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Die Narrenburg

Adalbert Stifter: Die Narrenburg - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDie Narrenburg
senderwbergner@aol.com
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»Ich fürchte mich auch nicht vor euch. Das weiß ich ja, daß ihr gut seid, aber schon, daß ich gekommen bin, ist schlecht, und macht mich fürchten.«

»Es ist nicht schlecht, weil es so selig ist, es ist nur anders gut, als dein Vater und deine Mutter meinen.«

»Gut ist es wohl nicht, allein ich kam, weil ihr so sehr darum batet, und weil ihr so seid, daß ihr Jemanden brauchet, der euch gut ist.«

»Und also darum bist du mir gut? – – bist du, Anna?«

»Ich bin es freilich, obwohl es mir zu Zeiten recht Angst macht, daß es so heimlich ist – – und sagt nur, warum muß ich denn jetzt in später Nacht bei euch in dem Garten sein?«

»Frage nicht, Anna; siehe, daß du frägst, könnte mich fast schon kränken. Ich habe dir sehr Wichtiges zu sagen; aber ich bin aufrichtig, und bekenne es – nicht was ich sagen werde, scheint mir die Seligkeit, sondern eben daß du da bist; – es ist so lieb, daß ich dich bei der Hand fasse, und fühle, wie du sie mir nicht gerne lässest, und sie mir doch gerne lässest, daß ich dein Kleid streife, daß du neben mir niedersitzest – – siehe, schon daß ich deinen Athem empfinde, dünkt mir lieblich – ist es dir denn nicht auch so? – – ist es nicht so?«

Sie antwortete nicht, aber die Hand, die er ergriffen hatte, ließ sie ihm; zu dem Sitze ließ sie sich niederziehen – und wie das Luftsilber des Mondes durch das Zweiggitter auf ihre beiden Angesichter hereinsank, so sagte ihm ihr Auge, das nachgebend und zärtlich gegen seines blickte, daß es so ist.

Er zog sie gegen den Sitz nieder, und sie folgte wiederstrebend, weil fast kein Raum war; denn Anna hatte ihn einst so klein machen lassen, da sie noch nicht wußte, wie selig es zu Zweien ist. Jetzt aber wußte sie es, und bebend, mehr schwankend als sitzend stützte sie sich auf das zu kleine Bänkchen – auch der Mann war beklommen; denn in Beiden wallte und zitterte das Gefühl, wodurch der Schöpfer seine Menschheit hält – das seltsam unergründliche Gefühl, im Anfange so zaghaft, daß es sich in jede Falte der Seele verkriechen will, und dann so riesenhaft, daß es Vater und Mutter und Alles besiegt und verläßt, um dem Gatten anzuhangen – es ist ein Gefühl, das Gott nur an dem Menschen, an seinem vernünftigen Freunde, so schön gemacht hat, weil er seiner zermalmenden Urgewalt ein zartes Gegengewicht angehängt – ein zartes aber unzerreißbares – die Scham. Darum, was das Thier erst recht thierisch macht, das hebt den Menschen zum Engel des Himmels und der Sitte, und die rechten Liebenden sind heilig im menschenvollen Saale, und in der Laube, wo bloß die Nachtluft um sie zittert – ja gerade da sind sie es noch mehr, und bei ihnen fällt kein Blättchen zu frühe oder unreif aus der großen Glücksblume, die der Schöpfer ihnen zugemessen hatte; es fällt nicht, eben weil es nicht fallen kann. Und so saßen die Zwei, und hatten noch nicht die Macht gewonnen die Rede zu beginnen. Er sann auf einen Anfang, und konnte ihn nicht finden; sie fühlte es ihm an, und dennoch konnte auch sie das Wort nicht vorbringen, das ihm das seine erleichtert hätte. Ihr dritter Gesellschafter blickte zu ihnen auf, als begriffe er Alles, und es war fast lächerlich, wie er, obwohl er Beide liebte, doch auf Beide eifersüchtig war und sich stets bemühte, sein ungeschlachtes Haupt zwischen sie zu drängen.

Anna in der Güte ihres Herzens sah freundlich auf ihn nieder, ja sie legte ihre Hand auf seine Stirne, weil er sie dauerte, daß sie ihm nun – ja nicht nur ihm, sondern auch dem Vater und der Mutter fast alle Liebe entzog, und einem fremden Manne zuwende. –

Dieser fremde Mann aber sagte mit gedämpfter Stimme: »Damit du weißt, Anna, warum ich dir das Briefchen zustellte, und dich gar so dringend bat, heute in die Laube zu kommen, so wisse, es hat sich etwas sehr Wichtiges zugetragen, was auf mein und auf dein Schicksal großen Einfluß haben kann; aber vorher muß ich etwas Anderes wissen, und ich frage dich darum, ob es denn wirklich, ob es denn möglich ist, daß du mich so sehr lieben kannst, wie ich dich? – – du schweigst? – Anna, so sage doch – «

»Wäre ich denn sonst gekommen?«

»Du liebe Blüthe – wie bin ich in der Welt schon so viele Tage unnütz herumgegangen, und da kam ich in dieses Thal, um Steine und Pflanzen zu suchen, und fand dich, die liebliche, die seltene Blume der Erde.«

»Redet nicht so,« antwortete Anna, »denn es ist nicht so – jetzt sagt euch bloß eure Empfindung dieses vor, aber in der That ist es doch anders. Draußen in den Städten werden viele herrliche Jungfrauen sein, gegen die ich nur arm bin, wie ein Grashalm, den ihr in unserm Thale pflücktet, um euch etwa einige Stunden daran zu erfreuen, wie an den andern, die ihr sammelt.«

»Du ahnest nicht,« entgegnete er eifrig – »du Alpenblume, – o wenn du nur wüßtest, wie hoch du über ihnen stehst, – aber wenn du es wüßtest, so ständest du ja schon nicht mehr so hoch – – aber lasse dieses, – nur das Eine wisse: daß ich dich mehr liebe, als Alles in dieser Welt, und daß ich dich in alle Ewigkeit lieben werde; – doch das Alles ist natürlich, und kein Wunder. Du wirst es selbst begreifen, wenn du die Welt einst wirst kennen lernen, aber Eines ist ein Wunder, und erkläre es mir du, wie kam es denn, daß du mir gut wurdest, mir, den sie hier Alle mißachten, und an dem auch wirklich nichts ist, als ein unauslöschlich gutes Herz?«

»Wie ich euch gut wurde? – – – «

»Höre, Anna, nenne mich auch du

»Nein, laßt mir das, ich kann nicht du sagen, es ist mir, als schicke es sich nicht; und ich könnte dann nicht so frei und freundlich reden.«

»Nun so rede frei und freundlich.«

»Wie ich euch gut wurde? – Seht! ich weiß nicht, wie es kam; als ich es merkte, war es eben da. Ich will euch etwas von meiner Kindheit erzählen, vielleicht, daß ihr es dann herausfindet. Mein Vater sagte immer, ich sei ein sehr schönes Kind gewesen, und da ich sein einziges bin, so that er mir immer viel Liebes und Gutes, und ich und Schmieds Katharina bekamen schönere Kleider, als die Nachbarskinder und die der ganzen Fichtau; deßhalb wurden sie uns gram, und wir mußten immer allein gehen, und dieß thaten wir auch gerne, und da saßen wir oben auf der grünen Haide jenseits des Baches, über den der Vater den gedeckten Steg bauen ließ, daß wir nicht hineinfielen – da saßen wir, und machten Grübchen in die Erde, oder pflückten Gras und Blumen, redeten mit den Käfern oder horchten den Erzählungen der alten Plumi....«

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