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Die Narrenburg

Adalbert Stifter: Die Narrenburg - Kapitel 20
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDie Narrenburg
senderwbergner@aol.com
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Unwillkührlich sahen die Freunde auf das Nebenbild der Chelion, und wirklich stand ein junger Mann darauf, ihr vollendetes Abbild – wie sie, so seltsam und schön, aber mit trüben, schwermuthsvollen Blicken. Dieser war also der letzte Besitzer des Berges gewesen.

Zu einer andern Zeit und in anderer Lage würden sie lange vor diesen merkwürdigen Bildern und Naturspielen gestanden sein, aber in diesem Augenblicke war es ihnen nicht möglich; denn der alte Mann neben ihnen war von einer so furchtbaren Erregung gefaßt, daß er bei seinen letzten Worten in ein krampfhaftes Weinen ausbrach, die Hände vor das Gesicht schlug, und die überreichlichen Tropfen zwischen den dürren, faltigen Fingern hervorquellen ließ, so daß sein ganzer Riesenbau vor Schmerz zitterte, wie der See schwankt, wenn ein ferner Sturm tobt. Das Herz der Freunde that einen Blick in die Schlucht einer verworrenen, vielleicht grausenhaften That – sie konnten nicht forschen, und wollten es nicht; denn bereits funkelte der Wahnsinn, wie ein düstres Nordlicht, an allen Punkten des unglücklichen Wesens vor ihnen, und sie mochten ihn nicht steigern, daß er nicht etwa überschlage und dem, wenn auch uralten, Körper Riesenkräfte gebe, und zu Entsetzlichem treibe – auch hat das Menschenherz eine natürliche Scheu, den dunklen Spuren eines Andern nachzugehen, auf denen es zu Schuld und Unglück wandelte. Deßhalb schwiegen sie Beide tief und ernst, selbst gegen einander, und blickten nur noch trübe auf die beiden Bilder: Mutter und Sohn. Chelion war schön, wie ein reiner Engel, und Christoph war es, wie ein gefallener. Neben ihm war kein Bild mehr, sondern die lange Reihe leerer Nischen für Alle noch Ungebornen, als hätte der Gründer auf eine Ewigkeit seines Geschlechtes gerechnet.

Die Freunde wandten sich nun zum Fortgehen. Ohnehin war ihnen die Luft dieses Saales drückend geworden. Sie wollten unbeachtet an Rupprecht vorübergehen, überzeugt, daß er ihnen, sich sänftigend, stille folgen würde. Aber wie er ihre Absicht errieth, ließ er plötzlich die Hände von seinem Gesichte fallen, und statt der vorigen Erregung sahen sie nun das äußerste Erstaunen darinnen, so, daß ihm sogar vor Schreck die Thränen stocken geblieben, und wie gefrorne Tropfen in dem weißen Reife seines Bartes standen: »Aber wie seid ihr denn?« rief er mit heftiger Stimme, »wozu habe ich euch denn hergeführt? wozu seid ihr denn zurückgekehrt? Ich habe den ganzen Tag die Geduld mit euch gehabt, ich habe ja die höchste Geduld gehabt, als ihr immer und immer die andern Dinge des Berges anschautet, und nicht ginget, wohin ich euch führen wollte, ich habe die Geduld gehabt, um euch endlich auch zu zeigen was ich gethan habe – warum wollt ihr denn nun fortgehen?!«

»So zeige uns nur, alter Mann, was du gethan hast,« sagte Heinrich freundlich, »zeige es nur, wir freuen uns ja darauf.«

»Sehet,« rief der Greis besänftigter, »Alle sind sie da, Alle, die je lebten und athmeten auf dem rothen Steine« – sie sind versammelt in dem grünen Saale; nur einer war verworfen, – ich habe ihn immer sehr geliebt, und dachte, es soll nicht so sein – seht nun: ich war es, der es machte, daß ihr schon im Saale standet, als er noch lebte, aber er wußte es nicht, er ging hinüber, und wußte es nicht. – – Wartet nur, ich will zuerst den blauen Vorhang herablassen, weil er nicht offen stehen bleiben darf ..... «

Diese letzten Worte hatte er beschwichtigend und vertraulich gesagt, und dann lief er gegen Chelions Bild: »Hüll' dich ein,« sagte er murmelnd, »du schöne Sünde, hüll' dich ein, du Apfel des Paradieses« – – und er zog wieder an der Schnur, und freiwillig, wie hinauf, rollte sich nun der Vorhang herunter, Stück um Stück den Schimmer des Bildes deckend, bis nichts mehr sichtbar war, als die unschuldige Seide, straff gespannt, und matt erglänzend. Dann zu heller unheimlicher Freude übergehend, sprang der Greis zu der leeren Nische neben Christoph, drückte gegen eine Feder, und zum Erstaunen der Männer sprang der Serpentin los – und in das Krachen mischte sich das triumphirende Kichern und Lachen des Greises. Sie sahen nun, daß der Stein bloß auf eine Kupfertafel gemalt war, daß sich diese völlig umlege, und noch ein Bild entblöße, das sie vorher gedeckt hatte. Es war ein Männerbild, und im Serpentine unten stand: »Sixtus II.«

Allein das Bild war das Heinrichs Zug für Zug, nur in fremden Kleidern.

Der Alte rieb frohlockend und herausfordernd die Hände, als wollte er sagen: »Nun?! nun?!«

Robert war zum Aeußersten betroffen. Er hatte bisher die zwei Andern begleitet, wie Einer, der bloß Merkwürdigkeiten anschaut, nun aber wußte er plötzlich nicht mehr, woran er sei – – zwar ein Gedanke, blitzschnell und abenteuerlich, schoß durch sein Gehirn, aber er war zu lächerlich, als daß er ihn nicht sogleich hätte verwerfen sollen – nur fragend blickte er gegen den Freund. Dieser aber, der ebenfalls die Sache zu fassen begann, war Anfangs todtenblaß, dann allmälich flammend roth geworden; – der stummen Frage des Andern aber konnte er eben so wenig eine Antwort geben. Bloß der wahnwitzige Greis war der einzige, der völlig klar war; mit einer Freude und Geschäftigkeit, die man an ihm gar nicht zu ahnen vermocht hätte, ging er sofort an das Werk der Erklärung, und in dem listigen Lächeln seines Angesichtes schwamm die gänzliche Beruhigung, die er über seine Anstalten empfand.

»Ich habe euch bloß,« begann er, »nach dem kleinen runden Bilde machen lassen, das im Deckel eures feinen Reisekästchens war – wißt ihr? – ich hab' es nach jener Nacht herausgestohlen, und aufbewahret. Ein alter, alter Mann hat euch conterfeit, ihr müsset ihn erst belohnen; denn er hat euch sehr geliebt. Des ganzen lieben Tages Länge saß er oben im Julianusschlosse, über die sinkende Stiege hinauf, wo ich ihn versteckt hielt, und wohin ich ihm Essen und Trinken brachte. Dort malte er, und viele Tage und Wochen vergingen, ehe ihr so herrlich wurdet, wie ihr jetzt seid. Der arme Mann! weil er so alt war, mußte ich ihn immer beinahe die Treppe hinauftragen, daß sie unter uns knitterte und einzustürzen drohte. »Gott lohne es euch, Ruprecht,« hatte er gesagt, »Gott lohne es euch, wenn ihr alt werdet.« Er hat noch keinen Heller für das Bild, ihr müßt ihm einen Lohn geben; denn sein Alter ist darbend und verachtet.«

»Ach, der ist wohl schon jenseits aller Heller und Millionen,« sagte Heinrich trübsinnig.

»Und nun,« fuhr der Kastellan begeistert fort, »nun muß das falsche Kupfer weg; wir werden euch neben Jodok und Chelion setzen, weil ihr früher seid, als Christoph, und dieser muß auf euren Platz herunter. – Fürchtet euch nicht, Graf Sixtus, der Andere ist schon gestorben – er ist alt, sehr alt gewesen, und hat einen langen weißen Bart gehabt; und, »lieber Ruprecht,« hat er gesagt, wenn er auf der Bank des kleinen Häuschens saß – und Christoph ist auch todt. – Narcissa darf nicht in den grünen Saal, weil sie noch nicht angetraut war, ihr Bild ist auch nicht fertig, und es war ein barscher Mann, der sie konterfeite, und ging fort, als Christoph todt war – und ihr aber, Erlaucht, kommt nun, und bringet Diener und Leute auf den Berg, daß es wieder lebe und wimmle, und eine Nachkommenschaft werde, den ganzen Saal zu bemalen, und die ganze Zukunft zu erfüllen, bis zum jüngsten Tage.«

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