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Die Narren der Liebe

Maurus Jókai: Die Narren der Liebe - Kapitel 24
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleDie Narren der Liebe
publisherOtto Janke
yearo.J.
printrunVierte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180501
projectid4bca50eb
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21. Gut!

In Hernals bei Wien befindet sich zwischen den Gärten ein kleines Unterhaltungslokal; in einem der verschwiegenen Stübchen desselben sitzt ein glückliches Paar vertraulich beisammen. Die Liebenden nennen einander »Tihamer« und »Leona«.

Vor ihnen stehen schäumende Champagnergläser, und auf dem Fußboden liegen einige bereits geleerte Flaschen.

Doch der Wein hat auf jedes von ihnen entgegengesetzte Wirkung: während er das heitere Temperament der Dame zur ausgelassenen Lustigkeit steigert, stimmt er den Mann immer ernster und schwermütiger. Sie möchte gerne tändeln, schäkern, necken; er dagegen fängt zu philosophieren an und gerät in immer sentimentalere Stimmung. Und indes er eifersüchtige Blicke auf sie schießt und ihre geheimsten Gedanken zu erspähen trachtet, singt sie ihm lachend

»ach wie betrügerisch ...«

»Höre mich an, Leona! Willst Du nicht ein ernstes Wort mit mir sprechen?«

»sind Weiberherzen!«

»Sei nicht schelmisch, Du bist ohnehin schon verführerisch genug!«

Die Dame warf sich ihm schalkhaft an den Hals.

»Du meine Sünde! Was willst Du mir zum Vorwurf machen? Dich selbst?

»Mich selbst! Du hast recht, daß ich Deine Sünde bin. Aber warum sollte ich nicht Deine Tugend, Dein Ruhm, Dein Stolz sein können, wenn ich es sein will? Warum kann ich Dich nicht als ein Altarbild vor mir aufrichten, das ich durch meine Gebete umfrieden, auf das ich als Ziel meines Lebens hinweisen könnte, als Endziel, für das ich kämpfe und für das ich zu sterben vermag. Warum bist Du nicht völlig die Meine, für ewig mein, und mir allein angehörend?«

Die Dame hielt mit ihrem rosigen Zeigefinger dem Sprechenden die Lippe zu.

»Still! Man darf den Kindern nicht jeden Wunsch erfüllen.«

»Sieh: ich bin so sehr Dein Sklave, wie der Mond der seines Planeten ist. Wohin Du Deinen Weg nimmst, ob nun in die Sonnennähe oder in die Sonnenferne, Du ziehst mich mit. Du bist das Geheimnis meines Lebens. Um Deinetwillen hab' ich mein Vaterland verlassen und mir hier eine neue Laufbahn gesucht; und gehst Du von hier fort, so unterbreche ich diese kaum erst begonnene Richtung, um als Landstreicher Dir überall hin zu folgen. O, sei der Baum der Erkenntnis meines Paradieses, damit kein Cherub mit dem Flammenschwerte mich je wieder daraus vertreibe.«

»Leihe der Schlange kein Gehör, wenn Du im Paradiese bist.»

»Meine Schlange ist der Ehrgeiz. Ich leugne es nicht. Denn mich quält der Gedanke, daß so viele armselige Kretins, so viele Halbmenschen über mir stehen und von mir beneidete Titel tragen; und der Mann bin doch ich. Der eine lügt, daß er dieser Mann sei, und der andere, er sei der Staatsweise; indes ich das Herz, das beglückt, und den Geist, der schafft, in mir trage. Sie sehen auf mich herab, wie auf das Kind, das sie gängeln, während ich der Mann bin und sie nur die Maske, hinter der ich mich verberge.«

»Genug, wenn das ihrer zwei wissen!« flüsterte die Frau. »Der eine bist Du, die zweite ich.«

»Nein, das ist nicht genug!« rief der Mann aufbrausend. »Ich möchte der Welt nun endlich einmal zeigen, was ich besitze. Das Geheimnis des Genusses erregt in mir bloß den Durst, stillt ihn aber nicht. Höre mich an. Ich spreche ernsthaft. Seltsame Zeiten werden kommen, die den jetzigen Größen nicht günstig sind. Ein gesunder Sturm wird sie herabschütteln vom Baume, gleich wurmstichigen Äpfeln. Andere Zeiten verlangen andere Leute, und ich fühle in mir die Kraft und die Fähigkeit, durch die mich diese Neuzeit hoch empor heben soll. Höher vielleicht, als jene, die mir jetzt auf dem Kopfe umhersteigen. Die Elenden, sie glaubten mich zu tragen, während ich es war, der sie trug; ich half ihnen hinauf, nur damit ich, wenn sie einzeln herab stürzen, auf ihnen einzeln, wie auf Treppenstufen, emporsteigen möge zur Höhe, von der sie herabschwindelten. Und warum mich da hinauf verlangt? Was ich dort will? Dich will ich erreichen! Ich will, daß Glanz und Ehren Dich umgeben, wie Du sie noch nie bisher genossen. Ich will, daß Du mein Weib wirst.«

Die Frau lachte laut auf.

»Ha, ha, ha, fürchtest Du Dich nicht vor mir?«

»Ja, ich will, daß Du Dich scheiden lässest von Deinem Gemahl, der sich ohnehin nicht mehr um Dich kümmert. Gehöre wahrhaft mir allein an, auf ewig! Lach mich nicht aus. Ich bin nicht verrückt, ich bin nicht betrunken. Denke nicht daran, mir zu entfliehen! Leichter zerbräche ich Deine schlanke Taille zwischen meinen Armen, als daß Du Dich losmachen könntest von mir. Höre, was ich Dir sagen werde. Ich bin nicht so arm, wie Du glaubst. Wem das Schicksal Verstand giebt, und dazu einen Narren zum Herrn, dem ist es unmöglich, nicht reich zu werden. Ich besitze Vermögen, mehr als genug, um Dich in Stand zu setzen, davon als große Dame zu leben; und ich besitze Witz genug, mir neues Vermögen zu erwerben, hast Du das alte verschwendet. Laß Dich scheiden von Deinem Gatten und werde mein Weib.«

Bei diesen Worten drückte er sie so leidenschaftlich an sich, daß die Dame bat, er möge sie loslassen. Als er dies gethan, schmiegte sie sich wieder zärtlich an ihn, und sagte in berückendem Schmeicheltone: »Ich liebe Dich, ich bete Dich an, auch wenn Du bitter bist: aber mehr noch liebe ich Dich, wenn Du süß bist. Der Wein pflegt Dich in der Regel bitter zu machen; zünde das Lämpchen unter dem Theekessel an. Der Thee wird Dich versüßen.«

Und Tihamer zündete den Weingeist unter dem Thee an.

»Brenne mir Rum und Zucker in meine Theetasse.« Tihamer gehorchte; er goß Rum auf Zucker und brannte diesen in der Tasse an. »So, und jetzt sprechen wir vom Stadttratsch!« sagte er zur Dame. Und damit beugten sich beide über den Tisch und betrachteten einer des anderen Gesicht, wie es von der Flamme des brennenden Rums so geisterhaft beleuchtet wurde, als wäre es das Gesicht eines Toten.

»Nun, was giebt es Neues in der Stadt?« – »Der Hofkanzler hat seine Pferde verkauft.« – »Das ist eine politische Neuigkeit, die paßt nicht in unsere Gesellschaft.« – »Die schöne Peppi hat ihren Theaterdirektor wieder geohrfeigt.« – »Das ist bereits was Altes. Das geschieht jede Woche einmal.« – »Werden schreckliche Neuigkeiten gewünscht? Von einem Fräulein, dessen Leiche mit abgehauenem Kopfe gefunden wurde.« – »Also irgend eine gute, beruhigende Nachricht?« – »Zum Beispiel?« – »Daß der Liebling des Cirkus, Trésor, von seinem Sturze sich erholt hat. Er zeigte sich schon auf der Straße.« – »Hundeknochen verheilen schnell,« sagte die Dame mit cynischer Gleichgültigkeit. »Gieb noch Rum in meinen Thee, er ist nicht stark genug.« – »Du hast recht. Und im Zusammenhang damit fällt mir eine kleine Klatschgeschichte ein, die ich zufällig erfuhr. Ein junger ungarischer Gentleman heiratet jenes Cirkusmädchen, das immer in einer Loge saß, und vor dem »Philosoph« Komplimente zu machen pflegte; › recognising his Mistress‹« – »Wirklich? Das ist interessant. Dies Mädchen war in Pest Fechtmeisterin. Man jagte sie von dort weg.« – »Möglich. Setzest Du Dich nicht näher zu mir?« – »Warte. Erst will ich das Fenster verhängen; draußen fängt es an dunkel zu werden und hier innen ist es hell.« – »Unterdessen mache ich den frischen Thee.« – »Ja, sei so gut. – Nun, und wie heißt dieser ungarische Gentleman?« frug Leona zurückgekehrt und ihren Stuhl näher zu Tihamer rückend.

Tihamer legte seinen Arm um die Schulter der Dame und sagte im gleichgültigsten Tone: »Elemer Harter.«

Jede seiner Fingerspitzen, die den Körper der Dame berührten, fühlte in diesem Momente den elektrischen Schlag, der sie bei diesem Namen durchzuckte. »Ah, in der That?« fragte die Dame, Tihamer so starr ansehend, daß unter den geöffneten Augenlidern das Weiße sichtbar war. »Ich glaube, es ist in der That so.« – »Und giebt der Vater seine Einwilligung?« fragte die Dame in unverhohlener Aufregung. – »Er hat seinem Vater Namen und Vermögen hingeworfen. Er nahm einen anderen Namen an und ist Agent geworden.« – »Und das alles um eine elende Kunstreiterin heiraten zu können!« – »Ich weiß nicht, ob dieses Mädchen eine Elende, ob sie eine Kunstreiterin ist; ich weiß nur, daß der junge Mann dies Mädchen innig liebt.« – »Aber das ist ja ein Skandal! das ist ja eine Unmöglichkeit!« platzte die Dame heraus. »Es ist ja stadtbekannt, daß dieses Mädchen die Geliebte eines Bajazzo war! jedermann weiß es.«

Tihamer that, als wäre er zu sarkastischen Scherzen aufgelegt.

»Jedermann kann es nicht wissen: ich z. B. weiß es nicht, und Elemer wahrscheinlich auch nicht.«

»Ja! ja!« versicherte die Dame mit voller Selbstvergessenheit sich in dieser Behauptung ereifernd. »Ich weiß es ganz gewiß; jedermann spricht davon, daß sie den Bajazzo zum Geliebten hatte. Jeden Abend begleitete er sie nach Hause; man sah sie in einem Wagen mit ihm fahren; nicht zu gedenken jenes Skandals im Cirkus, wo sie sich deutlich verriet, als der Bajazzo von der Stange herabfiel.«

»Das alles sind immer noch sehr unschuldige Dinge.«

»Unschuldige Dinge?« rief die Frau, und ihr Blick nahm den Ausdruck einer Mänade an.

»Ist das auch etwas Unschuldiges, daß der Bajazzo dem jungen Mädchen jeden Monat Geld gegeben hat? Sie ließ sich von ihm aushalten! Eine Dienstmagd hat es ausgeplaudert. Wenn doch jemand Elemer davon in Kenntnis setzen könnte!«

Tihamer stützte sich mit dem Ellenbogen auf den Tisch und sah der Dame ins Gesicht. »Aber was geht das alles uns an? Wir zwei werden Elemer Harter davon in Kenntnis setzen.« Dabei griff er sachte nach der Hand der Dame. Diese war kalt von Schweiß und zitterte, als sie sagte:

»O, ich kenne eine Frau, die ihm dies schreiben wird. –«

Jetzt faßte Tihamer die Hand der Dame mit seinen beiden Händen und mit bezähmendem Blicke ihr in die Feuer und Flammen sprühenden Augen sehend, sagte er zu ihr in dumpfem feierlichem Tone:

»Wenn Du die Frau kennst, welche dies weiß und fähig wäre ihn dies wissen zu lassen, so sage ihr, daß, wenn ihr das Heil ihrer Seele lieb ist, so möge sie es nicht thun!«

Die Dame riß ihre Hand aus den Händen Tihamers und sagte: »So wie ich diese Frau kenne, wird sie es thun, und wenn das Heil ihrer Seele darüber verloren ginge!«

»Gut! ...«

*

 

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