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Die Narrenburg

Adalbert Stifter: Die Narrenburg - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDie Narrenburg
senderwbergner@aol.com
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Die Fichtau aber ist ein schönes Bergrevier, voll sanftblickendem, rothbrüchigem Marmor, frischem Waldesgrün und eiskalten, abschießenden Quellen. Die Pernitz lauft unten voll Lärmen und Gepränge durch, bis sie draußen ein zahmer Fluß wird, Wiesen wässert, und Walkmühlen treibt. Die Fichtau ist ein paar Tagreisen östlich von dem freundlichen Pfarrdorfe Grünberg, und dem schönen Markte Pirling, welche beide an demselben Flusse Pernitz liegen. In der ganzen Fichtau ist kein einziger Ort, aber dafür ist sie gleichsam besäet mit einzeln liegenden Häusern und Gehöften, und mancher Landmann, wenn er seiner Arbeit nachging, sah obbesagten Wanderer, wie er sammt seiner Bepackung entweder an einer Felsenwand kletterte, und Steine herabschlug, mit denen er sich dann belastete, und sie seines Weges mit fortschleppte – oder man sah ihn auf seinem Feldsessel sitzen; den eisenspitzigen Stock hatte er in die Erde gebohrt, den Stiel seines Sonnenschirmes darauf geschraubt, und im Schatten desselben zeichnete er Wälder oder Blöcke ab, auf die sonst Keiner geachtet hatte, ob sie auch schon sein Lebtage in dem Thale gelegen waren – oder man sah ihn gehen, wie er einen schweren Strauß von Blumen und Kräutern in der einen Hand vor sich her trug, während er in der andern nebst dem Alpenstocke noch einige Ruthen und anders Zeugs hinter sich herschleifte.

Des Abends nun an jenem schönen Tage, dessen wir oben erwähnten, ging er schleuniger, als gewöhnlich neben der Pernitz hin, und machte mit Händen und Armen allerlei Bewegungen, wie einer, der ungeduldig und hastig ist, oder mit sich selbst redet. – Freilich war der Mann schon in seiner Jugend mit diesem Uebel der lauten Selbstgespräche behaftet, und was noch ärger ist, er deutete auch immer mit den Händen dazu, besonders, wenn er von Eifer oder Ungeduld gestachelt war, in welche beide er übrigens sehr leicht gerieth.

Er hatte eine Gruppe Häuser vor sich, auf die er zusteuerte. An einer Stelle nämlich, wo sich das Thal am meisten erweiterte, und der Fahrweg ordentlich in eine breite Straße auseinanderging, stand das Wirthshaus der Fichtau, zur grünen Fichtau geheißen, zwar nur aus Holz gezimmert, aber mit einer glänzenden Fensterreihe auf den Straßenplatz heraussehend, der so groß und eben war, daß hundert Wagen hätten darauf stehen können. – Mit Scheunen und Schoppen, und einem großen Garten ging das Haus in den geräumigen Winkel eines Seitenthales zurück, aus dem ein starker Bach hervorsprudelte. Jenseits des Baches steht eine Sägemühle, dann ist noch eine Schmiede, und weiter zurück hinter dem Wirthsgarten sind vier oder fünf Häuser mit blanken Fenstern und dem schönen flachen Gebirgsdache.

Dieser Häusergruppe eilte unser Wanderer zu, als hätte er noch so Wichtiges auf dem Herzen, und immer schleuniger ging er, je näher er kam, so daß das Gehen fast in ein halbes Laufen ausartete, da er vor dem Wirthshause anlangte.

»Gott grüß euch, Vater Erasmus,« sagte er eilig zu dem Wirthe, der mit seinem großen Hunde auf der Gasse stand, und mit dem Schmiede und einem Fuhrmanne plauderte, welcher Fuhrmann eine Art Wochenbote war, und alle Sonnabend bei dem Wirthe zur grünen Fichtau anzukommen pflegte, wo er Alles abgab, was immer für die Fichtauer aus dem Flachlande eingelaufen sein mochte. Sein Schecke stand im Stalle, sein Wagen im Schoppen, und er saß in der Abendsonne auf der langen Gassenbank des Wirthshauses, seine Gebirgspfeife rauchend, und Neuigkeiten aus dem Lande draußen auskramend. – »Gott grüß' euch, Vater Erasmus,« sagte also der angekommene Wanderer; »ich werde nur schleunig diese Sachen auf mein Zimmer hinauftragen, und sogleich wieder herabkommen, und euch eine Menge ausfragen. Ich habe heute die wundervollsten Ruinen entdeckt, und sie sogar gezeichnet.« Und somit ging er die Treppe hinan.

»Nun das geht dem noch ab, daß er das verrückte Schloß gefunden hat,« sagte der Wirth zu den zwei Andern, aber der hinauflaufende Mann hatte diese Worte mit seinem scharfen Gehöre vernommen, und wurde dadurch nur noch mehr gespannt. Nachdem er das Gepäcke abgelegt, und einen gehörigen Hausrock angethan hatte, kam er in dem Augenblicke wieder herunter, ein Papier in der Hand tragend, auf dem ein weitläufiges auf Felsen herumgruppirtes Mauerwerk mit Bleistift sauber skizzirt war.

»Das ist doch ein höchst merkwürdiges Gebäude,« sagte er, »ich bin vollständige vier Stunden selbst mit Anlegung meiner Steigeisen rings um dasselbe herumgeklettert, und habe durchaus keinen Eingang entdecken können.«

»Ei so,« sagte der Wirth, und sah die Andern Zwei pfiffig an.

»Was denn, ei so? die Sache ist haarscharf, wie ich sage, und ich begreife nicht, was da ein solches »ei so« sagen will.«

»Ich meine nur,« antwortete der Wirth, »daß das jeder Mensch in der Fichtau weiß, und daß es wunderbar ist, daß ihr allein es nicht wisset.«

»Ich sehe nicht ein, woher ich es wissen sollte; ich sage euch ja, ich habe heute das Schloß gerade erst so frisch gefunden, als hätte ich vor dritthalbhundert Jahren Amerika entdeckt. In eurem Lande unterstützt man Forschungen so wenig, daß sie den schönsten Marmor unbeachtet liegen lassen, oder höchstens Schweintröge daraus machen. Ihr selbst habt eure Mistjauche hinten mit Stücken des feinsten Kornes eingedämmt.«

»Hab' ich das? ei, ei, Oheim, wenn ihr weiter forschen werdet, so werdet ihr auch Thürstöcke und Wasserkufen davon finden, und wenn ihr dort überhaupt forschen dürftet, so fändet ihr in Annens Schlafkammer die feinsten Fenstersimse davon gemeißelt, und einen Waschtisch und Weihbrunnenkessel und ich weiß nicht, was noch, und in der Pernitz liegen noch unzählige Stücke und Blöcke, auf die Niemand achtet, als die Forellen, die darunter aus- und einschlüpfen.«

»Hab' Alles außer dem Waschtisch und Weihbrunnkessel schon gesehen und beobachtet,« entgegnete der Wanderer; »aber da habt ihr wohl Thürpfosten, das ist gut; allein eines eurer Herdecken ist auch von rothem Marmor, während das andere von Ziegeln ist; – aber das ist Nebensache. – Ihr sagt da von Forellen – haben wir morgen einige? ihr habt sie uns auf Sonntag versprochen.«

»Eine Million ist unten im Fischtroge, – eine Million.«

»Ich möchte wohl auch ein Dutzend,« sagte der Schmied. »Es kommt morgen mein Schwiegersohn, der Stadtschreiber.«

»Sollst haben, schwarzer Ohm,« sagte der Wirth, »sende nur herüber – also der Stadtschreiber kommt, und also auch die schneeweiße Thrine mit – schau, schau. – «

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