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Die Narren der Liebe

Maurus Jókai: Die Narren der Liebe - Kapitel 4
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleDie Narren der Liebe
publisherOtto Janke
yearo.J.
printrunVierte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180501
projectid4bca50eb
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IV.
Der Roman der Narren der Liebe.

(Das Kabinetsstück des Klubarchivs.)

 

1. Ein großer Mann in Gala.

Es war die letzte Generalkongregation des Komitates, eine Kongregation im November 1861, als man von »Oben« her – was damals Wien war – darauf ausging, Ungarns Komitatswesen zu brechen oder doch zu beugen. Wir standen mit einem Fuße in der Verfassung, mit dem andern im Belagerungszustand. Heute noch Herren, Getreue, Redner, thätige Organe des öffentlichen Lebens; morgen Knechte, Geächtete, stumme Leute, weggeworfene Knochen.

Aber eilen wir in die Sitzung. Heute werden wir große Aufregungen erleben. Die Beamten danken in corpore ab; der Obergespan, der rühmliche Patriot, hat erklärt, er werde trotz des Unterlassungsbefehls die Sitzung doch abhalten und sich samt dem Ausschuß nur mit Gewalt der Bajonette heraustreiben lassen. Er werde die Gewalt abwarten, wie einst die römischen Senatoren, in kurulischen Stühlen sitzend, mitten auf dem Forum.

Und wenn er es gesagt, hält er es auch; er ist der Mann darnach. Ein Mann, ein Wort!

Als ein solcher ist Harter von Jedermann gekannt. Ein deutscher Name, doch ein ungarisches Herz. Er ist unser Mann. Seine Vergangenheit bürgt für ihn. Wo unsere Besten waren, da hat auch er gestanden. Er war 1849 mit in Debreczin auf dem Reichstage, dann bei Kopolna in der Schlacht, und 1850 im Neugebäude zu Pest in Eisen. Er ist ein dreifach erprobter Mann. Auch jetzt ist er die Seele der Führer im Lager der liberalen Komitatspartei.

Eilen wir, um jene Rede nicht zu versäumen, welche ohnehin die Zeitungen nicht mehr bringen werden, denn sie haben bereits einen stillen Wink erhalten, von jetzt an über solche Kongregationen, welche noch nicht durch Soldaten auseinander gejagt wurden, weiter nichts zu berichten, als daß die Ausschüsse die übliche Sitzung abgehalten haben und dann nach Hause gegangen sind. – Beeilen wir uns also, damit wir noch einen guten Platz bekommen.

Jawohl! Das ist leicht gesagt; allein das verehrliche Komitatspublikum, das schon gestern aus der Umgegend herbeiströmte, hat bereits mit Tagesanbruch alle dem Publikum reservierten Plätze so ausschließlich okkupiert, daß weder List noch Gewalt uns hineinhelfen. Und so werden wir froh sein müssen, wenn es uns durch eigene Protektion gelingt, auf der Nobelgalerie, in irgend einem Winkel an der Wand ein Plätzchen zu erwischen, von wo aus wir, mit choreographischer Kraftanstrengung auf den Fußspitzen stehend, eine Aussicht auf die Coiffüren der vor uns sitzenden, an Schönheit unvergleichlichen Damen genießen. In dieser schlecht gewählten Position gehen uns zwar all die herrlichen Reden verloren, denen zu Liebe wir eigentlich hierher gekommen sind, was für uns selbst und die Nachwelt ein beklagenswerter, unersetzlicher Verlust bleibt; dafür erhalten wir jedoch alle jene Zwiegespräche in Tausch, welche der uns unmittelbar den Rücken zukehrende junge Herr über die Stuhllehne der vor uns sitzenden Dame gebeugt, unausgesetzt mit eben dieser Tochter des Landes hält, während unten im Saale die feierliche Beschlußfassung über das Geschick des Reiches sich abspielt.

Die Frau ist eine Schönheit im Alter von zwanzig bis fünfundzwanzig Jahren. Ihr Antlitz hat etwas Kreolenartiges; wird es schwermütig, so ist es kalt und blaß; lächelt es aber, belebt es sich, so überglänzt es eine heiße Röte. Im Lächeln ihrer Lippen verrät sich kindliche Gutmütigkeit, während die Augen dem verlockenden Spiegel eines Sees gleichen, unter dem ein verborgener Strudel lauert, der den verwegenen Schwimmer hinabzieht in seine Tiefe. Diese Augen sind voller Geheimnisse, die der magnetische Blick nur demjenigen enthüllt, der sie erkunden soll, während dieselben Gesichtszüge, Augen und Lippen, sich vollständig vor Dem zu verschließen wissen, den sie draußen in der Kälte stehen lassen wollen und den ein Zucken dieser Augenbrauen vor Frost erstarren macht.

Der Wuchs der Dame ist vollkommen schlank, elastisch, geschmeidig; ihr dichtes, schwarzes, natürlich gekräuseltes Haar quillt unter einer Erlauer Haube von Goldspitzen hervor, von der lange, breite rote Bänder herabflattern. Damals war das bei uns Mode. O, wie bezwingend, wie reizend sahen darin die Frauen aus!

Der mit ihr plaudernde junge Mann mag etwa zwanzig Jahre alt sein. Ein feines epikuräisches Gesicht mit kaum erst sprossendem Backen- und Schnurrbart, schmalen, leicht geschwungenen Augenbrauen, deren sanften Ausdruck der kühn umherschweifende Blick und die spöttischen Mundwinkel Lügen zu strafen suchen. Der schlanke, rasch aufgeschossene Wuchs hat etwas von jener Schlaffheit, die wir an Jünglingen gewahren, welche in der Erwartung ihres Bartwuchses müde geworden sind.

Auf den ersten Blick fällt eine gewisse Familiarität auf, welche zwischen der jungen Frau und dem knabenhaften Jüngling herrscht, und die wir sogleich verstehen werden, wenn wir ihr Gespräch belauschen.

Unten im Saale spricht irgend eine salbungsvolle Stimme. Ein schönes, sonores Organ, doch auf unserem Standpunkte ist von der Rede nichts zu verstehen. Die schöne Dame möchte gern auf den Redner aufmerken und bedeutet unablässig mit abwehrenden Fächerbewegungen den hinter ihrem Rücken schwatzenden Jüngling, ihre Aufmerksamkeit nicht zu stören, was dieser jedoch nicht im mindesten beachtet.

»Bitte, schwatzen Sie doch nicht beständig, lassen Sie mich aufmerken. Man sagt ohnehin lauter dummes Zeug.«

Das war familiär genug gesprochen. »Wer? Der da unten?«

Die Dame schlug ihn in scherzendem Zorn mit ihrem Perlmutterfächer auf die hinabweisende Hand.

»Ei, wenn Du sie lesen willst, stehle ich meinem Papa die ganze Rede, so wie sie auf dem Papier geschrieben steht; Du bekommst dann auch noch dasjenige mit in den Kauf, was er wohlweislich ausgestrichen hat.« (Er duzt die Dame, sie aber nicht ihn.)

»Gehen Sie, lassen Sie mich in Ruhe. Mir entgehen die schönsten Stellen.«

»Applaudiere ihm, und Dir zu Liebe sagt er die Rede noch einmal her – da capo.« Darüber lächelte die Dame bloß. Die Augen des jungen Schößlings gewahrten jedoch dies Lächeln.

»Bemerkst Du nicht, wie Papas Augen bei jeder gewaltigen Phrase triumphierend hierher blicken? Gewiß ist es nicht mein Antlitz, auf dem er ihre Wirkung lesen will. Wenn Papa peroriert, ist er wirklich ein schöner Mann. Wie er in Eifer gerät, wie er sich aufrichtet. Eitel Kraft und Feuer. Dieser Komitatssaal ist eine gefährliche Konkurrenz für uns Junge, da schlagen uns immer die Alten. Wie so ein alter stattlicher Herr aufsteht und zuerst mit ruhiger Würde die Menge überblickt, als suchte er sich diejenigen heraus, die er der Gnade würdigen will, zu ihnen zu sprechen! Dann läßt er seine gewaltigen Phrasen los, daß der ganze Saal davon widerhallt; dazwischen gerufene Einwürfe beantwortet er auf der Stelle, und nach der einen oder anderen Kraftstelle blickt er sogar zur Galerie hinauf, um von den ihm zulächelnden Augen den Tribut des Beifalls einzufordern; und dann stürzt er sich mitten hinein in die Flut der Leidenschaft, taucht aus ihr hervor, wo es beliebt und schließt unter allgemeinem Beifallssturm. Ein solcher alter Herr ist ein gefährlicher Rival. – Ihr nehmt dann nicht wahr, daß sein Haupt kahl und sein Bart grau ist, ja nicht einmal, daß er eine Perrücke trägt und daß er seinen Bart färbt.«

»Ich bitte Sie doch, seien Sie nicht so boshaft!« rügte ihn erzürnt die schöne Dame. »Haben Sie denn nicht einen Tropfen kindlicher Pietät?«

»Habe ich denn gesagt, daß Papa sich den Bart färbt? Nicht mit einem Worte habe ich's gesagt! Nun, Du weißt ja am besten, daß er es nicht thut. Nur daß er heute sehr gute Farbe hat. Und welcher Nimbus umgiebt ihn! In dieser Stunde, glaube ich, ist kein größerer Mann im Vaterlande als Papa. Siehst Du, Stiefmama, wie schade es war, daß Du uns verlassen hast; denn wärest Du noch meine Stiefmutter, so wärest Du Frau Obergespanin und die Gattin eines großen Mannes.«

»Sie sind ein ausgewachsener Narr!« (Sie ist also seine »Stiefmama«!)

»Mit der Frau Obergespanin wäre es freilich morgen schon aus, denn Papa resignirt; jedoch der Titel des großen Mannes bleibt.«

»Aber wie können Sie nur von so feierlich ernsten Dingen so frivol sprechen.«

»Weiß ich denn, was das für ein feierliches Ding ist? Sie alle legen ihre Ämter nieder, Papa stellt den Antrag und die Übrigen folgen nach. Was Großes darin ist, wenn Papa dies thut, will mir nicht einleuchten. Er bleibt Herr, wie vorher, und amüsiert sich besser als hier. Wozu aber die übrigen armen Teufel abdanken, warum sie ihr Brot, ihre Carrière im Stich lassen, das kann ich schlechterdings nicht begreifen.«

Hier konnte einer der in seiner nächsten Nähe stehenden unfreiwilligen Horcher (möglich, daß Du selbst es warst, freundlicher Leser) es nicht unterlassen, den jungen Mann mit ein paar Worten aufzuklären. »Sie thun es nur deshalb, mein junger Freund, weil ihnen die Verfassung ihres Landes teurer ist, als ihr Brot, und weil sie das, wofür seit vollen zwölf Jahren so viele Seufzer gen Himmel gestiegen: Die Nationalehre, nicht aufs Brot geschmiert essen wollen.« Des schlanken Jünglings blasses Antlitz wurde auch jetzt nicht röter. Achselzuckend erwiderte er: »Was weiß ich von dieser Verfassung? Damals war ich noch Kind und inzwischen hat mich niemand darüber belehrt.« Zum Glück für ihn unterbrach jetzt der unten im Saale erdröhnende Jubelsturm die Fortsetzung des Geschwätzes. Der Hauptredner hatte seine Rede beendigt.

Als sich der erneuerte Hochrufssturm gelegt hatte, folgte eine geräuschvollere Scene. Der Vizegespan verlas im Namen des Komitatsausschusses die feierliche Verwahrung, in welcher die Komitatskommunität gegen die Gewalt und den Verfassungsbruch protestiert. Dabei herrschte eine solche Stille, sogar auf den Galerien, daß man jedes einzelne der im dumpfen Ton gesprochenen Worte verstehen konnte. Jedes dieser Worte glich der auf den Sarg herabgeworfenen Erdscholle, mit welcher der Leidtragende seinen Toten zwar dem unerbittlichen Grabe überliefert, aber zugleich Protest einlegt gegen die Vergänglichkeit und an die Auferstehung appelliert.

Nach der Verlesung der Urkunde machten sich die erleichterten Gemüter in einem allgemeinen Murmeln Luft. Jedermann hatte besorgt, daß auch hier, wie überall anderwärts, bewaffnete Gewalt die Protesteinlegung verhindern werde. Sie ging glücklich vor sich, ohne daß Militär eingetroffen wäre. Es lag damals in jener Stadt eben keine Garnison.

Nunmehr verlas der Obernotar die Abdankung des Beamtenkörpers en masse. Alle, vom ersten bis zum letzten, legten ihre Ämter nieder; weder hatte einen der Alten die Gewohnheit, noch einen der Neuen der Reiz der Neuheit auf seinem Posten festgehalten. Sie hatten insgesamt die Urkunde unterschrieben. Wenn es keine Verfassung mehr giebt, so giebt es auch keine Beamten.

Es war dies eine Schlacht, in der niemand davonlief, in der jeder Gemeine ein Feldherr war.

Der blasse Jüngling auf der Galerie aber sagte zu seiner schluchzenden Nachbarin: »Mich dauert nur Vilagoschi, der Gerichts-Archivar. Er dient doch schon zwanzig Jahre. Niemand kennt sich in den Aktenstücken so aus wie er. Jede Regierung hat ihn respektiert.«

»Und dennoch dankt er ab?«

»Es ist eine Ehrensache, sagen sie; eine patriotische Pflicht. Er kann nicht bleiben. Er muß mit den Übrigen gehen. Es thut auch mir leid um ihn. Und es ärgert mich auch deshalb, weil sie jetzt aufs Land gehen und irgendwo ein Gut pachten werden; ich aber bin vor kurzem erst mit der kleinen Ilonka in der Tanzschule bekannt geworden. Ein allerliebstes, schönes Kind. Ich kann mir denken, wie sie draußen auf dem Dorf verbauern wird.«

»St, St, St, St, St«, ... ertönte es von allen Seiten. »Wer plaudert in einem so feierlichen Moment dort auf der Galerie.«

»Aber jetzt gehe ich sofort, sonst werde ich noch hinausgeworfen!« – flüsterte das junge Herrchen der Dame zu, sich von ihr beurlaubend. »Adieu Stiefmama! Adieu Stiefmama. Bei der Prozession treffen wir uns.«

»Bei welcher Prozession?«

»Nun, so passe doch auf! Eben stellt Feri Belteky den Antrag, daß wir die feierliche Sitzung mit einem erhebenden Akt beschließen sollen; wir werden unter Absingung von Vörösmarty's Hymne en masse nach dem Friedhof hinausziehen, und dort auf dem Grabe der Honveds, die für Verteidigung des Vaterlandes gefallen, jene Fahne aufpflanzen, welche bis jetzt auf dem Erker des Komitatshauses wehte. Sieh nur, wie er sich aufbäumt und der Zorn aus ihm heraussprüht. Adieu, adieu! Ich eile, denn ich muß die Fahne tragen, dies Amt gebührt dem Sohn des Exobergespans. Apropos! Meine Hochachtung Deinem Herrn Gemahl. Sage ihm aber nichts davon.«

»Närrischer Kauz!« lächelte ihm die Dame nach und unterhielt sich dann mit einem andern.

Im Saale wurde der Antrag des jungen Redners einstimmig angenommen und auf der Galerie lösten sich die Damen, wie auf Verabredung, plötzlich die Blumen aus Locken und Brustbouquets und flochten daraus einen Kranz für jene Fahne, welche ihren Ehrenplatz mit einem ruhmvolleren vertauschen sollte.

Binnen einer Viertelstunde befand sich die ganze Versammlung auf der Straße und der Zug, welcher den heiligen Vaterlandspsalter anstimmte, setzte sich nach dem Friedhof in Bewegung.

Voraus die Alten, die ergrauten und erprobten Patrioten; dann folgte die jüngere männliche Generation. Den Schluß machten die Frauen und Mädchen. In der Mitte ging der Fahnenträger. Die Fahne hatte jedoch, dem Ex-Obergespanssohn zuvorkommend, jener junge begeisterte Antragsteller ergriffen und hielt sie, mit dem Kranz der Damen geschmückt, hoch empor. Deshalb mußte Elemer – wie der junge Harter mit seinem Taufnamen hieß – sich damit begnügen, unter den Hymnensängern den Diskant zu singen, während die schönen Damen den Sopran sangen.

Elemer mißbrauchte das in ihn gesetzte Vertrauen in schmählicher Weise, denn mitten im feierlichen Zuge, an der Seite seiner Stiefmama einherschreitend, sang er zur Hymnenmelodie nicht etwa die Textworte des begeisterten Gedichtes von Michael Vörösmarty, sondern allerlei Wallfahrtslieder, eines abgeschmackter als das andere, die übrigens auch für die Wallfahrer nicht passend gewesen wären, und zwang durch diese Impertinenz die ihm zunächst gehende Damenschar beständig zum Lachen, wofür er von seiner Stiefmama eine Unzahl keineswegs schmeichelhafter Titulaturen erhielt. Sie hörte auch den ganzen Weg über nicht auf ihn zu schelten und ihm zu drohen, daß sie ihn wahrhaftig noch nach Hause jagen werde.

Da wurde jedoch die Ordnung des feierlichen Zuges plötzlich von einem unerwarteten Intermezzo unterbrochen, welches bald darauf die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog. Als nämlich der Zug in die Hauptstraße, welche zum Friedhof führt, einschwenkte, sah er vom Ende der Stadt eine volle Eskadron Kavallerie sich entgegen kommen. Es waren Kürassiere; aus der Staubwolke blitzten ihre Helme hervor. Das Schmettern der Trompeten übertönte die Melodie des Hymnus.

Feri Belteky, der wackere junge Mann, welcher den Antrag gestellt hatte, bekam in diesem Augenblicke, durch eine Laune des Zufalls, einen jener Anfälle von Brustkrampf, denen der stattliche Jüngling, wie seine Bekannten wissen, häufig unterworfen war. Der Arme! schade um ihn! »Kamerad! sei so gut und nimm diese Fahne,« flüsterte er Elemer zu, und ließ sich, die Hand aufs Herz drückend, auf einen Eckstein nieder. Böser Herzkrampf, der in so unpassenden Momenten zu kommen pflegt! Die Kavallerie ritt, die ganze Breite der Straße einnehmend, dem Zuge entgegen. Es war das Militär, welches beordert worden war, die heute abzuhaltende Komitatskongregation nötigenfalls auch mit Waffengewalt auseinander zu sprengen. Aber es war von der acht Meilen entfernten Nachbarstadt zu spät eingetroffen, immerhin jedoch noch früh genug, um den Schluß der Feier zu verderben.

Der Zug blieb stehen, die Männer scharten sich zusammen. Was war hier zu thun? Die Straße, so breit sie ist, wird einerseits von der patriotischen Prozession, anderseits von dem entgegen kommenden berittenen Militär eingenommen. Es gab übrigens auf der linken Seite der Straße ein Nebengäßchen, welches gleichfalls nach dem Friedhof führte. Die patriotische Menge scharte sich um Harter den Älteren. Er war das Orakel. Von seinen Lippen erwartete jedermann das entscheidende Wort. Ferdinand Harter, der Vater, war ein ernster, erfahrener Mann, der auch in so kritischen Lagen nie die Geistesgegenwart verlor. Er hatte auf der Stelle eine improvisierte Rede bei der Hand.

»Patrioten und Patriotinnen! siehe, da naht die rohe Gewalt, sie kommen uns auf demselben Wege entgegen, auf dem wir den Tribut patriotischer Trauer und Dankbarkeit abzutragen im Begriffe sind. Wären hier auf dem Platze nur Männer, so würde ich sagen, wir behaupten unsern Platz und gehen niemandem aus dem Wege. Doch wir müssen Rücksicht nehmen auf das schwache Geschlecht. Es wäre eine unnütze Schonungslosigkeit, jenes Geschlecht einer brutalen Behandlung auszusetzen, welches wir im Gegenteil zu verteidigen und zu beschützen die Pflicht haben. Gott ist uns Zeuge dafür, daß unsere Sache gerecht ist; mit diesem Bewußtsein in unserer Brust können wir ohne Erröten unsern Weg wählen; weichen wir den Werkzeugen der rohen Gewalt aus, ohne sie auch nur eines Blickes der Verachtung zu würdigen und verfolgen wir unser Ziel mit unerschütterlicher Ruhe, links ab, dort in jener andern Richtung.«

Das hieß auf Ungarisch so viel wie: der Festzug möge dem Militär durch das Nebengäßchen ausweichen.

Der junge Harter hatte die bekränzte Fahne in der Hand. »Wohin, wenn ich bitten darf?« rief er zuerst auf die weisen Worte seines Vaters, und fuhr fort: »Dort in den Durchgang hinein? Und mit dieser Fahne?« Damit wendete er sich zu den Damen um und, die Fahne hoch empor haltend, rief er im Tone und im Jargon eines Quadrillevortänzers: » Mes dames, en avant! Promenade!«

Und ehe noch jemand ihn daran hindern konnte, eilte er im Sturmschritt – gefolgt von den ihm nachdrängenden Frauen und Mädchen – voraus der Schar der Männer und Jünglinge, tollköpfig gerade auf das entgegenkommende Militär los. Alles war perplex, aber alles folgte ihm.

Das Militär rückte ihnen mit schmetterndem Trompetenschall gerade bis zu dem erwähnten Seitengäßchen entgegen. Als dort die beiden Kolonnen zusammentrafen, gab der kommandierende Rittmeister seiner Mannschaft ein Zeichen, die mit einer plötzlichen Schwenkung – in das Seitengäßchen hinein defilierte und der singenden Schar die breite Straße frei ließ.

Der Offizier salutierte sogar mit gesenktem Schwerte der an ihm vorübergetragenen Fahne, wofür er auch ein donnerndes Lebehoch erhielt.

Dies kühne Unternehmen hatte auf einmal Elemer um hundert Prozent im Kredite der Männer und Frauen gehoben. Und doch war es von seiner Seite nur ein toller Raptus: der Leser möge es glauben.

Aber schon für diesen Tag konnten die Folgen davon nicht ausbleiben. Da Feri Belteky, der ausgezeichnete junge Redner, durch den fatalen Herzkrampf zurückgehalten war, überfiel die Jugend Elemer, er möge auf dem Grabe der Honveds eine Rede halten.

Umsonst suchte er Ausflüchte, er verstehe sich nicht aufs Redehalten, habe kein Talent dazu – man ließ ihm keine Ruhe. In seiner Hand war die Fahne, man drängte ihn den hohen Hügel hinauf, nötigte ihn, die Fahne beim Kreuze des Grabes aufzupflanzen und hob ihn auf die Schultern, in welcher Situation es eine nicht zu umgehende Notwendigkeit war, einige Worte zur Handlung zu sprechen. In Gottes Namen! Hören wir Elemer, den Sohn des Helden des Tages. Elemer also – sprach: »Ihr wackeren Honveds von 1849, die ich nie gekannt habe; die Ihr ein Vaterland hattet, so lange Ihr lebtet, und jetzt wieder ein Vaterland habt, da Ihr gestorben seid. Ihr seid besser daran als wir. Wir sind hierher gekommen, Euch zu sagen, daß der Tag der Auferstehung noch nicht da ist. Ihr könnt ruhig weiter schlafen. Einstweilen bringen wir Euch diese Fahne, die Euch einst das Leben gekostet; uns aber kostet sie 7 Gulden 25 Kreuzer mitsamt der Stange. Und jetzt wissen wir nicht, wo wir sie hinthun sollen!«

Nun, man kann sich denken, wie Elemer von Jung und Alt für die einfältige Rede heruntergerissen wurde, sogar von den Frauen und zuletzt von seiner Stiefmama.

»Sie sind ein unverbesserlicher Hanswurst!« schalt ihn die Dame, als Elemer sie nach Hause begleitete. »Mußte man bei solch feierlicher Gelegenheit so sprechen? mußten Sie solch dummes Zeug zusammenreden?«

»Gut so! gut, fängst Du schon wieder mit mir zu zanken an, wie bei uns zu Hause?« versetzte Elemer.

»So!« fragte die Dame mit vorwurfsvollem Blicke. »Also die Stiefmama hat viel mit Ihnen gezankt, nicht wahr, als Sie noch ihr Sohn waren?«

»Mit Worten nicht, aber mit Blicken wie dieser. Du verstehst es einen anzusehen wie die Anakondaschlange. Kein Wunder, wenn der arme Papa graue Haare bekommen hat von diesen Deinen Blicken. – Pardon! – ich habe ja nicht gesagt, daß Papa graue Haare hat.«

»Gehen Sie, ich bin böse auf Sie! vor Ihren Augen ist nichts heilig.« Damit ließ die schöne Dame sich von Elemer in die Kutsche helfen und lud ihn nicht ein, sich ihr zur Seite zu setzen.

So gewaltig zürnte sie ihm?

*

 

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