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Die Narrenburg

Adalbert Stifter: Die Narrenburg - Kapitel 17
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDie Narrenburg
senderwbergner@aol.com
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»Sie ist stille und gut,« sagte Ruprecht, nachdem er die Kirchthüre gesperrt, und den Schlüssel wieder zu den andern genestelt hatte, »sie saß die ganze Zeit, als ihr in dem Gewölbe unten waret, hier auf dem weißen Steine und athmete ihr Laufen aus, und von dem Händchen quoll ein Blutstropfen, weil ihr sie an den alten Mauern so erschreckt habt, und sie fragte, wer ihr seid, und warum ich euch denn nicht erschlüge, wie den Wolf, der auch im Winter in die Fichtenallee gekommen ist, und mit Hüon spielen wollte. – – Sie wußte nicht, auf welchem traurigen Steine sie saß, und die Worte von den Menschen und Wölfen redete. – – Sehet dieses Ding da sollte, als er ihren Tod erfuhr, nach dem Vorbilde gemeißelt werden, worunter Chelion liegt; aber als ihr das große Pergament brachtet, Herr Syndikus, und von seinem Begräbnisse erzähltet, da raffte der Werkmeister den Hammer und Meißel zusammen, und ging fort, daß nun der eichene Sarg ohne Namen unten stehen muß, und der Grabstein ohne Bedeutung hier oben liegen. Auch der Conterfeier ging fort, und ließ die schönen, grünen, seidnen Vorhänge hängen – und sie hängen noch dort; denn das Grüne hat er sehr geliebt – – und ihr müsset sie Beide züchtigen, Erlaucht, die ungetreuen Knechte. Ach Alles, Alles ist nicht fertig geworden.«

»Lasse uns um Gotteswillen das andere schnell abthun, – mir wird es unheimlich in der Gegenwart dieses alten Mannes,« flüsterte Heinrich seinem Begleiter zu.

»Lasse ihn nur,« versetzte dieser, »er ist ja übrigens ganz harmlos.«

»Ich werde euch nun zum glatten Hause führen,« sagte Ruprecht, »und die Clausur der Frau Hermenegild aufschließen; aber es sind jetzt die Bienen drin – sie thun nichts, und sind nicht wild; denn ich habe ihnen nie Honig genommen, sie tragen viel aus den Linden der Gräber herüber, und der ist süß und duftig – – ich werde euch auch den Wein zeigen – folgt mir nur.«

Und er führte sie durch den Eichenwald dem sogenannten Sixtusbaue entgegen. Sie betraten ihn von der Hinterseite, und fanden wirklich hier den seltsamsten Haushalt: es lief ein langer schmaler Glasgang mit erblindeten regenbogigen Scheiben längs des Gebäudes, und aus einigen zerbrochenen Scheiben desselben wogte es von Bienen aus und ein, und so viel man durch das trübe Glas erkennen mochte, war der Gang, insbesondere die Nischen abenteuerlich mit riesenhaften Waben bebaut, und die allergrößte Thätigkeit herrschte fort, daß es einem ordentlich im Kopfe wirrte und schwirrte, je länger man dem Treiben dieses Knäuels von Republiken zusah, an einem zu solchem Haushalte so unpassenden und ungewöhnlichen Orte.

»Die Nonnen hatten sonst den Gang zum Lustwandeln gehabt,« sagte Ruprecht, »aber das ist nun nicht mehr möglich, weil sie todt sind, und wir können auch nicht dort gehen, wegen der Bienen; ich werde aber öffnen, wo wir durch die Zellen der heiligen Frauen kommen. – Im Winter gebe ich dem kleinen Geflügel immer Stroh; Graf Christoph nahm ihnen noch Honig, denn er war ihr Herr; aber ich lasse sie fortbauen, und es sind schon manche Schwärme in die Fichtau hinausgeflogen, weil sie meinten, es sei hier zu enge, oder weil sie thaten, wie die Jugend überhaupt zu thun pflegt. Da die Frau Gräfin Hermenegild, als ihr Herr, Ubaldus, im heiligen Kriege gefallen war, die Zellen eingerichtet, und die heiligen Frauen zur Anbetung Gottes berufen hat, dachte sie nicht, daß in den schönen Glasgang diese Bewohner kommen würden – – ja damals sind sie gewandelt, und haben kunstreiche Arbeiten gemacht, die noch alle im rothen Saale aufbewahrt sind; aber weil die Zellen nicht von dem heiligen Vater geweiht waren, so wurde es nach dem Tode der Frau Gräfin untersagt, daß sie weiter bestehen; und die letzte der Nonnen starb, da mein Urgroßvater ein Kind war. Er ist auch Castellan gewesen.«

Und bei diesen Worten hatte er ein Thor am Ende des Glasganges geöffnet, und führte sie nun durch Zellen und Gemächer, durch Refectorium und Sprechsaal – und sie sahen all das dumpfe bestaubte Geräthe, die schwarzen Bilder, die blinden Fenster, und die zerfetzten Tapeten der Nonnen.

Gegen Ende dieser Dinge, wo wieder die andern Gemächer des Hauses beginnen, war Einiges in Schutt, und allerlei Gänge öffneten ihre Höhlen. Hier sagte Ruprecht heimlich zu Heinrich, er sollte mit ihm gehen; denn er müsse ihm allein etwas zeigen. Heinrich zauderte Anfangs ein wenig, aber durch Robert ermuthigt folgte er dem Alten. Dieser gab in Miene und Bewegung alle Zeichen der höchsten Freude zu erkennen, führte ihn Trepp' auf Trepp' ab, sperrte Thüren auf und zu, machte endlich am Ende eines verfallenen Ganges Licht, und stieg mit ihm eine Wendelstiege hinab. Dort öffnete er ein äußerst kleines Thürlein, und führte Heinrich hinein: und siehe, da lag weithin Faß an Faß, der Greis in höchster Freude und Befriedigung zeigte darauf, und sagte: »Ich habe das Alles bewahrt; der große Eingang ist verschüttet, und diese Treppe wußten sie nicht, da sie kamen, Alles zu beschauen. – Ich allein habe den Wein gepflegt, und pflege ihn noch; ich trinke keinen Tropfen – gebt mir nur ein wenig, wenn ich alt und krank werde – ich zeige dem Andern, der mit euch ist, nichts; denn sie wollen unser Eigenthum verzetteln, und ich hätte ihn auch gar nicht in das Schloß gelassen, wenn nicht ihr mit ihm gewesen wäret,« und bei diesen Worten brach er in ein kindisches Schluchzen aus, und ehe es Heinrich hindern konnte, hatte er sich niedergebückt und dessen rechte Hand geküßt, indem er lallend und bittend sprach: »Seid nur nicht mehr zornig, nun ist ja Bertha längst gestorben – und sehet, ich habe für Alles und Alles gesorgt und es gehütet, wie mein eigenes Herz. O, ich habe unsäglich viel ausgestanden.«

Heinrich konnte seine äußerste Erschütterung nicht bergen, und der Gedanke, der in seinem tiefsten Innern saß, die fast unglaubliche Ahnung, die ihn hieher geführt, die Ahnung, die er nicht einmal seinem Freunde zu offenbaren gewagt, schien sich hier an dem Wahnwitze eines alten Mannes zu verkörpern und zu offenbaren.

»Wenns ist,« dachte er, »wenns ist – – !«

Er zitterte fast, nur um ein Haar breit in der verdunkelten Seele des Andern weiter zu forschen, um sie nicht noch tiefer zu zerrütten. Die Verrückung jener Gesetze, auf deren Dasein im Haupte jedes Andern man mit Zuversicht baut, als des Einzigen, was er untrüglich mit uns gemein hat, trägt etwas so Grauenhaftes an sich, daß man sich nicht getraut, das fremdartige Uhrwerk zu berühren, daß es nicht noch grellere Töne gebe, und uns an dem eigenen irre mache. Auch verlangte der Alte kein Zeichen, weil er sich selbst Rede und Antwort gab. Mit haushälterischer Geschäftigkeit führte er ihn von Faß zu Faß, zeigte die Neunziger, die Eilfer, den vom Rhein, die Ausländer, die Spanier, die Portugiesen – er zeigte ihm die Vorrichtungen, mit denen er nachfülle, die Fässer rein halte, die Luft wechsle – – in Allem diesen zeigte sich die bewundernswertheste Zweckmäßigkeit. Er wurde immer vergnügter und da er die wirklich erstaunliche Reihe von Fässern gezeigt hatte, näherte er sich vertraulich dem Ohre Heinrichs, und sagte heimlich: »Das ist der neue Syndikus der schwarzen Stadt; sagt ihm kein Wort von dem vielen mächtigen Weine; denn sie versiegeln Alles, bis Graf Christoph kommt: aber der kommt nicht mehr, und ist todt, und im Mohrenlande begraben – auch Steuer und Abgaben gehen immer ein, und werden im Rathhause der schwarzen Stadt aufgehoben. Geht nur gleich, wie ich schon gesagt, in die grüne Stube, wo sie schon Alle warten.«

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