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Die Narren der Liebe

Maurus Jókai: Die Narren der Liebe - Kapitel 22
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleDie Narren der Liebe
publisherOtto Janke
yearo.J.
printrunVierte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180501
projectid4bca50eb
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19. Ein Tier, das eine Seele hat.

Die Vilagoschis wußten sich so gut zu begraben, daß man nicht einmal ihre Grabkreuze auffand. Sie zogen hinauf nach Wien. Das ist ein ausreichend großer Friedhof für die, welche niemand kennt. Auch dort erhielt Ilonka die ganze Familie, jetzt aber nicht mehr durch Stundengeben, sondern durch Handarbeit. Das Stundengeben ist nichts für junge Mädchen. Niemand glaubt ihnen, daß sie nur aus der Sprachlehre unterrichten. Ihre Schönheit ist für sie ein schlechter Reisepaß, man hat sie beständig in Verdacht. Ihre Mutter hätte sie auch nicht mehr von sich gelassen; Ilonka mußte daher eine Arbeit suchen, welche sie zu Hause verrichten konnte, und sie fand eine solche Beschäftigung. Es war eine der gefährlichsten Handarbeiten, bei der die Rosen auf den Wangen junger Mädchen schnell verwelken. Sie bekam aus der Niederlage der » entreprise universelle des pompes funèbres« Bestellung auf Stickereien für Traueranzüge. Sie übernahm die Arbeit, weil sie am besten bezahlt wurde und ihre teuren Angehörigen keine Not leiden durften. Es ist freilich wahr, daß Personen, welche sich beständig mit dieser Arbeit beschäftigen, nach einigen Jahren zu erblinden pflegen. Das beständige Schwarz auf Schwarz Sticken ruiniert die Augen; wer sich jedoch dazu entschließt, denkt, seine Augen seien dauerhafter, als die der anderen, welche auf diesem Wege entweder ins Blindeninstitut oder an die Straßenecken gelangten.

Häufig gab es auch sehr dringende Arbeit, wenn irgend ein großer Herr zu sterben geruhte. Dann mußte Ilonka beim Lampenlichte bis spät in die Nacht arbeiten, damit am Begräbnistag die gestickte Schleppe der vornehmen Damen fertig sei. Bei solchen Gelegenheiten verdiente sie sogar manchmal fünf Gulden den Tag.

Aber sie brauchte auch Geld. Die Lebensmittel und die Hausmiete sind teuer; und doch war die Kost so schmal und die kleine Wohnung so elend; ein feuchtes dumpfes Hofzimmer. Dazu löste ein Kranker den andern ab. Ihr Vater befand sich in einem geistigen und körperlichen Starrkrampfe; ihrem Brüderchen schlug das berüchtigte kindermörderische Wiener Klima sehr schlecht an; die Mutter endlich klagte beständig, daß ihre Brust dahin sei, sie hatte keinen Atem und empfand Herzbeklemmung; sie gab es dem Treppensteigen bis ins fünfte Stockwerk schuld, an das sie nicht gewöhnt war.

Nur Ilonka blieb vom Siechtum verschont, an ihrem schönen Körper, wie an ihrer schönen Seele. Weder schlechte Luft, noch dürftige Nahrung, noch anstrengende Arbeit griff sie an: Sie war ganz von Gold. Sie wurde sogar noch schöner, noch strahlender in dieser dumpfigen Atmosphäre, unter Not und Entbehrungen. Selbst ihr Schutzgeist vernahm nie auch nur einen einzigen Seufzer von ihren Lippen über so viel Trübsal. Und dann hatte ihr die Natur ein seltenes Geschenk verliehen: Daß, wo sie ging und stand, wie einfach auch ihr Gewand sein mochte, jene angeborene Hoheit, die aus jeder ihrer Bewegungen hervorleuchtete, der Welt verkündete, sie sei eine Dame.

Ihre Mutter fürchtete, sie werde unter der vielen schweren Arbeit zusammenbrechen; Ilonka tröstete sie damit, daß der Herr dem, welchem er Lasten auferlegt, auch die Kraft giebt, sie zu ertragen.

Ihr war fürwahr von beiden ein volles Teil gegeben.

Zuletzt erkrankte auch die Mutter, so daß sie stets das Bett hüten mußte. Drei Kranke lagen in dem Zimmer, in dem Ilonka arbeitete. Der herbeigerufene Arzt erklärte, die erste Medizin wäre, aus dieser Wohnung auszuziehen, die so feucht sei, daß der gesündeste Mensch darin krank werden müsse.

Ilonka hatte also für eine andere Wohnung zu sorgen. Das war keine geringe Aufgabe für sie; nicht nur, daß es außer der Mietszeit schwer hielt, eine Wohnung zu finden; es war auch Geld dazu nötig, denn die Miete muß vorausbezahlt werden. Ilonka empfand jetzt schwer, was das große Wort bedeutet »ich selbst«.

Auf drei Kranke zugleich ein wachsames Auge zu haben, vom Morgen bis Mitternacht am Nähtisch zu sitzen, um mit verdoppeltem Fleiß die Kosten des künftigen Monats zu verdienen und dann noch während der häufigen Gänge zur Apotheke unterwegs eine Wohnung zu suchen. Auch das wurde alles zu stande gebracht. Dies »ich selbst« vermag viel.

Sie bekam doppelt so viel Arbeit als bisher; sie arbeitete Nacht für Nacht: sie fand eine gute Wohnung, die trocken und im Erdgeschoß gelegen war, nur das Geld zu der Anzahlung fehlte noch. Auch das wird kommen. Sonnabend wird sie fertig mit der bestellten Arbeit, und dann erhält sie Geld genug, um sowohl die Miete zu bezahlen, als auch mit den Kranken in die neue Wohnung übersiedeln zu können.

Bis Sonnabend Abend hatte sie mit großer Mühe die übernommene Arbeit beendigt, und es war schon ziemlich spät geworden, als sie sich damit auf den Weg machte. Alle drei Kranke waren ihretwegen voll Unruhe; der Vater tobte und schrie sie heftig an, die Mutter lag eben im Fieber und sah überall Gespenster, welche auf der Straße ihre Tochter abfingen, und der kleine Stumme hielt weinend ihren Hals umklammert und wollte sie nicht fortlassen.

Ilonka beruhigte alle drei nur mit Mühe. Sie versprach bald wieder zurück zu sein. Sie gehe nur um die Ecke und sei gleich wieder daheim. Sie rannte auch, was sie konnte, mit der fertigen Arbeit in das gewohnte Bestellungskontor. Jeden Comfortable, jede Droschke überholte sie mit eiligen Schritten.

Als sie ins Kontor trat, in dem man in der Regel ihre Arbeiten abzunehmen pflegte, wurde sie durch einen ihr gänzlich unbekannten Herrn mit der Frage empfangen: »Was bringen Sie, Mamsell?«

»Die bestellten Stickereien. Hier ist die Rechnung darüber. Ich bitte um meine Quittung und das Geld. Ich habe Eile.«

»Hm, hm!« näselte der unbekannte Herr und nahm ihr die Stickerei ab. »Mein liebes Kind, Ihre Quittung kann ich ihnen jetzt nicht geben, denn es ist hier ein großes Durcheinander; ich stelle Ihnen aber eine Bescheinigung aus, daß ich die Arbeit empfangen.«

»Auch so bin ich's zufrieden.«

Der unbekannte Herr kritzelte ein paar Katzenpfotenstriche auf einen Streifen Papier und überreichte ihr denselben.

»Nun bitte ich noch, mir meine Rechnung auszuzahlen.«

Der unbekannte Herr sah Ilonkas Rechnung durch und gab sie ihr wieder zurück.

»Ja, liebe Mamsell, die » Entreprise universelle des pompes funèbres« hat heute morgen ihre Zahlungen eingestellt und seitdem ist die Kasse gesperrt.«

Ilonka verstand all das nicht.

»Wie ist das möglich?«

»Ja, liebes Kind, das ist eine lange Geschichte. Und Sie wissen nicht einmal etwas davon? Die ganze Stadt ist damit angefüllt. Sie werden doch gehört haben von den reichen Arnstein und Eskeles? Nun also, die haben gestern falliert und rissen den A. Meyer mit; der A. Meyer zog den B. Meyer und dieser zog den C. Meyer nach sich hinein; gestern fielen die Bankiers der Reihe nach, heute purzeln die Großhändler ihnen nach und morgen werden wahrscheinlich auch die Milchverkäufer und Hökerinnen Krida ansagen. Wer jetzt eine Firma von gutem Rufe hat, beeilt sich, seine Boutique zu schließen. Die » Entreprise universelle des pompes funèbres« sagte gleichfalls Krida an und zahlt nicht mehr.«

»Wie ist es aber möglich, daß jemand die von ihm bestellte Arbeit nicht bezahlt?«

»Ja, meine liebe Mamsell, das ist nun einmal so. Wissen Sie was? Lassen Sie sich mit Ihrer Forderung in die Liste der Gläubiger vormerken; binnen acht bis neun Jahren wird der Konkursprozeß sein Ende erreichen; wenn dann etwas von der Konkursmasse übrig bleibt, werden Sie gewiß in der zweiten Kategorie sich unter denjenigen befinden, welche neugierig sind, zu erfahren, wieviel Kreuzer vom Gulden sie zurückerhalten!«

Nach diesen Worten wandte sich der unbekannte Herr mit selbstzufriedenem Lächeln, wie einer, der überaus humoristische Einfälle zum Besten gegeben hat, zu einem andern unbekannten Herrn und überließ es dem verwirrten Mädchen, ob es gehen oder noch länger teilnahmslosen fremden Menschen als Unterhaltung dienen wolle.

Ilonka sagte nur noch:

»Mein Herr! Ich habe hier auch eine Kaution hinterlegt; denn von denen, welche zu Hause arbeiten, verlangt man eine Sicherstellung. Ich deponierte vierzig Gulden beim Kassierer. Die muß man mir doch zurückgeben?«

»Ganz gewiß, Mamsell! Innerhalb besagter acht bis neun Jahre werden Sie auch diese zurückbekommen. Strengen Sie deshalb einen Anspruchsprozeß an. Ich empfehle Ihnen dafür meinen eigenen Advokaten, Herrn Dr. Stempelmeyer; bei dem kommen Ihnen die Prozeßkosten nicht über hundert Gulden zu stehen.«

Ilonka taumelte besinnungslos zur Thüre hinaus. Der letzte Heller war ihr aus der Hand geschlagen.

O, wie schlecht sind die Menschen! Sie bestehlen sogar noch den Bettler!

Es war schon spät abends; sie hätte nach Hause gehen sollen. Dort harren ihrer bereits lange die teuren Kranken. Sie warten auf Trost, auf Arznei, auf ihr lächelndes Antlitz. Doch wie soll sie zu ihnen heimgehen? Sie hat weder Trost noch Arznei, noch ein lächelndes Antlitz. Sie besitzt keinen Heller mehr und keine Aussicht auf Arbeit für die nächsten Tage; ja, sie haben nicht mehr für einen Tag zu leben!

Der Menschenstrom, der die Straßen auf- und abwogte, nahm sie mit sich, die Bewußtlose. Sie wußte selbst nicht, wohin er sie trug, welchen Weg sie nahm, was sie suchte. Was um sie herum von den Vorübergehenden laut gesprochen wurde, einzelne Worte, die an ihr Ohr schlugen, sie bezogen sich insgesamt auf allgemeinen Ruin, Durchbrennen, Zugrundegerichtetsein. Auch andere hatten Ursache zur Verzweiflung, nicht allein sie. Das Menschengewoge entführte sie bis an die Kanalufer; dort irrte sie umher, ohne Zweck, gedanken- und besinnungslos. An einer Stelle entstand großes Gedränge; das Volk lief zusammen. Die Leute fragten sich einander, was geschehen sei? Dann kamen welche, die Auskunft geben konnten. Ein alter Kaufmann sei in den Kanal gesprungen; man fischte ihn wieder heraus, aber bereits als Leiche. Er hatte am gestrigen Bankerotttage all' sein Vermögen verloren.

Ilonka sah, wie vier Arbeiter diesen Menschen bis zur nächsten Straßenkarre trugen. Er hatte langes, graues Haar, und von dem rückwärts niederhängenden Haupte troff das Wasser auf das Pflaster. Die gaffende Menge drängte sich der Leiche des Selbstmörders nach. Ilonka blieb allein zurück am Kanalufer, an jener verfluchten Stelle, wo man eben einen Selbstmörder herausgezogen hatte. Und dann dachte sie bei sich: hat der Mensch nicht recht? Sie neigte sich über die Brustwehr hinaus und blickte hinab auf das Wasser des Kanals.

Im Windzuge flatterten die Uferlaternen, und ihr Schatten tanzte auf dem schwarzen Wasserspiegel. Und in dem schwarzen Wasserspiegel erblickte das Mädchen alle Schreckbilder der Verzweiflung. Das äußerste Elend derer, für welche sie bisher einen übermenschlichen Kampf gekämpft; die abscheuliche, falsche, ungerechte Welt; die verhaßten Gesichter, die das verfolgten, was schön ist; das stiefmütterliche Jahr, das der Würmer vergessen, denen seine Vorgänger das Leben gegeben. Und dem Herzen des Mädchens kam die Sehnsucht, zu erfahren, was wohl unterhalb des schwarzen Spiegels sein möge? Vielleicht eine bessere Welt? vielleicht ein neues Leben? vielleicht ewige Ruhe? vielleicht das Nichts?

Zweimal hatte sie die Stelle verlassen, und zweimal kehrte sie zurück, um wieder hinabzuschauen in den schwarzen Wasserspiegel, auf dem der Irrlichterschein der Lampen über den Toten des Wellengrabes tanzte. Und ihre Stirne glühte von dem Gedanken, der ihr in der Seele aufstieg; und sie nahm den Hut ab und hing ihn hin auf die Brustwehr. Wie gut wäre es, nicht mehr zu leben!

Da ergriff jemand ihre Hand, und eine unbekannte Stimme begrüßte sie bei ihrem Namen.

»Guten Abend, Fräulein Ilonka!«

Erschrocken blickte sie zurück. Sie sah in ein völlig fremdes Gesicht. Es war das eines etwa Vierzigjährigen, völlig glatt rasiert, in dessen Zügen sich eine so treuherzige Gutmütigkeit aussprach, daß Ilonka unwillkürlich ihre Hand in der seinigen ließ.

»Sie erkennen mich nicht mehr,« sagte der Unbekannte freundlich; und doch haben Sie mich einmal ganz nahe gesehen; allerdings nicht mit dieser menschlichen Physiognomie. Ich bin der Hans Katzenbuckel.«

»Ah!« jetzt erwiderte Ilonka den Händedruck.

»Jener Hans Katzenbuckel, der damals in der Verzweiflung seine Bälge und sich selbst umbringen wollte und den Sie, gutes Fräulein, aus dem Rachen der Hölle befreiten. Erinnern Sie sich dessen noch?«

»O ja!« Der Mann ließ Ilonkas Hand noch immer nicht los. Das Mädchen fühlte, daß eigentlich sie ihn festhielt.

»Und an das kleine Pferd, das Sie mir gaben? Das hat mir viel Glück gebracht. Für mich war es ein wahrhafter Schatz. Ich wurde durch dasselbe berühmt. Jetzt sind wir hierher engagiert, alle beide, am Cirkus, mit hübscher Bezahlung. Ich habe mich viel nach Ihnen erkundigt, denn ich wollte meine Schuld abtragen und erfuhr, daß das Unglück Ihre Familie weithin verfolgte und sie bis hierher vertrieb. Ihre Mutter ist krank, nicht wahr?«

»Leider ja.«

»Mein Fräulein,« sprach der Bajazzo, »ich schulde Ihnen viel; doch nicht an mir lag's, daß ich bis jetzt noch nichts von mir habe hören lassen, allein ich konnte Sie nicht auffinden. Ein glücklicher Zufall hat Sie mir jetzt in die Hände gespielt. Ich komme eben aus dem Cirkus, wo ich meine Produktion beendete. Jetzt nennt man mich nicht Hans Katzenbuckel, jetzt bin ich Franzose, mein Name ist Trésor. Ich gebe jetzt täglich eine Vorstellung mit Ihrem kleinen Pferde. Wissen Sie, was dies Ihr kleines Pferd wert ist? Ich werde Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie es mir für fünfhundert Gulden überlassen.«

Ilonka bebte zusammen. So viel Geld! »Ich habe Ihnen das Pferd zum Geschenke gemacht!« antwortete Ilonka. Auch jetzt war sie noch stolz.

»Aber ich habe es nie als Geschenk angenommen. Sie können sich dessen noch erinnern, Fräulein, daß ich damals schon gesagt habe, Hans Katzenbuckel werde, sobald er es vermöge, dafür bezahlen. Jetzt kann ich es. Ich bin ein Herr, ich habe Bezahlung gleich einem Sektionsrat, und daneben liebt man mich auch mehr als einen solchen. Sie aber haben eine Familie, der es gewiß wohl thun wird, tritt ein alter Schuldner mit den Worten hervor, er sei gekommen, um zu zahlen. Nicht wahr? Nun also, der Vertrag ist geschlossen: der Preis des kleinen Pferdes beträgt fünfhundert Gulden.«

Damit nötigte er Ilonka einen Haufen Banknoten auf, die er aus seiner Brieftasche hervorholte.

»Gut denn,« sagte Ilonka, »ich nehme das Geld an, denn ich bedarf seiner. Ja ich gestehe Ihnen noch mehr. Ohne Sie wäre ich vielleicht der Eingebung der Verzweiflung gefolgt, denn zu Hause habe ich drei Kranke liegen, Vater, Mutter und Bruder in tiefstem Elende, und mich selbst hat schnöder Betrug um den Lohn meiner Handarbeit gebracht. Sie zogen mich vom Rande eines Abgrundes weg, auf den ich nur schaudernd zurückblicke. Ich glaube zu Gott, daß dies nicht ohne Grund geschehen ist und beginne zu hoffen, daß ich bei einem Wendepunkte anlangte, mit dem ein besseres Leben seinen Anfang nimmt. O, das bisherige war schrecklich. Und ich habe niemand davon was gesagt; denn die mir am nächsten stehen, durften davon nichts wissen. Aber mein bisheriges Leben war ein tägliches Sterben mit täglichem Wiedererwachen. Gestatten Sie mir, Ihre Hand zu drücken, Sie fremder, unbekannter Komödiant, der Sie mein einziger, wahrer, uneigennütziger Freund sind! O, bleiben Sie auch ferner mein Freund! Die ganze Welt hat mich von sich gestoßen, nur Sie allein reichen mir die Hand, der Sie mir nichts schulden, als höchstens die Erinnerung an ein gutes Wort.«

Das Mädchen brach in Thränen aus. Es ziemt sich nicht, auf der Straße zu weinen; aber an jenem Abend thaten es auch andere in den Straßen der Stadt Wien und die Vorübergehenden wußten, daß sie Grund genug dazu hatten.

»Jetzt leben Sie wohl; von hier finde ich mich schon allein nach Hause; auch muß ich noch in die Apotheke gehen, und dort läßt man mich warten. Auch habe ich das Angeld für die neue Wohnung zu zahlen, in die ich morgen mit den Meinigen übersiedele. Wenn Sie mir morgen Ihr Töchterchen zuschicken, so gestatten Sie uns wohl, sie als mein ›liebes Schwesterchen‹ zu begrüßen.«

»O, Fräulein!«

Ilonkas Mutter war schon ängstlich über das lange Ausbleiben ihrer Tochter. Ilonka erzählte bei ihrer Heimkehr alles, und Frau Vilagoschi fühlte sich davon neu belebt. So bitter sie auf die Nichtswürdigen schalt, welche mit dem Wochenarbeitslohn ihrer Tochter und dem letzten Notpfennig von ihrer Kautionseinlage Bankerott gemacht hatten – eben so überschwenglich war sie in Lobesüberhebungen für den Bajazzo, der den Verlust ersetzt hatte. O, die Freundschaft dieses wackeren Mannes darf man nicht zurückweisen! Sie selbst redete ihrer Tochter am eifrigsten zu, die morgige Cirkusvorstellung doch ja anzusehen. Es wird ja zu Hause kein Unglück passieren, während sie fort ist.

Die Gute raffte sich empor, daß sie am anderen Tage Ilonka glauben machen konnte, sie sei nicht mehr krank. Sie stand frühzeitig auf und half mit beim Umzug in die neue Wohnung.

Es war ein hübsches, freundliches Quartier. Ein schönes großes Zimmer, in der Mitte geteilt durch eine bemalte Bretterwand, so daß man es für zwei Zimmer benutzen konnte; beide Fenster gingen nach einem herrschaftlichen Garten hinaus. In den Garten zu gehen war zwar verboten, aber den Akazienbäumen konnte es nicht verwehrt sein, mit dem Duft ihrer Blüten die Wohnungen der kleinen Mietsleute zu füllen.

Das Einrichten der Wohnung kostete wenig Mühe; bis Mittag war alles in Ordnung gebracht.

Ihre Mutter bestand entschieden darauf, daß Ilonka in den Cirkus gehe. Das sei auch halb und halb ihre Pflicht. Es gehöre mit zur Geschäftssache. Wolle der Kunstreiter ihnen das Pferd anständig bezahlen, warum sollte sie das nicht annehmen? Zugleich seien sie darauf angewiesen, denn für die nächste Zeit dürfte nicht darauf zu rechnen sein, daß Ilonka Stickerei-Arbeit erhalte. Mit anderen weiblichen Arbeiten aber verdiene man nicht einmal das Salz zum Brot. Wenn also Ilonka ihre Familie liebe, möge sie das Opfer dieses Abends bringen. Ihrer Mutter fehle ja ohnehin nichts mehr. Es sei Ilonkas Pflicht, sich auch einmal zu zerstreuen.

Nachmittags kam die Tochter des Bajazzo, die kleine zwölfjährige Hermine, ein munteres, blondgelocktes Mädchen, welches vom Vater geschickt worden war, um Ilonka in den Cirkus abzuholen.

Mademoiselle Hermine spielte, trotz ihrer Jugend, schon eine selbständige Künstlerin und zwar auf dem Hanf- und Drahtseil, auch auf einem Beine selbständig, und hielt etwas auf ihr künstlerisches Renommée. Als wohlerzogenes Fräulein kam sie nicht allein; sie war in Begleitung ihres Bruders, unter dem ritterlichen Schutze des jungen François Trésor, der allerdings nur ein zehnjähriger Gentleman war, jedoch als ausgezeichneter Akrobat das gehörige Ansehen besaß, um der Stellung, welche er in der Welt einnahm, Nachdruck zu verleihen.

In so solider Gesellschaft konnte Frau Vilagoschi ihre Tochter gewiß ruhig von sich lassen, zumal sie auch die Versicherung erhalten, man werde sie selber nach der Vorstellung wieder nach Hause begleiten.

Auch Ilonka entfernte sich mit leichtem Herzen von daheim.

In den Cirkus wurde sie durch eine, den Künstlern reservierte Nebenthür geführt. Dort erwartete sie bereits ihr alter, guter Freund im vollen Kostüme, nämlich als Frosch maskiert, mit grünbemaltem Gesicht und rosafarbigem Schopfe. Ilonka erkannte ihn erst, als die Kinder sie versicherten, dieser Frosch sei der Papa.

Ilonka wurde hierauf von einem Diener auf ihren Platz, einen numerierten Sitz, geführt. Die Kinder blieben in der Garderobe zurück; sie mußten sich für die Vorstellung ankleiden.

Für Ilonka war auf dem Proscenium zwischen der Arena und dem Bühnenvorhang ein sehr guter Platz ausgewählt worden; dort finden sich gewöhnlich die zur Künstlergesellschaft gehörigen Familienglieder ein, und das ist eine Umgebung, in der man wohl aufgehoben ist, Ilonka hatte viel Genuß von der Vorstellung, die Emotionen, in welche das Schauspiel der Cirkusproduktionen uns versetzt, sind keineswegs so oberflächlicher Natur, wie wir sie gewöhnlich von unserem hohen Roß herab zu beurteilen pflegen; es liegt etwas wirklich Erhebendes darin, zu sehen, bis zu welcher Vollkommenheit es die menschliche Muskulatur und die sterbliche Tierseele bringen kann.

Ein besonderes Vergnügen empfand Ilonka an den trefflich trainierten Pferden; auch den gymnastischen Produktionen konnte sie applaudieren; in den Kinderjahren waren diese ja ihre eigenen Lieblingsunterhaltungen gewesen und ihnen hatte sie ihre gestählten Muskeln und ihre unverwüstliche Gesundheit zu verdanken.

Die Windmühle des Maikäfers war in der That ein halsbrecherisches Kunststück. Um eine horizontale eiserne Querstange, in der Turnersprache Reck genannt, drehen sich, mit den Händen die Stange haltend, Trésor, der alte Frosch und an ihn festgeklammert sein Sohn der Laubfrosch, mit der Geschwindigkeit von Windmühlenflügeln, plötzlich gleitet dann der Knabe am Leibe des Vaters herab bis zu dessen Fußknöcheln, an denen er sich mit beiden Händen festhält; und der Vater schwingt sich um die hoch über den Boden gestellte Querstange beständig im Kreise herum, während der Sohn an seinen Füßen so schnell durch die Luft fliegt, wie ein an einem Zwirnsfaden gebundener Maikäfer. Es ist das ein Anblick, der Zuschauer mit schwachen Nerven mit Grausen erfüllt.

Jetzt folgt zum Schluß der »Philosoph«.

Durch die Zuschauerreihen läuft schon vorher erwartungsvolles Gemurmel. Einer sagt dem andern: »Jetzt kommt etwas Gutes.« Neben Ilonka saß eine hagere Dame, welche ihr mit großer Beflissenheit die Reihenfolge der Programmnummern erläuterte.

»Nun passen Sie auf. Jetzt werden Sie etwas zu sehen bekommen, was sehr schön ist.«

Auf das gegebene Glockensignal erschien der Philosoph in der Arena. Er kam gravitätisch hereingeschritten: auf dem Kopfe hatte er einen kolossalen Cylinder sitzen, in stark zerdrücktem Zustand, wie sich das für den Hut eines Philosophen ziemt. Der Hut war ihm aber nicht auf dem Kopf angebunden, sondern saß frei darauf und der Philosoph mußte wohl aufpassen daß er ihm nicht zwischen den Ohren herabrollte.

Die gesprächige Nachbarin bereitete Ilonka schon jetzt auf die prächtige Scene vor, die es mit diesem Hute geben werde: wenn der Philosoph schließlich im Wirtshause nicht im Stande ist, dem Kellner die Zeche zu bezahlen, so wird ihm dieser den Hut wegnehmen wollen. Der Pony erlaubt das aber nicht, und so entreißen sie sich gegenseitig den Hut, bis zuletzt der Hut dem Bajazzo auf den Kopf gerät, und ihm bis über den Hals herabfällt; der Philosoph dagegen sinkt, total betrunken, dem Kellner auf die Schultern, der ihn so zur Schenke hinausführen muß. Es ist zum Kranklachen.

Im Maul trug der Philosoph eine riesige Tabakspfeife; sie stak ihm schief in einer Ecke, wie herumbummelnde Lumpen sie zu tragen pflegen. Im Gange des Philosophen machte sich außer der geziemenden Gravität auch noch eine gewisse Unsicherheit bemerkbar, welche den Verdacht erweckte, als wollte der Philosoph die Länge des Weges von einem Wirtshause ins andere mit seinen Schritten ausmessen. In der Mitte der Arena ist ein runder Tisch ausgestellt, daneben steht ein Glockenstuhl mit einer großen Erzglocke. Der Philosoph findet seinen Weg dahin, setzt sich wie ein Herr an den Tisch und fängt an gewaltig zu schellen.

Trésor, der Kellner, stürzt atemlos herbei. Er erkennt seinen Mann.

»Ah, belieben Sie wieder hier zu sein? Ein prächtiger Gast. Er speist für Sechse und bleibt für Sieben schuldig!«

Der Philosoph legt die beiden Vorderfüße auf den Tisch und trommelt ungeduldig. »Gleich! gleich! Belieben Sie einstweilen die Zeitung zu lesen.« Der Bajazzo breitet vor ihm die »Wiener Volkszeitung« aus; Philosoph schleudert sie zornig vom Tische herab: er braucht kein ultramontanes Blatt. Das Publikum applaudiert. Der Bajazzo legt ihm das Karrikaturblatt »Kikiriki« vor; aber verkehrt, den Kopf nach unten. »Philosoph« hilft sich; er ändert seinen Platz und setzt sich so, daß der »Kikiriki« ordentlich vor ihm liegt. Über das Blatt gebeugt, und die Tabakspfeife, welche er im Munde hält, auf den Tisch gestützt, fängt er zu lesen an. Der Bajazzo beeilt sich, aus der »Volkszeitung« einen Fidibus zu drehen und zündet damit die Pfeife des Philosophen an. Aus dieser bricht nun ein feuerspeiender Berg los. Der Kellner fällt vor Schreck rücklings auf die Erde, Philosoph aber sieht ruhig in das Blatt und kümmert sich nicht um den Funkenregen, der ihm um die Nase sprüht. Der Bajazzo kommt nun mit dem Speisezettel. Er hat denselben wie eine bis zu den Knieen herabhängende Papierserviette quer über die Schultern gebunden und schnattert eine Anzahl kauderwälscher französischer Benennungen von Speisen herunter. Der Philosoph winkt, er möge nur alles nacheinander bringen. Der Kellner läuft hinaus und kommt zurück, an zwanzig Teller in beiden Händen balancierend, sechs Gläser zwischen den Zähnen und das siebente auf dem Kopfe. Der Gast verschlingt der Reihe nach das ihm Vorgesetzte, und läßt sich zu trinken geben. Schließlich folgt der Hauptspaß. Der Kellner kommt mit einer großen schwarzen Tafel daher, auf der faustgroße Zahlen verzeichnet stehen. Diese muß der Philosoph zusammenzählen, denn die Rechnung des Kellners ist falsch. In den Huf des Philosoph ist ein Stück Kreide gezwängt, damit pflegt er die Hauptsumme selbst in römischen Ziffern darunter zu schreiben, zum allgemeinen Erstaunen des Publikums, daß ein Pferd einen Unterschied zu machen wisse zwischen dem Zahlenwert von X und V, von L und I.

Bis hierher war die Vorstellung gediehen. Als jedoch die Reihe an die Rechnung gekommen war, fing der Philosoph an, zerstreut zu werden, seine Augen blieben an einem Gegenstande haften, und die Pfeife entfiel seinem Maule. Als ihm dann der Bajazzo die Tafel vorhielt, daß er die Zahlen addieren möge, besann er sich plötzlich, zog mit der Kreide einen Strich durch die ganze Rechnung, sprang auf und setzte über den Tisch hinweg, den Wirt samt der Tafel umstoßend; dabei flog ihm der Hut vom Kopfe und er selbst jagte davon.

Das Publikum glaubte, es sei dies eine heitere Improvisation, und fand den Spaß unendlich gut; aber welches Erstaunen ergriff es, als es sah, daß der Philosoph direkt auf die Sperrsitze des Prosceniums losrannte, dort vor einem jungen Mädchen stehen blieb, und sich dann plötzlich auf beide Knie vor demselben niederließ und lachartig zu wiehern begann, wie ein Mensch, der seine Freude ausdrücken will und keine Worte dafür findet. Er streckt den Kopf nach dem Mädchen hin, seinen Nüstern entströmt heißer Brodem, seine Mähne fliegt von einer Seite zur andern und seine Augen sprühen Feuer. Dann springt er mutwillig davon und beginnt auf derselben Stelle eine Quadrille zu tanzen, wie die stattlichen Schulpferde sie zu tanzen pflegen, mit jenen edlen Wendungen, jenen graziösen Kniebeugungen, jenen schleifenden Quadrillenschritten, wie man sie noch nie von ihm gesehen hatte, worauf er sich auf beide Hinterfüße emporrichtete, gleich jenen Kunstpferden höchster Dressur, und sich hoch aufgebäumt im Kreise herum wendet, ganz in der paradierenden Haltung jener stolzen Hengste. Zuletzt wirft er sich auf die Erde, wälzt sich im Sande, wie ein wahrhaftiges Bauernpferd, alle vier Beine von sich gestreckt, und legt den Kopf zu den Füßen seiner ehemaligen Herrin hin, wie in der guten alten Zeit da draußen auf dem Stoppelfelde, als wollte er ihr auch jetzt sagen: »Nun, kommst Du nicht hierher, Dich auszuruhen?«

Wer diese Scene nicht verstanden hätte, müßte wahrlich sehr unempfindliche Nerven besessen haben. Selbst der Bajazzo stand regungslos dort, ganz aus seiner Rolle gefallen; und auf seinem grünangestrichenen Gesichte drückte sich tiefe Ergriffenheit aus. Er glich einer jener Bronzefiguren, die unter ihrer grünen Kupferfarbe die Züge ernster Gemütsbewegungen zeigen.

Ilonka war tief gerührt. Die treue Anhänglichkeit ihres Lieblingstieres lockte ihr Thränen ins Auge. Sie hörte nicht die Ausrufe des Erstaunens und den dröhnenden Applaus des Publikums; sie sah nicht die nach ihr gerichteten Operngucker, sie sah und hörte nur die Liebkosungen ihres Lieblingspferdchens, und ihr Herz wurde voll zum Überfließen. Als zuletzt das geliebte Tier seinen Kopf auf das Gesimse des Prosceniums zu ihren Füßen legte, vergaß Ilonka die ganze Welt um sich her, beugte sich hinab, klopfte dem treuen Roß auf den Nacken und rief es bei seinem alten Namen »Tschilla!«

Wie von einem elektrischen Schlage durchzuckt, sprang das Pferdchen auf, und nachdem es mit einem wunderbaren halbwinkeligen Seitensprunge der Herrin sein huldigendes Kompliment dargebracht hatte, sprengte es ruhig zu dem verlassenen Tisch zurück, packte den Bajazzo mit den Zähnen, um ihn an seine Pflicht zu erinnern, und setzte seine unterbrochene Rolle fort, alle Bravour seiner bisher gelernten Künste hervorholend.

Das bekanntlich par excellence »gemütliche« Wiener Publikum war ganz hingerissen von der Scene; Beifallsklatschen und Poltern begleiteten den Pony, und tausend Blicke richteten ein Kreuzfeuer auf das Mädchen. Es war aber auch ein Anblick, des Beschauens wert. Ilonkas Erröten inmitten all' der gaffenden Zuschauer war so züchtig hold und so natürlich, und so ungekünstelt der Ausdruck der Rührung und Freude in ihrem Antlitze. »Wer kann die sein?« fragten tausend und aber tausend Leute einander.

Nach Schluß der Vorstellung empfingen – jetzt bereits wieder zu menschlichen Gestalten travestiert – Trésor und seine Kinder Ilonka.

»Nun, was habe ich gesagt?« rief der Bajazzo mit strahlendem Gesichte ihr entgegen, »ist es nicht eine Million wert, dies allerliebste Reitpferdchen?«

Ilonka antwortete mit vor Rührung bebender Stimme: »Ich fürchte, es behext mich noch völlig. Als es zu mir hingerannt kam, überfiel mich eine Sekunde lang der Gedanke, mich ihm auf den Rücken zu werfen und auf ihm umherzusprengen, gleich all' den übrigen, bis mir der Atem ausginge.«

Trésor verhehlte seine Freude nicht.

»Sie werden sehen, was die Blätter alles von dem heutigen Intermezzo zu erzählen haben werden. Sogar über meine grünbemalten Wangen rollten die Thränen. Ein Frosch, der grasgrüne Thränen weint!«

Trésor ließ einen Fiaker holen, und alle drei begleiteten Ilonka nach Hause.

Die Kranken der Familie erholten sich sichtlich.

Am dritten Tage jedoch erschien Trésor mit traurigem Gesichte.

»Ach, Fräulein!« sagte er mit desperater Miene, »Sie haben uns ruiniert; wir sind bankerott; es bleibt uns nichts anderes übrig, als Krida anzusagen und die Boutique zu schließen. Stellen Sie sich vor: in der gestrigen Vorstellung war Philosoph ganz des Teufels. Er hörte auf kein Kommando, gab schlechterdings nichts von seinen Kunststücken zum besten, sondern sprengte zwei-, dreimal im Cirkus herum, schaute in jede Loge hinein, und als er nicht fand, was er suchte, wollte er durchaus zurück in den Stall. Alles Zureden war umsonst: fingen wir ihn ein, so schlug er aus, bäumte sich, biß herum; er geberdete sich wie ein vollkommen wildes Pferd, das man soeben aus der Pußta gefangen; und schließlich riß er sich aus unseren Händen los, und seine Nummer mußte gänzlich ausfallen. Er will von nichts wissen, wenn er Sie nicht im Cirkus sieht.«

Ilonka lachte herzlich darüber.

»Gut denn, wenn es nichts weiter ist, so werde ich mich wieder hinsetzen, damit er mich sieht.«

Trésor nahm sie sogleich beim Worte.

»Ist das Ihr Ernst? Sie scherzen nicht?«

»Wenn ich Ihnen damit einen Dienst erweisen kann.«

»O, das wäre eine große Güte von Ihnen, Fräulein! Daran haben wir auch schon selber gedacht. Der Direktor ermächtigte mich, Ihnen für jeden Abend, an dem Sie in einer Loge unsere Vorstellung bis zu Ende ansehen, eine Remuneration von 10 Gulden zu versprechen.«

»Ah, wozu das? Mich kostet das doch nichts.«

»Ich rate Ihnen, Fräulein, nehmen Sie an. Es ist ehrlich erworbenes Geld, das dem Haushalte zu gute kommen wird. Uns aber bringt es reichliche Zinsen. Denken Sie nur, heute spricht jedermann davon: der Philosoph will nicht spielen, wenn er nicht seine wiedergefundene Herrin sieht. Setzen wir morgen auf den Zettel: » Philosoph recognising his mistress«, welch' Gedränge wird es da an der Kasse geben! Sie wird all' das nicht im Geringsten genieren. Sie können täglich in einer anderen Loge sitzen und Ihren kleinen Schleier bis zum Kinn herablassen, damit Sie von den gaffenden Blicken nicht inkommodiert werden.«

»Nicht doch, mein Herr; nehme ich von Ihnen das durch meine Kunst erworbene Brot an, dann verhülle ich mein Gesicht auch nicht, als scheute ich mich der Kunst, bei der ich mich als ergänzendes Glied engagierte. Ich werde kommen und mir drei Stunden lang von jedem, der will, ins Gesicht sehen lassen.«

»Nun, das soll herrlich sein! Tausende schon erkundigten sich, wer Sie wohl sein möchten? Ich sagte es niemand. Ich fertigte alle Neugierigen kurz und trocken ab. Ich werde Sie für eine Engländerin ausgeben. Ihre ungarischen Landsleute sollen nicht wissen, wer Sie sind.«

Ilonka lachte bitter.

»Lassen Sie das, lieber Freund! Meine ungarischen Landsleute zählen in ihrer Mitte so viele berüchtigte Purzelbaumschläger und Reichskomödianten, daß, wenn sie sich über diese nicht schämen, sie auch nicht zu erröten haben über eine Landsmännin, wenn diese aus dem Sande des Cirkus das vom Himmel gefallene Brot aufhebt.«

Frau Vilagoschi hatte gegen diese Übereinkunft nichts einzuwenden. Ilonka schloß einen förmlichen Kontrakt ab. Ihre Verpflichtung war, täglich von 8-9½ Uhr Abends ihren Sitz in einer der Parterrelogen des Cirkus einzunehmen.

Anfangs fiel es ihr schwer, sich an das beklemmende Gefühl zu gewöhnen, daß Minuten lang die Blicke des Publikums auf ihre Person gerichtet waren; sie empfand jeden einzelnen Blick wie einen Alpdruck. Mit der Zeit jedoch gewöhnte sie sich daran.

Die Abende verliefen mit gleichmäßigem Erfolge. Philosoph begann seine Vorstellung erst, wenn er in einer der Logen seine einstige Herrin entdeckt hatte; die Loge wechselte beständig; dann, nachdem er sie in gewohnter Weise begrüßt hatte, ging er mit voller Lust an seine grotesken Produktionen, und das » Philosoph recognising his mistress« bildete auf den Anschlagzetteln eine stehende Piece.

Nach der Vorstellung wurde Ilonka regelmäßig von der Familie Trésor nach Hause begleitet, bei schönem Wetter zu Fuße, bei schlechtem in einer Mietskutsche. Und Ilonka konnte bald wahrnehmen, daß die Adoptivtochter des Bajazzo gut beschützt war. Der alte Trésor benahm sich gegen sie ganz, als wäre er ihr zweiter Vater. Zudringliche Windbeutel verscheuchte er so nachdrücklich, daß sie es nicht mehr wagten, in ihre Nähe zu kommen. Ein paar jungen Gecken zeigte er, daß die Fäuste des Cirkus-Herkules auch im Männerkampfe nicht zu verachten waren und eingeschmuggelte Liebesbriefe an seinen Schützling flogen samt dem Überbringer zur Thüre hinaus.

Das Mädchen war eine phänomenal schöne Erscheinung. Sein geheimnisvolles Auftauchen machte es noch um so interessanter. Unerklärlich blieb der Zauber, den es auf eines der geschicktesten Tiere des Cirkus ausübte. Daß es nicht zum Personale der Gesellschaft gehörte, wußte man. Welches war der Name der Unbekannten? Auch der Direktor konnte ihn noch immer nicht sagen. Niemand kannte ihn außer den Mitgliedern der Familie Trésor, und die waren nicht zu bewegen, ihn zu verraten. Ihre Wohnung ließ sich nicht ausfindig machen. Ihre Aufmerksamkeit konnte man nicht erregen. Ihre Augen verirrten sich nie aufs Publikum. Sie saß allein in ihrer Loge und sah der Vorstellung zu oder blickte starr auf ihren schwarzen Fächer.

Dennoch wurde viel von ihr gesprochen. Wo nur die Habitués des Cirkus zusammenkamen, überall erwähnte man der unvergleichlichen Fee, die niemand kannte.

Eines Nachmittags sprach man eben von ihr im »Café Daum« an einem der Tische, an welchem Offiziere und Herren vom Civil beisammen saßen.

»Ich weiß, wer sie ist,« sagte der eine. »Die Tochter eines amerikanischen Generals, der auf Seite der Südstaatler fiel; sie selbst pflegte an Seite ihres Vaters einen Pony zu reiten: dies ist derselbe Pony! Der Krieg ging zu Ende, der Vater starb, das Mädchen verarmte, der Pony wurde gefangen. Hier fanden sie sich wieder.«

Ein zweiter wußte etwas anderes.

»Sie ist gar kein Mädchen, sondern ein Mann; es giebt Leute, welche sie als Garibaldischen Freischärler gekannt haben. D'rum antwortet sie auch nie, wenn man sie anspricht: ihre Stimme würde ihr Geschlecht verraten.«

Der dritte wollte der Klügste sein.

»Sie ist Komödiantin, gleich all' den übrigen. Sie gehört zur Gesellschaft. Das Ganze ist eine einstudierte Spiegelfechterei zur Dupierung des Publikums. Wahrscheinlich ist sie die Geliebte eines Bajazzos.«

Bei diesen Worten erhob sich ein Offizier mit lichtblonden Augenbrauen, der bisher seinen »Schwarzen« stillschweigend geschlürft hatte und sprach: »So will ich Ihnen denn sagen, meine Herren, wer diese Dame wirklich und wahrhaftig ist.«

Der Offizier, der das Wort ergriff, war – Föhnwald.

»Ich weiß, wer diese Dame ist,« sagte Föhnwald, »ich weiß auch woher sie den Clown kennt und welche Beziehung sie zum Philosoph hat. Ich war zugegen an der Quelle der Geschichte, und was ich weiß, habe ich selbst gesehen und gehört. Einstmals waren wir in Ungarn auf Steuerexekution bei den Pächtern der Pußta Nadasch; erinnere ich mich recht, so lautete der Name des Pächters Vilagoschi. Nachdem eben der Steuerkommissär und seine Schinderknechte den Inwohnern ihr letztes Geld und dem Fräulein sogar den ungarischen Dukaten, den es im Armbande trug, ausgepreßt hatten, verirrte sich zu seinem Unglücke ein herumziehender Gaukler in den Hof jener Pußta, um durch seine Bajazzoschwänke die Hausbewohner zu belustigen. Der Steuerkommissär packte den Possenreißer wegen noch unbezahlter Steuer am Kragen und nahm ihm sein zu Kunststücken abgerichtetes Tartarenrößlein weg, das sein Erwerbsgenosse gewesen. Der Bajazzo wollte in Verzweiflung darüber sich und seine Kinder umbringen. Da erbarmte sich des Elenden das Fräulein des geplünderten Hauses und schenkte ihm ihren eigenen kleinen Lieblings-Pony. Dies ist die Geschichte der Unbekannten, des Bajazzo und des Philosoph. Später kam die Pächterfamilie durch Elementarunfälle ganz an den Bettelstab; wie ich erfuhr, lebte sie lange in Ungarns Hauptstadt, wo das Mädchen durch Stundengeben die Familie erhielt. Es ist ein ganzer Roman, was man sich von der Selbstaufopferung dieses schönen Kindes erzählt. Zuletzt wurde sie aus Pest durch eine Dame vertrieben, die eifersüchtig war auf ihre schönen Augen. Ich sah sie nicht mehr seit der Exekution auf der Pußta, und erst jetzt erkannte ich in der Unbekannten die schöne Fee der Pußta Nadasch wieder; sie ist jetzt noch schöner, als sie damals gewesen.«

»Ei, Herr Rittmeister,« bemerkte einer der Dandys, »Sie sprechen ja von dieser Fee; als ob Sie in sie verliebt wären?«

»Gewiß, mein Herr, wäre ich nicht ein armer Teufel und hätte ich ein vernünftigeres Metier, ich strebte, sie zum Weibe zu bekommen. Denn sie ist das einzige Mädchen auf Erden, das ich lieben und achten könnte. So aber wäre es unnütz, daran zu denken; was ist der Soldat als Familienhaupt wert? so lange er lebt, repräsentirt er Kanonenfutter, stirbt er, so hinterläßt er Bettler. Jedoch es ist Schande und Schmach genug, daß Ungarns Söhne dieses Mädchen in Vergessenheit geraten lassen, denn es ist nicht denkbar, daß in glücklicheren Jahren nicht das Herz eines Jünglings nach dem Mädchen geschmachtet haben sollte, der jetzt der ins Elend geratenen Familie den Rücken kehrte und die einstige Angebetete nicht mehr kennen will.«

Bei diesen Worten stand ein hoher, junger Mann am Ende des Tisches auf und entfernte sich, ohne ein Wort zu sagen. Dieser junge Mann war Elemer Harter.

Zwei Tage später wurde die Benefizvorstellung der Familie Trésor angezeigt. Die Kinder freuten sich schon so lange voraus auf diesen Tag, und Trésor selbst mochte nicht wenig auf ihn gespannt sein, denn er versprach ihm eine reiche Einnahme.

Am Abend der Vorstellung saß Ilonka wieder auf einem der Sperrsitze des Prosceniums. Sie hatte an diesem Tage keine Loge genommen, da voraussichtlich ein großer Andrang des Publikums stattfinden würde.

An diesem Abende aber erhob sie ihre Augen nicht von dem schwarzen Fächer; ihre Blicke waren in ihn vertieft; als wäre er ein Buch, in dessen ausgebreiteten Blättern gar viel zu lesen ist.

Wenn jemand gewußt hätte, was sie jetzt in ihrem Buche liest! Auf den schmalen Blättern dieses schwarzen Buches!

Ihr Brüderchen ist nicht mehr stumm. – Er liegt gestorben im Bettchen. – Er singt jetzt bereits im Himmel mit den andern: »Gelobt sei Gott in der Höh'!« – Sein Gesichtchen ist nun auch so rot und rund, wie das anderer Kinder. – Wie sanft und schön entschlief er im Arm der Schwester; man dachte der Knabe schlafe bloß. – Bis in die späte Nacht hinein hatte die Schwester ihm das Sterberöckchen genäht, aus schönem weißen Taffet mit blauen Bändern. – Nur das Leichentuch ist noch nicht fertig. – Sie mußte die Arbeit stehen lassen, denn es schlug die Stunde. – Um 7 Uhr muß sie in den Cirkus gehen, denn das Publikum will sich unterhalten. – Sie muß ihn daheim lassen, den kleinen Toten. Und sie muß hin zu dem großen Toten, dessen Name: die unbekannte Welt – Sie muß ihre Trauer, die Thränen unterbrechen, das Nähen des Leichentuches, die Krankenpflege, die Beruhigung des Irrsinnigen; sie muß ins Schauspiel gehen. – Sie darf nicht wegbleiben: das Publikum ist ein grausamer großer Herr; wenn Du Dich ihm als Sklave verdingt hast, so diene ... – Es ist heute das Benefiz des guten Freundes; sie darf heute nicht einmal klagen; dem einzigen Menschen auf dieser Gotteswelt, der nach der Verlassenen die Hand ausstreckte, ist sie das Vergessen des häuslichen Kummers schuldig. – Er selbst hat nicht einmal eine Ahnung davon. – Also trauern wir heute während zwei Stunden beim Schall der rauschenden Musik, unter lärmendem Applaus, ohne Thränen. – Dann werden wir das Weinen ja fortsetzen können bis zum dämmernden Morgen beim Schein der Totenlampe.

Eine bekannte Kinderstimme störte Ilonka aus diesen Grübeleien.

Es war die kleine Hermine, die ihr guten Abend wünschte. Jetzt hatte deren Produktion auf dem Seile zu folgen und am Proscenium vorübergehend, machte sie Ilonka auf sich aufmerksam.

Ilonka erwiderte den Gruß und sah dem Kinde nach, wie es das gespannte Seil hinanlief. Die Kleine war als Chinesin gekleidet und glich, leicht dahinschwebend, einem bunten Schmetterlinge.

Sonst verfolgte Ilonka Herminens Tänze auf dem Seile mit Genuß; diesmal aber wurden ihre Nerven heftig davon erregt. Sie schwebte in beständiger Angst um sie; wie? wenn sie herabfiele wenn auch ihr ein Unglück widerführe? Es giebt Tage des Sternfalls, des Kindersterbens.

Sie sah weg und nebenan aufs Publikum.

Auch diesen Blick hatte sie zu bereuen.

Mit diesem einen Blick stieß sie auf zwei bekannte Gesichter. In einer der gegenüberliegenden Logen saß Frau von Lemming. Ihre Augen trafen sich mit deren herausforderndem, verachtendem Blick. Und auf dem Balkon über der Logenreihe sah sie Elemer. Er saß gerade über Frau von Lemming, so daß ihn die Dame nicht sehen konnte.

In Folge dieses Doppelanblicks heftete Ilonka wiederum beide Augen auf den Fächer und sie hatte für nichts mehr Interesse, als für jene Gedanken, die sie von den schwarzen Blättern herablas.

Eines ist nicht mehr von denen, die mich lieben. – Die Welt wird immer enger um mich herum. – Es kommt eine Zeit, in der es für mich nirgend ein »Daheim« giebt. Ein schönes Los, das der Himmel einem armen Mädchen zugeteilt! Diejenigen die es geliebt, eins nach dem andern zu begraben – zu vergessen. Sie entweder zu beweinen, oder sie zu hassen. – Hätte nur dieser Lärm schon ein Ende, damit ich hingehen könnte zu meinem kleinen lächelnden Toten, um ihm das weiße Kränzchen zu flechten ...

Sie mußte aber das Ende der Vorstellung abwarten, denn die Kunstproduktion des »Philosoph« war die letzte Nummer. Vorher kam noch die Maikäfermühle von Trésor und seinem Sohne.

Ilonka sah dies haarsträubende Schauspiel nie gerne. Sie sagte auch Trésor, er hätte statt desselben etwas Klügeres erdenken können. »Aber nichts Tollkühneres« war die Antwort des Akrobaten. Ilonka jedoch nahm sich vor, nie hinzusehen; denn das heißt nicht mehr eine Körperübung, sondern das heißt Gott versuchen! Auch jetzt hielt sie sich den Fächer vors Gesicht, um nicht hinblicken zu müssen auf das lebensgefährliche Schauspiel; und nur aus dem Applaus des Publikums ward sie gewahr, daß jetzt die Doppelmühle begann; jetzt glitt der Sohn am Rücken des Vaters hinab; jetzt begann der wahnsinnige Flug um die Achse, in der Länge zweier Menschen.

Da auf einmal löste das dumpfe Röcheln allgemeinen Entsetzens den Applaus des Publikums ab, dem der Aufschrei aus tausend und tausend Frauenkehlen folgte.

Die Eisenstange, um welche Vater und Sohn, von den Händen des Ersteren gehalten, sich im Kreise drehten, war plötzlich aus der Fuge herausgerutscht; der Akrobat, die Gefahr bemerkend, hatte die Geistesgegenwart, sie mit beiden Händen zu umklammern und an ihr herabzugleiten; sonst hätte die unterbrochene Schwungkraft sie Beide bis ans Dach emporgeschleudert. So aber geschah nur, daß die Beiden mit der Wucht des eigenen Schwunges zur Erde flogen und leblos ausgestreckt lagen.

Ilonka sprang von ihrem Sitze auf und hinab in die Arena. Sie wäre des Namens Weib nicht wert gewesen, wenn sie es nicht gethan hätte. Ihren einzigen wahren Freund dort am Boden zerschmettert liegen sehend, wie hätte sie nicht zu ihm stürzen, nicht die Erste sein sollen, die ihm das Haupt emporhob und ihm das blutige Antlitz austrocknete? Was fragte sie in solchem Augenblick nach dem Urteil der Welt?

Die Vorstellung erreichte mit diesem Unfälle ihr Ende; die Frauen liefen vom Schauplatz weg und hinaus; die Vornehmen fielen in Ohnmacht; das Kunstpersonal kam in die Arena gerannt, die einen in ihren Harlekinsmasken, die anderen in ihren Fantasie-Anzügen, um die auf den Boden Liegenden, Vater und Sohn, in die Garderobe hinauszutragen. Ilonka folgte ihnen.

Ihre Seele schwankte zwischen zwei verschiedenen Magneten, von denen sie gleichmäßig schmerzhaft angezogen wurde. Daheim hat sie einen Toten, der das schon ist, hier giebt's ihrer zwei, die vielleicht bald Gleiches werden. Jene Pein zog sie heimwärts, diese hielt sie hier zurück, gleich einem auf der First eines Hauses wandelnden Mondsüchtigen, der gleichzeitig von der furchtbaren Anziehungskraft der Erde und des Mondes gequält wird. Sie konnte ihren Freund nicht verlassen, bis der Arzt sie versicherte, er lebe. Der Sohn fühlte sich schon besser, er verrenkte sich bloß die Hand; aber der Vater habe sich schwer verletzt. Man wußte noch nicht, wie das enden werde. Man ließ ihm zweimal zur Ader, bis er wieder zur Besinnung kam.

Als der alte Trésor die Augen aufschlug, sah er Ilonka vor sich. Er hob die Hand mühsam und legte sie aufs Herz. Er wollte vielleicht zeigen, daß ihm nichts fehle? oder wollte er für irgend was danken? Dann gab er mit einer matten Bewegung zu verstehen, sie möge sich nicht länger aufhalten. Ilonka selber fand es an der Zeit, nach Hause zu gehen. Die Stunde war eine schon späte; ihre Mutter mußte sich ihres ungewohnt langen Ausbleibens wegen ängstigen. Sie drückte stumm des Freundes Hand, streichelte ihm die Stirne und eilte dann aus dem Cirkus. Da erst bemerkte sie, daß sie niemand habe, der sie heimbegleiten würde. Die Cirkusdiener waren entweder beschäftigt, oder schon fortgeschickt; auch wollte sie niemand ungelegen fallen und dachte, sich allein nach Hause finden zu können. Vielleicht stand noch ein Mietswagen vor der Thüre. So wie sie zur Seitenthür heraus trat und sich nach einem Wagen umsah, erblickte sie einen Mann, der unbeweglich dort stand und auf jemand zu warten schien.

Ilonka erkannte ihn. Es war Elemer.

Jetzt schaute sie nicht mehr nach einer Mietskutsche aus; rasch huschte sie an dem Harrenden vorüber. Aus den Tritten, die sie hinter sich vernahm, hörte sie, daß ihr Elemer folgte. O, sie kannte sogar den Schall seiner Tritte! Diese Schritte folgten ihr von Straße zu Straße. Ilonka hörte sie hinter sich dröhnen, erkannte sie aus den Schritten all der übrigen Dahinschreitenden heraus und ihre Seele wurde von den widerstrebendsten Gedanken hin und her geworfen. Zorn, Scham und bebende Zuneigung kämpften in ihrem Herzen. Die Tritte hallten immer näher hinter ihr. Sie blickte nicht ein einzigesmal zurück.

Endlich gelangte sie an ein enges Gäßchen, das sie passieren mußte, um in ihre Wohnung zu gelangen.

In diesem Gäßchen ging keine Seele mehr.

Als sie in dasselbe einbog und jetzt die sie verfolgenden Schritte sich rascher nähern hörte, durchbrach edle Verzweiflung die Fesseln des Schweigens. Plötzlich wandte sie sich um, trat dem ihr Nachkommenden entgegen und rief ihm in dumpfem, aber leidenschaftlichem Tone zu:

»Was wollen Sie? Was verfolgen Sie mich? Sie haben mich aus der Heimat vertrieben, wollen Sie mich auch noch aus der Welt hinaus treiben?«

Der Angesprochene blieb auf der Stelle stehen, wo ihn das Mädchen angesprochen.

»Hören Sie mich, Fräulein! Ich nähere mich um keinen Schritt, aber ich bitte, hören Sie, was ich sage. Hab' ich Sie verfolgt, so büßte ich dafür, denn ich verfolgte dann mich selbst nur um so mehr durch das Andenken an Sie. O! die Erinnerung an die Ihnen zugefügte Kränkung verfolgte mich über das Weltmeer, sie trieb mich hinein in den wütenden Kampf fremder Nationen; sie trieb mich aus dem Leben und jagte mich in den Tod; doch auch in ihm gestattete sie mir nicht, Ruhe zu finden, sie jagte mich aus dem Jenseits zurück. Beladen mit Ihrem Zorn darf und kann ich weder leben noch sterben. Soll das ewig so währen?«

»Was verlangen Sie von mir?« fragte das Mädchen unwirsch.

»Alles. Ich verlange Sie zum Weibe!«

Ilonka konnte ein bitteres Lächeln nicht verhehlen.

Elemer verstand die Antwort.

»Ich spreche am unrechten Orte und zur unrechten Stunde, das weiß ich; aber was konnte ich anders thun? Das ist der Anfang und das Ende von dem, was ich Ihnen sagen mußte. Ich suche Sie seit Jahren, um Ihnen das zu sagen und ich bin nicht sicher, ob Sie nicht wiederum vor mir verschwinden, ohne angehört zu haben, was ich sagen muß. Ich will Sie zum Weibe nehmen, weil ich Sie liebe; und Sie hassen mich nicht. Vergeblich schleudern Sie mir solch vernichtende Blicke zu; Sie hassen mich nicht!«

»Wer sagte Ihnen das?«

»Jemand, dem Sie es anvertrauten.«

»Ein solcher jemand lebt nicht auf Erden!« erwiderte das Mädchen stolz.

»Sie haben recht!« sagte der Jüngling: »doch es giebt solche, die auch gestorben noch sprechen.« Und damit griff er in seine Brust und holte aus seiner Brieftasche jene Südblume hervor, die er im Garten der Pußta Nadasch gepflückt. »Diese Blume hat es mir gesagt. Sie kennen sie, Sie sprachen mit ihr und sie erzählte mir alles. Zu Fuße, hungernd und durstend bin ich dahin gewandert, wo diese Blume gewachsen, gleich einem Pilger zu heiligem Wallfahrtsort. Können Sie noch leugnen?«

Das Mädchen schlug die Augen nieder, deren kalte Blitzstrahlen gebrochen waren. Sie fühlte, daß die Zauberkraft ihres Stolzes versiegte. Mit einem tiefen bitteren Seufzer sagte sie nur: »Und wie viel Jahre sind es her, daß diese Blume zu Ihnen gesprochen?«

Der Jüngling fühlte die ganze Schwere des Vorwurfes.

»Es ist wahr; ich leugne nicht, daß es schon lange her ist, eine halbe Ewigkeit. Und es giebt keine Entschuldigung, welche mich von der Anklage freisprechen könnte, so lange gezögert zu haben, dies letzte Wort auszusprechen. Aber die Zeit war keine verlorene. Als thörichten Jungen hat mein Rappelkopf mich durchs Feuer getrieben; jedoch als Mann kam ich wieder heraus; als ein Mann, von dem jedes Wort eine That wiegt und der jeden seiner Gedanken aussprechen kann. Ich verspätete mich sehr; drum beeile ich mich jetzt um so mehr. Stellen Sie mich Ihren Eltern vor; ich will sie noch heute um Ihre Hand bitten.«

Ilonkas Züge nahmen einen eigentümlich schmerzlichen Ausdruck an. Es mischten sich darin die Süße der Zärtlichkeit und die Herbheit des Spottes. »Zu meinen Eltern?« sagte sie; »jetzt sogleich? In dieser Stunde? Gut! Folgen Sie mir zur Seite.«

Und sie führte ihn die lange Seitengasse hinab. Keines sprach zum andern ein Wort, bis sie das Haus erreichten, in dem Vilagoschis wohnten. Ilonka öffnete das Thor und führte Elemer durch einen langen finstern Gang bis an die Thür ihrer Wohnung.

Als sie ihn eintreten ließ, befand sich Elemer in der ersten Abteilung des durch eine Bretterwand geteilten Gemaches, in welchem Vilagoschi in seinem Lehnstuhle saß; er legte sich nie zu Bette und schlief blos sitzend. Ilonka führte Elemer zu ihm hin.

»Hier ist mein Vater, – Herr Elemer Harter,« sagte sie, auf den Jüngling zeigend.

Bei diesen Worten fuhr Vilagoschi aus seiner Betäubung auf und fing an zornig mit Händen und Füßen herumzuschlagen, während er rasch die Laute: »tatata, tototo!« ausstieß; es war keine menschliche Rede, aber es drückte sich dennoch eine heftige innere Bewegung in diesen tierischen Lauten aus.

Elemer stand wie versteinert; er konnte dies Rätsel nicht lösen.

Ilonka sagte traurig zu ihm: »Was ist aus meinem Vater geworden? Jetzt treten Sie in die andere Stube ein.«

Den Vorhang der Bretterwand wegschiebend, sah Elemer drinnen eine Frau mit bleichem eingefallenen Gesichte auf dem Krankenbette liegen und auf einer Totenbahre eines Kindes Leiche.

»Hier ist meine Mutter, hier ist mein Bruder!« flüsterte sie ihm mit bebender Zunge ins Ohr.

Elemer fühlte die Luft über seinem Kopfe sausen; die Erinnerung brachte ihm jenes Gefühl zurück, das er gehabt, als die Wellen des unermeßlichen Ozeans über seinem Haupte zusammenschlugen und er hinabsank in eine unbekannte Welt. Allein die Geistesgegenwart, die ihn sogar dort nicht verlassen hatte, behielt auch hier die Oberhand über die Eindrücke der Situation. Was er sah, beklemmte ihm die Brust; doch sein Herz hielt sich tapfer.

Er trat zu der kranken Frau.

»Entschuldigen Sie, meine Gnädige, daß ich in solch trauriger Stunde Ihre Ruhe störe. Als ich Fräulein Ilonka ersuchte, mich zu ihrer Familie zu führen, wußte ich nicht, welche Trauer hier herrscht; jetzt aber bitte ich um so mehr, lassen Sie mich teilnehmen an dieser Ihrer Trauer. Kennen Sie meinen Namen? Ich bin Elemer Harter!«

»Ich kenne diesen Namen!« erwiderte Frau Vilagoschi düster.

»Ich bin gekommen, Sie zu ersuchen, mich unter die Mitglieder Ihrer Familie aufzunehmen; geben Sie mir Ilonkas Hand. Daß dieser Gedanke nicht in dieser Stunde in mir aufstieg, dies kann ich durch meines Vaters Briefe erweisen. Vorgestern erfuhr ich zufällig Ihren Wohnort, nach dem ich schon lange forschte und schrieb auf der Stelle an Herrn Ferdinand Harter, daß ich Fräulein Ilonka Vilagoschi zur Frau nehmen wolle. Ihm, als meinem Vater, dies zu melden – gezieme sich. Heute bekam ich darauf die Antwort. Keine überraschende, denn ich wußte sie im Voraus. Er verbietet mir diesen Schritt. Doch ich kümmere mich nicht um sein Verbot; ich bin mein eigener Herr und stehe hier vor Ihnen, um mir die Hand des Fräuleins Ilonka feierlichst zu erbitten.«

Während er sprach, hatte sich Frau Vilagoschi ruhig auf ihrem Krankenlager, auf die Ellenbogen gestützt, emporgerichtet.

»Also Herr Ferdinand Harter verbietet Ihnen diese Heirat? Gut, so mögen wir unser Zwei sein, die sie verbieten. Auch ich erhebe Einsprache dagegen! Hier im Abgrunde des Elends, im Hause der Toten, selber dem Grabe nahe, weise ich Ihre Hand zurück. Nein, die Hand eines Harter soll mir sogar aus dem Grabe nicht helfen. – Wissen Sie, welche Narbe in meinem Herzen die Erinnerung an den Namen Harter aufreißt? Ich war einst die Verlobte des Ferdinand Harter. Er hat mich nicht so verlangt, wie Sie jetzt dieses Mädchen, abends nach einem Rausche, sondern feierlichst, mit Wissen aller Welt, mit Aufgebot in der Kirche, dreimal seinen Namen vereint mit dem meinen – und am Hochzeitstage verließ er mich. Damals schmähte ich den Himmel in meiner Scham und Verzweiflung, und dieser Schmerz, diese Beschämung drückten mich zu Boden. O gütiger Himmel, o ewige Weisheit Gottes, verzeiht es mir. Jetzt segne ich Euch, daß damals nicht geschah, wie ich gewünscht hatte. Haben Sie den irrsinnigen Bettler dort in der andern Stube gesehen? Diesen irrsinnigen Bettler bestimmte mir Gott als Lebensgefährten statt Ihres hochgebornen reichen Vaters. Die weise Barmherzigkeit Gottes sei dafür gepriesen! Denn dieser irrsinnige Bettler hat einen ehrlichen Namen, den ich und mein Kind mit Stolz tragen können, während der Name Ihres Vaters verflucht ist vor einem ganzen Reiche, Ihres Vaters, auf den man in den Straßen mit den Fingern zeigt und ihm nachruft: »Seht, hier geht der Aussauger der Hungernden, der Räuber des Staatsschatzes, der Hehler der Diebe, Harter!« Fort von hier, Herr! Sie sind ein großer Herr, wir sind Bettler. Aber nehmen Sie das Bewußtsein mit sich, daß sogar die im Dienste des Cirkus stehende Tochter des zu Boden geschmetterten Bettlers ihren Namen nicht verbindet mit dem Namen Harter!«

Frau Vilagoschi sank mit gerötetem Antlitze zurück auf ihr Lager.

Elemer hörte betäubt die schreckliche vernichtende Rede. Als sie zu Ende war, sprach er tief aufseufzend: »Geehrte Frau! Wir werden uns noch einmal treffen. Bis dahin Gott mit Ihnen!« Damit entfernte er sich. Als sie allein waren, stürzte Ilonka am Bette ihrer Mutter nieder und ihr thränenbedecktes Antlitz in deren Händen bergend, weinte sie bitterlich: »Mutter ... ich liebe ihn.«

Frau Vilagoschi war wie versteinert, als sie dies Geständnis vernahm und sagte, reuevoll in die Kissen zurücksinkend: »Warum hast Du mir das nie gesagt?«

*

 

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