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Die Narren der Liebe

Maurus Jókai: Die Narren der Liebe - Kapitel 21
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleDie Narren der Liebe
publisherOtto Janke
yearo.J.
printrunVierte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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18. Der Vertrag.

Wir sprechen einen kühnen Satz aus, indem wir sagen: Harter empfand mitten in seinem zerschmetternden Sturze etwas wie Freude.

Mitten in diesem die Gesellschaftsbande zerreißenden Wirbelsturme fühlte er sich plötzlich völlig in die Nähe von etwas gebracht, was ihm früher in unerreichbarer Ferne gelegen. Und über dieses eine Trugbild war er imstande, alles andere zu vergessen, sogar den Abgrund, in den es ihn hineingelockt hatte. Er vermochte sich das Grab auszuschmücken und, im Kote liegend, sich in süße Träume zu versenken.

Den ganzen Tag über blieb er in seiner Wohnung, dort wandelte er auf und ab, von einem Zimmer in das andere, in seinem glutentbrannten Herzen weit ausschauende, abenteuerliche Pläne entwerfend, durcharbeitend und schmiedend, in die bereits nicht mehr politische Größe oder soziale Ansprüche sich mengten, sondern nur noch die bethörenden Wünsche schwärmerischer Liebe.

Andjaldy kehrte erst spät abends zurück. Er war überrascht von der ruhigen, beinahe leichtsinnigen Stimmung seines Prinzipals.

»Waren Sie schon bei der Lemming?«

Dies war sein erstes Wort an seinen Sekretär.

»Ich bin auch bei ihr gewesen. Ich bin überall hingekommen, wo es nötig schien. Sogar mit Lemming gelang es mir, mich in Berührung zu setzen.«

»Und wie nimmt Malwine diesen Schlag auf?« Andjaldy war eben so erstaunt, als ärgerlich über diese Frage. »Natürlich ist sie ganz gebrochen. Sie mußte sich zu Bette legen. Doch nicht ihr Übel ist hier die Hauptfrage, sondern das des Lemming.«

»Was kümmert mich Lemming? Was liegt mir daran, wenn er an den Galgen kommt! Ich weiß von diesem Menschen nichts. Er hat meinen Namen umsonst in sein Notizbuch geschrieben.«

»Natürlich! Retten sich Schiffbrüchige auf ein Boot und es klammert sich jemand an den Rand des Bootes, so pflegen sie ihn ins Meer zu stoßen, und sie haben recht, sie würden sonst selber untergehen. Nur daß hier der fatale Umstand obwaltet, daß wir Lemming nicht ins Meer stoßen können, ohne seine Frau mit hineinzustoßen.«

»Das verstehe ich nicht. Was kann der Staat einer Frau zu schaffen machen, möge ihr Mann noch so straffällig befunden werden?«

»Es bedroht sie auch durchaus nicht die Gefahr, daß man sie einsperrt, sondern daß man sie nur zu sehr in Freiheit setzt. Lemmings Malheur ist, daß zweierlei gegen ihn vorliegt. Erstens, daß er im Bestechungswege zu der Lieferung des für die Landesverteilung bestimmten Getreides gelangte, und zweitens, daß er verdorbenes Getreide geliefert hat. Das erstere ist eine sehr zweischneidige Anklage. Wird ihm die Bestechung nachgewiesen, so bestraft man ihn dafür; kann sie ihm nicht nachgewiesen werden, so war er ein Betrüger, der falsche Ausgaben in sein Buch notiert hat, und dann bestraft man ihn als solchen. Er ist so oder so in die Falle geraten. Auf Grund der zweiten Anklage aber konfisziert man sein Vermögen als Schadenersatz. Denken Sie sich nun, gnädiger Herr, was wird aus der Frau eines zu Gefängnis verurteilten Bankiers, dem man sein Vermögen nahm, und welche gewohnt war, in Glanz und Überfluß zu leben, die auch schön genug ist, um sich verschaffen zu können, woran sie gewöhnt ist? die zu dem Namen ihres Mannes auch genug abbekommen hat von der Schande ihres Mannes, um nicht mehr zurückzuschrecken vor weiterer Schande, die sie sich selbst einbringt? was würde aus einer solchen Frau werden?«

Ferdinand Harter grübelte über diese Frage nach.

»Ich kann Gnaden im Geheimen zuraunen, daß Frau Lemming alle Vorbereitungen dazu trifft, um, sobald die Behörde kein so scharfes Auge mehr auf sie hat, sofort nach Paris durchzugehen.«

Harter durchzuckte es bei diesen Worten vom Wirbel bis zur Zehe, wie ein elektrischer Schlag. »Sie wäre imstande, von hier durchzugehen?« – »Unter uns gesagt.« – »In diesem Falle würde sie Lemming im Stiche lassen?« – »So gut wie jedermann es thut.« – »Also giebt es kein Mittel, um diesem Menschen herauszuhelfen?« – »Es gäbe eins! eben darum wollte ich mich mit ihm ins Einvernehmen setzen. Lemming ist verloren, wenn Herr Rat vor dem Richter aussagen, daß Sie von den auf Ihren Namen eingeschriebenen 5000 Dukaten nichts wissen.« – »Und wenn ich aussage, daß ich darum weiß, so ist er gleichfalls verloren, ich aber auch.« – »Bitte! Herr Lemming wird vor dem Untersuchungsrichter behaupten, daß er die 5000 Dukaten Ihnen geliehen hat, und erkennen Sie das an, so entfällt die Klage gegen Lemming auf Bestechung.« – »In diesem Falle aber wird meine Anerkennung der Schuld sich alsbald in einen Schuldschein verwandeln, auf den das Gericht Beschlag legt und die Zahlung fordert.« – »Der Meinung bin auch ich.« – »Und raten Sie mir, daß ich, um Lemming frei zu machen, 5000 Dukaten zum Fenster hinauswerfe?«

Andjaldy zuckte die Achseln. Bei sich jedoch dachte er, Herr Harter möge sein eigenes Tagebuch befragen, ob er nicht zu einer derartigen Opferwilligkeit Grund hätte.

»Gut!« sagte Harter. »Ich bin auch hierzu bereit. Ich will Lemming dies Opfer bringen, jedoch unter einer Bedingung. Teilen Sie ihm diese Bedingung mit. Sagt er ›ja‹, dann sage auch ich ›ja‹.«

»Belieben mir Gnaden diese Bedingung zu nennen.«

Ferdinand Harters Gesicht strahlte in diesem Momente von ungewohntem Feuer, in seinen Augen schien seine ganze Leidenschaft zu funkeln; er drückte krampfhaft Andjaldys Hand und flüsterte ihm zu:

»Meine Bedingung an Lemming ist: Er soll mir meine Frau zurückgeben

»Ich verstehe,« antwortete Andjaldy in dumpfem Tone. »Nur erlaube ich mir die Bemerkung, daß noch ein dritter mit hinein zu sprechen hat, – und dieser dritte ist Frau Lemming.«

»Ich weiß es. Eben darum vertraue ich Ihnen all das an. Ich vertraue Ihnen mein tiefstes, eifersüchtigst gewahrtes Geheimnis an. Gehen Sie zu Malwine und sagen Sie ihr, daß ich sie liebe und zur Erkenntnis gelangt bin, was ich an ihr verloren habe, als ich mich von ihr trennte, daß ich sie aufs neue zu besitzen wünsche; nicht zu besitzen, sondern ihr Sklave zu sein. Mein Herz und mein Haus stehen ihr offen. Sie komme als Herrin, als Königin und steige darin ab. Ich werde als Bettler vor ihr stehen, der sich begnügt mit den Brosamen, die von ihrer Gunst abfallen, werde dankbar dafür sein und sie nicht einmal mit Bitten belästigen. Sagen Sie ihr, daß ich großmütig sein und mit Selbstaufopferung Lemming aus seiner traurigen Lage befreien werde, nur um ihrer verweinten Augen willen; daß ich es aber nicht eine Stunde länger dulden kann, sie als die Trägerin eines besudelten Namens zu wissen, sie an dem Arm eines geächteten Mannes vor der Welt erscheinen zu sehen, sie, die ich mit dem vollen Glanze meines Namens umgeben will.«

Andjaldy verneigte sich. »Ich werde dies alles Frau von Lemming sagen.« – »Gehen Sie, so früh Sie können, mein lieber Andjaldy und bringen Sie mir gute Antwort.« Der Sekretär ließ seine Hand von den glühenden Händen seines Prinzipals zusammenpressen. Seine eigene Hand aber war kalt wie Stein und erwiderte den Druck nicht.

Er entledigte sich noch am selben Tage seines Auftrages. Es lag nichts Auffallendes darin, daß er noch in so später Stunde Zutritt bei Frau Lemming erhielt; seine bisherige privilegierte Stellung berechtigte ihn hierzu. Die Antwort war eine entschieden schlechte.

Frau Lemming hatte »Nein« geantwortet.

»Nein?« sagte Harter betroffen. »Und warum sagte sie nein?«

»Nun, weil es ihr nicht gefällt.«

Harter sah Andjaldy argwöhnisch in die Augen, dann wünschte er ihm kleinlaut gute Nacht. Andjaldy meldete, daß er diese Nacht etwas länger ausbleiben werde. In der letzten Zeit kam das häufig bei ihm vor. Man erzählte sich von ihm, er sei Nachtschwärmer geworden und zeche bis in den Morgen hinein.

»Mag er's thun; er hat ohnehin sonst kein anderes Vergnügen auf der Welt,« pflegte Harter zu sagen und ließ ihn gehen, ohne ihn weiter auszufragen.

Und Andjaldy ging wirklich soupieren und blieb, wie er's schon oft gethan, auch nach dem Abendessen noch bis nach Mitternacht am Trinktisch sitzen – allein. Er hatte kein Bedürfnis nach lustiger Gesellschaft; er konnte allein trinken. Er leerte Flasche um Flasche, als wollte er eine wissenschaftliche Analyse darüber anstellen, wie ein nüchterner Mensch trunken wird; zu völliger Betrunkenheit brachte er es jedoch nie. Der Wein machte ihn stumm und ernsthaft; er blieb wach.

Und er hatte einen Gedanken, der ihn wach erhielt.

Ein anderer hätte jenen Mann, den er auch nicht eine Minute aus den Augen ließ, Schritt für Schritt verfolgt und ihm überall aufgelauert; er ließ ihn thun und machen, kommen und gehen; entwischen konnte er ihm ja doch nicht! Er weiß, daß von jetzt an Ferdinand Harter auf Schritt und Tritt beobachtet wird. Er vermag weder bei Tag noch bei Nacht sich aus seiner Wohnung zu rühren, ohne daß Buch darüber geführt würde, wohin er geht, wo er sich aufhält, mit wem er zusammentrifft und was er gesprochen hat.

Als Andjaldy spät nach Mitternacht den Zechtisch verließ, machte er noch eine Tour durch die Stadt. Er promenierte bis zur Hochstraße hinauf. In dieser befand sich damals ein Eckhaus, in dem man zu jeder Stunde der Nacht wach war. Die Vorsehung ist stets wach.

Andjaldy hatte in allen Amtsbüreaus intime Bekannte. Auch dort giebt es Menschen, die mit ihresgleichen vertrauten Umgang pflegen und gern lustig sind. Einen solchen Bekannten traf Andjaldy.

»Blieb mein Chef heute abend daheim?« frug er ihn.

»Nein. Er ging ins Hotel ›Europa‹ soupieren. Dorthin ließ er einen Dienstmann rufen und schickte ihn mit einem Briefe zu Frau von Lemming. Der Dienstmann mußte eine Stunde auf Antwort warten und Harter eine Stunde auf den Dienstmann. Als er den Brief erhielt, las er ihn, steckte ihn in die Tasche und ging nach Hause. Während des Wartens hatte er eine große Tasse Thee getrunken. Noch in diesem Augenblick brennt Licht in seinem Zimmer.«

Andjaldy dankte dem guten Kameraden für dessen Mitteilung, wünschte ihm gute Nacht, ging gleichfalls nach Hause und legte sich schlafen. Seine Stube befand sich über der Wohnung seines Prinzipals. Er konnte lange nicht einschlafen; die Tritte des unten auf- und abgehenden Chefs hielten seine Aufmerksamkeit wach.

Am Morgen kamen die beiden wieder zusammen. Es geschah im Privatarbeitszimmer Harters. Auf den Gesichtern der beiden Männer zeigte sich keine Spur einer Veränderung. »Nichts Neues?« fragte Harter. »Nichts.« – »Ich weiß etwas,« sagte Harter, die Luft durch die Zähne ziehend. »Ich bin für heute vormittag in der Lemmingschen Affaire zum Untersuchungsrichter geladen.«

Trotz der erzwungenen ruhigen und stolzen Haltung verrieten seine Worte dennoch eine innere Aufregung.

»Ich weiß noch nicht, welchen Ausgang diese Unterredung nehmen wird; ich muß mich jedoch auf alle Eventualitäten gefaßt machen. In der heutigen tollen Welt kann auch ein Mann von unbescholtenstem Charakter sich nicht sicher fühlen vor einem non putarem. Ich möchte Sie daher mit einer vertraulichen Bitte belästigen.«

»Bitte über mich zu befehlen!«

Harter holte aus seinem Schreibtisch das bekannte Tagebuch hervor.

»Ich war schon mal in der Lage, dies mein Privattagebuch Ihrer Verwahrung anzuvertrauen. Ich erneuere jetzt dies Ersuchen. Es stehen keine gefährlichen Geheimnisse darin; es sind aber doch Privatbetrachtungen in diesen Blättern aufgezeichnet, von denen ich nicht wünschte, daß sie zum Gegenstande des Geredes würden. Ich ersuche Sie daher noch einmal um die Freundlichkeit, diese Mappe zu sich zu nehmen. Und bleiben Sie zu Hause, bis ich zurückkomme. Halten Sie die Thür Ihres Vorzimmers verschlossen. Wenn unterdes, während ich dort bin, etwa eine Haussuchung angeordnet werden sollte und Sie erblicken einen der Herren – die Sie ja alle persönlich kennen – vor dem Treppengitter – so werfen Sie diese Mappe mit allem, was darin ist, in den geheizten Ofen und öffnen Sie die Thür nicht, bis das Feuer alles verzehrt hat. Kann ich auf Sie zählen?«

»Zuversichtlich.«

»Ich danke Ihnen; ich werde mich Ihnen dafür noch mal dankbar bezeigen!« sagte Harter, seinem Sekretär die Hand drückend. »Übrigens fürchte ich mich vor nichts. Ich bin mit mir im Reinen. Das Übel ist nicht so groß, als es zu sein schien. Ich will gerecht sein, sowohl gegen mich, wie gegen andere. Jedermann wird mit mir zufrieden sein.«

Diese Stimmung Harters fiel Andjaldy sehr auf. Es war nicht zu leugnen, daß sich auf dem Gesichte seines Prinzipals eine gewisse gehobene Selbstempfindung aussprach, die nicht eine Folge der Situation sein konnte. Andjaldy vermochte kaum zu erwarten, daß sein Chef ging. Er konnte es kaum erwarten, hinter doppelt verschlossenen Thüren mit diesem verhängnisvollen Tagebuch allein zu sein.

Andjaldy beeilte sich, das Schloß zu öffnen und die Tagebuchblätter aufzuschlagen. Wer malt sein Erstaunen!

O, dieser Harter ist kein so leichtsinniger Mensch wie wir glauben; im ganzen Tagebuch nicht eine Zeile Geschriebenes! Nicht ein einziges beschriebenes Blatt war darin. Die einst beschrieben gewesenen Blätter waren insgesamt mit scharfem Messer herausgeschnitten; nur das leere Papier blieb zurück. Er durchblätterte die leeren Seiten von vorn bis hinten; er fand in dem Tagebuch weder eine Zeile, noch einen Buchstaben.

Harter wußte, womit er spielte, und daß das Spiel ernst werden könnte. Wozu dann aber die Fortsetzung des Spiels? Wozu dann seinem Sekretär Tagebuch samt Futteral mit der Weisung übergeben, es zu verbrennen, falls eine Haussuchung käme? Wenn nichts darin, als leeres Papier, so mag es finden, wer will; da ist nichts zu verheimlichen und zu befürchten.

Vergebens suchte er im ganzen Tagebuch nach dem Schlüssel des Rätsels, er stieß nur auf leere Blätter.

Aber das Futteral des Tagebuchs! Andjaldy hielt es gegen das Licht, um hineinsehen zu können: und da entdeckte er, daß auf dem Grunde des Futterals ein zusammengefaltetes grünes Blatt Briefpapier stak. Er zog es mittelst der Papierscheere heraus und erkannte den Brief an der Farbe und am Parfüm, bevor er die Handschrift sehen konnte. Der Brief war von Frau von Lemming. Derselbe Brief, den gestern abend der Dienstmann als Antwort gebracht hatte.

Andjaldy las Folgendes:

 

»Lieber Freund!

Ich nehme die dargereichte Friedenshand an. Es wird für uns beide so besser sein. Doch knüpfe auch ich zwei unabänderliche Bedingungen daran. Die eine ist, daß Lemming gerettet wird; es wäre eine Schmach, ihn im Stiche zu lassen. Die zweite ist, daß Sie sich mit Ihrem Sohne aussöhnen. Ich vermöchte nicht die Schwelle eines Hauses zu überschreiten, von welcher der einzige Sohn der Familie verbannt ist. Diese Bedingungen können Sie, wenn Sie mich lieben, leicht erfüllen.

Noch eins. In das zwischen uns sich neu anknüpfende Verhältnis weihen Sie Ihren Sekretär nicht mehr ein; machen wir das brieflich ab. Ich wünschte sogar, daß Sie Ihrem Sekretär eine Stelle verschafften; vielleicht in Wien, bei der Hofkanzlei: er hat Anspruch auf Belohnung seiner treuen Dienste. Bei Ihnen könnte er ohnehin nicht bleiben, da Sie ja kein Amt mehr bekleiden werden. Also vorsichtig und behutsam.

Malwine.«

 

Andjaldy las und las den Brief immer wieder von neuem. Er las ihn zum zehnten, zum hundertsten Male. Er las ihn eigentlich nicht mehr, er sah ihn schon in sich; aber er sah ihn nicht mit den Augen, sondern mit der Seele, bis er sich hinzeichnete an die Wand seines Herzens, jeder Buchstabe genau, wie er geschrieben war, mit denselben zittrigen Zügen, bis jeder Buchstabe allein zu erzählen begann, und sie erzählten viel, erzählten alles.

Dann legte er den Brief zusammen, that ihn zurück in sein Versteck, sperrte das englische Schloß und trat mit verschränkten Armen ans Fenster, auf die Zurückkunft seines Prinzipals wartend. Erblickte ihn jemand aus dem gegenüberliegenden Fenster, so konnte er ihn für eine Wachsfigur halten, die einem Menschen täuschend ähnlich sah, nur daß eine solche die Augen nicht zu bewegen vermag.

Spät am Nachmittage kam Harter wieder zum Vorschein. Er eilte gar nicht erst in seine eigene Wohnung, sondern gleich direkt in die seines Sekretärs. Der in so heißer Sommersaison beständig fortgeheizte Ofen konnte ihn überzeugen, daß er einen treuen Menschen vor sich habe, der seine Befehle mit einer Pünktlichkeit befolgte, die sogar unangenehm werden konnte.

»Sie hatten den geheizten Kamin nicht nötig?« – »Es kam niemand,« antwortete Andjaldy, das Tagebuch in die Hand nehmend. – »Ich denke, dann kommt auch niemand mehr.« – »Wieso? – »Wie ich es vorausgesehen, wird sich die ganze unangenehme Angelegenheit glatter abwickeln, als Sie fürchteten.« – »Lemming ist natürlich unschuldig.« – »In der Hauptsache ja; in den Nebendingen werden wir ihm schon da und dort auf gute Weise heraushelfen. Was seine Untergebenen gefehlt, auch wenn es sich beweisen läßt, trifft ihn nicht unmittelbar, die Bestechungsanklage aber fällt in sich zusammen.«

»Sobald die im Notizbuche Genannten anerkennen, daß sie die betreffenden Summen nur geliehen bekommen.«

Harter bemühte sich, das Gesprächsthema wie einen sehr drückenden Stiefel so rasch als möglich los zu werden.

»Ich beabsichtige, mich ganz von der politischen Arena zurückzuziehen. Und die kurze Zeit, während welcher mein Einfluß noch währt, will ich benützen, um wenigstens denjenigen, die mir am nächsten stehen, noch gute Dienste zu leisten. Zuerst gleich dieser Lemming. Mag der Arme laufen! Wir haben oft mit einander Thee getrunken. Der Mensch vergißt so was nicht! – Auch für Sie habe ich gesorgt, lieber Andjaldy!« – »Für mich?« fragte der Sekretär, und preßte die Unterlippe zwischen die Zähne.

»Nun ja, da ich kein Amt mehr bekleiden werde, so können Sie als Sekretär nicht mehr bei mir bleiben

»Wirklich?«

»Nein! Auf keinen Fall!« behauptete Harter heftig, der Andjaldys Zwischenrede als Anzweiflung seines Entschlusses rücksichtlich der eigenen Zukunft zu nehmen geneigt war. »Und wenn man mir eine Welt anböte, ich würde kein Amt mehr annehmen nach einer solch' unwürdigen Behandlung, nach solchen bitteren Täuschungen. Doch ich schweige darüber. ›Bei Philippi treffen wir uns wieder!‹ – Jetzt will ich nur von denjenigen reden, die ich ohne ihr Verschulden in meinen Fall mit hinein gerissen habe. Zu diesen gehören Sie. Ich habe Sie zur Wiener Hofkanzlei empfohlen. Ihre Anstellung unterliegt keinem Zweifel. Mit dieser Gunst wird die Regierung das mir angethane Unrecht gut machen.«

»Danke!« sagte Andjaldy. (Das ist der zweite Punkt, dachte er.)

Er wußte ja, daß auch noch ein dritter vorhanden war.

Harter ließ der ihm so gut stehenden Großthuerei die Zügel schießen.

»Ich war bei den maßgebenden Stellen, auch dort, wo man nach Ihrer Behauptung sehr schlecht auf mich zu sprechen ist. Ich kann sagen, daß man mich überall höchst freundlich empfangen hat. Auch meine Zusammenkunft mit dem Untersuchungsrichter war mehr ein vertraulicher Diskurs, als ein gesetzliches Verhör. Es genügte meine Erklärung, Lemmings Notat bezüglich meiner betreffe einen Schuldposten. Sobald er zurückgefordert wird, bin ich Barzahler. – Der weitere Teil der Unterredung bewegte sich um andere Gegenstände. Auch über Sie habe ich viel gesprochen. Meine Empfehlung wurde sehr hoch angeschlagen. Ihre Ernennung zur Hofkanzlei ist völlig sicher. Sie haben sich ohnehin früher nach Wien hinauf gesehnt.«

»Vor Jahren.«

»So erfüllt sich denn ein alter Wunsch von Ihnen. Sie gehen hinauf in die schöne Residenzstadt. Ich werde Sie nur um eine Gegengefälligkeit ersuchen. Sie werden in Wien gewiß mit meinem närrischen, brauseköpfigen Sohne zusammenkommen; er wohnt jetzt dort; sagen Sie ihm, daß ich bereit bin, ihm seine tollen Streiche zu verzeihen, wenn er nach Hause kommt und sich ordentlich beträgt. Bringen Sie ihn zur Raison, ich bitte Sie.«

Andjaldy preßte das Tagebuch, welches er in der Hand hatte, an sein Kinn. Der Jasmin-Parfüm jenes grünen Briefes schlug durch. Auch das eben Gesagte steht in dem grünen Briefe.

O, welche Anstrengung kostete es ihm, seinen Lippen Gewalt anzuthun, um nicht in ein schallendes Gelächter auszubrechen, mitten ins Gesicht hinein diesem Narren von Menschen; ein Gelächter, das in einem Schluchzen endet – über das Schicksal eines anderen Narren von Menschen.

»Ich danke für Ihre gütige Fürsorge! Sollten Sie jedoch die Absicht haben, sich mit dem Junker Elemer auszusöhnen, so wäre es gut, das vorher auch Herrn Belteky wissen zu lassen.«

»Sie haben recht! Vor allem muß man den Prozeß annullieren, der zwischen uns schwebt. Auch in bezug darauf bin ich gewillt, die annehmbarsten Bedingnisse zu machen. Sagen Sie dies Belteky. Setzen Sie sich mit ihm in Rapport.«

*

Andjaldy sagte seinem Prinzipal, er werde ihn so lange nicht verlassen, bis jene beiden Hauptsachen geordnet seien: die mit Lemming und die mit Elemer. Bis dahin möchte Herr Rat seiner bescheidenen Dienste bedürfen. Das Anerbieten wurde mit Freuden angenommen. Die Lemmingsche Angelegenheit hatte noch viele Schraubengänge. Zur Rückzahlung der Schuld von 5000 Stück Dukaten, zu der er sich vor dem Richter bekannt hatte, mußte man jedenfalls gerüstet sein; nun war aber wieder ein schlechtes Jahr. Die Bodenfrüchte hatten keinen Preis. Dann kam noch manches andere dazu: Herr Harter hatte noch über verschiedene öffentliche Auslagen Rechnung zu legen; um damit zu Ende zu kommen, braucht man Zeit und einen Menschen, der auf die neue Fechsung Geld verschafft, denn es kann ja sehr leicht Abgänge geben, die zu ersetzen sind. In solchen Fällen weiß ja ein Kavalier bei den großen Geldmanipulationen nie, wie viel er für Dämme verausgabt hat und wie viel für schöne Damen. Er kann's ja ersetzen.

Das größte Malheur war, daß sich Elemer nirgend auftreiben ließ. Bald war er in Wien, bald reiste er in England herum, niemand wußte, in was für Geschäften. Stand er mit der Emigration in Verbindung oder importierte er wirklich bloß Ackerbaumaschinen? Niemand wußte es zuverlässig; und Andjaldy wie Belteky waren doch scharf genug hinter ihm her. Wenigstens zu Harter sagten sie, sie suchten Elemer wie eine Stecknadel.

Harter aber vermochte die schwere Last nicht mehr auf der Seele zu tragen, daß er sich mit seinem Sohne noch nicht ausgesöhnt habe. Sein Vaterherz quälten die bitteren Vorwürfe entsetzlich. Natürlich, das war ja auch eine der Bedingungen Malwinens gewesen, an welche sie jenen entscheidenden Rückschritt knüpfte.

Auch Lemming hielt man gar lange in dem Schwitzbade zurück. Gewiß preßte man ihm noch den letzten Groschen heraus, der als materia peccans in den Adern seines Geschäftes zirkulierte. Bis dahin aber kann Harter nicht einmal an eine persönliche Zusammenkunft denken.

Schon ist die Frau sein; schon hat er die Hand nach ihr ausgestreckt, er hat sie schon am Flügel des Kleides und ist doch immer noch nicht am Ziele; daß es doch solch' eine ungeheure Kluft zwischen dem heute und dem morgen giebt! Daß aber die schöne Frau ihn jetzt schlechterdings nicht bei sich empfängt, daran thut sie vollkommen recht.

Was würde die Welt dazu sagen? Hieße es nicht, der öffentlichen Meinung ins Gesicht schlagen, wenn eine Frau die Gelegenheit, daß ihr Mann gefangen sitzt – und unschuldiger Weise, wie sie ja überzeugt ist – dazu benutzt, sich von ihm zu trennen und zu ihrem ersten Gatten zurückzukehren? So etwas würde nicht einmal die Moral der Indianer gestatten.

Harter mußte also fürs erste warten, bis Lemming frei wurde. Länger nicht. So dachte er nämlich. Und daß die Aussöhnung mit Elemer keine gradezu wesentliche Kapitulationsbedingung sei, war doch klar. Es genügte das Versprechen. Die Frau konnte sich damit zufrieden geben.

So verstrich denn eine Woche um die andere, so vergingen Monate, und Lemming befand sich noch immer in jener großen Heilanstalt, in welcher man die der Ehre geschlagenen Wunden heilt. Es war eine unbarmherzige Kur. Zeigte sich die eine Wunde geheilt, so brach wieder eine neue an einer anderen Stelle auf, auf welche wieder ein neues Pflaster gelegt werden mußte. Es waren verdammt teure Pflaster!

Endlich wurde er doch eines schönen Tages aus dem Spital der Ehre entlassen, als vollkommen geheilter, gesund hergestellter Mensch, an dem keine Spuren von Aussatz mehr sichtbar waren. Er war ganz davon gereinigt. Die Anklagen waren nicht wahr. Herr Lemming wird freigesprochen. Die Hauptschuldigen sind nach Galizien entwichen; dort kann ihnen der ungarische Richter natürlich nichts anhaben, denn dort regierte ein anderer österreichischer Statthalter, als damals in Ungarn; der hat andere Dinge zu thun; und das Gesamtministerium hat wieder ganz andere Dinge zu thun. Demnach kam nichts heraus.

Föhnwald wurde zu einem Ulanenregiment nach Wien versetzt. Und damit war alles in Ordnung.

Das Publikum mochte sprechen was es wollte; in die Zeitungen konnte ohne Wissen der »Vorsehung« doch nichts kommen.

Sowie Lemming nach Hause kam, war sein erster Gang zu Ferdinand Harter. Lemming dankte ihm schön für den Dienst, durch den er ihn aus der großen Mäusefalle befreit hatte.

»Ich habe es nicht umsonst gethan!« sagte Harter.

»Ich weiß es! Sie wollen meine Frau zurückhaben. Sie hat es mir schon gesagt.«

Harter konnte seine Freude nicht verbergen.

»Was hat sie Ihnen gesagt, lieber Freund?«

»Das ist schön von Ihnen, daß Sie mich ›lieber Freund‹ nennen. Meine Frau also hat mir gesagt, daß sie bereit ist, sich von mir scheiden zu lassen und zu Ihnen zurückzugehen. Und das könne geschehen, sobald Sie beide zu Ihrem verlassenen Glauben zurückkehren. Das aber ist schön von Ihnen, daß Sie mich Ihren lieben Freund nennen, während Sie meine Frau unterm Arm nehmen und mir entführen.«

Harter selbst fand diese Situation sehr komisch.

»Nun, deshalb bleiben wir doch gute Freunde,« sagte er lachend und suchte Lemmings kalte Hände warm zu drücken.

»Jawohl, sehr gute Freunde. Nur vergessen Sie nicht, daß Sie mir vorher jene 5000 Dukaten bezahlen müssen, welche Sie mir schuldig zu sein selbst bekannt haben.«

Diesen Einfall fand Harter schon nicht mehr zum Lachen.

Er zog auch für eine Minute die Stirn in Runzeln, als suchte er eine Erhöhung für seinen Stolz, von der aus er auf diese gemeine Krämerseele herabblicken konnte, die keinen andern Gedanken kannte als Geld, und die von demjenigen, der sie aus dem Brunnen gezogen, noch Bezahlung verlangte; – dann fiel ihm jedoch ein, daß dieser Geschäftsmann doch vollwichtige Ansprüche auf die Rückzahlung gewisser 5000 Dukaten haben könnte, und so zog er die Stirn wieder glatt und antwortete mit ruhigem Blut: »Ich werde sie auch sehr bald bezahlen.«

»Mir wäre es gleichfalls sehr lieb, wenn dies sehr bald geschähe. Morgen ziehe ich zurück nach Wien. Es brächte mich doch in eine kuriose Lage, eine Frau dahin mitzunehmen, von der ich weiß, daß sie von heute an nicht mehr meine Gattin ist.«

»Sie wollen nach Wien ziehen?« fragte Harter betroffen.

»Ich spüre fürwahr keine Lust, mit diesem Boden zu verwachsen.«

»So warten Sie doch mindestens, bis die zwischen uns schwebende Angelegenheit in Ordnung gebracht ist. Auch ich fände es sehr komisch, wenn Malwine Ihnen jetzt folgte.«

»Das liegt nur an Ihnen. Zahlen Sie mir heute, was Sie mir schuldig sind, so gehe ich morgen ohne Frau nach Wien, und kümmere mich nicht darum, was dann weiter geschieht.«

Ferdinand Harter fühlte jeden Nerv zucken.

»Ich muß Ihnen die Wahrheit gestehen. Ich habe im Augenblick schlechterdings kein disponibles Geld. Ich hatte Rechnung zu legen über öffentliche Kassen, worauf ich nicht vorbereitet war; mein ganzer Kredit ist dadurch so in Anspruch genommen, daß ich mir heute nicht einen Dukaten zu verschaffen imstande wäre. Die Fruchtpreise sind so herabgegangen, daß ich die diesjährige Jahresfechsung um einen Spottpreis verschleudern mußte. Der Spekulant, der sie mir abnahm, ist trotzdem dabei zu Schaden gekommen. Ich wollte für die künftige Jahreslieferung schon im Voraus abschließen, er antwortete mir jedoch, er habe die diesjährige noch in den Magazinen lagern und sei bereit, sie mir um denselben Preis zurückzugeben, den er mir bezahlt hat. Ich bin jetzt außer stande, 5000 Dukaten aufzutreiben.«

»Gut!« sagte Lemming mit sanfter, wohlwollender Miene, »so werden wir also warten – alle beide.«

Das Wort »wir können warten!« war damals, seit Minister Schmerlings berüchtigtem Ausspruch, ein beliebtes Schlagwort in Ungarn. Ferdinand Harter fand jedoch keineswegs Gefallen daran.

»Mein Herr ich verpfände Ihnen meine Ehre dafür, daß ich im nächsten Frühjahr diese Summe bezahle.«

»Wir spielen nicht um die Ehre,« antwortete Lemming darauf. »Mir ist meine Ehre beiläufig auf 150,000 Gulden zu stehen gekommen. Sie haben sich die Ihrige noch nichts kosten lassen.«

»Ich gebe Ihnen einen Wechsel über die ganze Summe und wenn ich nicht an dem Verfalltage zahle, so lassen Sie mich ohne Barmherzigkeit pfänden.«

»Danke schön! Ich habe mir gelobt, in diesem Lande bis zum nächsten Jahrtausend nicht mehr zu prozessieren.«

Harter geriet in Wut. »Aber mein Herr, das ist ja eine Niederträchtigkeit.« Lemming dämpfte mit seinem unverwüstlichen Phlegma den Wütenden.

»Belieben Sie nicht in Zorn zu geraten, mein Herr, das nützt bei mir nichts. Sie können durch alle Sprossen der Galgenleiter, bis zur letzten hinauf, mir Titulaturen anhängen, ich bin daran gewöhnt, ich bin wasserdicht. Ich werde nichts darauf entgegnen, Ihnen auch keinen Prozeß deshalb machen, noch mich duellieren, sondern es stillschweigend mit anhören, in die Tasche stecken und mit den übrigen teuren Erinnerungen das gleichfalls mit nach Hause nehmen – morgen, ganz gewiß bereits morgen. Auch die Frau nehme ich morgen mit, ganz gewiß bereits morgen.«

»Aber das ist ja eine Gewaltthätigkeit!«

»Wenn es eine Gewaltthätigkeit ist, so können Sie es ja verhindern. Ich reise nicht inkognito, ich begehe keinen nächtlichen Frauenraub im verschlossenen Wagen; – ich reise mit dem Frühtrain ab, bei helllichtem Tage. Kommen Sie in den Wartesaal, passen Sie auf, ob ich meine Frau an der Hand erfasse, sie mit mir fortschleppe und wenn Sie die geringste Gewaltthätigkeit wahrnehmen, so rufen Sie nach der Polizei. O, wir haben hier eine prachtvolle Polizei! Lassen Sie mich verhaften als den Räuber meiner Frau. Unter einem solchem Titel habe ich ohnehin noch nicht gesessen! Sprechen Sie aber nicht zu ihr, mein Herr, denn heute habe ich noch das Recht, der Frau Lemming zu befehlen, mit wem sie sprechen darf und mit wem nicht. Wenn Sie als Schuldner kommen, um zu bezahlen, sind Sie gern gesehen; aber vor dem Bewerber meiner Frau habe ich das Recht, die Thüre meines Zimmers zu verschließen. Darum suchen Sie, als zahlender Schuldner bei mir Eingang zu erhalten, dann werden wir quittieren. Bis dahin aber – war es mir ein Vergnügen, die Ehre gehabt zu haben.« Und hiermit entfernte er sich.

Harter zitterte vor Wut am ganzen Körper. Schon der Gedanke war zum Verzweifeln, daß dieser Mensch Malwine jetzt mit sich fortnehmen könnte. Warum drang er aber nicht besser in Malwine, den Rücktritt zu bewerkstelligen, während Lemming noch gefangen saß! Jetzt sperrt dieser frei gewordene Verbrecher ihm die Thür vor der Frau zu und will erst sein Geld sehen.

Harter eilte zu Andjaldy.

»Mein Freund Emil,« redete er ihn in atemloser Hast an. »Ich bitte Sie um Himmelswillen, wenn Sie mir je einen guten Dienst erwiesen, so erweisen Sie mir ihn jetzt und Sie verpflichten mich zu ewigem Danke. Schaffen Sie mir noch bis heute Abend die 5000 Dukaten herbei, zu deren Schuldner ich mich gegen Lemming gemacht. Morgen will er abreisen und es ist meine Ehrenpflicht, sie ihm vor seiner Übersiedelung nach Wien bis zum letzten Stück auszuzahlen. Verstehen Sie mich, es ist eine Ehrenschuld. Meine ganze Ehre steht auf dem Spiele.«

Andjaldy wußte sehr gut, was für Harter auf dem Spiele stand. Er antwortete, er werde sich sogleich auf den Weg machen und eine Wanderung im Reiche der Wucherer unternehmen.

»Sparen Sie keine Kosten, zahlen Sie fabelhafte Zinsen. Nur schaffen Sie das Geld herbei.«

Andjaldy wußte damals schon, welche Antwort er abends seinem Prinzipal geben würde, wenn er von seiner Expedition zurückkehrte: er ließ ihn jedoch bis dahin zwischen Himmel und Erde schweben. Er fand eine Wollust darin, seinem Auftrage nachzugehen und dabei zu denken, wie Harter die Minuten bis zu seiner Rückkehr zählte, die zu schweren Stunden heranwachsen und wie er sehnsüchtig ausschaute nach dem Raben, den er hatte fliegen lassen. Der Rabe kehrte wirklich abends zurück.

»Bringen Sie Geld?« war die einzige Frage, die er an ihn richtete.

»Keines und es kommt auch keines!« – war die unerbittliche Antwort.

Ferdinand Harter sank vernichtet in seinen Armstuhl.

»O, Sie wissen nicht,« stammelte er mit von Fieberhitze ausgetrockneten Lippen, »was ich dadurch verliere, wenn ich bis morgen nicht 5000 Dukaten bekommen kann!«

Andjaldy machte ein so unschuldiges Gesicht, als wüßte er wirklich nichts davon. Dort stand er in respektvoller Positur vor seinem Prinzipal, mit heiterer Stirne und zusammengepreßten Lippen. Im Geiste aber sah er sich vor seinem Chef stehen, wie er, das Gesicht zu einem Hohngelächter verzerrt, dem kleinmütigen Mann auf die Schultern klopfte und ihm ins Ohr raunte: »Nun, wie steht es denn mit der zweiten Bedingung, mein Herr?! – Hast Du Dich bereits mit Deinem Sohne versöhnt? – Und was steht noch in dem parfümierten Briefe!?«

*

 

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