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Die Narren der Liebe

Maurus Jókai: Die Narren der Liebe - Kapitel 20
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleDie Narren der Liebe
publisherOtto Janke
yearo.J.
printrunVierte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180501
projectid4bca50eb
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17. Ein Blitz aus heiterem Himmel.

Es war um zehn Uhr vormittags, als Andjaldy in großer Eile in den Amtssaal des Herrn Ferdinand Harter eintrat.

Der gnädige Herr fuhr seinen Sekretär sehr ungnädig an:

»Was wollen Sie denn?«

Andjaldy sagte in seinem gewohnten ruhigen Tone:

»Ich habe Gnaden mitzuteilen, daß Herr Rat die Güte haben mögen, heute bis zwölf Uhr an geeigneter Stelle Ihre Abdankung einzureichen, weil Sie sonst um zwei Uhr nachmittags von betreffendem Orte her Ihre Entlassung erhalten werden.«

Ferdinand Harter schritt dicht an Andjaldy heran, um ihm in die Augen zu sehen. Der aber stand wirklich dort, und keine seiner Mienen zeigte, daß er scherze. »Sind wir beide wach?« fragte er ihn. »Ja, aber wir beide gehen nun schlafen, gnädiger Herr.« – »Was soll das heißen?! Ein schlechter Spaß?« – »Schlecht in der That! Ich sprach mit meinem Freunde, demselben, der uns von allem zu unterrichten pflegt, was beim Statthaltereipräsidium vorgeht.« – »Der hat Ihnen etwas aufgebunden.« – »Das that er nicht. Lassen Sie mich die Geschichte von Anfang erzählen – Lemming ist verhaftet worden.« – »Durch wen?« – »Durch irgend einen Brausekopf von Offizier. Ich weiß noch nicht vollständig weshalb. Man sagt, wegen der Verpflegssache.« – »Was habe ich mit dem Verpflegswesen zu schaffen?« – »Ich habe nicht gesagt, daß Herr Rat damit zu schaffen haben. Der Offizier war gegen Lemming in Wut, und legte Beschlag auf die Papiere, die jener bei sich hatte. In diesen Papieren sind die Namen all derjenigen enthalten, die in der Reichs-Getreideverteilungs-Unternehmung Summen von Lemming bekommen haben. In dieser Liste figuriert auch Euer Gnaden Name mit einem Betrag von fünftausend Stück Dukaten.«

Das war ein so wuchtiger Hammerschlag auf Harters Kopf, daß er sich in ein Fauteuil niederlassen mußte. »Unbegreiflich!« Zu erraten, was daran unbegreiflich sei, überließ er anderen. Nach einer Weile jedoch öffnete er den Mund: »Und was nun weiter?«

»Ich habe alles berichtet, was ich weiß,« erwiderte Andjaldy, »was ich nicht sagte, das weiß ich nicht.« Harter sprang auf die Beine. »Ich gehe augenblicklich zu Sr. Excellenz!«

»Ich kann Ihnen bestimmt sagen, Herr Rat,« fuhr das unerbittliche Orakel mit einer, keine Barmherzigkeit kennenden Ruhe fort, »daß Se. Excellenz Befehl gegeben hat, Euer Gnaden nicht mehr vorzulassen.«

Ferdinand Harter hatte bereits den Hut in der Hand, bei diesen Worten schlug er ihn auf den Tisch. »Aber weshalb?« Der Hut war vom Tische herabgekollert: Harter hob ihn auf, schlug ihn neuerdings auf den Tisch, diesmal so, daß er nicht mehr herabfallen konnte, und fragte dann wieder: »weshalb also?« – »Es sind riesige Unterschleife Lemmings bei der Getreideverteilung aufgedeckt worden.« – »Was habe ich aber mit diesen Unterschleifen gemein?« rief Harter, sich wieder in den Armstuhl werfend. – »Nichts. Ich werde dies auch aller Welt verkünden. Allein Ihr Name, Herr Rat, und der vieler anderer steht in dem Notizbuche Lemmings.« – »Lemming konnte in sein Notizbuch schreiben, was er wollte. Was geht das mich an?«

»Gesetzlich sehr wenig. Vor dem Richter können Euer Gnaden sagen, daß das nichts beweise. Doch der Brausekopf von Soldat hat auch noch andere Ungeschicklichkeiten vollbracht. Bevor er mit seiner Klage hier heraufkam, erzählte er unterwegs Glücklichen und Unglücklichen, jedem, wer es nur hören wollte, was er entdeckt habe. Er zeigte Lemmings Notate vielen Leuten, Laien und profanen Augen, und kompromittierte so die genannten Herren in der öffentlichen Meinung; die Regierungsleiter sind wütend darüber. Der Skandal ist ein offenkundiger, der sich mit dem Rotstift des Censors nicht mehr streichen läßt. Die Regierung kann die Schande nicht auf sich sitzen lassen, sondern wälzt sie auf die Schultern derjenigen ab, welche kompromittiert sind. Weiter geschieht kein Unglück. Herr Rat kommen dem Sturze zuvor; ich eile mit der Abdikation hinauf nach der Festung in Ofen.«

Ferdinand Harter starrte unbeweglich vor sich hin und versank auf einige Minuten in ein unschlüssiges Brüten. Herrn Andjaldy währte das Zaudern zu lange. »Herr! das Schiff ist im Sinken! Unsere erste Sorge muß sein, die Flagge zu retten. Danach wollen wir uns weiter umsehen, was etwa noch zu retten ist. Aber das hat Eile.«

Ferdinand Harter stand sprachlos aus seinem Armstuhl auf, Andjaldy ließ sich in denselben Armstuhl nieder, rückte ihn an den Schreibtisch, und warf rasch die Abdikation aufs Papier. Dann erhob er sich und nötigte Ferdinand Harter, sich wieder zu setzen. Ferdinand Harter fühlte es, wie er zum Wickelkinde in der Hand eines stärkeren Mannes geworden. Noch vor einer Viertelstunde hatte er sich damit gebrüstet, er werde zwanzig Jahre lang den Fuß nicht von dort zurückziehen, wohin er ihn gesetzt habe; und jetzt kommt dieser Mensch daher, dieser dienstthuende Untergebene, dieser niemand, und bläst ihn mit einem Hauche weg, wie ein Stück Papier, wie einen Makulaturbogen. Er fühlte, er müsse in die Luft fliegen, und so setzte er sich hin, nahm die dargereichte Feder und unterschrieb seinen Namen. Er konnte nicht mehr daran zweifeln, daß, was Andjaldy gesagt, Wahrheit sei. Die Erwähnung der fünftausend Stück Dukaten raubte ihm alle Seelenkraft. Er mußte glauben, daß außer ihnen beiden niemand darum wisse. Erzählte man jetzt davon, so konnte man es nur aus den Papieren Lemmings erfahren haben. Dies war ein großer Fehler, wie immer es auch geschehen sein mochte. Munkelte man auch bloß davon, so konnte er doch nicht auf seinem Posten verbleiben. Aber man munkelt nicht bloß davon; man schreit und brüllt darüber schon auf allen Straßen! Er unterschrieb und seine Hand zitterte, als er seinen Namen unter die Abdankung setzte. »Da, nehmen Sie und eilen Sie!« sagte er zu Andjaldy, und fügte leise hinzu: »Und suchen Sie alles zu erfahren, was Sie erfahren können!«

»Ich fürchte, heut nachmittag ist die Sache Stadtgespräch.«

»Sie glauben? – Und was wissen Sie von Lemming?«

»Soviel ich weiß, ist eben jetzt die Kommission bei ihm, welche alles, was sich in seinem Hause befindet, unter gerichtlichen Verschluß nimmt. Gegen Lemming werden aller Wahrscheinlichkeit nach auch Entschädigungsansprüche erhoben werden.«

»Arme Malwine! Sagen Sie ihr: sollte sie keine andere Zuflucht haben, so steht mein Kastell in Bartafalva ganz zu ihrer Verfügung. Ich selbst kann in Pest nicht bleiben nach solchem Affront!«

»Ich bin genötigt, Euer Gnaden noch einen unangenehmen Umstand zur Kenntnis zu bringen. Es wird Ihnen noch heute, zwischen 12 und 1 Uhr, durch den Polizeidirektor, der ein sehr angenehmer höflicher Herr ist, wenn auch nicht in Form eines Befehls, so doch unter der Hand als freundschaftlicher Rat angedeutet werden, Sie möchten für die nächste Zeit die Linien Pests nicht verlassen, da Ihre Anwesenheit nötig werden könnte.«

»Was? Man will mich internieren?« rief Harter aufgeregt.

»Nein! Man hält Sie nur freundschaftlich zurück. Frau von Lemming wird dagegen die bestimmte Weisung erhalten, daß es ihr nicht gestattet sei, die Stadt zu verlassen.« Ferdinand Harters Verwirrung wuchs bei jedem Worte. »Aber weshalb zieht man in solch eine Angelegenheit auch Frau von Lemming hinein?«

»Ich vermute, daß bei der gegen Lemming einzuleitenden Untersuchung das Aufwandsbudget seiner Frau die Gegenprobe für seine eigene Bilanz wird abgeben sollen. Man hofft, aus Vergleichung beider, ein sicheres Resultat zu bekommen.«

Ferdinand Harter fühlte sich in allen Nerven gelähmt. »Gut, eilen Sie hinauf mit der Abdankung, und suchen Sie, je eher je besser, die Lemming zu sprechen. Dann suchen Sie mich in meiner Wohnung auf. Hier nicht mehr!« Andjaldy steckte die Schrift zu sich und entfernte sich durch den großen Kanzleisaal. Der Kanzleichef fragte ihn leise: »In welcher Stimmung ist der Herr Rat? Kann man jetzt zu ihm hineingehen?« Andjaldy antwortete: »Der Herr Rat sei eben in so gereizter Stimmung, daß jedermann gut thue, ihn diesen Vormittag nicht zu belästigen.«

Die kleineren und größeren Subalternen zogen sich nun ein jeder hübsch an seinen Schreibtisch zurück und blickten seitwärts nach der großen Flügelthüre, wann wohl der zornige Mann hervortreten werde, um die kleinen unterthänigen Leute die Wucht seiner üblen Laune empfinden zu lassen? Mittlerweile jedoch stiehlt sich der gefürchtete große Mann durch die kleine Hinterthür aus seinem Amtsbureau. Die amtlichen Blätter werden nicht seine feierlichen Abschiedsworte verkünden, wie sie seine Antrittsrede veröffentlicht haben. Die Untergebenen werden nicht der Reihe nach kommen, sich von ihm zu verabschieden, mit Säbel und Umhängepelz, als ungarische Helden maskiert. Auch der Portier wird ihm nicht mehr mit seinem großen Stockknopf salutieren, rollt sein Wagen zum letztenmale zur Amtswohnung hinaus. Sacht an der Mauer hinstreichend, huscht der große Mann durch die Straßen und sucht in den Gesichtern der Vorübergehenden zu lesen, je nachdem sie ihn grüßen, oder fremd den Kopf abwenden, »der weiß noch nichts – der weiß schon etwas.«

*

 

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