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Die Narrenburg

Adalbert Stifter: Die Narrenburg - Kapitel 26
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDie Narrenburg
senderwbergner@aol.com
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Als ich aus Frankreich zurückkehrte, und das Bild des treuen Alfred doch schon zu erblassen begann – als ich fast alle Welt durchreis'te – als ich jeden Brief der Marquise unerbrochen zurücksandte, bis keiner mehr kam – da fiel es mir ein – – – lese nun das Folgende, weil du zu lesen geschworen, so wie ich es schrieb, weil ich es zu schreiben geschworen –: aber wenn du das Eisenthor des Gewölbes zuschlägst, so lasse Alles hinter dir zurück, und streue die Erinnerung in die Winde, damit du keinen Hauch davon, kein trübes Atom zu den Deinen nach Hause trägst, zu deinen armen Kindern, zu deinem schönen unschuldigen Weibe.

Das Land Indien war es, wo mir der Engel meiner schwersten That erschien; – unter dunklem Schatten fremder Bäume war es, an einem Flusse, der so klar floß, als walle nur dichtere Luft längs der glänzenden Kiesel – das Schlechteste und Verachtetste, was die Menschheit hat, war dieser Engel, die Tochter eines Paria; aber schön war sie, schön über jeden Ausdruck, den eine Sprache ersinnen mag, und über jedes Bild, das in Jahrtausenden einmal in eine wallende Fantasie kommt. – –

In den Pergamentrollen hatte ich gelernt, wie Alles nichtig und eitel sei, worauf Menschen ihr Glück setzen; denn es war Thorheit, was alle meine Vorfahren thaten. Ich wollte Neues thun. Den Kriegsruhm hatte ich schon genossen, dieß ekle, blutige Getränke; die Kunst hatte ich gefragt, aber sie sagt nichts, wenn das Herz nichts sagt; die Wissenschaften waren Rechenpfennige, und die Liebe Sinnlichkeit, und die Freundschaft Eigennutz. – – Da fiel mir ein, wie ich oben sagte, ich wolle nach dem Himalaia gehen. Ich wollte die riesenhaften und unschuldigen Pflanzen Gottes sehen, und eher noch wollte ich das große, einfache Meer versuchen.

Ich kam nach dem Himalaia. Dort lernte ich die Hindusprache, dort sah ich das Bramanenleben, ein anderes, als unseres, d. h. anders thöricht – und dort ging auch die Paria zwischen Riesenpalmen nach dem Flusse, um Wasser für den Vater zu schöpfen. Sie hat, seit sie lebte, sonst nichts gethan, als daß sie durch die Palmen ging, um Wasser zu holen, und für den Vater Datteln zu lesen, und Kräuter zu pflücken.

»Rühre mich nicht an, und rede nicht mit mir,« hatte sie zu dem fremden Manne gesagt, »daß du nicht unrein werdest,« – und dann stellte sie den Wasserkrug auf ihre Schulter neben den glänzenden, unsäglich reinen Nacken, und ging zwischen den schlanken Stämmen davon.

Und so ging sie Tage und Monden – kein Mensch war in dem Walde, als ich; denn sie würden unheilig durch Rede und Berührung mit ihr geworden sein. Der Vater saß unter Feigenbäumen, und sah blöde und leer gegen die Welt – und als er eines Tages todt war, und sie nicht zu dem Flusse kam, so ging ich zu ihr, und berührte sie doch; denn ich nahm ihre Hand, um sie zu trösten – ich redete mit ihr, daß sie erschrak und zitterte, und mich ansah, wie ein Reh.

»Du mußt dich nun waschen,« sagte sie, »daß du wieder rein seiest.«

»Ich werde mich nicht waschen,« sagte ich; »ich will ein Paria sein, wie du. Ich werde zu dir kommen, ich werde dir Früchte und Speise bringen, und du reichest mir den Krug mit Wasser.«

Und ich kam auch, und kam wieder und oft. Ich redete mit ihr, ich erzählte ihr von unserm Brama, wie er sanft und gut sei gegen die Kinder seines Volkes, und wie er nicht den Tod des Weibes begehre, wenn der Mann starb, sondern daß sie lebe, und sich des Lichtes wieder freue.

»Wenn sie aber freiwillig geht, so nimmt er sie doch mit Wohlgefallen auf?« fragte sie, und heftete die Augen der Gazelle auf mich.

»Er nimmt sie auf,« sagte ich, »weil sie es gut gemeint hat; aber er bedauert sie, daß sie sich ihr schönes Erdenleben geraubt hat, und nicht lieber gewartet, bis der Tod selber komme, und sie zu ihrem Manne führe, der auch schon ihrer harrte.«

»Siehst du, wie du selber sagst, daß er schon harrte,« antwortete sie rasch. »Du bist also im Irrthume, und man muß ja zu ihm kommen.«

»Wenn du wieder in dein Land gehst,« setzte sie langsamer hinzu, »in deine Heimat, die etwa gar jenseits dieser hohen weißen Berge ist, so werde ich traurig sein, und auch meinen, daß ich dir folgen solle.«

»Und willst du mein Weib werden?« setzte ich plötzlich hinzu.

Und hier war es, wo ich zum ersten Male gegen sie schlecht war. Ihr Wort hatte mich entzückt, ich beredete sie, mein zu werden, und mir zu folgen. Sie kannte kein anderes Glück, als im Walde zu leben, Früchte zu genießen, Blumen zu pflücken, und die Pflanzenspeisen zu bereiten, die ihr sanfter reinlicher Glaube vorschrieb; ich aber kannte ein anderes Glück, unser europäisches, und hielt es damals für eins. – Das weiche Blumenblatt nahm ich mit mir fort, unter einen fremden Himmel, unter eine fremde Sonne. Sie folgte mir willig und gerne – nur sehr blaß war sie, als wir über das breite endlose Salzwasser fuhren, und es machte ihr Kummer, wenn sie sich mit dem schmutzigen Schiffwasser waschen, oder es trinken mußte. Ihre Seele war in mir, und sie wußte es nicht, darum liebte ich sie mehr, als eine Zunge sagen kann. Ich that ihrer Meinung und ihrem Willen nie Gewalt an, sondern ließ sie vor mir spielen, und sah zu, wenn sie mein Herz und ihr Herz, meinen Unterricht und ihren Hinduglauben kindisch durcheinandermischte, und in Bethörung lächelte.

Als sie nach den Gesetzen unsres Landes mein Weib geworden war, führte ich sie auf meinen Berg. Ich hatte schon vor meiner Abreise ein Gebäude nach griechischer Art angefangen, und dieses stand nun, als wir ankamen, bereits fertig da. Ich taufte es »Parthenon,« und richtete es zu unsrer Wohnung ein. Es war sehr schön, und sein Inneres mußte von jeder Pracht und Herrlichkeit strotzen, damit ich ihr ihr Vaterland vergessen machen könne. Auch einen Garten legte ich rund herum an, und hundert Hände mußten täglich arbeiten, daß er bald fertig würde. Ich zog schwarze Mauern und Terassen, um die Sonnenhitze zu sammeln; ich warf Wälle auf, um den Winden zu wehren; ich baute ganze Gassen von gläsernen Häusern, um darin Pflanzen zu hegen, dann ließ ich kommen, was ihr theuer und vertraut war: die schönsten Blumen ihres Vaterlandes, die weichsten Gesträuche, die lieblichsten Vögel und Thiere – aber ach, den dunkelblauen Himmel und die weißen Häupter des Himalaia konnte ich nicht kommen lassen, und der Glanz meiner Wohnung war nicht der Glanz ihrer indischen Sonne.

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