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Die Narrenburg

Adalbert Stifter: Die Narrenburg - Kapitel 25
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDie Narrenburg
senderwbergner@aol.com
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Ein Tag um den andern verging, ohne daß die Männer zurückkehrten, eine Woche nach der andern verging. Als aber endlich Robert allein zurückkam, so kam mit ihm zugleich eine Nachricht mit, die wie ein Lauffeuer von Land zu Land lief, von einem Berge der Fichtau zum andern, und die in Anna's verborgenem Herzen einen ganzen Sturm von Freude und einen fürchterlichen Schreck emporjagte.

3. Der rothe Stein

Während nicht nur in der Fichtau, sondern im ganzen Lande noch ein außerordentliches Geschrei über das Wunder war, so sich begeben; während Arbeitsleute aller Art auf dem Rothensteine beschäftigt waren, so daß es schien, als rühre sich nun der ganze Berg, der früher so vereinsamt gewesen; während das vermauerte Thor nun wieder gastlich seine Wölbung offen hielt, und auf einem Gerüste Steinmetzen oder Steinhauer an seiner Verzierung arbeiteten; während kein Weg auf dem Berge war, auf dem nicht ein Karren quiekte, kein Busch, hinter dem es sich nicht rührte, kein Dach, auf dem es nicht ging, kein Zimmer, in dem es nicht scheuerte – – während dieses Alles geschah, ging Heinrich langsam bei dem großen verfallenen Thore des Julianschlosses hinein, in das einzige Bauwerk, in welchem keine Hand sich regte; er ging den betretenen Pfad über den Schutthügel; er ging bei der entgegengesetzten Oeffnung wieder hinaus, durchwandelte den verfallenen Garten auch auf dem wohlbetretenen Pfade, und hielt vor dem hohen rothen Felsen stille, zu dem die Pfade führten. Hier zog er einen Schlüssel aus seinem Busen hervor, – denn die Siegel waren schon Alle nicht mehr da – drehte ihn dreimal in dem Schlosse, und öffnete sanft die hohen, glatten, eisernen Thorflügel. Da sah ein weiter, matt dämmernder Gang heraus; weit geschweifte, flache, halbkreisartige Stufen von blutigrothem Marmor wiesen zu einem zweiten Eisenthore von wunderschöner Arbeit, die zwei Schlüsselmündungen mit gediegenem Golde umlegt. Er trat ein. Hinter sich schloß er die äußern Thore, und schritt über das Lichtgezitter, das eine Spiegelvorrichtung von oben herab auf den Estrich des Ganges warf, und ihn schwach beleuchtete. Nachdem er die Stufen emporgegangen war, nahm er die zwei kleinen stählernen Schlüssel aus einem Sammtfache, das er mit sich trug, und öffnete die eiserne, goldbelegte Pforte. Ein großer, ruhiger Felsensaal that sich auseinander, auf seinem Fußboden dasselbe Spiegellichterspiel zeigend, wie der Gang, und damit die im Sechseck gestellten Wände matt beleuchtend, an denen es wie von Metallen glänzte. Heinrich ging ebenfalls hinein und schloß hinter sich zu. Dann aber ging er den Wänden entlang, drückte an verschiedenen Stellen, worauf sich die eisernen Lehnen von den Fenstern der Kuppel zurückschlugen, und sanfte Lichtbäche von oben herabfallen ließen, die Alles klar machten, aber die spielenden Lichtwunder des Fußbodens auslöschten. Bevor nun Heinrich irgend etwas Anderes that, schritt er gegen eine Stelle der Marmorwand, öffnete dort ein kleines stählernes Thürchen, auf dem mit goldenen Buchstaben das Wort: »#Henricus# II.« stand, und legte ein beschriebenes Heft, das er aus seinem Busen zog, hinein. Dann schloß er langsam das Wandkästchen wieder, und trat zurück. Es standen aber noch viele andere solche Thürchen herum, und jedes trug in goldenen Buchstaben einen Namen. Sonst war aber weder Geräthe noch irgend etwas im Saale, außer einem marmornen Tische, der vor einer Art Altar stand, und einem hochlehnigen Stuhle aus Erz. Heinrich ging an den vielen Thürchen vorüber; erst eines der letzten, bevor die unbeschriebenen kamen, öffnete er und zog die Schriften aus dem Eisenschranke hervor, die drinnen waren. Auf dem hohen Stuhle sitzend, die Papiere vor sich auf dem Tische, schlug er die ersten Blätter um, bis er zu einem eingelegten Zeichen kam, dann sein Haupt sachte vorwärts neigend, las er weiter, wie folgt:

»Und darum kann ich euch keinen Dank haben, Ubaldus und Johannes, und Prokopus und Julianus – und wie ihr heißet; denn der Dämon der Thaten steht jederzeit in einer neuen Gestalt vor uns, und wir erkennen ihn nicht, daß er einer sei, der auch schon euch erschienen war – und eure Schriften sind mir unnütz. Jedes Leben ist ein neues, und was der Jüngling fühlt und thut, ist ihm zum ersten Male auf der Welt: ein entzückend Wunderwerk, das nie war, und nie mehr sein wird – aber wenn es vorüber ist, legen es die Söhne zu dem andern Trödel der Jahrtausende, und es ist eben nichts als Trödel; denn jeder wirkt sich das Wunder seines Lebens aufs Neue.

Was ich hier schreibe, bin nicht ich – mich kann ich nicht schreiben, sondern nur, was es durch mich that. Ich habe die Erde und die Sterne verlangt, die Liebe aller Menschen, auch der vergangenen, und der künftigen, die Liebe Gottes, und aller Engel – ich war der Schlußstein des millionenjährig bisher Geschehenen, und der Mittelpunkt des All, wie es auch du einst sein wirst; – – aber da rollt Alles fort – wohin? das wissen wir nicht. – Millionenmal Millionen haben mitgearbeitet, daß es rolle, aber sie wurden weggelöscht und ausgetilgt, und neue Millionen werden mitarbeiten, und ausgelöscht werden. Es muß auch so sein: was Bilder, was Denkmale, was Geschichte, was Kleid und Wohnung des Geschiedenen – wenn das Ich dahin ist, das süße schöne Wunder, das nicht wieder kommt! Helft das Gräschen tilgen, das sein Fuß betrat, die Sandspur verwehen, auf der er ging, und die Schwelle umwandeln, auf der er saß, daß die Welt wieder jungfräulich sei, und nicht getrübt von dem nachziehenden Afterleben eines Gestorbenen. Sein Herz konntet ihr nicht retten, und was er übrig gelassen, wird durch die Gleichgültigkeit der Kommenden geschändet. Gebt es lieber dem reinen, dem goldnen, verzehrenden Feuer, daß nichts bleibe, als die blaue Luft, die er geathmet, die wir athmen, die Billionen vor uns geathmet, und die noch so unverwundet und glänzend über dir steht, als wäre sie eben gemacht, und du thätest den ersten, frischen, erquickenden Zug daraus. Wenn du seinen Schein vernichtet, dann schlage die Hände vor die Augen, weine bitterlich um ihn, so viel du willst – aber dann springe auf, und greife wieder zu an der Speiche, und hilf, daß es rolle – – bis auch du nicht mehr bist, Andere dich vergaßen, und wieder Andere, und wieder Andere an der Speiche sind.!

Wundere dich nicht über diesen meinen Schmerz, da doch Alles, was ich in den vielen Blättern oben geschrieben habe, so heiter und so freundlich war, wundere dich nicht; denn ich gehe dem Engel meiner schwersten That entgegen, und aus den Pergamenten des rothen Felsensaales kam dieser Engel zu mir. Dort liegen die Schläfer, von ihrem Ahnherrn verurtheilt, daß sie nicht sterben können; eine schauderhaft durcheinanderredende Gesellschaft liegt dort, vor jedem Ankömmling müssen sie ihre Thaten wieder neu thun, sie seien groß oder klein; – diese Thaten, genug, sie waren ihr Leben, und verzehrten dieses Leben. Wenn es dein Gewissen zuläßt, später Enkel, so verbrenne die Rollen, und sprenge den Saal in die Luft. Ich thäte es selber, aber mir schaudert vor meinem Eide. Kannst es aber auch du nicht thun, so vergiß doch augenblicklich das Gelesene, daß sich die Gespenster all ihres Thuns nicht in dein Leben mischen und es trüben, sondern daß du es lieber rein und anfangsfähig aus der Hand deines Schöpfers trinkest.

Ich fahre fort.

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