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Die Narren der Liebe

Maurus Jókai: Die Narren der Liebe - Kapitel 9
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleDie Narren der Liebe
publisherOtto Janke
yearo.J.
printrunVierte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180501
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6. Dame und Weib.

Einen Monat darauf sind wir schon zusammen in Pest. In den Gesellschaftskreisen kennt man Lemming bereits. Malwine ist die am meisten genannte Dame. Eine strahlende Schönheit. Jedermann bewundert sie. Aus ihrem Antlitze leuchtet von weitem jener eigentümliche Glanz; an dem man glückliche Frauen zu erkennen vermag.

Als diese Frau noch an der Seite eines Mannes war, der selber glänzte und funkelte, bemerkte man sie nicht, so wenig wie den Mond, wenn er uns die dunkle Hälfte zukehrt; und jetzt zieht sie jedermann hinter sich her, der zu jenem Somnambulismus inkliniert, den ein magnetisches Frauenantlitz erzeugt, wie der Mond, wenn er der Sonne gegenübersteht.

Wer ist denn aber diese Sonne, dieser Lemming? Betrachten wir uns ihn ein wenig näher.

Was sein Gestirn betrifft, so ist er Spekulant und Finanzier, der schon mit seinem körperlichen Wachstum das Geschäft so glücklich begann, daß er drei Zoll unter dem niedrigsten Rekrutenmaß zurückblieb, und somit 1500 Gulden ersparte, die seine mehr in die Höhe geschossenen Altersgenossen als Militärbefreiungstaxe dem Staat auf die Hand zu zählen genötigt waren. Seine Gesichtszüge sind die eines greisen Knaben; seine äußere Erscheinung ist jedoch die modische Eleganz selbst.

Doch ich denke, wir möchten auch gern erfahren, welche seiner Eigenschaften es verursachte, daß Malwine sich an seiner Seite als glückliche Gattin fühlte. Ich trage fast Scheu, dies Geheimnis zu lüften, und sehe mich erst um, ob nicht ein unschuldiges Gemüt in meiner Nähe ist, das von solchen Dingen noch nichts wissen sollte. Jene geheime gute Eigenschaft des Herrn Lemming also, durch die er Malwine zu solch glücklicher Frau umzuzaubern weiß, besteht in Wahrheit darin, daß er – den ganzen Tag über nicht zu Hause ist. Beständig befindet er sich auf Reisen; immer läuft er seinen Geschäften nach; jedes Zusammentreffen mit Malwine ist entweder ein Abschied oder ein Wiedersehn.

Was hat denn aber Lemming von dieser schönen Frau?

Was er von ihr hat? Nun, sie dient ihm eben als ambulante Firma.

Eine schöne Dame, von der die ganze Welt spricht, wobei ja immer auch der Name des Mannes miterwähnt wird, – kann man sich eine wirksamere Reklame denken? Die Freundschaft aller Zeitungsschreiber in der Welt vermag von einem Geschäftsmann nicht soviel Lärm zu schlagen, als eine schöne Frau es zu thun im stande ist.

Besuchen Sie nur, meine Gnädige, alle Bälle, alle Theater, alle Wettrennen und alle Konzerte; tragen Sie Ihr Haar bald zu einem Thurm aufgebaut, bald zu einer Schnecke gedreht, bald medusenartig zerzaust, bald als keilförmigen Polypen oder herabwallend wie eine Seejungfer, heute rötlich gefärbt, morgen mit Goldstaub gepudert; kleiden Sie sich als Pfau mit Pfauendiadem, nachschleppendem Schweif; zeigen Sie Ihre plastisch schönen Arme, Ihre verführerischen Schultern, Ihren samtweichen Busen dem Publikum; lassen Sie den Brillantschmuck auf den weißen Armen in allen Farben des Regenbogens glitzern; erscheinen Sie heute als Nachtschmetterling in bizarren, schwarzen, rubinfunkelnden Schwingen, morgen als Königin des Ostens mit neuen Einfällen die jeder Mode ins Gesicht schlagen; kehren Sie die Mode des Tages um, erobern, bezaubern Sie und reißen Sie mit sich fort! Das alles ist nötig für das Geschäft.

Denn alle diejenigen, welche zu Ihren Füßen liegen, Sie bewundern und von Ihnen hingerissen sind, sowie alle, welche mit Ihnen rivalisieren, Sie beneiden und Sie verklatschen, und nicht minder auch alle, welche sich über Sie ärgern, die Nase rümpfen und kritisieren, sie insgesamt verkünden laut der Welt, daß die Firma Lemming etwas Großartiges, Unerreichbares, Außerordentliches ist.

Und das wirft seine sicheren Prozente ab.

Aber auch noch zu etwas anderem ist es gut, eine schöne Frau zu haben.

Es giebt Dinge, welche für Männer nur um schweres Geld, für Frauen jedoch sehr billig zu haben sind. Damit niemand hierbei auf frivole Gedanken kommt, will ich gleich sagen, was das für Dinge sind.

So hätte z. B. jenes Unternehmen, dem zu Liebe die Firma Lemming es der Mühe wert hielt, ihren Wohnsitz von Wien nach Pest zu verlegen und das ein sehr einträgliches Unternehmen ist, Herrn Lemming wer weiß wie große Opfer gekostet. Es giebt Leute, die auf diesem Felde Erfahrungen besitzen. Frau Lemming dagegen kaufte sich für 50 Kreuzer eine Photographie. Mit dieser Photographie kaufte sie sich einen berühmten Mann, und um den Preis dieses berühmten Mannes erhielt dann ihr Herr Gemahl das fragliche Unternehmen. Und solcherlei Kleingeld giebt es noch mehr auf der Welt. – –

Also zwei Monate nach jener Zeit, wo Ferdinand Harter sich zu dem Schritte entschlossen hatte, der ihn in eine ganz neue Sphäre brachte, erschien Herr Andjaldy eines Tages um 12 Uhr bei Frau Lemming zum Besuch.

Die Dame besaß eine prächtige Wohnung in einer der schönsten Straßen der Leopoldstadt, und ihre Salons wurden auch von der vornehmen Welt besucht.

Andjaldy fand den Kammerdiener im Vorzimmer und übergab ihm seine Visitenkarte; der Kammerdiener ging hinein ihn anzumelden, riß, zurückkommend, die Flügelthüren weit auf und ersuchte ihn hinein zu spazieren, wie dies beim Empfange großer Herren Sitte ist.

Die Dame war in schweren Brokat gekleidet, in Empfangstoilette, an den Händen Halbhandschuhe: sie saß auf einem Sofa von Seidendamast und bedeutete Herrn Andjaldy mit einer reizenden Handbewegung, auf dem Schweizer Lehnstuhle Platz zu nehmen.

Herr Andjaldy gehörte, wie es schien, nicht auf das Niveau der Leute, für welche man ein Lächeln in Bereitschaft hält; die Dame bequemte sich ihm gegenüber bloß zu dem Tone gnädiger Herablassung. Er ist ja nur Sekretär! Etwas ferner, aber nicht mehr in einem Schweizer Armstuhl, sondern nur auf einem ganz gewöhnlichen, saß noch irgend ein Fräulein, gleichfalls in einem Seidenkleide. Wahrscheinlich eine Gesellschaftsdame. Außerdem waren noch Ölgemälde vorhanden und in einem Messingkäfig ein Papagei. Auch ein Flügel stand dort, obgleich Frau Lemming nicht Klavier spielte. Möglich, daß sie es jetzt lernte.

»Es ist schon lange, daß ich Sie nicht gesehen habe, Herr Andjaldy,« begann Frau Lemming im Tone kühler Gleichgültigkeit.

»Gewiß, schon lange. Es ist sehr schön, daß Gnädige sich meines Namens noch entsinnen. Auch jetzt zwingt mich nur ein Auftrag meines Prinzipals, einige Minuten Euer Gnaden in Anspruch zu nehmen.«

»Ihr Prinzipal sendet Sie? Ah! erzählen Sie weshalb? Ich bin ihm großen Dank schuldig! Ich habe es nicht vergessen – wegen seiner gütigen Verwendung.«

»Davon weiß ich nichts,« sagte Andjaldy mit unschuldiger Miene. »Es ist eine ganz prosaische Angelegenheit, welche mich herführt.« Andjaldy warf einen bedeutungsvollen Seitenblick nach der anderen Dame. Frau Lemming verstand ihn.

»O, vor ihr können Sie ungeniert reden, sie versteht nur Französisch. Ich nehme jetzt Unterricht im Französischen, man kann es in meiner Lage nicht entbehren.«

»Was ich vorzutragen habe, ist aber von einer Illustration begleitet, die auch für eine Stockfranzösin verständlich sein dürfte. Übrigens – da ist es.« Damit zog Herr Andjaldy ein Packet zusammengerollter Papiere hervor und überreichte es respektvoll der Dame.

»Was ist das?« frug Frau Lemming, ohne einen Blick in die Papiere zu werfen.

»Ich kann darüber Aufklärung geben, wenn sich gnädige Frau nicht selber bemühen wollen hineinzusehen. Es sind Konti aus jener Zeit, wo Gnädige noch den Namen des Herrn Harter führten. Obwohl diese Verbindung schon über ein und ein halb Jahr aufgehört hat, verstand sich Herr Harter doch bereitwillig dazu, diese Rechnungen zu begleichen und übersendet sie hier, damit dieselben Euer Gnaden unter dem neuen Rechtstitel nicht noch einmal präsentiert werden.«

Frau Lemming erwiderte kein Wort, sondern erhob sich stolz vom Sofa und klingelte. Der Kammerdiener trat ein. »Gehen Sie hinüber zum gnädigen Herrn und sagen Sie ihm, ich lasse ihn sofort auf ein Wort hinüberbitten.«

Damit setzte sie sich wieder auf ihren Platz und fing an, mit ihrer Gesellschafterin etwas Französisch zu parlieren. Herr Andjaldy konnte sich mittlerweile die Ölgemälde betrachten und über die Preise, welche jedes von ihnen gekostet haben mochte, Vermutungen anstellen. Herr Lemming kam in folge der erhaltenen Meldung eilig herein. Er hatte schon das Vergnügen, Herrn Andjaldy zu kennen; es war nicht nötig, die Herren einander vorzustellen. Frau Lemming deutete auf die Papiere, welche auf dem antiken Tischchen mit vergoldeten Füßen lagen, und machte Herrn Lemming mit dem Inhalt derselben bekannt.

»Einige alte Konti von mir, welche Herrn Ferdinand Harter – aus Versehen – jetzt präsentiert wurden und die er aus übertriebener Galanterie bezahlt hat.«

Herr Lemming unterzog die Papiere einer sachverständigen Prüfung. Er betrachtete sie zuerst mit bloßem Auge und dann auch mit dem in Gold eingefaßten Lorgnon. Eigentlich betrachtete er sie nur deshalb so lange, um während der Zeit Andjaldys Gesicht studieren zu können. Das war aber nur ein verschlossenes Buch, bei dem nicht einmal der Rücken nach vorn gekehrt war, so daß man wenigstens den Titel zu lesen vermocht hätte.

»Verehrter Herr Sekretär!« sprach er hierauf im impertinentesten Nasaltone. »Sie werden es sehr natürlich finden, wenn Rudolf Lemming nicht gestattet, daß irgend jemand eine Schuld für seine Frau bezahlt, seitdem sie seine Gemahlin geworden. Rudolf Lemming wird wissen, was sich ein Gentleman schuldig ist.«

Herr Lemming hielt so große Stücke auf sein liebes Ich, daß er immer nur in der dritten Person von sich sprach.

»Rudolf Lemming wird diese zweitausend Gulden Herrn Ferdinand Harter zurückzahlen, und da die Zahlungen schon vor einem Monat geleistet wurden, samt den von da an laufenden Zinsen.«

Frau Lemming winkte ihrem Gemahl und ließ ein leises Geflüster vernehmen.

»Lassen Sie mich nur, meine Liebe! Rudolf Lemming weiß, was sich schickt und was kavaliermäßig ist. Rudolf Lemming wird gewiß Herrn Ferdinand Harter nicht beleidigen, der ein Kavalier vom Wirbel bis zur Zehe ist, und dessen Ritterlichkeit auch diese Handlung bezeugt; ein Lemming wird zu zeigen wissen, daß er als Gemahl, als Gentleman und als Finanzier mit gleicher Korrektheit sich zu benehmen versteht. Die Valuta, in welcher diese Summe zurückgezahlt wird, soll in solchen Bankanweisungen übergeben werden, deren Zinsen vor einem Monat abgelaufen sind, und bei deren Einlösung jeder beliebige Banquier zugleich die fälligen Zinsen berichtigen wird.«

Der Sekretär schien durch diese Auseinandersetzung ganz verwirrt. So ein richtiger Finanzier hat doch einen endlosen Vorteil vor jedem anderen Menschenkinde von gewöhnlichem Verstande voraus. Er läßt es fühlen, daß die Wissenschaft, welche er versteht und verkündet, die einzige der Welt ist. Alles Übrige ist bloß Einbildung, das ist Realität.

Und so war denn auch diese Realität in Form von zwei Banknoten à tausend Gulden in Herrn Andjaldys Hand gewandert, ehe er imstande war, irgend eine Einwendung dagegen zu erheben.

Herr Ferdinand Harter war großherzig bezahlt.

Nach dieser glänzenden Repostierung griff Herr Lemming mit siegesstrahlendem Antlitze nach der Hand seiner Gemahlin, zog sie an seine Lippen und drückte an jener Stelle, wo beim Handknöchel der Handschuh endigt, und der durchbrochene Spitzenärmel ein Stückchen jenes magnetischen, lebendigen Sammets frei läßt, einen ehrerbietigen Kuß darauf. Herr Andjaldy that desgleichen, auch er küßte der gnädigen Frau die Hand, doch nur auf den Handschuh. Für ihn ist's auch dort gut genug. Damit war die Scene beendet. Der Herr Sekretär konnte nach Hause gehen. Er war bezahlt.

Doch sollte dies keineswegs schon der Abschluß sein. –

»Gnädiger Herr! unser Geld hat man uns zurückgegeben,« sprach Herr Andjaldy, als er in Ferdinand Harters Arbeitszimmer trat. Er erzählte, wie das geschehen sei.

Der hochwohlgeborene Herr war darüber entsetzlich ärgerlich.

»Die besten Absichten werden einem so mißdeutet und auf alle Arten versucht, sie herabzuwürdigen! Was soll ich nun mit dem Gelde anfangen? Ich hätte die größte Lust, es zum Fenster hinaus zu werfen.«

»Ich hätte eine gute Idee!« sagte der Sekretär eindringlich.

»Nennen Sie dieselbe!«

»Es giebt hier in Pest einige distinguirte Frauenvereine, die sich mit wohlthätigen Zwecken befassen. Wenn wir dieses Geld, das wir ohnehin schon als aufgegeben betrachteten, einem dieser Frauenvereine verschrieben und es als Stiftung der Frau Lemming eintragen ließen, so wäre das Spiel wieder einmal auf unserer Seite gewonnen. Die uns zu Dank Verpflichtete wäre dennoch Frau Lemming, und sie könnte die ihr zur Ehre gereichende Widmung nicht zurückweisen.«

»Das ist eine gute Idee,« erwiderte Harter. »Ich ermächtige Sie dazu, sie auszuführen.«

Der die Frau Lemming betreffende Widmungsbrief für den wohlthätigen Frauenverein wurde aufgesetzt. Se. Hochgeboren Herr Ferdinand Harter aber befestigte sich noch mehr in der Überzeugung, daß er an Herrn Andjaldy einen Schatz von beispiellos treuer Anhänglichkeit besitze, welcher selbst die geheimsten Gedanken seines Prinzipals zu erraten und seine Wünsche, ehe sie noch ausgesprochen, zu erfüllen bemüht ist.

*

Zu Beginn des Frühjahres teilte Andjaldy seinem Prinzipal mit, er sei krank. Sein Arzt habe ihm geraten, ins Ofener Gebirge hinaus zu ziehen, die erquickliche Luft dort werde ihn wieder zu Kräften bringen.

Ferdinand Harter hatte nichts dagegen. Ohnehin ist jetzt wenig zu thun. Es genügt, wenn er jeden zweiten Tag auf ein paar Stunden nach Pest herabkommt, in denen er alles aufarbeiten kann. Der wackere junge Mann hatte sehr viel gearbeitet, eine Erholung war ihm zu gönnen. Er konnte sich im Gebirge eine Wohnung mieten.

So ging denn Andjaldy, sich zwischen den Bergen eine Wohnung zu suchen. Nicht in dem belebten »Auwinkel«, wo die reichen Bürgersfrauen mit der Schleppe ihrer Seidenkleider den Staub der Wege kehren; auch nicht am »Feldherrnhügel«, wo man jeden Abend beim Drehorgelklang in elf Kneipen tanzt; auch nicht auf dem »Gottesberg«, wo die fortschreitende Kultur jeden noch umzubrechenden Rasen mit Kartoffeln und Saubohnen bepflanzt hat, auch nicht auf dem »Martinsberg«, wo man den Regenschirm gegen die Sonne aufspannen muß, will man im Schatten liegen; noch auf der »schönen Schäferin«, wo Sonntagsschützen auf Spechte schießen und alte Weiber dem Herumschweifenden in den Weg treten, um ihre Pilze zum Kauf anzubieten; alles das nicht, aber im »Wolfsthal« steht ein kleines Häuschen und dahin zog er.

Nur wenige wissen von der Existenz dieses Wolfsthales und auch jenes kleine Häuschen haben nur wenige gesehen; und doch ist das ein herrlicher Ort für einen Eremiten – oder für ein paar Verliebte.

Es ist ein langes, tiefes Thal, von zwei aneinander gerückten Berglehnen gebildet, an denen mächtige Buchen und Eichen über dem Wege sich zu einem Dache wölben und blickt man durch diese dunkele Thalschlucht abwärts, so sieht man ein Stück der blauen Donau, die von der Raczkeveerinsel in zwei Arme geteilt wird, und in weiter Ferne mit den Nebeln des Horizonts zusammenfließend, erblickt man die endlose Ebene des ungarischen Tieflandes, welche Straßenlinien, eingefaßt mit Pappeln, durchfurchen. Auf der vor dem Auge sich ausdehnenden Ebene des jenseitigen Ufers ist alles Leben, hier oben im Thale dagegen herrscht die Ruhe der Wildnis.

Sogar den Weg, der bis ans Ende dieses Thales heraufführt, hat das Gras hübsch überwachsen und die Räderspuren des letzten Wagens, der das vorjährige Heu von dort herausgeführt, haben blühende Winden schön überkleidet; zu beiden Seiten des Weges schlagen Maiglöckchen den Takt zum Konzert der Grillen, welche die im Nest sitzende Grasmücke einschläfern; in weit ausgedehnten Kreisen, welche sich dunkel von dem helleren Rasen abheben, bietet eine Gruppe aufgedunsener Champignons dem flüchtigen Tagpfauenauge ein schwellendes Lager, während in den blütenverstreuenden Büschen der Wettgesang der schlagenden Drosseln und flötenden Nachtigallen ertönt.

Hierher geht nicht das p. t. Publikum spazieren; denn käme es hierher, gäbe es hier weder Maiblümchen, noch Pilze, weder Vogelnester noch Tagpfauenaugen; sie wären längst gepflückt, verspeist, ausgenommen, auf Stecknadeln gespießt.

Tief drinnen im Thal, seitwärts vom Wege, steht aber dennoch ein kleines Haus.

Wer hat wohl den Einfall gehabt, es dort hin zu bauen? Gewiß war es irgend ein Sonderling.

Das Haus ist winzig, es besteht nur aus einem Zimmer und einer Küche. Rückwärts ist noch ein hölzerner Anbau, der, wenn man will, auch als Stall dienen kann. Vorne hat das Haus ein weit vorspringendes Vordach, welches das Fenster gleich einem empfindlichen kranken Auge schirmt. Einst gab's dort auch einen Zaun, aber der hat nicht ewig dauern können. An Stelle des Zaunes haben sich mit der Zeit wilde Rosensträuche gedrängt, die seitdem manneshoch herangewachsen und jetzt eben mit erschlossenen Blüten bedeckt sind, die eine weiß, die andere fleischfarben, die dritte rot; ein ganzer Blütenwald, der die Düfte eines Feengartens ausströmt.

Das Gestrüpp wild aufgeschossener, blühender Fliederbüsche läßt erraten, daß hier vorn einmal ein Garten gewesen; im Hofe wuchs bis an die Knie reichendes Gras, gelb durchflammt von den Blüten des Löwenzahns.

Diese Wohnung gefiel Andjaldy und so zog er hier heraus. Sie gehört irgend einer Waisenkonkursmasse, und ist höchstens jedes dritte Jahr den Sommer über vermietet, wenn sich überhaupt ein Mieter findet. Sogar ihre Nummer hat die Registratur schon lange aus dem Steuerbuche gestrichen.

Für einen einzelnen Menschen, der sich mit ein paar Büchern ungestört in die Einsamkeit zurückziehen will, oder für ein liebendes Paar, ist sie aber ein ganz hübscher Aufenthalt.

Andjaldy brauchte nicht viel zur Einrichtung des Hauses, das natürlich unmöbliert vergeben wurde, ein Ruhebett aus Lindenholz, einen Stuhl, einen Tisch, auf diesem ein Schreibzeug – diese stiehlt niemand, auch wenn Thür und Fenster offen stehen. Einen Diener braucht er nicht, er reinigt sich selbst die Kleider und räumt die Stube auf; seine Mahlzeit nimmt er in der eine halbe Stunde Weges entfernten Gebirgsrestauration ein und trägt sich das Wasser in einer kleinen Feldflasche nach Hause. Gläser jedoch hat er zwei; aus dem einen trinkt er selbst, in dem andern hält er Feldblumen.

Wer sollte glauben, daß er sich auch noch mit Blumen abgiebt? Ein Gelehrter studiert bloß Botanik an ihnen, wenn er sie seiner Aufmerksamkeit würdigt: der aber setzt sie in frisches Wasser, was keine Gewohnheit der Männer zu sein pflegt, und das nach dem Wege hinaus gehende Fenster umflicht er mit grünen Zweigen.

Daß selbst Bureaukraten nicht ganz frei sind von romantischen Paroxysmen!

An einem schönen Juni-Nachmittage reitet eine einsame Reiterin den grasbewachsenen Weg im Wolfsthal langsam hinauf. Der Wind hat den blauen Seidenschleier ihres Kalpacks ihr vors Gesicht geweht, das knappanliegende Gewand aber verrät die feenhaft schlanke Taille und den plastischen Gliederbau, welche verkünden, daß sie jung und schön ist.

Sie reitet allein, ohne Begleiter, und da der Weg weiter hinauf immer schlechter wird und stellenweise durch große Steinblöcke verbarrikadiert ist, so steigt die Dame aus dem Sattel, klettert zum Rand des Hohlweges hinan und geht zu Fuß auf dem schönen weichen Rasen weiter, am Zügel ihr Pferd nachführend. Sie sucht dabei am Wege Maiblümchen; diese steckt sie sich an den Busen und geht singend weiter. Sie sucht vielleicht auch gar nichts anderes. Sowie sie die kleine Thalwohnung erreicht hat, läßt sie das Pferd halten, bindet es mit dem Zügel an die Zweige einer jungen Buche und nimmt ihm den Zaum ab, damit es nach Lust grasen kann.

Sie selbst aber eilt auf das kleine Haus zu.

Jenes Hauses einziger Bewohner kommt ihr auf dem rasenbewachsenen Hofe entgegen, die Rosengesträuche halten das Seidenkleid der dahin rauschenden Dame fest, als wollten sie ihr sagen: Bleib' hier, geh' nicht weiter! – Sie aber achtet der Dornen nicht, sie mögen ihr immerhin das Kleid zerreißen, sie beeilt sich vielmehr, den Schleier aus dem Gesichte zurückzuschlagen; denn durch ihn geht das Aroma des Kusses verloren.

»So, bist Du endlich einmal da!« ruft der junge Mann. Wieviel Wahnsinn, wieviel Seligkeit, wieviel Qual liegt in diesen wenigen Worten. »Endlich einmal!« und dann küßte er der Reihe nach die Finger der ihm dargereichten weißen Hand und einzeln jede Fingerspitze; und dann den ganzen Leib herab bis zum Saume des Kleides, bis er zuletzt vor ihr knieend ihre Füße umklammerte und in höchster Extase schluchzte: »endlich einmal!«

»Hast Du mich erwartet?«

»O wie lange erwarte ich Dich schon!«

»Und glaubst Du nun, daß ich hier bin?«

»Ich glaube zu träumen.« Die Dame ließ ein elektrisches Lachen vernehmen. »Hahhaha! welch schöner Traum! Wald, Strauch, Blumen, Einsamkeit! Alles ist geträumt; Du an meiner Brust, ich an der Deinen. Und niemand weiß, was wir träumen.«

»Nur der Wald, nur die Büsche, dies sind aber verschwiegene Zeugen.«.

»Alles verkündet hier Liebe: Bäume und Kräuter duften Liebe, Bienen und Käfer summen Liebe und alle Sänger des Waldes singen nur von Liebe und erfüllen mit ihr die Lüfte.«

»Wie schön bist Du! O wie anbetungswürdig schön! Sieh mich nicht an, lächele nicht, denn Du tötest mich!«

»Hinge es von mir ab, würde ich Dich jeden Tag töten und neu beleben, damit Du tot seiest, so lange ich Dich nicht sehe.«

»O ich schwöre Dir, daß ich tot bin, so lange Du mich nicht siehst. Ich fühle mich als kalte Bildsäule, die nicht lebt. Du nimmst meine Seele mit Dir fort. O gieb sie mir zurück, gieb sie mir vervielfacht zurück.«

Und die Dame wußte, wie sie ihm die geraubte Seele zurückgeben konnte. Und dann die Hände über dem nach rückwärts gebeugten Kopf, den der Arm des Geliebten hielt, zusammenhaltend, blickte sie mit wonnestrahlendem Gesicht in den blauen Himmel.

»O wie schön wäre diese Welt, wenn es in ihr nichts gäbe, als Bäume, Blumen, Vögel – und uns beide.«

»O, uns beide!«

»Und eine ganze verwünschte Welt steht beständig zwischen uns.«

»Aber wir rächen uns an der Welt.«

Eine furchtbar schöne Rache, deren Name: Liebe!

Der junge Mann flüstert der Dame süße Worte ins Ohr, nickt lächelnd mit dem Haupt; jeder Nerv in ihr hört diese Worte und jeder Nerv in ihr empfindet ihre Süßigkeit; ihre Hände zerpflücken die Blütenkrone des Maßliebchens: »Er liebt mich, er liebt mich nicht.« Wenn die Blume recht hat, muß er es ihr mit einem Kuß bekräftigen, wenn nicht, muß er mit zweien sie Lügen strafen.

Was er ihr nur zuflüstern mag?

»Ich zürne Dir so sehr, wenn ich Dich von ferne sehe und Du bist mir überall fern, wo wir nicht allein sind; andere sprechen zu Dir, andere wagen es, Dir Worte zu sagen, welche Dir ein Lächeln entlocken; sie begleiten Dich, reichen Dir ihren Arm, und ich kann ihnen nicht zurufen: ›Zur Seite da! Diese hier ist mein und keines andern!‹«

»Genug, wenn Du weißt, daß es wahr ist!« erwiderte die Dame, indem sie aus ihren strahlenden großen Augen ihm einen sinnberückenden Seitenblick zuwarf.

»Aber wie weit ist es wahr?« Die Dame lachte und sagte: »O, des großen Thoren, der schon längst eine Antwort bekam und dann noch frägt.«

»Ich weiß, daß ich solch ein großer Thor bin. Du aber darfst Dich darüber nicht wundern, wenn Du einmal hierher herauskommst und mich dort an jenem schönen Baum aufgehängt findest, denn ich werde wahnsinnig, wenn ich an Dich denke, und treffe ich mit Dir in der Welt, in der Gesellschaft zusammen, so tobt eine Legion rasender Teufel in meinem Herzen.«

Die Dame belohnte und strafte diesen Ausbruch seiner Gefühle mit einem mutwilligen Lachen.

»Siehst Du, warum behältst Du Dein Herz bei Dir! Wenn Du es mir ließest, ich würde besser darauf acht geben.«

»Du würdest in Brand geraten, trügest Du es bei Dir.«

»Und siehst Du nicht, wie ich schon brenne?« rief die Dame aus und schon lachte sie nicht mehr, doch ihr Gesicht nahm die Farbe jener glühenden Dornröschen an, die selbst vor dem Sonnenstrahl sich verstecken. – »Leib und Seele brennt um Deinetwillen. Ich stürze mich in die Flammen, wie der Schmetterling in die brennende Kerze und ahne es nicht!«

Damit brach sie zwei wilde Rosen ab, steckte die eine dem Geliebten in die Westenverschnürung, die andere sich ins Lockenhaar, und lehnte dann ihr Haupt an seine Brust. Wer kann dafür, wenn die beiden abgebrochenen Rosen sich wieder zu einander sehnten.

»Wie schön steht Dir die halbgeöffnete Rose im Haar!« schmeichelte ihr der Geliebte. »Sie giebt Deinem Gesicht ein völlig mädchenhaftes Aussehen.«

»Gefall ich Dir so besser?«

»Nur so kann ich Dich ansehen, ohne daß meine Seele in Aufruhr gerät. Wenn Du wüßtest, was ich darunter leide, wenn ich Dich mit einer Haube auf dem Kopfe erblicke, Du würdest nie eine aufsetzen. Der Hölle ist der Gedanke entsprossen, daß die Frauen sich eine eigene Kopfbedeckung wählten, an der jedermann lesen kann: hier ist ein Paradies, aus dem Du vertrieben bist! o, setze nie eine Haube auf, wenn Du glaubst, daß ich Dich sehen werde. Bist Du nicht schon so schön und herzbestrickend, mußt Du auch noch grausam sein?«

»Gut denn! Du sollst mich nie mehr darin sehen. Ha, was ist das?«

Die Dame stieß einen Schrei des Entsetzens aus und sprang wie ein aufgescheuchtes Reh vom Rasen auf. »Was giebt's?« »Eine Schlange!« So heftig war sie erschrocken, daß sie in jedem Nerv erzitterte. Krampfhaft klammerte sie sich dem Jünglinge an den Hals, und alles Blut entwich ihrem Antlitze. »Eine Schlange kroch an mich heran im Grase; ich fühlte sie in meiner Hand ... Tihamer hilf! – ich sinke zusammen.«

»Leona! komm doch zu Dir. Hier giebt's nirgends eine Schlange. Wovor bist Du erschrocken?«

Wir hören jetzt zum ersten Male die Taufnamen der beiden: Tihamer, Leona; wer weiß indes, ob das ihre wirklichen Taufnamen sind, oder ob sie sich nur mit denselben rufen, um sich nicht zufällig vor anderen zu verraten?

»Du weißt, ich fürchte mich so sehr vor Schlangen. Sieh, wie meine Hand zittert. Horch, wie mein Herz pocht.«

Wohl verstand es sich von selbst, daß er die zitternde Hand in die seine nahm und das pochende Herz an der eigenen zurückpochenden Brust beschwichtigte.

»Aber sieh nur, wie kindisch Du bist; das war ja Deine eigene Reitpeitsche, vor der Du so erschrakst?« sprach Tihamer, indem er den Schreckensgegenstand aus dem Grase aufhob.

Leona (wir wollen sie vertraulich auch so nennen) brach nun plötzlich in das ausgelassenste Lachen aus, und die Freude an der schönen Natur kehrte wieder in ihre Brust zurück.

Aber ins grüne Gras wagte sie sich doch nicht mehr zu setzen.

»Sehen wir, wie Du hier wohnst in Deiner Einsiedelei!« sagte sie, indem sie neugierig in das Zimmer des Geliebten blickte.

Dort aber war gar viel zu sehen. Ein Ruhebett, überstreut mit frischem Gras; ein Tisch, bedeckt mit Feldblumen; auf einem grünen Blattteller frische Erdbeeren und dann ein bescheidener Napf mit saurer Milch, daneben ein Schnitt schwarzes Brot.

»Ah, Du hast mich ja mit einem fertigen Mahle erwartet!« sagte heiter die vornehme Dame und setzte sich, ohne erst eine Einladung abzuwarten, an den Tisch, brach sich die Hälfte der Brotschnitte ab, brockte sie in die saure Milch und verzehrte diese mittelst des hölzernen Löffels, als wäre es das leckerste Mahl. Tihamer hatte sich auf das Ruhebett niedergelassen und weidete sich an ihrem Anblicke. Welche Wonne, ein Weib zu betrachten, der das schwarze Brot ihres Geliebten so gut schmeckt.

»Und dazu noch diese prächtigen Erdbeeren! Du hast sie wohl selbst im Walde gepflückt?«

Doch ohne seine Antwort abzuwarten, hatte sie selbst schon mit Tihamer geteilt; nicht so: eine Beere Dir und eine mir – sondern, indem sie jede Beere halbirte, ohne sie mit der Hand zu berühren, so wie der Täuber sein Täubchen füttert.

Wie aromatisch sind sie, diese Erdbeeren!

Dann setzte sie sich neben ihm auf das Ruhebett, schlang den Arm um seinen Hals und sang ihm ein Volkslied, nicht mit volltönender Stimme, sondern in liebesinnigem Flüstern.

»O, warum kann dies nicht ewig so währen!« seufzte Tihamer.

»Ei, es währt ja ewig, wenn es so lange dauert, als wir leben.«

»Bei mir, ja. Aber Du bist ein Weib. Du bist wandelbar!«

»Wer sagt Dir das?«

»Meine beiden Augen; Du bist zu schön, als daß Du mich nicht betrügen solltest.«

»Wem zu Liebe? Etwa um jenes willen, den ich täglich sehe, aber nie liebe?«

»O, seinetwegen nicht.«

»Oder jenem zu Liebe, der mich anbetet, aber den ich nie sehe?«

»O, auch dessentwillen nicht; sondern jenem zu Liebe, den Du selber einst anbeten wirst.«

»Wer ist das?«

»Ich weiß es nicht. Aber ich fühle es. Ich fühle, daß entweder Du mich töten wirst, oder ich Dich.«

Die Dame lachte herzlich bei diesen Worten.

»Du mich töten? Hahaha! Mörder! Hülfe! Hahaha! und wie wirst Du mich töten? wirst Du mir den Hals abschneiden und den Kopf mit Dir fortnehmen, um ihn als Souvenir auf Deinen Schreibtisch zu stellen? oder willst Du mir ein Messer ins Herz stoßen? hier durch diese Brust? und wirst zusehen, wie daraus der rote Blutstrahl hervorquillt? so sag doch, wie wirst Du mich umbringen?«

»Lache nicht! scherze nicht! Du weißt, daß ich immer Gift bei mir trage, und daß ich ein sehr entschlossener Mensch bin.«

»Gift? wirkliches Gift? das tötet? o, zeige es mir. Ich habe noch nie Gift gesehen. Wozu hast Du das bei Dir?«

»Das ist gut für Menschen, die gern schweigen, und wenn es sein muß – auch für ewig verstummen.«

»O! zeige es mir!« Tihamer zog eine kleine goldene Kapsel aus seiner Brust, die er an einer Schnur umgehängt trug und nahm aus derselben eine dünne Papierhülle. »Und das ist wirkliches, wahrhaftiges Gift?« frug die Dame mit andächtigem Staunen; ihre Augen öffneten sich weit und ihre Lippen spitzten sich rund zu, wie bei jemand, der zum ersten Male jenes geheimnisvolle Zaubermittel sieht, dessen Name »Tod«.

»Tötliches Gift.«

»Und damit würdest Du mich umbringen, wenn eine Zeit käme, wo Du mich haßtest?«

»Ja, gewiß.«

»Nun so töte mich, so lange Du mich liebst!« sprach sie, und rascher wie der Blitz hatte sie die Papierhülse der Hand des jungen Mannes entrissen und in den Mund gesteckt.

Tihamer vermochte nicht schnell genug sie daran zu hindern, und jetzt, wo es geschehen war, schrie er mit verzerrter Miene des Entsetzens: »Um Gotteswillen! Leona! was machst Du? das ist tötliches Gift! rasch gieb es zurück! wenn es feucht wird und Dir den Gaumen netzt, bist Du des Todes.«

Der junge Mann warf sich vor ihr auf die Kniee; ergriff ihre Hände, wand sich zu ihren Füßen, raufte sich in der Verzweiflung das Haar und krümmte sich vor ihr wie ein Wurm.

Die Dame aber blickte mit stolzem Lächeln auf ihn herab, ließ ihn die zwei Reihen weißer Zähne sehen, wie sie sich über der in den Mund genommenen Papierhülse zusammenpreßten und weidete sich an seinen Qualen, an seinen Zuckungen, seiner Verzweiflung, und nachdem sie sich an dieser dämonischen Lust gesättigt hatte, nahm sie endlich das Gift aus dem Munde und reichte es ihm.

»Da! nimm es zurück! und ein andermal drohe mir nicht, daß Du mich töten willst; denn Du wirst es bereuen.«

Tihamer beeilte sich, dem leichtsinnigen Geschöpfe ein Glas Wasser zu bringen, damit es sich den Mund ausspüle, wenn es auch nur von außen das Papier berührt hatte.

»Meinen Mund! fürchtest Du, daß er giftig ist? – nun, wenn Gift auf meinen Lippen sitzt, so stirb auch Du davon!«

Und sie lehrte ihn sterben.

»Und jetzt still! Du bist gestorben! sprich kein Wort mehr, Mörder! Du hast mich umgebracht. Man wird Dich suchen. Sieh' wie ich dafür sorge, daß man Dich nicht bestraft.«

Damit ergriff die Dame mit leichtsinnigem Uebermut eine Feder, die auf dem Tische lag und schrieb auf ein Stück Papier die Worte:

»Ich bin des Lebens überdrüssig; die Welt ekelt mich an; ich hasse mich selbst; ich sterbe freiwillig. Gott sei meiner Seele gnädig.«

»Wenn Du mich einmal umbringst, stecke dies Blatt mir in den Busen, hier unter den Spitzenlatz. Weißt Du?«

Was konnte der junge Mann thun, als sich aufs Antlitz niederwerfen vor so grenzenloser Leidenschaft, vor so grenzenlosem Wahnsinn, die noch weiter gingen, als seine eigene Leidenschaft, als sein eigener Wahnsinn, sowie die Geister in »Tausend und eine Nacht« sich zu übertreffen wetteifern. –

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