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Die Natur heilt

Georg Groddeck: Die Natur heilt - Kapitel 10
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authorGeorg Groddeck
titleDie Natur heilt
publisherFischer Taschenbuch Verlag
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Der Blutkreislauf

Wer einmal eine blutende Wunde gesehn hat, sollte denken, daß das Blut eine leicht strömende Flüssigkeit ist, etwa rot gefärbtem Wasser ähnlich. Das ist aber nur bedingt richtig. Wer sich mit der Nadel in den Finger sticht, pflegt die Wunde auszusaugen; dabei bemerkt er, daß Blut salzig schmeckt. Es muß also zum mindesten in der roten Flüssigkeit Salz enthalten sein. Tatsächlich sind diese verschiedenartigen Salze des Bluts für das Leben des Körpers überaus wichtig und ihr Ersatz durch Nahrungszufuhr unumgänglich notwendig. Weiter: rotes Wasser fließt überall, bleibt überall flüssig, das Blut aber gerinnt, sobald es eine Zeitlang aus den Blutgefäßen herausgetreten ist. Das ist der eine ohne weitres einleuchtende Unterschied zwischen Blut und rotem Wasser, ein bedeutsamer Unterschied. Das Gerinnen verhindert ja, wie jeder weiß, daß der Mensch sich an irgendeiner kleinen Schnittwunde verblutet; das Gerinnsel verstopft die Wunde und die Blutung hört auf.

Die Bluterkrankheit beruht im wesentlichen darauf, daß eine Gerinnung des Bluts nicht eintritt und daß sich infolgedessen der Kranke leicht zu Tode blutet. Das Interesse an dem übrigens seltnen Leiden bezieht sich auf seine eigentümliche Übertragung von den Vorfahren auf die Nachkommen, wobei die überragende Bedeutung der Mutter für die Entwicklung der Kinder deutlich hervortritt. Die Töchter einer Bluterfamilie können scheinbar völlig gesund sein, in ihren Kindern aber wacht die Anlage zum Bluten wieder auf. Man kennt eine Reihe ähnlicher Verhältnisse, bei denen gesunde Frauen den verderblichen Keim vorelterlicher Leiden ohne jeden Schaden für den eignen Körper mit sich tragen, um ihn dann in den Kindern wieder aufleben zu sehn. Es wäre gut, wenn sich die Mädchen, denen ja unsre Kultur unbegreiflicherweise die Entscheidung über Ehe und Nachkommenschaft zugewiesen hat, solcher bemerkenswerten Naturerscheinungen bewußt wären. Die Sicherheit, mit der sie sich auf die himmlische Divinationsgabe ihrer Liebe, die nur leider sehr leicht zu erkennende irdische Quellen hat, verlassen, ist geradezu ein Frevel. Ein Mädchen muß wissen, daß es durch ihr Jawort für die Zukunft verantwortlich wird. Man soll die Töchter besser über ihre entscheidende Stellung im Gang der Welt unterrichten. Von den Söhnen gilt dasselbe, nur ist es nicht so wichtig. Denn die Männer werden ja geheiratet. Es ist eitel Illusion, daß sie sich ihre Lebensgefährtin aussuchen.

Ein dritter Unterschied zwischen Blut und rotem Wasser, der uns im Augenblick am meisten angeht, ist, daß rotes Wasser durchsichtig ist, und wenn man es durch einen Filter gießt, bleibt es, was es war: rotes Wasser. Blut aber ist undurchsichtig, und durch den Filter gegossen fließt es entfärbt ab und läßt auf dem Filter einen roten Satz zurück. Das Blut ist also keine klare Flüssigkeit, sondern eine, in der feste Bestandteile schwimmen. Bringt man einen Tropfen Blut unter das Mikroskop, so sieht man das ganze mikroskopische Bild angefüllt von kleinen roten runden Scheiben, zwischen deren Massen hie und da ein größres weißes Körperchen gelagert ist. Das sind die roten und weißen Blutkörperchen, ebenfalls Zellen und Zellengebilde, wie so ziemlich alles im menschlichen Körper. Die roten Blutkörperchen nun sind es, die die Fähigkeit haben, den Sauerstoff der eingeatmeten Luft an sich zu ziehn, im Kreislauf des Bluts mit sich zu führen und ihn dann an die Gewebe zum Aufbau und zur Verbrennung des Körpers abzugeben.

Man kann sich den Vorgang etwa vorstellen wie den Güterverkehr der Eisenbahnen. Die Blutkörperchen sind dann die Güterwagen, die in den Lungen mit Sauerstoff beladen werden und auf den Gleisen der Blutbahn zu den einzelnen Organen geführt werden; dort wird ihre Ladung ausgeschüttet, und sie fahren rasch wieder zu ihrer Ausgangsstelle, den Lungen, zurück, um neue Lasten aufzunehmen. Dabei erleiden sie eine bemerkenswerte Änderung der Farbe. Wenn das Blut mit Sauerstoff gefüllt aus den Lungen kommt, sieht es hellrot, scharlachfarben aus, kehrt es von den Abladeplätzen der Gewebe zurück, so zeigt es ein tiefes, dunkles, fast blaues Rot. Diese Farbenveränderung ist der Ausdruck eines Frachtwechsels in den Geweben. Statt des Sauerstoffs, der dort zu Arbeitszwecken zurückgelassen wird, wird das Blut nun mit Kohlensäure beladen. Ebenso wie im Ofen durch die Verbrennung der Kohle Kohlensäure entsteht, die durch den Schornstein entführt wird, muß auch durch das Körperfeuer sich Kohlensäure bilden. Da sie aber ein gefährliches Körpergift ist, so wird sie so rasch wie möglich nach den Lungen geschafft, um dort aus dem Organismus ausgeschieden zu werden.

Über die Transportmittel des Sauerstoffs und der Kohlensäure und über die Wege, auf denen diese Frachten gefahren werden, sind wir leidlich unterrichtet. Dagegen haben wir so gut wie keine Vorstellung davon, wie das Beladen und Entladen des Bluts in Lungen und Geweben vor sich geht; wir stehn da wieder vor einem der vielen ungelösten Rätsel, das uns recht deutlich macht, wie wenig wir wissen. Denn es ist klar, daß das wichtigste an dem ganzen Vorgang eben das Aufladen und Abladen der Güter ist. Sind sie erst einmal auf dem Transport, so sind sie nicht sonderlich interessant. Und da wir vom Frachtwechsel so wenig wissen, so nimmt es nicht wunder, wenn wir keine andre Kenntnis von dem Schicksal des abgeladnen Sauerstoffs haben, als die, daß er zu irgendwelcher Verbrennung in den Geweben verwendet wird, und von der Kohlensäure, daß sie aus irgendwelchen Verbrennungsprozessen in den Geweben entsteht. Alles Nähere ist uns vorläufig unbekannt.

Es ist nicht angenehm, solche Mängel unsres Wissen einzugestehn, aber viel schlimmer ist es, sie hinter einem Schwall von Worten zu verstecken. Tut man das, so kann man sich nicht wundern, wenn die Welt von uns Dinge erwartet, die wir nicht leisten können, und daß sie über uns spottet, wenn wir sie nicht leisten. Unkenntnis ist nie eine Schande, sie ist höchstens ein Sporn zum Arbeiten. Es ist ein schlechtes Zeichen für die Kultur unsrer Zeit, daß wir Kenntnisse über alles schätzen. Die Geschichte der Jahrtausende, das Leben und Wirken der größten und herrlichsten Menschen haben bewiesen, daß das menschliche Leben sich von ein paar Gedanken nährt und daß sehr wenig Kenntnisse dazu gehören, um richtig zu denken und richtig zu handeln, ja selbst um Erstaunliches zu vollbringen. Und das gilt von der Medizin so gut wie von jeder andern Tätigkeit.

Ich will damit nicht sagen, daß Kenntnisse unnütz sind; im Gegenteil, das Streben, möglichst viel zu wissen, ist lobenswert; aber man soll sich doch ab und zu daran erinnern, daß auch unsre Väter Kultur besaßen und Dinge vollführt haben, die unsrer Arbeit gleichwertig sind. Gerade bei Gelegenheit des Blutkreislaufs ist solch ein Rückblick lehrreich. Es ist noch nicht lange, etwa drei Jahrhunderte her, daß wir von diesem Kreislauf etwas wissen. Aber die ärztliche Tätigkeit reicht zurück in die graue Vorzeit. Sollen wir nun annehmen, daß alle diese vielen Tausende von Ärzten, die nichts vom Kreislauf gewußt haben, Pfuscher gewesen sind? Daß ihre Leistungen tief unter den unsern gestanden haben? Nur der blinde Hochmut kann so denken. Aber Hochmut ist die sittliche Gefahr des Arztes, vor der wir ja auf der Hut sein wollen. Die Herrscherstellung, in die ihn sein Beruf zwingt, bringt leicht Größenwahn mit sich, der zum mindesten lächerlich ist.

So überwältigend groß ist die Kluft nun auch gar nicht, die die Entdeckung des Blutkreislaufs zwischen die früheren und die jüngsten Jahrhunderte gerissen hat. Eine kurze Auseinandersetzung über das Wesen dieses Blutkreislaufs wird das beweisen.

Ich sagte früher, daß der Sauerstoff, vom dem die Lebensarbeit abhängt, in den Lungen vom Blut aufgenommen wird und durch das Blut an seinen Bestimmungsort gebracht wird. Das Blut muß also in Fluß gehalten werden. Die Maschine, die es zum Strömen bringt, ist in der Hauptsache das Herz. Das ist bekanntlich ein Hohlmuskel, ein in vier Fächer geteilter Raum, dessen Wände sich in regelmäßigen Rhythmen abwechselnd vollständig zusammenziehn und wieder ausdehnen. Bei dem Zusammenziehn wird sein Inhalt, das Blut, mit großer Gewalt herausgespritzt, bei dem Ausdehnen saugt es sich wieder mit Blut voll, und so geht es fort in unaufhörlicher Arbeit, etwa sechzig- bis achtzigmal in der Minute; das ist bei den Menschen sehr verschieden, und man braucht sich nicht gleich für krank zu halten, wenn man ein wenig mehr oder weniger Pulsschläge hat als die berühmten zweiundsiebzig, die der gebildete Mensch für normal hält.

Es ist ein Jammer, wieviel falsche Begriffe in der Welt herumgehn, so der von der Zahl der Pulsschläge; solch ein Irrtum ist nicht wieder auszurotten. Aber auch über die Größe des Herzens gehn allerlei alberne Sagen im Volk umher, und da ein jeder etwas über die Gefahr der Herzvergrößerung gehört hat, muß man oft genug seine Zeit nur dafür opfern, den Menschen die Angst auszureden Die Herzen sind verschieden groß, im allgemeinen entspricht die Größe etwa der geballten Faust. Aber wenn das Herz einmal größer oder kleiner ist, so soll man sich deshalb nicht grämen. Das muß so sein, ja seine Größe wechselt sogar bei einem jeden, je nach den Lebensbedingungen, denen er unterworfen ist. Und selbst das abnorm vergrößerte Herz bedeutet noch längst nicht, daß man dem Tode geweiht ist oder überhaupt krank ist. Und ähnlich ist es mit dem schwachen Herzen.

Welch eine ermüdende Zugabe ist es für den Arzt, dieser Ausdruck: schwaches Herz. Man soll sich doch nicht unnütz ängstigen. Herzschwäche ist etwas so überaus Seltenes, sie kommt für das tägliche Leben gar nicht in Betracht. Was die Menschen so nennen, ist gewöhnlich nur ein sorgenschweres Herz oder ein aufgeblähter Bauch. Die meisten und schwersten Sorgen werden ja nicht gedacht, kommen nicht zum Bewußtsein, aber da sind sie, und im Traum, zuweilen auch im Wachen, stürmen sie plötzlich hervor; da gibt es dann Herzklopfen, jagende Pulse, Ermattung und Todesangst. Und bei erregbaren Gemütern, die der Sorge überhaupt zugänglich sind, kommt es auch am ehesten zu Gasansammlungen in Magen und Darm, die dann ihrerseits auf Herz und Kreislauf drücken. Das ist der Grund, warum so viele Menschen auf ihren Magen zeigen, wenn sie auf das Herz deuten wollen. Die wenigsten wissen ja, wo das Herz liegt. Sie meinen, es sei der Ort, wo sie die Angst, die Beklemmung, den Stein fühlen. Das Herz aber liegt nicht so tief, wie sie annehmen.

Ja, wer die Angst den Menschen nehmen könnte und das kleinliche Sorgen, dieses stumm wirkende Gift des Alltags, der wäre ein rechter Arzt. Zahllos sind die Menschen, die schon beim Erwachen die Peitsche der Hast hinter sich fühlen, die Sorge, nicht fertigzuwerden, die Pein des Selbstmißtrauens und das Gefühl, gehetzt zu sein. Tue ein jeder das Seine, diesem Elend abzuhelfen, es ist so leicht da zu helfen, mit einem ruhigen Wort, einem geduldigen Anhören, einem einfachen Halten der Hand. Man glaubt nicht, wieviel Kraft aus der ruhigen Hand des Arztes strömt, welch ein Segen seine unerschütterte Haltung im Leben für das Leben ist.

Man habe doch Vertrauen zu diesem Wunderwerk Herz. Man bedenke, wie großartig es gebaut ist, daß es jeder Forderung gewachsen ist. Wenn du liegst, so schlägt dein Herz anders, als wenn du stehst, und wenn du gehst, wieder anders, und du merkst nicht das geringste davon. Ganz von selbst stellt es sich auf jede Leistung ein, auf das Steigen, das Essen, das Schlafen, das Reiten und Fechten, auf allen und jeden wechselnden Anspruch des Lebens. Und du merkst von all dem nichts. Dein Herz bemerkt jede geringste Steigung des Weges, an die du selbst nicht im mindesten denkst, es richtet seine Arbeit im Augenblick darauf ein. Dein Herz weiß es genau, ob du rasch gehst oder langsam, ob du die Feder führst oder untätig dasitzt, ob du mit der Schaufel Erde emporhebst oder ausruhend dich auf die Schaufel lehnst, das alles weiß das Herz genau, auch wenn du mit deinen Gedanken weit in der Ferne schweifst, nach all dem richtet es sich, um seine Kräfte mehr oder weniger anzuspannen. Kannst du denn wirklich glauben, daß dieses Herz, dieses schönste Gebilde des Lebens, schwach ist, weil es einmal klopft oder aussetzt oder hart schlägt? Ist es nicht wahrscheinlicher, daß es dich lediglich vor deiner eignen Seele warnt, vor deiner eignen schwachen Seele, die das Leben ernst nimmt, wo es nicht ernst ist, und leicht, wo es bitter ist?

Mit jedem Schlage wirft das Herz Blut in den Körper, sagte ich. Aber das ist ein schlechter Ausdruck, der noch aus alten Jahrhunderten auf uns vererbt ist. Man sollte solche Ausdrücke nicht brauchen, sie verewigen den Irrtum. In die Gefäßbahn wirft das Herz seinen Inhalt, so muß es heißen.

Mir stockt bei dieser Unterscheidung die Feder, und ich frage mich, ob ich wirklich mißverstanden werden kann, wenn ich sage: das Herz treibt das Blut in den Körper. Aber dann fallen mir hundert Gelegenheiten ein, wo mir gelehrte Männer und gebildete Frauen durch ihre Worte verrieten, daß sie wirklich des Glaubens leben, der ganze Körper sei mit Blut gefüllt, das Blut fließe überall, sei überall. Man kann das als Arzt kaum fassen, man kann es kaum begreifen, daß eine Tatsache, die seit dreihundert Jahren die Grundlage unsrer medizinischen Forschungen ist, die den Menschen so nahe angeht wie das tägliche Brot, der Masse des Volks unbekannt ist, bis man sich erinnert, daß die Mehrzahl der Städter auch das tägliche Brot nicht kennt, wenigstens am Halm Roggen und Weizen nicht zu unterscheiden vermag, bis man sich erinnert, daß man selbst, bevor man in den medizinischen Hörsaal kam, auch nichts vom Blutkreislauf wußte.

Man verstehe mich recht; ich bezweifle nicht, daß der Durchschnittsmensch auf der Schule oder sonstwie gelernt hat: das Blut fließt in Gefäßen, es gibt Blutadern und Schlagadern; ja vielleicht gehn seine Kenntnisse noch viel weiter. Aber diese Kenntnisse sind nicht lebendig, sie sind nicht in das Bewußtsein übergegangen. Für das Bewußtsein, für das Denken des Alltags ist überall Blut; daß es nur in den Blutgefäßen anzutreffen ist, daß es außerhalb der Blutgefäße nicht existiert, und daß diese Blutgefäße immer nur vereinzelt vorhanden sind, das ist trotz der drei Jahrhunderte noch nicht begriffen worden.

Ja, wenn man erst seine Gedanken darauf gerichtet hat, wie hartnäckig der Irrtum in dem Denken der Menschen haftet, wird es einem auf einmal klar, daß dieser Irrtum selbst in unserm medizinischen Denken noch weiterlebt, daß auch wir Ärzte noch unwillkürlich mit der Idee arbeiten, das Blut sei überall. Für uns ist das Blut immer noch die ernährende Flüssigkeit, und doch wissen wir, daß auch nicht ein einziger Tropfen Blut bis zu dem Ort der Ernährungsvorgänge, bis zur Zelle gelangt, wir haben immer noch die Idee, daß das Blut für die Lebensvorgänge unentbehrlich sei, und können doch täglich unter dem Mikroskop sehn, daß das nicht richtig ist, wissen aus der Entwicklungsgeschichte, daß die menschliche Frucht lebt, längst ehe sich auch nur eine Spur von Blut im Körper findet; wir sprechen bei tausend Gelegenheiten von Blutstockungen, Blutleere, Blutüberfüllung, aber fast nie – abgesehn von der Wassersucht – von den Verhältnissen der Körpersäfte, die außerhalb des Gefäßsystems vorhanden sind; wir reden vom Blutkreislauf und richten nach ihm all unser ärztliches Tun ein, genau so, als ob es der einzige Flüssigkeitskreislauf des Körpers wäre, und müßten doch wissen, daß, eben weil das Blut nie aus den Gefäßen austritt, außer dem Blutkreislauf noch ein andres, viel wichtigeres Kanalsystem existieren muß, ein System, das wirklich ernährt, das wirklich bis zum Kern des Lebens gelangt, das wirklich unentbehrlich ist, was bei dem Blutkreislauf nur bedingt wahr ist.

In den letzten Jahren haben wenigstens die Physiologen diesem Kreislauf außerhalb der Blutgefäße Aufmerksamkeit gewidmet; als ich studierte, war davon keine Rede. Als Vermittler der Ernährung galt das Blut, und irgendeine andre Flüssigkeit existierte für den Unterricht nicht. Im Grunde genommen sind es auch jetzt nur die Anatomen und die Chirurgen, die die Harveysche Entdeckung des Blutkreislaufs vollkommen ihrem Denken zu eigen gemacht haben, einfach aus dem Grunde, weil sie mit dem Messer hantieren und infolgedessen tagtäglich sich mit den Augen davon überzeugen müssen, daß außerhalb der Blutgefäße kein Blut existiert, daß also das Blut unmöglich etwas andres als ein Transportmittel sein kann, aber nie und nimmer eine Ernährungsflüssigkeit ist.

Wenn somit nicht einmal die Medizin, in deren Geschäftskreise diese Dinge doch gehören, im Laufe von Jahrhunderten mit der einfachen Tatsache fertig geworden ist, daß das Blut in geschlossnen Röhren fließt, so ist das von andern Menschen gar nicht zu verlangen. In der Tat trifft man auch, sobald man nicht ausdrücklich das bißchen Schulkenntnis heraufbeschwört, bei den meisten den Glauben, der Körper sei durch und durch mit Blut angefüllt, vermutlich weil bei den alltäglichen Verletzungen, dem Schneiden oder Stechen in den Finger stets Blut fließt. Sie ahnen nicht, daß eben nur die Haut oder die Schleimhaut so blutreich sind, daß aber darunter Gewebe sind, die man ruhig ohne die Gefahr der Blutung zerschneiden kann, wenn man die Gefäße vermeidet.

Die Menschen haben eine merkwürdige Angst vor fließendem Blut. Sonst leidlich vernünftige Leute verlieren den Kopf, wenn einmal ein Nasenbluten ein bißchen länger dauert, als sie es gewöhnt sind. Sie sehn im Geiste schon das schreckliche Ende des Verblutens, das sie in Wirklichkeit wohl weder gesehn haben noch je sehn werden, da es recht selten ist; man verblutet sich nicht so leicht. Aber es gibt immer freundliche Nachbarn und dergleichen, die den Mut des Blutenden und seiner Angehörigen mit der Geschichte stärken, daß der und der ein ganzes Waschbecken Blut verloren hat; sie haben es selbst gesehn. Gewiß, wenn man die blutende Nase über ein so volles Wasserbecken hält, wie es denn üblich ist, so mag es für den Schreckensschwelger wohl so aussehn, als ob alles Blut wäre; denn Blut färbt stark. Geht man der Sache auf den Grund, so findet man nicht zwei Liter Blut, sondern zwei Liter Wasser mit einem oder zwei Eßlöffeln Blut.

Es kommt ja vor, daß Nasenbluten gefährlich wird, aber im allgemeinen ist es eine harmlose Sache, die in der Wachstumszeit ganz in der Ordnung ist. Freilich läßt sich nicht leugnen, daß es den Ratschlägen hilfsbereiter Besserwisser oft gelingt, den Stillstand der Blutung recht lange aufzuhalten. Im allgemeinen genügt es aber, den weichen Teil der Nase eine Zeitlang zusammenzudrücken, dann hört es auf zu bluten; nur muß man nicht jede halbe Minute wieder loslassen, um nachzusehn oder gar nachzutupfen, ob es noch blutet. Neugier ist in ärztlichen Dingen nicht am Platze. Blutet es trotz des Zusammendrückens der Nasenflügel weiter, so sitzt die blutende Stelle mehr nach hinten im knöchernen Nasenteil, dann fließt das Blut, da es vorn keinen Ausweg findet, nach der Kehle zu. Ich schwärme nicht sehr für die ständige Rede populärer Werke: man schicke zum Arzt; in einem solchen Falle würde ich es aber doch anraten.

Ähnliche Aufregung herrscht auch bei Hämorrhoidalblutungen, die, das kann man wohl sagen, fast immer wohltätig sind; man lasse die Afterknoten nur ruhig bluten, das erleichtert den Bauchkreislauf. Man regle das Leben der Kranken, gewöhne ihnen ein wenig das Sitzen ab, lasse sie so oft wie möglich auf dem Bauch liegen, so daß das Blut leichter aus den Gesäßpartien abfließen kann, kurz, man beeinflusse den Kreislauf. Damit erreicht man etwas. Und im übrigen tröste man die Kranken über ihr Leid und nehme ihnen die Angst vor dem Blut. Es ist noch nicht so lange her, daß man den Hämorrhoidariern regelmäßig alle zwei Monate Blutegel ansetzte, und das war keine schlechte Maßregel. Jedenfalls war sie harmloser als die moderne Operation, die recht oft nichts nützt, nichts nützen kann, da sie die Ursachen der Blutstauungen überhaupt nicht beeinflußt, die aber nicht selten zum Tode führt, und die immer und unter allen Umständen Narben entstehn läßt; in jenen Gegenden sind aber Narben durchaus nicht ruhmreich.

Auch Lungen- und Magenblutungen sind nicht: unter allen Umständen bösartig. Es ist gar nicht selten, daß sie eine günstige Wendung für den Kranken herbeiführen.

Manchmal versteht man die Welt schwer. Nach der üblichen Tagesmeinung sollte man unsre Väter, die ihr Lebelang zur Ader ließen und zur Ader gelassen wurden, samt und sonders für Narren halten, und es gibt ja auch recht gelehrte Leute, die alles mögliche Unheil aus dieser Gewohnheit unsrer Väter herleiten und die die Ärzte jener Zeit für nicht viel bessres halten als Schlächter. Bei solchen Leuten muß sich freilich der liebe Gott, der die Frauen alle vier Wochen zur Ader läßt, auf eine schlechte Zensur gefaßt machen.

Die Periode der Frau beweist, sollte ich meinen, deutlich, was es mit den Blutverlusten auf sich hat. Wem aber sein eigner gesunder Menschenverstand nicht genügt, dem sei es hiermit in Drucklettern mitgeteilt, daß sich das Blut fortwährend unter Alltagsverhältnissen neu bildet, und daß wenige Stunden nach einer mäßigen Blutung wieder genau dieselbe Menge da ist wie vorher.

Die Menschen haben Angst vor dem Blut, mehr als billig, es sind ihrer nicht wenige, die beim Anblick von Blut in Ohnmacht fallen. Aber es wäre zu wünschen, daß sie mehr Achtung davor hätten. Sie können Blut nicht sehn, aber sie scheuen sich nicht, reines Blut durch Mischehen mit farbigen Rassen zu verderben. Es ist schon schlimm genug, daß unsre Zeit die Ehe mit Ausländern billigt, die farbige Mischehe ist aber ein Frevel, der zum mindesten mit der Entrechtung der Ehegatten und ihrer Kinder gesühnt werden müßte. Wer sein Blut verrät, verdient nicht Bürger zu sein. Man hat, wie ich höre, durch gewisse chemische Reaktionen der Blutflüssigkeit nachgewiesen; daß das Malaienblut dem Affenblut näher steht als dem Menschenblut. Man sollte das noch für die Chinesen, die Neger und Japaner nachweisen, und es an alle Straßenecken anschlagen, damit die Scham erwacht und die Ehrfurcht vor dem Gottesgeschenk reinen Bluts.

Eine ganz besondre Rolle im Leben spielen die Blutstürze der Frauen während der Übergangsjahre. Ich meine damit nicht nur, daß sie lehrreich sind, weil sie beweisen, daß man jahrelang ununterbrochen Blut verlieren kann, ohne daran zu sterben; nein, sie üben einen so großen Einfluß auf das gesamte Familienleben aus, schaffen so unendlich viel Leid, daß ich sie hier nicht übergehn darf. Da möchte ich auf eins hinweisen, was ich schon bei den Hämorrhoidalblutungen andeutete. Man muß sich bei diesen Blutstürzen gegenwärtig halten, daß sie meistens durch Störung im Bauchkreislauf herbeigeführt werden und nur verhältnismäßig selten auf rein örtlichen Erkrankungen der Gebärmutter beruhen. Wer sich den behäbigen Umfang ansieht, den die Frauen dieses Alters zu haben pflegen, hegt einigen Zweifel, ob das übliche Auskratzen der Gebärmutterschleimhaut auch wohl das richtige ist, und diese Zweifel steigern sich, wenn er erst ein paarmal, nach erfolglosen Auskratzungen, rasche Heilungen nach verständiger Behandlung des Bauchkreislaufs gesehn hat. Er überzeugt sich dann auch bald davon, daß ein Bauch nicht zu dick zu sein braucht, um blutüberfüllt zu sein, daß auch bei dünnen Frauen die Behandlung des Bauchs, vielleicht vereint mit innerlicher Massage, häufiger Lagerung auf den Bauch, heißen Bädern und andern Maßnahmen, selten im Stich läßt; er wird vor allem das Korsett nicht vergessen. Aber ein abgesagter, grimmiger Feind, ein Todfeind des Herausschneidens von Gebärmutter und Eierstöcken wird er. Wenigstens ich bin es geworden.

Es mag sein, daß es mitunter nicht anders geht; ich weiß das nicht, kann nur sagen, daß ich bisher noch nicht in die Zwangslage gekommen bin, eine solche Operation anzuraten. Dann ist es eben ein unvermeidliches Unglück, jedenfalls aber ein schweres Unglück. Es nützt nichts, die Augen dagegen zu verschließen: die Entfernung der Zeugungsorgane bei der Frau hat immer schwere Folgen. Nicht nur die Gefahr der Operation, die häufig unterschätzt wird, läßt mich so sprechen, nicht nur die Narbenbildung und Verstümmelung, die ja für unsre Zeit hoher Kultur nicht mehr mitzusprechen scheint, sondern die allgemeinen körperlichen und seelischen Veränderungen, die stets danach auftreten. Namentlich die Schäden, die die Seele nimmt, müßten den Frauen vorgehalten werden, ehe man sie operiert. Es ist im allgemeinen nicht gut, den Kranken die Entscheidung über die Behandlung zu überlassen, bei Operationen ist das jedoch gesetzlich vorgeschrieben, und bei solchen Operationen, die eine Beeinträchtigung des Seelenlebens, der Persönlichkeit bedeuten, ist es notwendig, den Kranken die volle schwere Wahrheit zu sagen. Ob sie dann die Aussicht auf eine relative Gesundheit wählen oder ihre freie unbeschädigte Persönlichkeit, darüber zu richten ist nicht Sache des Arztes.

Seitdem die Betäubungsmittel den Schmerz beseitigt und das langsame Operieren ermöglicht haben, seitdem durch die größere Reinlichkeit ein Teil der Gefahren verringert ist, ist das Öffnen der Bauchhöhle, nicht nur zu den Zwecken der Frauenheilkunde, eine alltägliche Maßnahme geworden. Man führt ja sogar Probebauchschnitte aus. Kranke mit Blinddarmentzündungen, mit Gallensteinen, mit Magengeschwüren, mit Darmkrebs lassen sich unter dem Beifall aller Verwandten und Nachbarn operieren, als ob es gar nichts wäre. Wenn man ihnen aber zumutet, täglich ein heißes Bad zu nehmen, ein paar Wochen zu hungern und zu dursten, dann steckt die ganze Freundschaft die Köpfe zusammen und schilt auf den Arzt, der roh genug ist, Kranke so zu mißhandeln. Aber glaubt man denn wirklich, daß das Bauchaufschneiden solch sanfter Eingriff ist? Im Durchschnitt dauert es zwei Jahre, ehe man sich davon vollkommen erholt, wenn man sich erholt; es ist leider nicht immer der Fall.

Ich gebe zu, Bauchschnitte müssen sein, aber man könnte sie ruhig auf den zehnten Teil dessen beschränken, was jetzt geschieht, ohne daß irgendein Schaden dadurch entstände. Im Gegenteil, es würde von großem Nutzen sein. Man weist auf die Erfolge hin, die diese Operationen haben; mag sein, aber man vergesse auch die Mißerfolge nicht, und man vergesse nicht, daß nach einer Operation, wenn sie nicht Heilung brachte, die Behandlung viel schwerer ist als vorher. Und man ziehe ruhig einen großen Prozentsatz von den Erfolgen ab, da sie nicht der eigentlichen Operation, dem Herausnehmen des Blinddarms, der Gallensteine und so weiter zuzuschreiben sind, sondern dem Öffnen des Bauchfells; es ist längst erwiesen, selbst bei einer so schweren Erkrankung wie der tuberkulösen Bauchfellentzündung erwiesen, daß das einfache Öffnen der Bauchhöhle die Genesung unter Umständen bringt. Bei andern Leiden kann man dasselbe beobachten.

Ich sehe ganz ab von den Fällen, wo auf den Verdacht einer Entzündung hin, eines Gallensteinleidens, einer Krebsgeschwulst der Bauch geöffnet wird und, weil sich nichts Krankhaftes dort findet, sofort wieder zugenäht wird und bei denen dann trotzdem im Anschluß an diesen diagnostischen Eingriff die Heilung eintritt. So beweiskräftig sie sind, fehlt ihnen doch das Gepräge der Alltäglichkeit. Sie sind selten, einfach, weil man fast immer krankhafte Veränderungen im Bauchraum findet. Man kann beispielsweise mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen, daß man Gallensteine findet, wenn man Leute mit Bauchschmerzen operiert; man kann fast mit Sicherheit darauf rechnen, daß der Wurmfortsatz irgendwie erkrankt ist, denn es gibt nur wenige Menschen, bei denen das nicht der Fall ist. Die Gallensteine, der Wurmfortsatz werden also entfernt, die Operation ist glücklich verlaufen. Die Wunde schließt sich, und der Patient ist gesund. Natürlich, denkt man sich, die Ursache des Leidens ist ja entfernt. Nur leider kommt der hinkende Bote oft hinterher; nach Verlauf von zwei Jahren wird der glücklich Operierte wieder krank unter genau denselben Erscheinungen.

Das ist nun eine alltägliche Sache. Es fragt sich nur, was sie bedeutet. Sie bedeutet, daß nicht dem Herausschneiden der Steine, des Wurmfortsatzes der zeitweise Erfolg zuzuschreiben war, sondern der Eröffnung der Bauchhöhle. Dieser Eingriff ist so gewaltig – nebenbei auch gefährlich –, er bewirkt eine solche Umwälzung in allen Lebensäußerungen des Organismus, daß es mich gar nicht wundert, wenn danach eine Menge Leiden verschwinden. Genau dasselbe tritt nach Typhus, nach Lungenentzündungen ein. Es wundert mich auch nicht, wenn die Heilung dauernd ist; im Gegenteil ich glaube, daß auch ein großer Teil der dauernden Erfolge nicht auf die Operation der Gallenblase, des Blinddarms zurückzuführen sind, sondern auf die Verletzung der Bauchhöhle. Wer aber daraus die Berechtigung ableiten wollte, allen Menschen den Bauch aufzuschneiden, der hätte doch einigermaßen Ähnlichkeit mit dem berühmten Eisenbart, der den schmerzenden Zahn mit der Pistole ausschießt. Der größte Teil der Heilungen durch den Bauchschnitt an sich, das heißt, der größte Teil aller Operationen der Bauchhöhle, könnten und sollten mit demselben und bessern Erfolg ohne Operation behandelt werden; man gebe dem Arzt nur die Zeit dazu, die zwei Jahre, die man der Operation gönnt; denn sei es wie es sei, ich halte selbst das zeitweilige Hungern für eine sanftre Behandlung als das Schneiden.

Es gibt für das Auskratzen der Gebärmutterschleimhaut bei Blutungen außer der Begründung aus dem Heilerfolg noch eine andre aus diagnostischen Zwecken. Bekanntlich ist das Alter der Übergangsjahre, Anfang der fünfziger Jahre, auch das Alter der Krebsleiden. Da nach weitverbreiteter Annahme starke Blutungen den Verdacht auf Krebs erwecken, verschafft man sich, um diese tödliche Erkrankung möglichst frühzeitig festzustellen und dann mit Hilfe der Operation zu heilen, durch Abschaben der Schleimhaut Material für die mikroskopische Untersuchung; zeigt sich dabei, daß es sich um Krebs handelt, so wird die Gebärmutter entfernt, falls es noch Zeit dazu ist.

Hierzu habe ich folgendes zu bemerken: zunächst ist es unmöglich, nach dem mikroskopischen Bilde der abgeschabten Schleimhaut die Diagnose Krebs zu stellen. Kein Mensch ist dazu imstande. Dort wo die Geschwulst nicht offen zutageliegt und mit Augen gesehn und mit Händen gegriffen werden kann, ist der Krebs in seinen Anfangsstadien überhaupt nicht sicher festzustellen. Der Glaube, daß man das könne, ist eine Illusion. Die Diagnose kann nur aus dem Verlauf der Erkrankung gestellt werden. Ist der Krebs aber erst soweit vorgeschritten, daß er Krankheitserscheinungen hervorruft, so ist es nach der jetzt geltenden Lehre eigentlich zu spät zur Operation. Trotzdem wird, das weiß ja ein jeder, immer wieder die Gebärmutter mitsamt ihrer Umgebung herausgenommen. Warum das geschieht, weiß ich nicht; nicht etwa nur nach meiner Meinung, sondern, wie ich glaube, nach der Überzeugung der meisten Arzte, verschlimmert eine spät ausgeführte Operation den Verlauf der Erkrankung.

Und damit komme ich auf das zweite Bedenken, das sich mir, und vermutlich sehr vielen andern Ärzten auch, im Lauf der Jahre aufgedrängt hat. Wenn ich die Statistik der Krebserkrankungen und Todesfälle ansehe, so kann ich nicht finden, daß die Krebssterblichkeit infolge der chirurgischen Behandlung abgenommen hat; im Gegenteil, es ist eine Zunahme unwiderleglich festgestellt.

Die Geschichte der Krebsbehandlung ist außerordentlich interessant. In früheren Zeiten rührte man den Krebs chirurgisch nicht an. Man suchte nur seine Folgeerscheinungen nach Möglichkeit zu mildern, die Geschwulst selbst aber ließ man bestehn. Dann kam eine Zeit, wo man ihn herausschnitt; die Resultate dabei waren unbefriedigend. Nun wurde die Lehre aufgestellt, daß man im gesunden Gewebe operieren müsse; man nahm also die nächste Umgebung mit. Da auch so die Erfolge ausblieben, ging man dazu über, die Lymphdrüsen der Nachbarschaft mit auszuschälen. Auch das half nicht, und nun kam es zu der noch jetzt verbreiteten Annahme, daß die Krebsoperation nur Aussicht habe, wenn sie im Beginn der Krankheit ausgeführt wird. Ich vermute, daß man in absehbarer Zeit wieder bei der alten Gepflogenheit, den Krebs nicht zu operieren, anlangen wird; und das wäre vielleicht kein Nachteil. Ich sagte ja schon vorhin, daß die Operation, wenn sie keine Heilung bringt, der Verlauf der Erkrankung oft sehr erschwert.

Nun erwidert man allerdings, daß, wenn auch oft keine Heilungen erreicht würden, doch nicht selten ein zeitweiser Stillstand, eine zeitweise Besserung noch auftritt. Daß der Krebs zeitweise stillsteht, zeitweise sich sogar bessert, wußten schon unsre Vorfahren, obwohl sie das Messer nicht bei der Behandlung benutzten. Jeder Arzt weiß es aus eigner Erfahrung. Es fragt sich nur, ob diese Besserung, dieser Stillstand bei der Operation häufiger eintritt als bei einer andern Behandlung. Und diese Frage beantworte ich für meine Person mit einem überzeugten Nein. Es ist heutigen Tags bei der überall verbreiteten Ansicht, daß Krebs herausgeschnitten werden müsse, sehr schwer, einen Kranken von der Operation zurückzuhalten; wo es mir gelungen ist, habe ich es nicht zu bereuen gehabt. Eins allerdings ist nötig, wenn man helfen will, man muß die tödliche Diagnose für sich behalten, man darf sie weder den Angehörigen noch gar dem Kranken selbst mit Wort oder Gebärde verraten. Will man sich vor übler Nachrede schützen – nach meinen Erfahrungen ist das ein vergebliches Bemühn, da jedem tüchtigen Menschen Übles nachgeredet wird –, so gibt es immer den Weg, dritten, unbeteiligten Personen die Diagnose mitzuteilen; das hat den Vorteil, daß man nicht, wenigstens nicht mit dem Schein des Rechts der Unwissenheit geziehn wird. Gerade daß durch die Operation das Geheimnis der Diagnose verraten wird, daß der Kranke sein Todesurteil frühzeitig erfährt, ist ein großes Bedenken gegen die Operation. Es würde aber natürlich nicht zur Stellungnahme gegen den chirurgischen Eingriff genügen, wenn tatsächlich ein Erfolg von der Messerbehandlung nachweisbar wäre. Nach den Sterblichkeitsziffern zu urteilen, ist dieser Nachweis nicht geliefert.

Zum bessern Verständnis des Teils meiner Leser, die keine medizinische Ausbildung haben, muß ich hier noch eine Bemerkung einschieben. Man hat sich in den letzten Jahrzehnten daran gewöhnt, die beiden Namen Krebs und Karzinom so zu gebrauchen, als ob sie ein und dasselbe bezeichneten. Damit hat sich der Begriff Krebs wesentlich verändert; denn früher betrachtete man als Kennzeichen dessen, was man Krebs nannte, den bösartigen Charakter der Geschwulst; das Wort Karzinom ist aber ein anatomischer Name, der bestimmten Geschwulstbildungen beigelegt wird. Allen Ärzten ist nun eine Tatsache bekannt, die fast allen Nichtärzten unbekannt ist, daß es nämlich gutartige und bösartige Karzinome gibt und daß die anatomische Struktur allein keinen Aufschluß darüber gibt, ob eine Geschwulst gutartig oder bösartig ist. Das, was wir Ärzte augenblicklich als Krebs bezeichnen, ist nicht dasselbe wie das, was das Volk darunter versteht, da das Volk an dem Begriff absoluter Bösartigkeit immer noch festhält. Es sollte sich von selbst verstehn, daß alle gutartigen Karzinome bei der Beurteilung des Werts oder Unwerts einer blutigen Krebsbehandlung von vornherein ausgeschieden werden. Leider ist das nicht immer der Fall, kann auch nicht der Fall sein, da wie gesagt der Anatom nicht in der Lage ist, mit Hilfe seiner wissenschaftlichen Methoden stets zwischen gutartigem und bösartigem Krebs zu unterscheiden.

In bin mir bewußt, daß meine eben entwickelten Ansichten in Widerspruch zu der heute allgemein angenommenen Lehre stehn, und ich mache meine Leser ausdrücklich darauf aufmerksam, daß dies alles nur meine, aus meinen Erfahrungen gewonnene, persönliche Überzeugung ist. Da es weiterhin denkbar ist, daß meine Meinungen in einer oder der andern Absicht als die eines Anhängers des Naturheilverfahrens gedeutet werden könnten, verweise ich hier auf das, was ich früher über das Dogma der operationslosen Behandlung gesagt habe. Die Frage ist für mich nicht, ob das Messer gebraucht werden soll, daran können nur Menschen zweifeln, die für dieses Buch nicht in Betracht kommen, sondern wann und wie es gebraucht werden soll. Darüber aber darf und soll jeder Arzt sich eine Meinung bilden; denn diese Frage ist für ihn eine praktische Frage, die er von Fall zu Fall aus eigner Verantwortlichkeit heraus beantworten muß.

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