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Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld

Silvio Gesell: Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld - Kapitel 3
Quellenangabe
typetractate
authorSilvio Gesell
titleDie natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld
publisherStirn-Verlag Hans Timm
printrunSiebente Auflage
year1931
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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I. Teil. Die Güterverteilung und die sie beherrschenden wirtschaftlichen Umstände.

Einleitung.

»Wenn den Unternehmern das Geldkapital zur Hälfte des jetzigen Zinses angeboten würde, so müßte auch bald der Zinsertrag aller übrigen Kapitalien um die Hälfte heruntergehen. Wenn z. B. ein Haus mehr Miete abwirft, als dem Unternehmer das Baugeld an Zins kostet, wenn der Zins des für das Roden eines Waldes ausgegebenen Geldes weniger ausmacht als die Pacht eines gleich guten Kulturbodens, so wird der Wettbewerb unfehlbar eine Herabsetzung der Mieten und Pachten auf die Höhe des herabgesetzten Geldzinses herbeiführen (also den Mehrwert schmälern), denn das sicherste Mittel, um ein aktives Kapital (Haus, Acker) zu entwerten (also um den Mehrwert zu Gunsten der Löhne zu beschneiden), besteht doch darin, neben ihm andere, neue Kapitalien zu schaffen und in Betrieb zu setzen. Nach allen wirtschaftlichen Gesetzen vermehrt eine größere Erzeugung auch die Masse des den Arbeitern angebotenen Kapitals, hebt die Löhne und muß schließlich den Zins (Mehrwert) auf Null bringen.«

Übersetzt aus Proudhon: Was ist Eigentum? ( Qu'est-ce que la propriété? Paris, E. Flamarion, Neue Ausgabe, S. 235.)

 

Die Beseitigung des arbeitlosen Einkommens, des sogenannten Mehrwertes, auch Zins und Rente genannt, ist das unmittelbare wirtschaftliche Ziel aller sozialistischen Bestrebungen. Zur Erreichung dieses Zieles wird allgemein der Kommunismus, die Verstaatlichung der Gütererzeugung mit all ihren Folgen verlangt, und mir ist nur ein einziger Sozialist bekannt – P. J. Proudhon – dessen Untersuchungen über das Wesen des Kapitals ihm auch eine andere Lösung der Aufgabe möglich erscheinen ließen. Die Forderung einer allgemeinen Verstaatlichung sämtlicher Erzeugung wird mit der Natur, d. h. mit den Eigenschaften der Produktionsmittel begründet. Man sagt es harmlos, wie man Selbstverständlichkeiten auszusprechen pflegt, daß der Besitz der Produktionsmittel dem Kapitalisten bei den Lohnverhandlungen den Arbeitern gegenüber unter allen Umständen ein Übergewicht verschaffen muß, dessen Ausdruck eben der Mehrwert oder Kapitalzins ist und immer sein wird. Man kann es sich einfach nicht vorstellen, daß das heute auf seiten des Besitzes liegende Übergewicht einfach dadurch auf die Besitzlosen (Arbeiter) übergehen kann, daß man den Besitzenden neben jedes Haus, jede Fabrik noch ein Haus, noch eine Fabrik baut.

Der den Sozialisten von P. I. Proudhon bereits vor fünfzig Jahren gezeigte Weg, das Kapital mit unverdrossener, fleißiger, scharfsinniger und ungehemmter Arbeit bewußt anzugreifen und zur Strecke zu bringen, ist ihnen heute unverständlicher noch als damals.

Man hat Proudhon zwar nicht ganz vergessen, aber niemand hat ihn recht verstanden. Sonst gäbe es heute kein Kapital mehr. Weil Proudhon sich im Wege (Tauschbanken) irrte, glaubte man überhaupt seiner Lehre nicht mehr – wohl der beste Beweis, daß man sie nie wirklich begriffen hatte. Man läßt eine Sache nicht fahren, die man einmal als richtig erkannt hat; man läßt sich von Fehlschlägen nicht entmutigen.

Warum es der Marxschen Lehre vom Kapital gelang, die Proudhonsche Lehre zu verdrängen und die sozialistische Bewegung zur Alleinherrschaft zu bringen? Warum spricht man in allen Zeitungen der Welt von Marx und seiner Lehre? Einer meinte, das läge an der Hoffnungslosigkeit und entsprechenden Harmlosigkeit der Marxschen Lehre. Kein Kapitalist fürchte diese Lehre, wie auch kein Kapitalist die christliche Lehre fürchtet. Es wäre geradezu vorteilhaft für das Kapital, möglichst viel und breit von Marx und Christus zu reden. Marx würde ja dem Kapital niemals etwas anhaben können, weil er die Natur des Kapitals falsch beurteilt. Bei Proudhon dagegen, da heißt es aufpassen. Besser ist es, ihn totzuschweigen. Er ist ein gefährlicher Bursch, denn es ist einfach unbestreitbar, was er sagt, daß, wenn die Arbeiter ungestört, ungehemmt, ununterbrochen arbeiten dürften, das Kapital bald in einer Kapital-Überproduktion (nicht mit Warenüberproduktion zu verwechseln) ersticken würde. Das, was Proudhon zur Bekämpfung des Kapitals empfiehlt, kann heute unmittelbar in Angriff genommen werden, ist also gefährlich. Spricht doch das Marxsche Programm selber von der gewaltigen Produktionskraft des mit den neuzeitlichen Werkzeugen ausgerüsteten, modernen, geschulten Arbeiters. Marx kann mit dieser gewaltigen Produktionskraft durchaus nichts anfangen; in den Händen Proudhons wird sie zu einer Waffe allererster Ordnung gegen das Kapital. Darum: redet viel und breit von Marx, so wird man Proudhon vielleicht ganz vergessen.

Mir scheint, daß der Mann, der so redete, recht hat. Ging es nicht auch so mit Henry George und der deutschen sogenannten Bodenreformbewegung, mit Damaschkes großer »Wahrheit«? Weil die Grundbesitzer bald herausfanden, daß es sich um ein Schaf in Wolfskleidern Ernst Frankfurth: Das arbeitslose Einkommen. Verlag Junginger, Arosa. handelte, daß eine Besteuerung der Grundrente wirksam nicht durchzuführen ist, so brauchte man den Mann und die Reform nicht zu fürchten. Also durfte die Presse frei von Henry Georges Schwärmerei reden. – Die Bodenreformer waren in der guten Gesellschaft überall gern gesehen. Jeder Agrarier, jeder Kornzollspekulant wurde Bodenreformer. Der Löwe hatte ja doch keine Zähne, also durfte man mit ihm spielen – wie so viele in den Sälen der vornehmen Welt mit dem Christentum spielen. Georges Buch erlebte die größte Auflage, die ein Buch je erlebt hat. Alle Zeitungen brachten Besprechungen!

Marx' Untersuchung des Kapitals schlägt von Anfang an den verkehrten Weg ein. Wie es der erste beste Bauer macht, so betrachtet auch Marx das Kapital als ein Sachgut. Für Proudhon dagegen ist der Mehrwert nicht Produkt eines Sachgutes, sondern eines wirtschaftlichen Zustandes, eines Markt verhältnisses. Marx sieht im Mehrwert einen Raub, die Frucht des Mißbrauches einer Macht, die der Besitz gibt. Für Proudhon unterliegt der Mehrwert dem Gesetz von Angebot und Nachfrage. Für Marx ist der positive Mehrwert selbstverständlich, für Proudhon mußte auch die Möglichkeit eines negativen Mehrwertes in den Kreis der Betrachtung gezogen werden (positiv = der Mehrwert auf Seiten des Angebots, d. i. der Kapitalisten, negativ = Mehrwert auf Seiten der Nachfrage, d. i. der Arbeiter). Marx' Ausweg ist die durch Organisation zu schaffende politische Übermacht der Besitzlosen; Proudhons Ausweg ist die Beseitigung des Hindernisses, das uns von der vollen Entfaltung unserer Produktionskraft abhält. Für Marx sind Streik, Krisen willkommene Ereignisse, und das Mittel zum Zweck ist die schließliche gewaltsame Enteignung der Enteigner. Proudhon dagegen sagt: Laßt euch unter keiner Bedingung von der Arbeit abhalten, nichts stärkt das Kapital mehr als der Streik, die Krise, die Arbeitslosigkeit; nichts kann das Kapital schlechter vertragen als unverdrossene Arbeit. – Marx sagt: Der Streik, die Krise nähern euch dem Ziele, durch den großen Kladderadatsch werdet ihr ins Paradies eingeführt. Nein, sagt Proudhon, es ist nicht wahr, es ist Schwindel, – alle diese Mittel entfernen euch vom Ziel. Nie wird dem Zins dadurch auch nur 1% abgeluchst werden. Marx sieht im Privateigentum eine Kraft und Übermacht. Proudhon erkennt hingegen, daß diese Übermacht im Geld ihren Stützpunkt hat und daß unter anderen Verhältnissen die Kraft des Eigentums sich sogar in eine Schwäche verwandeln kann.

Ist, wie Marx sagt, das Kapital ein Sachgut, auf dessen Besitz die Übermacht der Kapitalisten beruht, so müßte mit jeder Vermehrung dieser Sachgüter das Kapital entsprechend gestärkt werden. Wiegt ein Bündel Stroh, eine Schubkarre voll Wertliteratur 2 Zentner, so wiegen zwei Bündel, zwei Schubkarren überall, zu allen Zeiten, genau 4 Zentner. Und wirft ein Haus 1000 Mark Mehrwert ab im Jahr, so müssen zehn Häuser, die daneben erbaut werden, immer und selbstverständlich 10 × 1000 Mark abwerfen – die Richtigkeit vorausgesetzt, daß das Kapital als Sachgut zu betrachten ist.

Wir wissen aber, daß man das Kapital nicht wie die Sachgüter zusammenzählen kann, daß im Gegenteil sehr oft das neu hinzukommende Kapital vom bereits bestehenden abgezogen werden muß. Das kann man alle Tage beobachten. Unter Umständen gelten 10 Zentner Fische auf dem Markt mehr als 1000 Zentner. Wie teuer würde die Luft sein, wenn sie nicht so massenhaft vertreten wäre. Jetzt erhält sie jeder umsonst.

Als, nicht lange vor Ausbruch des Krieges, die verzweifelten Hausbesitzer in den Vororten Berlins auf den Niedergang der Mieten – also des Mehrwertes – hinwiesen und in den bürgerlichen Zeitungen allen Ernstes von der

 

Bauwut Ausdrücke aus dem »General-Anzeiger von Groß-Lichterfelde«. der Arbeiter und Unternehmer,

von der

 

Baupest, Ausdrücke aus dem »General-Anzeiger von Groß-Lichterfelde«. die im Häuserkapital herrsche,

gesprochen wurde, da konnte jeder die wahre Natur des Kapitals in ihrer ganzen Erbärmlichkeit sehen. Das von den Marxisten so gefürchtete Kapital stirbt an der Baupest, reißt vor der Bauwut der Arbeiter aus! Wenn Proudhon und Marx damals gelebt hätten! Hört auf zu bauen, hätte Marx gesagt, klagt, bettelt, jammert über Arbeitslosigkeit, streikt obendrein, denn jedes Haus, das ihr baut, mehrt die Macht der Kapitalisten, wie 2 + 2 = 4 ist. Die Macht des Kapitals wird gemessen am Mehrwert, und dieser am Zinsfuß. Je höher der Mehrwert, der Zins des Hauses, um so mächtiger ist zweifellos das Kapital. Darum empfehle ich euch, laßt ab von dieser ungefesselten Bauwut, verlangt den acht-, den sechsstündigen Arbeitstag, denn je mehr ihr Häuser baut, desto größer ist selbstverständlich der Mehrwert, und Wohnungsmiete ist – Mehrwert! Also Schluß mit der Baupest; je weniger ihr baut, um so billigere Wohnungen werdet ihr vorfinden.

Vielleicht hätte Marx sich gehütet, solchen Unsinn auszusprechen, aber so denken und handeln die Arbeiter doch heute auf Grund der Marxschen Lehre, die das Kapital als Sachgut behandelt.

Dagegen Proudhon. Immer drauf los! Her mit der Bauwut, her mit der Baupest! hätte er gesagt. Arbeiter, Unternehmer, laßt euch unter keiner Bedingung die Maurerkelle aus der Hand winden. Schlagt sie tot, die euch von der Arbeit abhalten. Das sind eure Erbfeinde. Man bringe die vor meine Augen, die von Baupest, von Wohnungsüberproduktion reden, solange die Wohnungsmieten noch Spuren von Mehrwert, von Kapitalzins zeigen! Das Kapital soll an der Baupest zugrunde gehen! Seit etwa 5 Jahren hat man euch ohne Aufsicht eurer Bauwut überlasten, und schon spüren es die Kapitalisten, schon schreien sie über den Niedergang des Mehrwertes; schon ist der Hauszins von 4 auf 3% gefallen – also um ein volles Viertel. Noch 3×5 Jahre ungestörter Arbeit, und ihr werdet in mehrwertfreien Häusern euch breit machen, wirklich einmal » wohnen« können. Das Kapital stirbt, ihr seid dabei und auf dem Wege, es mit eurer Arbeit zu vernichten!

 

Die Wahrheit ist faul wie ein Krokodil im Schlamm des ewigen Nils. Die Zeit gilt für sie nicht; es kommt ihr auf ein Menschenalter nicht an; sie ist ja ewig.

Aber die Wahrheit hat einen Impresario, der, sterblich wie der Mensch, es immer eilig hat. Ihm ist Zeit Geld, immer ist er rührig und aufgeregt. Dieser Impresario heißt »Irrtum«.

Der Irrtum kann nicht faul im Grab die Ewigkeiten an sich vorbeiziehen lassen. Er stößt überall an und wird überall gestoßen. Allen liegt er überall im Wege. Niemand läßt ihn ruhen. Er ist der wahre Stein des Anstoßes.

Darum kommt es gar nicht darauf an, daß man Proudhon totschweigt. Sein Gegner selbst, Marx, sorgt mit seinen Irrtümern schon dafür, daß die Wahrheit zutage gefördert wird. Und in diesem Sinne kann man sagen: Marx ist zum Impresario Proudhons geworden. Proudhon hat sich noch nie im Grabe umgedreht; er ruht. Seine Worte haben ewigen Wert. Aber Marx hat es eilig. Er hat keine Ruhe, bis Proudhon erwacht und ihm die ewige Ruhe im Museum menschlicher Irrungen gibt.

Und wäre Proudhon wirklich totgeschwiegen worden, die Natur des Kapitals ändert sich doch nicht. Ein anderer findet die Wahrheit. Auf den Namen der Finder kommt es ihr nicht an.

Der Verfasser dieses Buches ist auf die gleichen Wege geraten, die Proudhon wandelte, und kam auch zu denselben Schlüssen. Vielleicht war es sogar ein Glück, daß er nichts von der Proudhonschen Kapitaltheorie wußte, denn so konnte er unbefangen an die Arbeit gehen. Und Unbefangenheit ist die beste Vorbereitung für die Forschung.

Der Verfasser hat mehr Glück als Proudhon gehabt. Er fand nicht nur das, was Proudhon bereits vor fünfzig Jahren entdeckte, d. i. die wahre Natur des Kapitals, er fand oder erfand darüber hinaus noch den gangbaren Weg zu dem Proudhonschen Ziele. Und auf diesen kommt es schließlich an.

Proudhon fragte: warum haben wir zu wenig Häuser, Maschinen und Schiffe? Er gab darauf auch die richtige Antwort: weil das Geld den Bau nicht gestattet! Oder um seine eigenen Worte zu gebrauchen: »weil das Geld eine Schildwache ist, die, an den Eingängen der Märkte aufgestellt, die Losung hat, niemand durchzulassen. Das Geld, so meint ihr, sei ein Schlüssel des Marktes (worunter hier der Austausch der Erzeugnisse zu verstehen ist) – es ist nicht wahr – das Geld ist ein Riegel«. Gustav Landauer († 1919): »Der Sozialist«.

Das Geld läßt es einfach nicht zu, daß neben jedes Haus noch ein zweites gebaut werde. Sobald das Kapital den herkömmlichen Zins nicht mehr abwirft, streikt das Geld und unterbricht die Arbeit. Das Geld wirkt also tatsächlich wie ein Schutzmittel gegen Baupest und Arbeitswut. Es nimmt das Kapital (Häuser, Fabriken, Schiffe) in seinen Schutz gegen jede Kapitalvermehrung.

Als Proudhon diese Riegel- oder Sperrnatur des Geldes erkannt hatte, stellte er die Forderung: Bekämpfen wir dies Vorrecht des Geldes, indem wir die Ware und Arbeit zu barem Gelde erheben! Denn zwei Vorrechte heben sich gegenseitig auf, wenn sie einander gegenübertreten. Hängen wir dasselbe Übergewicht des Geldes auch der Ware an, so heben sich beide Übergewichte gegenseitig auf!

Das war Proudhons Gedanke und Vorschlag, und um diesen auszuführen, gründete er die Tauschbanken. Sie schlugen bekanntlich fehl.

Und doch ist die Lösung der Aufgabe, die Proudhon nicht glücken wollte, einfach genug. Man braucht dazu nur einmal den gewohnten Standpunkt des Geldbesitzers zu verlassen und sich die Aufgabe vom Standpunkt der Arbeit und des Warenbesitzers anzusehen. Dann findet man die Lösung sofort. Die Ware ist die wahre Grundlage der Volkswirtschaft, nicht das Geld. Aus Waren und ihren Zusammensetzungen bestehen 99% unseres Reichtums, nur 1% besteht aus Geld. Betrachten und behandeln wir also die Ware, wie man Grundmauern betrachtet, d. h., rühren wir nicht daran; lassen wir die Waren so, wie sie auf dem Markte erscheinen. Wir können ja doch nichts daran ändern. Fault, bricht, vergeht die Ware, gut, so lassen wir sie vergehen. Es ist ja ihre Natur. Mögen wir Proudhons Tauschbanken noch so sehr verbessern, wir können es nicht verhindern, daß die Zeitung, die morgens um 6 Uhr von Schnelläufern ausgeschrieen wird, zwei Stunden danach schon zum Ausschußpapier geworfen werden muß, wenn sie keinen Käufer fand. Auch müssen wir beachten, daß das Geld allgemein als Sparmittel gebraucht wird; daß alles Geld, das als Tauschmittel dem Handel dient, in die Sparkassen mündet und dort liegen bleibt, bis es vom Zins herausgelockt wird. Wie wollen wir aber auch für die Sparer die Waren auf die Rangstufe des baren Geldes (Gold) erheben? Wie wollen wir es machen, daß die Sparer, statt Geld zu sparen, ihre Sparbüchsen oder Sparkammern mit Stroh, Büchern, Speck, Tran, Häuten, Guano, Dynamit, Porzellan usw. füllen? Und das ist es doch, was Proudhon eigentlich erstrebte, wenn er Waren und Geld auf gleiche Rangstufe setzen, sie vollkommen gleichwertig machen wollte. Proudhon hatte übersehen, daß das heutige Geld nicht nur Tauschmittel, sondern auch Sparmittel ist, und daß für die Vorratskammern der Sparer Geld und Kartoffeln, Geld und Kalk, Geld und Tuch niemals und in keinem Verhältnis als Dinge gleichen Wertes angesehen werden. Ein Jüngling, der für seine alten Tage spart, wird eine einzige Goldmünze dem Inhalte des größten Warenhauses vorziehen.

Also lassen wir die Waren in Ruhe. Sie sind das Gegebene, die Welt, der sich der Rest zu fügen hat. Sehen wir uns dafür einmal das Geld näher an. Hier können wir schon eher Änderungen vornehmen. Muß das Geld so sein, wie es ist? Muß das Geld als Ware besser sein als die Waren, denen es als Tauschmittel dienen soll? Muß bei einer Feuersbrunst im Warenhaus, bei einer Überschwemmung, bei einer Krise, einem Modenwechsel, einem Krieg usw. das Geld allein vor Schaden bewahrt bleiben? Warum muß das Geld besser sein als die Waren, denen es als Tauschmittel dienen soll? Und ist dieses »Bessersein« nicht eben das Vorrecht, dessen Bestehen wir als die Ursache des Mehrwertes erklären, dessen Beseitigung Proudhon erstrebte? Also weg mit den Vorrechten des Geldes! Das Geld soll als Ware für niemand, auch für den Sparer, Spekulanten und Kapitalisten nicht, besser sein als der Inhalt der Märkte, Läden, Eisenbahnschuppen. Das Geld soll also, wenn es den Waren gegenüber keine Vorrechte haben darf, wie die Waren verrosten, verschimmeln, verfaulen; es soll zerfressen werden, erkranken, davonlaufen, und wenn es verendet, soll der Besitzer noch den Lohn des Abdeckers bezahlen. Dann erst werden wir sagen können, Geld und Ware ständen auf gleicher Rangstufe und wären vollkommen gleichwertige Dinge – so wie es Proudhon haben wollte.

Geben wir dieser Forderung eine kaufmännische Formel. Wir sagen: die Besitzer der Waren erleiden durchweg während der Lagerzeit einen Verlust an Menge und Güte der Waren. Daneben sind die Lagerkosten (Miete, Versicherungen, Wartung und so weiter) zu zahlen. Wieviel macht das aufs Jahr berechnet und im Durchschnitt? Sagen wir einmal 5% – was eher zu niedrig als zu hoch gegriffen ist.

Wieviel hat aber ein Bankhaus, ein Kapitalist, ein Sparer von seinem Gelde abzuschreiben, das er zu Hause oder in der Sparkasse aufbewahrt? Um wieviel war der Kriegsschatz im Juliusturm zu Spandau in den 44 Jahren, die er dort lagerte, weniger geworden? Um keinen Pfennig war der Schatz kleiner geworden!

Ist das aber so, so haben wir auch schon die Antwort auf unsere Frage: wir hängen dem Geld den gleichen Verlust an, den die Waren auf Lager erleiden! Dann ist das Geld nicht mehr besser als die Ware, dann ist es für jeden einerlei, ob er Geld oder Waren besitzt oder spart, dann sind Geld und Ware vollkommen gleichwertig, dann ist Proudhons Rätsel gelöst, seine Seele aus dem Fegefeuer befreit; die Fesseln sind zerschnitten, die die Menschheit seit jeher an der Entfaltung ihrer Kräfte hinderten.

Die Ausgestaltung dieser Untersuchung zu einem sozialpolitischen Programm (die natürliche Wirtschaftsordnung) brachte es mit sich, daß ich die Lösung des in Rede stehenden Rätsels erst im 3.–5. Teil bringe und den Teil »Freiland« vorausschicke. Durch diese Anordnung wurde die Übersichtlichkeit gehoben, das Ziel, die natürliche Wirtschaftsordnung, besser enthüllt. Wem es aber darauf ankommt, vor allem zu erfahren, wie Proudhons Problem nun gelöst worden ist, der beginne mit Teil 3–5 und lese zum Schlusse Teil 1 und 2.

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