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Die Narren der Liebe

Maurus Jókai: Die Narren der Liebe - Kapitel 2
Quellenangabe
authorMaurus Jókai
titleDie Narren der Liebe
publisherOtto Janke
yearo.J.
printrunVierte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180501
projectid4bca50eb
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II.
Der erste Narr,
ein solcher, dessen Nebenbuhler ein König ist.

(Autobiographischer Vortrag.)

 

Ich war verliebt bis zum Tollwerden. Vielleicht noch etwas darüber hinaus. Der Gegenstand meiner Liebe war eine schöne Schwedin, ein blondes Mädchen mit blauen Augen und dem Wuchse einer kapitolinischen Venus – aus Sammet. Sie war ein reizendes Weib; besonders in dem Blicke ihrer Augen lag ein Etwas, das tötet und wieder lebendig macht, und jedes Geschöpf um einen Grad über das Wesen empor hob, zu dem es ursprünglich geboren war.

Ich werde sofort sagen, wozu die Schwedin diesen Blick benützte!

Zuerst und vor allem dazu, mich mondsüchtig zu machen, der ich ihr überall nachzog und sie begleitete von Edinburg bis Madrid, von Venedig nach St. Petersburg, und der Reihe nach durch alle größeren und kleineren Residenzen Deutschlands. Was sie wohl an all diesen Orten zu thun hatte? Auch das werde ich sofort sagen.

Mein Ideal war nämlich die Tochter eines Menageriebesitzers und selbst Tierbändigerin. Jener zauberische Blick diente ihr dazu, verschiedene wilde Bestien zu menschlicher Zahmheit herabzuwürdigen, oder, da ich vorher gesagt, daß sie jedes Geschöpf um einen Grad in der Stufenleiter der Wesen empor hob, so will ich konsequent bleiben und referieren, daß ihre Löwen Arm in Arm mit ihr umher promenierten, auf zwei Beinen gehend und Augengläser auf die Nase geklemmt, gleich wirklichen Lions; ihre Eisbären präsentierten mit den ihnen in die Tatzen gegebenen Büchsen, gleich veritablen »Molodczi«, d. h. ›Brave Bursche,‹ wie, seither sprichwörtlich geworden, General Murawieff seine Kosaken zu beloben pflegte; und ihre Hyänen tändelten auf ihr Geheiß mit den zitternden Lämmern, wie – doch suchen wir hierfür nach keinem höheren Vergleich.

Aber sie hatte einen gefährlichen Bekannten, einen prächtigen großen Königstiger. Und das war der König, der mein Nebenbuhler war. Jedermann wird begreifen, daß ich nicht ohne allen Grund von diesem Nebenbuhler für mein Ideal bangte.

Im leichten kurzen Röckchen trat sie zu ihm in den Käfig, die Arme bis an die Schultern entblößt, in der sich ihr eng an den Leib schließenden Dolmányka, die nicht nur verriet, wie vollkommen ihr Wuchs war, sondern auch, daß sie darunter kein Panzerhemd trug, wie sie auch keine andere Waffe führte, als das blendende Feuer ihrer Augen. Und wenn bei ihrem Eintritte das königliche Wildtier mit jähem Rucke den schrecklich schönen Kopf hob, den furchtbaren Rachen mit den blutlechzenden Zähnen aufriß, und ein die Erde erschütterndes Gebrüll losließ, vor dem seine eigenen Muskeln zu erzittern schienen; wenn es mit majestätischem Zorn auf die Tollkühne blickte, die es wagte, ihn zu stören – wobei seine Augen rote Blitze rings umher entschossen – da erstarrte das Blut in den Adern des Zuschauers. Aber das Mädchen blieb in der Ecke des Käfigs stehen, und den Arm gebieterisch gegen sie ausstreckend, heftete es die funkelnden Augen starr auf die aufgebrachte majestätische Bestie. So stand es vor dem Raubtiere, wie eine unverwundbare Zauberin, wie eine Statue, die uns anblickt und sich nicht rührt.

Und das majestätische Tier stimmte den Ton allmählich immer tiefer herab, bis er zuletzt im leisen Murren dahin schwand; dann wandte der Tiger, anerkennend, daß er besiegt sei, den Kopf seitwärts. Dann aber kehrte er sich den Zuschauern zu, als schämte er sich seiner Schwäche, und brüllte diese, mit den riesigen Tatzen gegen die Eisenstäbe schlagend, so unbarmherzig an, als wollte er den Leuten sagen: ›Was gafft Ihr uns an? Das ist eine Sache unter uns beiden!‹ Darauf senkte er, sich plötzlich umwendend, den Kopf und kroch, mit der langen roten Zunge sich die bebarteten Kiefern leckend, seitwärts hin zu der zauberischen Maid, den Kopf an ihr Gewand reibend, und ihn emporstreckend, um ihre Hand zu küssen – der Unverschämte!

Jedoch die Maid zog ihre Hand zurück, stampfte heftig mit den winzig kleinen Füßchen und rief mit bezauberndem Klang ihrer Stimme: »Marsch, auf Deinen Platz!« Darauf zog sich der Königstiger, stöhnend wie ein winselnder Gladiator, zurück in den äußersten Winkel, legte sich dort nieder und versteckte den Kopf zwischen beiden Vordertatzen; er zitterte am ganzen Körper und murmelte irgend einen Vorwurf in sich hinein.

Nun trat die Maid auf ihn zu und sprach ihn freundlich und sanft an; liebkosend streichelte sie das schöne Fell seines Hauptes und warf sich zuletzt mit ganzer Gewalt auf ihn hin, eine zweite Gruppe der Ariadne. Sie flüsterte ihm etwas ins Ohr, umschlang seinen Hals und lehnte ihr Haupt auf das des Tigers.

Das prächtige Raubtier aber gab sich diesen Liebkosungen willig gefangen; es murrte nicht mehr, doch hörte man seine heißen Atemzüge in der tiefen Stille, welche inmitten der Zuschauer eintrat. Zuletzt ließ es ein leises Kichern vernehmen, ja es wäre vielleicht sogar fähig gewesen zu singen, und seine zwinkernden Augen funkelten grünlich unter den sich wollüstig senkenden Augenlidern hervor.

In diesem Augenblick hätte das Publikum nichts zurückhalten können, in den gewohnten Applaus auszubrechen; doch plötzlich sprang die Maid mit einem Satze zu der für sie offen gelassenen Thür des Käfigs hinaus, indes das aufgescheuchte königliche Tier in grimmer Wut ihr nachsprang. Das zornige Brüllen und Gepolter, welches der Tiger zwischen den eisenbeschlagenen Wänden seines Käfigs vollführte, als er inne geworden war, daß man nur ein Spiel mit ihm getrieben, erdröhnte noch lange Zeit danach.

Dennoch ließ er andern Tags die Scene mit sich wiederholen. Er war dabei bald in besserer, bald in schlechterer Laune, es gab Fälle, wo nur ein beständiges Schelten der Zauberin ihn mit großer Mühe in Zaum halten konnte; bisweilen nahm er auch von ihrer Anwesenheit gar keine Notiz, sondern irrte beständig vor dem Gitter umher und rüttelte daran, als wollte er mit den Zuschauern zanken und den Trotzigen oder Indifferenten spielen; ja einige Mal kam es sogar vor, daß er sich zur Produktionsstunde vor die Eingangsthür hinlagerte, was soviel anzeigte, als: Heute giebt's keine Vorstellung. Dann erschien auch Karoline nicht.

Karoline hieß nämlich meine schöne Fee.

Und jetzt wird wohl jedermann begriffen haben, daß ich alle Ursache hatte, ihretwegen vor meinem Rivalen zu zittern, der ein Königstiger war.

Schon der bloße Gedanke ist schrecklich, daß das Leben einer angebeteten Frau täglich, während der Dauer einer Viertelstunde, an einem unsichtbaren Spinnfaden hängt, dessen anderes Ende um den Hals eines Tigers geschlungen ist.

Doch nicht allein das war es, was mich quälte; mich verfolgte der Gedanke, was meine Geliebte zu kosen habe – mit einem Fremden. Ich sah mich durch jene Schmeicheleien, welche sie an das Raubtier verschwendete, geradezu bestohlen; und wenn sie den Hals des Königstigers umfing, stieg mir die Glut des Hasses und der Eifersucht ins Antlitz. Diese Bestie ist glücklicher als ich. Und ich sah täglich diese Scene mit an. Ich fand mich bei den Vorstellungen ein, ob nun Schnee fiel oder Regen. Ich begleitete die Menagerie aus einer Stadt in die andere. Das Personal kannte mich bereits wie die eigenen Kakadus.

Oft wechselte ich ein paar Worte mit Karoline durch das Gitter, wenn sie sich drinnen beim Tiger befand. Wenn sich dieser vor ihr niedergekauert hatte und sie gönnerhaft sich auf ihn neigte, konnte man einige Sekunden lang mit ihr sprechen, ohne sie in Gefahr zu bringen.

»Fürchten Sie nicht, einmal von dieser Bestie zerrissen zu werden?«

Sie lachte und antwortete: »Es giebt Frauen, die noch mit weit gefährlicheren Raubtieren zu spielen wissen.«

Ein andermal wieder – während einer Probestunde, als nur wenige anwesend waren, fragte ich sie: »Sind Sie dieses Metiers nicht überdrüssig? Mit solchem Wuchse, solchem Blicke, solcher Stimme könnten Sie eine Königin der Kunst sein und hier begraben Sie sich in einem abscheulichen Käfig.«

»Nein, mein Herr; ich liebe dies Metier. Es ist die größte Kunst der Welt. Mit dem lebenden Tode spielen! Das tiefe Winseln, welches dieses Wildtier röchelt, ist mein Applaus! Das verleiht mir eine Wonne, mit der nichts in der Welt vergleichbar ist. Hineinzutreten in die Höhle eines königlichen Gegners, Auge in Auge, unbewaffnet ihn zum Kampfe herausfordernd; sein herzerschreckendes Brüllen zu hören, seine blutdürstigen Augen rollen zu sehen und ihn dann mit einem Blicke, mit einem Lächeln zu bändigen: ihn hinzustrecken auf den Boden und ihn herankriechen zu lassen, um ihm den Fuß aufs Haupt zu setzen; dann hinzusinken auf seinen prächtigen Leib, seinen herrlichen schlanken Hals zu umfangen und sein feiges Stöhnen zu hören, ah, das ist eine Wonne, für die Ihnen das Verständnis fehlt. In solchem Moment stehen alle meine Nerven in Flammen, jeder Tropfen Blut fliegt wie ein elektrischer Strom durch meine Adern. Zählen Sie doch nach Ihrer Uhr ab, wie oft in der Minute mein Puls schlägt, wenn ich mich hier befinde.«

Damit reichte sie mir mit der naivsten Koketterie, welche die Urnatur in die Brust des Weibes gepflanzt hat, durch das Eisengitter die Hand heraus, während sie mit der andern einen Flügel ihres Kleides über den Kopf des Tigers ausbreitete.

»Mein Freund ist eifersüchtig; es könnte sich leicht ereignen, daß auch er durch das Gitter eine seiner Tatzen nach Ihnen ausstreckte.«

Ich ergriff das Gelenk der mir dargereichten Hand, einer Hand, so weich und schmiegsam, wie ein Schwanenhals, und zählte die Pulsschläge. Und in der That, es waren hundertundzwanzig in der Minute.

»Sehen Sie,« sprach sie triumphierend, »das sind Sie nicht fähig zu begreifen.«

»Aber haben Sie denn keine Angst, einmal von einem dieser wilden Tiere zerrissen zu werden?«

»Warum nicht gar! So viele ihrer da sind, alle sind so zahm wie Lämmer und die meisten kennen mich von ihrer frühesten Jugend an. Die größten dieser dummen Bestien fürchten sich derart vor einer kleinen Gerte, daß sie nicht zu mucksen wagen. Amurad allein hat ein mutiges Herz.« Amurad war nämlich der Name des gestreiften Sultans. »Mit den Übrigen spiele ich bloß; aber diesen hier« – und bei diesem Worte legte sie ihren Zeigefinger auf den niedlichen Mund, daß er es ja nicht höre! – »diesen hier muß ich mir jedesmal neu erobern.«

Amurad verriet durch eine unruhige Bewegung, daß er von der Sache schon genug habe. Karoline strich ihm gelinde übers Antlitz und entfernte sich nach dem anderen Käfig, um die Hyänen durch den Reif springen zu lassen. Das mit anzusehen machte mir kein Vergnügen mehr.

Der Tiger blieb liegen und blickte mich ruhig an. Es schien, als kenne er mich schon und seine wie Topas glänzenden Augen sahen mir scharf ins Gesicht. Manchmal blickten wir uns stundenlang so einander an und dachten sicherlich darüber nach, wer von uns beiden ein seltsameres Tier sei. Unser Los war übrigens ziemlich das gleiche. Täglich vor- und nachmittags während einer Viertelstunde sahen wir unsere schöne Fee, die uns bezauberte, von der wir Tag und Nacht träumten und die wir nicht wagten – aufzufressen.

Amurad wäre immerhin in der Lage gewesen, es zu thun, wenn er es gewagt hätte; jedoch ich, um die Wahrheit zu gestehen, konnte mich ihr nicht einmal nähern. Ihr Vater bewachte sie noch sorgfältiger, als seine Klapperschlange.

Ich nahm mir vor, mir den Gedanken an sie völlig aus dem Kopf zu schlagen. Ich wollte der ganzen Menagerie nicht mehr zu nahe kommen. Ich hatte schon weitaus schönere gesehen als diese. Schönere Tiger und schönere Mädchen.

Nur daß das nicht wahr war. Ich log mir das bloß vor. Wie hätte ich auch leben können, ohne sie nur während eines Tages nicht zu sehen. Wenn ich sie vergessen wollte, so dachte ich wahnsinnig zu werden. Einstmals ließ ich sie nach einer anderen Stadt abreisen; wenn uns ein ganzes Land von einander scheidet, dann werden wir vielleicht wirklich geschieden sein. Auch das war nicht wahr. Drei Tage lang kämpfte ich mit meinem hartnäckigsten Feind, mit mir selbst – und unterlag. Sobald die Menageriebude in einer anderen Stadt aufgerichtet stand, war auch ich dort.

Gut, so möge ich denn dort sein – räsonnierte ich gegen meine unvernünftige Hälfte – aber betrachten wir das Ganze wie ein unterhaltendes Schauspiel. Man kann sich an das Ballet, an die Oper gewöhnen und braucht deshalb doch in niemand verliebt zu sein. Diese schöne zoologische Sammlung verdient es, von Fachgelehrten studiert zu werden: ja wahrlich, sie verdient es. Die Psychologie der Tiere, die Akklimatisation und Dressur ist ein würdiger Gegenstand der Kontemplation. Das ganze Mädchen mit ihrem Tiger ist weiter nichts als ein psychologisches Experiment.

Ja prosit! Ich mochte mir immerhin all das vorsagen: sobald die Stunde schlug, sobald die hintere Thür des Käfigs sich öffnete und Karoline eintrat, war ich wieder auf dem alten Fleck. Die Fleischmasse, welche den einen Gulden Eintrittsgeld bezahlt hatte, stand dort an das Geländer gelehnt in meinen Kleidern: aber meine Seele war in dem Käfig bei dem Mädchen. Dort zitterte sie ihrethalben vor der Todesgefahr; dort sank sie in die Kniee vor dem bezaubernden Blick der Geliebten; dort winselte sie um Gnade im Verein mit dem auf dem Fußboden scharrenden Raubtier: dort berauschte sie sich an den Atemzügen der wogenden Brust und geriet in Flammen an dem griechischen Feuer ihrer Augen. Dies tollkühne Spiel mit dem lebenden Tode, dieser feenhafte Zauber brachte mich täglich von Sinnen und dabei stand ich fortwährend unter der Herrschaft meiner Phantasie, die in einer Minute vom Eispunkt des Schreckens bis zur tropischen Glut der Wollust mit mir um den Erdball dahinraste.

Eines Tages flüsterte ich Karoline zu: »Ich nehme Sie zur Frau!«

Verwundert blickte sie mich mit ihren großen Augen an. »Ich sage es auf meine Ehre ...« Darauf schüttelte sie lächelnd den schönen Lockenkopf. »Wollen Sie meine Gattin werden?«

Das Mädchen errötete tief; sie schmiegte sich ganz an das Haupt des Tigers und flüsterte ihm zu: »Läßt Du mich von Dir, Amurad?«

Der Tiger erwiderte nichts, sondern beleckte nur mit der roten Zunge seine schönen weißen Zähne.

Das Publikum, das nicht verstand, was wir schwedisch mit einander sprachen, glaubte, es gehörte das mit zur Vorstellung und war entzückt. Als die Maid sich entfernte, blickte sie nach mir und ich sah zwei Thränen in ihren Augen glänzen.

Das ist ein Sieg! Und ich kenne diese Thränen!

Diesmal sprang Amurad ihr nicht nach; er blieb ruhig liegen und schlug in Schlangenwindungen mit seinem Schweif bald rechts, bald links auf den Boden.

Gewiß war es eine große Narrheit von mir, einem Menagerie-Mädchen die Ehe anzutragen; doch ich kenne Leute, welche ähnliche verrückte Versprechen auch gehalten haben.

Tags darauf ereilte den Vater Karolinens ein plötzliches Ende. Der männliche Löwe, dem er täglich seinen Kopf in den Rachen steckte, tötete ihn durch ein unzeitiges Schließen der beiden Kinnbacken. Es war sicherlich nur eine Zerstreutheit des agierenden Helden, eine gegen seinen Willen ihm entfahrende Reflexbewegung. Wäre ich Jury, ich würde ihn freisprechen. Es war kein absichtlicher Mord.

Trotzdem aber war Karoline zur Waise geworden, und es gab niemand mehr, der sie vor mir bewachte.

Jetzt konnte sie täglich meine Besuche annehmen. Allerdings hatte ich ihr meine Hand angetragen. Jetzt konnte sie meine wahnsinnigen Liebesschwüre anhören und vermochte sich nicht dagegen zu sträuben. Nach dem tragischen Tode ihres Vaters bekam das Publikum sie zwei Wochen lang nicht zu sehen und fand ihr Fernbleiben sehr natürlich. Ich verabschiedete mich täglich von ihr mit dem Rate, doch endlich von ihrer schrecklichen Kunst zu scheiden und die ganze Menagerie fahren zu lassen.

Sie sah mir ebenso oft mit tiefforschendem Blick in die Augen, als erharrte sie noch etwas anderes, als fragte sie: »Und was dann? Was dann?« Wieviel Mädchen erwarten umsonst Antwort auf die Frage: Was wird dann aus mir? die doch in zwei Worten gegeben wäre: »Mein Weib.«

Daß ich so sehr geizte mit diesen zwei Worten!

Allerdings hatte ich ihr all Das schon einmal gesagt, aber das war zu Lebzeiten ihres Vaters. Konnte ich nicht daran denken, daß es der Schutzlosigkeit gegenüber not that, dieses Wort zu wiederholen? Oder war ich wirklich Verräter? Ich selber vermag darauf nicht zu antworten.

Es war am 25. Februar, als ich wieder mit den Worten von ihr schied: »Verlassen Sie diese schreckliche Lebensbahn – mir zu Liebe

Das Mädchen drückte meine Hand und neigte sich nahe zu mir, als wollte es mich küssen; allein in demselben Augenblick, wo ich es umarmen wollte, entschlüpfte es gewandt, wie ein scheuer Panther, meinen Händen und lief mir davon, wie es dem Tiger zu entspringen pflegte. Und auch jetzt sagte ich ihr nicht › was dann.‹

Am andern Tag lag ich noch zu Bett, als mir der Theaterzettel gebracht wurde. Unter den Ankündigungen stand mit großen Lettern gedruckt: ›Fräulein Karoline beginnt ihre Vorstellungen mit dem Amurad wieder.‹ Überraschung, Zorn, Scham bemächtigten sich meines Gemütes. Ich vergaß, daß ich vor allem mir selbst über ein großes Versäumnis Vorwürfe zu machen hätte. Ich eilte schnurstracks nach Karolinens Wohnung.

Im Hotel erfuhr ich vom Portier, daß Karoline verzogen sei und die Adresse ihrer neuen Wohnung nicht zurückgelassen hätte. Aber es war auch ein Brief von ihr für mich da, den mir der Portier übergab.

Ich las den Brief im Wagen; es stand darin: »Mein Herr! Amurad hat ein besseres Herz als Sie, ich bleibe bei ihm, er ermordet mich nicht.«

Ich war maßlos aufgeregt. Warum zweifelte sie an mir? Daß sie Grund dazu hatte, wollte ich mir nicht gestehen. Wenige Menschen besitzen so viel Wahrheitsliebe, um sich ins eigene Gesicht zu schlagen.

Mich mit einem albernen Raubtier zu vergleichen!

Ich redete mir ein, daß das Ganze nichts weiter sei als Komödiantenstolz. Solch ein Geschöpf glaubt, daß es auf dem bretternen Piedestal, auf welches es sich als lebenden Götzen stellt, – sei es nun die Bühne des Theaters oder der Käfig eines Tigers – eine Größe sei; – während es für einen Mann nichts anderes ist als ein Nichts.

Aber sagte ich ihr denn dies während der zwei Wochen, da sie meine Worte einsog wie die Blume den Thau?

Es war mir nicht in den Sinn gekommen. Was ich dieser Frau gegenüber empfand, war eine Art Mischung von Liebe und Rachegefühl, von Bewunderung und Abscheu, von sehnendem Verlangen und Mordgier. Um das rechte Wort dafür zu finden: Ich war hungrig auf dieses Weib.

Andern Tags befand ich mich schon eine Stunde vor Beginn der Produktion in der Menageriebude. Ich vertrieb mir die Zeit, indem ich mit dem Affen spielte. Wie vollkommen könnte die Welt sein, wäre das Schöpfungswerk beim Affen stehen geblieben. Hätten wir alle die Physiognomie dieser klugen Tiere, dann gäbe es in der Welt ein Übel weniger: ›Die Liebe‹. Der Besitzer solch einer Orang-Utang-Fratze erschösse sich gewiß nicht irgend einer Orang-Utangin wegen.

Es wurde geschellt und das unterbrach meine Affenstudien. Die Vorstellung begann. Zuerst übte irgend ein Tierbändigergehülfe seinen Barbarismus am Getier niederen Ranges aus. Er ließ die Eisbären und die Hyänen zusammen in einen Käfig und aß mit diesen aus derselben Schüssel rohes Fleisch. Mich widerte das jetzt noch mehr an, als gewöhnlich.

Endlich ertönte auch das zweite Glockensignal. Die hintere Thür des Tigerkäfigs öffnete sich und ein Gemurmel der Überraschung lief durch die gaffende Menge: – Karoline trat vor, vom Scheitel bis zum Fuß schwarz gekleidet. Sie trauerte ja. Und doch war es so seltsam, Komödie zu spielen in Trauerkleidern. Ihr Antlitz schien gleichfalls bleicher als sonst und auch ihrem Auge fehlte jener zündende Reiz, der sonst einen Zauberkreis um sie schuf.

Möglich, daß es die Wirkung des schwarzen Anzuges war – diese Wildtiere haben, ich weiß nicht weshalb, einen Widerwillen gegen die allgemeine Farbe der civilisierten Welt – möglich auch, daß der Tiger, der seit Wochen seine Herrin nicht gesehen, sich ihres Prestiges schon entwöhnt hatte; immerhin konnte man auf den ersten Blick wahrnehmen, daß er schlecht aufgelegt war und heute nicht in nachgiebiger Laune sein werde. Sowie Karoline zu ihm eintrat, schmiegte er den Kopf an den Boden und ließ jenes donnernde Gebrüll hören, welches bei diesen Tieren dem Angriff voranzugehen pflegt.

Die gespannte Aufmerksamkeit des Publikums ging instinktiv in Furcht über; und als auf den ersten annähernden Schritt Karolinens der Tiger sich auf den Hinterbeinen emporrichtete und drohend den totbringenden Rachen voll mörderischer Zähne aufriß, riefen mehrere Stimmen bestürzt Karolinen zu, sie möge den Käfig verlassen.

Das Mädchen that dies nicht. Statt dessen warf sie die dichten Locken zurück, pflanzte sich durch einen raschen Sprung dicht vor den Tiger hin und versetzte ihm mit der niedlichen Hand einen Schlag auf die Schnauze, daß es nur so klatschte. »Auf deinen Platz, Knecht!«

Das Herz stockte jedem bei diesem Anblicke, wie das schwarzgekleidete Mädchen, gleich einer Fee der Unterwelt, es wagte, die riesenstarke wilde Bestie ins Gesicht zu schlagen und wie der wütende Tierkönig von diesem Schlage gedemütigt sich zusammenzog und, Gnade und Verzeihung erflehend, zu des Mädchens Füßen hinkroch und zitterte.

Nicht mehr, als ich selber. O, dieser Schlag hatte auch mich getroffen. Und mich traf ein noch grausamerer Schlag. Die Augen des Mädchens fanden mich unter der Menge heraus, und ein unaussprechlicher Hohn, eine Provokation, ein Vorwurf schoß aus denselben auf mich zu. Es schien, Karoline wollte heute die ganze Macht ihrer Zauberkraft zeigen. Sie reichte die schwarz behandschuhte Rechte dem Tiger zum Handkusse herab, warf ihn zu Boden und zwang das Tier, ihn zu apportieren. Der Tierkönig gehorchte wie ein Hund. Und nun begann sie, ihm auf gewohnte Weise zu schmeicheln. Sie ergriff plötzlich eine seiner riesigen Vordertatzen, nahm sie in die eigene Hand und streichelte sie, dann löste sie die weiße Schleife, welche ihr Haar zusammenhielt, und band sie um den Hals des Tigers, wie man das mit einem sanften Lamm zu thun pflegt.

Ich konnte dies nicht länger mit ansehen. Ich ging nach der Rückseite der Käfige. Dort stand hinter dem Käfig des Tigers mein Freund Duval, ein alter bekannter Menageriediener. »Guten Tag, Alter,« begrüßte ich ihn, »was machst Du hier?« – »Ich passe auf, bis sie herauskommt.« – »Wird's noch lange dauern?« – »Heute länger als sonst.« – »Möchtest Du nicht so gefällig sein, mir Deinen Platz zu überlassen?« – »Wozu, mein Herr?« – »Ich möchte Deine Gebieterin überraschen, wenn sie heraustritt. Laß mich ihr die Thür öffnen. Du kennst mich ja.«

Der Alte zwinkerte pfiffig mit dem Auge; er hatte mich in der letzten Zeit häufig bei seiner Herrin gesehen und glaubte, wir seien einverstanden. »Daß nur daraus kein Malheur entsteht, mein Herr. Sehen Sie, dieses kleine runde Loch in der Thür dient dazu, um durch dasselbe zu beobachten, wann die Vorstellung ihr Ende erreicht hat. Versäumen Sie das ja nicht. Sobald Sie sehen, daß meine Herrin zurückspringt, reißen Sie mit einem Rucke rasch die Thüre auf, und sowie sie herausgedrungen, kümmern Sie sich nicht lange um sie, sondern schlagen hinter ihr rapide die Thür zu und schieben den Riegel vor, sonst könnte Junker Amurad gleichfalls herauskommen; nun, das wäre eine schöne Unterhaltung für das Publikum!«

Ich hatte nicht übel Lust, dem Publikum diese schöne Unterhaltung zu bereiten; jedoch ich versicherte dem Alten, daß mir solch ein schlechter Spaß nicht im Sinne liege.

»Vielleicht thue ich aber doch nicht gescheidt daran, wenn ich Sie hier allein lasse.« Ein paar Louis'dor, die ich ihm in die Hand drückte, machten es dem Alten einleuchtend, daß es überaus gescheidt sei, und damit verließ er mich. Er dachte, er habe einen klügeren Menschen an seinem Platze zurückgelassen.

Als ich allein war, blickte ich durch die Wächterluke hinein. Karoline hatte sich in diesem Augenblick mit ihrer schlanken Gestalt auf den besiegten Tiger herabgelassen und suchte triumphierenden Blickes jemand in der Zuschauermenge.

Und dieser jemand stand hier hinten.

Ich weiß nicht, bin ich damals wahnsinnig gewesen? Hatte auch mich der Zauber angesteckt, dem jedes andere unvernünftige Tier unterlag? – was wollte ich? – hatte ich die Absicht, diesem Dämon zu zeigen, daß ich eben so viel Mut besitze, wie sie? War ich meines eigenen Lebens überdrüssig oder wollte ich das ihre nehmen? Wollte ich ihr das Opfer meiner Anbetung darbringen oder sie vor den Augen der Welt beschimpfen?

Ich öffnete die Thür und trat in den Käfig des Tigers. Das Publikum begrüßte mein Erscheinen mit einem heiseren Röcheln des Entsetzens. Karoline bemerkte mich nicht. Ich aber trat leise auf sie zu und drückte ihr, wie sie mit der schlanken Gestalt über den Königstiger hingegossen dalag, einen glühenden Kuß auf die Wange. Hierauf ertönte ein Schrei. Karoline fuhr erschreckt von ihrem Lager empor. Von da ab entsinne ich mich nur zweier Momente.

Der eine Moment war, wo der Tiger mich ansah, mit einem Satze auf mich lossprang und mit einem Schlage mich zu Boden streckte; der andere Moment war jener, wo Karoline dem aufs neue auf mich zuspringenden Tiger sich mit ausgebreiteten Armen entgegenwarf und mir zurief: »Retten Sie sich, mit mir ist's aus!«

Und dann sah ich, wie des Tigers scharfe Krallen auf ihre weißen Schultern niederschlugen, sah, wie das Blut ihr aus dem teuren Busen quoll, und damit verdunkelte sich die Welt vor mir und ich verlor die Besinnung. – – – – – –

Als ich wieder, ich weiß nicht, nach wie vielen Tagen, zum Bewußtsein kam, befand ich mich im Spital, fest eingeschnürt in Verbände und mit Pflastern bedeckt. Eine ganze Schar von Ärzten umstand mich und der Gescheidteste von ihnen gratulierte mir ernsthaft, daß ich so glücklich durchgekommen sei. Nicht bei Jedermann wäre ein solcher Fall so glatt abgelaufen.

»Und Karoline?« Das war meine erste Frage.

»Ihr fehlt nichts,« gab man mir zur Antwort.

Später erst, als ich völlig wieder hergestellt war, sagte man mir, daß der Tiger sie zerrissen habe. Das wäre mir geschehen, wäre sie nicht mir zur Rettung dazwischen getreten.

*

Sobald ich wieder auf den Beinen stehen konnte, war es das Erste, daß ich vorgeladen wurde. Zunächst forschte die Polizei, weshalb ich ein solch Wagnis vollbrachte, das so sehr die Sicherheit des Lebens und des Gemeindefriedens gefährdete. Sie ließ mich dafür ich weiß nicht wie viele tausend Franken bezahlen. Dann verständigte mich der Civil-Gerichtshof, daß ein Oheim Karolinens von mütterlicher Seite, als der einzige Erbe der Menagerie, ich weiß nicht, wie viele weitere Franken erlegt wissen wolle, weil ich das Institut seines Kleinods der Tierbändigung beraubt habe.

Zu dem Manne ging ich persönlich hin, um mich auszugleichen. Er verlangte 10 000 Franken für seine zerrissene Nichte. So viel durfte er kühn verlangen, denn er war jetzt genötigt, seine ganze Menagerie zu verkaufen. Ich bot ihm 20 000 Franken, falls er mir den Tiger darauf gäbe. Wir wurden handelseinig. Und dann ergriff ich eine Pistole, und als mein Freund Amurad eben in größter Ruhe mit seinen topasgrünen Augen mich fixierte, schoß ich ihm eine Kugel in den Kopf, daß er nicht einen Laut mehr von sich gab.

Und jetzt liegt das Fell meines Nebenbuhlers, der mir meine Geliebte geraubt, in meinem Schlafzimmer, und so oft ich in mein Bett steigend über dasselbe schreite, fallen mir die zwanzig und einige tausend Franken ein, die ich für ihn hinausgeworfen, und jene zwei schönen, zauberisch glänzenden Augen, die ich nie vergessen werde.

»Nun fürwahr, das war ein kapitaler Narr!« sagte der Klubpräsident. Sehen wir, wer ihm den Vorrang streitig machen wird.«

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