Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Adalbert Stifter >

Die Narrenburg

Adalbert Stifter: Die Narrenburg - Kapitel 22
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDie Narrenburg
senderwbergner@aol.com
Schließen

Navigation:

Aber an der Außenseite desselben war gegen Süden eine riesenhafte Aeolsharfe gespannt. Ihre Saiten gingen von dem gepflasterten Steinboden, der rings um den Thurm lief, bis auf die Spitze desselben empor, und sie wogten leise, tief und zart im Hauche der leichten Luft, als die Freunde eben davor standen, gleichsam als rede sie jetzt freundlich zu ihnen, während sie öfter unter Tags einen lauten langen Ruf über die Berge gethan.

Mit dem Thurme des Prokopus war die andere Seite des Schloßberges gewonnen, und sie begannen nun den Rückweg. Der alte Pfad, der von dem Thurme abwärts lief, wand sich wieder sachte um die Wölbung des Berges dem Thore zu, durch das sie hereingekommen waren, weil es das einzige in der ganzen Ringmauer war. Ehe sie zu dem Platze der Sphinxe und des Obeliskus gelangten, trafen sie auf die Wohnung des Castellans – es war ein niederes breites Haus an einer heißen Sandlehne gelegen – und hier sahen sie noch einmal das Kind Pia, wie es mitten unter Ringelblumen in verwahrloster Gartenwildniß schlief. Ein steinaltes Mütterchen, wahrscheinlich die Magd Ruprechts, saß bei ihr, und wehrte ihr die Fliegen. Auch der Hund saß nebenan, und betrachtete klug die Gruppe.

Ruprecht war auf dem Wege von dem Berge herab wie ein Lamm hinter den Männern gegangen. Jetzt, wie sie ein wenig anhielten, um die Gruppe im Garten zu betrachten, und er an ihnen vorbeikam, sahen sie, daß seine blaßblauen Augen ganz leer standen, daß er auf die Seinen keinen Blick that, und geradewegs gegen die Ringmauer zuschritt. Dort angekommen, öffnete er die Pforte, und wies die Männer unter denselben Verbeugungen hinaus, wie er sie hereingewiesen hatte. Sie traten durch das schmale Drehthor, und hörten hinter sich die Vorrichtung knarren und den Schlüssel rasseln. Nach einigen Schritten, die sie gebeugt durch das verwachsene Haselgebüsche gethan hatten, standen sie wieder in der Fichtenallee vor dem weißen Mauerflecke, wie sie vor einigen Stunden gestanden waren, ehe man sie hinein gelassen hatte.

Die Nachmittagsluft seufzte wieder eintönig in den langen haarigen Zweigen, wie es die am Vormittage gethan, und die Stille und die Harzdüfte sanken wieder von den Wipfeln. Das Räthsel des Berges, das Heinrich gesucht, lag nun hinter ihm, und die graue, hohe, stumme Mauer stand wieder davor.

Da sie nun allein waren, und da sie die unbetretene, unbefahrne Straße der düstern Allee abwärts zu schreiten begannen, sagte Robert zu Heinrich: »Nun aber um Gotteswillen erkläre, was soll Alles das bedeuten?«

»Ich will es dir sagen,« antwortete Heinrich, @»aber zuvor erkläre du mir, wie es denn kam, daß du nie von diesem außerordentlichen Schlosse und seinem wunderlichen Testamente zu mir gesprochen hast, da ich doch schon so viele Wochen in der grünen Fichtau wohne, und so oft mit dir zusammengekommen bin?«

»Deine Frage ist noch wunderlicher, als die Sache selbst,« erwiederte Robert. »Wie konnte mir beikommen, eben weil du schon viele Wochen in der Fichtau warest, daß du von einem Dinge nichts wissest, das doch in aller Leute Munde war? und wie sollte ich freiwillig wieder von etwas beginnen, von dem man eben erst aufgehört hatte zu reden?«

»Nun, so hat mich denn ein Wunder in dieser Angelegenheit geführt,« sagte Heinrich, »sonst wäre sie gerade für den verloren gewesen, den sie doch am meisten anging, der mitten im Gespräche darüber saß, und nicht einen Laut davon vernommen hat! – Höre mich an. Du weißt, wie ich dir @sagte, daß ich wunderbare Ruinen gefunden, und daß ich den närrischen Fichtauer Wirth darüber zu Rede gestellt; – du weißt, daß du mir dann selber das sonderbare Testament dieser Scharnasts auseinandergesetzt hast: aber das weißt du nicht, daß ein furchtbarer Blitz auf mich von heiterem Himmel gefallen war – daß ein solcher Scharnast mein Ahnherr gewesen – und daß ich es doch keinem Menschen dieser Erde zu entdecken wagte, weil es dennoch unwahr sein konnte – ach, es schwebte mir ja kaum wie ein dunstiger duftiger Nebelstreifen vor, der dahin sein konnte, ehe man ihn erfaßt. – Ich schrieb desselben Abends, als ich mit dem Wirthe und deinem Schwiegervater gesprochen hatte, noch an meine Mutter, und befragte sie, wie unser Ahn geheißen, und welche seine Verhältnisse gewesen – und ich schickte den Brief noch in der Nacht nach Priglitz auf die Post. Darum, Freund, war es auch nicht Neugierde allein, was mich auf diesen Berg trieb, sondern ein Instinkt, der auf seinen Gegenstand weist, wenn er ihn auch noch nicht kennt. Siehe, dir muß der Castellan, dir muß meine Aehnlichkeit mit jenem Bilde aberwitzig gewesen sein, und mir wurde es klar, wie die Sonne des Firmamentes. Ich will dir jetzt auch Alles erzählen, merke wohl auf. Vor hundert und zwanzig Jahren kam ein Mann in unser Thal, das damals fester, dichter Wald war, kaum von einigen Hütten und Feldern unterbrochen. Der Mann hatte Niemand als ein wunderschönes Mädchen mitgebracht, war selber alt, trug einen weißen Bart, und dunkle Kleider. Mit Werkleuten und Knechten, die er aufnahm, baute er ein schönes weißes Haus auf dem Waldabhange, und erweiterte um dasselbe den Raum in Gärten und Feldern. Sodann soll er Allen, die um ihn wohnten, Gutes gethan haben; er soll sie angeleitet, in tausend Dingen unterrichtet, und überhaupt weise und ruhig gelebt haben. In jener Zeit geschah es auch, daß mein Urgroßvater, ein wohlhabender gelehrter Mann und Pflanzenkenner, angezogen durch die wilde Schönheit des Waldthales, sich ebenfalls darin ansiedelte und ein ähnliches Haus baute, wie der eingewanderte Alte. Da nun aber der Urgroßvater noch sehr jung war, und wie die Familiensage spricht, sehr schön, so geschah es wieder, daß sich er und die Tochter des fremden Mannes sehr gefielen und endlich heiratheten. Der weise Greis hat noch lange gelebt, und ist an die hundert Jahre alt geworden. Erst bei seinem Tode kam es zu Tage, daß er ein Graf gewesen, und Scharnast und Julius geheißen. Es sollen – waren es nun Verwandte, oder sonst nur Freunde – vornehme Leute zum Begräbnisse in den Wald gekommen sein; aber wo sie hingerathen, oder ob man noch etwas von ihnen gehört, davon wußte man später nichts mehr. Auch verlor sich die ganze Sage der Abstammung in unsrer Familie, wie eine Dämmerung, die vergeht, so, daß kaum Einer davon sprach, die Andern es nicht glaubten. Denke dir nun, wie mir ward, da der Wirth die Namen nannte, die mir in den Ohren klangen, und die ich kaum heraufbeschwören konnte – denke dir, wie ich in dieses Schloß trete, und mich der irre Castellan als Herrn begrüßt – wie ich auf jenem Bilde in längst verschollenen Kleidern stehe – wie ich als Genosse in den Jugendgeschichten eines uralten Mannes spiele. – – Wenn es nun ist, denke dir, wenn es ist: dann ist jener schöne, sanfte Knabe Julius in Jagdkleidern der weise Greis aus unserm Walde, dann bin ich in die Fichtau gegangen, um Blumen und Steine zu sammeln, und habe das todte Geschlecht meiner Väter gefunden. Wie wunderbar! Warum ich aber jenem andern Bilde einer andern Linie, jenem zweiten Sixtus so ähnlich sehe, weiß ich nicht, wenn es nicht eines jener Familienwunder ist, die sich zuweilen ereignen, daß nämlich in einem Gliede plötzlich wieder dieselbe Bildung hervorspringt, die schon einmal da gewesen, um dann wieder in vielleicht ewige Unterbrechung auseinanderzulaufen – oder wenn es nicht ein Fingerzeig des Himmels ist, daß noch ein entfernter Sprößling dieses Geschlechtes lebe, auf den man sonst nie gekommen wäre.«

 << Kapitel 21  Kapitel 23 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.