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Die Narrenburg

Adalbert Stifter: Die Narrenburg - Kapitel 23
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDie Narrenburg
senderwbergner@aol.com
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Robert schüttelte bei diesen letzten Worten seines Freundes fast traurig den Kopf und sagte: »Das ist ja eine erstaunliche, überaus merkwürdige Geschichte, die du da so erzählst, als wäre sie vollkommen einleuchtend – ich erstaune fast vor den Folgen – ich weiß es noch gar nicht, wie sehr ich mich darüber freuen werde – aber vorerst bin ich noch beinahe betrübt darüber; denn siehe, Heinrich, deine Erinnerungen zählen vor Gerichte nicht, der Name ist dir dunkel, die Erkennung des Castellans folgte bloß aus deiner Aehnlichkeit mit jenem Bilde, die selber zufällig ist – ich sehe einer endlosen Sache entgegen. – Wird man nicht sagen, du selber habest das Bild malen und dort verstecken lassen, da die Aehnlichkeit zu lächerlich ist? oder was beweist sie am Ende? Sage, hast du außer den Dingen, die du mir erzähltest, weiter nichts, nicht irgend eine kleinste Kleinigkeit, woraus Hoffnung entstände, daß man würde einen Beweis herstellen können?«

»Ich weiß in der That sonst nichts,« entgegnete Heinrich, »als daß jener alte Mann Julius Graf Scharnast geheißen, d. h. ich meine, daß er so geheißen, aber ich habe meiner Mutter geschrieben, ob er so geheißen, und ob nicht Schriften von ihm übrig wären. Ich bin nur darum nicht gleich selbst nach Hause gereiset, damit ich noch eher dieses Schloß besuchen, und dann mit dir reden könnte, daß du mir als Rechtserfahrner einen Rath gebest. Sobald die Antwort der Mutter da ist, werde ich sie dir mittheilen, und dich fragen, was ferner zu thun ist.«

»Es ist gut so,« antwortete Robert, »sage nur keinem Menschen etwas von der Sache, damit nicht entgegengearbeitet werde. Wenn die Lage so ist, wie sie scheint, dann müssen bestimmt und gewiß Documente von jenem Julius Scharnast irgendwo liegen; die Kunst ist dann nur, sie klug zu finden und klug zu heben, ehe sich eine Hand darein mischt. Sie müssen vorhanden sein, wenn er nicht ganz und gar leichtsinnig und sorglos um seine Nachkommenschaft gewesen ist. Wenn der Brief deiner Mutter Winke gibt, so will ich selber mit dir reisen, und jeden kleinsten Faden selber lenken und leiten, damit du nicht zu Schaden und Irrthum kommst.«

»Ich danke dir,« sagte Heinrich, »ich wußte, daß du gut und hülfreich bist, darum habe ich mich dir allein anvertraut.«

»Gut und hülfreich?« erwiederte Robert; »die Sache ist ja so ungeheuer und merkwürdig, daß ich ein wahrer Tiger sein müßte, wenn ich dir nicht mit Händen und Füßen beispränge – und ich begreife nicht, wie du so ruhig davon reden kannst, wie etwa von einem Pachtvertrag, oder einem Pferdekaufe?«

»Siehe, das ist so: ich trage die Sache schon acht Tage mit mir herum, wurde sie gewohnt, und sie ist mir indessen völlig einleuchtend geworden.«

»Ich wollte nur, sie wäre dem Lehenhofe auch einleuchtend,« sagte Robert, und dann fuhr er so wie aufzählend fort: »Es muß ein Taufschein da sein, ein Trauschein, etwa ein Testament jenes Greises, Correspondenzen, ein Offizierspatent oder so etwas, – wenn ihr nur die Dinge nicht zerrissen habt. – – Es dürften, ja es müssen sogar im Gewölbe des rothen Steines Schriften sein, die über jenen Julius Auskunft geben – – dann der Vertrag über den Waldkauf und Häuserbau deines Greises – der muß in einem Archive sein. Euer Thal ist ja landesherrlich, nicht wahr?«

»Ich bitte dich, schone mich jetzt mit diesen Dingen,« sagte Heinrich; »denn ich weiß sie nicht; aber wenn wir reisen, werde ich dich überall hinführen, wo du hin verlangst, und dir Auskunft verschaffen, worüber du nur willst.«

»Nun ich hoffe, und wünsche, und will alles Beste für dich,« antwortete Robert; »aber ich habe eine wahre Angst, eine peinigende Angst habe ich, wie wir das Ding durchsetzen werden.«

»Ich wieder gar keine,« sagte Heinrich; »entweder rollt Alles schön und klar wie Perlen heraus, oder ich bin ganz und gar keiner von Jenen. – Nur leid thäte mirs dann, sehr leid um das schöne Schloß, daß ich nicht auf seinem Berge arbeiten und schaffen dürfte, und daß ich es nicht mit all seinen Schätzen und Mälern von dem Heimfalle an Verderbniß und Unheimlichkeit retten könnte.«

»Freilich wäre es auch mir sehr angenehm,« erwiederte Robert; »es wäre eine wahre Freude für mich, es wäre die größte meines ganzen Lebens, Thrine und mein Kind ausgenommen, wenn ich dich hier oben wüßte als Herrn und Besitzer, ein klares und freundliches Leben führend über den Trümmern dieser verworrenen, vielleicht sündhaften Vergangenheit. – Du würdest Alles ordnen, daß es heiter würde; du wärest uns so nahe, deine Mutter und Schwester wären bei dir – – und vielleicht ein gar so liebes Weibchen auch? – – Hab' ich dich?«

»Erwähne das nicht,« sagte Heinrich erröthend, »erwähne das jetzt nicht.«

»Nun, nun, du brauchst dich nicht zu schämen,« entgegnete Robert; »sie ist schon recht, sie ist herrlich und mehr werth, als alle Fürstinnen und Grazien der Welt.«

»Freilich ist sie mehr werth, freilich,« – sagte Heinrich.

»Nun so handle rasch zu,« erwiederte Robert, »und lasse alles Andre gehen, wie es gehen mag.«

Unter diesen und ähnlichen Gesprächen waren die Freunde endlich vollends den Berg hinabgelangt, und sahen unten im dichten Gebüsche das Häuschen des Grafen Jodok stehen, und das steinerne Bänkchen davor, auf dem er in den letzten Tagen seines Lebens gesessen war. Dann gingen sie durch heitere Obstbaumgruppen dem Dorfe zu, wo sie ein Mahl bestellt hatten, und wo ihr Wagen wartete. Es ist begreiflich, daß sie während des Essens und noch nachher über die Dinge redeten, die sie gesehen, und über die Zukunft, wie sie einzurichten ist. Als es schon gegen die Kühle des Abends ging, saßen sie ein, und fuhren den Rückweg gegen Priglitz zu. Oefter, wenn es die Berge zuließen, sahen sie noch auf die alte Burg zurück, und ganz spät, als schon längst die Sonne untergegangen, und sie eben um einen Winkel in das Hauptthal der Pernitz einbogen, rissen noch einmal die grünen Hügel auseinander, und ließen den verlassenen Zauberberg durchblicken, wie er fahl, gleich einem Luftbilde in der Dämmerung draußen hing – sie dachten sich noch einmal die Bewohner auf ihm, den blöden Greis, das Kind, das alte Mütterchen und den Hund; sie dachten sich die ragenden Bauwerke desselben, und die Reihe der starren schweigenden Bilder – dann schob sich ein schwarzer Wald vor, sie flogen um die Ecke, und das weitere Pernitzthal nahm sie auf. Fröhlich rollten sie nun in der Nacht dem bekannten rauschenden Wasser entgegen, in die Enge des Thales zurückdringend, um Heinrich an der grünen Fichtau abzusetzen. Es rückten die alten wohlbekannten Berghäupter immer finsterer und immer größer an dem Wagen vorbei, und die Freunde kamen erst an der Häusergruppe an, da wieder der Mond, aber nun ein abnehmender, über derselben stand, und den fahlgrauen Schimmer auf die Dächer legte, da der Staubbach wieder Diamanten warf, und die Gräser Perlen hielten. Auch in der Pernitz rührte sich das zerflossene Silber, und auf dem Waldlaube stand der ruhige feste Glanz; aber alle Fenster des ganzen Hauses waren schwarz, die Ruhe der Bewohner zeigend. Zwei davon, die allein in einem matten Glimmer des Mondes schillerten, deckten das Gemach, in welchem der schlummernde Athem Anna's ging. Heinrich stieg ab, und pochte leise mit dem hölzernen Hammer an das Thor, Robert aber ließ seinen Wagen umwenden, um noch in der Nacht seine Heimath zu gewinnen und die harrende Thrine zu beruhigen.

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