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Die Narrenburg

Adalbert Stifter: Die Narrenburg - Kapitel 19
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDie Narrenburg
senderwbergner@aol.com
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Robert stand neben dem Freunde – und ahnte nicht, was in demselben vorgehen mochte. Auch der Greis Ruprecht schaute so gleichgültig und blöde auf Alles, als verstände er nichts.

Indessen blickte dasselbe Schwärmerauge des Prokopus aus dem Bilde, dieselben guten sanften Blicke der Jungfrauen, und dieselben ungleichen Mienen der feindlichen Brüder.

Man ging endlich weiter.

Julianus war der letzte im Harnisch gewesen, aber auch dieser, ein leichtes vergoldetes Ding, war mehr Spielzeug, als Waffe. Nach ihm begannen die kleinen Degen und die Bordenkleider und Reifröcke, und – merkwürdig – war es nun Zufall, oder war es Zeichen jener Zeit, die sittenloser, als eine, auch ihren fahlen Fittig über diesen entlegenen Berg geschattet hatte – die bisherige Reihe bedeutungsvoller Köpfe brach hier ab, und es folgten einige von vollendeter Nichtigkeit, ein Gebäude von Borden und Locken und Angesichter voll Ceremonie und Leerheit. Erst gegen das Ende, bevor der ganze Bilderreigen überhaupt abbrach, gleichsam wie der letzte Glanzblitz einer erlöschenden Flamme, saß noch eine Gruppe, welche Auge und Ahnungsvermögen jedes Beschauers an sich riß; für unsere Freunde aber durch die aberwitzige Vermittelung des alten Mannes wahrhaft erschütternd wurde.

Die Zeit der Borden und Zöpfe nämlich hörte plötzlich bei einem Manne auf, der in ganz fremder Kleidung da saß, die gar keinem Jahrhunderte der Geschichte angehörte; einer Gattung weitfaltigen, rabenschwarzen Mantels mit rother Seide ausgeschlagen. Ein Kopf voll Schönheit und Bedeutung sah ernst, und doch sanft schwärmend daraus nieder: »Jodokus« stand unter dem Bilde. Die Männer sahen ihn neugierig an, den Menschen, von dem so abersinnige Gerüchte umgingen, und der doch so ruhig und @ gelassen-thatfähig aus dem Bilde sah, wie man es etwa von einem Epaminondas erwartet haben würde.

Auf einmal, da sie so hinsahen, ertönte hinter ihnen schüchtern, da er seit langem wieder zum ersten Male das Wort nahm, die Stimme Ruprechts, welcher sagte: »Er hat selbst den himmelblauen Vorhang im Testamente so verordnet, wie er ist, und daß er nur gehoben werde, wenn dringender Grund ist, das Bild zu sehen.«

Die Freunde blickten auf, und wirklich bemerkten sie, was sie im Augenblicke vorher nicht beachtet hatten, daß das Gemälde neben Jodokus mit blauer Seide verhängt war.

»Nun, es ist dringender Grund,« sagte Robert lächelnd, »enthülle das Ding.«

Aber der Alte achtete nicht auf die Rede dieses, sondern mit einem düstern verzagten Seitenblicke Heinrich streifend, sagte er: »ja, ja, es ist dringender Grund – ein dringenderer kann gar nicht sein; aber ich warne euch – ihr werdet euch entsetzen.«

Einen Augenblick zauderte er noch, dann aber that er einen kurzen Zug an einer seidnen Schnur, der Vorhang rollte sich von selber empor, klappte in eine Feder, blieb stehen – und der alte Mann trat weit in den Saal zurück, als wäre er von tiefster Erschütterung ergriffen – aber, was sie sahen, war nicht zum Entsetzen, es war eher lieblich und schön: eine kleine weibliche Figur war auf dem Bilde gemalt, wie ein Kind in sanfter Trauer, und doch wie ein vermähltes glühendes Weib. Ueber dem schwarzen Seidenkleide hielt sie ein lichtes Antlitz, so seltsam und schön, wie eine Blume über dunklen Blättern. Die kleine weiße Hand lag auf Marmor, und spiegelte sich drinnen. Die Augen sahen fremd und erschreckt. Zu ihren Füßen, als friere er, schmiegte sich ein Goldfasan.

Unten im Serpentine stand: »Chelion.«

Die zwei Männer hatten lange und mit größtem Wohlgefallen den Schmelz dieses Bildes betrachtet, aber wie sie sich endlich zum Gehen wegwandten, sahen sie zu ihrem Erstaunen den greisen Kastellan mit äußerster Verzückung nach dem Gemälde starren. Er hatte sich nicht im Geringsten geregt, und war weit hinten im Saale gestanden. Die Freunde richteten bei dieser Erscheinung, gleichsam wie durch Verabredung, noch einmal ihren Blick auf das Bild, und als nach einer Weile Heinrich sagte: »Sie ist aber eigentlich auch wundervoll schön und seltsam,« hörte man den Alten schleichenden Trittes herzugehen, und wie er in die Nähe Heinrichs gekommen, streckte er tastend seine Hand gegen ihn, daß der dürre Arm weit aus dem Aermel des alten Rockes vorstand, und rief mit leiser heiserer Stimme: »Ja, das ist auch entsetzlich, das ist das Unglück, wie sie schön ist, wie sie über alle Beschreibung schön ist – – ich bitt' euch, wahrt eure Seele, Graf Sixtus! auf den Knieen bitt' ich euch, wahret euch vor Versuchung; denn die Hölle hängt nur an einem Haare – – Alles ist gut abgegangen; – er hat sie lieb gehabt, fort und fort, wie der Adler sein Junges, aber da war sie weiß, ehe sie gestorben ist, so weiß war sie, wie die Lilien, die unten im Sumpfe wachsen, und die Häupter auf das schwarze Wasser legen – – und mich hat er oft angeschaut mit den glänzenden Augen – und da er schon den langen, weißen Bart hatte, hat er mich angeschaut mit den schwarzen Augen, wie Nachts die Eule blicket; – aber ich habe die Zähne meines Mundes zusammengeschlossen wie Eisen, und kein Wort durch sie herausgelassen, – und dann hat er mich auch wieder lieb gehabt, und da er unten am Häuschen saß, und die Sonne schien, da hat er meine Hand genommen, und sie gestreichelt, und gesagt: »lieber Ruprecht, lieber Ruprecht!« denn seht – hiebei neigte sich der Greis gegen Heinrich's Ohr, und flüsterte mit bedeutsamem Lächeln – er war seine letzten Tage blöde und wahnsinnig.«

Die zwei Männer schauderte es ins tiefste Mark der Seele und Heinrich trat einige Schritte weg, aber der wahnwitzige Kastellan folgte ihm sachte mit glänzenden Augen: »Er hätte euch über den Stein hinabgestürzt – ihr seid aber auch viel schöner, als er es je gewesen – ich habe ihn recht gut gesehen, wie er bei Prokopus Thurme stand, es war Nacht, und sein schwarzer Mantel war so finster, wie die Wolken, die draußen wehten und Blitze zogen – der Seidenmantel knisterte – und es war eine so heiße Nacht, wißt ihr? und sie dauerte so lange, als wie sonst drei, aber endlich wurde es Morgen und klar, ihr waret fort – – es ist sehr gut, daß ihr fort waret – – und es kamen so schwere, so schwere Zeiten – ich habe euch gesagt, daß sie wie eine Lilie weiß war, und noch kleiner, als sonst immer, und alle sind gestorben, die arme Chelion starb, mein Weib Bertha starb, ihr starbet, und wie er das Schloß angezündet hatte, und unten im Häuschen auch todt lag, lange gestreckt, den weißen Bart, wie ein zerfetztes Banner haltend, da kam ihr Sohn, der arme Christoph – seht ihr ihn daneben – aber er ist auch todt, und Narcissa – und Alle sind sie todt – – ...«

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