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Die Narren der Liebe

Maurus Jókai: Die Narren der Liebe - Kapitel 7
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleDie Narren der Liebe
publisherOtto Janke
yearo.J.
printrunVierte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180501
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4. Die Aspis.

Was eine Aspis ist? Ich kann es wahrhaftig selbst nicht mit einem Worte sagen. Irgend eine mythologische Person des Volkes. Wer aber die Mühe nicht scheut, dieses Kapitel bis zu Ende zu lesen, der wird wohl erfahren, was Aspis zu bedeuten hat.

*

Die Vilagoschis sagten der Stadt Lebewohl und zogen hinaus auf die Pußta, um zu wirtschaften.

Ich spreche garnicht erst davon, in welchem Zustande der frühere Pächter dem Vilagoschi die Pußta mit den darauf befindlichen Gebäuden übergab.

Ich würde niemandem etwas Neues damit sagen, wollte ich erzählen, wie der weggezogene Arendator in den Stuben nicht einmal einen Nagel in der Wand zurückließ und im ganzen Gebäude nicht eine bewohnbare Stube: keinen ganzen Ofen, keine Thürklinke, die sich öffnen ließ, kein versperrbares Schloß, keine einzige geweißte Wand – nicht einmal als erwähnenswerte Seltenheit. Am Garten war nicht ein Blumenstock stehen geblieben: nicht einmal ein vergessener Kohlstrunk, ein nicht ausgerissener Johannisbeerstock fand sich vor. Was die Stallungen und das Inventar der Ackerbaugeräte betrifft, so brauche ich nur soviel zu sagen, daß der Grundbesitzer, wegen rückständigen zweijährigen Pachtschillings, auf sie hatte Beschlag legen lassen, und da wird, glaube ich, jedermann von selbst begreifen, in welchem Zustande sie sich befinden mußten.

Die Pußta lag so einsam, daß im Umkreise einer Tagereise sich nirgends ein Marktflecken oder eine Schule befand.

Ihre Bewohner waren, wie Robinson auf die Insel, von allerlei Stürmen hierher verschlagen worden, da das Meer es verschmähte, die Schiffbrüchigen zu verschlingen. Es war eine Mustersammlung von Leuten, welche nur deshalb hier aushielten, weil man sie anderswo nirgends behalten wollte.

Der Schafmeister war vor einem Jahre aus dem Gefängniß entlassen worden, in das man ihn eingesperrt, weil er seinem früheren Herrn den Schafstall angezündet hatte, und das hatte er gethan, weil sein Herr sich zu angelegentlich nach den Fellen jener Schafe erkundigte, welche angeblich an der Egelkrankheit krepiert waren, nur um sagen zu können, die Felle seien auf dem Dachboden mit verbrannt.

Der Großknecht wäre kein übler Mensch, wenn er nicht tränke; allein, sobald er ein Glas Wein im Leibe hat, giebt es kein lebendes Geschöpf, das vor ihm bestehen könnte; er fängt sogar mit seinem leiblichen Vater Händel an, und wer ihn nicht durchprügelt, daß er kein Glied mehr zu rühren vermag, der kann sicher sein, von ihm mit derselben Wirkung durchgeprügelt zu werden. Auch er hat deshalb schon unzählige Mal Bekanntschaft mit dem Komitatsgefängnisse gemacht.

Der Kutscher besitzt die löbliche Eigenschaft, seinen Mund niemals anders als mit einem Fluch zu öffnen. Er vermag ohne das seine Rede garnicht zu beginnen: das ist das Exordium. Und dann ist's ihm völlig einerlei, zu wem er spricht, ob zum Haushunde, oder zu seinem Brodherrn. Überdies kommt die Tabakspfeife nie aus seinem Munde: mit der Pfeife schläft er ein, schnarcht und erwacht er. Zweimal hat er dadurch schon den Stall über seinem Kopfe angezündet und es war sein Glück, daß man den Brand noch bei Zeiten löschte.

Dann kommt der Kleinknecht. Das wäre ein ganz guter Junge, nur daß er verflucht faul ist und ein großer Fresser Bevor er sich voll gegessen, kann er nicht arbeiten, und sobald er satt ist, arbeitet er nicht mehr gern. Ist man ihm nicht aus den Fersen, so steckt er sofort die Hände in die Taschen und treibt ihn der Herr nicht beständig an, so wird er bald die Entdeckung machen, daß sein Kleinknecht irgendwo auf einem Heuschober schläft. Dieser Spitzbube ist zum großen Herrn geboren und giebt sich hier nur fälschlich für einen Bauernburschen aus. In der Nacht rührt er sich dafür um so munterer, aber nicht um Federn zu schleißen, sondern um bei der Köchin Küchenjungendienste zu verrichten. Immer treibt er sich in der Küche herum, wo er nichts zu thun hat.

Genannte Küchenmagd endlich ist eine rotwangige, strotzende, kugelrunde Dirne, mit rückwärts in einem einzigen Zopf zusammengeflochtenen Haaren und ziegelroten, Sommers und Winters gleichmäßig bis an die Achseln aufgeschürzten Armen. Sie wäre übrigens ein ganz guter Dienstbote, fleißig und arbeitsam, nur kann man ihr nicht einen Löffel Fett anvertrauen, ohne daß sie die Hälfte davon bei Seite schafft. Sie bestiehlt einen, während man ihr auf die Finger sieht: sie stiehlt beim Melken, beim Buttern, beim Waschen, und das alles nur, weil der Kleinknecht so verwünscht guten Appetit hat und ein gar zu lieber Mensch ist.

Jedoch, das wäre noch das geringste Übel. Was ein Mensch verzehrt, das macht einen Landwirt noch nicht zum Bettler; aber sie ist nächstdem eine entsetzliche Schwätzerin! Wenn das Mundwerk bei ihr in Gang kommt, ist sie wie das Perlhuhn, das, jemehr man es jagt, um so stärker schreit.

Und zur Krönung des Ganzen besitzen der Kutscher, der Schäfer und der Großknecht auch noch ein Rudel größerer und kleinerer Rangen, die sämtlich recht liebe, junge Leute sind, nur daß sie durch die Bank ebenso verlogene, gefräßige, Fenster zerbrechende, streitsüchtige, mit Streichhölzchen spielende, Obst stehlende, arbeitsscheue, die Wirtschaft zu Grunde richtende Schlingel sind wie ihre Väter.

Beim ersten Zusammentreffen in der Küche beeilte sich Böschke – das war der Name der würdigen Köchin – auf deutsch »Liesel« – sich vorzustellen. Die Vilagoschis hatten natürlich alles mitbringen müssen, was zum Leben nötig war: denn der frühere Pächter ließ nicht einmal einen Holzspan zurück, um damit Feuer anzünden zu können. Die Vilagoschi, eine sehr ordentliche Hausfrau, die schon in der Stadt gewohnt war, über jeden Löffel Fett Rechenschaft zu verlangen, weil sie sonst von ihrem mäßigen Einkommen nichts zurückzulegen vermocht hätte, fing auch jetzt damit an, der Köchin, die sie im Hause vorfand, alles stückweise in die Hand zu zählen und bemerkte dazu, es sei ihre Gewohnheit, alles entweder selbst oder durch das Fräulein aus der Speisekammer herauszugeben, von wo aus auch das männliche Gesinde mit Lebensmitteln werde versorgt werden. Jeder solle genug erhalten, doch müsse auch jeder bis zur bestimmten Zeit damit auskommen.

»Gut ist's, gut!« antwortete Böschke, »Hab' das schon andermal gehört, auch von andern Frauen. Als ob das so leicht ginge, daß ich um jeden Löffel Mehl und jedes Stückchen Speckgriebe, um jeden Fingerhut voll Essig zur gnädigen Frau laufe! Ich weiß, daß darüber keine Woche vergehen wird und Sie es rascher satt haben werden, als ich. Ich stehle keinem Menschen etwas; ein Stecknadelkopf ist wenig, aber nicht einmal soviel würde ich je im Leben stehlen. Stünde das Gold in der Küche sackweise umher wie Kartoffeln, ich schaute es nicht einmal an. Mit mir kann man auskommen. Nur das Eine sage ich, schlecht behandeln darf man mich nicht; nur das Eine sage ich, man bringe mich nicht in Galle, denn wenn man mich einmal in Zorn bringt, dann bin ich eine Aspis, die wahrhaftige Aspis! Wissen die gnädige Frau und das Fräulein, was das ist, die Aspis? Nun also: Sonst bin ich fromm wie ein Lamm; man kann Vögel mit mir fangen, wenn ich gut aufgelegt bin. Aber wenn man mich aus dem Häuschen bringt, dann bin ich die Aspis!«

Das ungarische Volk versteht unter dem lateinischen Wort Aspis nicht bloß was es bedeutet, Natter und Viper, sondern zugleich figürlich einen Hausdrachen.

Frau Vilagoschi antwortete nichts. Sie hatte schon große Studien in dergleichen Dingen gemacht. Sie sah, daß Böschke ein fleißiger arbeitsamer Dienstbote war; von ihrer Geschwätzigkeit hatte sie soeben eine Probe erhalten, und daß sie sich gerne etwas auf die Seite wirtschaftete, ahnte sie. Sie beschränkte sich jetzt darauf, ihr alles rechtzeitig mit der größten Pünktlichkeit herauszugeben. Böschke hatte niemals Gelegenheit, die gnädige Frau damit zu verhöhnen, daß sie sie täglich zehnmal wegen ein bischen Salz, Butter oder Milch von der Arbeit abrief, man gab ihr alles in die Hand, noch bevor sie darum bat.

Und nie ließ sie sich mit ihr in ein Gespräch ein, fragte sie nicht einmal, ob draußen schönes oder schlechtes Wetter sei, sie sagte ihr einfach, was sie zu thun habe, und weiter gab es keinen Diskurs.

So große Lust sie auch dazu hatte, sie konnte mit niemandem anbinden. Böschke wurmte das sehr. Mit der früheren Frau hatte sie schon zeitig am Morgen anfangen können sich herum zu zanken, und wenn sie sich abends trennten, steckte bald die eine, bald die andere den Kopf zur Thür herein, um das letzte Wort zu behalten. Doch hier gab es nie ein erstes noch ein letztes Wort. Die Frau, der Herr, das Fräulein, jeder schien seine Sache so genau zu wissen, daß man kein Wort von ihnen zu hören bekam.

»Bei meiner Seele, wenn nicht der kleine Stumme im Haus wäre, man hätte nicht einen Menschen, mit dem man ein Wort reden kann,« sagte Böschke, wenn ihr des Schweigens zu viel wurde.

Den kleinen taubstummen Knaben hatte sie sehr lieb. Der saß ganze Nachmittage in der Küchenthüre und spielte mit seinem hölzernen Pferdchen und Vögelchen. Böschke redete den ganzen Nachmittag auf ihn ein, sie glaubte, er höre ihr ganz aufmerksam zu.

Der Herr und das Fräulein hatten jetzt noch wenig zu thun. Ilonka wurde von der Mutter absichtlich nicht in die Küche gelassen; sie spann drinnen mit den Weibern, oder sie nähte oder stopfte die zerrissenen Kleider. Das Klavier war verkauft worden. Der Herr aber studierte seine landwirtschaftlichen Bücher.

Sie hatten Ende Herbst die Pachtung übernommen, die Feldarbeit feierte; man konnte höchstens danach sehen, daß mit den Futtervorräten haushälterisch umgegangen und die Schafe und das Zugvieh versorgt wurden. Selbst Blumensamen in die Gartentöpfe zu setzen, war noch zu früh. Es lag noch der ganze lange Winter vor ihnen.

Alle Nachmittage versammelte Ilonka die zahlreichen ausgelassenen Kinder des Gesindes um sich und plagte sich damit ab, sie im Lesen und Schreiben zu unterrichten.

Selbstverständlich machten sich die kleinen Galgenstricke aus dem Papier, das sie zum Schreiben bekommen hatten, Drachen und malten mit den erhaltenen Bleistiften alle Wände des Hauses mit siebennasigen Fratzen voll; und wollte Ilonka mit Strenge dreinfahren, so lachten sie ihr ins Gesicht, liefen auseinander und spotteten sie von weitem her aus; und doch hatte sie ihnen Äpfel versprochen, wenn sie gut lernen würden; aber sie lernten nicht gut und zürnten nur auf Ilonka, wenn sie trotzdem keine Äpfel bekamen.

Was das männliche Hausgesinde betrifft, so wurde das am allergeringsten durch die Anwesenheit eines neuen Pächters belästigt. Der pflegte nicht, wie sein Vorgänger, mit der Elle nachzumessen, um wieviel der Heuschober kleiner geworden sei, oder auf den Dachboden des Schafstalles zu klettern, um die Felle nachzuzählen, und jeden Morgen den Leuten ein Donnerwetter zu machen, daß sie ihn in der Nacht bestohlen hätten, was sie allerdings nicht hinderte, ihn jede Nacht aufs neue zu bestehlen. Auch den jetzigen Pächter bestehlen sie jede Nacht; aber er läßt sie wenigstens ungeschoren und ruiniert für sie weder seine Gesundheit, noch das Trommelfell der anderen.

Der Großknecht stiehlt für die Kutscherin, der Kutscher für die Schäferin, der Schäfer für sich selbst, die Köchin stiehlt, was sie stehlen kann, für den Kleinknecht; und nur der Kleinknecht – der ist ein guter Mensch, der stiehlt nichts, als bloß unserm lieben Herrgott den Tag.

Und in diesem normalen Zustande vermehrt sich die Zeit und leert sich der Kornboden, bis das neue Jahr kommt und die neue Frucht, und aufs neue die biedere Wirtschaft beginnt.

Wenn aber auch jedermann es im Prinzip natürlich und in der Ordnung findet, daß gestohlen werden muß, so kann er es doch in konkreten Fällen keineswegs billigen, sobald jemand sich unterfängt, ihm selbst etwas zu stehlen, was er ganz gut einem andern hätte stehlen können. In solchen Fällen pflegen es die Leute mit der Moral sehr streng zu nehmen.

Denn wenn die Böschke für den Kleinknecht Marczi die geräucherte Speckseite aus dem Rauchschlot stiehlt, was kümmert das den Kutscher, den Schäfer oder den Altknecht? Wenn aber Böschke dieselbe geräucherte Speckseite von dem für den Kutscher, den Schäfer oder den Altknecht bereiteten Bohnenbrei herunterstiehlt, so kann ihr das ein Christenmensch nicht stillschweigend hingehen lassen.

Eine solche Bohnenbrei-Rauchfleisch-Eklipse gab denn auch Anlaß zu einem Prozesse, der an einem schönen Donnerstag in der Adventzeit die neuen Landwirte in ihrer Ruhe stören sollte; freilich ein sehr prosaischer Gegenstand für einen Roman; aber wer kann dafür, daß dergleichen Katastrophen im Leben der armen Landwirte so häufig sind.

Als Mittag die Zeit zum Auftragen gekommen war, kamen alle drei auf den Korridor heraus, jeder seine Bohnenschüssel in beiden Händen tragend, den Inhalt der Schüssel noch unberührt, in der Mitte desselben den Holzlöffel.

»Die gnädige Frau soll mal herauskommen!«

Frau Vilagoschi kam auf den Flur heraus. »Was giebt's?«

»Da ist das Gemüse,« sagte der Kutscher und setzte die Schüssel vor sie hin auf den Mühlenstein-Tisch; die Tabakspfeife starrte ihm auch jetzt aus dem Munde.

Das Gleiche that der Großknecht, den Hut zornig aufbehaltend.

Und nicht minder der Schäfer, der zugleich den Kommentar zu dem Auftritt gab, indem er mit dem Finger auf den Knochen hinwies, der verschämt in der Mitte der Schüssel lag.

»Also das Schwein hier hat nur Rippen gehabt und kein Fleisch?«

»Sind wir Hunde, die man mit Knochen traktiert oder was?« setzte der Altknecht hinzu. Der Kutscher sagte nichts, er fluchte nur.

Die fraglichen Überreste des Schweines, das sich dem allgemeinen Wohle geopfert hatte, waren in der That dem Zustande ziemlich nahe, in welchem man ähnliche Wirbeltiere in Museen zu verbannen pflegt.

Dafür konnte aber die gnädige Frau nichts, denn sie hatte dieselben samt der gewöhnlichen Muskelfaserumhüllung der Köchin übergeben und dieser keineswegs aufgetragen, die Knochen für gelehrte Doktoren zu präparieren.

Die arme, großstädtische Dame, die nie in ihrem Leben solche Worte gehört hatte, war von den rohen Angriffen ganz verblüfft; sie stand drei ungeschlachten männlichen Dienstboten mit einemmal gegenüber, und auch der vierte, der bausbäckige Kleinknecht Marczi, hatte sich als Gläubiger in dem schrecklichen Anspruchsprozesse an den Flurpfeiler herangeschlichen, trotzdem doch offenbar die Unterschlagung der Konkursmasse zu seinen Gunsten geschehen war; doch wagte er bloß, seine grinsenden Wangen und die Bohnenschüssel hinter dem Pfeiler hervorzustrecken. Solchen giftigen, malitiösen Gesichtern und einer so handgreiflichen Ungerechtigkeit gegenüber fühlte sich Frau Vilagoschi nichts weniger als wohl. Bei solchen Gelegenheiten wäre es gut, wenn ein Herr im Hause wäre; doch das ist leider der gutmütige Vilagoschi nicht, der sich vor seinen Leuten mehr fürchtet, als sie es vor ihm thun, und der, wenn im Hofe Lärm entsteht, sich noch tiefer in die Gemächer zurückzieht, um nichts davon zu hören.

Soviel wagte die aus der Fassung gebrachte Frau herauszustottern, daß sie soviel Fleisch als Gemüsebeilage herausgegeben habe, wie sich gebühre; darüber müsse die Köchin Auskunft geben können.

Nun wahrlich, das hatte nur noch gefehlt, damit das Ungewitter sich mit einem völligen Wolkenbruche über ihrem Haupte entlade!

Böschke lauerte nur, ob die Frau den Mut haben werde, an ihr Zeugnis zu appellieren. Sobald sie hörte, daß von ihr die Rede sei, sprang sie vom Küchenherd weg, setzte den Fuß auf die Thürschwelle und spie Feuer und Flamme nach bestem Vermögen. Es that ihr so wohl, endlich einmal die schon lange aufgesammelten Raketen loslassen und der Frau zeigen zu können, wie die Aspis aussieht.

»Was ist das?« fing sie an, die Arme in die Hüften gestemmt. »Ich hätte etwas bei Seite geschafft? ich etwas gestohlen? also ich habe den Dienstboten alles Fleisch weggegessen, nicht wahr? giebt nicht die Frau alles selbst heraus? zerlegt sie nicht alles selbst? kommt sie nicht zwanzigmal des Vormittags 'raus, um in die Töpfe zu gucken? und dann ist dennoch die Köchin der Dieb? ich bin Diebin? ich? daß sich niemand untersteht, mir so etwas zu sagen, sonst fahre ich ihm mitten durch die Seele! ich fahr' ihm ...«

Aber wohin sie ihm fahren werde, blieb ihr diesmal keine Zeit mehr zu sagen, denn in diesem Augenblick hatte sie jemand von hinten gefaßt, dessen Finger sich wie zehn Beißzangen in ihre fetten Arme eingruben, und Böschke wurde so zur Küchenthüre über den Flur hinausgeschleudert, daß, als sie im Fluge sich einmal umwendete, sie immer noch ganz wider ihren Willen gegen rückwärts flog, bis ihre Füße in dem zum Auffangen des Regenwassers unter der Dachrinne stehenden Waschtrog stecken blieben, in den sie nun der Länge nach hineinfiel, daß das Regenwasser über ihrem Haupte zusammenschlug.

Dieser jemand war aber kein anderer als das Fräulein.

Als sie im Zimmer den rohen Lärm vernahm, mit dem das Gesinde die Mutter überfallen, lief sie sofort hinaus und kam noch rechtzeitig an, um den Kraftausdrücken Böschke's ein Ende zu machen.

Sie war garnicht wieder zu erkennen.

Ihre Augen rollten, ihr Antlitz glühte, die Augenbrauen waren zusammengezogen, das Haar flatterte ihr wild um den Kopf herum, die Lippen standen offen und zeigten die übereinander gepreßten Zähne, und die Finger der beiden Hände schienen wie die Krallen einer Wildkatze zum Angriff gekrümmt.

Sie war schrecklich schön anzuschauen.

Die drei Männer erschraken vor dieser Erscheinung so sehr, daß jedem der Mut erfror.

»Wo hast Du Deinen Hut, wenn Du mit meiner Mutter sprichst?« fuhr das Fräulein den ihr zunächst stehenden Altknecht an. Dieser fand aber nicht mehr Zeit zu antworten, denn im selben Augenblick flog ihm der Hut vom Kopfe und hin, bis er auf der Spitze der Brunnensäule saß. »Und was soll die Tabakspfeife da?« herrschte das Fräulein den Kutscher an, nur daß die Pfeife in dem Augenblicke keine Pfeife mehr war, sondern aus dem Munde des Kutschers herausgerissen und in tausend Scherben zerschlagen auf dem Ziegelpflaster lag. Nun aber wartete der Schäfer garnicht mehr ab, bis die Reihe an ihn kam, sondern strebte vorwärts, so weit er die Welt ersah, und stieß neben dem Pfeiler mit seiner Stirn so mit dem Kopfe des dahinter lauernden Kleinknechts Marczi zusammen, daß die Beiden beinahe ihre Nasen vertauscht hätten.

Fräulein Ilonka aber trat an den Ausgang des Flurs und schickte dem geschlagenen Heere noch die ermutigende Erklärung nach:

»Wenn ich noch einmal höre, daß jemand es wagt, gegen meine Mutter grob zu sein, so nehme ich einen Stock und zerschlage diesen so auf dem Rücken des Flegels, daß er sich daran erinnern soll! Sein Essen nehme sich heute jeder mit, morgen kann er sich's selber kochen, und wem dies nicht gefällt, für den ist das neue Jahr vor der Thür: er kann gehen.«

Das aber hörten sie schon längst nicht mehr! Inzwischen war auch die Liesel schon aus dem Laugentrog herausgekrochen und sah, wie einst Sultan Nurreddin, als er aus dem Wasser der Badewanne hervortauchte, eine ganz neue Welt vor sich. Sogar zu sprechen vergaß sie. Das war nicht die Welt, welche sie hier zurückgelassen hatte. Das ist nicht das Fräulein, dem sie an Sonntagen Strümpfe stricken gelehrt, und was sie da sprachen, ist nicht ungarisch.

»Du aber packe Dich augenblicklich aus dem Hause!« rief ihr Ilonka zu. »Denn sobald Du wagst, meiner Mutter noch einmal vors Angesicht zu kommen, so kratze ich Dir die Augen aus, reiße Dir die Zunge aus dem Halse und zerbreche Dich in kleine Stücke, wie dies Holz hier.« – Dies Holz war aber das in ihren Händen zurückgebliebene Pfeifenrohr.

Böschke wollte etwas sagen, es blieb ihr jedoch keine Zeit dazu.

»Pack' Dich weg von hier und sprich kein Wort mehr! Jetzt bin ich die Aspis. Von jetzt an werde ich immer die Aspis sein. Und ich werde Dir zeigen, was das ist, die Aspis!«

Doch Böschke sah dies schon; sie sah auch, daß, nachdem die andern das Schlachtfeld geräumt hatten, es für sie nicht ratsam wäre, zu bleiben. Das Fräulein blickte fortwährend nach dem Kehrbesen, der dort in der Ecke stand. Deshalb zog sie sich sachte in den Hof hinaus, mit halbem Blick immer nach rückwärts schauend, ob das Fräulein ihr nicht im nächsten Augenblicke mit dem Kehrbesen eins auf den Kopf haue.

Des Kleinknechts Marczi Ritterlichkeit hatte sich übrigens nicht so weit erstreckt, seiner Auserwählten in diesem schweren Kampfe zu Hülfe zu eilen; er war bäuchlings auf die Spitze des Heuschobers gekrochen und sah von dort dem Ausgange zu.

Ilonka zog nun die teure Mutter vom Hausflur weg.

Frau Vilagoschi schluchzte. Sie umarmte ihr Kind. Mischten sich vielleicht auch Freudenthränen in ihr Weinen, daß denn doch endlich ein »Herr« im Hause sei?

»Jawohl, aber keine Köchin.« Diese Bemerkung machte Vilagoschi, der von der Zimmerthüre aus ein ruhiger Zuschauer des Auftritts gewesen war, dann setzte er hinzu: »Die Köchin hätte man doch nicht so Knall und Fall wegjagen sollen.«

»Habe keine Sorge, Väterchen! Ich werde die Küche schon selbst besorgen. Ich brauche fernerhin keine Magd. Ich habe ohnehin nichts zu thun; geht Ihr nur hinein und setzt Euch zu Tisch, es bleibt alles in seiner Ordnung.«

Damit nötigte sie Vater und Mutter ins Zimmer, band sich die Küchenschürze vor, machte sich an die Arbeit und war so schnell mit dem Essen fertig, als hätte sie in ihrem ganzen Leben nichts anderes gelernt als kochen.

Die Dienstleute schienen von diesem Tage an wie ausgewechselt. Der Träge sah zur Arbeit, der Trunkenbold hatte Acht auf das, was ihm zum Munde hineinging, und der Flucher auf das, was er zum Munde hinausließ; ja, es geschah sogar, daß der Kutscher Pitascha das Rauchen zwischen dem Heu aufgab, nachdem ihm das Fräulein angekündigt hatte, daß, wenn sie ihn wieder mit der Tabakspfeife bei dem Schober arbeitend finde, sie ihm mit der Pistole die Pfeife aus dem Munde schießen werde.

Und sie thut's, wenn sie's einmal versprochen hat, denn sie ist eine wahrhaftige Aspis!

Das brauchen wir wohl kaum zu sagen, daß Böschke die Erste war, die zu Kreuz kroch; am Morgen nach der Katastrophe schlich sie zurück zum Hause und begann, mit dem Rücken zur Thüre eintretend, also:

»Da ist mein Rücken, Fräulein Ilonka! messen Sie darauf soviel der Hiebe, als Sie mir zugedacht hatten. Nur jagen Sie mich nicht fort. Ich könnte wohl einen anderen Platz bekommen und einen besseren, aber ich habe Sie nun einmal so lieb, wie niemand sonst in der Welt. Ich weiß nicht, warum, aber ich habe Sie jetzt so lieb. Nehmen Sie mich zurück. Sie werden nie mehr ein schlechtes Wort von mir zu hören bekommen, weder Sie, noch die gnädige Frau; lieber werde ich, kommt mir die Lust zum Zanken, mit dem Marczi anbinden. Auch stehlen werde ich nicht mehr, nicht so viel, wie das Schwarze unter dem Nagel! Ich gestehe, bisher habe ich's gethan, ich that's für den Marczi, aber ich werde für den Räuber nicht eine Bohne mehr stehlen. Seien Sie nicht mehr böse, Fräulein. Geben Sie mir die Hand her, diese schöne Hand.«

Ilonka wurde das Herz weich. Sie reichte Böschke die Hand und drückte deren schwieligen Handteller.

»Es ist gut, Böschke, ich nehme Dich zurück. Aber merk Dir's, von nun an bin ich die Aspis. Nicht Du bist die Aspis, sondern ich, und werde es auch bleiben. Daß sich also jeder darnach richte.«

Böschke meinte, so sei es auch in der Ordnung.

Die übrigen Dienstleute blieben gleichfalls zu Neujahr. Der Altknecht erklärte, jetzt gehe die Wirtschaft schon ganz ordentlich: jedermann wisse, woran er sich zu halten habe, denn es muß eben ein Mensch da sein, der einem sagt, was man reden und thun soll.

Dieser Mensch aber war Ilonka.

*

 

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