Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Adalbert Stifter >

Die Narrenburg

Adalbert Stifter: Die Narrenburg - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDie Narrenburg
senderwbergner@aol.com
Schließen

Navigation:

Und er nahm ihre Hand, drückte sie gegen sein pochendes Herz, gegen seine Lippen, gegen seine Augen – ihren Mund zu küssen, wagte er nicht. – Ihr Auge aber voll scheuer, unbewußter, heißer Zärtlichkeit blickte auf ihn, und sie sagte mit vor Rührung zitternder Stimme: »Da ich euch nun so schnell, und so sehr liebgewonnen, und es euch gesagt habe, da ich gar in der Nacht herausgekommen bin, weil ihr so sehr batet, so dürft ihr nun nicht falsch sein, ihr dürft es durchaus nicht.«

»Gegen die Natur, geliebtes Herz, kann man nicht falsch sein, man ist es nur gegen Wiederfalsches – man verläßt nur den, der uns verließ, noch ehe er uns fand, weil er in uns nur seine Freude suchte. Du liebst, wie die Sonne scheint; du siehst mich an, wie sich das gränzenlose Himmelblau der Luft ergießt; du kommst, wie der Bach zum Flusse hüpft, und wandelst, wie der Falter flattert: und gegen den schönen Falter, gegen den Bach, die Luft, und gegen das goldne Sonnenlicht bin ich nie falsch gewesen, und gegen dich vermöcht' ich's nicht zu sein um alle Reiche dieser Erde – siehe, Anna, es ist so: – – aber, Anna, sage, liebst du mich denn auch wirklich so, so unaussprechlich, so über alles Maß, wie ich dich liebe? – – so sag' es doch, Anna – – nicht?!«

Aber sie sagte nichts, nicht eine Silbe; das naturrohe Herz, das nie gelernt hatte, mit seinen Gefühlen zu spielen, und sie zu lenken, war bereits von ihrer Allmacht überwältigt, und sie konnte nichts thun, als das unsäglich gute Antlitz gegen ihn emporheben, und den Mund empfangen, der sich gegen ihren drückte – und so süß war dieser Kuß, daß sie mit der einen Hand den sich ungestüm empordrängenden Hund wegstemmte, während sie hinübergebeugt emporgehobenen Hauptes die Seligkeit von den Lippen des theuren Mannes saugte. Er hielt sie mit beiden Armen fest umschlungen, und fühlte ihren Busen an seinem klopfenden Herzen wallen.

»Heinrich,« flüsterte sie, »ich möchte dich doch du nennen.«

»So nenne, mein Herz, nenne.«

»Und eine Bitte habe ich – – .«

»So rede.«

»Die Bitte, daß du nie, nie mehr auf dieser Erde ein anderes Mädchen so liebst, wie mich – – und daß ich – – ..«

»Was, Engel, daß du ....?«

»Nicht wahr, Heinrich, du nimmst kein anderes Weib, ich müßte mich dann recht schämen.«

»Und ich, bei dem lebendigen Gotte, mich noch mehr. Anna, höre mich: jetzt lieben wir uns bloß, das ist leicht und süß, aber es muß mehr werden. Ich werde dich von hier fortführen; du mußt meine Gattin werden, ich dein Gatte – das ist schwer, aber unendlich süßer: immer an demselben Herzen, losgetrennt von Vater und Mutter und von der ganzen Welt, du mußt lieben, was ich liebe, du mußt theilen, was ich theile, du mußt sein, wo ich bin, ja außer mir muß dir nichts sein: ich aber werde dich ehren bis ins höchste Alter, werde dich schützen, wie den Schlag meines Herzens, werde dein Geliebtes lieben, werde außer dir nichts haben – – und wenn Eines stirbt, muß das Andere Trauer hegen bis zum Grabe. Anna, willst du das?«

»Ja, sagt einmal, kann es denn anders sein?«

»Freilich, wo es recht ist, kann es ja nicht anders sein; das andere ist eben keine Ehe.«

»Und wohin werdet ihr mich denn führen? – – aber ach Gott? wie wird es denn sein können? Der Vater wird in Ewigkeit nicht einwilligen und die Mutter auch nicht. – – Ihr seid so gut, ganz lieb und gut – aber ihr thut ja nicht, wie alle andern Männer, die ein Weib nehmen. Sie haben Haus und Hof, oder sind, wie Thrinens Stadtschreiber: aber ihr geht in den Bergen herum, schlagt Steine herab, bringt Blumen ins Haus. – – – «

»Siehe, das ist so: Wie du in deinen Büchern liesest, so bin ich bestimmt, im Buche Gottes zu lesen und die Steine, und die Blumen, und die Lüfte und die Sterne sind seine Buchstaben – wenn du einmal mein Weib bist, wirst du es begreifen, und ich werde es dich lehren.«

»O, ich begreif' es schon, und begriff es immer; das muß wunderbar sein!«

»O, du unbewußtes Juwel! freilich ist es wunderbar!! unausstaunlich wunderbar!! O, ich werde dir noch Vieles, Vieles davon erzählen, wann wir erst unveränderlich beisammen sind – da wirst du staunen über die Pracht und Schönheit der Dinge, die da auf der ganzen Erde sind. – Jetzt aber, Anna, werde ich dir etwas Anderes sagen, merke auf und behalte es in deinem klugen Haupte. Es ist das, weßhalb ich dich in den Garten bat, und was deinen Vater und deine Mutter betrifft. Da ich vorgestern Nachmittags wohl drei Meilen von hier im Schatten schöner Ahornen saß, und nachdachte, wie nun Alles werden solle: da fiel mir ein, daß ich nun hinausgehen, und mir Stand und Amt erwerben müsse – ich habe Freunde, die mir helfen werden – dann werde ich kommen, und deinem Vater das rechte Wort sagen, daß er es über sich vermöge, dich mit mir zu lassen. Es ist wohl, aber weit von hier, ein Gärtchen und ein Haus, und kleine Felder – das ist Alles mein; es nähret mich und die Meinen, die zu Hause sind, die liebe Mutter, und eine Schwester, die fast so gut ist, wie du selber: aber das Alles würde in den Augen deines Vaters zu geringe sein – darum, Anna, bat ich dich, daß du in den Garten kommest, damit ich dir sage, daß ich nun fortgehe, aber wieder komme, dich zu holen, – daß du an mich glaubest und freundlich auf mich wartest – – und daß ich dich noch einmal vorher frage, ob du mich denn auch so sehr, wie ich dich, liebst, und in alle Ewigkeit lieben willst – das Alles wollte ich thun – – aber siehe, da geschah indessen etwas – – nein es ist zu fabelhaft; ich getraue mir es selber nicht zu glauben – – erschrecke nicht, es ist nichts Böses – ich kann es keinem Menschen anvertrauen, doch dir will ich es sagen – du liebe Unschuld – aber du darfst es nicht verrathen – –.«

»Nein, sagt es lieber nicht, ich verriethe es vielleicht doch, und ich glaube ja ohnedieß an euch – und sagt es nur einst dem Vater, daß es gewiß wird, daß ich euer Weib werde – es ist ohnedieß schon hart genug, daß ich es verschweigen muß, daß ich euch so gut bin. – – Denkt nur, neulich hab' ich es sogar dem Philax ins Ohr gesagt: ich lieb' ihn von Herzen, von Herzen, von Herzen – – aber der Thrine darf ich es doch morgen sagen?«

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.