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Die Narrenburg

Adalbert Stifter: Die Narrenburg - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDie Narrenburg
senderwbergner@aol.com
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Heinrich hatte nehmlich von Robert das Versprechen erhalten, daß er sich bemühen wolle, ihm den Eintritt in den verfallenden Rothenstein zu verschaffen, und daß er ihm den Erfolg seiner Bemühungen in einem Briefe mittheilen werde, der zugleich Ort und Zeit der Zusammenkunft feststelle.

Ehe wir sie nun auf den alten Berg und in das alte Schloß geleiten, ist es uns noch gegönnt, den letzten Rückblick in das Fichtauer Thal zu thun, und zu sagen, daß die Forellen des Vater Erasmus ganz vortrefflich waren, daß Thrine, Anna, Robert und der Wanderer beim Schmiede im Garten speis'ten, daß nach Tische ein ergötzliches Scheibenschießen war, daß sich manche heitere und lustige Gäste in der grünen Fichtau vorfanden, daß Anna im Laufe des Abends einmal der schneeweißen Thrine ohne allen Grund um den Hals fiel, und endlich, daß die Stadtleute erst nach Hause fuhren, da schon alle Sterne am Himmel standen. Gleich darauf, da schon auch alle Lichter der grünen Fichtau ausgelöscht waren, trat der Mond heimlich über den Berg herüber, und schaute in den Garten, ob er wieder das süße, flüsternde, verstohlene Glück erblicke, wie gestern – allein es war nicht da; Gebüsch und Garten standen leer, und die ganze Nacht erblickte er nichts anderes, als die glänzenden Lichttropfen der Gräser, und das silberne Rieseln der Wasser.

Dem bewegten Sonntage folgte die arbeitsvolle Schleppe der Woche: Simon und der Schecke fuhren landaus, landein, die Sägemühle kreischte, die Schmiede tosete; Erasmus handirte und wirthschaftete, Anna ging hier und dort, oder stand und dichtete. Freilich hielt sie treu ihr Wort in Hinsicht des freundlichen Anschauens, aber auch in Hinsicht der Weigerung, je wieder mit Heinrich allein beisammen zu sein. Er sah sie nur von ferne, er sah sie gehen und kommen, oder ihr liebes Kleid sanft schimmern zwischen den Büschen des Gartens.

So verging die Zeit. Der Flachs blühte im Asang draußen immer blauer und blauer, die Tage wurden einer schöner als der andere, und so kam endlich auch wieder der Samstag, und mit ihm der Schecke, und Simon, und auch der Brief von Robert. Nachdem ihn der Wanderer gelesen, zahlte er an Vater Erasmus die Wochenrechnung, sagte, daß er heute nicht die Knechte aus den Gebirgen, die Jäger und andere Samstagsgäste der grünen Fichtau abwarten könne, sondern, daß er noch heute nach Priglitz gehen, und bei Robert übernachten wolle – etwa nach ein paar Tagen komme er wieder zurück; seine Sachen sollen indeß auf seinem Zimmer verschlossen bleiben.

Und somit war dieß unser letzter Blick in die Fichtau. Heinrich ging erst spät Abends fort, und wie er der Steinwand entlang ging und um sie herumbog, so versank hinter ihm und auch hinter uns die ganze liebe grüne Fichtau mit allen ihren bereits angezündeten Lichtern, mit ihren fröhlichen Samstagsgästen, und dem abendlichen Klingen der Zittern. Nur die rauschende Pernitz ging mit ihm, und erzählte und plauderte ihm in der Finsterniß vor, bis sie Beide hinauskamen in das breitere Thal und an die Mauern von Priglitz.

Des andern Tages war wieder ein Sonntag, der nächste seit jenem, wo wir die Gesellschaft auf ihrer Kirchenfahrt begleitet hatten; aber heute finden wir die zwei Freunde, Robert und Heinrich, allein, wie sie, ehe noch die Strahlen des ganz heitern Tages heiß zu werden begannen, den verhängnißvollen Berg zu dem Schlosse Rothenstein hinanstiegen. Den ebenen Weg hatten sie mit einem Wagen zurückgelegt. Am Fuße des Berges nahm sie eine Allee uralter dichtbehaarter Fichten auf, und leitete sie empor. Die laue Vormittagsluft seufzte schwermüthig in den Zweigen, und je höher sie kamen, wurde es immer einsamer, und das sonntägliche Schweigen der Fluren wurde immer noch tiefer und noch schweigender. Endlich gelangten sie zu einer grauen, von dichten Fichtenzweigen gestreichelten eisenglatten Mauer von ungewöhnlicher Höhe. Dem Fahrwege der Allee gegenüber stand der weiße Fleck des zugemauerten Thores, und darüber starrten mißstimmige Trümmer eines Wappens.

Robert duckte sich unter das zwischen den Fichtenstämmen wuchernde Haselgesträuch, ging etwas neben der Mauer fort, und dann drückte er gegen einen hervorstehenden eisernen Knopf, worauf im Innern eine grelle Glockenstimme antwortete. Allein, nachdem die unaufhörlich wackelnden Töne des Metalles geendet hatten, war es wieder stille, wie zuvor, nur daß sich in der beginnenden Tageswärme ein vielstimmiges Grillenzirpen auf dem Berge erhob.

Vergeblich rief Robert: »He, Holla! ich bin es, der Sindikus, den du einzulassen versprochen.« Es erfolgte keine Antwort. Nur sah Heinrich, da er zufällig emporblickte, am Mauerrande ein Haupt: Gesicht und Haare so grau, wie daneben die uralte Steinmetzarbeit, und die Augen starr auf die beiden Männer geheftet. Nach einer Weile verschwand es, und kurz darauf hörte man ein seltsames Aechzen und Knarren in der Mauer, und zum Erstaunen des Wanderers schob sich ein Stück derselben gleichsam ineinander, und es wurde die dunkle Mündung eines Pförtchens sichtbar, darinnen, wie in einem Rahmen eine große Gestalt stand, dieselben steingrauen Gesichtszüge tragend, die Heinrich auf der Mauer gesehen hatte, nur ein Lächeln war jetzt auf ihnen, so seltsam, wie wenn im Spätherbste ein einsamer Lichtstrahl über Felsen gleitet. – »Geht nur gleich in den grünen Saal,« sagte die Gestalt.

»Sei gegrüßt, Rupprecht,« sagte Robert, »zeig uns den grünen Saal, und Alles andere auch, wenn es dir genehm ist.«

Ohne alle Antwort wich der Mann zurück. Sie traten ein, und in demselben Augenblicke ging ein fürchterlicher, ein zärtlich gewaltiger Ton über ihren Häuptern durch die Luft.

»Es ist nur die Geige des Prokopus,« sagte der alte Mann, »schreitet herein, Erlaucht, in die Stadt des alten Geschlechtes.«

Bei diesen Worten verbeugte er sich gegen Stellen, wo Niemand stand –; und dann richtete er den Mechanismus der Mauer. Es hob wie eine ablaufende Thurmuhr zu schnarren an, schwenkte herum, und schloß sich, so daß der Ort kaum zu erkennen war, durch den sie hereingekommen.

Die Freunde standen aber nun innerhalb der Mauer nicht etwa auf einem Schloßplatze oder dergleichen, sondern wieder im Freien, und vor ihnen stieg der Berg sachte weiter hinan, nur war seiner Senkung ein breites, weites räthselhaftes Vieleck abgewonnen, auf dem sie sich eben befanden; es war mit Quadersteinen gepflastert, aber aus den Fugen trieb üppiges Gras hervor, und die heiße Sommersonne schien darauf nieder. Mitten auf dem Platze lagen zwei schwarze Sphinxe, mit den ungeheuren steinernen Augenkugeln glotzend, und zwischen sich das ausgetrocknete Becken eines Springbrunnens hütend, aber aus dem aufwärtszeigenden Stifte sprang kein Wasser mehr; der Wind hatte das Becken halb mit feinem Sande angefüllt; aus den Randsimsen quollen Halme und dürre Blümchen; und um die Busen der Sphinxe liefen glänzende Eidechsen.

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