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Die Narrenburg

Adalbert Stifter: Die Narrenburg - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDie Narrenburg
senderwbergner@aol.com
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Indeß warf oben das Kind die Arme empor, und rief: »Ich sehe hierhin, und dorthin, ich sehe alle Mauern, alle Bäume und die ganze Welt.«

Es schien, als hänge ihr lichtes Kleid, wie eine weiße Sommerwolke im Himmelsblau draußen – die Männer standen regungslos, um sie nicht zu erschrecken und zu stören – endlich verschwand sie plötzlich oben, man hatte kaum gesehen, wie sie von dem Geländer gestiegen, und durch die Mauer hineingekommen war – und fast in dem nämlichen Augenblicke wurde sie unten auf dem Rasen sichtbar, wie sie durch eine kleine Bresche neben Himbeergesträuche heraustrat. Sie blieb stehen, als bemerke sie die Fremden erst jetzt, zögerte, sah sie eine Zeit lang mit wilden schwarzen Augen an, dann aber ging sie zuerst langsam um die Mauerecke, scheu und wild, wie eine junge schlanke Pantherkatze, dann fing sie an, den jenseitigen Rasenhang hinab zu laufen – der Hund hinter ihr, und die Freunde sahen noch, wie sie weiter unten das mächtige Thier mit beiden Armen umschlang, und sich mit ihm durch Gras und Gebüsche hinabschleifte, bis sie Beide nicht mehr sichtbar waren, und nur die Büsche wogten.

»Wir werden jenes Loch zumauern, Erlaucht,« sagte Ruprecht flüsternd, indem er hinzeigte, und in seinen Gesichtsfalten Zorn und Todesblässe schlotterten, »im Parthenon liegen noch Ziegel, sie werden ohnedieß nicht gebraucht.«

Dann fuhr er fort, als hätte er seine Begleiter vergessen: »Die Raben des Grahns werden kommen, über meine Hütte fliegen, und mir Botschaft bringen, wenn sie schon Tagelang nicht nach Hause gekommen ist – weil sie auf einem rothen Steine liegt; die gierige Kohlmeise wird ihre Aeuglein ausgehackt haben – oder die Wasser der Pernitz werden um ihre zarten Glieder waschen, und die Fische werden heimlich herumschießen, wie stumme Pfeile, hastig zupfen, und sich um das Stückchen balgen, das einer erwischte – – ich werde indeß suchen, und suchen, immer, immer – – und werde dann zum fürchterlichen Himmel heulen, daß die Sterne daran zittern; denn sie ist das Allerschönste auf der Erde, das Schönste zwischen Sonnen und Sternen, wie Narcissa war.«

Einen tiefen furchtsamen Blick warf er gegen Heinrich, und sagte: »Ich werde öffnen; denn ich halte immer gesperrt

Und er drehte große Schlüssel in dem knarrenden Schlosse – aber es war lächerlich, zu schließen, wo nichts zu verschließen war; denn alle Mauern klaften, eine breite sanfte Treppe führte zu Schutt, durch die Fenster wehte die Luft, kein Getäfel und Holz war mehr zu schauen, der Marmor der Gänge und Säle war erblindet, steinerne Stiegen hingen in der Luft, Mörtel rollte und rieselte allseits, ein buntes Lichterspiel flimmerte, und hellgrüne Pflanzen taumelten, wo ein Lüftchen zog, oder ein Strahl hinküßte. Ueber eine jener hängenden schief gesunknen Stiegen mußte das Mädchen zu dem hohen Balkone gelangt sein.

Nachdem sie über Kalkhügel und Steinhaufen gegangen, durch Breschen und Thürlöcher gekrochen, ohne das mindeste Merkwürdige getroffen zu haben, verlangten sie hinaus, und der Greis führte sie durch ein anderes Thor, das er ebenfalls sorgsam hinter sich verschloß, in den Garten des Hauses. Es war ein langes Viereck, zu dessen beiden Seiten Mauerwerk lief, nicht hoch über dem Boden zwei lichte freundliche Säulengänge führend. Von hinten war das Viereck durch einen mächtig großen Marmorfels geschlossen.

Wenn ein Wald oder Garten auch eine Ruine sein könnte, so wäre es dieser gewesen. Eingesunkne Gartenbeete, blecherne Blumentäfelchen mitten im Grase, eine fröhliche Wildniß von Unkraut, ein verdorrter Obstbaum, ein anderer ein bloßer Pflock mit zwei grünen Wasserschößlingen, ein dritter mit herrlicher Frucht, eine zwecklose späte Gabe – die Pfirsichzweige an der Wand, einst die Liebe und der Stolz des Herrn, hingen seitwärts, unangebunden, unfruchtbar, wie schlechte Weidenruthen – eine Ulme war emporgeschossen, und streckte ihre Zweige lustig in den Säulengang hinein. Tausend Bienen und Käfer summten und arbeiteten in den üppigen Blüthen des Unkrautes.

Mitten hindurch aber ging ein breiter schöner Weg, als wäre täglich jemand darauf gewandelt, oder als wäre er gestern erst gemacht worden. Heinrich hatte auch bemerkt, daß in der Ruine von dem einen Thore bis zum andern über die Schutthügel ordentlich ein getretener Weg laufe. Sie gingen den Garten entlang. Wie sie immer näher kamen, so stieg ihnen der rothe Fels stets größer entgegen, und Heinrich bemerkte endlich, daß in denselben eine hohe Pforte gehauen war, mit einem eisernen Thore verschlossen, daran eiserne Schlösser hingen, mit dem gräflichen und den Gerichtssiegeln versiegelt. Es war dieser Felsen der sogenannte rothe Stein, in dem die Lebenserzählungen aufbewahrt waren, und dessen Bedeutung Heinrich von Robert aus den Gerichtspapieren erfahren hatte.

Seitwärts dem rothen Steine war der Kirchhof des Schlosses. Ein anderes Thor, nicht massiv, nicht versiegelt, sondern ein hohes breites Eisengitter, führte hinein. Es war auch ein Garten, aber statt der Blümlein war nur ein dunkler hingehender Rasen, statt des Obeliskes ein weißes Crucifix in Mitte von vier Linden, und statt des Gartenhauses eine Kapelle von den Eichen überschattet, die draußen in dem Walde des Julian standen.

»Die Bücher, so in dem Gewölbe dieses rothen Steines sind,« sagte Ruprecht, »reden nur zu Leuten, die aus dem Blute unsrer Grafen stammen, und jeder Tropfen ist aufgeschrieben, der seit siebenhundert Jahren aus einem ihrer Herzen rann, und keiner darf die Schrift lesen, der nicht ein Kind desselben Geschlechtes ist. Ihr seht, daß die Thore des Steines versiegelt sind, ihr könnt nicht hinein, aber zu dem andern habe ich die Schlüssel.«

Und er schloß das Gitter auf, und führte sie durch eine heitere Allee von Linden auf den Kirchhof. Es war der stillste Ort, den Heinrich noch auf dem Berge gesehen hatte, fast zum Frieden und Schlummer ladend; denn von drei Seiten war er durch den Eichenwald des Julian umgeben, so daß beinahe kein Lüftchen, ja kein Ton von außen zu dieser Insel dringen konnte: von der vierten Seite stand das alte Schloß und die Lindenallee, grau und grün gemischt – und von oben war die tiefe Bläue des Himmels und das niederfließende Gold der Sonne. Auch war jene wimmelnde Bevölkerung von Kreuzen und Zeichen nicht da, womit sonst so gerne die Erhabenheit eines Todtengartens zerstört wird, und womit der Mensch seine armen Flitter auch in dieses ernste Reich hinüber trägt, sondern auf dem gleichen Rasen waren nur einige unbedeutende Merkmale, die Ruhestelle treuer Diener des Hauses bezeichnend, und in der Mitte stand ein hohes Kreuz von weißem Marmor, als Zeichen des allgemeinen Friedens und der allgemeinen Gleichheit. Viele Mitglieder des Geschlechtes ruhten ohne Grabmerkmal, wie sie es verordnet, unter der allgemeinen einfachen Decke des Rasens; andere aber lagen mit Wappen, Zeichen, Zierden und Prunk in der weitläufigen Gruft unter der Kapelle. Heinrich und Robert stiegen in diese Gruft hinunter; Ruprecht, der sie ihnen aufgeschlossen hatte, blieb oben auf einem Marmorwürfel sitzen, der aussah, wie ein unfertiger Grabstein. Die Gruft hatte nichts anderes, als eben Grüfte zu haben pflegen: Särge, Wappen, Vergänglichkeit – alles bedeckt mit Pomp und Moder, nur ein einziger Sarg stand da, ganz einfach von Eichenholz gezimmert, ohne das geringste Zeichen, ja sogar ohne Namen. Sie stiegen nach einiger Betrachtung wieder hinauf, und wie sie aus dem dunklen Thore der Kapelle ins Freie traten, hörten sie ein plötzliches Rauschen, und sahen noch das Wegflattern des Gewandes, und den Sprung des Hundes. Das wilde, scheue Kind, Pia, war in ihrer Abwesenheit bei Ruprecht gewesen und hatte bei ihrer Ankunft die Flucht ergriffen; sie sahen nur noch, wie sie hinter einen Hollunderbusch, der an der Kirchhofmauer stand, verschwand, aber dort stehen blieb, und durch eine Oeffnung ihr schönes Gesichtchen herausbog und halb dreist, und halb geschreckt mit den übernatürlich glänzenden, schwarzen Augen die Fremden anstarrte – aber wie sich Robert nur regte, so zuckte sie weg, und wurde erst viel später wieder gesehen, wie sie mit Hüon auf einer rothen Felskuppe stand. Von da an sah man sie bis gegen Abend nicht wieder. Heinrich konnte sich eines unheimlichen Gedankens nicht erwehren, wenn er sich diese zwei Wesen als die einzigen Bewohner des Berges dachte; den märchenhaft alten, blödsinnigen Mann, und das verwahrloste zartgliedrige Wesen, das in seiner Gesellschaft zu einem Wüstenvogel aufwachsen muß, der entsetzt aufflattert, wenn ihm die schöne Bildung eines Menschenantlitzes sichtbar wird.

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