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Die Narrenburg

Adalbert Stifter: Die Narrenburg - Kapitel 27
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDie Narrenburg
senderwbergner@aol.com
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So lebte sie nun fort. Sie aß kein Fleisch; an mir duldete sie bloß, daß ich es thue, und mich mit dem Blute der armen Thiere beflecke. Aber höher hätte sie mich gewiß geachtet, wenn ich es ebenfalls vermocht hätte, nur ihre Pflanzengerichte, ihre Früchte und ihr Obst zu genießen. Oft in jenen Tagen, die in den ersten Jahren so gleichförmig dahin floßen – oft, wenn ihr Mund an meinem hing, wenn ihre weichen kleinen Arme mich umschlangen, und wenn ich in ihr großes fremdes Auge blickte, und darinnen ein langsam Schmachten sah – sie wußte selbst nicht, an welcher tiefen, schweren Krankheit sie leide – oft sagte mir eine Stimme ganz deutlich in das Ohr: »Gehe wieder mit ihr nach Indien, sie stirbt vor Heimweh;« – aber mein hartes Herz war in seinem Europa befangen, und ahnete nicht, daß es anders sein sollte, daß ich der Stärkere hätte opfern sollen und können, was sie die Schwächere wirklich opferte, aber nicht konnte. Ich hörte die Stimme nicht, bis es zu spät war, und eine That geschah, die Alles, Alles endete. – – Siehst du, damals rollte auch der Wagen des Geschickes, nur daß er über zarte Glieder ging, und sie zerquetschte.

Ich hatte einen Bruder, Sixtus mit Namen – einen schöneren Jüngling kann man sich kaum denken – und dabei war er gut und herrlich, und ich liebte ihn, wie ein Theil meines eigenen Herzens. Dieser Bruder kam von seinen weiten Reisen zurück, und wollte einige Monate bei uns wohnen. Das sah ich gleich, daß er vor der Schönheit meines Weibes erschrak, und zurückfuhr, und daß in sein armes Herz das Fieber der Leidenschaft gleichsam wie geflogen kam; aber ich kannte ihn als gut, und mißtraute nicht, ja er dauerte mich, und ich sagte ihr, daß sie ihm gut sein möge, wie man einen Bruder liebt. – Ich kam seinem Herzen zu Hülfe, ich war noch freundlicher, noch liebreicher, als je, daß es ihn erschüttere, und er sich leichter besiege. Ich mißtraute nicht – und dennoch schwirrte es oft mit dunkeln Fittigen um mein Haupt, als laure irgendwo ein Ungeheuer, welches zum Entsetzen hereinbrechen würde. Ich wußte bisher nicht, ob sie damals von dem eine Ahnung hatte, was wir Treubruch in der Ehe nennen; denn ich war nicht darauf verfallen, ihr dieß zu erklären: jetzt erzählte ich ihr davon, sie aber sah mich mit nichtssagenden Augen an, als verstände sie das Ding nicht, oder hielte es eben für unmöglich.

Noch war nichts geschehen.

Er schwärmte wild in den Bergen herum, oder saß halbe Nächte an der Aeolsharfe des Prokopus. Seine Abreise näherte sich immer mehr. Ich aber war gedrückt, wie ein Tropenwald, auf dem schon die Wucht unsichtbarer Gewittermaterie liegt, wenn die Regenzeit kommen soll und die Sonne doch noch in dem heitern, aber dicken Blau des Himmels steht.

So war es, als ich einmal in der Nacht von einer Reise zurück, die ich in einem Streite wegen schnöden Mammons thun mußte, gegen den Rothenstein angeritten kam. Es war eine heiße Julinacht; um den ganzen Berg hing ein düsteres, elektrisches Geheimniß, und seine Zinnen trennten sich an manchen Stellen gar nicht von den schwarzen Wolken. Die weißen tröstlichen Säulen des Parthenon konnte ich gar nicht sehen, aber um den dunklen Hügelkamm, der sie mir deckte, ging zuweilen ein sanftes blauliches Leuchten der Gewitter. Mir war, wenn ich nur einmal dort wäre, dann wäre Alles gut, – aber je mehr ich ritt, desto mehr war es, als würde der ganze Berg von den Wolken eingetrunken, und ich konnte ihn nicht erreichen, ach, ich konnte ihn nicht erreichen! Auch mein Rappe, schien es, theile meine Angst; denn er war nicht, wie gewöhnlich, wenn er die Heimat witterte, freudig und ungestüm, sondern er stöhnte leise, und sein Nacken war feucht. Einmal war mir's, als höre ich auch meinen Diener nicht mehr hinter mir reiten, aber wie ich anhielt, und umblickte, so stand doch seine dunkle Gestalt dicht hinter mir.

Nicht Eifersucht war es, die mich trieb – nein, nicht Eifersucht – – aber es war mir immer, Chelion würde in dieser Nacht ermordet, wenn ich nicht zeitig genug käme.

Endlich, da wieder ein stummer Blitz durch den Himmel zog, stand ganz deutlich der Prokopusthurm darinnen, und mein Weg führte mich auch schon bergan. Die Fichtenallee nahm mich auf, und stand regungslos, wie eine schwarze Doppelmauer. Ruprecht, der junge Sohn meines unlängst verstorbenen Castellans, öffnete das Thor der Ringmauer, ohne daß ich ein Zeichen zu geben brauchte; es war, als hätte er schon meiner geharrt.

»Nichts Neues?« fragte ich ihn.

»Nichts,« sagte er.

Ich ritt den weiteren Berg hinan. Kein einziger Gegenstand desselben rührte sich, als wäre Alles in Finsterniß eingemauert. Hinter den Trümmern des Julianhauses waren die Stallungen; ich warf meinem Knechte die Zügel des Rappen zu, empfahl ihm das treue Thier, und ging durch die Eichen gegen das Parthenon, aber da ich an dem Flügel des alten Sixtusbaues vorbeikam, in dem mein Bruder wohnte, und da ich Licht sah, ging ich hinein, um ihn zu grüßen. Das Thor des Gebäudes stand offen, die Thür zu seinen Gemächern war nicht gesperrt, sein Diener schlief auf einem Stuhle im Vorsaale, aber Sixtus war nicht zu Hause. Ich ging wieder weiter – durch die schönen Gesträuche Chelions ging ich. – – An den weißen langen Säulen meines Hauses leckten die immer häufiger werdenden Blitze hinan – da wars, als gleite eine Gestalt schattenhaft längs dem Corridor: »Sixtus,« schrie ich, aber das Wesen sprang mit einem furchtbaren Satze herab, und seitwärts ins Gebüsche. – Mir war, als klapperten mir die Zähne, und ich eilte weiter. Die Lawine hing nun – der feinste Hauch konnte sie stürzen machen – und er blieb auch nicht aus, dieser Hauch: von der allzeit fertigen Zunge eines Weibes kam er; Bertha war es, die Braut Ruprechts, die Dienerin meiner Gattin. Sie stand unbegreiflicher Weise in tiefer Nacht vor dem Thore des Parthenon, und da sie meiner ansichtig wurde, stieß sie im Todesschreck heraus, was sie wahrscheinlich um den Preis ihres Lebens gerne verschwiegen hätte: »Graf Sixtus ist bei eurem Weibe.«

Ich ergriff das Gespenst bei dem Arme, um zu sehen, ob es Leben habe. »Es ist nicht wahr, Satan,« schrie ich, und schleuderte das unselige Geschöpf mit meiner Hand rücklings in das Gesträuch, daß sie kreischte; ich aber ging durch das bloß eingeklinkte Thor hinein, und schloß es hinter mir ab. Das Thor aber sollte nach meinem Befehle jedesmal bei Einbruch der Nacht geschlossen sein – heute war es offen gestanden. Sachte, daß kein Fußtritt schalle, ging ich durch den Gang längs der Gemächer meiner Diener zu dem zweiten Thore des Gebäudes, um mich zu versichern, ob es gesperrt sei, – es war zu. Ich zog den innen steckenden Schlüßel ab, und ging dann eben so leise auf mein Zimmer. Dort stand ich mitten auf der Diele des Bodens – und stand eine Weile. Dann that ich leere Gänge im Zimmer, und unnütze Dinge. – – Es lebte ein alter weiser Mann, bei dem ich einmal gelernt hatte, als ich noch mein Heil im Wissen suchte; er war in der Scheidekunst weiter, als alle seine Genossen. – Möge nie wieder erfunden werden, was er erfand, und geheim hielt: ein klares, schönes, helles Wasser ist es. Er erhielt es aus dem Blute der Thiere – aber nur ein Zehntheil eines Tropfens auf die Zunge eines lebenden Wesens gebracht, ja nur sanft damit die Lippen befeuchtet, macht, daß augenblicklicher, süßer, seliger Tod die Sinne umnebelt, und das Wesen rettungslos verloren ist. Wir hatten es einmal an einem Kaninchen versucht – ich erinnerte mich, wie es damals, als sein Zünglein damit befeuchtet ward, das Haupt mit allen Zeichen des Wohlbehagens seitwärts lehnte und verschied. In einem silbernen Schreine hatte ich ein Theil. Ich nahm das Kristallfläschchen hervor – und hell und klar, wie von einem Bergquelle, und prächtig, wie hundert Diamanten funkelte das Naß im Lichte meiner Lampe.

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