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Die Narrenburg

Adalbert Stifter: Die Narrenburg - Kapitel 29
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDie Narrenburg
senderwbergner@aol.com
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»Nicht wahr, Jodok,« fuhr sie fort, »du lässest mich noch ein wenig diese Luft athmen – das Athmen ist so gut; mir däucht es ängstlich, nicht mehr zu athmen.«

»Athme, athme,« rief ich, »athme bis an das Ende aller Tage.«

Und in Hast griff ich das Fläschchen von dem Tische, und eilte zur Thüre hinaus in die Glashäuser ihres indischen Gartens. Sie waren größtentheils offen, und eine heißere Luft, als sonst immer in ihnen war, strömte heute von außen herein. Die Pflanzen ihres Vaterlandes standen in schwarzen Klumpen, und sahen mich vorwurfsvoll an. Ich gewann das Freie. Im Sixtushause standen alle Fenster schwarz und stumm; auf dem Berge war Todesschweigen, nur unten schien es, als würden Thore zugeschlagen, und als tönte es von davonjagenden Hufen – – ich betete inbrünstig, daß er möchte geflohen sein; denn mein Herz knirschte gegen ihn. Ich stieg aus dem Thale des Parthenon empor, und ein zerrissener Himmel starrte um mich. Es waren schwarze Fahnen droben, aus denen feurige Zungen griffen. Ich eilte gegen den Thurm des Prokopus. Dort stand ich einen Augenblick, daß die heiße Sommerluft in meinem Mantel stockte, den ich abzulegen vergessen. Dann aber stieg ich noch höher, und hastig fort, bis die äußerste Zinne erreicht war. Dort hob ich meinen Arm, als müßte ich Lasten brechen, und schleuderte das Fläschchen in den Abgrund – – es ist dort unsäglich tief, wo die Bergzunge gegen die Fichtau ausläuft – und wie ich nachhorchte, kam ein zarter Klang herauf, da es an den hervorragenden Steinen zerbrach – – und nun erst war mir leichter. Ich blieb noch auf dem Gipfel stehen und athmete aus dem Meere von Luft, das um mich stand und finster war. In diesem Augenblicke schien es auch, als höbe sich ein Lüftchen, und rausche freundlich in den Sträuchen. Und es war auch so. Der harte Himmel lösete sich, und floß in weiche Schleier ineinander und einzelne Tropfen schlugen gegen die Baumblätter.

Ich lief nun wieder hinab, ging in ihr Zimmer, trat zu dem Bette – sie lag noch immer darinnen, und richtete die trockenen, brennenden Augen harrend gegen mich – ich aber nahm sie in die Arme, küßte sie auf den heißen Mund, und sagte: »Schlafe nun ruhig und schlafe süß; ich krümme dir kein Haar; ich werde dich auch lieben fort und fort, wie mein Weib, wie mein eignes einzig Kind – ich will dich noch zarter pflegen, als sonst, daß du diese Nacht vergessen mögest. Gute Nacht, liebe Chelion, gute Nacht.«

Sie hatte dieß Alles geduldet, aber nicht erwiedert. Ich mochte sie nicht weiter quälen, sondern ging zum Zimmer hinaus, und hörte noch, wie mir ein leises, auflösendes Schluchzen nachfloß.

Des andern Tages kam ein kühler, heiterer Morgen. Ich erfuhr, daß Graf Sixtus in der Nacht abgereiset war. – Ruprecht, sein junger Freund, sein Jagd- und Abenteuergenosse, hatte ihn befördert; ich wußte es wohl, denn sie hatten sich immer sehr geliebt – aber ich sagte nichts, obgleich mich Ruprecht mit der Angst des bösen Gewissens anblickte – mir war es wohl, daß er fort war, mir war es sehr wohl, daß er geflohen.

Als ich zu Chelion kam, kauerte sie eben auf dem Boden, und drückte eine Taube an ihr Herz. Ich that mir noch einmal den Schwur, ihr die Qual dieser Nacht durch lebenslange Liebe vergessen zu machen, wenn ja das Schreckniß auszutilgen ist aus dem weißen unbeschmutzten Blatte ihres Herzens. – –

Aber es war nicht mehr auszutilgen.

Sie hatte mich einmal mit dem Mörderauge an dem Bette stehen gesehen, und dieß war nicht mehr aus ihrer Seele zu nehmen. Einst war ich ihr die sichtbare Gottheit auf Erden gewesen, nun zitterte sie vor mir. – Wie kann es auch anders sein? Wer einmal den Arm erhob zum Todtschlage eines seiner Mitgeschöpfe, wenn er ihn auch wieder zurückzog, dem kann man nicht mehr trauen; er steht jenseits des Gesetzes, dem wir Unverletzlichkeit zutrauen, und er kann das frevle Spiel jeden Augenblick wiederholen.

Ich habe jahrelang das Uebermenschliche versucht, daß Alles wieder sei, wie früher, allein es war vergebens: das Einfältige ist am leichtesten zerstört, und bleibt aber am festesten zerstört. Sie war hinfüro bloß die Demuth mehr, die Ergebung und Aufopferung bis zum Herzblute, aber nur das Eine nicht mehr, was statt Allem gewesen wäre, nicht die Zuversicht. Sie klagte nie; aber sie hing in meinen Armen, wie die Taube in denen des Geiers, gefaßt auf Alles – – die kalte Sonne des Nordens schien auf sie, wie mein Auge, beides kein Leben mehr spendend. Nie mehr seit jener Nacht ist die Röthe der Gesundheit wieder in ihr Angesicht gekommen – und so starb sie auch an einem Nachmittage; die brechenden Augen noch auf mich gerichtet, wie das arme Thier den Mörder anschaut, der ihm die Kugel in das furchtsame Herz gejagt hatte.

Ich wurde vor Schmerz wahnsinnig, wie sie als kalte Leiche lag, und wie sie begraben war. Ich wußte nicht, sollte ich Bertha morden, die Beschützerin, oder Ruprecht, ihren Mann, oder soll ich Sixtus suchen, und ihm Faser für Faser aus dem Leibe reißen – – aber ich that endlich Alles nicht, weil ich die Macht gewann, nicht den Frevel durch einen neuen sühnen zu wollen. Er, da er ihren Tod vernommen, hatte sich mit einer Kugel das Gehirn zerschmettert – in das Haus der andern kam Wuth und Unfriede; Ruprecht warf seinem Weibe den Tod des Sixtus vor; sie war düster gegen ihren Mann, und starb auch bald an innerem Siechthum. Ich aber schloß das Parthenon mit Schlössern zu, bis auf ein Gemach, in dem ich wohnte – die Diener dankte ich ab – die Pflanzen ließ ich verkommen – die Thiere nährte ich, bis sie eines nach dem andern starben, und dann begrub ich sie jedes einzeln. – Was von Chelion übrig war, jedes Stückchen Kleid, ihr Spielzeug, den Fußboden und den Teppich, auf dem sie wandelte, das Tischchen, an dem sie saß, das Bett, in welchem sie in jener Nacht gelegen – – Alles hütete ich, daß es blieb, wie es an dem Tage ihres Todes war. Auf Erden hatte ich keinen Menschen mehr; – mein Sohn Christoph, das Ebenbild Chelions – hatte er nun erkannt, oder geahnt, was ich seiner Mutter gethan – war fort, und nicht wieder gekommen – – und als ich alt geworden war, erbarmte es mich der Ueberreste in dem Parthenon; ich nahm viel Geld, das ich zusammengespart, hinterlegte es als Ersatz für meine Erben, und zündete das Parthenon an, daß Alles und Alles durch das Feuer verzehret würde, was übrig wäre von ihr und mir. – Es war eine schöne, schmerzensvolle Lohe! – Ich hatte nie den Berg verlassen, habe keine Thaten mehr verrichtet, keine guten und keine bösen. Jetzt wohne ich in dem steinernen Häuschen, das ich am Fuße des Berges erbaut, nicht weil ich ein Einsiedler bin und in Schmerzen lebe – nein, weil es lieblich ist, daß ein Mensch nicht mehr brauche, als was einem Noth thut. – In den Büschen neben mir sind die Vögel, die es auch so halten, und weiterhin die Strohdächer, die es so halten müssen, es aber thöricht für ein Unglück wähnen – der Berg steht hinter mir mit seinen Denkmalen und widersinnigen Vorkehrungen, daß die Besitzer sich zerstören müssen – – in meinem Testamente, Artikel 13, steht geschrieben: »Ein blauseiden Vorhang über Chelions Bild, der sich selber rolle; dann ein weiß einfach Würfel aus Marmel über unser gemeinschaftlich Grab im indischen Garten, mit nichts, als den zwei Namen« – – befolget mir nur genau den Artikel, damit es ja so geschieht. Ich habe jetzt schon einen Stoß Papiere wie ein Tisch hoch gesammelt, und werde die Geschichte beginnen von den Verkehrtheiten des menschlichen Geschlechtes, und die von den Großthaten desselben – es ist aber seltsam: oft weiß ich nicht, ob eins in diese Geschichte gehöre, oder in jene – – ich muß wohl noch älter werden – – ach, ich sehne mich nach meinem Sohne .....«

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