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Die Natur heilt

Georg Groddeck: Die Natur heilt - Kapitel 2
Quellenangabe
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authorGeorg Groddeck
titleDie Natur heilt
publisherFischer Taschenbuch Verlag
year1984
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Einleitung

»Niemand soll glauben und niemand darf es glauben, daß der Arzt den oder jenen geheilt hat. Es steht nicht in seiner Macht. Die Natur heilt, der Arzt behandelt.«

Georg Groddeck

Dieses Buch handelt vom gesunden und kranken Menschen. Es gibt meine persönlichen Meinungen wieder, es erhebt nicht den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit.

Dreierlei bitte ich beim Lesen festzuhalten. Zunächst das eine, daß der Mensch niemals fertig ist, sondern immer wird; er verändert sich von Sekunde zu Sekunde und ist heute ein andrer, als er gestern war, und wird morgen ein andrer sein, als er heute ist. Fortwährend verwandelt er durch seine Nahrungsaufnahme, seine Atmung, seine Sinneseindrücke, seine Gedanken, durch sein Leben ein Stück Umwelt in ein Stück Mensch, und ebenso ununterbrochen wird durch seine Ausscheidungen, seine Äußerungen, seine Taten, durch sein Leben Mensch in Umwelt verwandelt. Wer sich selbst oder andre behandeln will, muß sich immer diesen unlösbaren Zusammenhang zwischen Mensch und Umgebung gegenwärtig halten, dieses Ineinanderfließen von Mensch und Welt. Bei der Reparatur einer Maschine kann man heute die Arbeit dort aufnehmen, wo man sie gestern unterbrach. Die Behandlung des Kranken aber muß oft genug Tag für Tag neu und unter neuen Bedingungen begonnen werden, da das Leben in den vierundzwanzig Stunden nicht still steht.

Individualisierende Behandlung ist ein Schlagwort unter den Ärzten und im Publikum geworden. Der Ausdruck ist so unglücklich wie möglich gewählt; denn wer etwas von seinem Beruf versteht, behandelt nicht einen individuellen, in sich abgeschlossenen Menschen, sondern stets einen Kreis von Lebensbedingungen, die fortwährend gestaltend und umformend auf den Kreismittelpunkt, den Menschen, einwirken. Jeder, der, sei es als Arzt oder sonstwie, mit Kranken zu tun hat, weiß, daß die Gewohnheiten, die Umgebung, vor allem die Angehörigen, diese schrecklichste aller Zugaben, in den Behandlungsplan, ja schon in die Diagnose hineinbezogen werden müssen. Die Erfolge der Krankenhäuser, der Bäder und so weiter beruhn zum großen Teil darauf, daß alle diese Faktoren des Lebens mehr oder weniger stark und plötzlich geändert werden.

Der Arzt behandelt einen Abschnitt des Lebens, durchaus nicht eine Persönlichkeit, aber er behandelt ihn persönlich, das heißt er selbst, der Arzt muß Persönlichkeit haben, muß im höchsten Grade, aber auch auf breiter Grundlage und von tausendfach wechselndem Standpunkte aus subjektiv sein. Der Arzt hat es nicht mit dem einzelnen Menschen zu tun, er steht jedesmal einem Mikrokosmos, einer kleinen Welt gegenüber, die weder nach außen Grenzen hat, noch in sich einheitlich ist. Denn das ist das Zweite, was zu wissen not tut: der Mensch ist auch innerhalb seiner Haut keine Einheit, er ist zusammengesetzt aus zahllosen lebendigen Körperchen, die allerdings zu einem engen Bunde zusammengeschlossen sind und in fortwährender reger Wechselbeziehung zueinander stehen, die aber doch, jedes für sich, ihr eignes Leben haben, ihre eigne Existenzfähigkeit, die sich mehr oder weniger Selbständigkeit bewahren und jedenfalls unter geeigneten Bedingungen auch getrennt vom menschlichen Körper fortbestehn, wachsen und sich fortpflanzen.

Es herrscht in weiten Kreisen eine erstaunliche Unkenntnis über anatomische Verhältnisse. Das Wissen der Frauen pflegt mit den Küchenerfahrungen über Fleisch, Knochen, Fett und einige innere Organe zu enden. Männer wissen nichts, mit Ausnahme der paar, denen Beruf oder Zufall Kenntnis aufzwingt. Meist wissen sie nicht einmal, wie ein Kind zur Welt kommt, und die Erzeugung kennen sie auch nur aus Erfahrung. Das eine aber sollte sich jeder merken, daß der menschliche Körper in allen seinen Teilen aus kleinen Lebewesen besteht, aus Zellen, die eine neben der andern in mehr oder minder enger Gemeinschaft liegen und aus denen sich die Gewebe, die Organe, der ganze Körper aufbauen.

Die Zellen sind mannigfach gestaltete, mikroskopisch kleine Körperchen, denen allen gemeinsam ein paar Dinge sind, ein Zellenleib, das Protoplasma und ein Zellenkern. Als Grundform kann man sich etwa die Kugel vorstellen, doch gibt es zahllose Umgestaltungen dieser einfachen Erscheinung: Quadrate, Platten, längliche Formen, Spindeln, Sterne und so weiter. Auch der Aufbau ist mannigfaltig genug. Viele Zellen sind mit feinen Häutchen versehn, andre wieder mit beweglichen Härchen, wieder andre stehn durch Fäden in Verbindung mit ihren Nachbarn oder strecken in die Umgebung Ausläufer wie Spinnenfüße. Das alles werden wir nach und nach kennenlernen. Hier handelt es sich nur darum, dem Leser ein für allemal klarzumachen, daß, was er auch am menschlichen Körper anschauen oder berühren mag, er es immer mit einer großen Masse von Lebewesen, nicht etwa mit einem einheitlichen Organ zu tun hat.

Diese Erkenntnis kann gar nicht tief genug eingesogen werden. Von ihr hängt jedes Verständnis des Lebens ab. Bedenke: wenn du den Finger bewegst, werden Tausende von lebendigen Wesen bewegt, aus ihrer Lage, in andre Beziehungen, andre Raum- und Druckverhältnisse gebracht, Tausende von Zellen arbeiten an dieser einen, von dir selbst vielleicht gar nicht beabsichtigten, nicht einmal wahrgenommenen Bewegung. Das Auge, mit dem du siehst, ist ein Gebilde lebendiger Zellen; damit du sehn kannst, arbeiten in dir Tausende von Zellen, selbständig und doch wieder abhängig von andern. Nichts geschieht mit dir, du kannst nichts tun, ohne daß eine Menge von Lebewesen für dich arbeiten, dir Leid und Freud und alle Eindrücke vermitteln, deine Gedanken denken, deine Empfindungen fühlen, den Schlag deines Herzens regeln, dich atmen, dich leben machen. Der Mund, den du liebst, ist lebendig von Zellen gebildet, die Hand, die du suchst oder fliehst, ist in sich lebendig von Zellen gebildet. Alles was du bist und lebst, löst sich auf in ein tausendfaches sein und ein tausendfaches Leben. Du empfandest es selbst, das Berühren eines Menschen durchflutete dir Seele und Körper, jene Nähe, jenes Anschauen brachte dein ganzes Wesen in Aufregung, der Klang eines Wortes stieß dich ab oder brachte dir Ruhe. Aber nicht dich traf dieses Berühren, dieser Blick, dieser Klang, sondern ein paar einzelne Zellen, die du mit deinem Verstande nicht beherrscht, die mit dir machen, was sie wollen, die tausend Eindrücke an dir vorbeigehn lassen und nur diesen einen auswählen, um dich zu erschüttern.

Es ist nichts anders, jedes Stückchen Mensch, jede Zelle hat ihr eignes Leben, jedes Stückchen aber steht auch mit der Gesamtheit des Menschen in so enger Berührung, daß von ihm aus diese Lebensgesamtheit erhöht oder geschwächt werden kann.

Den Zusammenhang der Billionen von Einzelwesen zu betonen braucht es nicht, wir sehn ihn fortwährend vor uns in dem, was wir Mensch nennen. Aber daß jeder dieser Zellen ein eignes Leben hat, das, so schwer es ist, muß begriffen werden; denn nur wer die beiden Pole, Abhängigkeit und Selbständigkeit, vor Augen behält, kann wenigstens ahnen, was es mit dem Menschen und unserm Wissen von ihm auf sich hat. Lange Reihen entsagungsvoller Arbeit haben es jetzt ermöglicht, das selbständige Leben der Zellen, getrennt von dem Zusammenhang mit dem Menschen, im Experiment deutlich zu machen. Man kann dieses Leben bei geeigneten Maßnahmen unter dem Mikroskop beobachten, kann sehn, wie ein herausgeschnittenes Stück Mensch, ein paar Zellen, nun genau so sich nährt, wächst, sich fortpflanzt, wie man es von dem befruchteten Ei her kennt.

Dieses Experiment führt ja auch nur vor Augen, was ohnehin sich gedanklich feststellen ließ. Jede Zelle hat ihr eignes Leben. Sie sucht sich aus der Masse des Nahrungsmaterials das aus, was ihr paßt, das heißt, sie ißt und trinkt selbständig, sie sondert selbständig ab, was für ihr Leben unnütz oder gefährlich ist; sie führt ihren Kampf mit der Umwelt, gegen mechanische Gewalten oder Gifte, selbständig, bildet Gegengifte, paßt sich psychischen Einwirkungen an, sie bildet und formt die Gerüste der Organe, die festen Substanzen der Knochen und Knorpel, sie füllt die Substanzverluste aus und fügt zerrißne Zusammenhänge wieder aneinander. Das alles tut sie genau so selbständig oder unselbständig, wie der Mensch als Ganzes selbständig oder unselbständig ist. Denn bei dieser Frage der Selbständigkeit muß man sich immer gegenwärtig halten, daß von einer wahren Selbständigkeit in keinem Geschehnis des Lebens die Rede sein kann. Jeder Teil ist vom Ganzen abhängig und das Ganze von seinen Teilen. Nur durch einen Gewaltakt des menschlichen Denkens, nur durch einen subjektiven, ganz persönlichen Willensakt gelingt es, irgendeinen Vorgang aus der unendlichen Kette des Zusammenhangs herauszureißen; es bleibt immer dem Belieben jedes einzelnen überlassen, was er selbständig und was er abhängig nennen will.

Das Dritte, was man unbedingt im Gedächtnis behalten muß, wenn man sich mit dem Menschen, dem gesunden oder kranken, beschäftigen will, ist die Tatsache, daß die beiden Geschlechter, Mann und Weib, nicht so scharf voneinander getrennt sind, wie es der Augenschein vortäuscht, daß vielmehr jede einzelne Persönlichkeit in sich männliche und weibliche Bestandteile unvermischt trägt. Beim Manne überwiegen nur die männlichen Bestandteile, beim Weibe die weiblichen. Es existiert aber auf Gottes Erdboden nicht ein Mann, der nur Mann, und nicht ein Weib, das nur Weib wäre.

Man vergegenwärtige sich den Vorgang der Befruchtung: Der Beischlaf hat stattgefunden. Mit der männlichen Samenflüssigkeit sind zahllose Samentierchen in die weiblichen Geschlechtsorgane eingedrungen und eins von ihnen findet in der Gebärmutterhöhle des Weibes ein Ei liegen, das sanft in die Schleimhaut gebettet der Befruchtung harrt. Im wesentlichen hat dieses Ei dieselbe Form wie jede andre Zelle, das heißt, es besteht aus einem Zellkern und einem Zelleib. Der Kopf des Samentierchens, der Kern der männlichen Zelle, dringt in das Ei ein, und nun beginnt ein seltsamer Figurentanz im Innern des befruchteten Eis, den allenfalls zu verstehn jahrzehntelange Arbeit der Forscher gebraucht hat; es teilt sich der weibliche Eikern und der männliche Samenkern, je eine männliche Hälfte lagert sich neben eine weibliche, jedoch ohne ineinander überzufließen, sich zu vermischen Weibliches und Männliches bleibt immer getrennt, das ganze Menschenleben hindurch, denn nun entwickelt sich aus dieser Zelle mit den zwei Mannweibkernen der sogenannte Mensch, der Zelleib spaltet sich zwischen den beiden Kernen, die sich wieder teilen und so fort und fort, jedoch stets so, daß in jeder Zelle weibliche und männliche Kernteile unvermischt liegen.

Hat man die drei Bedingungen des Verstehens sich unvergeßlich eingeprägt, daß der Mensch nie fertig ist, sondern immer wird und immer von außen bedingt ist, daß er nicht eine Einheit, sondern eine Genossenschaft darstellt, daß er in sich männliche und weibliche Bestandteile trägt, dann kann man ohne allzu große Gefahr eines Irrwegs der Erforschung menschlicher Zustände weiter nachgehn.

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