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Die Narrenburg

Adalbert Stifter: Die Narrenburg - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDie Narrenburg
senderwbergner@aol.com
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»Wenn ich aber nicht gerne, nicht recht gerne fortgehe,« erwiederte sie treuherzig, – »nicht wahr, Vater, so soll mich keiner aus der schönen Fichtau fortbringen?«

Und wie sie hiebei so die bewußtlos schönen Augen gegen den Vater richtete, so rieselte es ihm, der ohnedieß närrisch über sie war, wie von lächerlichem Stolze und von lächerlicher Freude durch die Glieder und er platzte los: »Das soll er auch nicht – ja ich sage dir, wenn du nicht ein Glück machst, daß du ordentlich darnach zitterst, so darfst du nicht aus dem Hause – ein Glück mußt du machen, daß die ganze Fichtau die Hände zusammenschlägt.«

Ueber Anna's Angesicht floß bei diesen Worten ein Purpur, so tief und schön, wie der der Rosen in ihrer Hand; zwei reine zentnerschwere Augenlieder lagen tief herab gesenkt, und sie ging augenblicklich in den Garten zurück. Dort trat sie vor einen Fliederstrauch, schnitt aber nichts ab, sondern stand davor, und blickte ihn bloß an – oben im Gemache stand Einer, und drückte sich die Hand an seine Stirne – – nur die zwei arglosen alten Männer standen auf der Gasse, und plauderten fort.

»Ihr habt da eine gottlose hoffärtige Rede gethan, Erasmus,« sagte der Boten-Simon; »wenn ihr eurer Tochter ein so vermessenes Glück erzwingen wollet, daß es über alle Menschlichkeit hinausgeht, so seht zu, daß euch Gott nicht mit ihrem Unglücke strafe.«

»Nun es ist nicht so arg gemeint,« fiel ihm der Fichtauer Wirth in die Rede, »wenn es nur ein tüchtiger Mann ist, kein so Haselant, wie der Stadtschreiber, mit dem der Schmied prahlt, sondern ein franker Biedermann, der seine Geschäfte rasch weg thut, schön und jung und freundlich ist, und die Anna ein wenig hätschelt, weil sie's gewohnt ist. Ein paar Pfennige muß er haben, und dann legt sie das ihrige dazu; denn mein einziges Kind geht nicht leer aus der grünen Fichtau – und verdient sie es denn nicht? sagt, Simon, ist sie nicht ein Ding, daß es ordentlich eine Schande ist, daß ich ihr Vater bin? – Nur meinen Kopf hat sie nicht; sie geht zu viel auf Faselei und Zeugs – das hat sie von der Mutter.«

»Ja, ja,« sagte Simon, »sie ist absonderlich geworden; ich dutze sie schon seit einem Jahre nicht mehr, aber ich glaube immer, ihr habt sie vermessen über ihren Stand erzogen.«

»Das soll sie auch,« erwiederte der Wirth, »sie soll über ihren Stand, darum that sie noch keinen Schritt in die Schenkstube, und darf in der Wirthschaft nichts anrühren – und damit ist's gut. Ich muß jetzt zu dem Wagen schauen. Lebt wohl.«

»Der ist nunmehro auch ein Narr,« sagte der Boten-Simon, indem er dem Abtretenden nachsah, und seine Pfeife fortrauchte.

Es hatten sich mittlerweile mehrere jener Gebirgswagen auf der Gasse der grünen Fichtau eingefunden, in denen die wohlhabendere Klasse an Sonn- und Feiertagen zur Kirche zu fahren pflegt. Auch von Fußgängern hatte sich Einiges hingesellt.

Da die Gebirgsbewohner zerstreut mit ihren Gehöften in den Bergen sitzen, da die Gebirgskirchwege oft meilenlang sind, so hat sich die Sitte gebildet, ein wenig bei der grünen Fichtau anzuhalten, um sich zu sehen, zu besprechen, und etwa ein kleines zweites Frühstück zu halten.

So war es auch heute. Sowohl auf der Gasse als auch in der Stube waren Gespräche, und Boten-Simon war bald von mehreren Gruppen umstanden, wo er bald mit Diesem bald mit Jenem ein Weniges redete.

Das Zimmer des Naturforschers im oberen Stockwerke erglänzte indeß freundlich von den Strahlen des Morgens, und sein Schimmer fiel auf die allerlei Stufen und Steine, die umherlagen und traurig funkelten, oder auf Kräuterleichen, deren dürre und spröde Gerippe die wohlthuende Helle und Wärme nicht mehr empfanden, die durch die Fenster herein wallte, und die ihnen einst auf ihren freien Bergen so herrlich war; der Mann aber ging zwischen diesen Sachen auf und nieder, und sann nach.

Da war er vor wenig Wochen in ein schönes Thal voll grüner Pflanzen und freundlichen Gesteins gekommen – auch ein schmuckes Mädchen hatte er gefunden – – und wie war denn nun Alles? Die Tage waren so linde, so schmeichlerisch, und so unschuldig über seinem Haupte weggegangen. Keiner brachte etwas neues, in keinem ist etwas geworden – sie heischte nicht, sie forderte nicht, sie hoffte nicht – – und wenn er sie nun so stille, so sinnend, so brütend stehen sah: da war in ihm ein solches Uebermaß von Neigung und Erbarmen, daß er sich nicht zu helfen wußte. Er hätte sich alle Adern öffnen lassen, wenn es nur ihr, nur ihr Linderung und Glück zu bringen vermocht hätte. Er wäre gerne an das Fenster getreten, um hinabzusehen, aber er getraute sich nicht; denn er fürchtete sich, daß sie noch immer am Flieder stehen und sinnen möchte.

Nachdenklich blieb er vor seinen Pflanzen und Steinen stille stehen, und dachte: »O du süßes, unerforschtes Mährchen der Natur, wie habe ich dich immer und so lange in Steinen und Blumen gesucht, und zuletzt in einem Menschenherzen gefunden! O du schönes, dunkles, unbewußtes Herz, wie will ich dich lieben! Und ihr Blüthen dieses Herzens, ihr unschuldigen, beschämten, hülflosen Blicke, mit welcher Freude drück' ich euch in meine Seele!«

So dachte er oben; unten aber rief die Stimme des wieder auf die Gasse gekommenen Vaters: »Ei, da hast du ja einen gewaltigen Pack von Blumen und Kraut aus dem Garten geplündert, und trägst dich damit, wie unser Pflanzenmann, wenn er das Gras von unsern Bergen schleppt.«

Der Wanderer trat ans Fenster.

»Es ist nur, Vater,« sagte Anna, »weil ich Thrinen einen recht vollen Strauß mit in die Stadt bringen will, weil, sie in dem großen, widerwärtigen steinernen Hause keine Blumen haben. Und wie man sie in einen Strauß ordnet, daß es schön sei, habe ich von unserm Gaste gelernt, der mehr von Blumen versteht, als wir alle zusammen im ganzen Fichtauer Thale. Es ist auch ein wunderbares Leben in ihnen, hat er gesagt, und ich glaube es – und gewiß haben sie noch recht liebe, kleine Seelen dazu. Er weiß schon, warum er sich so mit ihnen abgibt.«

»Ja, ja, ja, ja, Leben und Seelen und Katzen,« erwiederte der Wirth, »sieh nur zu, daß du einmal mit deinem Kirchenanzuge fertig wirst; pünktlich nach einer halben Stunde wird abgefahren.«

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