irgendein geheimnisvolles Mittel besitzen, in seiner innern chemischen Fabrik herstellen, mit dem er das Gift der Bazillen vernichtet. Da dieses Gegengift an allen Stellen des Körpers wirksam ist, so kann es nur in der Blutflüssigkeit entstehn, in dem Blutserum. Nennen wir das Bazillengift Toxin – seitdem sind schon Jahre verflossen und man hat Zeit genug gehabt, neue Namen zu erfinden, hat diese Zeit auch redlich benutzt –, so bilden sich im Blutserum Antitoxine. Es findet bei der Infektion ein Kampf zwischen Toxinen und Antitoxinen statt. Es kommt darauf an, ob Gift oder Gegengift stärker ist. Wir müssen also den Körper fähig machen, daß er möglichst viele und starke Antitoxine herstellt. Antitoxine entstehn durch das Kreisen von Toxinen im Körper. Wir müssen, um gute Gegengifte zu erhalten, das Gift immer von neuem in ganz kleinen, unschädlichen, abgeschwächten Dosen in den Körper einführen, dann häuft er allmählich Gegengifte an, die den Kampf siegreich beenden; ja auf diese Weise muß es sogar gelingen, genug Antitoxine anzusammeln, um nicht nur den Menschen für den Augenblick von der Krankheit zu befreien, sondern ihn auch für alle Zukunft davor zu schützen, ihn zu immunisieren. Aus diesem Gedankengang heraus, den man freilich mannigfach abgewandelt hat und der vor allem mit vielen gelehrten Inschriften und Wegweisern geschmückt worden ist, begann man nun nach dem künstlichen Düngemittel zu suchen, das den Gesundheitsacker ohne Arbeit der Bauern bestellen sollte. Man spritzte Bazillengifte in den Körper. Zunächst kam das Tuberkulin. Ich habe den epidemischen Wahnsinn, der damals die Welt durchflog, an dem größten Berliner Krankenhaus als Arzt mitgemacht und verdanke dieser Zeit die Einsicht, daß nicht alles Wissenschaft ist, was sich dafür ausgibt. Ich habe auch mit Verwunderung und Entsetzen das große Buch gelesen, das damals vom Reichsgesundheitsamt herausgegeben wurde und das ein Musterbeispiel dafür ist, wie die Menschen alles glauben, was sie glauben wollen. Nach dem großen Zusammenbruch, der dem Delirium folgte und durch den auch für lange Zeit das Brauchbare an dem Tuberkulingedanken verschüttet wurde, kam sofort ein neuer Taumel, der des Diphterieserums. Während sich sehr bald herausstellte, daß auch damit eine Immunisierung des Menschen gegen die Diphtérie nicht zu erzielen ist, hielt man den Gedanken, daß das Serum die Diphterie heile, fest und erst jetzt gibt man hie und da zu, daß auch das nur ein Traum war.

Allerdings nach der Statistik sank die Sterblichkeit in Deutschland nach Einführung der Serumbehandlung. Aber in England tat sie das nicht, sondern stieg zusehends, und in den letzten Jahren steigt sie bei uns auch wieder. Der Zufall hatte gespielt. Die Epidemien haben die Eigentümlichkeit, daß sie sich in Wellenform bewegen, in aufsteigenden und absteigenden Asten. Wenn heute eine schwere Epidemie mit hoher Sterblichkeit herrscht, so pflegt die nächste schwächer zu sein, die dritte noch schwächer und so fort bis ein Tiefpunkt erreicht ist, von dem an die Gefährlichkeit der Seuche wieder zunimmt. Die Einführung des Diphterieserums fiel in Deutschland in die Zeit der abnehmenden Gefährlichkeit, in England in die der zunehmenden. Es wird nicht mehr lange dauern, so wird diese Wahrheit auch von der offiziellen Wissenschaft anerkannt sein.

Durch den großen Erfolg des Entdeckers des Diphterieserums angestachelt, kamen nun die Erfinder neuer Sera von allen Seiten. Bei uns ist es noch nicht einmal so schlimm, aber in England und Frankreich herrscht eine wahre Sintflut von Krankheitsseren. Man bereitet da vielfach für jeden einzelnen, mag ihm fehlen, was da will, aus irgendwelchen Bazillen, die er in Darm oder Mund beherbergt, in der Retorte ein eignes Serum, spritzt es ein und läßt sich dafür reichlich bezahlen. Wie gesagt, so schlimm ist es bei uns nicht. Aber auf der Suche nach diesem Heilmittel sind wir immer noch. Wir haben diesem Bemühen auch eine ganze Reihe wichtiger Entdeckungen zu danken, nur leider den Wunsch der faulen Bauern nach dem Wunderdünger, den haben wir immer noch nicht erfüllt, werden ihn auch nie erfüllen können. Nicht in der Minderwertigkeit der Serumantitoxine liegt die Ursache der Erkrankung, sondern das Stück Welt, das in dem Kranken konzentriert ist, führt ein falsch gerichtetes Leben, und nicht durch Stärkung der Gegengifte heilt die Krankheit, sondern der Mensch gesundet, wenn sein Leben sich gerade richtet.

Wenn der Mensch faul ist, so verfault er, das werden wir Ärzte nicht ändern.

Bei diesem Suchen ist man auch auf die Syphilis verfallen, hat mit der experimentiert, und das Resultat davon sind die vorhin erwähnte Wassermannsche Reaktion, mit der man unwiderleglich das Vorhandensein von Syphilis nachzuweisen glaubt, und das Salvarsan, mit dem man die Syphilis heilen zu können glaubte. Von der Begeisterung für das Salvarsan ist man ziemlich rasch zurückgekommen. Was die Wassermannsche Reaktion für die Diagnose leistet, wird sich nach und nach herausstellen. Daß sie keine unbedingte Gültigkeit hat, ist schon erwiesen. Und, daß das offne Handhaben dieser Untersuchung und die Verkündigung des Resultats an den Kranken grenzenloses Unheil anrichtet, das kann ich bezeugen.

Die Diagnose geht den Kranken nichts an. Das ist ein Fundamentalsatz der Krankenbehandlung. Und vor allem gilt das für die Syphilis. Oder glaubt man, es sei so etwas gleichgültig für den Menschen, wenn er erfährt, daß er syphilitisch ist? Dann unterschätzt man die wahnsinnige Angst, die man den Menschen durch fortwährendes Einschüchtern mit Gehirnerweichung, Vererbung, Ansteckung der Ehegatten und so weiter eingeimpft hat. Daß die Sachverständigen die Angst vor den Gefahren der Syphilis nicht teilen, daß man die Menschheit grundlos eingeschüchtert hat, geht schon daraus hervor, daß eben diese Sachverständigen den Kranken ruhig sagen: Sie haben die Syphilis, wie sie etwa sagen: Sie haben den Schnupfen. Denn daß sie so grausam wären, einem Unglücklichen, einem Kranken ein solches Wort zu sagen, wenn sie eine Ahnung von der furchtbaren Wirkung dieses Wortes hätten, kann ich nicht annehmen. Übrigens weiß jeder Arzt, daß die Syphilis meist irgendwie und irgendwann heilt, daß nur ein ganz geringer Prozentsatz der Kranken wirklich gefährdet ist, daß denen allerdings weder Salvarsan, noch Quecksilber, noch Naturpantscherei zu helfen vermag.

Aber die Vererbung, höre ich rufen. Soll man dieses einen leichtsinnigen Menschen wegen die Nachwelt der Gefahr ererbter Syphilis aussetzen? Mit diesem Geschwätz sollte man billig die Welt in Ruhe lassen. Ich will mich hier nicht über die schwierige und noch absolut dunkle Frage der Krankheitsvererbung, überhaupt der Vererbung, auslassen – wir wissen darüber verschwindend wenig –, aber wer sucht denn gerade in der Syphilis solche Vererbungsgefahr? Man braucht sich nur ein wenig in der Geschichte dieser Krankheit umzutun, so weiß man, daß die europäische Welt längst zugrunde gegangen sein müßte, wenn diese Krankheit wirklich solche Neigung zum Vererben hätte. Man sagte – neuerdings leugnet man es wieder –, sie sei über Europa in Pandemien hingegangen, die den verbreitetsten Seuchen der Influenza nichts nachgeben, sicher aber existiert nicht eine Familie, die im Laufe der Jahrhunderte verschont geblieben wäre. Trotzdem leben wir, bleiben sogar viel länger am Leben als unsre Vorfahren, sind, wenn auch nicht viel klüger, so doch auch nicht erheblich dümmer, als sie waren. Und wenn man bedenkt, wie verschwindend selten die hereditären Fälle gegenüber der Masse der Erkrankungen sind, dann verliert man wirklich die Geduld mit dem Angstschüren vor der Syphilis. Es geht doch nicht, daß jeder, der einmal von Rassenzüchtung hat reden hören, sich nun als Sachverständiger aufspielt und unser ängstliches Volk noch mehr einängstigt. Ich bin sehr dafür, daß unsre jungen Mädchen sich es wohl überlegen, ehe sie in ihrer verliebten Torheit sich irgendeinem Manne anvertrauen, der ihnen oft nur deshalb gefällt, weil er ihnen in der Zeit des periodischen Rappels in den Weg läuft, finde es auch richtig, wenn sie dabei die Frage der Geschlechtskrankheiten erwägen und daran denken, daß aus der Ehe mit einem kranken Manne kranke Kinder kommen können. Aber das ließe sich doch ohne diesen Lärm und ohne diese Übertreibung machen.

Aber das ist eben das Komische an unsrer Zeit. Wenn man sie reden hört, sollte man glauben, sie dürste nach Freiheit, wenn man sie handeln sieht, erkennt man, daß sie nach Sklaverei und Knechtschaft lechzt. Ihr höchstes Ziel ist, das Verantwortungsgefühl des Menschen zu töten und einer Sache, einem Fetisch, dem Staat die Verantwortung aufzubürden. Man schwärmt begeistert für die Freiheit des Mädchens, sich den Ehegatten zu wählen, und in demselben Atem ruft man nach der Polizei, daß sie jedem, der nicht einen Gesundheitsschein beibringen kann, die Ehe verbiete. Welch ein Hohn auf alle Freiheit! Und wie denkt man sich diese Behörde, die dem Brautpaar die Zeugungsfähigkeit bescheinigen soll? Ich dächte, es wäre genug, daß man uns gezwungen hat, als Polizeidiener die Anzeige bei ansteckenden Krankheiten auszuüben, und ich würde es jedem Arzt verdenken, wenn er sich dazu hergäbe, verliebten Leuten die Last der Verantwortung abzunehmen. Oder gibt es wirklich Ärzte, die sich nach ein oder zwei oder meinetwegen zwanzig Untersuchungen – abgesehn von einigen Ausnahmefällen – ein sichres Urteil darüber zutrauen, ob einem Paare gesunde oder kranke Kinder entsprießen werden? Ich glaube nicht, daß es solche Ärzte gibt.

Wen will man überhaupt von der Ehe ausschließen? Die einmal geschlechtlich angesteckt waren? Das wäre hart, wenn man der paar Ausnahmen halber einem großen Prozentsatz der Bevölkerung verböte, gesunde Kinder in die Welt zu setzen. Den Tuberkulösen? Dann ade, Welt. Die drei vom Hundert, die nicht tuberkulös sind, können, beim besten Willen und mit viel Liebe, den Untergang nicht aufhalten. Den Minderwertigen überhaupt? Aber das ist eine Redensart. Wer soll darüber entscheiden, was minderwertig ist, und vor allem, ob die Nachkommen auch wieder minderwertig werden müssen. Den Geisteskranken? Es ist nicht immer so einfach festzustellen, ob ein Mensch geisteskrank ist oder nicht, und die, bei denen es offenkundig ist, pflegen im Irrenhause zu sitzen oder ihr Irrsinn ist so bekannt, daß es des ärztlichen Zeugnisses nicht bedarf. Jeder kann sich vor der Ehe mit dem Verrückten hüten, wenn er nur will. Am liebsten würden die Rasseverbeßrer gar den Leuten, die Wein oder Bier trinken, auch die Erlaubnis verweigern. Hat man doch das Märchen in die Welt gebracht, daß bei der Zeugung schon kleine Quantitäten Alkohol den Keim der Kinder vergifte. Danach müßten seit Jahrtausenden die meisten Erstgeborenen vergiftet, minderwertig sein, denn seit Jahrtausenden ist der Minnetrunk Sitte. Wenn man es sich recht überlegt, bleiben ein paar Ausnahmemenschen übrig, wie etwa die Bluter, die man freilich auch nicht bei der Prüfung anstechen kann, um sich von ihrem Leiden zu überzeugen, die Leute mit der Thomsenschen Krankheit, Taubstumme, Blindgeborene und so weiter.

Und glaubt man wirklich, daß man verliebte Leute am Kinderzeugen hindern kann durch ein Eheverbot? Das Standesamt ist gewiß eine nützliche Einrichtung, aber es soll vorkommen, daß auch ohne Aufgebot und Magistratserlaubnis Kinder geboren werden. Kastrieren kann man doch nicht alles, was die Menschenzüchter nicht für vollwertig anerkennen. Das ist aber das einzige Mittel. Und ich würde es sehr billigen, wenn man es bei den Verbrechern bestimmter Gattung, bei Trunkenbolden, die mit als die schlimmsten Verbrecher anzusehn sind, vielleicht auch bei schwerkranken Epileptikern und Verrückten anwendete. Aber dazu braucht nicht jedes Brautpaar von Kopf bis zu Füßen im Naturzustand von einem beliebigen, durch die Behörde bestellten Arzt untersucht zu werden. Die Gewohnheitsverbrecher, die Säufer sind den Behörden bekannt. Man kastriere sie, und damit fertig. Aber man soll nicht unserm kranken Gewissen, das sich feige hinter den Staat zu ducken liebt, die letzten kümmerlichen Reste des Verantwortlichkeitsgefühls mutwillig zerstören. Überall gilt der Satz, und bei der Wahl des Lebensgefährten erst recht: Selbst ist der Mann, und wenn der Mann auch eine Frau ist. Söhne und Töchter so erziehen, daß sie sich der Verantwortlichkeit gegen Volk und Zukunft bewußt sind, damit züchtet man Rassen. Und wenn man ein übriges tun will, so stoße man alles wirklich Minderwertige, alles von Geburt an Schlechte, alles was aus dem Verkehr mit fremden Rassen entspringt, hinab in die Tiefen der menschlichen Gesellschaft, nehme ihnen Pflichten und Rechte des Bürgers und bilde daraus ein neues Proletariat. Zeit dazu ist es; wenn wir wirklich den Wunsch haben, dem deutschen Arbeiter ein menschenwürdiges Dasein zu schaffen, was gewiß notwendig und berechtigt ist, so brauchen wir ein Fundament niedriger Kreaturen, auf denen der Arbeiter fußen kann.

Wohl, Freisein ist schön und Freiheit der Grundpfeiler des schönen Lebens. Aber Freiheit kommt nicht von außen, sie ist innen im Menschen, eine Geistesgabe wie etwa der Verstand oder das Talent des Künstlers. Ich kenne Menschen, und jeder kennt sie, die wie Lasttiere und Sklaven durch die Welt gehn, von jedem getreten und mißbraucht, und die doch frei sind, die selbst in Kerker und Ketten freibleiben, weil sie an sich selbst glauben, weil sie die Verantwortung nicht scheuen. Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.

Mit diesem Mangel an Selbstgefühl, dieser Scheu vor Verantwortung, dieser Feigheit, die durch die sozialen Verhältnisse der Arbeitsteilung und Spezialisierung und durch die politischen der Massenentscheidungen und der Staatshilfe, der Versicherungstollheit großgezogen worden ist, muß man rechnen, wenn man ein Urteil über den kranken Menschen, über die Art, wie er krank wird und wie ihm zu helfen ist, gewinnen will. Wesentlich darauf ist die Macht zurückzuführen, die der Arzt im Laufe der letzten Jahrzehnte über alle menschlichen Verhältnisse gewonnen hat und die ihm den größten Teil all der Gebiete unterwirft, die früher dem Geistlichen gehörten. Der Arzt, wenn anders er seinen Aufgaben gewachsen sein soll, muß von Natur mit einer guten Dosis Selbstvertrauen ausgerüstet sein, und sein Selbstvertrauen wächst durch den Beruf, das liegt im Wesen dieses Berufs. So steht er denn als geborner und erzogner Führer der verantwortungsscheuen Masse gegenüber.

Das tritt auf allen Lebensgebieten hervor, besonders aber in der Art der Krankenbehandlung. Sie ist in hohem Grade eine psychische Behandlung geworden. Kaum ein Wort ist so Schlagwort unsrer Tätigkeit geworden, wie das Wort Suggestion, ja es ist auf Lebensbeziehungen verwendet worden, die ganz außerhalb der ärztlichen Tätigkeit liegen und auf die es nicht mehr paßt. Die Medizin hat auch, wie bekannt, eigne Spezialitäten geschaffen, in denen Suggestion und ihr Geschwisterkind Hypnose methodisch betrieben werden. Es liegt mir fern, diesen Behandlungsmethoden die Berechtigung abzusprechen, nur soll man nicht vergessen, daß die Suggestion, oder besser das psychische Übergewicht des Arztes über den Kranken Voraussetzung jeder Behandlung ist, und daß es weniger auf die Methode der Behandlung als auf die Persönlichkeit des Arztes ankommt. Die besten Ratschläge sind nutzlos, solange sie nicht ausgeführt werden. Der Arzt muß die Herrschaft über den Kranken gewinnen.

Gewöhnlich entscheidet die erste Begegnung darüber, und wenn der Arzt in diesem Augenblick das Ziel, den Kranken zu unterwerfen, im Auge behält, so wird er es meist erreichen. Darauf sollte er zunächst seine ganze Kraft richten; selbst die Untersuchung und Feststellung des Tatbestands ist demgegenüber unwichtig; untersuchen kann man den Kranken auch später, die Augenblicksdiagnose, die für die Behandlung entscheidend ist, richtet sich mehr auf den Menschen als Ganzes, auf sein Wesen, seine Schwächen und Stärken, als auf sein Leiden. Sich Gehorsam verschaffen ist die Grundlage aller ärztlichen Kunst. Das ist nicht schwer, weil ja der Kranke nur ein Teilmensch ist, weil er sich seiner Schwäche bewußt ist, weil er meist mit dem Vorsatz zum Arzt kommt, in ihm den Führer zur Gesundheit zu finden. Es gilt dann nur, das Mißtrauen, das der Schwächre immer gegen den Stärkern empfindet, zu überwinden. Das aber ist kaum methodisch zu erlernen, es ist in erster Linie Begabung, Intuition.

Man hat vielfach die Vorstellung, daß eine psychische Behandlung, eine Suggestionsbehandlung, nur bei den sogenannten nervösen Personen am Platze sei. Das ist ein großer Irrtum. Die psychische Behandlung ist der Beginn der Behandlung überhaupt. Dafür begabt zu sein, ist im Grunde genommen wichtiger als alle Kenntnisse und Geschicklichkeiten, und der Arzt, der befehlen kann, der eine große Suggestionskraft besitzt, mag vielleicht weniger bequem sein als ein andrer, ist auch gewiß in weiten Kreisen und nicht zum wenigsten bei seinen früheren Kranken verhaßt, aber ein guter Arzt ist er doch. Und das sollte ihm genügen. Der Arzt rechnet nicht mit der Dankbarkeit der Menschen, sondern er weiß, daß die Wohltat nicht dankbar stimmt, daß sie verbittert, und daß diese Verbitterung nur durch eine seelische Anstrengung überwunden werden kann. Die Natur hat die Dankbarkeit der Kranken nicht gewollt. Sie vernichtet mit dem Leiden die deutliche Erinnerung an das Leiden und damit auch die Vorstellung, was der Arzt im Leiden war. Das ist gut für den Kranken, daß er nicht noch einmal in Gedanken durchleben kann, was in der Wirklichkeit unerträglich war. Es ist gut für den Arzt, denn er bleibt durch den Undank frei, selbstbewußt und stolz. Er bekommt Nerven wie Stahl – und die braucht er, fest und biegsam.

Nerven wie Stahl und Nerven wie Zwirnsfäden, in diesen beiden volkstümlichen Sprüchen ist enthalten, was ich früher sagte, daß das Leben unter der Gewalt des Nervensystems steht. Es gibt noch ein drittes Wort, das die Bedeutung des Nervensystems deutlich hervortreten läßt, den Ausdruck Nervosität. Er spielt im täglichen Leben eine große Rolle und noch mehr in dem Sprachgebrauch zwischen Arzt und Kranken, und da wird er leider arg mißbraucht. Ihnen fehlt nichts, Sie sind nervös; das sind nervöse Erscheinungen; Sie müssen sich eben an die Schmerzen gewöhnen, Sie sind nervös: das sind Redensarten, mit denen man sich unbequeme Kranke und unbequeme Klagen vom Halse zu schaffen sucht, und dieser Mißbrauch des Worts hat gewiß schon ebensoviel Unheil angerichtet wie der böse Satz: Sie bilden sich das ein, das ist Einbildung. Er steht auf gleicher Höhe wie die beliebte Antwort der Mutter an ihr wißbegieriges Kind: So etwas darfst du nicht fragen, das schickt sich nicht, das ist sehr unartig. Damit bringt man das Kind zum Schweigen, aber die Frage bleibt in ihm, und der einzige Erfolg ist, daß das abgewiesene Kind anderswo sich Auskunft holt oder die Frage in sich vergräbt, was noch schlimmer ist. Sie sind nervös, ist keine Behandlung, sondern die Ablehnung der Behandlung. Wer noch genug Kraft in sich fühlt, zuckt bei solcher Antwort die Achseln und wendet sich an einen andern Arzt. Aber selbst dann hat er genug zu leiden, denn der Ausspruch: nervöses Frauenzimmer oder Neurastheniker – das ist moderner – fällt wohl auch den Angehörigen gegenüber, und damit ist eine Bitterkeit in das Leben gebracht, die nicht angenehm ist. Was aber, wenn der Kranke wirklich glaubt, was der Arzt sagte, wenn er glaubt, daß alles nur nervös sei? Dann verliert er den Rest seines Selbstvertrauens, dann ist er, man kann es ruhig sagen, für Lebenszeit vernichtet, denn was Selbstmißtrauen, Selbstverachtung bedeutet, brauche ich nicht erst zu sagen. Es ist das schlimmste Schicksal, das einen treffen kann, und wen es trifft, der rächt sich an der Mitwelt für die Erniedrigung, die er zeitlebens in sich fühlt. Deshalb sind die als nervös gestempelten Menschen die Qual ihrer Umgebung, deshalb sind sie die dankbarsten Kranken, wenn man sie von dem Gedanken, nervös zu sein, befreit, was leider nur selten gelingt.

Und was soll der Ausdruck? Ursprünglich bedeutet er doch wohl ein Lob; der Nervöse empfindet feiner als der Durchschnittsmensch. So nennt man noch jetzt das edle Tier nervös. Wird es aber in dem Sinne der übertriebenen, krankhaften Empfindlichkeit gebraucht, so muß man bedenken, daß irgendein Grund für diese übergroße Empfindlichkeit vorhanden ist, und daß nicht die Nervosität, sondern die Gründe der Nervosität gefunden und beseitigt werden müssen. Finden lassen sie sich immer, beseitigen oft, aber einfach einem Menschen auf seine Klagen zu erwidern: Sie sind nervös, das ist ebenso weise, wie wenn man dem Kopfwehkranken sagt, Sie haben Neuralgie. Es ist die Wiederholung dessen, was einem der Kranke vorgesagt hat. Das ist bequem, aber unwert zum mindesten der Bezahlung.

Etwas Wahrheit liegt ja in dem Ausdruck, nämlich die, daß alle Lebensäußerungen, gute und böse, gesunde und kranke, irgendwie mit dem Nervensystem zusammenhängen, aber ebenso hängen sie auch mit dem Kreislauf der Flüssigkeiten zusammen, oder mit den täglichen Lebensgewohnheiten, mit der Erziehung, mit der Ernährung. Der Mensch steht eben mitten in einer Fülle von Leben, ist ein Teil Welt und wird gewissermaßen von den Lebensverhältnissen gestaltet. Man kann ihn als ein Produkt seiner Verhältnisse ansehn, ja als Arzt sollte man ihn so betrachten. Nicht die Diagnose des Leidens ist in erster Linie wichtig, etwa ob jemand einen Herzfehler hat oder eine Nierenschrumpfung oder eine geschwollne Leber; das hat nur eine Mitbedeutung. Denn eine erkrankte Herzklappe, eine geschrumpfte Niere kann niemand wiederherstellen. Die Diagnose des Menschen als Produkt seines Lebens, die Diagnose der Faktoren, die ihn krank oder gesund machen, die entscheidet. Blindlings Digitalis verschreiben, wenn jemand einen unregelmäßigen Herzschlag hat und wassersüchtig ist, eine Milchkur und Bettruhe verordnen, wenn die Ödeme in die Beine steigen, das kann nachgerade jeder Laie, dazu braucht man nicht Arzt zu sein. Aber inmitten des bunten Lebens die Fehler dieses Lebens zu erkennen und zu beseitigen, das ist die Kunst des Arztes, und wenn er damit auch nicht eine durchlässige Herzklappe verschließen, ein entartetes Rückenmark neu aufbauen kann, so kann er doch meist durch Regelung des Lebens die Störungen der Leistungsfähigkeit und des Gesundheitsgefühls beseitigen, immer aber und ohne Ausnahme dem Kranken – selbst dem Unheilbaren und Todgeweihten – seine Leiden auf ein erträgliches Maß herabdrücken.

Die Aufgabe des Arztes ist nicht zu heilen, sondern zu behandeln, der Natur die Wege zur Heilung zu ebnen. Nun geht es aber mit dem Kranksein wie mit dem Stein, der ins Wasser fällt. Das Wasser wird nicht nur an der Stelle verdrängt, an der der Stein hineinfiel, rings um diese Stelle bilden sich Kreise, die weit auf den glatten Spiegel hinausgreifen. So ähnlich ist es im Menschen. Die anatomische Verletzung, beispielsweise der Herzfehler, bringt im Menschen und seinem Befinden auch solche Kreise hervor. Die aber lassen sich behandeln, die allein sind meist der Gegenstand der Behandlung. Alle Hast, die ja der Angst entspringt, ist da von Übel.

Man stelle sich nur die Lage des Arztes vor, der irgendwo zu Rate gezogen wird. Untersuchen kann er den Kranken sofort, vielleicht auch Namen und Sitz des Leidens feststellen, aber über die wesentlichen Punkte des Leidens, über das Leben dieses Kranken, das ihn krank machte, weiß er zunächst nichts. Meist bietet sich ihm ein verworrnes Lebensbild dar, das er nur unvollkommen überschaut. Übung und angeborner Scharfsinn, Weltanschauung lassen ihn vieles erraten, aber doch nicht alles. Da ist es seine Aufgabe, es ist das erste, womit jede Behandlung beginnen sollte, den Menschen in übersichtliche Verhältnisse zu bringen, das tägliche Leben in Ernährung, Bewegung, Ruhe, Atmung und so weiter zu regeln, daß er jede Handlung des Kranken kennt, sie, wenn sie schädlich ist, ausschaltet und an ihre Stelle Dinge setzt, die dem Arzt bekannt sind und die er als unschädlich erprobt hat. Tut er das, so wird er oft dasselbe erleben, was beim Knochenbruch eintritt; der eingerichtete und gutgelagerte Knochen heilt von selbst zusammen; genauso heilt ein großer Teil aller Leiden von selbst, sobald das kranke Leben eingerichtet und gut gebettet ist. Natura sanat, medicus curat. Die Natur heilt, nicht der Arzt, er behandelt. Tritt die Heilung nicht dadurch ein, daß man wohlbekannte, möglichst einfache und übersichtliche Lebensbedingungen für den Kranken schafft – etwa durch absolutes Hungern bei Diarrhöen oder durch Überführung in ein Krankenhaus mit seinem regelmäßigen Leben bei Lungenentzündungen oder durch genaue Lebensvorschriften –, tritt die Heilung nicht ein, so offenbart sich wenigstens bald, aus welchem Grunde die Natur ihr Werk der Heilung nicht vollbringt. Man kann ihr dann das Hindernis wegräumen, oder wenn das nicht geht, bei den verlornen Fällen, sie so unterstützen und leiten, daß dem Kranken nur das geringste Maß von Leiden zu ertragen bleibt.

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