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Die Narrenburg

Adalbert Stifter: Die Narrenburg - Kapitel 24
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDie Narrenburg
senderwbergner@aol.com
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Der Wagen war an der Steinwand des Julius verschwunden; auch vernahm man sein fernes Rollen nicht mehr. Der Knecht der grünen Fichtau, der das leise Pochen gehört, und auf Befragen die Stimme Heinrichs erkannt hatte, hatte ihn eingelassen, – und so war wieder Alles, was der heutige Tag gesehen, die lustigen Sonntagsgäste der grünen Fichtau, der närrische Erasmus, die zwei Wanderer, die Bewohner jenes Berges, und das in seiner Liebe befangene Herz, in denselben weiten, lichtdämmernden, schlummerbringenden Mantel der Nacht gehüllt, und seinen Träumen überliefert.

Wir aber lassen sie schlummern und träumen, und schwingen uns indessen in die glänzende Luft hinauf, um aus ihr auf das ganze Bauwerk der Gebirge niederzuschauen. Todt liegt es unten weit hinaus, und zeigt die schwarzen Spitzen gegen den Glanz hinauf, an denen sich nicht ein einziges Atom rührt, nur daß an den Wänden glitzernde Fäden niederrinnen, und auf den nassen Bergen hie und da ein blitzender Mondfunke harrt. Der Orion ist schon tief geneigt, und löscht bereits seine ersten Sterne an dem schwarzen Gebirgsrande aus – ein anderer Stern, ehe er völlig untergeht, blitzt noch so lebhaft, als sollte man in der Stille sein Knistern hören können – der halbe Mond aber steht noch hoch am Himmel, und übergießt ihn mit dem Flore seines milchigen Lichtes, jedes Sternlein in seiner Nähe vertilgend. Alles, was unser Blick überschauen kann, von der Kette angefangen, die unter dem blitzenden Sterne ihren Schattenriß gegen den Himmel legt, über alle Höhen und Hügel herüber, auf denen jetzt die mattfärbigen Felsen ragen, oder die feuchten Wälder stehen, Alles dieses bis zu den schweigenden Zacken draußen, die die letzten das Licht des Mondes auffangen, – Alles, was wir so übersehen, steht unter den Fittigen jenes Schlosses, das wir heute mit den zwei Freunden besucht haben, und alle Wesen, die jetzt da unten schlummern und träumen, erwarten von ihm ihr Wohl oder Wehe. Wir aber wünschen von Herzen, daß sie sämmtlich unter die Obhut des sanften freundlichen Mannes gelangen mögen, der heute in jenem Mauerwerke gewesen, und schon so lange mit Bewunderung zwischen diesen grünen Bergen herumgegangen ist. Er ist einfach und milde, und wird eine leichte und hülfreiche Hand über ihre Häupter strecken. Wir aber verlassen nun auch unsere Höhe und lassen den Rest der Nacht ungesehen und unempfunden über die stummen Berge hinweggehen, bis ihr letzter Silberschein weit draußen im Westen erblasset, und die goldene Flamme des Morgens über ihre Häupter hereinschlägt, alle Stimmen, die jetzt schweigen, zu neuen Freudenrufen erweckend, und alle Leben, die jetzt todt sind, zu neuem Wogen und Wallen geleitend.

Als nun dieser Morgen angebrochen war, finden wir Heinrich in seinem Zimmer bereits aufgestanden und angezogen. – Er beschäftigte sich, indessen draußen die feurigen Goldströme um alle Hütten spielten, damit, daß er Pflanzen und Mineralien in flache Kisten packte, und wie eine fertig war, den Deckel anschraubte, und ihn mit einer Aufschrift versah. So that er fast den ganzen Tag. Und wie oft er indessen an das Fenster gegangen, ja selbst den Garten durchstreift hatte, so hatte er doch Anna nicht zu sehen bekommen; es war fast, als wiche ihm das Mädchen aus. Nur gegen Abend, als man ihn über den Steg und dann die Grahnswiese emporgehen sah, lauschte ihr Angesicht zwischen den weißen Vorhängen ihres Fensters heraus, und sah ihm nach, so lange er zu erblicken war. In der Dämmerung kam er wieder zurück, und der große Wirthshund ging mit ihm, weil er ihn oben am Hage gefunden hatte, und ihm überhaupt sehr zugethan war. Die Thiere kennen gute Menschen, und gesellen sich zu denen, die ihnen wohlwollen.

So verging auch der andere Tag und der nächste wieder. Mittwochs aber, da er eben über seine Gassenstiege herabgegangen war, um später sein Mittagsmahl zu nehmen, lief Anna hochroth aus dem Gassengärtchen herbei, und sagte zu ihm: »Seit Morgen liegt schon ein Brief an euch in des Vaters Stube; Thrinens Syndicus hat ihn mit einem eigenen Boten gesendet.«

Heinrich entfärbte sich bei dieser Nachricht, und Beide, ohne sonst ein einzig Wort zu sagen, gingen wieder auseinander.

Der Brief aber war von Heinrichs Mutter. Zitternd entfaltete er ihn, und las, wie folgt: »Lieber Sohn! Du schreibst ohnedem so selten, und dann wieder so kurz, daß wir nicht wissen, wie es dir geht, oder was dir fehlt, damit wir es dir schicken. Und vonwegen du geschrieben, so läßt dich der Herr Pfarrer grüßen, und dir sagen, daß es wirklich in der Traumatrikel der Kirche zu Grünberg steht, daß dein Urgroßvater Melchior im Jahre Christi 1719 mit der tugendhaften Jungfrau Angelica Scharnast ehelich copulirt worden ist, welche die Tochter des Obristen Julius Scharnast gewesen ist. Der Obrist aber war gar ein Graf gewesen, ehe er gekommen ist, aber das steht nicht darinnen, sondern wenn du es wissen willst, wie sich Alles begeben hat, so meint der Herr Pfarrer, dieses werde im Amte zu Grünberg aufgeschrieben sein, und daß du es dir sollst aufschlagen lassen. Oder wenn es nicht aufgeschrieben ist, so hat schon der vorvorige Syndicus zu deinem Vater gesagt, daß verschlossene Schriften von dem Obrist im Amtsgewölbe liegen, aber es ist wieder Alles beim Alten geblieben. Wenn es zu deinem Fortkommen dienlich ist, so komme lieber selber, und sehe Alles an. Deine Schwester ist wieder sehr krank gewesen, nun aber schon besser. Die Kiste mit den Kräutern haben wir an den Boten abgegeben, aber es wäre uns lieber, wenn du doch etwas Anderes thätest, und dich zu etwas Anderm wendetest, allein du wirst es schon selbst am besten verstehen. Ich grüße dich mit meinem ganzen Mutterherzen, die Schwester grüßt dich auch, und so behüte dich Gott, und ich bleibe deine treue Mutter, Magdalena.«

Heinrich legte den Brief wieder zusammen, und war er bei dessen Entfaltung blaß gewesen, so wurde er nun nach dessen Lesung flammend roth. Es wären fast Thränen der Rührung über die guten einfältigen Worte der Mutter hervorgebrochen – aber er hatte jetzt nicht Zeit, sondern mit äußerster Hast lief er wieder in seine Stube, packte noch in Eile Alles zusammen, was herum lag, und versah es mit Aufschriften, daß es der Boten-Simon am künftigen Montage mit sich fortnehme; den Koffer mit seinen Kleidern gab er einem Schubkarrenführer aus der Fichtau, daß er ihn sogleich zu Robert nach Priglitz bringe, dann verzehrte er einige Bissen von seinem Mittagsessen, ohne daß sie ihm sonderlich schmecken wollten. Da Alles dieses geschehen, ging er zu Erasmus, der mit den Seinigen am Gartentische noch beim Mittagsmahle saß, um seine Rechnung zu berichtigen und Abschied zu nehmen. – Erasmus brachte bald auf einem Täfelchen die Rechnung, strich das erlegte Geld ein, und versprach, daß jede Kiste mit dem Boten-Simon pünktlich und am rechten Orte eintreffen solle. Heinrich reichte dem Vater und der Mutter die Hand; zu Anna sagte er bloß die Worte: »Lebt recht wohl, Jungfrau!« – sie sagte auch kein einziges Wort als: »Lebt recht wohl!« – dann wendete er sich um, und ging fort.

»Es ist im Grunde doch ein recht kerngutherziger Mensch,« sagte Vater Erasmus, und alle drei aßen sie fast traurig an ihrem Mittagsmahle weiter.

Am andern Tage kam durch einen Holzknecht die Nachricht von Priglitz, daß Heinrich und Robert abgereiset wären, man weiß nicht wohin. Die Sache bestätigte sich auch, indem noch desselben Tages Thrine sammt ihrem Kinde zu ihrem Vater, dem Schmiede in die Fichtau auf Besuch kam, und über eine Woche blieb. Auch sie wußte nichts über das Ziel der Reise. Endlich fuhr sie wieder nach Hause.

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