Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Adalbert Stifter >

Die Narrenburg

Adalbert Stifter: Die Narrenburg - Kapitel 28
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDie Narrenburg
senderwbergner@aol.com
Schließen

Navigation:

Um den innerlichen Frost zu vertreiben, ging ich einige Male in der Stube auf und ab.

Dann trat ich zu der stummen, mit Tuch überzogenen Thür meiner Seitenwand, öffnete sie, und ging in den Gang, der zu Chelions Zimmern führte. Aus dem letzten Gemache, worin sie schlief, floß mir ein sanftes Lampenlicht entgegen – alle Thüren standen offen, und durch die hohen Glaswände, die den Gang von dem indischen Garten trennten, schimmerten zeitweise die lautlosen Blitze des Himmels.

Schläft sie?

Ich ging weiter – durch alle Zimmer ging ich, bis in das letzte. Ich trat näher – ein schwaches Rauschen schreckte mich – es war aber nur einer ihrer Goldfasane, der sich entweder bei ihr verspätet hatte und entschlummerte, oder der bei der ein wenig offenen Gartenthüre hereingekommen war. – Warum blieb sie offen? warum gerade heute? – Fast ein Mitleid wollte mich beschleichen: Also so unerfahren seid ihr Beide im Verbrechen, daß euch nicht beikam, selbst die geringste Spur desselben zu vertilgen?! Der Fasan scheute mich, und schlüpfte sachte bei der Spalte hinaus. – – Und da er fort war, wünschte ich ihn wieder zurück, das schöne, heimliche, goldglänzende Thier; denn ich fürchtete mich allein im Zimmer, weil so viele Schatten waren. Ich drehte ein wenig den Schirm, daß das Licht gegen das Bett fiel – sie schlief wirklich; – mit sanftem Schimmer lag das Lampenlicht auf ihrer Gestalt – wie ein furchtsam Kind in die Kissen gedrückt, schlief sie. Ihre Hand, wie ein Blatt der Lotosblume, lag auf der reinen Decke ihres Lagers. Der Mund war leicht geschlossen – ich sah lange die rosenfarbenen Lippen an, und dachte sie mir bereits feucht – – – also darum hast du das unwissende Geschöpf nach Europa gebracht, darum mußtest du so nach Hause eilen, daß du selber – – – ich erschrack bei dem Gedanken, als hätte ihn ein Fremder gesagt; in der That sah ich auch um, aber es war nichts da, als die gezogenen Schatten, und wie ich wieder gegen sie sah, so flirrte ihr weißes, scharf beleuchtetes Bettzeug, worin sie lag – – – nein, dachte ich, du schönes, du armes, du theures, theures Weib! – Ich stand vor ihr, und ein Tröpflein Mitleid träufelte sich so milde in mein Herz – und dann wieder eines, und auch der süße Zweifel, ob sie schuldig sei. Ihren Athem konnte ich nicht hören, aber ich sah ihn gehen – und lange sah ich hin, wie er ging. Da knisterte es wiederholt ganz leise hinter mir, wie wenn Brosamen fielen – ich blickte um – der Fasan war es, der durch die Stille im Zimmer getäuscht wieder herein gekommen war, und nickenden Hauptes vorwärts schritt. Ich trat nun näher an das Bett und berührte sanft ihre Hand – sie regte sich, öffnete die Augenlieder, und sah mich mit den schönen heimatlosen Augen an, aber es war kein Bewußtsein darinnen, und sie ließ die Wimpern gleich wieder schlaftrunken darüber sinken.

»Chelion,« sagte ich sanft.

Der Ton ist dem Herzen näher, als das Bild – sie fuhr empor: »Jodok, bist du's?«

»Ich bin's, Chelion,« sagte ich; sie aber wandte sich ab und vergrub ihr Haupt in die Kissen.

»Mein Weib, mein Kind,« sagte ich noch einmal sanft; sie aber kehrte sich gegen mich, sah mich verzagt an, und sagte: »Jodok, du willst mich tödten.«

»Ich dich tödten, Chelion?«

»Ja, du bist so furchtbar.«

»Nein, nein, ich will nicht furchtbar sein,« rief ich – »siehe, sage mir nur du, Chelion, daß du unschuldig bist – ich will dir glauben und wieder glücklich sein; denn du hast ja nie gelogen, – – du schweigst? – – Chelion, so sag' es doch.«

»Nein, Jodok, ich bin nicht unschuldig,« sagte sie furchtsam, »wie du es meinst, bin ich nicht unschuldig – – aber ich liebe doch nur dich, nur dich allein – – – ach, ihr Götter in den Wolken meines Landes, ich liebe ja nur ihn allein!«

Und sie brach in ein Schluchzen aus, als wollte sie ihre ganze Seele herausweinen. Dann aber, als sich dieses milderte, sagte sie: »Siehe, er ist spät Abends herein gekommen, ich weiß nicht wie – er war nie hier, aber ich hielt es nicht für Sünde, und da sagte er, er wolle Abschied nehmen, er werde mich nun nie mehr sehen, und dich auch nicht mehr – und er liebe uns Beide doch so unaussprechlich – – und sein Angesicht war so unglücklich, daß es mich im Herzen dauerte, und ich ihn recht heiß liebte; denn er ist ja dein armer vertriebener Bruder. – Ich streichelte ihm die Locken aus der Stirne – er weinte, wie ein Kind, wollte aufstehen – denn er war bisher auf dem Teppiche gekniet – er wollte gehen – – er weinte nicht mehr, aber seine Lippen zitterten noch vor Schmerz – er kam mir vor Augen, als wäre er noch ein Knabe, der keine Mutter habe – ich hielt noch einmal meine Hand auf seine Locken, wie er sich gegen mich neigte, und seinen Mund reichte, küßte ich ihn – er hielt meine Hand – und wir küßten uns wieder. – – Ach, Jodok, dann küßte ich ihn – nicht mehr, wie deinen Bruder – es wehte so heiß im Zimmer, das Fühlen seines Mundes war süß, das Drücken seines Armes süß, wie deines – – mir war, als seiest du's – – ach, deine arme, arme Chelion! – Und dann war er fort. Die Lampe brannte im Zimmer, draußen blitzte es, und mein Fasan saß auf dem Teppiche und blickte mich mit den schwarzen Aeuglein an – – und wie ich schlief, träumte ich, du ständest vor mir, und es sei schwere Sünde, was ich gethan – – und es ist auch Sünde; denn siehe, dein Auge, dein gutes Auge ist so krank, es ist so krank. – Du wirst mich tödten, Jodock; ich bitte dich aber, tödte mich sanft, daß ich nicht leide, und dir etwa zürne.«

Da fiel mir ein, es ist ja süßer, seliger Tod, und ein furchtbarer Schauer lief durch meine Nerven, aber ich sagte gebrochenen Herzens zu ihr: »Chelion, stehe auf, und folge mir nur hinweg aus diesem schwülen Zimmer – ich thue dir kein Leid.«

»Nein, du mußt mir eins thun,« antwortete sie, »ich werde nicht aus diesem Bette gehen, sondern auf den weißen Kissen liegen bleiben, bis das rothe Blut darüber wegfließt, und sie purpurroth färbt; dann werden sie roth sein, und ich weiß – aber ich werde dann ruhig sein, nicht gequält, nicht fehlend, sondern ich werde sein, wie einer der weißen marmornen Engel in deiner Kirche.«

Dabei suchte ihr Auge furchtsam im Zimmer, wie nach einem Schwerte; das Fläschchen, das ich auf den Tisch gestellt, beachtete sie nicht.

 << Kapitel 27  Kapitel 29 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.