Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Groddeck >

Die Natur heilt

Georg Groddeck: Die Natur heilt - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/groddeck/naturhei/naturhei.xml
typetractate
authorGeorg Groddeck
titleDie Natur heilt
publisherFischer Taschenbuch Verlag
year1984
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120911
projectid9a214d6b
Schließen

Navigation:

Muskeln

Welchen Wert die Übung für den Menschen hat, dafür ist das Musterbeispiel die Muskulatur. Schon die Schuljungen prahlen mit ihrem Armmuskeln, sprechen stolz von ihrem kräftigen Bizeps, obwohl sie nicht die geringste Vorstellung davon haben, was dieser Name: der Zweiköpfige bedeutet, und was überhaupt ein Muskel ist. Wenn einer weiß, daß das Fleisch, das er kaut, Muskel ist, so hat er schon Kenntnisse, die über dem Durchschnitt liegen. Vielen ist der Kalbsbrägen oder die Kalbsmilch, Nieren und Leber auch Fleisch. Sie schlingen es herunter, dazu ist es da. Daß jemand von der Existenz zweier verschiedner Muskelarten, den quergestreiften und den glatten Muskeln, gehört hat, ist selten. Und selbst unter den Fachgelehrten sind es nur wenige, die sich immer gegenwärtig halten, es nicht bloß gelernt, sondern auch begriffen haben und festhalten, daß der Muskel keine in sich geschlossne Einheit ist, sondern eine Mannigfaches umfassende Vielheit, deren Teile wiederum wie alles im Körper zugleich selbständig und abhängig sind, ein Symbol des Ganzen, ein Mikrokosmos.

Es genügt nicht, Namen und Lage jedes Muskels zu kennen, im Moment zu entscheiden, welchen Muskel man beim Betasten, beim Operieren vor sich hat, obwohl das allein schon schwierig genug sein kann, es genügt auch nicht die Vorstellung, daß man es im Muskel mit einem Gefüge vieler, vieler Muskelzellen zu tun hat, die mitsamt die bestimmte Gestalt des einzelnen Muskels bilden. Denn außer den Muskelzellen gibt es noch recht viele andre Dinge im Muskel. Wer einen Muskel faßt und daran zerrt, der zerrt gleichzeitig an einer Reihe von Blutgefäßen, die die Nahrung bringen und die im engsten Zusammenhang mit dem großen Kanalsystem des Körpers stehn, er zerrt an Nerven, die im Muskel enden und ihn regieren und die wiederum ihre unlösbare Verbindung mit dem Zentralnervensystem haben, deren Berührung im Augenblick Wirkungen in allen Teilen des Körpers hervorrufen, er zerrt an dem Knochen und seiner Haut, an denen der Muskel festgewachsen ist, vielleicht auch an der Menschenhaut selbst, an den Sehnen, mit denen er sich festklammert, an den feinen Hüllen, mit denen er umgeben ist. Und es sind nicht nur Muskelzellen, die bei dem Gebrauch des Muskels, bei der Bewegung ihre Gestalt verändern, sondern gleichzeitig nehmen die Zwischenräume und feinsten Kanäle zwischen den einzelnen Zellen andre Formen an. In ihnen fließt der Ernährungssaft, wenn er aus den Blutgefäßen ausgetreten ist, und wird auf wunderbare Weise, von der wir so gut wie nichts wissen, durch die Bewegung des Muskels vorwärtsgetrieben.

Denn, um das gleich hier zu erwähnen, nicht das Blut ist es, das die Zelle ernährt. Niemals und nirgends gelangt auch nur ein Tropfen Blut bis zur einzelnen Körperzelle. Vielmehr muß der Lebenssaft, der in uns kreist und durch Essen, Trinken und Atmen gespeist wird, erst das Blutgefäß verlassen, ehe er den Bedarf der Zelle decken kann. Man achte wohl darauf, so bewundernswert der Aufbau unsrer anatomischen Kenntnisse ist, letzten Endes wissen wir doch nur wenig, und nirgends zeigt sich das deutlicher als darin, daß wir von dem Schicksal dieser wahren Ernährungsflüssigkeit, von ihrer Bewegung, dem Strombett, in dem sie läuft, den Kräften, die sie treiben, kaum die geringste Vorstellung haben. Ich komme auf diese Dinge später zu sprechen, muß aber hier wieder betonen, daß wir selbst in der Anatomie, der bestgepflegten Abteilung der Medizin, noch nicht in erhebliche Tiefen gedrungen sind. Von einer medizinischen Wissenschaft spricht man wohl, aber man sollte das Wort nur gebrauchen, wo es am Platz ist. Wenn man die Wissenschaft als eine Tätigkeit betrachtet, die Wissen schafft, so läßt sich damit auf ärztlichem Gebiet arbeiten. Wissenschaft ist ein Streben, ein Arbeiten nach Wissen hin. Wer aber darunter den Besitz von Wissen versteht, die Summe von Kenntnissen, über die wir im Augenblick verfügen, der wird sehr bald sich davon überzeugen müssen, daß sich damit in der Krankenbehandlung nur wenig ausrichten läßt, und wenn er weiter denkt, begreift er auch, daß es eine solche Wissenschaft überhaupt nicht gibt, weder in der Medizin noch sonstwo, sondern daß das alte Wort gilt und immer gelten wird: unser Wissen ist Stückwerk.

Die nächstliegende Aufgabe der Muskulatur im Leben des Organismus ist wohl allgemein bekannt. Sie führt die Bewegungen aus. Jeder Muskel hat die Fähigkeit sich zusammenzuziehn, zu verkürzen und dann wieder sich zu seiner gewöhnlichen Länge auszudehnen. Durch diese Verkürzung bringt er bewegliche Teile, meist Knochen einander näher oder er verengt einen Hohlraum, etwa den Darm, den er kreisförmig umgibt. Seine gewöhnliche Form, wenigstens die der Knochenmuskeln, ist die der langgestreckten Spindel. Die beiden Enden der Spindel sind die Sehnen, mit denen sich der Muskel wie mit Haken an den Knochen festklammert. Sie sind glänzend weiß im Gegensatz zu dem roten Muskelfleisch, haben ein festes Gewebe und nehmen an der Verkürzung des Muskels nicht teil. Der einzelne Muskel setzt sich, wie man beim ersten Blick sieht, aus spindelförmigen Muskelbündeln, diese wieder aus den Muskel- oder Fleischfasern zusammen, die jeder kennt, da er frühzeitig von den sorglichen Eltern darauf hingewiesen wird, das Fleisch quer zur Faserrichtung zu schneiden. Die letzten Bestandteile, die Muskelzellen, denen die Fähigkeit innewohnt, sich zusammenzuziehen und damit den Muskel zu verkürzen, zeigen entsprechend dem ganzen Organ die ähnliche Spindelgestalt, dicker und kürzer bei der Zusammenziehung, schlanker in der Ruhe.

Nun unterscheidet man, wie ich schon vorhin erwähnte, quergestreifte und glatte Muskeln, je nachdem die Muskelzellen eine unter dem Mikroskop sichtbare Querstreifung haben oder nicht. Diese Unterscheidung hat insofern eine große Bedeutung, als die quergestreiften Muskeln unserm Willen unterworfen sind, von uns willkürlich bewegt werden können, während die glatte Muskulatur ohne unser Zutun, ohne unsern Willen und unser Bewußtsein sich zusammenzieht. Dementsprechend werden auch beide Arten der Muskulatur von zwei verschiednen Nervensystemen beherrscht. Daraus, daß die quergestreiften Muskeln unsrer Willkür unterworfen sind, ergibt sich schon, daß sie überall dort zu finden sind, wo wir mit Überlegung Bewegungen ausführen, am Skelett, während die glatte Muskulatur, die unwillkürlich, automatisch arbeitet, in den Eingeweiden, beispielsweise im Darm, vor allem in den Blutgefäßen tätig ist.

Wenn man von Bewegungen des Menschen spricht, so pflegt man dabei nur an die Bewegung der willkürlichen Muskeln zu denken. Daß der Mensch sich im Innern fortwährend bewegt, daß dort ununterbrochen Muskelzusammenziehungen stattfinden, die gewaltige Arbeit leisten, das macht man sich selten klar. Und doch sollte der Herzschlag, das Pulsieren der Adern uns leicht darauf hinweisen, daß es Bewegungen gibt, die nimmer ruhen. Dessen ab und zu zu gedenken, würde dem Menschen wohl nützlich sein. Ihm würde auf einmal klar werden, wie verhältnismäßig wenig Verstand und Wille im menschlichen Leben zu bedeuten haben, wie ein großer Teil alles menschlichen Erlebens unter dem Bewußtsein, gleichsam unterirdisch vor sich geht.

Denn wer merkt etwas von dem großen wunderbaren Pumpwerk, das in jeder Sekunde dem Körper, dem Verstande neue Nahrung gibt. Höchstens die Angst oder die Liebe läßt uns empfinden, daß wir ein Herz haben. Und doch ist es aus mit dem Menschen, wenn dieses Pumpwerk nicht mehr schafft. Wir trinken das Getränk, kauen unser Brot – wenn wir es tun, die meisten tun es nicht –, und damit ist es für uns zu Ende, bis wir die Reste am andern Ende des Darms wieder herauspressen. Daß die Nahrung nicht von selbst durch den Bauch rutscht, sondern durch ununterbrochne Muskelarbeit der Darmwände Ruck für Ruck bergauf, bergab getrieben wird, das beachten wir nicht. Daß, wenn wir den Blick vom Buch erheben und zu einem lieben Gesicht aufsehen, in unsern Augen Muskeln arbeiten ohne unser Zutun, ohne daß wir das geringste dazu oder davon tun, dessen sind wir uns nicht bewußt. Wir sprechen stolz von unsrer Selbstbeherrschung und können doch nicht einmal den kleinsten Muskel in einem Blutgefäß zur Ruhe bringen, ja wir nehmen es nicht einmal wahr, können es gar nicht wahrnehmen, daß sich unsre Pupille mit jedem Blick des Auges verändert. Wir nennen uns Herren der Erde, aber unsre Herrschaft endet schon am eignen Bauch. Wie viele bringen tagtäglich Stunden damit zu, ihre trägen Eingeweide aufzupeitschen oder die allzu geschäftigen zur Ruhe zu bringen, wie vielen Herrn der Erde verbittert es das Leben, daß sie eben nicht Herrn des Bauches sind. Wir Ärzte kennen sie, die Unterleibler mit ihren Qualen.

Nicht einmal die eigne Muskulatur regieren wir, geschweige denn unsre Gedanken. Drängt sie zurück, soviel ihr wollt, drinnen tief wirken sie weiter und brechen hervor, sobald sie unbewacht sind. Und in ihrer Gefangenschaft, im Kerker des Gehirns gestalten sie in Jahren, vielleicht Jahrzehnten das Innere des Menschen, seinen Charakter um. Es ist eine wunderbare Sache um die Willensfreiheit des Menschen. Denkt man darüber nach, so ist es fast, um allen Mut zu verlieren. Es bleibt ja nichts mehr übrig, was der Mensch aus eigner Kraft tun könnte. Aber das ist eben das Gesetz im Menschen, daß er einen solchen Gedanken nie ausdenken kann, ebensowenig wie er mit Fliegenaugen sehen kann. Es ist eine Funktion des Menschen, ein Organ, wenn man so will, ein Teil seiner selbst, daß er stets handelt, als ob er Willensfreiheit habe, daß er in der Tätigkeit an seinen Willen glauben muß, an dem er in der Betrachtung zweifelt. Der Streit über den Willen ist müßig. Die beiden Begriffe Willensfreiheit und Notwendigkeit wohnen gleichsam auf verschiednen Sternen. Der Mensch schlüpft eher aus seiner Haut, als daß er an seinem freien Willen zweifelt. Die Natur gab ihm den Zwang, an seine Freiheit zu glauben, obwohl diese Freiheit nicht vorhanden ist. Dieser Glaube ist ein Lebensorgan, so gut wie der Arm oder das Auge.

Trotzdem sollte der Mensch ab und zu seiner Kleinheit gedenken. Er sollte sich klarmachen, daß die wesentlichen Gedanken, die, auf denen sein Leben beruht, nicht von ihm, sondern von seinen Zellen gedacht werden, die wesentlichen Entschlüsse von den Zellen gefaßt werden, etwa von der Muskelzelle im Schlunde, die den Bissen hinunterzwingt, an dem der Mensch sonst erstickte. Und auch die willkürlichen Bewegungen, die von den quergestreiften Muskeln ausgeführt werden, sollte er ein wenig betrachten; dann wird er gewahr werden, daß auch sie nicht viel mit dem Willen zu tun haben. Man denke nur an die Atmung. Die besorgen die Muskeln ganz von selbst ohne unsern leitenden Verstand. Wir können einmal schneller, einmal langsamer atmen, aber atmen müssen wir, wir tun es auch im Schlaf.

Welch ein Wunder ist doch der Mensch! – Bedenke, wie fein seine Bewegungen sind, wie seltsam diese Maschine des Muskels arbeitet, die im sanften Berühren liebkost und mit brutaler Kraft zerstört, das eine so leicht, so spielend wie das andere, ganz als ob es sich von selbst verstände, daß eine Maschine im Augenblick mit hundert verschiedenen Kraftäußerungen arbeitet. Verzeihung für den Ausdruck Maschine. Ist denn irgendwer dumm genug, den Muskel eine Maschine zu nennen, den Menschen mit Menschenwerk zu vergleichen? Ach nein, es gibt keine Maschine und wird nie eine geben, die auch nur eine Minute das aushielte, was der Mensch sich jahrelang ohne Schaden zumutet, und es ist Geschwätz, von der Unvollkommenheit des Menschen zu reden.

Der Mensch ist ein Wunder, ein nie auszudenkendes Wunder.

Ich sprach vorhin von dem engen Zusammenhang der Muskeln mit dem Gesamtorganismus. Nun, ein jeder kennt diesen Zusammenhang ja aus eigner Erfahrung, durch die Ermüdung. Bei längerem Gebrauch ermüdet nicht nur der Muskel, sondern der ganze Mensch. Freilich sollte man dabei nicht vergessen, daß gewisse Muskelgruppen niemals Ruhepausen haben und nur ausnahmsweise ermüden: das Herz, die Atemmuskeln, die Gefäße. Von andern, wie den Darmmuskeln wissen wir nicht recht, wie lange de arbeiten, können aber wohl annehmen, daß sie ihre Tätigkeit oft unterbrechen. Jedenfalls bleibt die Tatsache der Ermüdung durch Anstrengung der Muskulatur bestehen und gibt uns den deutlichsten Beweis für unmittelbare Verbindungen dieser Organe mit dem Befinden des Menschen selbst; das gibt einen Anhaltspunkt für das Verständnis der Gymnastik und der Massage und für die Erfolge, die mit ihnen zu erzielen sind.

Von der Gymnastik, mag sie nun in Freiübungen oder Widerstandsbewegungen, mit oder ohne Apparat bestehen, werden ja zunächst die Muskeln betroffen. Auf die Wirkung, die durch Übung und ausgiebigen Gebrauch der Gelenke, durch Dehnen der Nerven und Blutgefäße dabei ausgeübt wird, gehe ich hier nicht ein. Die Muskeln arbeiten stärker bei der Gymnastik, und die nächste Folge davon ist, daß sie wachsen, kräftiger werden. Jeder weiß das vom Turnen her. Jeder weiß auch, daß aus diesem Grunde bei Muskelschwund, wie er unter langdauernden Verbänden eintritt, Gymnastik getrieben wird. Weiterhin bringt die Muskelarbeit eine Anregung für den Blutkreislauf. Ein arbeitendes Organ zieht größre Blutmengen an sich, und es ist selbstverständlich, daß man durch Bewegungen der Gliedmaßen einen Einfluß auf die Verhältnisse des Bauchs und des Schädels gewinnen kann. Stockungen im Kreislauf, Blutüberfüllungen einzelner Gegenden lassen sich so beseitigen. Dazu kommt, daß Herz und Atmung sich der Anstrengung sofort anpassen, ergiebiger arbeiten und raschere Verbrennungsprozesse im Körper anregen.

Bis zu einem gewissen Grade kann man sich nämlich die Lebensvorgänge im Körper durch das Bild des Feuers veranschaulichen. Die Nahrung stellt dann das Heizmaterial, die Kohle dar, die im Körper zum Zweck bestimmter Kraftleistungen verbrannt wird. Nun geht, wie jeder weiß, beim Verbrennen die Kohle nicht einfach unter, sie wird vielmehr in Gase, Rauch und Asche verwandelt, und wer nicht dafür sorgt, daß ein genügender Durchzug im Ofen vorhanden ist und daß von Zeit zu Zeit Schlacken und Asche entfernt werden, dem wird das Feuer ausgehen. Jeder weiß auch, daß ein helles Feuer alles Brennbare rascher und gründlicher verbrennt als eine schwelende Glut. Ähnlich liegen die Verhältnisse im Körper. Auch da bleiben bei den chemischen Vorgängen, bei dem Verbrennen Schlackenstoffe zurück, um so mehr, je schwächer die chemischen Verwandlungen vor sich gehen und je langsamer die Aschenbestandteile entfernt werden. Das hat eine große Bedeutung für das Leben, da alle Reste der Verbrennung Gifte für den Körper sind. Zeitweises Anfachen der Glut und hie und da ein schnelleres Wegspülen der Gifte sind geboten, und beides besorgt die stärkere Herz- und Atemtätigkeit bei der Gymnastik.

Tief atmen, das ist das A und das O aller Krankenbehandlung. Es ist um so wichtiger, weil der moderne Mensch selten durch das Leben gezwungen wird, wirklich zu atmen. Meist begnügt man sich damit, Luft zu schnappen, wie der bezeichnende Ausdruck lautet, wenn einer mal die dumpfe Stube verläßt. Deshalb ist auch das erste, was bei der Gymnastik beachtet werden muß, ein tiefes, regelmäßiges Atmen. Das ist gar nicht so leicht. Der Mensch ist, wenn er sich nicht anders eingeübt hat, geneigt, den Atem anzuhalten, sobald er etwas Unbekanntes, Ungewohntes ausführen soll, und er tut bei einer einfachen Kniebeuge so, als ob er eine athletische Vorstellung mit Zentnergewichten geben wollte, er wird blaurot im Gesicht. Man vergesse das Atmen nicht! Ohne Übung der Atmung ist jede Gymnastik sinnlos.

Man hat nun alle möglichen wunderbaren und wunderlichen Apparate erfunden, sie mit griechischen Namen gestempelt und sie – mit Profit – an das Publikum gebracht. Solch ein Apparat kann unter Umständen nützlich sein, im allgemeinen sollte man aber daran festhalten, daß die Übung ohne Werkzeug besser ist, schon deshalb, weil sie sich in jedem Moment anwenden läßt. Meist ist der Apparat nur ein Freibrief für die Faulheit. Er wird aufgehängt, hat Geld gekostet, und weil er Geld gekostet hat, glaubt man, er muß helfen, auch wenn er nicht benutzt wird. Die Menschen glauben ja immer noch, daß man mit Geld Gesundheit kaufen könne, vom Arzt, in der Apotheke oder beim Pfuscher. So seltsam sind die Menschen.

Aber selbst wenn der Apparat morgens regelmäßig benutzt wird, wobei dann der Kranke ein großartiges Gefühl seiner eignen Vollkommenheit hat, weil er eine Viertelstunde lang für seinen Körper anders als mit Essen und Schlafen tätig war, selbst dann ist das kein Ersatz für die Gymnastik des Lebens. Das ist das Ziel, die Muskelübung in das Leben einzufügen, zur Lebensgewohnheit zu machen, etwa beim Gehen die Beine und Arme tüchtig zu regen, ein paarmal täglich hundert Schritte so zu machen, daß man jedesmal das Bein hoch bis an den Bauch bringt und niederstampft, daß man dabei die Arme ausstößt wie in der Fechtstunde und wie eine Lokomotive faucht. Man braucht dabei keinen Straßenauflauf hervorzurufen, jeder findet dazu eine unbeobachtete Minute. Braucht eure Körper; was nicht gebraucht wird, fault.

Auch der Sport hat seine Vorteile, solange er als Spiel betrieben wird und nicht mit dem albernen Ernst des Fachmanns: das Schwimmen, Reiten, Fechten, Raufen. Vor allem aber sollte man singen. Es kommt gar nicht in erster Linie darauf an, daß es schön klingt. Das schöne Singen kann man ruhig den Konzertleuten überlassen. Aber das Maul soll man aufsperren und tüchtig losbrüllen, wenn man eben nicht anders kann. Freilich, gut wäre es, wenn wieder mehr Singlust und Singkraft unter uns käme. Das Singen ist ja nicht nur eine gesunde Leibesübung, obwohl man das nicht unterschätzen sollte. Die Musik ist das vornehmste Erziehungsmittel der Welt, denn sie lehrt Rhythmus, und alles Leben besteht im Rhythmus. Musik lernen ist besser als lesen lernen. Die Alten wußten das, und ihre Erziehung war im wesentlichen auf Musik, auf Rhythmus eingestellt. Man achte nur einmal darauf, was der Rhythmus alles tut, etwa bei einem Trupp Soldaten, die müde daherschleichen, bis die Trommel wirbelt und die Pfeife gellt; dann streckt sich der Mensch und alles wird ihm leicht. Oder man sehe die Leute die Lasten heben, wie sie in regelmäßigen Takten arbeiten und den Rhythmus laut hinausschreien, wie Pflasterer auf der Straße ihre Holzblöcke in rhythmischem Takt niederfallenlassen, wie Pferd und Reiter im Rhythmus dahinfliegen, wie die Maschinen rhythmisch geregelt sind und selbst im Sprechen der Rhythmus durchklingt. Auch die Gymnastik wird, vom Rhythmus geregelt, doppelt wirksam. Das ist der Grund, warum gemeinsames Turnen so viel besser fördert als einsames.

Ich erwähnte vorhin, daß durch die Zusammenziehung der Muskeln, durch die Gestaltveränderung der Muskelzellen sich die Zwischenräume, in denen die Ernährungsflüssigkeit sich befindet, ändern. Wie weit dadurch die Strömung der Säfte, die sich außerhalb des Blutkreislaufs befinden und deren Bewegung und Beschaffenheit für das Leben der Zelle den Ausschlag geben, wie weit ihre Strömung beeinflußt wird, läßt sich vorläufig nicht ermessen. Aber ganz abgesehen davon, leuchtet es ein, daß bei der Gestaltveränderung der Muskelzelle und der kleinen Teiche und Kanäle, die sie umgeben, jedesmal die Oberflächen der Zelle in andere Beziehungen zu der sie umspülenden Flüssigkeit treten. Das bedingt eine Erleichterung der Nahrungsaufnahme, des Heizmaterials für die arbeitende Zelle und eine raschere Abgabe aller Verbrennungsreste, die sich in dem tätigen Muskel mehr als anderswo anhäufen. Man sieht da deutlich das Genie der Natur vor Augen. Es bedeutet, auf technische Verhältnisse übertragen, eine Dampfmaschine, die irgendeinen Apparat treibt und sich gleichzeitig selber heizt und lüftet. Bei dem Stande unsrer Kenntnisse, die nur das gröbste des Mechanismus im Menschen erfassen, läßt sich die Vollkommenheit der Einrichtungen, das Genie der Natur nur ahnen. Es ist aber die große Freude der Wissenschaft, daß sie Schritt für Schritt neue Wunder entdeckt, und das ist wohl auch der Grund, warum gerade die Beschäftigung mit der Wissenschaft fromm macht.

Man mißverstehe den Ausdruck nicht. Ich meine damit keine Kirchengläubigkeit. Die liegt nicht in dem Worte fromm. Wie könnte sonst das Lied vom frommen Gott sprechen? Er glaubt doch kaum an die Satzungen der Kirche. Oder vom frommen Landsknecht? Fromm bedeutet stark, zuversichtlich. Und allerdings, stark und zuversichtlich stimmt die Betrachtung der Welt, die Erforschung des Menschen. Zum Forschen gehört der Glaube an sich und an die Welt, ein unzerstörbarer Optimismus oder besser gesagt ein Enthusiasmus. Und dieser Enthusiasmus, dieses sich in Gott fühlen, lebt vor allem im echten Arzt, mag er nun vom Staat oder von eignen Gnaden approbiert sein. Es muß gehn und es wird gehn, das ist der Gedanke, mit dem der Arzt jedem Kranken gegenübertritt, den er festhält bis zum letzten Augenblick, und es geht auch immer, selbst beim Sterben geht es. Er sieht ihn kommen und ist nicht Narr genug, dem starken Tod Trotz zu bieten. Aber Sterben ist schwer. Und erst wenn es ans Sterben geht, wird der Arzt der große Helfer. Da braucht er die Frommheit, die Zuversicht, den Enthusiasmus.

Gewaltsamer und unter Umständen nützlicher als die Gymnastik, namentlich wenn ein Muskel schon zu schwach geworden ist, um selbständig zu arbeiten, sind die Eingriffe, die unter dem Namen Massage zusammengefaßt werden. Man macht viel Wesens von ihrer Technik, gibt lange und kostspielige Unterrichtskurse dafür, und das mag ja wohl Berechtigung haben. Aber gerade die Muskelmassage ist leicht zu begreifen, vorausgesetzt, daß man nicht allzu gelehrt an die Sache herangeht. Man muß wissen, was man erreichen kann und will. Daß der Muskel sich beim mechanischen Reiz, etwa beim Schlag, zusammenzieht, wissen schon die Schulbuben, die sich ihren famosen Bizeps durch gegenseitiges Draufhauen stärken. Neben dem Schlag, der den Muskel ähnlich wie der elektrische Strom zur Tätigkeit bringt, kommen Kneten und Dehnen in Betracht. Das Kneten preßt die Flüssigkeiten aus den Zwischenräumen heraus, es macht ohne jeden Zweifel die Ernährungssäfte rascher strömen, während das Dehnen in erster Linie die in dem Muskel verlaufenden Nerven und Blutgefäße trifft.

Auf die Richtung, in der massiert werden soll, wird gewöhnlich Wert gelegt. Nach dem Herzen soll gestrichen werden. Es hat nur Bedeutung, wenn es darauf ankommt, die Blutgefäße selbst zu bearbeiten, einen rascheren Fluß des Bluts herbeizuführen, das ist aber selten der Fall. Selbst bei Blutergüssen ist es zweckmäßiger, nach allen Seiten hin zu massieren. Auch sollte man bedenken, daß die Haupthindernisse für den Blutkreislauf nicht in den Gliedmaßen, sondern im Bauch liegen. Die Bauchmassage und die Atemübung sind viel wirksamer als das künstliche Ausstreichen der Blutgefäße, das nur wenig Erfolg hat. Bei der Muskelmassage, die nicht das Blut, sondern die Zwischenzellensäfte treffen soll, ist es sogar ein Fehler, nur von unten nach oben zu arbeiten. Da muß der Muskel in seiner ganzen Ausdehnung und in der mannigfaltigsten Weise ausgedrückt werden. Soll der Muskel gedehnt werden, was wohl die wichtigste Form dieser Behandlungen ist, so muß es in der Richtung geschehen, in der der größte Schmerz verursacht wird. Denn der Schmerz beweist, daß wirklich am Nerven gezerrt wird, was der Zweck der Muskeldehnung ist.

Der eben erwähnte Schmerz bringt mich auf einen Stoff, dem der Arzt halb mit Lachen, halb mit Grauen gegenübersteht. Was kann man beim baren Unsinn andres tun als lachen oder sich ärgern? Und barer Unsinn ist der Muskelrheumatismus, von dem ich ein paar Worte sagen muß. Es gibt kein bessres Beispiel für den Teufelsspruch, daß, wo Begriffe fehlen, sich ein Wort zur rechten Zeit einstellt. Wenn einer Schmerzen in den Beinen hat, so nennt er es Rheumatismus; sitzt es im Nacken, so ist es auch Rheumatismus, und im Arm oder im Rücken nicht weniger. Dabei ist es ganz gleichgültig, ob der Schmerz durch eine Geschwulst hervorgerufen ist oder durch Entzündungen oder durch Gelenkerkrankungen oder durch sonst etwas: was Schmerzen macht, ist Rheumatismus. Daß das Wort nur für fliegende Schmerzen, die bald hier, bald dort auftreten, verwendet werden dürfte, da es ja ein Hin- und Herfließen der Krankheit bedeutet, ist dem Bewußtsein verlorengegangen. Schmerz und Rheumatismus sind im Sprachgebrauch großer Volksteile dasselbe. Dabei spielt die Vorstellung mit, daß der Schmerz im Muskel sitze, wohl deshalb, weil er durch Bewegungen schlimmer wird. Leider ist diese Vorstellung grundfalsch. Der Muskel kann nie Schmerz empfinden, nur der Nerv fühlt Schmerz, überall nur der Nerv. Muskelschmerz, Muskelrheumatismus ist an sich ein Unsinn. Es gibt Schmerzen in den Nerven, aber nichts anderes.

Bei den Ärzten ist infolge dieser Einsicht in der letzten Zeit der Ausdruck Rheumatismus unbeliebt geworden. Man hat dafür ein neues fremdtönendes Wort erfunden, das von unsern Gebildeten mit besondrer Andacht nachgesprochen wird, wahrscheinlich, weil es noch weniger Inhalt hat, das ist das Wort Neuralgie. Es klingt wunderbar schön. Aber übersetzt es einmal, dann heißt es Nervenschmerz. Ja um Gotteswillen, es gibt doch gar keine andern Schmerzen als Nervenschmerzen. Warum sagt man denn nicht einfach Schmerz statt Neuralgie? Sie kommen nächstens noch auf die Idee, das Sehen Okularvisieren zu nennen; das hätte immer noch mehr Sinn, Okularinspektion gibt es schon. Es soll Leute geben, die mit dem Nabel lesen, aber Menschen, die mit Muskeln statt mit Nerven fühlen, gibt es nicht.

Wie, ruft jemand entrüstet, Muskeln schmerzen nicht? Dann erinnern Sie sich gefälligst der Zeit, wo Sie zum ersten Male zu Pferde gesessen haben, ob Ihnen da nicht Gesäß und Schenkel weh taten. Gewiß, ich kenne es aus Erfahrung. Reitschmerzen sind unangenehm, und auch nach dem Bergsteigen pflegen die Glieder zerschlagen zu sein. Ja, ich erinnre mich aus meiner Kindheit, daß nach den Schneeballschlachten der Schule der viel gebrauchte Arm sehr empfindlich war, und wenn ich noch weiter zurückgehe, komme ich auf Zeiten, wo mir der Wachsknoten zu schaffen machte, wie man bei uns zulande die Wachstumsschmerzen nennt. Aber bei alldem war es nie die Muskulatur, die schmerzte, sondern stets der Nerv. Und der Vorgang war dabei gewöhnlich derselbe, den ich vorhin als Muskeldehnung erwähnte.

Durch den starken Gebrauch der Muskeln wird an dem Nerv gezerrt, das nimmt er übel und antwortet mit Schmerz. Er will damit sagen: halt da, Geselle, du gehst leichtsinnig mit deinem Körper um, dir werde ich es beibringen. Ist doch der Schmerz das große Erziehungsmittel, mit dem der unvernünftige Körper den vernünftigen Menschen im Zaum hält. Zuweilen ist der Nerv auch nur faul geworden, zum Beispiel beim Reiten. Da denkt er: Was fällt denn den Beinen ein? Wozu spreizen sie sich so breit? Ist das wohl anständig, und können sie mich alten Gesellen nicht in Ruhe lassen? Wart, ich werde euch kneifen. In seinen jungen Tagen fiel ihm das nicht ein. Das Kind kann nahezu jede Bewegung ohne Schmerz ausführen, kann die Glieder in der abenteuerlichsten Weise verrenken. Aber das geht bald verloren, und schon mit fünfzehn, höchstens zwanzig Jahren haben die Nerven es verlernt, frei den Gliedern zu folgen, sind sie eingerostet, sitzen sie an irgendeiner Stelle ihres Verlaufs fest, und wer sie nicht ab und zu ein wenig lockert, der mag viel mit Hexenschüssen, Ischias, Armschmerzen, Kopfweh und allen möglichen Dingen zu tun bekommen. Die Sache liegt also so, daß der größte Teil aller rheumatischen Schmerzen, auch der Muskelkrämpfe, gar nichts mit den Muskeln zu tun hat, sondern auf Unbeweglichkeit der Nerven beruht, die irgendwie und durch mannigfaltige Ursachen festgekeilt sind.

Hält man das fest, daß nicht der Muskel, sondern der Nerv letzten Endes den Schmerz empfindet, so erklären sich die peinlichen Wadenkrämpfe und sonstigen Beschwerden, die beim Wachstum auftreten, leicht. Man muß nur wissen, daß nicht alle Gewebe gleichzeitig in demselben Grade wachsen, sondern daß ruckweise bald diese, bald jene Gegend des Körpers sich verlängert. Es kommt also vor, daß Knochen und Muskulatur der Beine plötzlich in die Länge schießen, während der Nerv, der im Bein verläuft, eine zeitlang im Wachstum zurückbleibt. Dann wird er ausgedehnt, überspannt, wie etwa im Mittelalter die Menschen in der Folter ausgereckt wurden. Zunächst antwortet er immer mit Schmerz, beeilt sich dann aber, rasch nachzuwachsen. Natürlich handelt es sich bei diesen Wachstumsdifferenzen nur um Millimeter, nicht um Riesensprünge.

Wir wissen verhältnismäßig wenig über die Vorgänge des Wachstums, aber ich möchte doch nicht versäumen, hier auf Dinge aufmerksam zu machen, die jeder entweder selbst erlebt oder wovon er wenigstens gehört hat. Kinder schießen während einer akuten Krankheit merkbar in die Höhe. Besonders sagt man das den Infektionskrankheiten nach, Scharlach, Masern, Typhus und so weiter. Die Beobachtung ist richtig. Nur ist das Verhältnis nicht so zu denken, daß das Wachstum durch die Krankheit befördert wird, sondern umgekehrt, Scharlach, Masern und so weiter befallen den Körper, weil er wächst und weil seine Widerstandskräfte durch das Wachstum erschöpft sind. Ich sagte schon vorhin, und jeder aufmerksame Mensch weiß es, daß das Kind nicht gleichmäßig, sondern ruckweise wächst, so daß Zeiten des Stillstandes mit solchen regen Längerwerdens wechseln. Daraus erklärt sich wenigstens zum Teil die rätselhafte Tatsache, daß in ein und derselben Familie unter den gleichen Lebensbedingungen und Ansteckungsgelegenheiten doch nur ein Teil der Kinder erkrankt, nämlich nur die, die gerade in der Wachstumsperiode stehen. Die Krankheitserreger, die unter gewöhnlichen Bedingungen leicht vom Körper vernichtet werden, treffen auf geschwächte Individuen und überwältigen sie. Daß tatsächlich das Wachsen an sich den Körper arg mitnimmt, läßt sich leicht feststellen. Die Kinder verlieren, sobald sie in Zeiten schnellerer Körperentwicklung geraten, ihre runden Formen, sie nehmen auch, während sie länger werden, durchaus nicht an Gewicht zu, zehren also gewissermaßen die Reservevorräte des Körpers auf. Gleichzeitig geht eine starke Revolution in dem Kreislauf und in den Verbrennungsprozessen vor sich, da mit jedem Zentimeter Körperwachstums auch Nerven und Blutgefäße länger werden müssen. Unlust und auffallende Müdigkeit sind dann immer zu finden; gewöhnlich treten aber auch allerlei geringe Störungen, Erbrechen, Durchfälle, Husten, Halsentzündungen auf und, wie gesagt, häufig genug schwere Erkrankungen.

Am deutlichsten macht sich das alles im Laufe der Geschlechtsentwicklung bemerkbar. Das seelische und körperliche Befinden wird dann in der seltsamsten Weise beeinflußt, was in ganz andrem Maße die Aufmerksamkeit der Eltern verdiente, als es leider der Fall ist. Mit den Ausdrücken Flegeljahre und Backfischzeit ist die Sache nicht abgetan, und die beliebte sexuelle Aufklärung während dieser Zeit richtet auch mehr Schaden an, als sie je nützen wird. Es ist schlimm genug, daß unsre Zeit so etwas wie sexuelle Aufklärung überhaupt braucht, aber man sollte nicht solch heilloses Geschrei davon machen. Wir leben momentan in Verhältnissen, in denen unsern Kindern und uns selbst der Zusammenhang mit der Natur verlorengegangen ist. Aber das ist eine vorübergehende Folge unsrer industriellen Entwicklung. Früher oder später wird sich der Mensch wieder besser in den großen Zusammenhang der Welt hineinfügen, oder wenn er das nicht tut, wird er zugrunde gehen. Daß aber die Aufklärung, die die Natur, die Erde jedem Landkinde ohne weitres durch das Leben gibt, jemals schulmäßig betrieben werden könnte, das wird man mir nie weismachen. Das ist nur solch halbes Mittelchen, ein Zudecken des Sumpfs, aber kein Austrocknen.

Erwachsne Menschen verstehn nichts vom Kindesdenken, am wenigsten Eltern von dem innersten Wesen ihrer Kinder. Der ist ein guter Vater, der sein eignes Kind kennt, heißt es mit Recht. Glaubt man das nicht? Nun ja, man glaubt vieles nicht, was der Eitelkeit weh tut. Aber an sich hat das Kind schon Freude an der Heimlichkeit, und gar den Eltern gegenüber verbirgt es absichtlich ganze Gebiete seines Innenlebens. Das Kind kennt seine Eltern, kennt ihre Schwächen; es weiß genau, was es äußern darf und was es verschweigen muß. Und es schweigt besser als irgendein Erwachsener. Nun gar den Lehrern gegenüber ist eine wirkliche Offenheit nicht denkbar. Selbst wenn das Kind im Lehrer nicht den gebornen Feind sieht, wie es wenigstens fast alle Knaben tun, so wird es doch freiwillig nur selten zeigen, was in ihm vorgeht, meist nur, wenn es überrumpelt wird. Sonst wird es durch Kameradschaftlichkeit und Gefühl für Disziplin von jedem Sichgehenlassen zurückgehalten. Man vergesse auch nicht, daß diese reifenden Knaben und Mädchen, so groß ihr Anlehnungsbedürfnis ist, doch schon den Eigenwillen haben, nach Selbständigkeit ringen und sich vor dem Erwachsnen, dem sie sich heute anschmiegen, morgen voll Mißtrauen verstecken. Die Seelenzustände reifender Menschen sind unbekanntes Gebiet. Man hüte sich, vorwitzig dreinzufahren.

Im übrigen kommt es auf diese Aufklärung nicht allein an, ja nicht einmal in erster Linie. Der Makel, den das letzte Jahrhundert allem Geschlechtlichen angeheftet hat, läßt sich gewiß nicht durch Aufklärung beseitigen, und dieser Makel ist das Schlimme. Was wissen wir von all diesen Beziehungen? So gut wie nichts. Und da will man aufklären. – Den Sinn für das Erhabene im Menschenwerden, im ewigen Gebären der Welt wecken, selbst das Symbol schauen und andere es schauen lassen, das tut not. Aber gerade die Aufklärichter stecken noch ganz im Materialismus drin. Sie sind nicht die Leute, eins der schwersten Leiden der Zeit zu heilen. Ich bitte übrigens mich nicht mißzuverstehen: daß ein Mädchen nicht von der ersten Menstruation überrascht werden darf, versteht sich von selbst. Das muß allmählich in das Bewußtsein des Mädchens übergehen, es darf nicht gelehrt werden, sondern das tägliche Leben muß die Kunde bringen, damit sie frei ihre Frauenwürde und Bürde trägt. Das alles möge die Zukunft bessern, wir können es nicht.

Die Zeit der Reife ist eine schwere Zeit für alle Eltern. Da hilft nur eins: Geduld und Wartenkönnen. Diese Jahre gehen wie alle andern auch vorüber. Und später läßt sich manches gutmachen, was in falsche Bahnen geriet, später kehrt auch das Vertrauen der Kinder zurück, wenn es nicht durch voreiliges Belehren und Leitenwollen auf immer zerstört wurde.

Wenn es mir so nicht rätlich scheint, allzuviel psychische und moralische Kunststücke mit heranwachsenden Menschenkindern im Alter der Reife zu machen, so möchte ich um so dringender bitten, auf alle körperlichen Zustände dieser Zeit zu achten und so bald wie irgend möglich Vernunft in unsre Schulerziehung hineinzubringen. Daß unsre Jugend in der Zeit auf der Schulbank klebt, daß an sie gerade dann die größten Anforderungen gestellt werden, das kann man ändern. Dazu gehört nur guter Wille. Und das sollte man ändern. Ich erwähnte vorhin, daß das Wachsen nur auf Kosten früher aufgehäufter Kräfte stattfinden kann. Das gilt von jeder Zeit. Es gilt aber besonders von der Pubertät, wo sich Eierstock und Hoden entwickeln, ihre Tätigkeit beginnen und durch diese Tätigkeit, durch Absonderungsvorgänge, die man erst seit kurzem kennt, das Wachstum stark anregen. Es ist grausam und nichtswürdig, an das so geschwächte Kind gesteigerte Zumutungen zu stellen.

Man achte auf dieses Emporschießen während der Pubertät. Geschieht es in zu raschem Tempo, so ist Vorsicht am Platz. Da nicht alle Organe gleichzeitig und gleichmäßig wachsen, so bleiben nicht gar zu selten lebenswichtige Teile in der Entwicklung zeitweise zurück und verursachen grobe Störungen. So ist es bekannt, daß die Hauptkörperschlagader, das wichtigste Gefäß des Blutkreislaufs, dessen regelmäßiger Bau die Ernährung des Körpers verbürgt, oft jahrelang zu eng bleibt. Das äußert sich dann unter den verschiedensten Formen von Ernährungsstörungen, die man unter dem allbekannten Namen Bleichsucht zusammenzufassen pflegt. Und wie auf a b folgt, so folgt auf Bleichsucht Eisen. Ich wollte, ich hätte all das Geld, das jährlich nutzlos für Eisenpräparate ausgegeben wird. Es ist ja nicht zu verwundern, daß die Bleichsucht während des Eisengebrauchs ausheilt. Man muß nur lange genug damit fortfahren, dann gleichen sich die Wachstumsunterschiede im Körper aus. Durch das Eisen? Gott bewahre! Es kommt mit der Zeit von selbst. Schon tausendmal ist es bewiesen worden, daß das Eisen keinen Wert für die Behandlung der Bleichsucht hat, daß es zum mindesten ohne Eisen ebenso rasch vorwärts geht. Das Leben bringt seltsame Blüten hervor und ist nicht uninteressant.

Sehr viel schwerer sind die Folgen, wenn das Herz mit dem Längenwachstum nicht Schritt hält, ein Ereignis, das häufig genug vorkommt. Dann bricht solch ein hochaufgeschossener junger Mensch bei irgendeiner Anstrengung, beim Tennisspielen, Rodeln, Radfahren plötzlich vollkommen zusammen, und wenn er überhaupt wiederhergestellt wird, so dauert es jedenfalls Jahre. Das Herz ist dann zu klein für den Hohlraum des Brustkorbs, es schlenkert bei jeder Bewegung hin und her, bald nach links, bald nach rechts oder oben und unten, und wird, da es an den Gefäßen festsitzt, einmal in die Länge, einmal in die Breite gedehnt. Ist es erst so weit, daß deutliche Erscheinungen im Allgemeinbefinden auftreten, die sofort sehr schwere sind, dann können sich die Eltern auf eine langwierige, schwer zu behandelnde Krankheit gefaßt machen, und sie mögen Gott danken, wenn sie an einen Arzt kommen, der sich nicht gleich durch die Heftigkeit der Symptome einängstigen läßt und dem Kinde einen Herzklappenfehler andichtet; denn das Mißverhältnis zwischen Herzgröße und Körperlänge kann vorübergehen, tut es auch bei geduldiger Vorsicht; wem aber erst einmal gesagt worden ist: du hast einen Herzfehler, dem geht dieses Wort durch das ganze Leben nach, und er bleibt in seinen eignen Augen immer krank, immer in größter Lebensgefahr. Die Art, wie unsre Zeit mit Kranken verfährt, macht oft den Eindruck, als ob sie es für ihre Hauptaufgabe hielte, das Vertrauen des Menschen in seine eigne Kraft zu untergraben. Man vergesse doch nicht, daß der größte Teil der sogenannten eingebildeten Krankheiten künstlich gezüchtet wird, durch voreiliges Urteilen, dadurch, daß so wenige zu schweigen verstehen.

Verschwiegenheit ist eine der ersten und wichtigsten Tugenden des Arztes. Nicht ohne Grund greift das Rechtsgefühl bei der Beurteilung des Arztes aus allen menschlichen Fehlern gerade den Mangel an Verschwiegenheit heraus, um ihn mit harten Strafen zu belegen. Freilich, das Strafgesetz kann nur den groben Vertrauensbruch ahnden. Das Unheil, das der wichtigtuenden Geschwätzigkeit, der laut prahlenden oder feig sich vor der Zukunft deckenden Diagnostiziererei entspringt, geht ungesühnt seinen Gang. Umso tiefer sollte sich jeder, der mit Kranken zu tun hat, nicht bloß der Arzt – bei dem versteht es sich von selbst – ins Herz prägen: Wahre deine Zunge und sieh nach den Folgen deiner Worte! Da dir Gott nicht den Blick in die Zukunft gab, du auch meist nicht imstande bist, in das Innre deines Kranken zu schauen, so ist es in zehn Fällen gewiß neunmal gütiger und besser, du schweigst und behältst für dich, was du zu wissen glaubst.

Mir ist stets unverständlich gewesen, warum ein Arzt von Laien seiner Diagnosen wegen gepriesen wird. Dieses Lob beweist ja, daß er kein guter Arzt ist, sondern nur dafür gehalten sein will, daß er zu viel spricht. Denn was geht den Kranken die Diagnose an? Gar nichts. Sie ist Geheimnis des Arztes, das er in seinem Innern verschließen soll und nur ausnahmsweise zu bestimmten Zwecken preisgeben darf. Und was hat es schließlich mit der Diagnose so großes auf sich? Wenigstens mit dem üblichen Etikettieren der Kranken: Gallensteine, Leberkrebs, Gehirnerweichung? Damit ist nicht das geringste weder über den Verlauf, noch über die Ursachen, noch über den Zustand ausgesagt und kaum eine kleine Handhabe für die Behandlung gewonnen. Die Diagnose sollte, ich sagte das schon früher, den ganzen Menschen umfassen und seine Lebensverhältnisse dazu. Erst aus dem allumfassenden Urteil lassen sich Schlüsse für die Behandlung ziehen. Zum Behandeln aber ist der Arzt da, nicht zum Diagnostizieren. – Nil nocere, nichts schaden: wie viele führen diesen Leitsatz ärztlichen Lebens im Munde, und wie wenige handeln danach.

Nil nocere, das sollten auch die Eltern und Lehrer und alle, die mit Kindern zu tun haben, im Kopf haben. Dann würden sie den Kindern manches harte Wort, sich selbst manch schweren Tag und bittere Sorge ersparen. Sie würden dann eingedenk sein, daß Kinder wachsen und daß aus diesem Wachsen bestimmte Unarten entspringen, die nicht dem Kinde, sondern seinem Alter, seinem Wachstum angehören. Nicht jede Stunde der Faulheit, nicht jeder Ungehorsam, nicht jede Wildheit oder Grausamkeit oder Schlechtigkeit, ja nicht einmal jede Lüge ist dem Kinde anzurechnen. Jedes Alter hat seine Fehler, so lasse man auch dem Kinde die seinen. Man strafe, wenn gestraft sein muß, aber man halte nicht alles für Charakterlosigkeit, was danach aussieht. An seines Kindes Zukunft soll man glauben, Vertrauen dazu haben. Vertrauen schließt Vorsicht und geduldige Führung nicht aus.

Ich habe, wie ich sehe, meinem Leser von allen möglichen Dingen gesprochen, nur nicht vom Muskelrheumatismus. Das liegt eben im Wesen des Muskelrheumatismus. Rheumatismus ist einfach alles. Ich werde mich nun streng an das Thema halten, und da ich von dem Wesen des Rheumatismus nichts andres weiß, als daß es ein Unwesen ist, will ich mich lieber mit den Ursachen dieser Allerweltskrankheit beschäftigen. Da stoße ich denn zu meiner Freude auf die Allerweltsursache, die Erkältung, diese Fundgrube für nachdenkliche Gemüter. Was ist nicht alles Erkältung! Schnupfen, Gelenkschwellungen, Halsentzündungen, Schwindsucht, Bindehautkatarrhe, Blasenschmerzen, Durchfälle, Kopfschmerzen, Brustfell- und Lungenentzündungen, Erbrechen, Eiterungen, Krebs, Geschwülste aller Art und vor allem, vor allem Rheumatismus. Gott sei Dank hat das letzte halbe Jahrhundert uns die Bazillen beschert, das gibt wenigstens Abwechslung. Und wie spaßhaft sind die Menschen, die den Erkältungswahnsinn haben! Und wer hätte ihn nicht? Mich wundert es immer, daß man die Toten nicht auch noch einmummelt. Was aber ist Wahres an der Erkältung? Wenn man es recht besieht, so gut wie nichts.

Allerdings kann ein plötzlicher oder lang andauernder Kältereiz hie und da den Menschen oder seine Teile weniger widerstandsfähig machen, so daß er mit den Anforderungen des Lebens nicht mehr fertig wird, genauso wie ich das eben von dem Wachstum auseinandersetzte. Aber das ist doch höchstens die Gelegenheit, bei der der Mensch erkrankt, nicht die Ursache seines Leidens. Solcher Gelegenheitsursachen gibt es aber Legion. Es kann ebensogut ein Wärmereiz sein, es kann Hunger sein oder Völlerei, es kann Ermüdung sein oder leidenschaftliche, zornige, betrübte Stimmung, Angst. Es ist ein bekannter Spruch, daß Menschen, die sich vor der Seuche ängstigen, am sichersten von ihr ergriffen werden, und dieser Spruch ist wahr. Der Südländer, der an das Leben im Freien gewöhnt ist, spricht nicht von Erkältung. Wenn er krank wird, glaubt er sich erhitzt oder zu viel gegessen zu haben, und damit wird er wohl eher das rechte treffen als der Deutsche und der Engländer, die nichts andres wissen als Erkältung. Die Hochzeit ist doch auch nicht die Ursache fürs Kinderkriegen, sie schafft höchstens die Gelegenheit. Auf die Hochzeitsbräuche – ob sie heidnisch, christlich, mohammedanisch sind oder ob sie gar nicht stattfinden – kommt nicht viel an. Ebenso ist der Kältereiz nur eine Gelegenheit unter tausenden, noch dazu eine seltne. Gelegenheiten bringt jeder Tag und jede Minute. Jeder Augenblick, jede Bewegung bringt solche Gefahren mit sich.

Das ist das Wunder des Lebens, des Menschen, daß er spielend, ohne das geringste davon zu ahnen, jahrzehntelang Schwierigkeiten überwindet, denen eine Maschine nicht eine Minute standhalten kann. Der Versuch, diese Schwierigkeiten zu vermeiden, ist höchst seltsam. Denn aus ihnen besteht das Leben, und der Versuch kann nur dem Toten gelingen. Wie sollte es wohl möglich sein, den Wechsel von Wärme und Kälte zu verhüten? Wir sind nicht Herren über Wetter und Wind, aber unser Körper sollte so sein, daß ihm Wind und Wetter nichts schaden, und wenn er so nicht ist, so sollten wir ihn so machen. Das ist nicht allzuschwer. Die Kälte wirkt zunächst auf die Blutgefäße ein: wer seine Hände lange dem Frost aussetzt, der muß sie fleißig regen, sonst werden sie blau. Es kommt darauf an, die Blutgefäße der Körperoberfläche so zu erziehen, daß sie jedem Wechsel der Temperatur rasch und zweckmäßig folgen, und das erste große Mittel dazu ist die Bewegung. Wir werden später sehen, daß die Blutgefäße in Abhängigkeit von einem bestimmten Nervensystem stehen und daß dieses Nervensystem durch ausgiebige Bewegung gereizt wird.

Weiterhin kommen die Helfer des Menschengeschlechts Licht, Luft und Wasser in Betracht. Man braucht deshalb noch nicht für Nacktkultur zu schwärmen, um in Sonne und Luft bessre Heilmittel zu sehen als in allen chemischen Präparaten. Man braucht noch nicht das Amphibiendasein für den wünschenswerten Zustand des Menschen zu halten, um von dem Nutzen des Waschens im tiefsten überzeugt zu sein. Die Sitte der Sonnen- und Luftbäder breitet sich ja immer mehr aus, und jeder, der etwas vom Menschendasein versteht, wird das mit Freuden begrüßen. Der Reinlichkeit freilich möchte man mehr Freunde wünschen. Es ist besser damit geworden. Ich besinne mich, daß in meiner Kindheit sonnabendlich eine große Haupt- und Staatswascherei in den Familien stattfand, an den andern Tagen begnügte man sich, Gesicht und Hände zu waschen, und der schmutzige Hals spielte damals eine große Rolle bei der Kindererziehung; auch den Wechsel von Tag- und Nachthemden kannte man noch wenig. Wenn man gar die Vorschriften liest, die der Soldatenkönig über die Reinlichkeit seines Sohnes, des großen Friedrich, gegeben hat, oder wenn man das Waschbeckchen sieht, in dem sich Goethe zu waschen pflegte, wenn man weiß, daß die Schönheitspflästerchen der Rokokozeit aufgeklebt wurden, um den Dreck zu verbergen, oder die Antwort jener englischen Herzogin kennt, die, ihrer schmutzigen Hände wegen zur Rede gestellt, erwiderte: Da sollten Sie erst einmal meine Füße sehen, so mindert sich der Zorn über die Waschscheu der Menschen. Wenn man nur als Arzt nicht gar zu nahe mit ihnen in Berührung käme! So aber merkt man leider mit Händen, Augen und Nase, daß es noch schlimm steht.

Ich spreche da nicht bloß von der Arbeiterbevölkerung. Der Dreck ist in allen Klassen beliebt. Im allgemeinen sind die Frauen ein wenig reinlicher als die Männer, aber ich habe leider genug hochangesehne Damen kennengelernt, die sich morgens erst in ihr Korsett zwängten, ehe sie an den Waschtisch gingen. Wie kann überhaupt davon die Rede sein, daß man sich am Waschtisch aus dem Waschbecken waschen könne. Das ist unmöglich, wenn man nicht täglich das Zimmer überschwemmen will. Der Waschtisch ist gut, um Seifen, Zahnbürsten, Bürsten, Waschlappen, Krüge und so weiter zu tragen, das Waschbecken gut fürs Händewaschen, aber waschen, wirklich waschen kann man sich doch nur in einer Wanne oder in einem Bottich, kurz in einem Behälter, in dem man stehen und sich abspülen kann. Der Waschtisch, das Waschbecken können entbehrt werden, der Waschbottich nicht. Gewiß, es wäre sehr schön, wenn jeder Deutsche außer dem bekannten Huhn im Kochtopf auch ein Badezimmer zur Verfügung hätte. Aber es geht auch so. Ein Behälter, um Wäsche einzuweichen und zu säubern, pflegt auch in Familien zu sein, die nicht mit Glücksgütern gesegnet sind, und Seife ist kein so kostbarer Artikel, daß man daran sparen müßte. Und die Zeit, um sich täglich von Kopf bis zu Füßen oder besser von den Füßen bis zum Kopf, was dem Körper zuträglicher ist, zu waschen, kann ein jeder aufbringen. Ich habe durch peinlich saubre Menschen feststellen lassen, daß man sich gut in fünf Minuten rein waschen kann. Man muß nur nicht dabei schlafen. Freilich es bleiben genug übrig, die nicht einmal ein Waschfaß besitzen, all die Unseligen, die in einem oder zwei Zimmern wie in Käfigen zusammengepfercht sind. Aber denen würde auch das Badezimmer nichts nützen, solange unsre dreimal hochgelobte Kultur sie schlechter als das Vieh zu wohnen zwingt.

Es ist auch eine eigne Sache mit den Badezimmern. Die Seife pflegt in den Badezimmern der Reichen nicht in dem Maße verwendet zu werden, wie es wohl wünschenswert wäre. Mit dem Sichdehnen im angenehm warmen Wasser allein spült man aber den Schmutz nicht weg. Es fällt keinem Menschen ein, schwarze Wäsche ohne Seife in lauem Wasser zu säubern. Dazu gehört viel Seife und heißes Wasser. Und so sollte der Mensch auch heißes Wasser nehmen, um sich zu reinigen. Mit dem kalten kommt man nicht so rasch vorwärts, und mit dem lauen verfehlt man den andern Zweck des Waschens, die Erziehung der Hautgefäße. Hitze und Kälte erziehen die Haut, Hitze noch besser als Kälte, namentlich bei alten Leuten. Wärme verwöhnt die Haut. Es gibt auch Menschen, die sich einbilden, man brauche sich morgens nicht zu waschen, wenn man es nur abends tut. In der Nacht wird man ja nicht schmutzig. Was müssen diese Menschen wohl für Nasen haben, daß sie nicht einmal den Schlafzimmergeruch wahrnehmen!

Ich sagte vorhin, das weibliche Geschlecht sei im ganzen reinlicher. Aber ich muß das einschränken. Die meisten Frauen bilden sich ein, sie dürften sich während der Periode nicht waschen. Ich kann mir dafür, daß sie durchaus ein Viertel ihres Frauendaseins schmutzig herumzulaufen lieben, keinen anderen Grund denken, als daß sie das Wort der Schrift, daß die Frau während der Blutung unrein sei, in verkehrtem Sinne heilig halten wollen.

Auch die übertriebne Reinlichkeit, der Waschwahnsinn, hat Schattenseiten. Wohl jeder ist einmal Menschen begegnet, die alle fünf Minuten zum Waschbecken laufen, die, wenn sie eine Klinke angefaßt oder eine fremde Hand geschüttelt haben, sobald als möglich sich die Hände waschen. Solche Leute sollten nicht vergessen, daß sie ihr Inneres verraten. Ihr Waschen ist die symbolische Handlung, die wir alle von Pilatus und der Verurteilung Christi her kennen. Ihr Innres ist beschmutzt, meist von frühen Kindertagen her, und das Gefühl davon wollen sie wegspülen.

Noch eins möchte ich erwähnen. Ein jeder weiß, welche segensreiche Rolle die Reinlichkeit in der Chirurgie spielt. Was aber nur wenige wissen und doch jeder, der Lust hat, sich operieren zu lassen, wissen müßte, ist, daß auch die gründlichste Desinfektion nicht genügt, um die Hand des Operateurs vollständig keimfrei, vollständig ungefährlich zu machen; ebenso wie jeder sich gegenwärtig halten sollte, daß die Betäubung an sich ihre Opfer fordert, ohne erst die Hilfe des Messers abzuwarten. Seit über vierzig Jahren gibt man sich Mühe, eine Methode zu finden, die operierende Hand vollständig zu reinigen, aber bisher ist es noch nicht gelungen, und es wird auch nie gelingen; in den oberen Schichten der Haut, an den Härchen und unter den Nägeln bleibt immer noch dieser oder jener Keim sitzen, und schließlich ist man soweit gekommen, in Gummihandschuhen zu operieren. Wer sich nun gar einbildet, er könne durch Waschen und Baden die Ansteckungskeime fortschaffen, die in irgendeinem Scharlach- oder Diphtheriezimmer an ihm haften blieben, der sollte einmal seine frisch gewaschne Hand neben die schmutzige eines Arbeiters auf einen Nährboden für Bakterien legen. Er würde zu seinem Erstaunen sehen, daß von seiner gepflegten Hand sich viel mehr Bakterien ablösen, als von der ungewaschnen des Arbeiters. Die Hauptmasse der Keime sitzt eben in den obersten Schichten der Haut und läßt sich durch Wasser und Seife nicht entfernen, wohl aber bilden Staub und Schweiß der Arbeit eine verhältnismäßig bakterienfreie Kruste.

Unsre Zeit steht unter der Herrschaft der Angst, und vor dem Gewimmel der Bakterien bebt unser Geschlecht, das sich Herren der Erde nennt. Da lohnt es sich einmal gegen den Ansteckungswahnsinn der Menschen, gegen die erbärmliche Feigheit, die sich offen und schamlos überall zeigt, statt in die fernsten Winkel zu kriechen, ein Wort zu sagen. Wer die Schmach miterlebt hat, wo im Zeitalter der Kultur die größte Handelsstadt des Reichs, Hamburg, geächtet wurde, aus elender Angst vor der Cholera, geächtet wie es schlimmer nicht zu den Zeiten von Acht und Bann geschah, der hat von da an eine tiefe Verachtung vor dieser schuftigen Zeit der Kultur behalten, die wahrlich durch die Beobachtung des täglichen Lebens nicht geringer wird. Sprengt doch die Angst vor der Ansteckung die Bande zwischen Kind und Eltern, Bruder und Schwester, zwischen Freund und Freund, tötet sie doch sogar in unsrer demokratischen Zeit den Freiheitsdurst und die Menschenwürde, die sich willig unter die Gewalt der Polizei beugen und selbst ihr Heim, ihr Heiligstes und Heimlichstes der blöden Hast der Desinfektion preisgeben. Da gilt es zweierlei zu betonen: einmal, der Mensch kann sich nicht vor den Bakterien schützen, und dann: die Bakterien tun ihm nichts, wenn er ein ganzer Mensch ist.

Der Mensch kann sich vor den Bakterien nicht schützen, das hat die Wissenschaft längst und tausendfach festgestellt. Warum trotzdem gerade diese Wissenschaft die zwangsweise Desinfektion anpreist und dem Volke weismacht, damit wäre es geschützt, das ist eins der Rätsel, über das man nur lachen kann, das man aber nicht zu lesen sucht. Heil dir, mächtige Tollheit!

Und zweitens: die Bakterien schaden dem Menschen nichts, wenn er ein ganzer Mensch ist. Das läßt sich auch begreifen. Es gilt da das, was ich vorhin von der Erkältung sagte. Nicht die Bakterien sind die Ursache einer Erkrankung, sie benutzen nur die Gelegenheit, die ihnen das Leben bietet. Etwa wie der vom Wind getragne Grassamen sich in ein Loch der harten Erde einbohrt, um dort zu wachsen. Wer den Bakterien keinen Boden bietet, daß sie gedeihen können, der wird nicht krank. Die letzte Ursache alles Krankseins, auch der Infektionen, liegt im Menschen selbst. Er ist die entscheidende Krankheitsursache.

Der Versuch, die Bakterien in der Welt auszurotten, ist ungefähr so vernünftig wie der, Gras und Kräuter von der Erde zu verbannen. Beides wird nicht gelingen. Aber ein gesunder Acker, der gehegt und gepflegt wird, trägt kein Unkraut, und wenn es hie und da hervorsprießt, so wird es von der Saat erstickt. Man soll doch bedenken, daß in jedem Zimmer, in jedem Raum Tuberkelbazillen vorhanden sind, daß überall und überall gute und schlechte Keime sind, und daß kein Fenster bakteriendicht ist, keine Stätte in der weiten Welt ist, die nicht nach modernen Begriffen verseucht wäre. Das Streben des Menschen sollte nicht sein, vor der Krankheit zu fliehen, sondern sich so zu machen, daß ihm keine Krankheit etwas anhaben kann. Feigheit ist verächtlich. Sucht in euch die Ursache eurer Leiden, nicht draußen.

Ich hoffe, man hat verstanden, wie ich nach alledem über den Rheumatismus denke. Aber da ich so lange über seine Ursachen gesprochen habe, darf ich wohl auch ein Wort über das Hauptsymptom sagen, über den Schmerz. Er gehört zu den verkannten Heiligen. Nichts ist dem Menschen so verhaßt wie der Schmerz, und doch ist er des Menschen größter Wohltäter. Ich wies schon auf seine erzieherischen Wirkungen hin, und jeder Arzt, jeder Mensch, der ein wenig Beobachtungsgabe sein eigen nennt, weiß, daß er hochveranlagte Menschen zu erstaunlicher Größe entwickelt. Die Sitte der Spartiaten – soviel ich weiß, herrscht sie auch bei den Japanern und bis vor ein oder zwei Jahrhunderten pflegte man sie auch bei den Deutschen –, die Knaben lediglich zur Stärkung ihres Charakters in regelmäßigen Zeiträumen zu züchtigen, war nicht schlecht und täte uns dringend not. Ich kann nicht begreifen, wie man sich das goldne Zeitalter ohne Schmerz vorstellen kann. Er gehört zum Menschen, ist sein väterlicher Freund. Das Herabsinken der männlichen Leistungsfähigkeit auf das Niveau der Frauen hängt damit zusammen, daß für den Mann der Schmerz mit der höheren Zivilisation immer seltner geworden ist, während dem Weibe der Schmerz des Gebärens Natur ist.

Aber das ist nur eine gute Seite des peinlichen Menschenfreundes, er hat mehr, und ich erwähne hier einen, der ein großes medizinisches Interesse hat. Wenn man den Körper mit einem geordneten Haushalt vergleicht, wie es oft geschieht, so spielt der Schmerz etwa die Rolle eines Hofhunds, der den einschleichenden Dieb anbellt. Wo Schmerz ist, da ist Gefahr, und so wie es dumm vom Hausherrn sein würde, dem wachsamen Hund, der den Dieb wittert, ein Stück Wurst hinzuwerfen, damit er den Schlaf des Hauses nicht störe, so ist es dumm, den Schmerz mit irgendeinem Mittel sofort zu unterdrücken; man verwischt damit das Krankheitsbild, beraubt sich selbst der besten Handhabe zur Behandlung. Es ist, als ob man die Mistgrube, die die Luft des Hauses verpestet, nur zudeckt, statt sie zu räumen. Gewiß, kein Arzt ist hart genug, immer und überall das Morphium oder ähnliche Arzneien zu verweigern; es wäre nicht Härte, sondern Grausamkeit. Wenn man mich aber vor die Frage stellte, möchtest du, daß das Morphium niemals entdeckt wäre, so würde ich die Frage wahrscheinlich bejahen und mit mir alle, die das Unglück gehabt haben, beruflich oder in der Familie mit Morphinisten zusammenzuleben. Der Morphinismus ist noch schlimmer als die Trunksucht. Denn beim Trunk wird der Mensch zur Bestie, beim Morphium bleibt er Mensch, aber er wird schlecht. Den Trunksüchtigen erkennt jeder auf den ersten Blick, man kann ihn meiden, wenn man nicht durch das Gesetz unlösbar mit ihm zusammengeschmiedet ist; den Morphiumsüchtigen erkennt fast niemand, denn er ist klug, meist auffallend klug, und er lügt. Man glaube ihm kein Wort, er lügt immer.

Wenn es wahr ist, daß in Norwegen mit dem Sinken des Alkoholverbrauchs der Verbrauch an Morphium gestiegen ist, so kommen einem Bedenken, allzu eifrig für die moderne Mäßigkeitsbewegung einzutreten. Freilich, die drei bis vier Milliarden, die jährlich in Deutschland für Alkohol ausgegeben werden, das namenlose Elend im Thüringerwalde, wo die Säuglinge mit Branntweinlutschern zur Ruhe gebracht werden und die Schulkinder als Mittagessen Brot mit Schnaps bestrichen bekommen, das und andres mehr schreit zum Himmel. Wer die Augen erst einmal geöffnet hat, dem tritt das Schicksal überall in schauderhafter Gestalt entgegen, und sein Leben verrinnt im Kampf mit dem Unglück. Und es ist schön zu kämpfen.

Soziale Tätigkeit ist heutigentags Mode geworden. Man tritt förmlich wie auf Pflaster auf gemeinnützige Vereine und Anstalten. Mir will es scheinen, daß es schon nicht mehr recht ist und daß aus Gut Böse wird. Geld und Kraft werden zu oft sinnlos vergeudet und die innre Tüchtigkeit des Volkes wird zernagt. Ein böses Beispiel dafür ist der staatliche Versicherungszwang. Auf dem Wege der Genossenschaft wäre dasselbe zu erreichen gewesen, ohne daß die schlimmen Folgen für unsre sittliche Kraft so stark aufgetreten wären. Darüber und über tausend andre blind betretne Wege sozialer Fürsorge ließe sich vieles sagen, ein ganzes Kapitel über den Humanitätsdusel der Menschen schreiben, über die Eitelkeit und den Neid der großen und kleinen Führer auf diesen Pfaden, die ins dunkle führen. Was aber soll man tun? Mit verschränkten Armen und zusammengebissnen Zähnen dastehn, zuschaun und nichts tun? Das hält keiner mehr aus, es wäre auch unrecht; denn es ist keine Frage, daß das letzte Jahrhundert namenloses Elend über die Menschen gebracht hat. Wenn ich die tausend und abertausend Wege betrachte, wollen mir nur drei als sicher erscheinen, die sich alle drei an einem bestimmten Ziele vereinen.

Das erste ist die Sorge für die Mütter des Volks. Unser Volk stirbt aus. Wir brauchen Kinder. Die Frau gehört an die Wiege, sie soll vom Manne ernährt werden. So gebe man dem Manne genug zu verdienen, daß er Weib und Kind ernähren kann; das ist bei drei Vierteln unsrer Männer nicht mehr der Fall. Die Frage der Frauenarbeit ist eine Geldfrage. Alle Wege, die dem Manne bessern Lohn verschaffen, sind gut, und die großen Organisationen, deren Muster die Arbeitergewerkschaften sind, halte ich für die Träger der Zukunft, wenn es anders eine Zukunft für uns gibt. Auch der Arzt gehört in seine Organisation hinein. Keiner sollte abseits stehen.

Das zweite ist die Sorge für ein eignes Heim. Ein jeder muß sein eignes Dach haben, ein jeder ein Stück Grund, das er bebauen kann. Der Mensch hat eine Antäusnatur. Löst ihn um der Erde, und er stirbt. Dies Ziel ist zu erreichen durch Innenkolonisation, Bodenreform, Siedlungsgenossenschaft. Warum zählen deren Anhänger noch nicht nach Millionen in Deutschland? Weil der größte Teil der Deutschen nicht weiß, was Bodenreform und Innenkolonisation ist, nicht einmal, was eine Genossenschaft ist, weil wir an das Nomadenleben gewohnt sind und nicht mehr das Verlangen nach einem Heim haben. So tief sind wir gesunken!

Das dritte ist die Nahrung und Notdurft des Leibes und der Seele. Auch dazu ist der Weg gebahnt in den Konsumgenossenschaften. Man lasse das alberne Geschrei über die sozialdemokratische Tendenz der Konsumvereine. Es ist eine Lüge jeder, ausnahmslos jeder gehört in die Konsumgenossenschaft hinein, und wenn ein jeder dann ist, so ist von Sozialdemokratie keine Rede mehr. Aber wer mit der Angst der Menschen spekuliert und mit roten, schwarzen, blauen und gelben Gespenstern arbeitet, hat immer gewonnenes Spiel. Die Angst ist der innre Kern des Menschen, aber gerade die Genossenschaft erlöst ihn von dem Zwang der Angst. Genossenschaftlich war das Leben der Vorfahren, so zu leben ist echt deutsch.

Das sind die drei Wege, die ich kenne und schätze, auf allen andern wird Geld und Mühe verschwendet im Verhältnis zu dem, was erreicht wird.

Was, so wird man fragen, haben diese sozialpolitischen Dinge mit einer Heilkunde des Alltags zu tun? Darauf könnte ich erwidern, daß ich schreiben kann, was ich will; man braucht es nicht zu lesen. Es gibt besondre Gründe, die mir diese scheinbare Abschweifung aufzwingen. Die ärztliche Tätigkeit ist, besonders durch die Zwangsversicherung von drei Vierteln der Bevölkerung, unlösbar mit allen sozialen Fragen verquickt. Im Lauf der Jahrzehnte ist uns nun eins in voller Deutlichkeit klar geworden, klarer jedenfalls, als es uns zur Zeit unsrer Universitätsstudien war und als es den meisten Menschen heute noch ist und mangels aller Erfahrung sein kann; daß, um überhaupt arzten zu können, der Kranke erst einmal Wohnung und Nahrung haben muß. Wir haben sehen müssen, daß diese Grundbedingungen unsrer Tätigkeit vielfach nicht vorhanden sind, und weil wir tätig sein wollen, haben wir uns entschließen müssen, uns diese Grundbedingungen selbst zu schaffen. Unser Beruf an sich hat uns mit den trostlosen Umständen bekanntgemacht, jeder Tag belehrt uns, daß vielfach der Boden unter unsern Füßen fehlt, um eine Behandlung auch nur zu versuchen, und das hat uns in die soziale Bewegung hineingezwungen. Die ärztliche Tätigkeit richtet sich, wie ich zu Anfang sagte, nicht auf den einzelnen Kranken, sondern auf den Menschen als Glied und Produkt des Lebens, auf die kleine Welt, deren Mittelpunkt er ist. Dem einzelnen Hungernden, dem einzelnen Obdachlosen aber die Bedingungen einer Behandlungsmöglichkeit zu schaffen, übersteigt das Vermögen des Arztes, solange es Tausende und Abertausende solcher Hungernden und Obdachlosen gibt. So müssen wir versuchen, durch Anschluß an weitgreifende Volksbewegungen uns den Boden für unsre Berufstätigkeit zu gründen. Daß es so ist, ist schlimm genug. Unser Beruf ist an sich schwer und erfordert die volle Tatkraft des Mannes.

Für die Volksgesundheit zu sorgen, sollte andrer Menschen Aufgabe sein. Daß wir gezwungen sind, selbst dafür zu sorgen, ist ein Diebstahl an unsrer Kraft. Wir sind in eine Lage gebracht, wie etwa die hohen Beamten der Eisenbahnverwaltung beim Streik des Personals, die sich dann auch auf die Lokomotive stellen und den Kessel heizen. Aber was sie für Stunden und wenige Tage tun, das fordert von uns unausgesetzt unser ganzes Leben. Es ist genug, wenn der Baumeister Pläne ersinnt und den Bau überwacht, ihn zum Steinetragen, zum Fundamentgraben zu zwingen, ist ein Frevel. Wir müssen auch das auf uns nehmen. So lange wir nicht durch andre ersetzt werden, steht jeder echte Arzt in irgendeiner Weise im Dienst der sozialen Arbeit; nicht aus Humanität – das Wort haßt er, da es durch Geschwätz entheiligt ist –, sondern aus Notwendigkeit, seines Berufs wegen. Die soziale Frage gehört vorläufig noch in die Heilkunde des Alltags hinein. Leider. Ich kehre zurück zu dem Schmerz. Wenn ich ihn einen Freund des Menschen nannte, wenn ich auf das blinde Unterdrücken schelte, so ist das nicht so zu verstehen, daß man untätig den Leidenden seiner Pein überlassen müsse. Man richtet ja den gebrochnen Knochen sofort, man sättigt den Hungernden und stillt den Durst. Warum soll man den Schmerz nicht lindern, da es doch der dringendste Wunsch des Kranken und meist auch die erste, oft die einzige Aufgabe der Behandlung ist? Aber dazu gibt es genug Handhaben, die benutzt werden sollten, ehe man zu dem Morphium greift. Pflege und Lagerung tun das ihre, Massage, Bewegung, feuchte Wärme unter dem Prießnitz oder unter einfachem Guttaperchapapier, Bäder und tausend andre Mittel stehen uns zur Verfügung. Vor allem unsre eigne Hand. Die Hand des Arztes ist das edelste Werkzeug, das er besitzt, in Wahrheit das Instrument, das er nicht entbehren kann. Selbst ein blinder oder tauber Arzt ist eher denkbar als einer, dessen Hand nicht zur größten Vollkommenheit ausgebildet ist. Sie lehrt den Arzt, was vor ihm liegt, sie gibt dem Kranken im Berühren Linderung. Man lese, was Schweninger über die Hand des Arztes geschrieben hat. In ihr ist bis zu einem hohen Grade das zusammengedrängt, was den Arzt ausmacht, seine Persönlichkeit. Und diese Persönlichkeit ist es ja, die alles tut, die selbst den Schmerz lindert. Der Arzt als solcher, sein Wesen, sein Dasein ist das beste Mittel gegen den Schmerz.

Wir wissen das alle, ein jeder von uns hat es erfahren. Als wir krank lagen und der Arzt trat in das Zimmer, geschah ein Wunder, und dieses Wunder geschieht alle Tage. Der Arzt ist wie die Sonne. Er hat eignes Licht, und wo er ist, wird es hell und freundlich. Ich brauche dem nichts hinzuzufügen. Man weiß, daß dieses Wort wahr ist.

Eins der zahllosen Hilfsmittel, die Schmerzen zu lindern, möchte ich noch herausgreifen, weil es viel zu wenig benutzt wird, das ist die Hitze. In den sogenannten gebildeten Kreisen, bei denen ja alles Neue eine Zeitlang zu Hause ist, bis etwas noch Neueres kommt, haben das kalte Wasser und der Eisbeutel die Anwendung heißer Umschläge, die früher Sitte waren, verdrängt. Die Mode – es gibt in der Medizin ebenso Moden wie in der Kleidung – hat sich jetzt wieder etwas mehr der Behandlung mit Hitze zugewendet. Aber auf die Mode ist kein Verlaß, und außerdem gilt selbst unter der Mehrzahl der Ärzte der Eisbeutel bei besonders schmerzhaften Erkrankungen: Blinddarmentzündungen, schlimmen Brüsten und so weiter immer noch als bestes Mittel. Gott sei Dank sind ja noch nicht alle Deutschen gebildet, und bei deren, die diesen Vorzug nicht genießen, hat sich durch die Jahrzehnte hindurch das Bewußtsein gerettet, daß Hitze den Schmerz besser lindert als Kälte, und neuerdings hat sich auch die berufliche Medizin dieser alten Erfahrung wieder bemächtigt.

Aber wenn auch jetzt unsre führenden Ärzte die physiologische Wahrheit lehren, daß die Blutgefäße unter der Einwirkung von Hitze sich ausdehnen und durch diese Veränderung im Strombett des Kreislaufs die Ursachen des Schmerzes, besonders die Entzündungserscheinungen, am besten beseitigen, so ist diese Wahrheit damit noch längst nicht in die wirren Köpfe unsrer Zeitungsleser eingedrungen. Sie schwören noch auf kalte Kompressen bei Migräne, auf den Eisbeutel bei Entzündungen. Da gilt es denn, ihnen immer wieder vorzuhalten, daß die Hände in heißem Wasser feuerrot werden und rot bleiben, daß sie in kaltem aber günstigenfalls nur in den ersten Sekunden sich röten, nach und nach aber blau werden. Das Blauwerden jedoch, soviel sollte jeder wissen, ist ein Zeichen, daß der Blutkreislauf stockt, daß das Sauerstoffeuer in ihm zu ersticken droht. Die Röte beweist, daß das Feuer lustig brennt, daß das Blut schneller fließt. Und daß rasch fließendes Blut leichter schädliche Substanzen wegschwemmt, daß ein helles Feuer gründlicher alles verbrennt, ist begreiflich.

Man versuche es nur einmal, den Schmerz, die Entzündung mit heißen Kompressen, mit Sandsäcken, Breiumschlägen, Wärmflaschen, vor allem mit heißen Teilbädern für die Arme und Beine oder den Kopf zu behandeln. Wer's einmal versucht hat, geht so leicht nicht wieder davon ab. Natürlich hat das kalte Wasser auch seine Berechtigung, sein eignes Wirkungsfeld. Aber jedem das Seine. Zumeist den Mädchen und Frauen, die ja zum großen Teil von Menstruationsbeschwerden geplagt werden, möchte ich raten, zehn oder zwanzig Minuten lang in ein heißes Sitzbad zu gehen. Sie werden damit sich und ihrer Familie, für die das Unwohlsein, der Frauen wirklich keine Annehmlichkeit ist, den besten Dienst erweisen. Und sie brauchen keine Angst zu haben, daß der Blutverlust deshalb stärker würde. Die Hitze stillt eher die Blutung, wie denn bei starken Blutungen selbst ängstliche Ärzte heiße Bäder verwenden. Freilich, heiß müssen die Bäder sein, etwa 45° Celsius. Was man so gewöhnlich heiß nennt, pflegt warm zu sein und nützt nicht viel.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.