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Die Narren der Liebe

Maurus Jókai: Die Narren der Liebe - Kapitel 26
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleDie Narren der Liebe
publisherOtto Janke
yearo.J.
printrunVierte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180501
projectid4bca50eb
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23. Stillleben.

Der laue Zephyr eines Sommerabends säuselt durch die Baumzweige des Gartens, auf denen ein Pfauenauge sich wiegt und die niedergebogen werden von der Last ihrer Früchte, während sie die zweite Blüte gen Himmel aufwärts zieht. Obst und frische Blüten zugleich an dem Aste. Man sagt, ein solches Jahr werde ein gesegnetes. Und ein solches war es in der That, soweit dies vom guten Willen des Himmels und der Erde abhing; als hätte der gütige Herrgott das ganze Jahr hindurch tagtäglich seinem konstitutionellen Ministerium Bericht darüber abverlangt: was denen da unten not thue? ob sie Schnee brauchen, ob Regen, ob Sonnenschein? und nach etwas Regen wieder heiteren Himmel? Ob sie Wein lieber wollen oder Brot? sie mögen beides haben! mögen sie endlich einmal konstitutionelle Witterung bekommen. – Ja, so that fürwahr – der gütige Herrgott im Himmel.

Unter den bis zum Boden herabneigenden Zweigen der Obstbäume lagen zwei Menschen im fetten Grase: ein alter und ein kleiner Mensch. Der alte könnte noch jünger sein, hätte er nicht mehrere Jahre durchlebt, die sich als eine volle Militärkapitulation anrechnen lassen; Jahre, in denen ihm die Sorge Furchen ins Antlitz pflügte und von der Stirne die Locken abmähte. Der kleine Mensch dagegen ist ein etwa dritthalb Jahre alter, rotbäckiger, runder Staatsbürger mit jenem lockigen Goldhaare, das die kleinen Kinder, wie es scheint, noch von der Sonne mitbringen, aus der sie stammen. Der kleine Mensch amüsiert sich damit, aus Gräsern und Laub eine Kopfbedeckung in Kreuzform für das kahle Haupt des großen Menschen zu flechten, da es ungerecht ist, daß die Natur vergessen hat, selber für solch eine Fülle zu sorgen. Der große Mensch ist nicht ärgerlich darüber und blickt lächelnd auf den kleinen Menschen nieder.

Dies Menschlein hebt dann einen Grashalm, ein Baumblatt auf, hält sie dem großen Menschen hin und sagt: »Das hier heißt Gras, das andere hier Baum. Nun sprich nur nach Gras ... Baum.«

Der Alte bemüht sich, das auszusprechen, und manchmal gelingt es ihm sogar. Der kleine Mensch freut sich darüber und klatscht in die Händchen. Der Enkel lehrt seinem Großvater das Sprechen ...

Von weitem her hört man einen Wagen rollen. Der kleine Mensch springt aus dem Grase auf und ruft: »Papa kommt, rasch!« Dann reicht er dem Alten die Hand, als wollten seine kräftigen Muskeln jenem das Aufstehen erleichtern, und führt ihn des Weges, vorsorglich ihn unterweisend: »Gieb acht, falle nicht, hier ist ein großer Stein, weich' ihm aus!« Und der alte Mensch ist auch hübsch folgsam und weicht dem Steine aus. Der Enkel lehrt seinem Großvater das Gehen ...

Vom Garten führen drei Stufen die Veranda hinauf. Diese emporzukommen, das erst ist die wahre große Kunst! Der kleine Mensch schreitet voraus und unterweist dann den großen Menschen. »Hier gieb acht! setze den rechten Fuß voraus; nicht das ist der rechte, der andere ist's! So, jetzt noch einen Schritt. Wir sind daheim!«

Dann läßt er, wie einer, der seine Sache gut gemacht, den Alten nachhumpeln und läuft jauchzend voraus; er stolpert, plumpst hin, schlägt sich aber nicht die Nase ein, bricht nicht in Weinen aus, sondern steht auf und läuft lachend weiter, als wäre ihm nichts passiert.

Am Ende der Veranda sitzt eine junge Frau. Ihr Gesicht hat sich sehr verändert, seit wir sie zum letztenmale gesehen. Die jungfräuliche Strenge auf ihrem Antlitze wich der Milde des beseligenden Muttergefühls. Als sie noch Mädchen war, hatte ihr Gesicht etwas Männliches – jetzt ist es ganz weiblich. Es steht auf demselben nicht mehr das »Ich allein«; an seine Stelle trat das »Wir«. Keiner ihrer Gedanken wandelt mehr einsam, sondern jeder sucht sich einen Gefährten, und das umgiebt ihr Antlitz mit jener unbeschreiblichen Glorie, welche auch wortlos das unaussprechliche Glück des Weibes verkündet.

Auf ihrem Arbeitstischchen liegen Stickseide und bunte Perlen, Silber- und Goldfäden, und aus diesen fertigt sie mittelst einer winzigen Häkelnadel ein Miniaturhäubchen, ein vielmal kleineres, als irgend eine der hier sichtbaren Personen es tragen könnte.

Des Knaben Lärm stört sie auf: »Papa kommt, die Kutsche rasselt!« In nächster Minute ist der Wagen auch da und der Vater tritt ein.

Er ist ein stattlicher, frei um sich blickender Mann; ein Antlitz, von dem das Selbstbewußtsein leuchtet, niemand in der weiten Welt, außer den Seinen, Dank schuldig zu sein, nicht einmal einen Gruß. Den Seinen gehört ausschließlich sein ganzes Herz, und sein ganzes Herz ist nur von ihnen erfüllt.

Mann und Frau umarmen einander so sanft, mit solch' liebevoller Zartheit, als dächte jedes von ihnen an die Wunde, die der andere, den es umarmt, seinetwegen mitten in der Brust erhalten, und als fürchte es, die Wunde könne dort noch schmerzen. Und doch ist jetzt die Erinnerung daran bloß noch eitel Wonne.

»Was arbeitest Du da?«

Die Frau antwortete nicht; ihrem Gesicht steht das errötende Lächeln so gut; sie versteckt Seide und Häkelei hinter dem Rücken; was braucht »Er« das zu sehen?

»Er« aber errät es trotzdem; wandelten doch seine Gedanken eben auch dort, wo die Gedanken der anderen Hälfte des »Wir«.

Dann kommt die Reihe an den kleinen Menschen. Der kleine Mensch ist ein großer Herkules; er ist im Stande, den Hals seines Vaters zu sich herabzuziehen: er kann ihn zwingen, sich nieder zu setzen und er bannt ihn fest, indem er sich auf seine Kniee hockt, und nun bricht der plätschernde Bach kindlicher Beredsamkeit los; er erzählt vom eben anlangenden Großpapa, wie gut der sich heute aufgeführt habe; er lernte zwei Worte aussprechen und ging heute auch schon ohne Krücken; morgen wird er versuchen, über den großen Stein, der am Wege liegt, hinweg zu schreiten.

»Nicht wahr, Großpapa? zeige einmal dem Vater wie Du bereits »Gras, Baum« sagen kannst.«

Der alte Mann that's ihm zu Liebe und der kleine Mann lachte und klatschte in die Hände, daß ihm die Augen von Thränen überflossen und er gar nicht merkte, wie auch die Augen der drei anderen sich mit Thränen füllten.

Gewiß, er wird seinen alten Großvater noch sprechen und gehen lehren, was dieser zwar schon einmal gekonnt – aber dann wieder vergessen hat.

»Und wo ist unsere Mutter?« fragte der Gatte.

»Bei der Wirtschaft.«

»Rufe sie. Ich habe Euch alle gerne um mich, wenn ich zu Hause sein kann.«

Das ist aber nicht so leicht zu bewerkstelligen; bei der Wirtschaft giebt es so viel zu thun und zu sorgen. Die Milchkühe, die Bruthühner, der Gemüsegarten, die eingemachten Früchte, die Mastschweine, das Gesinde! Das alles giebt so viel zu schaffen, daß einem fast der Athem ausgeht. (Und doch könnte sie ohne all diese schweren Mühen nicht leben!) Endlich kommt sie auf vieles Rufen zum Vorschein! dann aber braucht niemand mehr zu sprechen: der junge Gatte bekommt wahrlich genug anzuhören, über die jüngeren und älteren Familienmitglieder, übers Vieh und Geflügel, über vernünftiges und unvernünftiges Hausgetier; über Obst und Bodengewächse und wie jeder seine Sache gemacht habe, so daß er zuletzt in seinem Stolze sich einbilden kann, er sei die Sonne dieses ganzen Planetensystems, um die Weib, Mann und Kind, Ferkel, Katzen, Hühner, Melonen und Kohlköpfe als eben so viele Planeten und Trabanten sich drehen.

O, um die glorreichste Herrscherwürde auf Erden, um den Rang eines Gatten, den alles in seinem Heimwesen liebt – sogar die Tiere, – sogar die Bäume.

Wie schön geht die Sonne unter, die ihre Gesichter vergoldet.

*

Dunkle stürmische Nacht.

Durch die Straßen Pest's fegt der Wind den Sand; die Schlafenden fahren auf aus ihrem Schlummer, sowie ein Anprall des Windes den Staub der aufgewirbelten Kehrichthaufen an ihre Fenster schleudert; die von den Hausdächern herabfallenden Ziegel zerschellen klirrend auf dem Pflaster.

Dieser Pester Wind ist keiner von den gewöhnlichen, gottgefälligen Winden; der bläst Dir von jeder Richtung her gerade ins Gesicht. Aus jeder Straße kommt er Dir entgegen. Du kannst ihm nirgends den Rücken zuwenden. Und von welcher Grobheit dieser Wind ist! Stehst Du nicht fest auf den Füßen, so wirft er Dich gewiß an die Wand.

Aber wer ginge auch zu solcher Zeit auf der Straße? Zwei Stunden nach Mitternacht; sogar die Ladenwächter schlafen und auch die Kaffeehäuser sind schon geschlossen.

Trotzdem sehen wir eine Gestalt auf der Straße mühsam gegen den Wind sich fortschleppen. Der Mann hat den Hut tief in die Stirne gedrückt; er ist nachlässig gekleidet und sein Gang zeigt sich taumelnd und ungleich.

Jetzt spreizt er die Brust trotzig dem Winde entgegen; dann weicht er vor dem Anprall des geheimen Gegners zurück und lehnt sich mit dem Rücken an eine Wand, sich mit beiden Händen festhaltend, um nicht weiter geschleudert zu werden. Das ist keiner von den lustigen Mitternächtlern, die singend heimgehen und nicht nach Hause finden. Einmal bleibt er unter einer Laterne stehen, deren Flamme der heimatliche Samum mit aller Gewalt ausblasen will. Dort blickt er starr vor sich empor.

Wir kennen dies Antlitz. Dies borstige, bewachsene Kinn war einst glatt, dieser struppige Schnurrbart war einst der nahe Zeuge der Küsse einer schönen Frau, die schwärmerisch und schalkhaft, schmachtend und trügerisch geflüstert: »Liebster Tihamer.«

Die schöne Frau ist nicht mehr. Und der Liebste ist niemand mehr lieb. Nicht einmal sich selbst. Er trägt keine Sorge mehr für sich. Ihn kümmert es nicht, in welchem Anzuge jener Mensch einhergeht, den man bei seinem Namen ruft, ob er etwas braucht, ob ihm etwas weh thut? Ob er schlafen oder sich freuen könnte? Manchmal giebt er ihm nicht einmal etwas zu essen, sondern ersäuft den Hunger mit Spirituosen, die ihn vergessen machen, wer er ist; vergessen die Vergangenheit und die Gegenwart. Und an die Zukunft? wer dächte an diese!

Bei Tag kommt er nie aus seiner Stube heraus, nur bei Nacht wandelt er durch die Straßen und am Morgen irrt er heimwärts. Er sucht nicht die Orte auf, wo er von jemand gekannt ist; er vergräbt sich unter dem Auswurf des Volkes; dort sucht ihn niemand, dort fragt niemand nach ihm. Und wenn manchmal der Zufall ihm einen Bekannten in den Weg führt, sieht er ihn nicht an und drückt sich seitwärts. Vielleicht sieht er ihn auch wirklich nicht.

Unter den zusammengezogenen Brauen blicken seine Augen starr nach aufwärts, als schwebte ein schwarzer Punkt vor seiner Stirne, den nur er sieht – und außer ihm niemand. Armer Unglücklicher!

*

Doch giebt es einen, der noch unglücklicher ist als er: Ferdinand Harter, der mit heiterem Gesicht in der Welt einhergeht; er geht überall hin, wo seine einstmaligen Bekannten leben und trägt mit lächelnder Miene einen großen schwarzen Fleck auf der Stirne – den jedermann sieht – nur er allein nicht ...

*

Und Föhnwald?

Im Chlumer Thale ist ein Hügel, etwa zwanzig Klafter im Umfang. Auf dem sprossen jetzt schöne Feldblumen.

Um die Feldblumen schwärmen summende Bienen und die Bienen summen: »Wir sind die Krieger der Luft. Wir wandern, sammeln und führen Krieg. Wenn die Blumenzeit ihr Ende erreicht hat, tötet man uns, wirft uns weg, niemand beweint uns« ...

Der Held hat Muße genug dem Bienengesumme zu lauschen und davon zu träumen.

*

 

Berliner Buchdruckerei-Actien-Gesellschaft Setzerinnenschule des Lette-Vereins.

 

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