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Die Narren der Liebe

Maurus Jókai: Die Narren der Liebe - Kapitel 5
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleDie Narren der Liebe
publisherOtto Janke
yearo.J.
printrunVierte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180501
projectid4bca50eb
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2. Ein großer Mann im Negligée.

Auch der letzte begeisternde Toast bei dem Abschiedsdiner, welches Ferdinand Harter nach der Schlußversammlung dem abgetretenen Beamtenkörper und der aufgelösten Komitatskommunität zu Ehren gegeben hatte, war verklungen. Jedermann ging nach Hause, in der Brust das wohlthuende Gefühl erfüllter Pflicht. Beim Ex-Obergespan Harter blieb niemand zurück: jedermann wußte, daß er jetzt den amtlichen Bericht über seine Resignation niederschreiben mußte und das war natürlich ein hartes Stück Arbeit. Außerdem mußte man ihm Zeit lassen, seine Gedanken zu einer kernigen Antwort für die um zehn Uhr nachts bei ihm abzuhaltende Fackelserenade zu sammeln.

Die Gäste entfernten sich, indem sie die Hoffnung auf Wiedersehen aussprachen; der gefeierte Patriot aber eilte in sein Arbeitszimmer, um den mühevollen Tag mit einer neuen Mühe zu beschließen.

Auch sein Arbeitszimmer verdient eine Beschreibung, denn es wirft ein helles Licht auf die Sinnesart seines Bewohners. Ringsumher an den Wänden Bilder, entnommen den Trauertagen unserer Nation. Hier ein enthaupteter Held, der Ladislaus Hunyady, den man 1457 hingerichtet hat, trotz des verpfändeten königlichen Schwurs; eingehüllt in das weiße Leichentuch, und ihm zu Füßen die wahnsinnig gewordene Braut. Dort ein rachebrütender Vater, der Felizian Zach, ihm zur Seite die Tochter mit gebrochenem Herzen, die 1318 ein königlicher Prinz geschändet. In einem andern Rahmen eine von ihren Kindern Abschied nehmende Fürstin, die Helene Zrinyi, welche 1696 österreichische Söldlinge und rothaarige Jesuiten ihres Titels als Fürstin und Mutter beraubten. Wieder in einem andern Rahmen zwei zum Tode sich vorbereitende Magnaten, Graf Peter Zrinyi und Graf Franz Nadasdy, 1671, welche vor ihrem Tode sich zum letzten Male die Hand drücken. Dort eine Königstochter in Trauerkleidern, die am Grabe ihres glorreichen Vaters Schutz sucht gegen fremde Usurpatoren. Dann in einer Reihe dreizehn lorbeerbekränzte, mit einem Trauerflor umhängte Bildnisse, die der nationalen Blutzeugen der Hinrichtungen am 6. Oktober 1849 zu Arad. Hier wieder ein blutiges Schlachtengemälde, mit düsterstem geschichtlichen Hintergrunde. Sodann abermals Bildnisse berühmter Männer. Da ein ungarischer Minister, der große Graf Szecsenyi, der sich 1860 eine Kugel durch den Kopf jagte. Dort ein ungarischer Oppositionsführer, Graf Ladislaus Teleki, der vor kurzem, anfangs 1861, sich nachts erschossen. Und neben ihm ein anderer ungarischer Minister mit stolzem Antlitz, der Graf Ludwig Batthyani, den sie 1849 füsilierten. Endlich der hochberühmte ungarische Dichter Alexander Petöfi, von dem man seit dem 31. Juli 1849 nicht weiß, wo sie ihn totgeschossen.

Es giebt kaum eine nationale bildende Kunst – die polnische ausgenommen, – welche die Wände der Wohnhäuser mit so vielen Schreckbildern und Trauerscenen bevölkert hätte, wie die ungarische. Auch das ist ein Stück Zeitgeschichte. Die Kunst hat hier einen vollkommenen Kultus entwickelt, den Kultus der nationalen Martyrologie.

In welcher Gemütsstimmung mag ein Mann sein, der sich mit solchen Emblemen umgiebt?

Ferdinand Harter setzte sich an seinen Schreibtisch, nahm ein Portefeuille heraus, öffnete dessen künstliches Schloß, holte ein leeres Blatt hervor und schrieb mit großer Aufmerksamkeit. Kein Zweifel, daß der Gegenstand, über den er jetzt schrieb, sein gespanntes Nachdenken erheischte.

Die Uhren schlugen acht, als er mit dem Konzepte fertig war; dann schellte er dem Haiduken. »Geh, rufe den Herrn Sekretär; sage ihm, daß ich mit meinem Bericht fertig bin und ihn kopieren lassen will.«

Der Haiduk ging; eine Minute darauf trat der Sekretär ein.

Er mochte ein Mann in den Dreißigern sein. Eine gewandte, feine Gestalt. Man sah ihm an, daß er gewohnt war, sich in vornehmen Kreisen zu bewegen. Seine Gesichtszüge wären schön zu nennen gewesen, wenn sie nicht sämtlich einen eigentümlich scharfen Ausdruck gehabt hätten. So konnte z. B. sein Mund für sehr schön geschnitten gelten, wenn er ihn nicht immer so fest zusammengepreßt hätte, als erachte er es nicht für genügend, die Zunge im Zaume zu halten, sondern als müßte er noch das doppelte Thor der Zähne und Lippen vor ihr versperren, ja auch noch den schönen schwarzen Schnurrbart bis zur Hälfte darüber herabhängen lassen. Die gebogene Nase drückte kühne Wünsche und energische Willenskraft aus; die faltenlose Stirn mit den glatt hinaufgestrichenen Haaren kalte Berechnung: und die aus den zusammengezogenen Augenbrauen hervorblitzenden Augen mochten schön sein, wenn sie in leichtsinniger Frauen Augen lächelten, der Mann aber verschließt sich vor ihnen fester, denn er sieht darin den Kunstschlüssel, der das Schlüsselloch zu seinen Gedanken sucht.

»Sie hatten die Gnade, mich rufen zu lassen,« sagte er zu seinem Chef.

»Haben Sie die Thüren hinter sich zugemacht?«

»Alle beide.«

»Ich ließ Sie zu mir bitten, um Sie zu fragen, ob Sie mit meinem Bericht fertig sind.«

»Ich habe ihn bei mir. Wollen Sie ihn durchsehen?«

»Das wäre überflüssig. Sie verstehen dergleichen meisterhaft aufzusetzen und kennen meine Ansicht. Ich bitte, bleiben Sie jetzt hier und schreiben Sie ihn ins Reine. Ich habe den Bogen schon im voraus unterzeichnet.«

»Vielleicht wäre es aber doch gut, ihn vorher noch durchzulesen. Ich könnte etwas vergessen haben.«

»Es bleibt mir keine Zeit dazu. Ich habe noch vieles in Ordnung zu bringen. Es ist ohnehin schon spät geworden. Acht Uhr ist bereits vorüber und in zehn Minuten muß ich unterwegs sein.«

»Sie wollen verreisen?«

»Ich fahre auf mein Gut. Ich muß diese Nacht noch dort eintreffen. Soeben erhielt ich Nachricht von meinem Verwalter, daß der Steuereinnehmer auf morgen die Pfändung angemeldet hat. Morgen schickt er sechzehn Mann Kavallerie auf mein Gut; wenn ich bis übermorgen nicht zahle, zweiunddreißig, dann vierundsechzig. Ich will es abwarten, bis er die ganze Eskadron dahingeschickt, muß aber anwesend sein, damit kein Unglück geschieht. Meine Leute sind heißblütig. Darum ersuche ich Sie, die nötigen Geschäfte zu besorgen. Da ist mein Petschaft, den Bericht schicken Sie dem Hofkanzler. In vier Tagen bin ich wieder hier.«

»Und wenn unterdes der Regierungskommissar eintreffen sollte?«

»So werden Sie ihm die Amtsakten übergeben. Hier sind meine Schlüssel. Den zum Archiv kennen Sie ja.«

»Und die anderen?«

»Das sind die Schlüssel zu meinem Schreibtisch und zu meinen weiteren Schränken. Behalten Sie dieselben bei sich. Man kann nicht wissen, was in der jetzigen verkehrten Welt geschieht. Es könnte einem von den vielen Menschen, die jetzt durcheinander befehlen, einfallen, in meiner Wohnung eine Haussuchung vornehmen zu wollen. Für einen solchen Fall ist es gut, wenn sich die Schlüssel in Ihren Händen befinden. In meinem Schreibtisch sind meine Privatschriften und Urkunden; haben Sie die Güte, sie durchzusehen und wenn Ihnen etwas aufstößt, was nicht dem ersten Besten in die Hände fallen darf, so können Sie es vernichten. In diesen Schränken sind Gelder, die mir zu allerlei Zwecken eingeschickt wurden. Für Honvedvereine, für Grabmonumente, für die Akademie der Wissenschaften, für Erinnerungsfeste und Gott weiß zu was noch mir anvertraute Gelder. Ich kenne auch die Beträge nicht. Haben Sie die Güte, sie durchzuzählen und mir gelegentlich einen Ausweis darüber zu geben. Es sind darunter auch Gelder, die mir gehören: diese sondern Sie ab und thun Sie bei Seite. Ich weiß nicht, wieviel es ist. Dann benachrichtigen Sie mich täglich durch einen Kourier von dem, was hier vorgeht. Jetzt aber geben Sie den Befehl, daß sogleich angespannt wird.«

»So wollen Sie die Fackelmusik nicht abwarten?«

»Was für eine Fackelmusik? Ich weiß von keiner. Mir hat niemand davon etwas gesagt.«

Der Sekretär ertappte sich dabei, daß er etwas seinem Munde hatte entschlüpfen lassen, das nicht heraus gesollt hätte, und er bestrafte die ungehorsame Zunge damit, daß er das Schloß der Lippen noch fester vor ihr absperrte und auch den Schnurrbart in dasselbe hineinzog. Und doch hätte die ungehorsame Zunge es so gern ausgeplaudert, daß ja die ganze Welt davon spricht und sich darauf vorbereitet; die Fackeln sind schon längst zur Hand und die ganze Stadt ist auf den Beinen; und wer selbst nichts davon gehört haben sollte, konnte doch aus Paris wissen, daß ein solcher Tag mit solch einem Abend enden müßte. Aber die unbarmherzigen Lippen öffneten nicht auf eine Minute die Kerkerpforte, um die gefangen gehaltenen Gedanken freizulassen.

Der Sekretär übernahm die Schlüssel.

»Nur den Schlüssel meines Schreibportefeuilles behalte ich bei mir,« sagte Harter, indem er einen kleinen Werthheimschen Schlüssel vom Bunde herabnahm und damit seine Schreibmappe zuschloß. – »Auch dies Portefeuille lasse ich hier, denn es wäre bei mir vielleicht schlechter aufgehoben. Übrigens ist nichts besonders Wichtiges darin; es enthält nur ein Tagebuch über meine Privatangelegenheiten und Erlebnisse. Man kann es zwar mit keinem fremden Schlüssel öffnen, wenn aber dennoch jemand von Amtswegen sich mit seinem Inhalt bekannt machen und nicht warten will, bis ich zurückkomme, so sagen Sie ihm, er möchte den Lederdeckel aufschneiden, dann kann er sehr bequem dazu gelangen.«

»Ich werde es schon so verstecken, daß niemand dazu kommt.«

»Das wird sehr gut sein, lieber Emil. Ich vertraue mich Ihnen ganz an. Bitte, beeilen Sie sich meine Kutsche vorfahren zu lassen.«

Der Sekretär übernahm die Schlüssel und die Briefmappe. Nach fünf Minuten kam er zurück und meldete, daß alles zur Abreise bereit sei. Harter drückte ihm die Hand und bat ihn, im Arbeitszimmer zu bleiben und den Bericht abzuschreiben. Als Harter abfuhr, gestattete er seinem Haiduken nicht, sich auf den Bock zu setzen, sondern ließ ihn im Hause zurück.

Der Sekretär sah aus dem Fenster dem dahinrollenden Wagen nach. Sein spähender Blick verfolgte ihn noch, als schon die Dunkelheit Wagen und Straße seinen Augen entzogen hatte.

Weshalb diese schleunige Abreise vor der verdienten Ovation?

Einige Minuten später gab die dunkle Straße Antwort darauf. Vom Hauptplatz herauf zog langsamen Schrittes eine Reiterpatrouille von zwölf Mann mit gezogenem Säbel; nach fünf Minuten kehrte sie wieder zurück, an den Fenstern des Ex-Obergespans vorüber.

Ah! Jetzt ging dem Sekretär ein Licht auf. Er trat vom Fenster zurück, und als er sich den im Rahmen hängenden Patriotenbildnissen gegenüber befand, lachte er lautlos in sich hinein.

Ich glaube nicht, daß jemand die Menschen liebt, die so in sich hinein zu lachen wissen, um nicht zu verraten, daß sie gelacht haben.

Auch die Bildnisse sehen es und zürnen ihm vielleicht dafür, aber sie sagen's ihm nicht.

Diese gemütliche Unterhaltung wurde dadurch unterbrochen, daß jemand ins Zimmer trat.

Der junge Belteky kam in Begleitung zweier anderen jungen Leute als Deputation.

»Guten Abend, Freund Andjaldy,« begrüßte er den Sekretär, der ihm ins Empfangszimmer vorausging. »Ist der gnädige Herr zu Hause?«

»Ja,« antwortete der Sekretär, »er fertigt seinen Bericht.«

»Uns hat jemand gesagt, daß er seinen Wagen hat fortfahren sehen.«

»Elemer ist ausgefahren. Sie werden ja gesehen haben, daß auch der Haiduk hier ist.«

»Ja, aus dem ist nichts herauszubekommen, denn der antwortet auf alles, er habe nichts gesehen. Wir fürchteten schon, der Herr Obergespan wünsche nicht, daß die heutige glänzende Ovation zu stande komme.«

»O nicht doch, warum sollte er das nicht wünschen?«

Belteky zögerte etwas mit der Antwort; am Ende mußte er aber doch zur Sache sprechen. »Nun, vielleicht weil der Militär-Kommandant der Stadtbehörde zu wissen gegeben hat, daß er ferner keinerlei lärmende Demonstration dulden werde.«

»Ja freilich, das ist ein wichtiger Umstand. Ich werde es dem gnädigen Herrn melden und Ihnen sofort Antwort bringen.«

Der Sekretär ging in das Arbeitszimmer, dessen Thüren er sorgfältig hinter sich schloß. Nach einigen Minuten kam er wieder heraus und ließ diesmal die innere Thür offen stehen.

»Der gnädige Herr sendet Ihnen durch mich seinen Gruß. Seine kurze Antwort ist: Männer von festem Charakter pflegen unerschrocken den Ereignissen entgegenzusehen. Wenn Sie ihn suchen, wird er stets auf seinem Platze zu finden sein. Es komme, was da kommen muß.«

Die Abgesandten sahen einander ins Gesicht, dann bissen sie sich auf die Lippen und empfahlen sich mit sauren Komplimenten.

Herr Andjaldy kehrte in das Arbeitszimmer zurück.

Er schloß alle Thüren ab, um nicht mehr gestört zu werden.

Als er dann allein und gegen jede Überraschung gesichert war, holte er einen der Schlüssel, die er in der Tasche hatte, hervor.

In der That, das Vertrauen mit dem Herr Harter ihn überhäuft hat, ist eine große Versuchung.

Er hatte ihm aufgetragen, den Wust seiner geheimsten Briefe durchzusehen und alle, in denen sich kompromittierende politische Äußerungen finden sollten, zu verbrennen, und ferner unbekannte Geldbeträge, für welche die Mandatare dieser Summen ihn schwerlich je werden zur Rechenschaft ziehen können, in Ordnung zu bringen. Wahrlich, in den eigenen Sohn könnte man kein größeres Vertrauen setzen.

Und wenn unter diesem Gesicht ein Verräter steckt, welch' ein endloser Spielraum ist ihm gelassen, einen bedeutenden Menschen zu Grunde zu richten! Und dieser Mensch ist in der That der schändlichste Verräter. Doch Ferdinand Harter möge vor ihm nicht für sein Geld, nicht für seine Briefe bangen. Dieser Mensch forscht nicht darnach, welche Rolle Harter als Akteur auf der Bühne des Lebens spielt, sondern welcher Schauspieler er ist im tiefsten Winkel seines Herzens. Seine Geldbörse bleibt vor ihm in Ruh' und auch der äußere Schmetterlingsstaub seiner Eitelkeit.

Er wählt unter den ihm anvertrauten Schlüsseln nicht denjenigen aus, der zum geheimen Archiv oder zur Kasse führt. Damit hat es keine Eile, sondern er holt einen anderen aus seinem Versteck, der ihm nicht anvertraut worden, den Schlüssel vom Schreibportefeuille.

Die Schreibmappe hat ein künstliches Schloß; als Ferdinand Harter einmal den Schlüssel auf dem Landgut vergessen hatte, waren alle Schlosser der Stadt nicht imstande gewesen, es zu öffnen; selbst der Verfertiger vermochte das nicht, ohne den entsprechenden Schlüssel zu haben. Deshalb kann der Eigentümer des Portefeuilles vor jedem unbefugten Einbruch völlig sicher sein.

Aber ein Geheimnis seiner Mappe kennt er doch nicht; nämlich daß der Wiener Fabrikant, als er dem Sekretär die Mappe übergab, ihm dazu zwei Schlüssel einhändigte. Der eine hat als Reserve zu dienen für den Fall, daß der andere in Verlust geraten sollte.

Diesen zweiten Schlüssel behielt der Sekretär an sich.

Und da sein Chef die Gewohnheit hatte, seine denkwürdigen Tagesereignisse samt seinen Gemütseindrücken regelmäßig aufzuzeichnen, so las der Sekretär auf diese einfache Weise so klar und deutlich in der Seele seines Chefs, wie man durch das Glasfenster eines Dzierdzonschen Bienenkastens dessen Bewohner in ihrer geheimen Werkstätte belauscht. Somit holte Andjaldy, sobald er sich hinter verschlossenen Thüren befand, Ferdinand Harters Tagebuch. Andjaldy kannte dessen Inhalt schon längst. Er war mit jedem einzelnen Blatte vertraut und brauchte nur noch auf das letztgeschriebene neugierig zu sein.

*

Heute habe ich wieder einen schweren Tag überstanden. Ich glaube, er ging glücklicher vorüber. Viele meinen, das sei eine leichte Situation.

Der Akrobaten-Herkules ist daran gewöhnt, zwei Männer auf seine Schultern zu nehmen, diese wieder vier andere Männer und dann zu oberst noch zwei Kinder. Der Akrobat promeniert lächelnd mit dieser Menschenpyramide umher, aber ich bin sicher, daß er täglich seine Produktionen mit dem Gedanken beginnt: »Möglich, daß ich heute unter'm Spiel zusammenbreche. Möglich, daß heute die auf meinen Schultern Stehenden auf mich herunterstürzen und entweder mich oder sich erschlagen.«

Das ist auch mein Schicksal, der ich eine ganze Menschenpyramide auf den Achseln trug. Um wieviel fühle ich mich erleichtert, daß ich sie endlich einmal herunter habe! Mich dünkt, daß ich mich nicht so bald wieder zu solch' einer Kraftproduktion hergeben werde; und auch diejenigen, die von meiner Schulter herabglitten, können sich gratulieren, daß sie wieder die liebe Mutter Erde unter den Sohlen fühlen. Das Provisorium ist inauguriert und setzt uns in Ruhe. Er ist gelöst, der gordische Knoten. Ich denke, auch der tapferste General findet es behaglicher, im Lehnstuhl zu sitzen, als im Sattel. Es giebt keinen peinlicheren Gemütszustand, als wenn die Situation uns zwingt, etwas zu sein, was wir nicht sind.

Als ich in der Schlacht war, erfüllte mich jeder Kanonenschuß mit Schauder; doch einzugestehen, daß ich mich fürchtete, war unmöglich; ich hatte Mut, anzuerkennen, daß ich keinen Mut hatte. Ich setzte meinen Fuß aufs Blutgerüst und betrat den Kerker; was mich dahin geführt, war stets und immer, daß ich nie Mut hatte, den mir Nachschreitenden zu sagen: Nun aber gehe ich keinen Schritt weiter. Jetzt sah ich wieder denselben Pfad vor mir, den ich schon einmal durchlaufen; ich sah, daß mich wieder von Schritt zu Schritt jene Menschenpyramide, die ich auf meinen Schultern trug, hinbrachte zu den Kanonen, an das Blutgerüst, in den Kerker, und ich fand wieder nicht den Mut zu sagen: Nun gehe ich nicht mehr weiter, ich muß zusammenbrechen, möge über mich lachen, wem es beliebt.

Der Zufall kam mir zu Hülfe. Die Gewalt vertrat mir den Weg. Nie erschien sie mir gelegener! Jetzt habe ich geendet wie ein Held, kein Blatt fehlt meinem Lorbeer. Der heutige Tag war der Tag meines Meisterstückes.

Ich stand vor dem Volke wie ein Halbgott. Ich lieh den Antlitzen um mich herum ein Licht gleich einer Sonne. Ich war kühn und entschlossen, ich trotzte sogar ihr, der Gewalt. Der Kürassier-Rittmeister ist übrigens ein guter Bekannter von mir und ließ mich vorgestern wissen, er werde mit seiner Eskadron erst nachmittags eintreffen; bis dahin könnte ich alles zu Ende bringen. Er hielt sein Wort. Ohne die würdige Jugend hätte der ganze feierliche Akt in schönster Ruhe verlaufen können, aber diese würde beinahe mir alles verdorben haben. Als ich die Kürassiere auf der Straße mir entgegenkommen sah, wäre ich fast aus meiner Rolle gefallen. Mein Sohn, der nichtsnutzige Taugenichts, hat mich sogar zweimal bloßgestellt. Zuerst mit seiner Tollkühnheit und dann mit seiner cynischen Tölpelei. Und das Publikum betrachtet das Betragen der Söhne berühmter Männer gar aufmerksam, das ihm als Galaktometer dafür dient wie die Väter denken, wenn sie daheim in ihren vier Pfählen sind. Ist der Sohn lau, dann heißt es gleich: Der Wirt hat daheim Seifenschaum in die Milch gequirlt. Und überdies beschämte er mich vor ihr!

Vor ihr, in deren Augen ich stets glänzend und stattlich erscheinen will; an die ich denke, wenn ich vor dem tobenden Volke stehe und die Gewalt in die Schranken rufe; der zu Liebe ich berühmt zu werden strebe, damit sie meinen Namen nicht vergessen könne, damit sie reuig an mich denke und sich zurücksehne nach mir.

Doch welch' wunderbares Rätsel ist mir jetzt auch diese Frau!

Zwei Jahre lebten wir miteinander und trennten uns dann aus unversöhnlichem Haß. Wir wechselten sogar unsere Religion, nur um einander los werden zu können. Und jetzt, wo ich von ihr geschieden bin, schwärme ich für sie!

Ist's aber etwa ein Wunder?

Das ist ja eine ganz andere Frau als die, welche ich besaß.

Ich sah sie während zweier Jahre nicht lächeln.

Und o, wie schön vermag diese Frau zu lächeln. Erst jetzt habe ich sie lachen gehört, wo sie die Frau eines andern ist.

Ja, als sie noch mein war, war sie nicht einmal schön.

Und jetzt, welche bezaubernde, die Sinne berückende Gestalt!

Wahrlich, ich habe doch früher nie diese Augen an ihr gesehen!

Als sie noch mein war, graute mir vor dem Gedanken, daß ich in das Haus gehen mußte, in dem ich unter einem Dache mit ihr wohnte; und jetzt erfaßt Wollust mein Herz, höre ich, daß auch sie in derselben Stadt eingetroffen, wo ich bin. Und wenn wir uns an einem Orte zufällig zusammenfinden, wo ich sie nur von weitem schauen kann, fühle ich mich wieder zum Jüngling geboren durch sie, die an meiner Seite zu sehen mich einst lebensüberdrüssig gemacht hat. Unlängst habe ich einen zerrissenen Handschuh von ihr dem, der ihn vom Boden aufgehoben, mit Gold aufgewogen, ich, der ich als ihre Hand und alles noch mein war, vor jeder Berührung zurückschauderte.

Aber diese Frau ist auch völlig eine andere, als sie es damals war. Heute gemütvoll strahlend: ganz Herz und Gefühl. Jedes ihrer Worte ist jetzt Harmonie, jeder Blick ein Zauber. Und das an der Seite eines solchen Gatten! Er ist gar kein Mann, nicht einmal ein Mensch – er ist ein Affe! Hätte er mich um eine meiner Mägde gebeten, ich würde sie ihm nicht gegeben haben.

Man sagt, er sei reich; aber ich glaube es nicht. Er spekuliert und läßt sich in zweifelhafte Unternehmungen ein. Man kann mit ihm nur von Zahlen und Geschäften reden. Wäre er wenigstens ein diabolischer Charakter, so würde ich's verstehen. Den Weibern imponiert das. Aber er ist ein ganz gewöhnlicher, alltäglicher Patron; einer von der Sorte, wie deren in Lappland, wo drei zusammen erst einen ganzen Mann abgeben, das Stück von den Frauen um zwei Seehundsfelle eingehandelt wird.

Welchen Vorzug besitzt er also vor mir?

Vor mir, der ich auch jetzt noch ein stattlicher Mann bin? Erst in den Vierzigern; mein Vermögen macht mich zum großen Herrn; meinen Namen kennt das Reich; man rühmt ihn und hält ihn hoch.

Ich habe diese Frau vernachlässigt, so lange sie mein war?

Gut. So werde ich sie mir zurückerobern.

Dieser nichtsnutzige Sohn aber soll je eher, je besser auf Reisen gehen. Und jetzt eile ich fort. Der Abend darf mich nicht hier treffen. Meine Leute bereiten eine großartige Demonstration vor, die einen beklagenswerten Konflikt mit den Organen der Gewalt herbeiführen könnte, was mir höchst unangenehm wäre. Mein Sekretär wird alles statt meiner in Ordnung bringen. Er ist ein sehr treuer Mensch.

Welch' ein Glück, daß das Schicksal Leuten unseres Schlages verwendbare Hände und Füße zur Verfügung stellt, die statt unserer die Dinge verrichten – für ein bescheidenes Honorar.

*

Hier endete das Blatt.

Der Mann, der verwendbare Hände und Füße hatte, lachte, zwar nur stumm, in sich hinein, aber mit zum Lachen geöffneten Lippen. Dann schloß er die Schreibmappe wieder zu und legte sie auf ihren Platz; hierauf spitzte er die Feder und setzte sich hin, um den Brief zu schreiben – nicht an Seine Excellenz den Hofkanzler, sondern an Frau Malwine von Lemming. Das ist der Name jener bewußten Frau.

*

 

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