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Die Natur heilt

Georg Groddeck: Die Natur heilt - Kapitel 13
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authorGeorg Groddeck
titleDie Natur heilt
publisherFischer Taschenbuch Verlag
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Das Auge

Was alles weiß uns ein Auge zu sagen! Wir Ärzte leben immer in mitten von Wundern. Ich sprach vorhin vom Blutkreislauf, und ich hoffe, niemand hat aus meiner Schilderung entnommen, daß ich seine Bedeutung geringschätze. Vielleicht hat gar dieser oder jener den Eindruck, als wolle ich alles Lebensgeschehn aus ihm ableiten. Aber da ist ja das Auge, dieses lebendigste Leben, und wo ist denn in ihm kreisendes Blut? Doch eben nur dort, wo man nicht sieht, an blinden Stellen des Auges. Und deutlich tritt uns da die Wahrheit entgegen, von der ich früher so lebhaft sprach, daß das Blut nicht das letzte ist, daß der Blutkreislauf nicht die Triebkraft des Lebens sein kann. Das Blut gelangt nicht bis zum Sitz des Lebens, bis zur Zelle. Aus ihm löst sich der Lebenssaft, der ernährt und erhält, los und strömt auf andern Bahnen dahin, die nicht im Ringe des Gefäßsystems gebunden sind. Der Bau des Auges beweist das.

Ein jeder weiß, daß das Auge ungefähr wie eine Kugel gestaltet ist, und daß wir nicht etwa mit der vordern Fläche dieser Kugel sehn, die der Außenwelt zugekehrt ist, sondern mit der hintern Wand, die tief in der knöchernen Augenhöhle liegt. Damit die Eindrücke der Außenwelt bis an diese Sehfläche, die Netzhaut des Auges, gelangen, muß die Kugel selbst, die sich vor der Netzhaut wölbt, durchsichtig sein.

Man sollte denken, die Grundbegriffe vom Sehn seien allgemein bekannt. Leider hat mich die Erfahrung gelehrt, daß das nicht der Fall ist. Ich besinne mich noch recht gut, daß ich beim Verlassen einer der besten Schulen Deutschlands sehr seltsame Begriffe oder lieber gar keine davon hatte. Bei der Gleichgültigkeit, die uns damals gegen alle naturwissenschaftlichen Kenntnisse anerzogen wurde, störte uns das nicht einmal; wir hatten dann den großen Vorteil, daß uns auf der Universität plötzlich die Augen aufgingen. So ähnlich muß dem Blinden zumute sein, wenn er wieder sieht, ja ich glaube, unsre Freude war noch größer, denn sie hielt an und steigerte sich von Jahr zu Jahr. Man sagt mir, daß die heutige Jugend naturwissenschaftlich besser vorgebildet wird. Es mag sein. Jedenfalls aber beweist mir der Hunger, mit dem sich jedermann auf populäre Schriften naturwissenschaftlichen Inhalts stürzt, daß das Gefühl der Unkenntnis noch groß sein muß. Selbst auf die Gefahr hin, meinen jungem Lesern längst Bekanntes zu wiederholen, muß ich hier einige dieser Grundbegriffe zum besten geben.

Zunächst etwas, was sich von selbst versteht: in völliger Dunkelheit kann man nicht sehn, zum Sehn ist Licht erforderlich, Tageslicht, Lampenlicht oder sonst irgendwelches Licht. Man sieht aber nicht etwa bei Licht, wie unsre Sprache denken läßt, sondern man sieht überhaupt nichts andres als Licht. Jeder Gegenstand, den wir sehn, strahlt Licht aus, und wir nehmen den Gegenstand nur durch die Strahlen wahr, die er in unser Auge sendet. Allerdings muß man sich diese Strahlen nicht so vorstellen wie die, die wir in Bilderbüchern vom Weihnachtsstern ausgehn sehn. Der Ausdruck Strahl bedeutet hier nur, daß von einem Punkte eine Lichtlinie zu dem Auge hingeht, diese Linie selbst wird nicht gesehn, sie zieht unsichtbar durch die Luft und durch das Auge bis zu einem bestimmten Punkt der Netzhaut; der Punkt, wo sie die Netzhaut trifft, wird wahrgenommen. Nun gehn von jedem einzelnen Punkte eines Gegenstands, sei es ein Tisch oder eine Uhr oder ein Mensch oder ein Pfeil solche Strahlen bis zur Netzhaut, auf ihr setzen sich die Endpunkte der Linien zu einem genauen, wenn auch verkleinerten Abbild des Pfeiles zusammen. In der Netzhaut findet sich ein eigentümlicher lichtempfindlicher Stoff, das Sehrot. Jeder in das Auge fallende Lichtstrahl des Pfeils verändert dieses Sehrot mehr oder weniger je nach seiner größern oder geringem Kraft, genauso wie es bei der lichtempfindlichen Platte des Fotografen geschieht. Es entsteht also auf der Netzhaut eine Fotografie des Pfeils, und diese Fotografie ist es, die durch das Sehn wahrgenommen wird.

Dabei ist nur eins zu bedenken, das Bild auf der Netzhaut ist genau wie auf der fotografischen Platte umgekehrt; die ganze Welt, alles was wir sehn, steht in der Fotografie des Augenhintergrundes auf dem Kopf. Warum wir die Welt trotzdem aufrecht wahrnehmen, ist eines der unergründeten Rätsel, deren es so viele gibt.

Daß das Bild auf der Netzhaut wirklich umgekehrt erscheinen muß, ist leicht zu begreifen. Von einer Uhr, einem Tisch, einem Pfeil gehn natürlich nach allen Seiten hin Strahlen aus, für das Sehn kommen aber nur die in Betracht, die nach dem Menschen hingehn, die müssen vom Auge eingefangen, gesammelt werden, damit sie sich auf der Netzhaut vereinigen, sonst wird das Bild nicht deutlich. Das Auge ist deswegen mit einem Apparat, einer Sammellinse versehn, die ein wenig vor der Netzhaut liegt. Sämtliche Strahlen, die in das Auge eindringen, müssen durch den Brennpunkt dieser Linse hindurchtreten, sich in diesem Brennpunkt vereinigen und kreuzen. Sie nehmen dann weiter ihren Weg zur Netzhaut; jedoch so, daß alle, die von unten in das Auge treten, den obern Teil der Netzhaut treffen, alle, die von links kamen, den rechten – und umgekehrt.

Betrachten wir ein wenig den Bau des Auges. Ich sagte schon, es muß bis zu der Netzhaut hin durchsichtig sein, so daß die Lichtstrahlen hindurchgleiten können. Ein einfaches durchsichtiges Material, das dem Körper zur Verfügung steht, ist Wasser. In der Tat sind die Bestandteile des Auges vor der Netzhaut entweder klares Wasser oder wenigstens sehr wasserreich. Soll das Auge, sein wässriges Material, nicht auslaufen, so muß es in einer Hülle eingeschlossen sein. Das ist auch so, die Augenkugel ist durch eine straffe weiße Haut, deren vordrer Teil das Weiß des Auges bildet, vollständig abgeschlossen. Diese weiße Haut ist undurchsichtig; an ihrer vordem Fläche jedoch, die der Welt zugekehrt ist, auf die die Strahlen der Gegenstände treffen, ist eine runde durchsichtige Scheibe eingefügt, die Hornhaut des Auges. Nur durch sie hindurch fällt Licht auf die Netzhaut.

Dieses Einfangen der Strahlen zum Bilde mittels der Hornhaut genügt aber dem Leben nicht. Da oft genug sehr scharfes Licht in unser Auge fällt, unter dessen eindringenden Massen die empfindliche Netzhaut leiden würde, muß dieses blendende Licht abgestumpft, abgeblendet werden. Zu diesem Zweck ist ein wenig hinter der Hornhaut eine zweite Scheibe, die Regenbogenhaut, eingeführt. Diese Scheibe, die wie bekannt verschiedenartig gefärbt ist und nach deren Färbung die Augen blau, grün, braun, grau und so weiter genannt werden, hat in der Mitte ein Loch, das sich automatisch verengt und erweitert, je nachdem es den Lebensbedürfnissen entspricht. Man nennt dieses Loch die Pupille.

Fällt nun zu viel, zu helles Licht in das Auge ein, wie es etwa der Fall ist, wenn man gerade in eine Flamme hineinblickt, so zieht sich die Pupille sofort zusammen, oft genug bis zur Größe eines Stecknadelkopfs. Die Blendung des Augenhintergrundes durch zu starke Beleuchtung ist dann verhindert, da nur eine kleine Menge Strahlen eindringen kann. Umgekehrt erweitert sich das schwarze Sehloch, je dürftiger die Beleuchtung ist, um möglichst viel Strahlen zu sammeln. Diese Anpassung an die Lichtstärke ist aber nicht die einzige Arbeit der Pupille. Sie verengt sich nicht nur beim Lichteinfall, sondern auch beim Blick auf Gegenstände, die dem Auge nahe sind. Der Zweck ist ohne weitres verständlich. Je weiter entfernt ein Gegenstand ist, umso schwächer ist das Licht, das von ihm aus in das Auge einfällt, das Sehloch vergrößert sich, um möglichst viel Strahlen zu fangen, und umgekehrt, je näher das Objekt des Sehns ist, um so mehr verengt sich die Pupille, um das Bild auf der Netzhaut deutlich zu machen, nicht zu viel Nebeneindrücke entstehen zu lassen.

Das Bild auf der Netzhaut muß deutlich werden, darauf kommt es an; es fragt sich nur, wie das Auge das fertigbringt. Das versteht sich ja nicht von selbst, wenn wir auch durch die vollkommnen Leistungen unsres Sehns zu verwöhnt sind, um viel über die Schwierigkeit des Problems nachzudenken. Man sieht beispielsweise nach der Uhr und hält sie dabei in einem Abstand von einem Meter vor die Augen. Die Strahlen, die von jedem Punkt der Uhr ausgehn, sind bei einem solchen Abstand ziemlich gerade, fast parallel gerichtet. Zifferblatt, Zeiger, Zahlen sind deutlich erkennbar, ein Beweis, daß sich die Uhr klar auf der Netzhaut abbildet, daß also die parallelen Lichtstrahlen jedes einzelnen Teilchens sich genau auf der Netzhaut zum Bilde vereinigen. Nun bringe ich die Uhr aber näher ans Auge, auf einen Abstand von etwa zehn Zentimetern. Die Strahlen jedes Punkts fallen jetzt nicht mehr gerade in das Auge, sondern sehr schräg, sie können sich also, wenn sie nicht irgendwie aus ihrer Bahn abgelenkt werden, auch nicht an derselben Stelle, wie die parallelen Strahlen bei dem vorhergehenden Abstand von einem Meter, auf der Netzhaut zum Bilde gestalten; das Bild müßte ganz woanders entstehn. In Wahrheit sehn wir aber die Uhr in zehn Zentimeter Abstand ebenso deutlich wie in einem Abstand von hundert Zentimetern; das bedeutet: die schrägen Strahlen werden in genau derselben Weise auf der Netzhaut vereinigt wie die geraden, sie werden aus ihrer Bahn durch einen Apparat des Auges, den ich vorhin schon erwähnte, durch die Linse abgelenkt.

Mitten im Auge, zwischen Hornhaut und Netzhaut, hängt diese durchsichtige, beiderseits nach außen gewölbte Scheibe, in ihrer Form wirklich einer Linse gleichend, nur größer und vollkommen klar wie Glas. Sie lenkt die Strahlen der Gegenstände, mögen sie aus der Ferne oder Nähe, parallel oder schräg kommen, immer so ab, daß das Bild gerade auf der Netzhaut entsteht. Ein jeder hat einmal ein Vergrößerungsglas, eine einfache Lupe in der Hand gehabt und besinnt sich, daß die Flächen eines solches Glases gewölbt sind, nach außen gewölbt. Genauso ist es mit der Linse, sie ist ein Vergrößerungsglas, nur daß sie nicht aus Glas hergestellt, sondern ein lebendiges Zellgebilde ist. Und weil sie lebendig ist, kann sie ihre Vergrößerungskraft verändern, sie kann sich bald stärker wölben, bald schwächer, je nachdem ein naher oder ferner Gegenstand gesehn werden soll. Diese einzige Linse leistet, da sie ihre Wölbung verändert, dasselbe wie ein ganzer Kasten Vergrößerungsgläser beim Optiker. Wer sich jemals mit Fotografieren abgegeben hat, erkennt, daß das Auge in seinem Bau dem fotografischen Apparat fast bis zu den kleinsten Einzelheiten entspricht. Allerdings ein gewaltiger Unterschied ist vorhanden: das Auge arbeitet ohne jede Hilfe des Verstands, mit seinen eignen Verstandeskräften, während der fotografische Apparat nichts leistet, wenn er nicht vom Menschen regiert wird.

Das Auge ist lebendig. In ihm arbeiten fortwährend sympathische Nervenkräfte, verengen die Pupille oder erweitern sie, wölben die Linse oder lassen sie erschlaffen, augenblicklich, mit der größten Genauigkeit, so wie es der Moment des Sehens erfordert. In ihm sind beständig Energien tätig, die das Bild auf der Netzhaut, der fotografischen Platte, auslöschen und sie wieder empfindlich für ein neues Bild machen. Und weiter, all diese Bilder bleiben nicht nutzlos liegen, sie werden sofort dem Gehirn übermittelt, gestalten unser Gedächtnis, unser Wissen, Denken, Empfinden, Handeln, sie machen uns zum Menschen. Man kann seine Phantasie anstrengen, wie man will, man wird immer selbst bei den kühnsten Sprüngen hinter dem zurückbleiben, was das Leben wirklich leistet.

Die Voraussetzung für die dauernde Leistungsfähigkeit des Auges ist freilich, daß wir es nicht wie ein wirkliches Stück Glas malträtieren, und diese Voraussetzung trifft leider nicht zu. Unsre Kultur ist von unsrer frühsten Kindheit an bestrebt, das Auge zu ruinieren, und wie der Vergleich unsrer Augen mit denen der kulturlosen Menschen beweist, gelingt ihr das auch. Je gebildeter wir werden, umso größer wird die Zahl der Kurzsichtigen. Der Augapfel verliert durch die frevelhafte Art, mit der wir ihn gewohnheitsmäßig und tagtäglich behandeln, seine runde Form, er wird in die Länge gezogen, so daß die Entfernung zwischen Hornhaut und Netzhaut zu groß wird. Dann kann man nahe Gegenstände noch ebensogut sehn wie früher, aber in etwas größrer Entfernung erkennt man nichts mehr.

Nun, für die Kurzsichtigen gibt es Brillen. Gewiß, die gibt es, und für den, der nicht anders existieren kann, sind sie eine ausgezeichnete Hilfe. Aber man hat vergessen, daß die Brille nur ein Übel ist, vielfach ein notwendiges, aber trotzdem ein Übel, noch dazu ein häßliches. Ich weiß wohl, auf das Aussehn gibt man heutzutage nicht viel. Aber mit den Augen ist es doch eine eigne Sache; sie sind drei Viertel des Menschen. Ein Gesicht mit ausdruckslosen Augen ist durchaus unangenehm. Wer eine Brille trägt, beraubt sich selbst des besten Mittels, Freude zu bereiten, wohltuend zu wirken. Das ließe sich noch ertragen, man hat sich daran gewöhnt, die Menschen mit Scheuklappen herumlaufen zu sehn, wie man sich an jede Mode gewöhnt. Wie steht es aber mit den Augen selbst? Was wird aus ihnen, wenn sie tagaus tagein durch Gläser sehn?

Die Antwort ist nicht schwer. Allerdings muß man nicht erst zum Augenarzt laufen und den fragen; da gibt es eine gelehrte Auseinandersetzung und der Schluß ist: Tragen Sie eine Brille, sonst wird Ihre Kurzsichtigkeit immer ärger. Es genügt vollkommen, irgend so einer Brillenschlange die Gläser hochzuschieben, dann sieht man, daß sie trübe, blöde Augen hat. Und da wagt man zu behaupten, das Brillentragen schade nichts. Gewiß schadet es. Wem der Anblick solch eines toten Augenpaars noch nicht genügt, um diesen Schaden zu erkennen, der drücke einem Brillenträger auf die Nerven, die aus der Augenhöhle austreten, sie sind schmerzhaft; er lasse ihn die Augen ein wenig gegen den Druck des Fingers bewegen, der Schmerz steigert sich zu einer beachtenswerten Stärke. Und wer immer noch nicht überzeugt ist, der nehme dem Manne die Brille für einige Wochen fort; er wird sehn, es geht auch ohne Brille, die Augen werden wieder klar, die Druckempfindlichkeit des Augapfels und seiner Umgebung verschwindet, und vor allem die Kurzsichtigkeit wird nicht schlimmer, sondern weitaus in den meisten Fällen besser. Nur wenn der Mensch etwas genau sehn will, was er ohne Glas nicht sieht, dann soll er zur Brille greifen, sonst niemals. Und er soll sie sofort wieder absetzen, sobald er gesehn hat, was er sehn wollte.

Im Grunde genommen ist die Brille gerade für den Kurzsichtigen unbrauchbar. In der Nähe sieht er ohne Glas besser als der Mensch mit gesunden Augen. Es ist also überflüssig, sie für das Lesen und Schreiben aufzusetzen, und sie bei der Unterhaltung zu tragen, ist geradezu ein Unfug, der sich allerdings selbst bestraft. Auf der Straße aber, zum Fernsehn, tun Kneifer oder Lorgnette weit bessre Dienste, weil sie jederzeit sofort benutzt und auch wieder abgenommen werden können; freilich, wenn der Klemmer fortwährend auf der Nase sitzt, ist er nicht besser als die Brille.

Wenn nun durchaus eine Brille getragen werden muß – das kommt ja vor, obwohl drei Viertel aller Brillenträger gut ohne Gläser auskommen könnten –, dann soll sie wenigstens sorgfältig hergestellt und angepaßt werden. Die Menschen lassen sich ihre Brillen nicht von Sachverständigen aussuchen, sondern setzen auf die Nase, was ihnen der Optiker in die Hand drückt. Ich nehme an, die Nummer der Gläser sei richtig bestimmt; eine kühne Annahme, denn vielfach ist das nicht der Fall. Aber wie ist es mit dem Gestell? Das wird nur selten angepaßt; was kommt darauf an, wenn die Gläser nur stimmen? Aber es kommt sehr viel darauf an. Eine Brille, die auf der Nase hin und her rutscht, schadet unbedingt. Das Brillenglas ist nur für eine ganz bestimmte Entfernung vom Auge brauchbar. Verschiebt sich die Brille, so ändert sich die Entfernung des Glases vom Auge, mit andern Worten, die Lichtstrahlen fallen ganz anders in das Auge ein, es bestehn nicht mehr günstige Bedingungen für das Sehn, sondern falsche. Das Auge sieht durch ein Glas, das nicht mehr paßt. Und was es für das Auge bedeutet, durch ein falsches Glas zu sehn, brauche ich nicht erst zu sagen.

Weiter: unsre Brillengläser sind oval gebaut, das heißt, sie decken das Auge, den Blick des Auges nur halb. Über und unter der Brille fallen Lichtstrahlen ein, die nicht durch ein Glas gebrochen werden. Die Netzhaut wird also gleichzeitig durch korrigierte und unkorrigierte Strahlen getroffen. Es müßte ein sehr merkwürdiges Auge sein, dem das auf die Dauer nicht schadete. Schlimmer ist es noch, daß jeder Versuch, anders als geradeaus zu blicken, sich rächen muß. Der gewöhnliche Sterbliche beherrscht ein Gutteil seiner Umgebung durch die Bewegung der Augäpfel; er dreht sie nach oben, nach unten, nach den Seiten, und diese Bewegung hat eine tiefe Bedeutung, da der Augapfel dabei jedesmal durch die Wände seiner Höhle, durch die Augenlider und so weiter massiert wird; eine Menge sympathischer Tätigkeiten wird dadurch ausgelöst, die bei einem so fein gebauten, so wasserreichen Organ Folgen haben. All diese Bewegungen des Augapfels fallen für den Mann mit den ovalen Brillengläsern fort; er muß stets den Kopf statt der Augen bewegen. Tut er es nicht, versucht er bloß mit den Augen nach rechts oder links, oben oder unten zu blicken, so sieht er mit der Hälfte des Auges durch das Brillenglas, mit der andern nicht; kein Auge erträgt das gutwillig. Wenn die Brille überhaupt einen Sinn haben soll, so müssen ihre Gläser rund und groß sein wie bei einer Schutzbrille, so daß sie das Gesichtsfeld vollständig decken. Vor allem muß sie fest sitzen.

Eine ganz grobe Unsitte hat sich neuerdings eingeschlichen, hauptsächlich bei den Brillen für Weitsichtige. Ein jeder weiß, daß ein großer Teil der Menschen, durchaus nicht alle, im Alter fernsichtig werden; die Linse des Auges verliert ihre Fähigkeit zur stärkern Wölbung, und das Auge ist dann nicht mehr imstande, die Strahlen von nahen kleinen Gegenständen, etwa von kleiner Druckschrift, so zu brechen, daß sie sich auf der Netzhaut abbilden. Man verwendet, um diesen Fehler zu korrigieren, gewölbt geschliffne Gläser, während der Kurzsichtige bekanntlich hohl geschliffne braucht. Nun kann der Fernsichtige mit solch einem Vergrößerungsglas – etwas andres ist es nicht – wohl lesen, aber schon in einer Entfernung von zwei bis drei Metern sieht er mit der Brille gar nichts. Er muß sie absetzen, sobald er vom Buch aufblickt, um etwa aus dem Fenster zu sehn oder zu erkennen, wer ins Zimmer tritt, und wenn er in der Ferne auch nicht gut sieht, wie es vorkommt, dann muß er erst die Nahbrille abnehmen und eine Fernbrille aufsetzen. Das ist gewiß nicht angenehm, und um die Unbequemlichkeit des Wechselns zu beseitigen, hat man Doppelgläser gebaut, deren obre Hälfte für die Fernsicht, die untre für das Nahsehn eingerichtet ist; in demselben Rahmen findet sich also ein stark gewölbtes und ein schwach gewölbtes Glas, beide scharf voneinander abgesetzt. Bei einem solchen Mordinstrument werden nun die Strahlen in dreifach verschiedner Weise gebrochen, die untern stark, die mittlern schwach, die obern und seitlichen gar nicht.

Es scheint Augen zu geben, die selbst diese Mißhandlung aushalten; aber die Menschen halten es nicht aus. Die fortwährende Anstrengung, aus diesen dreifach verschiednen Netzhauteindrücken ein einheitliches Bild herzustellen, was doch niemals gelingen kann, reibt allmählich ihre Kräfte auf. Die Leute sterben natürlich nicht daran, werden auch nicht erwerbsunfähig, aber ihre Leistungsfähigkeit und ihre Lebensfreude gehn nach und nach zurück, sie werden das, was man als gebildeter Mensch neurasthenisch nennt, und dann lassen sie ihr ganzes Leben an sich herumflicken, bald an den Nerven, bald am Kopf, bald am Herzen, sicher aber am Darm.

Daß eine Brille, und nicht nur eine schlechte, sondern der Mißbrauch jeder Brille so schwere Folgen haben kann, setzt nur den in Erstaunen, dem das Auge nichts weiter ist als ein Instrument zum Sehn. Organe sind aber überhaupt nicht Instrumente, sondern lebendige Teile eines Organismus. Das Auge liegt nicht außerhalb des Körpers, sondern gehört dazu und ist nicht weniger lebenswichtig als etwa eine Niere. Die berühmte Arbeitsteilung, auf die unsre Zeit so stolz ist, weil sie angeblich der Gipfel der Kultur ist, das Spezialistentum, wie es überall und nicht zum wenigsten in der Medizin sich entwickelt hat, bringt es leider so mit sich, daß die Menschen sich heute ihre Augen behandeln lassen und morgen ihren Magen und übermorgen ihren Kehlkopf, genau so, als ob das eine ein Hut, das andre eine Weste, das dritte ein Hemdkragen wäre. Die legt man ab, schickt sie zum Hutmacher, zum Schneider, zur Wäscherin und bekommt sie in mehr oder minder gutem Zustand wieder. Aber Augen lassen sich nicht abknöpfen; dessen sollte man sich wieder bewußt werden. Wenn der Sachverständige, hier also der Arzt, einen Kranken zum Spezialisten schickt, so hat das einen Sinn, wenn auch etwas Zurückhaltung in diesem Mißtrauen gegen das eigne Können und im Vertraun zu spezialistischer Überlegenheit nichts schaden könnte; daß aber die Kranken selbst entscheiden, ob ihr Magen, ihr Darm, ihre Gebärmutter reparaturbedürftig sind und je nachdem den Magen-, Augen- oder Frauendoktor aufsuchen, hat gewiß keinen Sinn. Sie dürfen sich dann wenigstens nicht wundern, wenn sie jahrelang vergeblich mit Elektrizität, Magenausspülungen, kalten Abreibungen und so weiter behandelt werden. Wie sollte ein Arzt, der von Berufs wegen nie sich mit etwas andrem beschäftigt hat als mit Mägen und Därmen, darauf kommen, daß die Brille an allem schuld ist?

Ja, wird man fragen, ist denn das möglich? Besteht ein solch enger Zusammenhang zwischen Augen und Magen und Herz und Lungen und Hirn? Wer jemals seekrank gewesen ist oder auch nur Seekranke gesehn hat, weiß, daß es möglich ist; wer schwindlig wird, wenn er über ein schmales Brett gehn soll, wenn er vom Turm oder der Felswand herabblickt, der weiß, daß es möglich ist. Und wer für die Seekrankheit, den Schwindel, die Platzangst, die auch hierher gehört, andre Ursachen kennt – und solcher Ursachen gibt es genug –, der versuche einmal einen Tag lang ohne Schutzbrille durch eine Schneewüste zu gehn, dann wird er nicht wieder vergessen, daß das Auge noch etwas andres ist als ein Instrument zum Sehn.

Es ist darüber gar nicht viel zu reden. Ein jeder kennt ja die Tatsache, daß vom Auge aus Schwindel, Erbrechen, Herzklopfen, Todesangst, Schweißausbruch, kurz alles und jedes hervorgerufen werden kann. Wenn dem aber so ist, wenn ein Augenleiden Wirkungen auf alle Körperteile und auf den Gesamtorganismus haben kann, liegt der Schluß nahe, daß das Auge sich noch anders als rein örtlich und spezialistisch behandeln läßt. Der Augenarzt weiß das auch und macht, so weit ihm das seine auf ein bestimmtes Gebiet beschränkte Erfahrung gestattet, Gebrauch von dieser Erkenntnis. Aber es ist doch ein seltsamer Umweg, daß man spezialistischen Rat sucht, um vielleicht einer Allgemeinbehandlung unterworfen zu werden.

Um Mißverständnissen vorzubeugen, bemerke ich hierzu folgendes: Der Spezialarzt hat ohne jeden Zweifel auf seinem Gebiet ein größres Wissen und Können als unsereins, und es wäre albern, seine Überlegenheit abzuleugnen, da sie sich ja tausendfach im Leben zeigt. Es fragt sich nur, wo seine Tätigkeit beginnen und wo sie aufhören soll. Darüber den Kranken entscheiden zu lassen, ist falsch. Auch der Spezialist wird sich über diese Grenzen oft irren. Ich halte es nicht für richtig, daß wir Ärzte freiwillig auf ein Recht verzichten, das uns allein zusteht.

Ich habe absichtlich das Kapitel über das Auge gewählt, um meine Meinung über die Grenzen spezialistischer Tätigkeit zu äußern, weil beim ersten Zuschaun kein lebenswichtiges Organ so selbständig und unabhängig vom Körper zu sein scheint wie das Auge. Eine dünne Schleimhaut, ein paar Muskeln, ein großer Nerv und einige dünnre, ein paar Blutgefäße, das ist so ziemlich alles, was den Zusammenhang herstellt. Hat eine andre Behandlung als die örtlich-spezialistische, hat eine Behandlung des Menschen in seiner Gesamtheit Wirkungen auf ein solches Organ wie das Auge, so ist das eine wichtige Bestätigung meiner Annahme, daß man nicht Organe, sondern Menschen, nicht Krankheiten, sondern Kranke behandeln soll. Es ist vielleicht angebracht, hier an einem Beispiel klarzumachen, was ich unter einer Behandlung verstehe. Ich will damit nicht etwa behaupten, so und nicht anders müsse man verfahren, man kann es vielleicht auch anders machen. Ich will nur zeigen, was Menschenbehandlung und was Krankheitsbehandlung ist.

Ein Mensch kommt zum Arzt, nehmen wir an, ein dreiundsechzigjähriger gebrechlicher Herr, mager, mit verfallnem Gesicht und Körper. Er ist bisher spezialistisch von einem Augenarzt behandelt worden. Da sich nach Ansicht des Spezialisten eine Ausbuchtung der Hauptkörperschlagader auf Grund von Arterienverkalkung ausgebildet hat, die im Verlauf von einigen Monaten zum Tode führen muß, ist er, mit bestimmten Vorschriften für das spezielle Augenleiden ausgerüstet, jenem Arzte überwiesen worden. Die Mitteilungen des Spezialisten sind folgende: Der Kranke hat in der Kindheit durch einen unglücklichen Fall sich sein rechtes Auge so schwer verletzt, daß der ganze Augapfel entfernt werden mußte; er trägt in der leeren Augenhöhle ein Glasauge. Das linke Auge, das etwas aus der Höhle hervorragt, hat seit einigen Jahren, vermutlich durch Überanstrengung und infolge hochgradiger Gefäßverkalkung, ebenfalls schwer gelitten. Das Sehvermögen ist so gering, daß nur noch Licht und Schatten erkannt werden. Der Patient klagt über quälende Nebel vor dem Auge, die ab und zu mit Erscheinungen von Flammen abwechseln. Die Untersuchung ergibt, daß im Glaskörper – das ist ein wasserklares Gebilde zwischen der Netzhaut und der Linse – zwei ziemlich große, völlig undurchsichtige Trübungen vorhanden sind. Die Gefäße der Netzhaut sind geschlängelt, die Netzhaut selbst an der Stelle des Sehpunkts – das ist der eigentlich sehende Teil der Netzhaut – abgelöst. Um den kaum nennenswerten Rest von Sehvermögen zu retten, sind nach einer Reihe erfolgloser Versuche mit den verschiedensten Mitteln, Einspritzungen von Strychnin in die Augenbindehaut gemacht worden; gleichzeitig wurde Jodkali gegeben. Beides soll, wenn irgend möglich, weiter gegeben werden. Bei der großen Gefahr einer neuen Netzhautblutung, vielleicht auch einer Gehirnblutung, ist große Versieht bei allen Bewegungen anzuraten, namentlich jedes Bücken zu vermeiden. Eine von Zeit zu Zeit auftretende Bindehautentzündung des Auges mit Rötung der Gefäße im Weißen des Auges hat nicht viel zu bedeuten. Der Patient weiß, was er zu tun hat, um sie sofort wieder zu beseitigen.

Was wird der Arzt tun? An dem Augenbefund zu zweifeln, hat er keine Ursache, ja er hält es sogar für zwecklos, das Auge zu untersuchen. Der Spezialist hat das sicher gründlich besorgt und weit besser, als der Arzt es kann. Aber das, was der Augenarzt gefunden hat, gewinnt nun eine andre Bedeutung.

Es bestehn in dem Auge Zirkulations- und Ernährungsstörungen, das ist sicher; die Glaskörpertrübungen und die Netzhautablösung beweisen es. Die Ursache dieser Störungen glaubt der Augenarzt, von seinem Standpunkt aus mit vollem Recht, in dem Bilde des Augenhintergrundes gefunden zu haben; die Gefäße der Netzhaut sind geschlängelt, das bedeutet, sie sind verkalkt. Verkalkung der Gefäße verbunden mit der jahrzehntelangen Überanstrengung des einen Auges ist eine ausreichende Erklärung für die Erscheinungen am Auge. Daß er diese Arterienverkalkung auch an andern Schlagadern feststellen kann, daß eine Erweiterung der Hauptkörperschlagader zu bestehn scheint, gibt dieser Erklärung Gewißheit. Es kommt also für die Behandlung nur in Betracht, die Fortschritte der Verkalkung aufzuhalten und die schweren Folgen dieser Verkalkung für das Auge nach Möglichkeit hintanzuhalten. Auf diese beiden Punkte richtet er seine Behandlung ein.

An den Arzt tritt sofort eine andre Frage heran: sind außer den Zirkulationsstörungen im Auge noch andre Störungen vorhanden und lassen sie sich, wenn sie da sind, ebenfalls aus der Arterienverkalkung und nur aus ihr erklären? Wäre das der Fall, könnte das der Fall sein, so bliebe ihm nichts andres übrig, als die aussichtslose Sache zu einem sanften Ende zu leiten. Schon der erste Händedruck des Kranken hat ihn belehrt, daß Zirkulationsstörungen bestehn, die sich nicht aus der Arterienverkalkung erklären lassen; der Patient hat eiskalte bläuliche Hände. Der Arzt hat jedoch in seiner Praxis so oft alten Leuten, deren Gefäße im höchsten Grade verkalkt waren, die Hand geschüttelt, daß er bestimmt weiß, Arterienverkalkung ist kein Grund für kalte Hände. Dafür muß eine andre Erklärung gesucht werden; gleichzeitig ist es ein Anhaltspunkt für die Behandlung. Kalte, blaue Hände sind der Beweis einer Blutaderstauung, damit läßt sich schon eher arbeiten als mit der Arterienverkalkung. Sofort reihen sich eine ganze Anzahl andrer Erscheinungen an. Nase und Ohren sind kalt und blau, die Füße sind kalt, die Blutadern am Halse und an den Schläfen geschwollen. Der Bauch ist eingesunken, sehr straff gespannt, die Brust dehnt sich bei der Atmung nicht mehr so, daß man es mit dem Zentimetermaß messen kann; das Zwerchfell steht hoch. An den Finger- und Zehengelenken finden sich Gichtablagerungen, Beine, Arme und Rücken sind auffallend steif. Eine ganze Reihe schmerzhafter Punkte lassen sich an den Händen, Armen, Hüften und Füßen nachweisen.

All das kann nicht durch Verkalkungen bedingt sein. Ob tatsächlich eine Ausdehnung der Hauptkörperschlagader besteht, läßt sich im Augenblick nicht entscheiden. Allerdings ist ein mit dem Herzschlag gleichzeitig pulsierender Widerstand in der Magengrube zu fühlen, aber das ist noch kein Beweis für ein so schweres Leiden, wie es die Pulsadergeschwulst ist. Es kann ganz gut durch die straffe Spannung der eingesunknen Bauchwandungen hervorgerufen sein. Jedenfalls liegt kein Grund zur Hoffnungslosigkeit vor, im Gegenteil, der Weg der Behandlung ist schon jetzt gegeben. Es wird darauf ankommen, Atmung und Kreislauf wieder zu beleben. Man wird dann sehn, wie sich die Dinge weiter gestalten.

Bei alledem hat der Arzt aber auch eine andre Ansicht über den Zustand des kranken Auges gewonnen. Von vornherein sind ihm drei Dinge aufgefallen: Das Vortreten des Auges aus der Höhle, die Nebel- und Flammenbilder vor dem Auge und die häufig wiederkehrenden Bindehautentzündungen. Alle drei ließen sich gut aus der Überanstrengung des fast blinden Auges erklären. Das hat der Spezialist getan, und es ist nichts dagegen einzuwenden. Aber es läßt sich mit demselben Recht aus den Kreislaufstörungen außerhalb des Auges herleiten, ja möglicherweise sind selbst die Ursachen der Glaskörpertrübungen und der Netzhautablösung nicht in der Gefäßverkalkung innerhalb des Auges zu suchen, sondern beides beruht auf einem Allgemeinleiden des Körpers.

Auch dafür finden sich Anhaltspunkte. Zunächst sind sämtliche Austrittsstellen der Nerven aus der Augenhöhle so schmerzhaft, wie es bei örtlich bedingten Augenerkrankungen nicht vorzukommen pflegt. Diese Schmerzhaftigkeit läßt sich aber auch an andern Nerven des Gesichts und Kopfs nachweisen, am Kiefer-, Schläfen- und Hinterhauptnerv. Ja, bei letzterem zeigt sich das beachtenswerte Phänomen, daß seine Dehnung einen Schmerz auslöst, der bis in das Auge geht. Das ist eine bekannte Erscheinung, die bei Störungen im sympathischen Nervengeflecht des Halses auftritt. Sie ist fast ein Beweis dafür, daß die Ansicht des Spezialisten, die Augenerkrankung beruhe auf Überanstrengung und Arterienverkalkung, falsch ist, und daß auch seine Behandlung eine falsche Richtung genommen hat. Die Bestätigung findet sich schon bei dem nächsten Griff. Der Druck auf den untern Rand des Kehlkopfs ruft die Nebelerscheinung vor dem Auge hervor, die Berührung des Sympathikus an den großen Schlagadern des Halses ist von Flammenbildern gefolgt.

Damit sind bestimmte Richtlinien für die Behandlung gegeben. Jodkali und Strychnin werden fortgelassen, sie sind für die Beseitigung der Zirkulationshindernisse nutzlos, belasten aber den ohnehin schwergeschädigten Körper durch unnötige und unter Umständen schädliche chemische Prozesse. Anstelle der ängstlichen Vorsicht, die jede Anstrengung und jedes Bücken verbietet, tritt der Gedanke, den Körper allmählich wieder an Lageveränderungen und Arbeit zu gewöhnen, da beides den freien Lauf der Flüssigkeiten erheblich fördert. Der Arzt lagert den Kranken für einen Augenblick so, daß der Kopf tiefer zu liegen kommt als der Rumpf und die Beine; beim Aufrichten, das sich sofort an das Niederlegen anschließt, tritt Schwindel auf. Nach einigen Minuten wird der Versuch wiederholt, und diesmal bleibt der Schwindel fort.

Das ist, so kann man sagen, der entscheidende Moment der Behandlung. Seit Jahren hat der Kranke in der Angst gelebt, daß er bei einer zufälligen Bewegung des Bückens völlig erblinden werde. Er fügt sich halb verzweifelt dem seltsamen Befehl des Arztes, den er nach allem, was er bisher gehört hat, für das Ende seines bißchen Sehns halten muß, und es geschieht ihm nichts. Den Schwindel kennt er, den hat er schon oft gehabt, trotz aller Vorsicht. Zweifelnd und mißtrauisch nimmt er die gefahrdrohende Lage zum zweitenmal ein, und wenn er sich nun erhebt, ist er innerlich umgewandelt. Also ist es nicht wahr, denkt er, daß ich ein verlorner Mann bin, ein Mensch, der nur noch in Angst vor der ersten raschen Bewegung leben muß, der das Gespenst völliger Umnachtung auf Schritt und Tritt neben sich hergehn hat? Dann ist vielleicht auch alles andre, was mich einengt und martert, nur leeres Hirngespinst. Wohlan, ich will versuchen, was dieser Doktor ausrichten kann. Damit ist das Vertrauen des Kranken erobert, er wird gehorchen, eigentliche Schwierigkeiten für die Behandlung bestehn nicht mehr.

Wie wird sich die nun gestalten? Jedenfalls, das läßt sich denken, wird sie die ganze Zeit und Kraft des Kranken in Anspruch nehmen. Ich lasse hier folgen, was ich persönlich verordnen würde, betone aber nochmals, daß man es auch anders machen kann.

1. Das Körpergewicht, der Umfang der Brust und des Bauchs sollen regelmäßig zweimal wöchentlich festgestellt werden. – Das ist zur Kontrolle des Erfolgs oder Mißerfolgs wünschenswert. Waage und Bandmaß sind mit die wichtigsten Instrumente des Arztes.

2. Der Kranke soll nicht länger als eine halbe Stunde in aufrechter Stellung zubringen; mindestens jede Stunde soll er sich so hinlegen, daß der Kopf tiefer liegt als die Füße. Diese Situation soll er, je nachdem es ihm angenehm oder unangenehm ist, längere oder kürzere Zeit beibehalten. – Hierdurch werden Gehirn und Auge an die unvermeidlichen Schwankungen des Kreislaufs, wie sie durch das Leben hervorgebracht werden, gewöhnt. Die Arbeit des Herzens wird erleichtert, da das Bergauftreiben des Bluts zeitweise ausgeschaltet wird. Die Körpersäfte außerhalb des Gefäßrings, die bei langdauernder aufrechter Haltung nach unten sinken, dort versumpfen und für das Leben nutzlos verderben, werden dem Körperbetrieb erhalten; die künstlich herbeigeführten Inhaltsschwankungen des Schädels haben eine Rückwirkung auf alle Lebensvorgänge, besonders auf die vom sympathischen Nervensystem abhängigen Kreislaufverhältnisse.

3. Der Kranke soll jeden Gegenstand, der zur Erde fällt, selbst aufheben; kann er ihn, vom Gehör geleitet, nicht finden, so soll ihm von seinem Pfleger die Hand geführt werden; es soll ihm möglichst wenig geholfen werden, ihm eine möglichst große Selbständigkeit anerzogen werden. – Außer dem eben erwähnten Zweck, einem Wechsel im Kreislaufgefäll, liegt hier eine erzieherische Absicht vor, die dem Kranken, selbst wenn das Auge erblinden sollte, eine gewisse Lebensbreite sichert.

4. Mit dem Kranken sollen öfters am Tage Sehübungen angestellt werden, jedoch nur für kurze Zeit; es darf dabei niemals Ermüdung eintreten. – Jedes Organ braucht Übung, um lebendig zu bleiben.

5. Genau dasselbe gilt von allen Bewegungen und Anstrengungen: sie sollen nicht vermieden, aber nie bis zur Ermüdung ausgedehnt werden; dabei muß das Bestreben vorherrschen, sie allmählich zu steigern. – Alle Bewegungen fördern den Kreislauf; die Ermüdung schädigt den geschwächten Körper; die allmähliche Steigerung hat auch seelische Zwecke.

6. Der Kranke soll öfter am Tage Atemübungen machen, in der Weise, daß er die Knie gegen den Leib drückt oder den Rumpf gegen die Beine und dann tief atmet. – Die Atmung soll geübt werden, die Wirkung habe ich früher auseinandergesetzt.

7. Täglich sollen heiße Teilbäder von 45° Celsius bis zu einer halben Stunde Dauer genommen werden, abwechselnd Armbäder und Beinbäder, die Temperatur muß durch Zugießen von heißem Wasser hochgehalten werden. – Auch dafür sind Gründe maßgebend, die sich aus meinen frühern Angaben erklären; die auffallende Kälte der Extremitäten ist bestimmend für die Wahl der Arm- und Beinbäder.

8. Außerdem sollen täglich heiße Hinterkopfbäder von 48,7° bis 50° Celsius gegeben werden; die Zeitdauer des Bades ist anfangs kurz zu bemessen, soll jedoch nach und nach gesteigert werden. Ebenso sollen je einmal am Tage fünf Minuten lang heiße Schwämme auf die Stirn- und Schläfengegend des kranken Auges und auf den Kehlkopf und Halssympathikus gelegt werden. – Der Kreislauf im Schädel und Auge wird dadurch direkt beeinflußt. Die Technik des Kopfbades ist sehr einfach. Jedes Waschbecken genügt dazu, wenn auch eine Wanne mit Nackenausschnitt bequemer ist. Der Kranke liegt auf dem Rücken und läßt den Kopf in das etwas niedriger stehende Gefäß hineinhängen.

9. Der Kranke soll, während der Arzt auf ihm kniet, tief atmen, bis zu vierzig Atemzügen; unter Umständen ist das mehrmals am Tage zu wiederholen. Man ängstige sich nicht, es passiert nichts dabei, weder bei Schlagflüssigen noch bei Leuten mit Pulsadergeschwülsten. Diese Maßnahme halte ich gerade in dem Fall, wie ich ihn angenommen habe, für unbedingt notwendig, weil sich kaum anders die Spannung des Bauchs beseitigen läßt; solange die jedoch besteht, ist auf Besserung nicht zu rechnen.

10. Die Arme und Beine müssen vom Arzt überstreckt werden. – Anregung des Kreislaufs durch Dehnung der Gefäße ist beabsichtigt.

11. Der Augapfel ist verständig zu massieren; es sollen mit ihm Bewegungen nach allen Seiten gegen den Druck des ärztlichen Fingers ausgeführt werden; alle Nerven, die aus der Augenhöhle austreten, ebenso die Schläfen, Kinnbacken- und Hinterhauptsnerven müssen vom Arzt stark geknetet und gedehnt werden. – Es sind Eingriffe, die direkt auf den Kreislauf, die Ernährung und den Füllungszustand des Augapfels einwirken.

12. Die Mahlzeiten sollen in kleinen Mengen genommen werden. Fleisch, Fleischbrühe und Fleischsaucen sind fortzulassen, ebenso jeder Alkohol, Tee und Kaffee. An Flüssigkeit soll in vierundzwanzig Stunden nicht mehr als ein halber Liter verbraucht werden. Für regelmäßige Entleerungen ist zu sorgen, bleiben sie fort, so soll Rhabarber gegeben werden. – Die Spannung des eingesunknen Bauchs macht es wünschenswert, dem Darmkanal leichte Arbeit zu verschaffen; die vegetarische Diät sowie das Verbot bestimmter Genußmittel bezwecken, den hochgradigen Erregungszustand des Nervensystems, der teils durch den Charakter des Kranken, teils durch die Störungen im sympathischen System, vor allem durch die Angst bedingt ist, zu beseitigen: die Einschränkung der Flüssigkeit ist dringend geboten, bei den schlechten Kreislaufverhältnissen muß die Körperflüssigkeit auf das Mindestmaß herabgesetzt werden; falls auch nur die geringste Aussicht ist, daß die Trübungen im Glaskörper aufgesogen werden können, ist der Durst dafür das beste Mittel; außerdem steigert das Trinken die Spannung im Bauch.

So ungefähr würden die Vorschläge des Arztes für die erste Zeit lauten; daß sie im weitern Verlauf nach dieser und jener Richtung hin abgeändert werden müssen, daß sie schließlich immer mehr dem Alltagsleben anzupassen sind, versteht sich von selbst. Denn nicht das Leben in den Grenzen einer strengen Vorschrift ist das Ziel der Behandlung, sondern das breite Durchschnittsleben, soweit das sich für einen fast Blinden erreichen läßt.

Ich füge diesen Phantasieverordnungen, die wie gesagt kein Muster, sondern ein Beispiel sind, noch einige Erläuterungen hinzu, um gewisse allgemein wichtige Punkte mehr hervorzuheben. Zunächst wird es vielleicht wundernehmen, daß mein Arzt in seinen Vorschriften keine Notiz von der Pulsadergeschwulst nimmt. Das ist nicht richtig; alle Maßnahmen, die er trifft, sind gleichzeitig darauf berechnet, eine Verschlimmerung der Geschwulst zu verhüten. Der Illusion, daß es gelingen könne, durch Jodkali die Ausbuchtung einer Schlagader wieder zum Verschwinden zu bringen oder auch nur ihre Vergrößerung aufzuhalten, gibt sich ein praktischer Arzt nicht hin. Daß ich die Geschichte des Augenkranken mit der Annahme einer solchen Geschwulst belastet habe, geschah nur in der Absicht, zu erläutern, daß man selbst bei so schweren Erkrankungen sich nicht zu scheuen braucht, altbewährte Mittel wie heiße Bäder und Atemübungen unter Druck zu verwenden. Ja sie sind da erst recht am Platze, da eine solche Schlagadererkrankung am besten durch Beseitigung aller Blutstromhindernisse behandelt wird. Steigert man das Gefälle eines Stroms, so wird die Gefahr, daß er seine Ufer durchbricht, geringer. Da es aber für die weitre Entwicklung meiner Geschichte ganz gleichgültig ist, ob bei dem Kranken eine solche Geschwulst besteht oder nicht, so lasse ich sie jetzt, nachdem sie ihre Schuldigkeit getan hat, in der Versenkung verschwinden. Es stelle sich heraus, daß der pulsierende Widerstand, der gefühlt wurde, lediglich durch das Anschlagen der Pulswelle gegen die straffe Bauchwand verursacht war.

Weiter muß ich noch etwas über das Verbot des Trinkens sagen. Man nennt den Wein den Sorgenbrecher, und wo es der Wein nicht tut, pflegt man das Sprüchlein zu zitieren: wer Sorgen hat, hat auch Likör. Gewiß ist es richtig, daß der innerlich gehetzte und gequälte Mensch oft sein Gehirn mit Alkohol umnebelt. Aber man achte doch einmal darauf, wie unendlich viele in der Erregung nicht zum Weinglas, sondern zum Wasserglas greifen. In jedem halbwegs spannenden Roman kommt irgendeine Stelle vor, wo der Held oder die Heldin hastig ein Glas Wasser hinunterstürzt, so bekannt ist diese Gewohnheit. Hat man es also mit aufgeregten, eingeängstigten Kranken oder mit den oft genannten Nervösen zu tun, so kann man fast mit Bestimmtheit annehmen, daß sie viel und hastig Wasser trinken. Es ist eine sehr schlechte Gewohnheit, der man beizeiten entgegentreten muß. Eine Flüssigkeitsaufnahme von zwei bis drei Litern täglich kann ich meinem Augenkranken ruhig andichten, ohne die Geschichte damit unwahrscheinlich zu machen.

Und in diesem Zusammenhang gleich noch eins: Leuten, die einen Schwindelanfall haben, blaß oder ohnmächtig werden oder sich sonst irgendwie unwohl fühlen, bietet das gebildete Mitleid der Freunde und Verwandten ein Glas Wein oder einen Kognak an; wem solche Zustände öfter zustoßen, der gewöhnt sich mit Hilfe gütiger Seelen nach und nach einen netten stillen Suff an. Dazu möchte ich doch bemerken, daß bei solchen Gelegenheiten Schnaps oder Wein nicht die mindesten Vorzüge vor irgendeinem andern Getränk haben. Wenn schon etwas in den Bauch hineingebracht werden soll, was meist nicht nötig ist, so begnüge man sich mit heißem Wasser. Man vergesse aber dabei nicht, daß es enge Halskragen und noch engre Schnürleiber gibt, und daß ein Mensch, der erblaßt, mit dem Kopf flach und mit den Beinen hoch liegen muß.

Und nun zurück zu meiner Geschichte. Was wird aus dem Kranken? Selbstverständlich wird er nicht wieder gesund, eine abgelöste Netzhaut wird nicht wieder funktionsfähig. Aber ich lasse ihn, ohne die Grenzen der Wahrscheinlichkeit zu überschreiten, nach einem halben Jahr der Behandlung wieder bei dem Augenarzt erscheinen, und der stellt fest, sachlich und sicher, wie nur er es kann, daß der Kranke jetzt fähig ist, in einer Entfernung von ein bis zwei Metern Gegenstände zu unterscheiden, daß er die Straßenschilder zu lesen vermag und daß er angeben kann, was auf irgendeiner Ansichtspostkarte zu sehn ist. Diese Zunahme der Sehkraft ist dadurch entstanden, daß die Trübungen des Glaskörpers erheblich kleiner geworden sind. Der Kranke erzählt dann noch, daß er keine Bindehautentzündungen mehr gehabt hat, daß die Flammenbilder ganz verschwunden sind und die Nebel vor dem Auge nur noch selten auftreten. Spezialist und Kranker freuen sich des unerwarteten Erfolgs und beide sind der Ansicht, daß es rätlich ist, die Behandlung weiter fortzusetzen.

Damit bin ich bei dem angelangt, was mich bewogen hat, meine Leser mit der ziemlich langen Geschichte eines Augenkranken zu behelligen: die Trübungen des Glaskörpers haben sich aufgehellt. An sich klingt das nicht erstaunlich, es ist auch gewiß nicht wunderbarer als irgendein andrer Vorgang im menschlichen Körper, aber eins geht daraus klar hervor, daß außer dem Blut noch andre Ströme im Körper kreisen, die nicht in dem Adernetz fließen, die nicht vom Herzen getrieben werden, die keine rote Farbe haben, die aber in Wahrheit alle Lebensprozesse vermitteln. Das Blut kann das nicht tun, das hob ich schon einmal mit aller Schärfe hervor; denn kein Tropfen Blut gelangt jemals in die Zellen. Hier, bei der Besserung der Glaskörpertrübungen, sehn wir diese blutlosen Säfte am Werk. Denn im Glaskörper gibt es keine Blutgefäße. Wenn in ihm Veränderungen auftreten, so kann es nur durch Vermittlung von Körpersäften geschehn, die außerhalb des Blutkreislaufs bestehn. Und diese Tatsache ist allerdings seltsam, seltsam deshalb, weil sie von uns Ärzten jahrzehntelang vergessen war.

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